Autor: Madeleine Strub-Jaccoud

21. November

Wir demütigen uns vor unserm Gott, um von ihm den rechten Weg zu erbitten.   Esra 8,21

Die Rückkehr aus dem Exil, die Registrierung der Familienoberhäupter, das Ankommen, Sicheinfinden – der Prophet lädt sie alle an einen Fluss ein. Dort sollen sie fasten und um den richtigen Weg bitten, «einen glücklichen Weg für uns und unsere Kinder» (Zürcher Bibel). Gott, die Lebendige, um einen glücklichen Weg zu bitten, ist doch das, was wir immer wieder tun. Und gerade für unsere Kinder und Grosskinder bitten wir darum. Sicher auch für die Menschen, die unter den Kriegen, unter Hunger, Ausbeutung und Angst leiden. Der Prophet weiss nicht, wie der rechte Weg aussieht, aber er weiss, es ist einer mit der Lebendigen. Es ist ein Weg des Lebens, des Gestaltens der Zeit und der Gemeinschaft nach dem Exil. Wir wissen auch nicht, welches der glückliche Weg ist. Aber wir wissen, wie der Prophet: Es ist ein Weg der Gerechtigkeit und des Friedens, eben ein Weg des Lebens, für uns, unsere Kinder und Grosskinder und für alle Menschen. Und wie die Menschen damals sind auch wir eingeladen, diesen Weg zu suchen, wir sind eingeladen zum Innehalten, zum Ruhen und die Lebendige zu fragen, wie der glückliche Weg weitergehen kann.

Schenke du allen Menschen Wege der Gerechtigkeit und des Friedens.

Von Madeleine Strub-Jaccoud

20. November

Kehrt um, ihr abtrünnigen Kinder, spricht der Herr, denn ich bin euer HERR! Und ich will euch holen und will euch bringen nach Zion.                  Jeremia 3,14

Was braucht es, damit wir auf einem Weg umkehren? Ist es die Gefahr, die lauert? Ist es das nahende Gewitter? Können wir uns eingestehen, dass wir allenfalls den falschen Weg gewählt haben? Der Prophet will dem Volk Israel vermitteln: «Ihr habt den Weg  mit Gott verlassen, kehrt um.»   Er braucht dazu eine Frage, die bei mir hängen geblieben ist: Kehrt eine Frau, die ihren Mann verlassen hat, zu ihm zurück? Er stellt nicht die Frage, ob das sinnvoll wäre für die Frau. Er stellt sie eher an den Pranger. Aber Gott stellt das Volk nicht an den Pranger. Er verheisst dem Volk, dass er Israel aus dem babylonischen Exil nach Zion bringen wird. Allerdings verschweigt die Losung einen Teil der Geschichte: Nur «einer aus jeder Stadt und zwei aus jeder Sippe» werden gerettet (Vers 14). Aber das beantwortet die Frage nicht, wie es steht mit der Umkehr.

An mich geht die Frage: Kann ich eingestehen, den falschen Weg gegangen zu sein? Was brauche ich dazu, das zu können? Ich bin, wie der Prophet, ja überzeugt, dass Gott, die Lebendige, mich auf meinem Weg begleitet und mich ermutigt zur Umkehr. Aber eingestehen, dass ich falschliege, muss ich mir selber. Das verlangt Kraft und ist nicht einfach. Mich trägt die Zuversicht oder auch die Hoffnung, dass ich es kann – mit Gottes Hilfe.

Danke Gott, dass du bei uns bist auf unserem Weg.

Von Madeleine Strub-Jaccoud

22. Oktober

Wir wissen nicht, was wir tun sollen, sondern unsere Augen sehen nach dir. 2. Chronik 20,12

Es ist die Zeit nach dem Exil. Die Geschichte des Volkes Israel wird weitergeschrieben. Und da ist die Angst vor einem neuen Krieg. «Wir wissen nicht weiter.» Wir könnten jetzt überlegen, was genau gemeint ist. «Sollen wir zu den Waffen greifen?» «Sollen wir einfach warten?» Die Augen schauen nach Gott. Von ihm erhoffen sich die Menschen eine Antwort. Im Text ist nicht von Angst die Rede, wohl aber von Nichtwissen. Wir sagen ja gerne, wir wollen hören, was Gott uns sagen will. Wie sieht die Lebendige unseren Weg? Wie sollen wir weitergehen? Wie wird unsere Geschichte weitergeschrieben? Wir leben in einer sich verändernden Welt. Manche sagen, wir leben in der Krise. Und da suchen wir nach Wegen, schauen auf Gott. Es geht nicht um das persönliche Tun, sondern um das Tun der Gemeinschaft. Kann sie auf Gott schauen? Kann sie schauen, dass der Weg der Geschichte in seinem Sinn weitergeht? Ich denke, dass die Gemeinschaft das kann, weil die Lebendige selber zu uns schaut, weil wir nicht alles aus eigener Kraft schaffen müssen. Wir sind gefragt, das zu tun, was Gott von uns erwartet: Dass es ein Weg ist, der nach Gerechtigkeit und Frieden sucht, einer, der geprägt ist vom Bestreben eines Lebens in Würde für alle Menschen. Schauen wir auf Gott!

Von Madeleine Strub-Jaccoud

21. Oktober

Der HERR hat mich gesandt, zu schaffen den Trauernden zu Zion, dass ihnen Schmuck statt Asche, Freudenöl statt Trauer, schöne Kleider statt eines betrübten Geistes gegeben werden. Jesaja 61,1.3

So aktuell sind biblische Texte – die Zürcher Bibel übersetzt:
«Der HERR hat mich gesalbt, den Elenden frohe Botschaft zu bringen.» (Jesaja 61,1) Für sie soll Schönes bereitgestellt werden (Vers 3). Diejenigen Menschen, die unter der Pandemie leiden, diejenigen, denen der Weizen fehlt wegen des Krieges in der Ukraine, diejenigen, die kein sauberes Trinkwasser haben, weil die Böden wegen des Klimawandels ausgetrocknet sind, sie sind in meinen Augen heute gemeint. Sie sollen einen neuen Kopfschmuck statt Asche erhalten. Ihnen gilt der ewige Bund, den Gott mit den Menschen geschlossen hat (Jesaja 61,8). Der Prophet hat sich an die Trauernden gewandt, und ich erlaube mir zu sagen, dass sich der Text heute an die «Elenden» wendet. Er lädt ein zu einem Blickwechsel hin zu den Menschen, deren Leben unsicher ist, zu den Menschen, die für ihr Leben kämpfen müssen. Ihr Schmuck soll nichts anderes sein als ein Leben in Würde. Die frohe Botschaft lädt ein, die Vulnerabilität der Menschen in Kriegsgebieten und im globalen Süden wahrzunehmen und für sie und ihr Leben einzustehen.

Schenke du immer neu deine frohe Botschaft der Gerechtigkeit.

Von Madeleine Strub-Jaccoud

21. September

Lobsinget dem HERRN, denn er hat sich herrlich bewiesen. Solches sei kund in allen Landen! Jesaja 12,5

Die Blumen auf meinem Balkon sind zum Tummelplatz für Hummeln, Bienen, Libellen, Schmetterlinge und andere Insekten geworden. Ich freue mich sehr darüber, und manchmal will mir scheinen, als trügen sie Hoffnung in die Welt. Denn sie leben, und die Blumen nähren sie. Sie fliegen weg in die Weite. So soll es dem Lob und dem Dank gehen: Nicht konzentriert auf die Freude, dass Jerusalem lebt, nein, in allen Landen soll das Loblied gesungen werden, sagt unser Text.
Manchmal ist das Lob eine Momentaufnahme, ein Gefühl, das bald wieder weg ist. Denn die Sorgen, etwa über die Lage unserer Welt, sind stärker. Aber gerade diese Sorge ist aufgehoben beim Gott des Lebens, bei der Lebendigen. Wir sind nicht allein, sind geheimnisvoll gehalten und begleitet. Die Dankbarkeit dafür in die Welt zu tragen, ist nicht einfach, denn sofort denken wir an all die Menschen, die leiden, in Angst leben, auf der Flucht sind. Ihnen gilt unser Gebet, das wir in die Welt tragen. Unsere Dankbarkeit und das Lob teilen wir, tragen es hinaus in die Welt in der Hoffnung wider alle Hoffnungslosigkeit. Es ist eine ganz besondere Herausforderung, heute am Lob festzuhalten. Ich kann es nur, wenn ich tief durchatme und mir Rechenschaft gebe über den Reichtum meines Lebens.

Von Madeleine Strub-Jaccoud

20. November

Ich habe meinen Geist auf meinen Diener gelegt, das Recht trägt er hinaus zu den Nationen. Jesaja 42,1

«Seht meinen Diener, ich halte ihn, meinen Erwählten, an ihm habe ich Gefallen. Ich habe meinen Geist auf ihn gelegt, das Recht trägt er hinaus zu den Nationen. Er schreit nicht und wird nicht laut und lässt seine Stimme nicht hören auf der Gasse.» (Jesaja 42,1.2, Zürcher Bibel) Tief graben sich diese Worte des Gottesknechtes in mein Herz ein. Denn da kommt mir das entgegen, was so stark fehlt in der lauten und zerrissenen Welt: eine Alternative, eine Alternative zu den grässlichen Kriegen auch in unserer Nähe. Eine Alternative zur Aufrüstung, eine Alternative zum Machtdenken, auch unter uns. «Er schreit nicht und wird nicht laut.» Aber gerade er trägt das Recht hinaus zu den Nationen. Gerade er wird von Gott gehalten, denn Gottes Geist ist ihm geschenkt. Sehnsucht kommt auf. Sehnsucht nach Gerechtigkeit, Frieden, Sehnsucht nach Menschen, die sich aufmachen und davon reden, dass dies möglich ist – auch heute. Ich weiss, es gibt sie, sie sind nicht laut. Aber haben sie, haben wir die Kraft, vom Frieden zu reden? Wir können durchhalten, müssen nicht müde werden, können beten, uns zusammenschliessen. Der Gottesknecht hat Gottes Geist mit auf den Weg bekommen. Und wir haben die Zusage bekommen, dass Gott ein Gott des Lebens ist und zu allen schaut.

Von Madeleine Strub-Jaccoud

Mittelteil September / Oktober

Das Hoffnungswissen
Von Madeleine Strub-Jaccoud, Präsidentin des Trägervereins Boldern

Es ist an der Zeit, Sie, liebe Leserinnen und Leser, mitzunehmen auf den Weg, den Boldern geht. Dabei spielen die Bolderntexte eine wesentliche Rolle: Sie sind unsere Praxis Pietatis auf dem Weg in die Zukunft. Die Vielfalt der Texte und ihre konstante Reflexion biblischer Worte sind eine wichtige Grundlage. Diese Konstanz zu erhalten, ist ein Ziel. Die Bolderntexte bauen das auf, was wir alle brauchen und was für Boldern wohl das Wichtigste ist: Die Texte helfen, das biblische Hoffnungswissen zu vertiefen; gleichzeitig sind sie fest verankert im Kontext unserer Realität. Denn die Geschichte von Boldern ist eine Hoffnungsgeschichte und wird weitergeschrieben, der Weg dieses einmaligen Ortes führt in eine gute Zukunft.

Die Vision
Der Vorstand des Trägervereins Boldern, der bald der Stiftungsrat der gemeinnützigen, steuerbefreiten Stiftung Boldern sein wird, lebt die Vision, auf welcher seine Arbeit beruht: «Boldern inspiriert Menschen, sich für eine solidarische Gesellschaft und nachhaltige Lebensräume zu engagieren.» Ein weite Vision, die immer ermutigt zu konkreten Schritten auf dem Weg.

Wohnen auf der Seeterrasse
Nachdem die Reformierte Landeskirche des Kantons Zürich 2012 ihre Subventionen eingestellt und die verbleibenden Studienleiterinnen und Studienleiter in die gesamtkirchlichen Dienste integriert hatte, stellte sich die Frage nach der Zukunft. Die grosse Landreserve, über die Boldern seit der Gründung verfügt, wird überbaut mit einer nachhaltigen Wohnsiedlung. Diese wird ca. 55 Wohnungen zur Miete zur Verfügung stellen. Die Mietpreise sollen fair sein, die ganze Siedlung ist so aufgebaut, dass sie zur Gemeinschaft einlädt. Die Gestaltung der Aussenräume ist nicht nur nachhaltig und ökologisch, sondern verbunden mit der Natur auf dem Plateau von Boldern. Die Wohnsiedlung ist durch ein Wegnetz mit dem Plateau verbunden, sie ist offen und wird eine hohe Lebensqualität ermöglichen. Die Mieteinnahmen werden wesentlich dazu beitragen, die finanzielle Situation von Boldern zu sanieren. Dies ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg in die Zukunft. Wir hoffen, dass der Bau nach dem Bewilligungsverfahren Ende 2023 beginnen kann.

Die Stiftung und der Förderverein
Der Trägerverein Boldern hat an seiner Vereinsversammlung vom 7. Mai 2022 eine Urabstimmung zur Gründung der Stiftung Boldern und zur Übertragung des gesamten Vermögens an diese Stiftung angeordnet. Die Stiftung soll die strukturelle Grundlage von Boldern bilden. Sie garantiert, dass der Weg weitergeht und auch von den reformierten Kirchgemeinden wieder vermehrt wahrgenommen wird als Ort der Begegnung und der Kraft. Der Förderverein Boldern wird die Aufgabe haben, die Geschichte von Boldern zusammen mit der Stiftung weiterhin fortzuschreiben. Er soll sein Netzwerk als Unterstützung namentlich des Kerngeschäfts
«Boldern inspiriert» nutzen, vergrössern und sich beteiligen. Viele Kirchgemeinden sind Mitglieder des Trägervereins geblieben. Nach wie vor sind wir überzeugt, dass Boldern einen wichtigen Beitrag leisten kann zur Entwicklung von Kirche im weitesten Sinn. Die Vision von Boldern, welche auf die Zukunft ausgerichtet ist, lädt ein, sich auf die Menschen einzulassen, auf sie zu hören, sie mit ihrer Geschichte und ihrer Lebenssituation ernst zu nehmen und mit ihnen die Gesellschaft und somit die Zukunft zu gestalten.

Boldern inspiriert
Das Kerngeschäft von Boldern ist es, Menschen dafür zu gewinnen, einander zu begegnen, sich auszutauschen, sich auseinanderzusetzen, sich einzusetzen. Das Hoffnungswissen und die Offenheit für alle, die Inklusion und die Partizipation sind dabei wichtige Leitplanken. Seit Beginn der Arbeit des jetzigen Vorstandes des Trägervereins konnten wir dank ehrenamtlicher Arbeit einladen zu Veranstaltungen in den Reihen «theologisch boldern», «politisch boldern»,
«literarisch boldern» und «ökologisch boldern». Gewiss, nach der langen Zeit der Krise musste dieser Bereich mit viel Hoffnung neu aufgebaut werden. Das hat Kraft gekostet und war nicht immer von Erfolg gekrönt. Aber auch da: Konstanz, Vielfalt und das Weiterentwickeln des Hoffnungswissens waren und sind das Anliegen. Die Stiftung Boldern wird diesen Bereich verstärken.

Das Hotel Boldern
Nachdem der jetzige Vorstand seine Arbeit aufgenommen hatte, hat er sofort an der Sanierung des Hotels gearbeitet. Der Ort soll nicht nur erhalten bleiben, sondern geöffnet werden für ein breites Publikum. Das ist dem Hotel Boldern weitgehend gelungen. Dafür sind wir enorm dankbar, denn der Ort lebt wieder. Allerdings ist uns klar, dass das Hotel in die Jahre gekommen ist und nicht mehr ganz den Ansprüchen unserer Zeit entspricht. Und so sind wir, der Vorstand und die Aktiengesellschaft Hotel Boldern, daran, auch da eine gute Zukunft zu planen.

Die Verbundenheit mit der Natur
Das Plateau Boldern entwickelt sich zu einer ökologischen Oase. Es strahlt, wenn die Blumen der Naturwiesen blühen, es bietet Ruhe und Weitsicht. Es lädt ein zur Begegnung mit wieder mehr Vogelarten, hie und da Rehen und sogar mit einem Wiesel. Es bildet mehr und mehr auch Heimat für Igel und andere Tiere, für Insekten und Schmetterlinge.

Das Netzwerk Boldern
Boldern ist nicht mehr allein auf dem Hügel, sondern mehr und mehr vernetzt mit anderen Organisationen mit ähnlichen Zielen. So arbeiten wir eng zusammen mit dem Verein Appisberg, einem Kompetenzzentrum für berufliche Integration. Bereits haben wir einen Vertrag geschlossen, der ermöglicht, dass der Appisberg die Verwaltung unserer Liegenschaften verantwortet. Die Anna Zemp Stiftung ist mit ihrem nachhaltigen Garten und ihren Aktivitäten unsere Nachbarin. Mit ihr und dem Natur- und Vogelschutzverein Männedorf-Uetikon besteht eine Zusammenarbeit, die alle bereichert.

Für Sie, die Leserinnen und Leser, die Autorinnen und Autoren und die Redaktorinnen, gibt es kein Schlusswort, aber einen Ausblick. Voller Dankbarkeit schaue ich zurück auf die Jahre der Weiterentwicklung von Boldern nach der grossen Leere. Sie ist Vergangenheit. Und der Weg in die Zukunft ist vorgezeichnet von Hoffnung, von der Überzeugung, dass Boldern wieder ein Ort wird, der den Menschen und der Welt, auch in ihrem jetzigen Zustand, zugewandt ist. Und auch ganz persönlich: Boldern war und ist für mich und für viele andere ein Ort des Lebens, ein Ort der Kraft und der Gestaltung, des Hörens und des Lernens. Die Konstanz und die Verlässlichkeit der Bolderntexte waren und sind wesentlich. Sie tragen das Hoffnungswissen der biblischen Texte weiter auf einem Weg, der zum «gesegneten Ort Boldern» gehört, wie es der Referent aus Berlin an der Langen Pfingstnacht Anfang Juni formuliert hat …

Madeleine Strub-Jaccoud
Präsidentin des Trägervereins Boldern

22. August

Bist du es nicht, HERR, unser Gott, auf den wir hoffen?          Jeremia 14,22

Über das Land ist eine Dürre hereingebrochen, es ist eine Katastrophe. Unserem Vers geht ein Schuldbekenntnis voraus, als Angebot an Gott. Darauf die Antwort: «Gibt es unter den Nichtsen der Völker solche, die regnen lassen? Oder  ist es der Himmel, der regnen lässt? Bist nicht du es, HERR, unser Gott, und hoffen wir nicht auf dich?» (Jeremia 14,22, Zürcher Bibel) Ja, Gott, wir hoffen auf dich. Und doch sind wir angesichts des grässlichen Krieges in der Ukraine auch dabei zu fragen: «Lässt du, Gott, diesen Krieg zu? Schaffst du nicht ein Ende?» Die Fragen aus dem Text sind so auch unsere Fragen. Und wir wissen keine Antworten, so wie auch im Text keine Antwort zu finden ist. Und doch: «Bist nicht du es, HERR, unser Gott, der regnen lässt?»

Und so fragen wir heute: «Bist nicht du es, Gott, die Lebendige, die Frieden schenkt?» Wir hören nicht auf zu hoffen, wir bleiben dran und hoffen weiter, Tag für Tag, auf Frieden in der Welt. Wir hoffen, dass Gott ihn schenkt, und wir hoffen, dass die Menschen zur Vernunft kommen. Aber Antworten auf die Fragen nach Gottes Handeln oder Hinweise gibt es im Moment keine. Nur etwas gibt es: Die Lebendige lässt uns nicht allein, auch nicht mit unseren Fragen. Also fragen wir weiter und hoffen wir weiter, das ist jetzt genau unsere Aufgabe.

Schenke uns die Kraft, Hoffende zu  bleiben.

Von Madeleine Strub-Jaccoud

21. August

Haltet mich nicht auf, denn der HERR hat Gnade zu meiner Reise gegeben.      1. Mose 24,56

Gewiss, Gott hat die Reise seines Dieners gelingen lassen, denn er kehrt mit Rebekka zu Abraham und seinem Sohn Isaak zurück. Rebekka wird Isaaks Frau werden. Rebekkas Familie wollte sie noch zehn Tage bei sich behalten. Da bittet der Diener darum, nicht aufgehalten zu werden. Er ist so glücklich, dass er das Ziel seiner Reise zur Zufriedenheit Abrahams erreichen konnte, und will nichts anbrennen lassen.

Nicht aufgehalten werden, zielstrebig sein, wer möchte das nicht! In unserer berührenden Geschichte wird die Zielstrebigkeit deutlich mit der Gnade der Lebendigen begründet. Der Diener hatte es Abraham so versprochen und seine Reise auch gut geplant.

Unsere Zielstrebigkeit ist oft mit Zielen verknüpft, die mit den Vorgesetzten vereinbart sind. Wir bekommen dafür sogar schriftlich Anerkennung – oder eben nicht. Bei der Lebendigen ist das nicht anders. Aber da ist noch etwas: Gott hat die Reise gelingen lassen. Der Diener war nicht allein, die Lebendige war mit ihm. Bei unseren Zielvorgaben und deren Auswertung sind wir es, die Ziele setzen oder gesetzt bekommen. Und wir sind dankbar, wenn wir sie erreichen, auch etwas stolz, durchaus, auch wir wollen nicht aufgehalten werden. Und wie oft atmen wir durch, wenn es gelingt. Ob wir auch daran denken, dass die Lebendige unsere Reisen gelingen lässt?

Von Madeleine Strub-Jaccoud

21. Juli

Du wirst an deine Wege denken und dich schämen, wenn ich dir alles vergeben werde, was du getan hast, spricht Gott der HERR.                      Hesekiel 16,61.63

Gott hat mit dem Volk Israel einen Bund geschlossen: Nie mehr soll eine Sintflut über das Land kommen. Dieser Bund ist ewig und wurde gebrochen. Gott aber erinnert sich an den Bund und wird einen ewigen Bund in Kraft setzen (Vers 60). Dann wird sich das Volk Gedanken machen über seinen Weg und wird sich schämen.

Es sind zwei Dinge, die mich in unserem Text ansprechen: Die Lebendige lässt dem Volk sagen, es werde über seinen Weg nachdenken. In sich gehen, nachdenken, entdecken, was schiefgelaufen ist. Ist das nicht ein Nachdenken, das weiterhilft, das ermutigt, aus Fehlern zu lernen? Ich habe  es nicht so mit der Scham, viel mehr mit dem Nachdenken. Das Zweite: Gott lässt nicht nach. Er setzt sein Vertrauen in das Volk und wird einen ewigen Bund in Kraft setzen. Auf die Lebendige ist Verlass, ohne Wenn und Aber. Auch die Töchter und Schwestern sind in diesen Bund eingeschlossen. Das heisst nichts weniger, als dass der Bund für alle gilt. Lange haben wir in der ökumenischen Bewegung vom Bund für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung gesprochen. Wenn ich über den Weg seit den achtziger Jahren nachdenke, dann wurde es leise um diesen Bund, nicht aber um die Themen. Der ewige Bund Gottes hat Bestand.

Dafür danken wird dir – gerade heute!

Von Madeleine Strub-Jaccoud