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23. Oktober

Er ist ein lebendiger Gott, der ewig bleibt,
und sein Reich ist unvergänglich.
Daniel 6,27

Das Buch Daniel handelt von dramatischen Ereignissen
in Babylon, wohin das Volk Israel ins Exil geführt worden
war. Viele von uns kennen das Gedicht von Heinrich Heine

«Belsazar»: In der biblischen Vorlage für dieses Gedicht
deutet der Jude Daniel die bei dem ausgelassenen Fest des
Königs plötzlich erscheinende geheimnisvolle Flammenschrift
mit den Worten «Mene Tekel» als ein Urteil Gottes
und prophezeit den Untergang Belsazars, der dann auch
eintritt. Und es geht ebenso märchenhaft weiter: Unter dem
Nachfolger Belsazars Darius wird Daniel Opfer einer Intrige,
die den König dazu bringt, jeden mit dem Tod zu bestrafen,
der sich an eine andere Gottheit als an ihn mit Bitten oder im
Gebet wendet. Der fromme Daniel wird bei seinen Gebeten
entdeckt und zur Strafe in die Löwengrube geworfen. Gott
bewahrt ihn vor dem Tod, und das ist für Darius der Beweis,
dass dieser Gott der Juden der lebendige Gott ist, dessen
Reich unvergänglich ist.
Für uns, für mich ein schwieriger Beweis! Gott greift erfahrungsgemäss
ja gerade nicht in die Geschicke der Menschheit
ein; vielleicht ein Grund für viele, nicht mehr an Gott
zu glauben. Seine/ihre Wirkung erlebe ich – wie viele von
uns – vielmehr innerlich, entsprechend dem Gleichnis Jesu
als ein Samenkorn, das zu einem grossen Baum werden kann
und uns Hoffnung gibt, uns bewegt, leitet und trägt.

Von: Elisabeth Raiser

22. Oktober

Du sollst deinen Bruder nicht hassen in deinem Herzen,
sondern du sollst deinen Nächsten zurechtweisen,
damit du nicht seinetwegen Schuld auf dich lädst.
3. Mose 19,17

Die heutige Losung spricht die Beziehungen zu Menschen
an. Und doch möchte ich sie auch auf Strukturen beziehen,
denn diese lassen mich selber mit all den Verstrickungen
Schuld auf mich laden. Was ist mit den Geldern meiner Pensionskasse?
Es geht nicht um Hass. Vielmehr geht es darum,
eine Haltung einzunehmen, die einen bewussten Umgang
mit unseren Verstrickungen pflegt, diese hinterfragt. Es ist
ja nicht so, dass ich durch das, was ich nicht beeinflussen
kann, Schuld auf mich lade. In unserem Text geht es um ein
individuelles Verhalten. Ich meine aber, dass er uns trotzdem
einlädt, unser Verhalten den Strukturen gegenüber zu reflektieren.
Und so, wie die Losung eine Haltung auch im sozialen
Bereich vorschreibt, so lädt sie uns ein, global zu denken und
mitzuwirken – da, wo wir etwas verändern können. Wir können
zum Beispiel unsere Stimme erheben, wenn wir eingeladen
werden, eine Petition zu unterschreiben, die von Konzernen
mehr Verantwortung verlangt. Könnte das gemeint sein,
wenn der Text sagt, dass wir «den Nächsten» zurechtweisen
sollen? Und noch etwas: Die individuelle Schuld erdrückt
uns. Das braucht zu viel Kraft. Die Mitverantwortung für die
Menschen und die Schöpfung soll uns nicht zur Last werden.
Schenke du die Hoffnung auf Veränderung.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

21. Oktober

Wessen Zuversicht der HERR ist, der ist wie ein Baum,
am Wasser gepflanzt, der seine Wurzeln zum Bach
hin streckt. Er sorgt sich nicht, wenn ein dürres Jahr
kommt, sondern bringt ohne Aufhören Früchte.
Jeremia 17,7.8

Wie gerne würde ich diese Losung mit Menschen in Afrika
oder Lateinamerika besprechen. Wie viele von ihnen sind
von Dürre betroffen! Harte Arbeit, Wasser erbitten, ein paar
Tropfen auftreiben. Worin besteht ihre Zuversicht? Der Prophet
will, dass die Menschen zuversichtlich sind, dass sie
nicht abfallen vom Gott des Lebens. Dann, und nur dann,
werden ihre Felder und Fruchtbäume genügend Wasser
haben, auch wenn ein Jahr der Dürre kommt. Worin besteht
die Zuversicht der Menschen, die unter Dürre leiden? Wie
gestalten sie ihr schweres Leben? Und: Wie gehen wir um
mit der Tatsache, dass der Klimawandel immer mehr Menschen
betrifft und sie Wege suchen, aus der Dürre zu fliehen?
Zuversicht bei Gott, der Lebendigen – was bedeutet sie den
Menschen und was bedeutet sie mir? Ich kann nur für mich
sprechen: Ich setze meine Zuversicht auf das Beiunssein der
Lebendigen und hoffe, so die Kraft zu erhalten, nicht nur
mein Leben gut zu gestalten, sondern offene Augen und ein
offenes Herz zu haben für die Menschen, denen es nicht so
gut geht. Und die Zuversicht ist es, die hilft, mit der Lebendigen
zu rechnen, sie zu bitten um Beistand für die Schöpfung,
für Gerechtigkeit und Frieden.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

20. Oktober

Der HERR redete mit Mose von Angesicht zu Angesicht,
wie ein Mann mit seinem Freunde redet.
2. Mose 33,11

In der Bibel in gerechter Sprache wird die Losung – mit
dem vorausgehenden Vers – wie folgt übersetzt: «Alle Leute
konnten die Wolkensäule am Eingang des Heiligtums sehen.
Sie standen auf und warfen sich vor ihren Hauszelten ehrfürchtig
nieder. Sie sprach dann direkt und persönlich mit
Mose, so wie ein Mensch mit einem anderen redet.» Ich
finde, die Übersetzung macht den patriarchalen «Mann» zu
Recht zum «Menschen», aber verpasst mit der Übertragung
«direkt und persönlich» die Pointe der Stelle. Es geht nämlich
darum, dass Mose nicht nur «von Angesicht zu Angesicht
» mit Gott reden möchte, sondern Gottes Angesicht zu
sehen wünscht. Und diese besondere Gunst wird ihm, weil
er Mensch ist, nur zum Teil gewährt. Mose darf Gott von
hinten sehen; aber sein Angesicht darf nicht gesehen werden
(Vers 23). Und wie ist das mit uns? Wir sehen Gott von vorn,
aber «nur» durch Christus von Angesicht zu Angesicht. Wir
alle sehen ihn, wir, die Leute, nicht nur die Auserwählten,
ob Jude oder Grieche, Sklave oder Freier, Mann oder Frau
(Galater 3,28). Mit anderen Worten: In Christus gibt es keinen
Unterschied mehr zwischen dem Volk und religiösen
Führern. Wie sagt es der Evangelist? «Wir haben seine Herrlichkeit
gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom
Vater, voll Gnade und Wahrheit.» (Johannes 1,16)

Von: Ralph Kunz

19. Oktober

Der HERR spricht: Wer mich ehrt, den will ich
auch ehren; wer aber mich verachtet, der soll wieder
verachtet werden.
1. Samuel 2,30

Zum alten Priester Eli kommt ein Prophet und spricht eine
Losung, die sich anhört wie ein «Auge-um-Auge-Wort».
Elis Söhne haben sich unwürdig benommen. Sie reihen sich
ein in die lange Reihe der ruchlosen Würdenträger, die ihre
Privilegien missbrauchen, Frauen schänden, das Heiligtum
plündern. Darum werden die Söhne sterben. Für den Vater
ist das bitter, aber für alle, die unter dem Treiben der missratenen
Söhne gelitten haben, ist es ein gerechtes Urteil.
Wer den Heiligen verachtet, kann nicht mit Gnade rechnen.
Gott vergilt Gleiches mit Gleichem. Passt das zu unserem
Gottesbild?
Sagt uns das Evangelium nicht etwas anderes?
Auf Gottes Barmherzigkeit und Gnade dürfen alle zählen –
auch diejenigen, die schuldig geworden sind. Die Botschaft
von der Liebe Gottes ist kein Freipass für Frevler und Vergebung
keine Einbahnangelegenheit. Sie ist gebunden an die
Reue der Schuldner und ihre Bereitschaft, ihre Verfehlungen
zu bekennen, Sühne zu leisten und um Vergebung zu bitten.
Der Apostel Paulus kommt zum Schluss: «Wer stiehlt, rafft,
auch wer trinkt, andere beschimpft oder beraubt, wird das
Reich Gottes nicht erben». (1. Korinther 6,10) Wie lehrte der
Rabbi? «Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben
unseren Schuldigern.»

Von: Ralph Kunz

18. Oktober

Selig seid ihr Armen; denn das Reich Gottes ist euer.
Lukas 6,20

Sie warten. Es sind viele, «eine grosse Menschenmenge»
(Vers 6,17), teils von weither gekommen, zu Fuss natürlich.
Sie warten auf den Rabbi Jesus. Man weiss, dass er mit einem
Dutzend junger Männer auf den Berg gestiegen ist. Von da
muss er ja irgendwann herunterkommen. Ihr Mangel hat
sie auf den Weg gebracht. Sie wollen den Rabbi hören, ihn
wenn möglich berühren, denn von ihm gehe eine heilende
Kraft aus, sagt man.
Endlich ist Jesus da, schaut sie alle an, sieht ihr Elend,
ihre Bedürftigkeit, ihre Sehnsucht nach Kraft, nach Ganzsein,
nach was denn? – und gratuliert ihnen: «Selig seid ihr
Armen!» Denn nur deswegen seid ihr mir gefolgt. Und für
euch, genau für euch ist das Beste bereit, was es gibt: das
Reich Gottes, das man nur mit leeren Händen empfangen
kann. Jesus spricht aus Erfahrung, er weiss, wie es ist, arm
zu sein. Und er trägt in sich das Reich Gottes, das ihn jetzt
schon jubeln lässt.
«Jünger» sind nicht nur die Zwölf, die mit Jesus auf dem
Berg gewesen sind und dort ihre Berufung erlebt haben.
«Jünger» werden auch die Vielen genannt, die ihm gefolgt
sind, um ihn zu hören, um gesund zu werden. Sie brauchen
keine besondere Berufung, um Jesus zu folgen. Der Mangel
und das Verlangen, von ihm berührt zu werden, haben sie
auf den Weg gebracht. Ihnen wird das Reich Gottes zugesagt,
mehr, als sie sich je erträumt haben.

Von: Dorothee Degen-Zimmermann

17. Oktober

Der Engel des Herrn erschien dem Josef im Traum
und sprach: Steh auf, nimm das Kindlein und seine
Mutter mit dir und flieh nach Ägypten und bleib dort,
bis ich dir’s sage.
Matthäus 2,13

Es ging ums nackte Überleben. Hätte Josef Maria und das
Kind nicht zusammengepackt und wäre mit ihnen geflohen,
wäre auch Jesus unter den Opfern des Kindermords von
Herodes gewesen. Erst als dieser, der dem Kind nach dem
Leben getrachtet hatte, gestorben war, konnte die Familie
aus Ägypten zurückkehren in die Heimat.
Ägypten. Ausgerechnet. Ich stelle mir vor, was Josef und
Maria gedacht haben mögen auf der Flucht nach Ägypten.
In das Land, wo ihre Vorfahren als Sklaven gelebt hatten.
Ausgebeutet und umgebracht worden waren. Aus dem sie
geflohen waren, die Verfolger dicht auf den Fersen bis zum
Schilfmeer. Kein Ort, an dem ihre Landsleute gute Erfahrungen
gemacht hatten, dieses Ägypten. Nicht gerade ein
sicherer Hafen. Und doch machen sie sich auf den Weg. Die
Angst vor dem, was ihnen zu Hause blüht, muss grösser
gewesen sein als die Angst vor dem, was ihnen auf der Flucht
widerfahren könnte, denke ich mir.
Und ich denke an die Menschen, die die gefährliche Flucht
übers Mittelmeer auf sich nehmen. 27 000 Menschen sind
seit 2014 ums Leben gekommen, sagen Statistiken.
Die Zahl der Toten und Vermissten verdeutlicht, wie verzweifelt
die Menschen sind. Sie nehmen dieses Risiko auf
sich, weil es ums nackte Überleben geht.

Von: Maria Moser

16. Oktober

Vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch
vergeben hat in Christus.
Epheser 4,32

Vergebung ist etwas, das geschaffen werden muss. Wenn
du bedächtig und beharrlich vergibst, verändert dies die
Art, wie du denkst, fühlst und dein tagtägliches Leben lebst.
Wenn du dich dieser Herausforderung mit einer «Ja, ich
schaffe das!»-Haltung stellst, dann motiviert dich das, es
tatsächlich zu schaffen. Wenn du etwas anpackst, deine
Gedanken äusserst, negative Gefühle beiseiteschiebst
und dir Rat aus verschiedenen Quellen und auch aus der
göttlichen
Quelle suchst, dann wirst du lernen, anderen und
dir selbst zu vergeben.
Wir bleiben allerdings auch fehlbare Menschen und müssen
wieder an Vergebung erinnert und zu einem Kurswechsel
ermuntert werden: Manchmal sind es grosse Dinge, die uns
zum Umdenken zwingen. Der Klimawandel zum Beispiel
oder auch der Ausbruch der Corona-Pandemie. Oftmals
aber sind es Alltäglichkeiten, die uns herausfordern: «Papa,
leg dein Handy weg und spiel mit mir.» Gerade Kinder erinnern
uns an das, was wichtig ist: Zeit zu haben füreinander.
Das kann man üben. Das erfordert keinen radikalen
Umbau des eigenen Lebens. Das gelingt aber immer leichter,
wenn ich Gott wirklich an mich heranlasse. Entscheidungen
treffen, grosse und kleine, im Geist der Liebe, die uns umgibt
wie ein neuer Mantel, wie ein neuer Mensch.

Von: Carsten Marx

15. Oktober

Der Gerechte erkennt die Sache der Armen.
Sprüche 29,7

In den vergangenen drei Jahren, den sogenannten Corona-
Zeiten, wurde viel über die Armen gesprochen. Die Medien
berichteten über die schwer Erkrankten, über die, die um
Angehörige bangten oder sie bereits verloren hatten. Die
Armen, das waren auch die Kleinunternehmer, die nicht
wussten, ob sie ihren Betrieb weiterführen konnten. Die
Armen, das waren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer
in Kurzarbeit; das waren Schülerinnen und Schüler, die im
Homeschooling wenig bis keine Förderung und Unterstützung
erhielten. Die Armen, das waren Eltern, die zur Arbeit
sollten, aber nicht konnten, weil die Kinderbetreuungseinrichtungen
geschlossen waren. Jede und jeder könnte jetzt
beliebig viele Beispiele aus den letzten Jahren aufzählen.
Also, gehen wir mit offenen Augen durch die Welt und erkennen:
Viele Kinder leben in Armut, viele Familien erhalten
sogenannte Transferleistungen. In den Städten, aber auch
auf dem Land steigen die Armutsquoten. Immer wieder stehen
Familien vor meiner Pfarrhaustür und wir reichen ihnen
Lebensmittelgutscheine oder Hoffnungsträgertaschen mit
länger haltbaren Lebensmitteln. Es ist dringend notwendig,
dass wir die Sache der Armen erkennen. Ja, wir müssen
handeln. Hoffentlich gibt es in Zukunft genügend Gerechte.

Von: Carsten Marx

14. Oktober

Sei du selbst mein Bürge bei dir – wer sonst
soll für mich bürgen?
Hiob 17,3

Das ist eine Aussage in äusserster Not. Wie viele Menschen
gibt es um uns herum, die keine Bürgen finden, die für sie
einstehen? Menschen, die Hiob gleich eigentlich dem Untergang
geweiht sind, da sie keine Sicherheit mehr haben noch
erlangen können ohne Hilfe. Das haben wir doch eigentlich
zuhauf in unserer Umwelt. Wer steht ein für jene, die
vom Unglück verfolgt erscheinen, die auf der Strasse oder
in Slums leben oder sich in Parks mit Drogen über die Wirklichkeit
hinweg kiffen?
Wie viele «Freunde» gibt es, die, wie Hiob es erfuhr, einem
dann noch die ganze Kette der Begründungen vorbeten,
warum das alles so seine Richtigkeit habe mit dem Unglück?
Wo war man, als es um regelmässigen Schulbesuch ging,
wo, als die Frist verstrich, in der man sich noch hätte im
Arbeitsamt melden können? Wie viele Menschen mussten
aus angestammten Wohnsitzen raus, weil die Mieten erhöht
wurden? Wer trat dann für sie ein, wer war dann Bürge? Die
Zahl der Menschen, die sich keiner Schuld bewusst sind und
sich ins Elend gestossen sehen, nimmt in unserer Gesellschaft
zu. Wir «hiobisieren»! Unschuldig, ohne Bürgen, mit guten
Ratschlägen versehen!
Hier hat der Schrei seinen Ort: Sei du selbst mein Bürge,
Gott, bei dir, wer sonst soll für mich bürgen? Wie steht es da
mit der Christengemeinschaft der Bürgen?

Von: Gert Rüppell