Autor: Madeleine Strub-Jaccoud

4. September

Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang sei gelobet der Name des HERRN! Psalm 113,3

Heute feiern wir den ökumenischen Tag der Schöpfung und stimmen in den Kanon ein, der der heutigen Losung entspricht. Ich atme durch, lese den Psalm ganz und freue mich, dass ich Teil dieser grossartigen Schöpfung sein darf. Und nicht nur ich bin Teil, sondern die ganze Schöpfung rund um die eine bewohnte Erde gehört dazu. Es gehört ganz fest zu diesem Psalm, dass Gott, die Lebendige, nicht nur im Himmel thront, sondern in die Tiefe blickt und die Ärmsten erhöht, bei ihnen ist und hilft. Welch ein Trost und welche Hoffnung!

Die Lebendige richtet die Menschen auf. Und so darf ich vertrauen und hoffen, dass sie auch heute auf sie schaut, auf alle, die unter Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Gewalt leiden, die Hunger haben und für die kein sauberes Trinkwasser zugänglich ist. Die Lebendige schenke Zukunft und Hoffnung für sie, vor allem auch den vielen Kindern.

Das Hoffen auf die Gegenwart der Lebendigen gibt Kraft und hilft, selbst auch Teil der Hilfe zu sein.

Und so atme ich durch und singe:

Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang sei gelobet der Name des HERRN, sei gelobet der Name des HERRN!

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

3. September

Auf dich, HERR, sehen meine Augen; ich traue auf dich, gib mich nicht in den Tod dahin. Psalm 141,8

Die heutige Losung ist einem Psalm Davids entnommen. Der Beter sitzt im Gefängnis, weil er mit zweifelhaften Menschen Sachen gegessen hat, die verboten sind. Da spricht er zu Gott, der Lebendigen, und richtet seine Augen auf sie. Er hat Angst, verurteilt zu werden. Die Zürcher Bibel spricht nicht vom «Tod», sondern von einem Leben, das «verschüttet» wird.

Eben habe ich geputzt und das schmutzige Wasser weggeschüttet. Weg war es, nicht mehr gebraucht, vergessen. Wegschütten, welch ein normaler Vorgang.

Im Psalm ist das Verb «verschüttet» beängstigend, radikal, unumkehrbar. In diesem Zustand der Angst schaut der Beter in die Augen Gottes und spricht sein Vertrauen aus. Ist uns die Lebendige besonders nahe, wenn wir ihr unsere Angst anvertrauen? Können wir dann durchatmen und Vertrauen in das Leben zurückgewinnen? Ich weiss es nicht. Aber ich kann es wagen, kann es versuchen. Es soll aber ja keine Wer-tung sein, denn jede und jeder muss den eigenen Weg gehen und mit der Angst zurechtkommen. Etwas aber kann helfen: Wenn Mitmenschen geduldig zuhören und meine Angst teilen. Ich hoffe, dass sich solche Menschen finden lassen und die Lebendige in der Angst bei mir ist. Wie im Psalm ist diese damit nicht weg, aber aufgehoben bei einem Menschen und bei der Lebendigen. Wir werden nicht «verschüttet».

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

4. August

Der HERR spricht: Ihr habt gesehen, wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht. 2. Mose 19,4

Wie oft sah ich einem Adler zu, wie er kreist und kreist, und
wie er von seinen weiten Flügeln getragen wird. Dieses Bild
zeigt, dass der Adler nicht loslässt und dass das Kreisen ihm
auch Freude macht.
Das Volk ist in der Wüste angekommen. Mose steigt
auf den Gottesberg, den Sinai, und vernimmt dort Gottes
Stimme. Gott will das Volk weiter begleiten. Er will aber
auch eine gewisse Verpflichtung spüren, dass das Volk auf
dem richtigen Weg, auf dem Weg der Lebendigen, weitergeht.
Deshalb sagt er zu Mose, er wolle mit dem Volk einen
Bund schliessen. Durch diesen Bund wird das Volk zu einem
speziellen Volk, zu Gottes Eigentum. Aber damals wie heute
fällt es uns manchmal schwer, Eigentum der Lebendigen zu
sein. Vielmehr möchten wir heute wie damals unsere Entscheidungsfreiheit
haben. Und das ist gut so. So wie die
Menschen damals auf dem Weg waren, gehen wir auf unserem
Weg. Dieser hat Höhen und Tiefen, ist geprägt vom Vertrauen
auf Gottes Mit-uns-Sein und von Gottes Ferne. Der
Bund aber steht und ist ein Versprechen, dass Gott da ist mit
seiner Liebe zu den Menschen und der ganzen Schöpfung.
Darauf dürfen wir vertrauen und uns Kraft schenken lassen.
Damit auch wir kreisen und kreisen können.
Danke, dass du mit uns gehst.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

3. August

Erkennet, dass der HERR Gott ist. Psalm 100,3

«Erkennt, dass Gott ist unser Herr, der uns erschaffen ihm
zur Ehr und nicht wir selbst: durch Gottes Gnad ein jeder
Mensch sein Leben hat.» (EKG 57,2)
Das mir vertraute Lied bringt es auf den Punkt: Ich soll
wahrnehmen, dass wir Teil von Gottes Schöpfung sind. Die
Losung und das dazugehörige Lied sind Lobgesänge. Ich
kann und darf wahrnehmen, dass ich Teil eines grossen Ganzen
bin, dass ich nicht allein bin. Da sind Menschen rund um
die eine bewohnte Erde. Da ist die Natur. Und da ist Gott,
die Lebendige. Sie geht mit uns den Weg unseres Lebens
und schenkt uns den Blick auf die Menschen und die Schöpfung,
auch in unserer Zeit mit all dem, was uns belastet. Sie
schenkt uns den Blick auf das Ganze und lässt uns zur Ruhe
kommen, um uns bewusst zu werden, dass unser Leben aufgehoben
ist in ihrer Gnade.
Loben heisst für mich, mich zu öffnen, ein wenig von mir
wegzuschauen und mich zu freuen. Vielleicht sind es kurze
Momente des Innehaltens, vielleicht ist es das Lächeln eines
Menschen im Zug oder Bus, vielleicht ist es eine Blume, der
Wind, die Wellen, Sonne und Mond. Vielleicht ist es ein Lied:
«Er ist voll Güt und Freundlichkeit, voll Lieb und Treu zu
jeder Zeit. Sein Gnad währt immer dort und hier und seine
Wahrheit für und für.» (EKG 58,6)

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

4. Juli

Ich hörte die Stimme des HERRN, wie er sprach: Wen soll ich senden? Wer will unser Bote sein? Ich aber sprach: Hier bin ich, sende mich! Jesaja 6,8

Fehlanzeige! Bei dieser Berufungsgeschichte, die nicht am
Anfang des Jesajabuchs steht, handelt es sich nicht um eine
typische Geschichte. Vielmehr erhält der Prophet den Auftrag,
den Menschen Augen und Mund zuzukleben und die
Ohren zu schliessen. Also erhält Jesaja nicht einen Verkündigungsauftrag,
sondern das Gegenteil. Das Ziel soll es sein,
die Menschen zur Umkehr aufzufordern. Mit Blindheit und
ohne zu hören, sollen sie zu Gott, der Lebendigen finden.
Keine einfache Aufgabe. Und doch: In all dem Geschwätz,
den Mails, den SMS und den sozialen Medien ist die Stille
heute gar nicht mehr denkbar. Und doch, so wünsche ich
mir, ist die Stille ein Geschenk. In der Stille können wir ruhig
werden, können auf den Gesang der Vögel hören, können
die Wunder der Natur wahrnehmen. Manchmal denke ich
einfach: «So schweigt doch bitte!» Und ich frage mich dann,
ob Umkehr möglich ist.
Meine Umkehr zum Leben, die Umkehr der Mächtigen zur
Gerechtigkeit, die Umkehr zu Gottes Schöpfung. Umkehr
mag ein Traum sein. Aber so, wie Jesaja den Auftrag angenommen
hat, können auch wir darauf vertrauen, dass der
Traum da und dort Wirklichkeit wird.
Begleite du uns auf unserem Weg zur Umkehr zu dir und
zum Leben.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

3. Juli

Wenn der HERR spricht, so geschieht’s; wenn er gebietet, so steht’s da. Psalm 33,9

Die Losung ist einem Loblied entnommen. Es spricht von
Gottes Plan für die Schöpfung. Die Zürcher Bibel übersetzt
den Vers in der Vergangenheit. Ist Gottes Plan bereits umgesetzt
oder ist er im Werden? Es entsteht eine Spannung
zwischen den beiden Übersetzungen. Und diese Spannung
gilt es auszuhalten. Denn sie drückt aus, dass Gott in der
Geschichte der Menschen und seiner Schöpfung da ist durch
alle Zeit. Auch heute hören wir darauf, was Gott uns sagen
will. Ich wünsche mir Momente, in denen ich dies wahrnehmen
kann. Gerade jetzt, in dieser Zeit, da die Welt in Unordnung
ist und so viele Menschen unter Krieg, Unterdrückung,
Angst, Hunger leiden müssen. An sie möchte ich denken und
Gott um Hilfe und Kraft für sie bitten. Ich denke, dass dies in
Gottes Plan Platz hat und wir in der Schöpfung aufgehoben
sind. Natürlich gehören auch Zweifel dazu. Das ist bei jedem
«Planungsprozess» genauso. Aber wir können dranbleiben
und uns immer wieder an Gott und seiner Stimme orientieren
und Vertrauen und Kraft aufbauen. Ich denke, das
braucht meine Seele und das braucht auch meine Umwelt.
«Deine Gnade, HERR, sei über uns, denn wir harren auf
dich.» (Psalm 33,22)

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

4. Juni

Der HERR, dein Gott, wird dir Glück geben zu allen Werken deiner Hände. 5. Mose 30,9

Mose ruft das Volk zusammen und hält die Rede, aus der
der heutige Vers entnommen ist. Er erinnert an den Bund,
den Gott mit dem Volk geschlossen hat, und redet von der
Zukunft, wenn die Israeliten wieder in ihrer Heimat sein werden
nach dem Exil. Gott, die Lebendige, wird Glück schenken
für die Werke ihrer Hände. Die Verheissung weist in die
Zukunft, in die Zukunft für das Volk.
Manchmal sehne ich mich heute nach einer Verheissung,
die mir das Herz öffnet für die Zukunft. Es ist nicht irgendeine
Verheissung, sondern eine, die Gerechtigkeit, Frieden
und die Achtung der Menschenwürde aller umfasst. Die
Verheissung bleibt nicht aus, auch wenn sie verborgen ist. Es
sind die Hoffnung und das Vertrauen in das Leben, die mich
tragen und mir helfen.
Das Werk meiner Hände mag nicht so wichtig sein, aber die
Kraft, Vertrauen zu schöpfen, ist es. Dabei denke ich besonders
an die jungen Menschen, die wie meine Grosskinder in
einer Welt aufwachsen, wo Krieg eine Realität geworden ist.
Das Werk ihrer Hände soll ihnen Glück bringen, und – was
mir wichtig ist – gesegnet sein. Und das erbitte ich vor allem
auch für die Menschen, die leiden: Ihr Leben soll gesegnet sein.

Schenke du uns und der Welt Vertrauen und Hoffnung,
Gerechtigkeit und Frieden.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

3. Juni

Der HERR macht die Blinden sehend. Psalm 146,8

Die heutige Losung ist einer Aufzählung von Gottes Fürsorge
entnommen. Das Wort «Fürsorge» ist aus unserem Wortschatz
fast ganz verschwunden. Wir wollen nicht von jemandem,
von ihrer oder seiner Fürsorge abhängig sein, sondern
selbstbestimmt leben. Alles selbst in der Hand haben. Der
Psalm spricht eine andere Sprache. Er spricht von den wunderbaren
Taten Gottes, der Lebendigen. Durch ihre Fürsorge
werden Blinde sehend, Gekrümmte können wieder aufrecht
gehen.
Sollen wir uns also nicht mehr um unsere Mitmenschen
kümmern?
Sollen wir einfach alles der Lebendigen überlassen?
Sicher nicht. Vielleicht gelingt es uns, unsere Blindheit
abzulegen und unseren Blick auf die Mitmenschen zu richten.
Ganz unverkrampft, weil uns die Lebendige mit ihrer
Zuwendung nahe ist. Das macht uns frei von der Sorge um
uns und schenkt uns Kraft und Mut. Natürlich sollen wir
uns als Sehende auch um uns kümmern. Der Blick auf die
Lebendige schenkt uns dazu Vertrauen. Und noch etwas:
Der Psalm öffnet den Blick auch auf die Weit: Nicht nur
das Leiden wird benannt, sondern der Psalm sagt uns auch,
dass wir nicht auf Fürsten bauen sollen. Die Zuwendung
der Lebendigen ist grösser, weiter, befreiend und öffnet die
Augen und die Herzen.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

4. Mai

Gelobt sei der HERR täglich. Gott legt uns eine Last auf,
aber er hilft uns auch. Psalm 68,20

Die Zürcher Bibel übersetzt den Text so: «Gepriesen sei der
HERR Tag für Tag. Der Gott, der uns Hilfe ist.»
Der Kommentar zu diesem Psalm sagt, er sei undurchsichtig.
Offenbar bezieht er sich auf eine schwierige Situation.
Diese wird als Last beschrieben. Die Zürcher Bibel lässt dies
weg. Ob sie uns deshalb besser gefällt? Beide Übersetzungen
sagen uns, wir sollen die Lebendige jeden Tag loben, ihr
Danke sagen. Danke für das Leben. Danke für das Mitunssein.
Danke für die Nähe. Und gerade heute, wo die Situation mit
so viel Krieg, Ungerechtigkeit, Unsicherheit auf unser Leben
drückt, sollen wir Gott, die Lebendige, loben. Es darf aber
nicht sein, dass wir das Lob daraus beziehen, dass es uns
Privilegierten gut geht. Vielmehr soll es uns Kraft schenken,
um an die Menschen zu denken, deren Würde mit Füssen
getreten wird. Die Lebendige schenkt Hilfe, gerade ihnen und
in erster Linie ihnen, auch wenn wir davon nichts spüren.
Durchhalten mit dem Lob, mit dem Glauben an die Hilfe,
durchhalten mit den Gedanken, das will mir heute unser
Text sagen. Ich glaube, dass das kein Krampf ist, sondern
einfach das, was hilft.

Danke, Gott, für deine Hilfe, die du allen Menschen schenkst.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

3. Mai

Gideon sprach zu dem HERRN: Hab ich Gnade vor dir gefunden, so mach mir doch ein Zeichen, dass du es bist, der mit mir redet. Richter 6,17

Der junge Gideon wird von Gott zum Propheten berufen. Er
soll Israel wieder auf den Weg mit dem Gott des Lebens führen.
Gideon will nicht glauben, dass er Gottes Stimme hört,
und bittet ihn um ein Zeichen. Ich lese den Text gebannt
weiter. Wie wird sich Gott verhalten? Und so bittet Gideon,
Gott möge nicht von ihm gehen, bis er die Gaben bereitet
hat. Und dieser sagt: «Ich werde bleiben.» Gideon hat wohl
das schönste Zeichen, das es gibt, erhalten: Gott sagt, dass er
bleibt, ohne dieses Bleiben an Bedingungen zu knüpfen. Ich
verstehe diese Geschichte von damals wie ein Bild, das ich
anschaue. Es gefällt mir, und ich nehme es innerlich mit. Und
so, wie mir das Bild gefällt, tut mir auch diese Geschichte gut.
Sie zeigt auf, dass Gott den Menschen nahe sein will, dass er
mit ihnen auf dem Weg ist, dass er ein Gott der Gerechtigkeit
und des Friedens ist. Ich frage nicht nach Zeichen, aber ich
bitte um Gottes Nähe, um seine Liebe und um seinen Schutz
auf meinem Weg. Und dies gilt nicht nur mir, sondern gerade
den Menschen, die Gottes Nähe besonders brauchen. Sie
sollen in Würde, Gerechtigkeit und Frieden leben können.

Danke für deine Nähe zu allen Menschen, schenke Kraft
und Liebe.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud