Autor: Madeleine Strub-Jaccoud

4. Juli

Ich hörte die Stimme des HERRN, wie er sprach: Wen soll ich senden? Wer will unser Bote sein? Ich aber sprach: Hier bin ich, sende mich! Jesaja 6,8

Fehlanzeige! Bei dieser Berufungsgeschichte, die nicht am
Anfang des Jesajabuchs steht, handelt es sich nicht um eine
typische Geschichte. Vielmehr erhält der Prophet den Auftrag,
den Menschen Augen und Mund zuzukleben und die
Ohren zu schliessen. Also erhält Jesaja nicht einen Verkündigungsauftrag,
sondern das Gegenteil. Das Ziel soll es sein,
die Menschen zur Umkehr aufzufordern. Mit Blindheit und
ohne zu hören, sollen sie zu Gott, der Lebendigen finden.
Keine einfache Aufgabe. Und doch: In all dem Geschwätz,
den Mails, den SMS und den sozialen Medien ist die Stille
heute gar nicht mehr denkbar. Und doch, so wünsche ich
mir, ist die Stille ein Geschenk. In der Stille können wir ruhig
werden, können auf den Gesang der Vögel hören, können
die Wunder der Natur wahrnehmen. Manchmal denke ich
einfach: «So schweigt doch bitte!» Und ich frage mich dann,
ob Umkehr möglich ist.
Meine Umkehr zum Leben, die Umkehr der Mächtigen zur
Gerechtigkeit, die Umkehr zu Gottes Schöpfung. Umkehr
mag ein Traum sein. Aber so, wie Jesaja den Auftrag angenommen
hat, können auch wir darauf vertrauen, dass der
Traum da und dort Wirklichkeit wird.
Begleite du uns auf unserem Weg zur Umkehr zu dir und
zum Leben.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

3. Juli

Wenn der HERR spricht, so geschieht’s; wenn er gebietet, so steht’s da. Psalm 33,9

Die Losung ist einem Loblied entnommen. Es spricht von
Gottes Plan für die Schöpfung. Die Zürcher Bibel übersetzt
den Vers in der Vergangenheit. Ist Gottes Plan bereits umgesetzt
oder ist er im Werden? Es entsteht eine Spannung
zwischen den beiden Übersetzungen. Und diese Spannung
gilt es auszuhalten. Denn sie drückt aus, dass Gott in der
Geschichte der Menschen und seiner Schöpfung da ist durch
alle Zeit. Auch heute hören wir darauf, was Gott uns sagen
will. Ich wünsche mir Momente, in denen ich dies wahrnehmen
kann. Gerade jetzt, in dieser Zeit, da die Welt in Unordnung
ist und so viele Menschen unter Krieg, Unterdrückung,
Angst, Hunger leiden müssen. An sie möchte ich denken und
Gott um Hilfe und Kraft für sie bitten. Ich denke, dass dies in
Gottes Plan Platz hat und wir in der Schöpfung aufgehoben
sind. Natürlich gehören auch Zweifel dazu. Das ist bei jedem
«Planungsprozess» genauso. Aber wir können dranbleiben
und uns immer wieder an Gott und seiner Stimme orientieren
und Vertrauen und Kraft aufbauen. Ich denke, das
braucht meine Seele und das braucht auch meine Umwelt.
«Deine Gnade, HERR, sei über uns, denn wir harren auf
dich.» (Psalm 33,22)

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

4. Juni

Der HERR, dein Gott, wird dir Glück geben zu allen Werken deiner Hände. 5. Mose 30,9

Mose ruft das Volk zusammen und hält die Rede, aus der
der heutige Vers entnommen ist. Er erinnert an den Bund,
den Gott mit dem Volk geschlossen hat, und redet von der
Zukunft, wenn die Israeliten wieder in ihrer Heimat sein werden
nach dem Exil. Gott, die Lebendige, wird Glück schenken
für die Werke ihrer Hände. Die Verheissung weist in die
Zukunft, in die Zukunft für das Volk.
Manchmal sehne ich mich heute nach einer Verheissung,
die mir das Herz öffnet für die Zukunft. Es ist nicht irgendeine
Verheissung, sondern eine, die Gerechtigkeit, Frieden
und die Achtung der Menschenwürde aller umfasst. Die
Verheissung bleibt nicht aus, auch wenn sie verborgen ist. Es
sind die Hoffnung und das Vertrauen in das Leben, die mich
tragen und mir helfen.
Das Werk meiner Hände mag nicht so wichtig sein, aber die
Kraft, Vertrauen zu schöpfen, ist es. Dabei denke ich besonders
an die jungen Menschen, die wie meine Grosskinder in
einer Welt aufwachsen, wo Krieg eine Realität geworden ist.
Das Werk ihrer Hände soll ihnen Glück bringen, und – was
mir wichtig ist – gesegnet sein. Und das erbitte ich vor allem
auch für die Menschen, die leiden: Ihr Leben soll gesegnet sein.

Schenke du uns und der Welt Vertrauen und Hoffnung,
Gerechtigkeit und Frieden.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

3. Juni

Der HERR macht die Blinden sehend. Psalm 146,8

Die heutige Losung ist einer Aufzählung von Gottes Fürsorge
entnommen. Das Wort «Fürsorge» ist aus unserem Wortschatz
fast ganz verschwunden. Wir wollen nicht von jemandem,
von ihrer oder seiner Fürsorge abhängig sein, sondern
selbstbestimmt leben. Alles selbst in der Hand haben. Der
Psalm spricht eine andere Sprache. Er spricht von den wunderbaren
Taten Gottes, der Lebendigen. Durch ihre Fürsorge
werden Blinde sehend, Gekrümmte können wieder aufrecht
gehen.
Sollen wir uns also nicht mehr um unsere Mitmenschen
kümmern?
Sollen wir einfach alles der Lebendigen überlassen?
Sicher nicht. Vielleicht gelingt es uns, unsere Blindheit
abzulegen und unseren Blick auf die Mitmenschen zu richten.
Ganz unverkrampft, weil uns die Lebendige mit ihrer
Zuwendung nahe ist. Das macht uns frei von der Sorge um
uns und schenkt uns Kraft und Mut. Natürlich sollen wir
uns als Sehende auch um uns kümmern. Der Blick auf die
Lebendige schenkt uns dazu Vertrauen. Und noch etwas:
Der Psalm öffnet den Blick auch auf die Weit: Nicht nur
das Leiden wird benannt, sondern der Psalm sagt uns auch,
dass wir nicht auf Fürsten bauen sollen. Die Zuwendung
der Lebendigen ist grösser, weiter, befreiend und öffnet die
Augen und die Herzen.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

4. Mai

Gelobt sei der HERR täglich. Gott legt uns eine Last auf,
aber er hilft uns auch. Psalm 68,20

Die Zürcher Bibel übersetzt den Text so: «Gepriesen sei der
HERR Tag für Tag. Der Gott, der uns Hilfe ist.»
Der Kommentar zu diesem Psalm sagt, er sei undurchsichtig.
Offenbar bezieht er sich auf eine schwierige Situation.
Diese wird als Last beschrieben. Die Zürcher Bibel lässt dies
weg. Ob sie uns deshalb besser gefällt? Beide Übersetzungen
sagen uns, wir sollen die Lebendige jeden Tag loben, ihr
Danke sagen. Danke für das Leben. Danke für das Mitunssein.
Danke für die Nähe. Und gerade heute, wo die Situation mit
so viel Krieg, Ungerechtigkeit, Unsicherheit auf unser Leben
drückt, sollen wir Gott, die Lebendige, loben. Es darf aber
nicht sein, dass wir das Lob daraus beziehen, dass es uns
Privilegierten gut geht. Vielmehr soll es uns Kraft schenken,
um an die Menschen zu denken, deren Würde mit Füssen
getreten wird. Die Lebendige schenkt Hilfe, gerade ihnen und
in erster Linie ihnen, auch wenn wir davon nichts spüren.
Durchhalten mit dem Lob, mit dem Glauben an die Hilfe,
durchhalten mit den Gedanken, das will mir heute unser
Text sagen. Ich glaube, dass das kein Krampf ist, sondern
einfach das, was hilft.

Danke, Gott, für deine Hilfe, die du allen Menschen schenkst.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

3. Mai

Gideon sprach zu dem HERRN: Hab ich Gnade vor dir gefunden, so mach mir doch ein Zeichen, dass du es bist, der mit mir redet. Richter 6,17

Der junge Gideon wird von Gott zum Propheten berufen. Er
soll Israel wieder auf den Weg mit dem Gott des Lebens führen.
Gideon will nicht glauben, dass er Gottes Stimme hört,
und bittet ihn um ein Zeichen. Ich lese den Text gebannt
weiter. Wie wird sich Gott verhalten? Und so bittet Gideon,
Gott möge nicht von ihm gehen, bis er die Gaben bereitet
hat. Und dieser sagt: «Ich werde bleiben.» Gideon hat wohl
das schönste Zeichen, das es gibt, erhalten: Gott sagt, dass er
bleibt, ohne dieses Bleiben an Bedingungen zu knüpfen. Ich
verstehe diese Geschichte von damals wie ein Bild, das ich
anschaue. Es gefällt mir, und ich nehme es innerlich mit. Und
so, wie mir das Bild gefällt, tut mir auch diese Geschichte gut.
Sie zeigt auf, dass Gott den Menschen nahe sein will, dass er
mit ihnen auf dem Weg ist, dass er ein Gott der Gerechtigkeit
und des Friedens ist. Ich frage nicht nach Zeichen, aber ich
bitte um Gottes Nähe, um seine Liebe und um seinen Schutz
auf meinem Weg. Und dies gilt nicht nur mir, sondern gerade
den Menschen, die Gottes Nähe besonders brauchen. Sie
sollen in Würde, Gerechtigkeit und Frieden leben können.

Danke für deine Nähe zu allen Menschen, schenke Kraft
und Liebe.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

4. April

Wie lieblich sind deine Wohnungen, HERR Zebaoth! Psalm 84,2

Der Psalm spricht die Heiligtümer an. Dort wohnt Gott. Es wird nicht ganz klar, ob die Menschen in den Raum treten dürfen oder ob sie nur in die Vorhöfe zugelassen sind. So weiss ich nicht, wo genau Gottes Wohnung ist. Aber das scheint mir auch nicht so wichtig. Viel wichtiger ist es, dass ich versuche, auf die Stimme Gottes, der Lebendigen, zu hören. Und das kann ich ohne Heiligtümer, nicht aber ohne Menschen, mit denen ich mich austauschen kann. In meinem Verständnis braucht Gott weder Kirchen noch Kapellen, sondern Menschen, die mit offenen Augen und Herzen festhalten an der Liebe, die uns von der Lebendigen zuteilwird. Und dabei geht es auch darum, immer wieder neu daran zu denken, dass Gott auf der Seite der Armen, der Leidenden, der Unterdrückten steht. Ihnen gilt die Liebe der Lebendigen in erster Linie. Um dies immer wieder neu zu bedenken, brauche ich Menschen, die mit mir unterwegs sind in der Vision, dass Gerechtigkeit und Frieden möglich sind. Das Zusammensein mit Menschen, die diese Vision teilen, ist ein Raum, den ich als Heiligtum erlebe. Denn es entsteht neue Kraft und neue Hoffnung.
Darum: Gesegnete Ostern mit einem Lachen und dem Glauben an das Leben.

Stärke und erneuere du unsere Hoffnung.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

3. April

Lobt den HERRN, alle Völker!
Rühmt ihn, ihr Nationen alle! Psalm 117,1

Es ist gerade etwas schwierig in meinem Kopf. Ich bin in tiefer Trauer verbunden mit all den Menschen, die unter der Brandkatastrophe in Crans-Montana am Neujahrsmorgen leiden, und den unzähligen leidenden Menschen weltweit. Und gleichzeitig soll ich dem kürzesten Psalm folgen und Gott loben. Es ist Karfreitag, der Tag, an dem wir über den tiefen Inhalt unseres Glaubens nachdenken. Jesus wird umgebracht. Wir glauben, dass sein Tod nicht vergebens ist, sondern dass Ostern wird. Und gleichzeitig bin ich wieder beim Psalm. Meine Trauer ist nicht weggewischt, sie ist da. Ist es die Auseinandersetzung mit Karfreitag, die mir hilft? Ist es die Dankbarkeit für den Einsatz so vieler Menschen bei dieser Katastrophe? Ist es die Lebendige, die mir Kraft schenkt? Loben mag ich nicht. Aber ich kann Gott, der Lebendigen, Danke sagen, dass immer wieder Hilfe Wirklichkeit wird. Ich kann Danke sagen für das Leben, das am Karfreitag eine stärkende Bedeutung erhält. Ich kann im Gebet an all die leidenden Menschen denken. Und ich kann um Gottes Gegenwart bitten.
Sei du heute bei allen Menschen rund um die eine bewohnte Erde, die dich und deine Liebe besonders brauchen.

Von: Madeleine Strub-Jacoud

4. März

Habe deine Lust am HERRN; der wird dir geben,
was dein Herz wünscht. Psalm 37,4

Der Psalm enthält Ermahnungen an die Armen, die Besitzlosen, sie sollen Lust haben an Gott, der Lebendigen. Irgendwie sträubt sich etwas in mir: Weshalb sollen sie ermahnt werden? Ermahnungen enthalten für mich doch immer auch Zurechtweisungen. Und das haben die Armen nicht verdient. Der Psalm wurde in einer anderen Zeit und einem anderen Kontext geschrieben. Und so versuche ich, zu verstehen: Gott will den Armen Gutes tun. Sie sollen Gerechtigkeit erfahren, auch heute. An uns ist es, uns dafür einzusetzen. Der Zweifränkler für die Obdachlose, die Spende an ein Hilfswerk, ist es das, was ich tun kann? Ja, aber ich kann noch mehr. Ich kann Gott um Gerechtigkeit für Leidende bitten. Ich kann mich einsetzen dafür, dass bei der Entwicklungshilfe nicht immer mehr gespart wird, indem ich davon rede mit anderen und laut werde. Ich kann mit anderen Menschen den Glauben an das Leben teilen und so meine Hoffnung auf Gerechtigkeit erneuern. Ich weiss, das alles ist nicht viel. Aber es kommt auf die Haltung der Menschen an, die nahe bei Gott sind, auf ihre Beharrlichkeit, ihr kritisches Denken, ihr Engagement.
Die Armen müssen nicht ermahnt werden, sie sollen Platz haben in unserem Herzen, in unseren Gebeten und unserem Handeln. Das ist meine Lust an Gott, der Lebendigen, dem Gott des Lebens.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

3. März

Die Israeliten schrien zu dem HERRN und sprachen:
Wir haben gesündigt, denn wir haben unseren Gott verlassen. Richter 10,10

Gott sagte zu den Israeliten etwa das: «Selber schuld, wenn ihr jetzt im Chaos ertrinkt und leiden müsst. Ihr habt mich verlassen und anderen Göttern gedient. Ich rette euch nicht mehr.» Aber Gott, die Lebendige, konnte das Leiden der Israeliten nicht länger ertragen und griff ein mit ihrer Rettung. Das Buch Richter ist ein politisches Buch, denn es geht darum, das Königtum zu etablieren. Das Eingreifen Gottes, die Rettung, zeigt die Empathie Gottes für die Menschen, zeigt seine Liebe und Zuwendung auch dann, wenn die Menschen Gott verlassen.
Ich ertappe mich dabei, zu denken, das war einmal, heute leben wir mit so vielen Kriegen, mit Hunger, Angst, Unterdrückung und auch Chaos. Wo ist da Gottes Eingreifen, was muss noch alles geschehen, damit die Lebendige den Menschen die Umkehr zumutet? Und gleichzeitig bitte ich darum, dass die Lebendige bei den leidenden Menschen sei, sie stärke und ermutige. Nicht sie müssen umkehren, sondern die Mächtigen. Und so schreie ich zu Gott, der Lebendigen, dass Umkehr geschieht, damit Gerechtigkeit und Frieden weltweit möglich werden.


Schenke du der Welt Rettung, Gerechtigkeit und Frieden!

Von: Madeleine Strub-Jaccoud