Kategorie: Mittelteil

Mittelteil Mai / Juni

Boldern – Ort der Begegnung, der Herausforderung, der Hoffnung

An der Jahresversammlung 2014 übernahm Madeleine
Strub-Jaccoud, zusammen mit einem damals kleinen Team,
die Leitung und damit die Neukonzeption von Boldern. An
der kommenden Jahresversammlung 2024 tritt sie zurück
und gibt ihre verschiedenen Funktionen an bewährte Boldern-
Leute weiter. Nachstehend ihr letzter Jahresbericht an
den Förderverein Boldern (vormals Trägerverein Boldern).

75 Jahre Boldern – das Jubiläum am 2. September 2023 hat
Menschen zusammengeführt, hat die Menschen feiern
lassen.
Der Markt hat Boldern belebt, die Menschen haben
getanzt, gefeiert, sich ausgetauscht. Die Gespräche mit verschiedenen
Persönlichkeiten haben Menschen inspiriert. Der
Dokumentarfilm «Boldern inspiriert» wirft einen vertieften
Blick in die Geschichte Bolderns. Das Jubiläumsbuch
mit Beiträgen aus den Veranstaltungen «Boldern inspiriert»
blickt mit Visionen in die Zukunft.
Mit dem Jubiläum ist Boldern im Dorf Männedorf und in
der Region angekommen. Es war leichtfüssig, fröhlich und
passte ganz zu Boldern. Deshalb soll dieser Bericht einen
tiefen Dank an das Organisationskomitee enthalten. Besonders
gilt dieser Dank den Mitarbeitenden des Kompetenzzentrums
Appisberg. Wir durften einfach fragen, und schon
kam Unterstützung. Die Stiftung Boldern hat alle laufenden Projekte weiterentwickelt. Besonders zu erwähnen sind: Die Wohnüberbauung
«Seeterrassen» geht in die Realisierung. Die Umzonung
des Plateaus wird voraussichtlich noch in diesem Jahr
zur Abstimmung kommen. Die Idee, das Hotel Boldern als
Arbeitsintegrationsbetrieb zu führen, nimmt in Zusammenarbeit
mit dem Kompetenzzentrum Appisberg Gestalt
an. Eine besondere Herausforderung stellt die nachhaltige
Bewirtschaftung der Finanzen dar. Im Berichtsjahr hat sich
die Stiftung für eine neue Hausbank entschieden.
Immer wieder stellt sich die Frage: «Wer ist Boldern?»

Boldern – Ort der Begegnung
Der Weg, dieses Ziel zu erreichen, war lang und nicht einfach.
Er geht weiter, und so wird sich Boldern auch immer
wieder verändern.


Boldern – Ort der Herausforderung
Boldern hat in der Vergangenheit Menschen, die in der
Gesellschaft keine oder nur eine leise Stimme haben, eine
Stimme gegeben. Die Veranstaltungen, die Boldern durchführt,
tragen diesem Anliegen Rechnung.


Bolden – Ort der Hoffnung
Wir leben in einer Zeit, wo Kriege wieder zur Realität gehören.
Boldern soll ein Ort sein, wo über Frieden nachgedacht
wird. Boldern soll ein Ort sein, wo Menschen gemeinsam
nach Kraft und Mut suchen und sich gegenseitig darin unterstützen.
Hoffnung ist die Kraft, die wir teilen. Sie kommt
auch heute noch für viele aus dem Evangelium von Jesus
Christus. Um das zu leben, braucht es den Ort, wo auch diese
Dimension zur Sprache kommen darf und Hoffnung geteilt
wird. Davon zeugen auch die Bolderntexte.
Und: Der Förderverein Boldern soll durch den Zusammenarbeitsvertrag
mit der Stiftung Boldern aktiv und kreativ an
der Gestaltung der Zukunft partizipieren. Diese Partizipation
aufzubauen, ist die Aufgabe der nächsten Jahre. Damit
Boldern lebt.
Mit dem Wunsch, dass Boldern sich als Ort der Hoffnung
weiterentwickelt, lege ich die Verantwortung in neue Hände.
Ich bedanke mich sehr herzlich bei meinen Kolleginnen und
Kollegen im Stiftungsrat für ihr Mitwirken und ihre Kraft,
bedanke mich bei der Geschäftsleitung und allen Mitarbeitenden,
auch denjenigen des Hotels, und bedanke mich ganz
besonders bei meiner Familie, die mich kritisch begleitet und
herzlich unterstützt hat.
So weit der Bericht über das letzte Jahr. Wenn er erscheint,
bin ich bereits nicht mehr Präsidentin der Stiftung und warte
gespannt auf die Vereinsversammlung des Fördervereins.
Ich blicke mit Dankbarkeit auf diese Zeit des Gestaltens
zurück und weiss die Leitung Bolderns in guten Händen.
Die Bolderntexte sind eine Säule für Boldern. Sie spiegeln
die Vielfalt in unserer Gesellschaft wider, werten nicht und
öffnen Horizonte. So bedanke ich mich auch an dieser Stelle
Mittelteil
bei allen Leserinnen und Lesern für ihre Treue, bei der Redaktorin
für ihre so wertvolle Arbeit und bei allen Autorinnen
und Autoren für ihre so Kraft schenkenden Auslegungen.
Boldern lebt in den Herzen vieler Menschen, auch in
meinem.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

Mittelteil März / April

Passion – in Granit gemeisselt von Heidi Berner

Im Herbst 2023 waren wir in der Bretagne. In der Umgebung von Morlaix, östlich von Brest, gibt es ganz besondere umfriedete Pfarrbezirke (enclos paroissiaux). Sie bestehen aus Triumphtoren, Beinhäusern, Calvaires (mehrstöckigen Kreuzen) und reich ausgestatteten Kirchen, alles umgeben von einer Mauer. Diese Bauwerke stammen aus dem 15. bis 17. Jahrhundert. Damals sah die katholische Kirche ihre bretonischen Schäfchen in Gefahr, weil sich ein Teil den Hugenotten zugewandt hatte. Die Gegenreformation setzte daher auch auf prachtvolle Heiligtümer. Dank der florierenden Textilmanufakturen in der Gegend waren die Mittel dafür vorhanden.

Besonders beeindruckend sind die Calvaires mit Szenen von der Weihnachtsgeschichte bis zur Passionsgeschichte. Zuoberst ist jeweils Christus am Kreuz. Die Geschichten hören also beim Karfreitag auf.

Auch im Innern sind die Kirchen reich ausgestaltet. Die folgenden Bilder sind aber alle von den Calvaires, die im Freien stehen.

Versuchen Sie selbst, die Geschichten zu entziffern.

Plougonven, Kirche St. Yves

Plougonven, Kirche St. Yves

Plougonven, Kirche St. Yves

Guimiliau, Kirche St. Miliau

St. Thégonnec, Kirche Notre Dame

St. Thégonnec, Kirche Notre Dame

Pleyben, Kirche St. Germain

Von: Heidi Berner

Mittelteil Januar / Februar

Was spriesst denn da?


Im Frühling 2022 liess ich beim Stützpfosten unseres Balkons
vom Gärtner eine Glyzinie pflanzen – nach Absprache mit
den Nachbarinnen und der Verwaltung. Ich spannte Schnüre
zum Balkongeländer hinauf, band die ersten Triebe daran
fest, um ihnen den Weg nach oben zu erleichtern, und goss
die Pflanze in den ersten Wochen regelmässig.
Sie gedieh. Schon im ersten Sommer guckte sie vier Meter
ab Boden über unser Balkongeländer. Wir bahnten ihren
Aufstieg mit weiteren Schnüren.
Nun hat sie im zweiten Sommer bereits den zweiten und
dritten Balkon erreicht, und wir überlegen, ob und wie wir
uns weiter zuwachsen lassen wollen. Für nächstes Jahr hoffen
wir auf die ersten Blüten.
Was mich immer neu fasziniert: Wenn die Verhältnisse stimmen
– Erde, Wasser, Luft, Licht –, dann wächst meine Glyzinie
– oder irgendeine Pflanze – unwiderstehlich. Diese
Kraft! Natürlich stellen Pflanzen unterschiedliche Ansprüche
an ihren Standort, und manchmal erwächst dem, was
ich gepflanzt habe, auch unliebsame Konkurrenz. Aber
dass diese alte Erde, von uns Menschen ausgebeutet und
geschunden, immer noch Grün hervorbringt, lässt mich
staunen und danken.
Und es macht Hoffnung.
Denn die gleiche Schöpferkraft, die es auf dieser Erde spriessen und grünen lässt, wirkt auch am Kommen der neuen Schöpfung. Sie beginnt im Verborgenen – hat längst begonnen! Ihr Kommen wird in der Bibel mit dem verglichen, was wir kennen: mit Werden und Vergehen, mit Wachsen und Reifen in der Natur.
Denn wie der Regen und der Schnee herabkommen vom Himmel und nicht dorthin zurückkehren, sondern die Erde tränken und sie fruchtbar machen und sie zum Spriessen bringen und Samen geben dem, der sät, und Brot dem, der isst, so ist mein Wort, das aus meinem Mund hervorgeht. Nicht ohne Erfolg kehrt es zu mir zurück, sondern es vollbringt, was mir gefällt, und lässt gelingen, wozu ich es gesandt habe. (Jesaja 55,10.11)
Wenn in der Offenbarung das «neue Jerusalem» von oben herabkommt, heisst das wohl nicht, dass es fixfertig vom Himmel fällt, sondern dass es eine andere, eine «himmlische» Qualität hat.
In den Gleichnissen hat Jesus oft Bilder aus der Natur benützt. Kurz vor seiner Passion hat er über sich selbst gesagt: Amen, amen, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht. (Joh. 12,24)
Wir feiern Erntedank, schauen zurück auf das Gute, das uns gegeben wurde – dass wir alles bekommen haben, was wir zum Leben brauchen. Und wir fassen Hoffnung im eigenen Alt- und Älterwerden in einer Welt, in der sich die Katastrophen- und Schreckensmeldungen zu jagen scheinen. Gottes neue Welt wächst im Verborgenen und ab und zu sichtbar: Seht, ich schaffe Neues, schon spriesst es, erkennt ihr es nicht? (Jesaja 43,9)


Von: Dorothee Degen-Zimmermann

Mittelteil November / Dezember

Zusammen träumen – Visionen der Zukunft von Ola Tschernega

Vi Si Onen

Wie Sie ohne

das Lachen und Freude

Ihre Arbeit machen?

Wie Sie Regentropfen

nicht sehen,

wie Sie gehen

und stehen

ohne das Leben

zu verstehen?

Vi Si Onen

Sind Sie mit oder ohne

Frühstück und Problemzonen?

Oder sind das die Visionen

aus den kleinsten Glücksatomen?

Oder oben ohne den Kopf?

Ohne Dankbarkeit

in Worte zu fassen,

ohne das Herz offen zu lassen?

Wo endet unsere Freundlichkeitszone und eine Zone, wo wir ohne den anderen leben können?  Und wo sind Umarmungszonen? Und wohin gehen alle  Visionen, die keine Chance bekommen?

Haben Sie schon versucht, zusammen mit jemandem zu  träumen? Können Sie sich das vorstellen?  Und worüber träumen Sie?

Ich träume von einer wunderschönen Zeit auf der Erde: Wenn alle von uns gemeinsam einen Traum verwirklichen können, wenn alle gemeinsam eine Vision haben können.

Sind Sie sich dessen bewusst, dass Ihre Gedanken materiell sind, dass sie wirkungsvoll sind, dass sie im Stande sind, nicht nur Ihr Leben zu verändern, sondern das Leben Ihrer Nachbarn, Ihrer Kollegen, Ihrer Liebsten, dass sie auf alles, was um uns herum geschieht, Einfluss nehmen können?

Und wissen Sie auch, wie wichtig das ist, eigene Gedanken und Visionen zu steuern und zu kontrollieren?

Und dass es möglich ist, eine grosse Vision zusammen zu erschaffen und sie zu verwirklichen?

Was wünschen Sie sich?

Was wünscht sich Ihr Herz und Ihre Seele?

Wie möchten Sie Ihre Umgebung sehen?

Was möchten Sie gerne verändern?

Visionen sind nicht nur irgendwelche Geistesblitze, die auf Ihrem inneren Bildschirm erscheinen und nachher erlöschen, sondern sie sind das, was Sie sich wirklich wünschen.Was wünschen Sie sich, was wünschen Sie Ihren Kindern, vielleicht auch Enkelkindern, all denen, die nach Ihnen kommen? All denen, die Sie in der Zukunft unterstützen werden, wenn Sie älter werden. Worüber träumen Sie?

Es ist sehr wichtig, dass Sie Ihre Visionen haben!Und wie wunderbar ist es, wenn alle gemeinsam über die unglaublichen Räume träumen:

Räume der Liebe,

des Lächelns,

Räume der Dankbarkeit.

Und wenn jeder schon so eine kleine Vision, die allerdings eine grosse Wirkung hat, in sich pflegt, dann verändert sich vieles in dieser Welt. Jeder von uns kann das!

Ich lächle jeden Tag, unabhängig von dem, was geschieht. Ich bedanke mich bei allen Menschen und bei mir selbst. Ich helfe den anderen.

Ich habe Freude an kleinen und an grossen Dingen. Ich lebe jeden Tag so, als wäre es mein letzter Tag auf der Erde, und ich liebe das Leben!

Ich bin vollkommen da.

Und wie fühlt sich das an? Haben Sie das schon einmal probiert? Mindestens einen Tag lang.

Wie sehr glauben wir an unsere Träume? Wie detailliert oder wie genau sehen wir unsere Visionen vor uns?

Und zwar tagtäglich. Und wenn es nicht der Fall ist, dann bin ich vielleicht von meiner Vision gar nicht überzeugt? Wieso sollen dann andere davon überzeugt sein?

Ich bin sicher:

Visionen der Zukunft gestaltet man gemeinsam! Zusammen, Hand in Hand, ein Herz neben einem anderen Herzen, eine Seele neben einer anderen Seele.

Alle genialen Sachen sind einfach, sie benötigen nur eines: unsere Bereitschaft, etwas in uns selbst und in dieser Welt zu verändern.

Vielleicht sollte man einfach alle Kinder und alle Pubertierenden zusammentun?

Besonders diejenigen, die gerade sehr tief in einer Rebellion stecken und alles anders machen wollen, alles neu machen wollen. Das hat noch niemand ausprobiert.

Einfach die Kinder aus verschiedenen Ländern zusammenbringen und sie ein Bild der Zukunft malen lassen.

Was wäre ihre Vision? Welche Welt wünschen sie sich? Wie soll diese Welt aussehen? Sie sollen das bis ins Detail malen!

Wahrscheinlich ist jedes Stückchen Papier für diese Vision zu klein. Sie brauchen Wände, die haushoch sind, um das alles zu zeichnen, was sie sich vorstellen. Aber eines weiss ich sicher: Das Bild wird mit Frieden aufgefüllt sein, mit Freude, mit Musik, mit vielen bunten Farben, mit der Natur, mit

vielen Menschen, die ein liebendes Herz haben, die einander unterstützen, die mit schönen Worten auskommen, die einander loben, die das Beste in jeder Person hervorheben.

So eine wunderbare Zukunft!

Ich kann das sehen, ich fange schon selbst an, innerlich zu malen, zu gestalten. Aber es nur zu malen, ist nicht ganz zufriedenstellend.

Zuerst malen und dann einen Prototyp erstellen. Eine Möglichkeit erschaffen, wo man all das anfassen kann, wo jedes Detail im Kleinen dargestellt wird, so, wie es aussehen würde oder aussehen könnte.

Und nachher müsste man einen Platz finden, hier, irgendwo auf der Wiese, in den Bergen. Und dann all das, was man sich vorstellt, nachbauen, und zwar alles, bis zur verrücktesten Idee. Welche Idee?

Vielleicht ein UFO, welches zu uns kommt und uns auf Reisen nimmt und wieder zurückbringt. Vielleicht unglaubliche Möglichkeiten, wie wir uns mit den anderen Welten austauschen können und wie wir eventuell den Mond berühren können. Es ist nicht so wichtig, was genau kommt! Träumen Sie gross, träumen Sie wunderschön, farbenfroh, mit Lachen, Singen, Tanzen, mit dem Genuss!!

Und wenn wir das gemeinsam tun, mindestens alle Menschen eines Landes, dann wird sich sicher sofort auf unserer Erde einiges verbessern und verändern, da wir uns das Gleiche vorstellen und wünschen werden.

Eine Vision der Zukunft ist so eine Welt, wo solche Geschenke viel mehr Wert haben:

Ein Lächeln, ein gutes Wort,

Dankbarkeit, Liebe, Freude, Magie.

Visionäre – wer sind diese Menschen?

Das sind diejenigen, die der Zeit voraus sind, die sehen können, was in der Zukunft liegt. Aber für mich sind das vor allem diejenigen, die alles, was sie tun, zu hundert Prozent und mit Freude machen; die das, was sie sehen, dann wirklich erschaffen. Und zwar für alle Lebewesen. Das sind diejenigen, die etwas aktiv tun, die nicht aufgeben, die nichts für sich wollen, die nichts erwarten.

Und sie begreifen etwas Wichtiges: Wenn es meinen Nachbarn gut geht, unmittelbaren Nachbarn und weit entfernten Nachbarn; wenn es in meiner Familie allen gut geht und wenn alle zufrieden sind, dann geht es mir auch gut.

Wenn man begreift, dass jeder von uns etwas dafür tun muss und etwas dafür tun kann, dass ich die Verantwortung für mich und für alle trage, dass jeder von uns ein Teil vom grossen Ganzen ist, dass alles, was wir tun und denken, einen entscheidenden Einfluss auf das Leben auf der Erde hat.

Visionen – das ist vielleicht das, was man bei klarem Wetter sieht, und die Fähigkeit, nur die wichtigsten Sachen vor Augen zu halten.

Die Vision der Zukunft sieht für mich so aus: Die Menschen leben mit einem offenen Herzen, sie können alle ihre Fähigkeiten entwickeln und einsetzen, um sich selbst weiterzuentwickeln und um diese Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Es hat einen grossen Einfluss auf unsere Zukunft. Nur wenn wir einander helfen und unterstützen, wenn wir Schmerzen und das ganze Leben der anderen Person wie unser eigenes spüren können, dann wird sich etwas in unserem Leben und im Leben der anderen verändern.

Wir verändern diese Welt und erschaffen die Vision der Zukunft, indem wir uns selbst verändern, indem wir stetig dran sind, indem wir für alles dankbar sind, indem wir freundlich zu uns selbst und zu den anderen Lebewesen sind, liebevoll und respektvoll.

In diesem Sinne lade ich Sie persönlich ein, die Vision der Zukunft zu gestalten, gemeinsam etwas zu tun. Wenn wir zusammen etwas machen, dann ist es viel leichter und es geht schneller voran!

Ich danke Ihnen!

Ola Tschernega stammt aus der Ukraine und lebt seit mehreren Jahren in der Schweiz.

Ich habe Boldern erst vor Kurzem kennengelernt. Für mich ist es ein besonderer Ort: Ort der Ruhe und Inspiration. Eine Wohltätigkeitsorganisation aus der Ukraine «Day by Day» (https://www.daybyday.com.ua/en) war zum Jubiläumsfest eingeladen. Und ich bin die offizielle Vertreterin dieser Organisation in der Schweiz. So kam Boldern in mein Leben. Dieser Ort hat mir viele Begegnungen mit den wunderbaren Menschen geschenkt und ich bin sehr dankbar dafür!

Von: Ola Tschernega

Mittelteil September / Oktober

Boldern inspiriert – Der Dokumentarfilm von Stefan Muggli

Wenn sich eine Schlange junger Menschen in das Jugendhaus
auf Boldern bewegt, schreiben wir das Jahr 1948. Wenn
ehemalige Studienleiterinnen und Studienleiter von Begegnungen,
Erfahrungen, von offenen Räumen berichten, geht
die Geschichte weiter. Wenn Interviews geführt werden zur
Identität von Boldern, wird deutlich, welche gesellschaftspolitischen
Themen Aufsehen erregen. Wenn sich der heutige
Stiftungsrat über das Modell der zukünftigen Wohnüberbauung
beugt, werfen wir einen Blick in die Zukunft.
Und wenn die Linde vor dem Seehaus ins Bild kommt, reden
wir von den Wurzeln, vom Schutz der Blätterkrone und vom
Blick durch die Blätter in die Weite.
Stefan Muggli schlug uns vor anderthalb Jahren vor, einen
Dokumentarfilm über Boldern zu drehen. Die Filmkommission
erarbeitete gemeinsam mit ihm die Themen des Films
in einem Dossier. Sponsoren wurden gesucht und gefunden,
und schon bald ging es los mit den Dreharbeiten. Ziel des
Films ist es, den Blick in die Zukunft von Boldern zu richten.
Dieser Blick soll sich aus der vielfältigen Geschichte entwickeln
und auch die Gegenwart anschauen. Der Film ist ein
Verweben aller drei Ebenen und zeigt, dass Boldern ein Ort
der Begegnung, der Auseinandersetzung und der Hoffnung
war, ist und sein wird. Die Menschen, die gefilmt wurden,
kommen uns nahe. Die Themen, die angesprochen werden,
sind aktuell, eingebettet in das Nachdenken über die
Präsenz von Kirche in den gesellschaftspolitischen Fragen.
Und immer wieder sehen und hören wir, dass Boldern den
Menschen eine Stimme gibt, die in der Gesellschaft keine
haben. Es ist sehr eindrücklich, dass keine der ehemaligen
Leitungspersonen von «ich habe» spricht, sondern immer
von einem «wir haben». Das gibt einen Blick in die Boldern-
Community.
Der Film feiert am Jubiläumsfest am 2. September Premiere
und kann anschliessend auf der Homepage www.bolderninspiriert.
ch angeschaut werden.

Ein Credo für die Zukunft, Visionen in eine visionslose Zeit – Das Buch, herausgegeben von Hans Strub

Wenn Persönlichkeiten in den vergangenen sechs Jahren im
Rahmen der Veranstaltungen von «Boldern inspiriert» über
theologische, politische, ökologische Themen berichteten
oder als Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus ihren Werken
lasen, dann wurde zugehört, gefragt, diskutiert, ja sogar
debattiert. Wenn Menschen aus der nahen und der weiteren
Umgebung auf Boldern kamen, um sich inspirieren zu lassen,
entwickelte sich eine Atmosphäre der Konzentration und
der Solidarität. Die beiden «langen Pfingstnächte» liessen
ebenso wie etliche Veranstaltungen eine Gemeinschaft entstehen,
die gerne auch als «Kirche auf Zeit und bei Gelegenheit
» bezeichnet werden kann.
Nun wurden die Persönlichkeiten, die sich an den Veranstaltungen
beteiligt hatten, die Autorinnen und Autoren
der Bolderntexte und einige andere angefragt, einen Text
zu schreiben über ihre Perspektiven und Visionen für die
Zukunft, die sie mit anderen teilen möchten. Und wieder
ist eine Vielfalt entstanden, eine Vielfalt, die nicht beliebig
ist, sondern eine, die aktuelle Fragen aufnimmt und in Visionen
giesst. Es sprudelt geradezu! Und es verwundert nicht,
dass viele der Beiträge an Themen anknüpfen, die auch im
Film angesprochen werden. Das Buch gibt Einblick in gesellschaftspolitische
Herausforderungen wie Migration, in die
Theologie, in die drängenden Fragen der Klimakrise, in die
Literatur und den politischen Diskurs. Das Buch ermutigt
dazu, die eigenen Visionen zu ergründen. Und es ermutigt
zum Gespräch, zur Auseinandersetzung und zur Hoffnung.
Es zeigt auf, dass gar nicht über die Zukunft von Boldern
geschrieben werden muss, sondern dass der einmalige Ort
selbst ein Ort der Zukunft ist.
Die Vernissage findet am Jubiläumsfest am 2. September
statt. Das Buch kann anschliessend bei der Geschäftsleitung,
dominique.meier@boldern-inspiriert, für Fr. 20.– erworben
werden.

Mittelteil Juli / August

Bolderntexte – das sind wir!
Die Autorinnen und Autoren stellen sich vor
:

Kathrin Asper
Geboren 1941, wuchs ich in Küsnacht auf
und besuchte da die Primarschule. Es folgten
Gymnasium und Studium, das ich in
Literatur und Pädagogik abschloss. Heirat
und Familiengründung. Nach einer Ausbildung
zur Psychotherapeutin führe ich seit
1975 eine eigene Praxis in Meilen. Nunmehr teilpensioniert,
darf ich mich unter anderem dem Garten, den Bolderntexten
und der Malerei widmen. Kirche, religiöse Ikonografie und die
Bibel haben mich immer interessiert und mir viel gegeben.


Heidi Berner
Während meines Biologiestudiums
faszinierte mich die Formenvielfalt
von Rädertieren, Hüpferlingen
und Kieselalgen. In einer kirchlichen
Frauengruppe entdeckte ich später eine ebenso reiche Welt,
die oft im Widerspruch zu meinem naturwissenschaftlichen
Weltbild stand. Ich begann meine Gedanken zu notieren
und mit anderen zu teilen.
Schon zehn Jahre lang bin ich im Team der Bolderntexte,
dankbar für die Herausforderung, in den oft sperrigen, aus
dem Zusammenhang gerissenen Losungstexten etwas zu
entdecken, das zu mir, zu uns heute spricht. Seit Ende 2022
redigiere ich die Bolderntexte – eine Aufgabe, die ich mit
Respekt und Freude übernommen habe.


Rolf Bielefeld
Ich bin 64 Jahre alt und lebe mit meiner
Frau seit gut 20 Jahren in Berlin
bin aber nach wie vor Fan vom BVB
aus meiner Geburtsstadt Dortmund.
Nach Jahren als Vorstand/Geschäftsführer
diverser nationaler und internationaler Unternehmungen
bin ich seit vielen Jahren selbständig als Berater für
Non-Profit-Organisationen unterwegs (www.accitare.de). Ich
bin Mitglied der Iona Community (www.iona.org.uk) und
engagiere mich auch bei Religious for Peace (www.rfp.org) in
Europa. Ausserdem freue ich mich auf meinen Ruhestand in
gut einem Jahr.


Annegret Brauch
Seit vielen Jahren schreibe ich Bolderntexte.
Es ist für mich eine geistliche Übung, eine
Freude und manchmal auch eine Herausforderung.
Im Gespräch mit der mir zugefallenen
Tageslosung oder dem Lehrtext
entdecke ich oft überraschend Neues,
unerwartete Verknüpfungen, Trost und
Kraft des Gotteswortes.
Beruflich habe ich als Pfarrerin in der Gemeinde, im Schuldienst,
in der Erwachsenenbildung, der Frauenarbeit und
zuletzt als persönliche Referentin des Landesbischofs gearbeitet.
Seit April 2022 bin ich im «Ruhestand».


Markus Bürki
Ich bin Vater von drei Kindern, Sozialdiakon,
Erwachsenenbildner, Coach und Supervisor
bso, Umweltberater und Musiker. Ich liebe
Gespräche zwischen Bibel, Bier und Gesang!
Darum habe ich unter anderem ein Buch
geschrieben und veröffentlicht: «Bibel, Bier,
Gesang – das volle Leben!».
Mit viel Freude schreibe ich für die Bolderntexte. In Muttenz
bin ich für die reformierte Kirche als Sozialdiakon in der
Seniorenarbeit angestellt. Daneben bin ich in der Männer- und
Väterarbeit unterwegs.


Dorothee Degen
Meine geistliche Heimat ist die Baptistengemeinde
Zürich. Seit ich in der Mittelschulzeit
den Weg in die Bibelgruppe (VBG)
gefunden habe, gehört die Bibel zu meinem
Leben als sättigendes, manchmal auch
sauer aufstossendes Brot.
Auch das Schreiben gehört zu mir: Artikel,
Bücher, Redaktionsarbeit – und nun eben Bolderntexte.
Ich lebe seit über fünfzig Jahren in Zürich und schätze
mich glücklich, dass unsere drei Söhne, drei Schwiegertöchter
und acht Enkelkinder in guter ÖV-Reichweite wohnen.


Andreas Egli
Als pensionierter Pfarrer und Spitalseelsorger
wohne ich mit meiner Frau in Schaffhausen.
Unsere drei erwachsenen Kinder leben
in Zürich und in der Region Schaffhausen.
Gerne sind wir für unsere vier kleinen Enkelkinder
da. Schon lange beschäftige ich mich
mit der Hebräischen Bibel. Nun habe ich Zeit, die moderne
hebräische Sprache besser kennenzulernen. Die Bibel
betrachte ich als ein «Buch des Lernens» (Ingo Baldermann).
Die Texte dokumentieren, wie Menschen in einer bestimmten
Situation daran waren, etwas Wichtiges zu lernen. Bei späteren
Lesern kann wieder ein Lernprozess stattfinden.


Andreas Fischer
Ein Nichtwissender werden – von diesem
Ziel aller mystischen Wege würde ich mir
wünschen, dass es meinem Leben die Richtung
wiese. Und auch meinem Schreiben
von Bolderntexten. Neugierig warte ich
jeweils auf die mir zugespielten Losungen
und versuche, wenn sie mir dann vorliegen, besonders auf
Unbekanntes zu achten. Einkehr in die Stille und Rückkehr
zum Urtext helfen mir, den Kopf von den eigenen Konzepten
zu befreien. «Giess aus, damit du erfüllt wirst!» (Meister
Eckehart)


Chatrina Gaudenz
Ich bin gebürtige Rätoromanin
und in Lavin im Unterengadin aufgewachsen.
Ich studierte Vergleichende
Religionswissenschaften
mit Schwerpunkt Judentum in Zürich, Luzern und Jerusalem.
Unterdessen bin ich Pfarrerin in der reformierten Gemeinde
Zürich-Fluntern und gehörte von Herbst 2020 bis Herbst
2022 zum Team der SRF-Sendung «Wort zum Sonntag».


Dörte Gebhard
Ich wuchs in der ehemaligen DDR auf,
absolvierte das Abitur nach dem Mauerfall.
Danach studierte ich Theologie in Kiel und
Tübingen; war wissenschaftliche Assistentin
und im Pfarramt in Deutschland. Seit
2010 bin ich Privatdozentin für Praktische
Theologie an der Universität Zürich und seit 2012 Teilzeitpfarrerin
in Schöftland AG mit Schwerpunkt Erwachsenenbildung.
Ich veröffentlichte «Menschenfreundliche Diakonie», «Glauben kommt vom Hörensagen». Regelmässig
Onlinepredigten, die das Komische am Christentum nicht
verschweigen.


Barbara Heyse-Schaefer
Ich bin Pfarrerin in der evangelischen Pfarrgemeinde
Wien-Währing & Hernals, ab
2024 werde ich im Ruhestand sein. Zuvor
war ich Studentenpfarrerin an den Wiener
Hochschulen und danach viele Jahre
Leiterin der Evangelischen Frauenarbeit in
Österreich. Ehrenamtlich habe ich als Präsidentin des Europäischen
Projekts für Interreligiöses Lernen den Dialog zwischen
christlichen und muslimischen Frauen mitgeprägt,
aber auch den Austausch zwischen Frauen in verschiedenen
Ländern Europas. Ich bin Mutter von drei Kindern.


Matthias Hui
Aufgewachsen bin ich im Zürcher Oberland.
Dort, wo die Reformation für kurze
Zeit viel radikaler umgesetzt wurde als in
der Zwinglistadt. Solche Verbindungslinien
zwischen dem Religiösen, dem Politischen
und dem Privaten haben mich stets interessiert.
In Zürich, Bern und Berlin/DDR studierte ich Theologie.
Unsere Patchworkfamilie in Bern, eingebettet in eine
Wohngemeinschaft in einem grossen Genossenschaftshaus,
ist mein Zuhause. Ich arbeite bei der Menschenrechtsorganisation
«humanrights.ch» und als Co-Redaktionsleiter
der Zeitschrift «Neue Wege» mit Wurzeln im Religiösen
Sozialismus.


Esther Hürlimann
Das Schreiben der Bolderntexte ist für
mich eine spirituelle und kreative Aufgabe,
die ich als Bereicherung empfinde. Meine
Bibelfestigkeit ist sehr selektiv, dafür aber
innig-kritisch – beeinflusst durch mein
Aufwachsen in einem landeskirchlich-liberal
geprägten Pfarrhaus im Kanton Zürich. Die Faszination
für die poetische Kraft der Bibel wurde genährt in meinem
Studium der Geschichte, Germanistik und Judaistik.
Beruflich war ich nach meinem Universitätsabschluss einige
Jahre im Tagesjournalismus tätig, bis ich vor 25 Jahren mit
dem Herausgeben und Schreiben von Büchern begann. Als
Sachbuchautorin habe ich mich auf Firmen- und Familiengeschichten
spezialisiert. Zudem leihe ich meine Feder für
historische Festreden und schicksalhafte Lebensgeschichten
aus.


Ralph Kunz
Es gehört zu den Privilegien meines Berufs,
dass ich mich beinahe täglich mit biblischen
Texten beschäftigen darf. Ich lehre
Praktische Theologie und verdiene sozusagen
mein Brot mit dem Wort. Das Schreiben
von Bolderntexten gehört dazu. Manchmal sperrt sich
aber das Wort gegen meine Verarbeitung. Das macht mir
dann zu schaffen und ich muss warten, bis das Wort an
mir und in mir arbeitet. Ich hoffe, dass diese Wort-Arbeit
in den Bolderntexten spürbar wird, und freue mich, wenn
sie weitergeht.


Andreas Marti
Studiert habe ich Musik – Orgel, Cembalo
und Chorleitung – und Theologie,
diese sozusagen als Hilfswissenschaft für
die Kirchenmusik. Gearbeitet habe ich da,
wo beide Bereiche sich überschneiden, am
Reformierten Gesangbuch, an der Liturgie,
im Unterricht im Rahmen des Theologie- und des Kirchenmusikstudiums.
Die musikalische Praxis, kirchlich und weltlich,
hat immer eine wichtige Rolle gespielt und spielt sie
seit meinem «Ruhestand» konkurrenzlos, mit Orgeldiensten
reformiert und katholisch, deutsch und französisch, mit
Konzerten und in der Chorleitung. Die Bolderntexte fordern
mich als jahrzehntelangen professionellen Predigthörer jetzt
heraus, eigene Reaktionen auf biblische Sätze zu formulieren.
Manchmal reizen mich diese zum Widerspruch oder aber sie
helfen mir, Widerspruch anzumelden gegen vieles, womit ich
nicht einverstanden sein kann. Den Habitus des alten 68ers
wird man offenbar nicht los …


Carsten Marx
Ich wurde 1973 in Krefeld geboren und
wuchs am Niederrhein, in Graz und Wien
auf. Ob als Prediger, Kirchenmusiker, Sprecher,
Chorleiter oder Moderator mag ich
das, was Sprache und Musik können. Seit
Herbst 2014 bin ich als Gemeindepfarrer
im Südburgenland in Grosspetersdorf und Rechnitz tätig.
Ich bin Vater von drei Töchtern, bin gut vernetzt, liebe einen
guten Kaffee, sinnvolle Gedanken, Bücher um mich herum,
inspirierende Gespräche, etwas Neues auszuprobieren und
Fahrten mit der Eisenbahn.


Katharina Metzger
Ich mag es, bei den Bolderntexten schreibend
dem nachzuspüren, was die Bibelverse
in mir auslösen. Die sehr kurze Form
für jeden Tag und die Beschränkung auf
einen oder wenige prägnante Gedanken
gefallen mir. In meine Texte fliesst oft mein
Alltagsleben ein, geprägt durch meine Arbeit als Lehrerin
oder meine Familie. Gerne lese ich solche persönlichen und
aus der jeweiligen Erlebniswelt geborenen Annäherungen
an die Bibelverse auch bei anderen. Andererseits weisen die
Bolderntexte auch über diesen Alltag hinaus und rühren an
die Wunder und die Abgründe des Lebens.


Maria Moser
Ich studierte Theologie in Wien und Interkulturelle
Frauenforschung in Manila. Seit
September 2018 bin ich Direktorin der Diakonie
Österreich. Davor war ich Pfarrerin
in Wien-Simmering und wissenschaftliche
Referentin am Institut für öffentliche
Theologie und Ethik der Diakonie. Ich blicke auf langjährige
Berufserfahrung im Religionsjournalismus als Redaktorin
beim ORF sowie in universitärer Forschung und Lehre und
Erwachsenenbildung zurück.


Ruth Näf Bernhard
Bis zu meiner Pensionierung im Frühjahr
2020 arbeitete ich als Pfarrerin an der
Stadtkirche Winterthur. Früher war ich als
Heilpädagogin und Paar- und Familientherapeutin
tätig. Neben meiner beruflichen Tätigkeit habe
ich stets geschrieben. Mehrere Gedichtbände sind bereits
erschienen, zuletzt «Halte uns im Leben wach» im Echter
Verlag Würzburg (2023).
Der Mensch steht im Zentrum, wenn ich schreibe. Der einzelne
Mensch mit seiner Geschichte. Der Mensch vor Gott.
Der Mensch in Beziehung. Und wie sich im Spiegel biblischer
Texte dieses Leben verstehen und ausweiten lässt.


Elisabeth Raiser
Aus allen beruflichen und fast allen
ehrenamtlichen Tätigkeiten bin ich
inzwischen ausgeschieden, habe viel
Zeit und eine grosse Familie, die mich
beglückt. Die politischen Ereignisse wecken in mir zunehmend
den Gedanken: Was könnte ich in meinem kleinen
Umfeld für eine positive Wendung tun? Im Moment: welche
Schritte zum weiteren Energiesparen und zur Rückkehr zu
einem verantwortlichen Friedensdiskurs? Das fordert mich
im besten Sinn heraus.
Jeden Morgen lesen mein Mann und ich den jeweiligen
Bolderntext. Welche Fülle an Glauben, Erkenntnissen,
Lebenserfahrungen kommt uns da entgegen! Danke!


Felix Reich
Felix Reich, 1977. Ich wohne mit meiner
Frau und meinen drei Töchtern
in Zürich. Ich bin in Marthalen und
Winterthur aufgewachsen und seit
2012 Redaktionsleiter der Zeitung «reformiert.» in Zürich.
Zuvor arbeitete ich als freier Journalist und zehn Jahre in
verschiedenen Funktionen in der Redaktion der Tageszeitung
«Der Landbote», zuletzt als Bundleiter Stadt Winterthur
und Kultur. Ich studierte Germanistik, Allgemeine
Geschichte und Vergleichende Literaturwissenschaften in
Zürich und Berlin. Ich bin Mitglied des Patronatskomitees
der Sozialwerke Pfarrer Sieber und spiele beim FC Religionen.


Barbara und Martin Robra
Wir verfassen unsere Texte gemeinsam.
Wir leben seit 1994 in der Suisse
romande. Zuvor lebten wir beide in
von Stahlwerken geprägten Kirchgemeinden
im Ruhrgebiet. Zur Familie gehören fünf Kinder
und zwei Enkelkinder, Pferde, Esel und Katzen.
Barbara: Ich bin selbständig und produziere Bücher, Filme
und Ausstellungen mit meiner Firma CAM (Communication,
Arts, Media).
Martin: Ich habe in verschiedenen Funktionen für den Ökumenischen
Rat der Kirchen gearbeitet.


Gert Rüppell
Nach einer Ausbildung zum Reedereikaufmann
und meiner Mitarbeit in
verschiedenen ökumenischen Aufbaulagern
studierte ich Theologie in
Helsinki, Kiel und Hamburg. Ich arbeitete unter anderem an
den Universitäten Hamburg, Helsinki und Bielefeld, an der
Missionsakademie und der Internationalen Volkshochschule
Viittakivi, Finnland, und war für acht Jahre im Bereich Bildung
und Mission beim Ökumenischen Rat der Kirchen tätig.
Ich habe zwei Kinder, die mit ihren jeweiligen Partnern und
vier Enkelkindern in Finnland leben.


Benedict Schubert
Im Feld, das sich zwischen der evangelisch-
reformierten Kirche, der Communität
Don Camillo, der weltweiten Kirche
(namentlich Angola und Moçambique)
auftut, habe ich mich im Studium, im
Berufsleben und seit Juni 2022 als Pensionär
bewegt. Biblische Texte faszinieren mich als Räume, in denen ich
Gott, den anderen, der Welt und mir selbst begegne. Manchmal
verlasse ich diese Räume mit mehr Fragen, als ich sie
betreten habe. Andere Male geht mir darin ein Licht auf,
das mich lange begleitet und mir den Weg leichter macht.


Heiner Schubert
Seit ich 21 bin, lebe ich in der Communität
Don Camillo. Mir passt das Leben in
Gemeinschaft sehr. Meinen Alltag verbringe
ich damit, zu kommunizieren, in
Wort und Bild (www.wort-hand.com). Oft
habe ich es dabei mit der Bibel zu tun, aber
ich stehe immer noch sehr am Anfang. Was für ein Buch!
Theologie habe ich studiert und dann eine Schreinerlehre
absolviert und geheiratet. Heute höre ich viel zu, predige, so
oft es geht, und versuche, im Auftrag der Gemeinschaft die
Gemeinschaft zusammenzuhalten.


Hans Strub
Hans Strub, geb. 1945, Mitschreiber an den
Bolderntexten bin ich seit 1973, insbesondere
in der Zeit als Studienleiter und Leiter
von Boldern (1979–1987). Vor dieser Zeit
war ich Gemeindepfarrer in Zürich-Hirzenbach,
nach der Boldernzeit Beauftragter für
die Vikariats-Ausbildung (im Konkordat) und die Weiterbildung
der Pfarrerinnen und Pfarrer (in den ref. Kirchen der
Schweiz). Seit 2010 bin ich pensioniert und Mitglied der Bezirkskirchenpflege
Zürich. Mitwirkung im Helfereitheater. Verheiratet
mit Madeleine Strub-Jaccoud, eine Tochter und zwei
Söhne, zusammen sechs Enkelkinder.


Madeleine Strub-Jaccoud
Die Bolderntexte gehören zu meinem
Leben – als Leserin und Schreiberin bin
ich mit Mitlesenden verbunden. Eine Boldern-
Community – das ist der Traum, der
weitergehen soll. Meine Lebensschritte
führten immer wieder nach Boldern. So
auch jetzt, nach meiner Zeit als Direktorin von Mission 21,
Basel, als Präsidentin des Fördervereins Boldern. Und wie
gerne bin ich auch Grossmutter von sechs Enkelkindern!


Lars Syring

Lars Syring, Jahrgang 1971. Ein Ostwestfale
im Appenzell. Ich mag das Meer und Spaghettieis.
Ich backe mein tägliches Brot
selbst, fotografiere gerne und betreibe
einen Youtube-Kanal: #Mystik und Ich. Seit
2001 bin ich Pfarrer in Bühler AR. Ich bin
verheiratet und habe drei Kinder.
Sigrun Welke-Holtmann
Ich bin 47 Jahre alt, verheiratet und Mutter
zweier erwachsener Söhne. Wir wohnen
mit unserem Hund in Homburg/Saar.
Seit 2016 bin ich Dozentin für Gottesdienst,
Predigt und Seelsorge am Protestantischen
Predigerseminar in Landau/Pfalz. Davor
war ich mit viel Freude elf Jahre Gemeindepfarrerin.
Meine Bolderntexte kann man manchmal sogar hören, da
sie mir ab und zu als Vorlage für meine Radioandachten im
Saarländischen Rundfunk dienen.

Mittelteil Mai / Juni

Boldern – ein Ort der Begegnung und Inspiration
Die Verantwortlichen der Stiftung stellen sich vor


Madeleine Strub-Jaccoud, Präsidentin
Mit Boldern verbindet mich eine lange Geschichte. Seit 2014
versuche ich nun, diesen einmaligen Ort mit all seinen Chancen
in eine gute Zukunft zu führen. Boldern soll als Ort
der Begegnung, der Auseinandersetzung und der Hoffnung
weiterentwickelt werden. Mich fasziniert und motiviert die
Gratwanderung, gesellschaftspolitische, ethische, theologische
und ökologische Themen lebendig zu halten und
gleichzeitig Boldern so zu positionieren, dass die finanzielle
Basis gesichert ist. Dazu dienen in naher Zukunft die Mieteinnahmen
aus der Wohnüberbauung. Als Präsidentin des
Stiftungsrats und des Vorstands des Fördervereins trage ich
gerne die Verantwortung.


Urs Häfliger, Vizepräsident
Ich bin im Jahr 1959 im Zürcher Oberland geboren und aufgewachsen.
Seit 1985 wohne ich im Bezirk Meilen. Ich bin
seit über 30 Jahren verheiratet und habe einen erwachsenen
Sohn. Ich bin seit eh in der Finanz- und KMU-Branche tätig.
Seit meiner Jugend und bis heute engagiere ich mich in
diversen Vereinen und Institutionen (sozial, beruflich, gesellschaftlich,
kirchlich, sportlich). Für mich verpflichtet wirtschaftlicher Erfolg zu nachhaltigen
persönlichen Investitionen in unsere Gesellschaft. Das heisst,
das Wohl der Menschen steht für mich im Mittelpunkt. Dies
motiviert mich sehr, für Boldern aktiv tätig zu sein und das
heutige Boldern auch in eine erfolgreiche Zukunft zu begleiten.


Giampaolo Fabris, Quästor
Als nun pensionierter Banker bin ich im Stiftungsrat für
die Finanzen verantwortlich und vertrete den Stiftungsrat
auch im Verwaltungsrat des Hotels. Mit dieser Funktion als
«Hotelier» erfülle ich mir einen Kindheitstraum.
Es ist es mir auch ein Anliegen, dass Boldern mittels Seminarbetrieb
und Veranstaltungen weiterhin ein Ort der Begegnung
und der Diskussion über soziokulturelle Entwicklungen
bleibt. Die wichtigste Ressource dafür ist die Entwicklung
des Areals. Wenn wir dies auch finanziell geschickt machen,
bleibt Boldern ein geistiger Strahlpunkt.


Dominic Lüthi, Stiftungsratsmitglied
Ich bin Vater von zwei Kindern und Unternehmer. 2008
habe ich eine regionale Bierbrauerei mitbegründet, seit 2013
präsidiere ich das Unternehmerforum Zürichsee und schon
viele Jahre setze ich mich beruflich für Diversität in Verwaltungsräten
und Stiftungsräten ein. Boldern mit seiner Gastronomie und dem Seminarhotel
empfinde ich als einzigartigen Ort der Begegnung mit einer
immensen Geschichte. Weil mir das Aufblühen und der
Austausch von Menschen an diesem Ort am Herzen liegen,
engagiere ich mich seit 2015 als Vorstandsmitglied und jetzt
als Stiftungsrat für Boldern. Meine Hauptaufgaben sind die
Kommunikation, die sozialen Medien und die wirtschaftliche
Vernetzung von Boldern in der Region.


Annette Konrad, Stiftungsratsmitglied
Ich wohne in Herrliberg, bin verheiratet und Mutter zweier
erwachsener Kinder. Seit 2019 arbeite ich als Juristin in der
Führungsmannschaft von Boldern mit, um den Ort Boldern
mit seiner langen Geschichte für die Zukunft zu erhalten.
Ich setze mich dafür ein, dass Boldern als Ort an einmalig
schöner Aussichtslage durch ein gut funktionierendes Hotel
mit einladendem Restaurationsbetrieb und Infrastruktur für
sinnstiftende Veranstaltungen für ein vielseitiges Publikum
attraktiv wird, so dass alle Besuchenden sagen: «Der Weg
nach Boldern hat sich gelohnt.»


Daniel Walser, Stiftungsratsmitglied
Ich bin seit 2001 verheiratet und habe einen Sohn. Seit
2020 bin ich im heutigen Stiftungsrat. Als Baukommissionspräsident
bin ich verantwortlich für die Wohnüberbauung,
welche 60 Wohnungen umfasst. Boldern als Ort mit gesellschaftlichen
und sozialen Themen inspiriert und fasziniert
mich. Verantwortungsvoll zur Entwicklung beizutragen, um
so einen Mehrwert für künftige Generationen zu schaffen,
erfüllt mich mit Stolz.


Dominique Meier, Geschäftsleiterin
Seit mehr als drei Jahren darf ich Teil des Boldern-Teams sein
und jeden Tag aufs Neue die Vielfalt Bolderns erleben.
Mit der Planung und Umsetzung der Wohnüberbauung,
der Weiterentwicklung von «Boldern inspiriert» und
der Gründung der Stiftung wird ein neues Kapitel in der
Geschichte Bolderns aufgeschlagen. Es freut mich sehr, dass
ich Teil dieses Kapitels sein darf und die Geschichte Bolderns
aktiv in der Rolle der Geschäftsleiterin mitgestalten kann.

Mittelteil März / April

Die neue Redaktorin Heidi Berner stellt sich vor:

Persönliches
Ich wurde am 13. August 1955 geboren und wuchs in Faulensee
am Thunersee auf. Nach der Schulzeit in Faulensee, Spiez
und Interlaken (Gymnasium) studierte ich in Bern Biologie.
Mein Spezialgebiet ist die Gewässerbiologie: In meiner Diplom-
und Doktorarbeit untersuchte ich die Populationsdynamik
von Rädertieren, kleinen mehrzelligen Planktonlebewesen
mit grosser Formenvielfalt.
An der Uni Bern lernte ich meinen Mann Peter kennen,
ebenfalls Gewässerbiologe. Seit 1986 wohnen wir in Lenzburg.
Wir haben drei Kinder und drei Enkelkinder.


Beruf
Nach dem Studium übernahm ich gewässerbiologische Aufträge.
Einerseits waren dies Bestandesaufnahmen der wirbellosen
Kleintiere in Fliessgewässern, andererseits seit über
zwanzig Jahren das Auszählen von Planktonkrebschen von
Neuenburger- und Murtensee im Rahmen eines umfassenden
interdisziplinären Kontrollprogramms (www.die3seen.ch).
Wegen meiner politischen Tätigkeit geriet die Biologie als
Erwerbszweig eher ins Hintertreffen. In den Lenzburger Neujahrsblättern
durfte ich, teils zusammen mit meinem Mann,
Artikel zur Natur in und um Lenzburg beisteuern, vorletztes
Jahr über den Aabach, einen Zufluss der Aare, und was darin
kreucht und fleucht.

Politik
Von 1994 bis 2017 war ich für die Evangelische Volkspartei
EVP politisch tätig: 1994 bis 2003 im Einwohnerrat (Gemeindeparlament),
1996 bis 2004 im Grossen Rat (Kantonsparlament)
des Kantons Aargau und 2004 bis 2017 im Stadtrat
(Exekutive) von Lenzburg. Im Stadtrat war ich die ganzen
vierzehn Jahre für das Ressort Soziales / Gesundheit zuständig.
Ich lernte in diesem Amt als Präsidentin der Sozial- und
der Einbürgerungskommission sehr viele Menschen von
Jung bis Alt mit ihren Geschichten kennen.
Im Rahmen des Stadtratsmandats war ich in diversen Trägerschaften
im Sozial- und Gesundheitsbereich und übernahm
von 2007 bis Mitte 2022 das zeitintensive Präsidium
der Trägerschaft unseres Alterszentrums. Freude bereitete
mir die Mitarbeit in der Redaktion der Hauszeitung «mülizytig
». Für dieses Blatt, das seit Dezember 2008 viermal
jährlich erscheint, werde ich weiterhin Beiträge schreiben.


Schreiben
Die Formenvielfalt von Rädertieren und Hüpferlingen, Kieselalgen
und Eintagsfliegen faszinierte mich bereits während
meines Biologiestudiums.
In einer kirchlichen Frauengruppe entdeckte ich später
eine ebenso reiche Welt, die oft im Widerspruch zu meinem
naturwissenschaftlichen Weltbild stand. Ich begann meine
Gedanken zu notieren und mit anderen zu teilen. So kam ich
schliesslich 2003 für fünf Jahre in die Redaktion des Aargauer
Kirchenboten.

Seit mehreren Jahren schreibe ich jeden Tag einen kleinen
Text. Es sind eine Art Tagebuch-Miniaturen. Oft dienen
mir diese Notate als «Steinbruch» für meine Bolderntexte.
Einige Beispiele finden Sie nachfolgend.
Auf wundersam verschlungenen Pfaden landete ich nämlich
2013 im Team der Bolderntexte. Die Losungen sind in
ihrer Fremdheit und Widerspenstigkeit inspirierend: Was
heisst das hier und heute? Für Gläubige und Ungläubige?
Im Jahr 2019 gewann ich im Schreibwettbewerb der Zürcher
Landeskirche zur Frage «was fehlt, wenn Gott fehlt?» den
zweiten Preis mit meinem Beitrag «Creux du Van».
Mit der Aufgabe als Redaktorin der Bolderntexte kann ich
meinem Lebenslauf ein weiteres spannendes Kapitel anfügen.

Einige Miniaturen

19. Mai 2012
Pfützen
Es gibt fast keine
Pfützen mehr.
Schade, denn
sie spiegeln uns ein
Stück Himmel
auf die Erde.
Nur Kinder sind
in der Regel
mutig genug
hineinzuspringen.

31. Oktober 2015
Oase
Begegnungen in der Oase,
Raum der Stille, Raum
für Stille. Zur Ruhe kommen,
allein und gemeinsam.
Sich darauf einlassen,
loslassen. Den Segen
weitertragen.
(… nach einem Treffen mit den Autorinnen und Autoren auf
Boldern)
Mittelteil

02. September 2018
Stille
Es ist sehr still
in der Kirche
in einer Sequenz
der Stille.
Eine Wohltat.
Die Worte haben
mich weniger
überzeugt.

29. Juli 2019
Glück

Aufgewacht nach kurzer
Siesta in der Hängematte,
einen Augenblick bloss
gewusst: So ist Glück.

08. Januar 2021
Zackenrädchen
Ich bin privilegiert.
Wer schon kennt
das Zackenrädchen?
Heute hundertfach
gesehen, bewundert,
gestaunt über die Form.
Wie ein Schmuckstück
sieht sie aus,
diese Algenkolonie.
Dem blossen Auge
verborgen, nur sichtbar
unter dem Binokular.
Am 9. September 2020
hat es Tausende
dieser natürlichen
Kunstwerke
im Neuenburgersee.

08. Dezember 2021
Werkeln

Das Werkeln mit Texten
ist erfüllend und schön.
Es ist, wie wenn ich
Lehm in den Händen hätte.
Sprache zum Formen.

23. Januar 2022
Zählen

«Weisst du, wie viel Sternlein stehen» –
dieses Lied sollen sie dann einmal
singen, wenn sie mich verabschieden.
Das habe ich mir heute gedacht
beim Plankton-Zählen.
Auf jeden Fall weiss ich, wie viele
Wasserflöhe und Hüpferlinge
im Neuenburgersee waren, natürlich
nur als Stichprobe vom 22. Juli 21.
Die ganze grosse Zahl kenne ich
natürlich nicht, niemals. Da kann ich
zählen, so lange ich will.

26. Juni 2022
Messer

Wieder mit dem Messer
am Hals einige Texte
fertig geschrieben.
Geht doch.
Die Haut ist noch intakt.

15. Dezember 2022
Käthi
Keine Antwort
auf meine Mail
von heute Morgen.
Sonst war sie immer
so schnell.
Kurz vor neun Uhr
abends dann
eine Nachricht
vom Sohn.
Sie sei gestorben
in der Nacht vom auf den 14.
Traurig.

Von: Heidi Berner

Mittelteil Januar / Februar

Was von der Versammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen
bleibt und Hoffnung schenkt
:


Vom 31. August bis 8. September 2022 kamen in Karlsruhe
Menschen aus allen Erdteilen zusammen, um miteinander
Gottesdienst zu feiern, über die Kraft des Evangeliums nachzudenken
und die Zukunft zu gestalten. Auch verschiedene
Bolderntexte-Autorinnen und -Autoren nahmen an der Versammlung
teil. Sie erzählen hier von einem persönlichen
Erlebnis, das sie ermutigt hat und sie in Erinnerung begleiten
wird.


Der Geist des Pfingstfests ist lebendig
Von: Barbara Robra
Viertausend Menschen aus aller Welt strömen in das grosse
Zelt im Zentrum des Karlsruher Messegeländes. An diesem
luftigen Ort unter freiem Himmel spüren wir den Geist Gottes,
der uns in aller Verschiedenheit verbindet. Wenn Tag
für Tag Menschen aus 120 Ländern das Gebet, das Jesus uns
gelehrt hat, in ihrer Muttersprache zur gleichen Zeit laut
beten – dann ist das ein Pfingstwunder.
Wenn Menschen aus Israel und Palästina, aus Russland
und der Ukraine, wenn Katholiken, Orthodoxe, Reformierte,
Lutheraner, Anglikaner, Muslime, Juden, Buddhisten,
Pfingstler, Evangelikale miteinander reden und miteinander
Mittelteil
beten – dann ist der Geist des Pfingstfests lebendig. Hier
wird geweint, unfassbares Leid geteilt und mitgeteilt. Hier
wird gelacht, Freude und Hoffnung werden weitergegeben.
Sich öffnen, zuhören, eigene Urteile und Vorurteile hinterfragen,
das Gespräch suchen, gemeinsam die nächsten Schritte
wagen – das prägt diese Vollversammlung.
Junge Menschen, Frauen, Indigene und Menschen mit
Behinderungen haben sich zu Vorversammlungen in Karlsruhe
getroffen. Ihre Analyse und ihre Botschaft sind klar
und scharf: Wir dürfen keine Zeit mehr verlieren. Wir dürfen
nicht zulassen, dass weiterhin Menschen sinnlos in Kriegen
getötet werden, Menschen von elementaren Lebensgrundlagen
ausgeschlossen sind. Wir fordern Teilhabe aller statt
Bereicherung weniger. Wir wollen Kommunikation und
Kooperation statt Konfrontation. Wir brauchen Taten und
nicht nur Worte. Das lese ich in den Dokumenten, die die
Vollversammlung verabschiedet hat.

Die Liebe Christi bewegt, versöhnt und eint die Welt –
und sie integriert!

Von: Gert Rüppell
Es war atemberaubend, was Fadi El Halabi und Karen Abou
Nader im Plenum zu Gerechtigkeit und Menschenwürde auf
die Bühne brachten. Beide stammen aus dem Libanon. Er ein
Psychotherapeut, schwerbehindert im Rollstuhl, Vorsitzender
der Regionalen Ökumenischen Vereinigung der Behinderten
(EDAN), Karen arbeitet als internationale Tänzerin
und Choreographin. Beide boten im Plenum einen gemeinsamen
Tanz (Rollstuhl / Ballett) an, der einem den Atem stocken
liess und dessen Schönheit und Grazie zugleich an die
enormen Möglichkeiten und die Gaben verwies, die behinderte
Menschen in unsere Gemeinschaft einbringen.
Wie viele Menschen sind weiterhin behindert und werden
nicht genügend zur Kenntnis genommen? Die Schwerbehinderten
möglicherweise schon, aber die psychisch Schwerkranken,
die Epileptiker und Neurobehinderten? Werden
sie nicht weiterhin ausgegrenzt, auch wenn sie so viele Möglichkeiten
anzubieten haben? Das 4. Plenum in Karlsruhe hat
mich an diesem Punkt zum Nachdenken gebracht, ebenso
wie die Resolution der EDAN-Vorversammlung, die auf eine
Ausweitung des Behindertenbegriffs und eine erweiterte
Behindertenintegration in unseren Gemeinden verweist.
Inwiefern hängen Versöhnung und Integration zusammen?
Mögen die vielen Kirchenvertreterinnen und -vertreter dies
als Mitbringsel in ihren Gemeinden umsetzen.

Wenn ich atme, lebt der Planet
Von: Matthias Hui
An der Vollversammlung hörte ich die Geschichte der indigenen
Munduruku-Gemeinschaften in Brasilien. Zwei Vertreterinnen,
die mich sehr beeindruckten, erzählten vom
Kampf gegen gigantische Staudammprojekte, Eisenbahnlinien
und Goldminen am Rio Tapajós, mitten im Amazonasgebiet.
Die Ausbeutung von Bodenschätzen, Energiequellen
und Anbauflächen frisst sich gewaltsam in ihre Lebensräume,
in ihr Gemeinschaftsleben und in ihre Seelen hinein.
Der Sojaanbau grassiert – gigantische Waldflächen werden
für den Fleischverzehr im Globalen Norden gerodet. Es sind
vor allem Frauen, die sich wehren: «Wir werden uns nicht
korrumpieren lassen, wir werden nicht weichen.» Denn, so
sagen sie in spiritueller Sprache: Es geht um alles. Nicht nur
um Menschenrechte, nicht nur um den Regenwald. «Die
Natur sind wir. Unsere Lebensweise ist unsere Umwelt. Wenn
ich atme, lebt der Planet.»
Ökumene wäre, wenn diese Frauen, die sich auch als Christinnen
verstehen, in unseren Kirchen gehört würden. Übrigens
heisst ein überzeugendes Dokument der Vollversamm-
lung «Der lebende Planet: Auf der Suche nach einer gerechten
und nachhaltigen globalen Gemeinschaft».

Apartheid in Israel?
Von: Elisabeth Raiser
Zu den heissen Themen der Vollversammlung gehörte die
spannungsreiche Lage im Nahen Osten.
Ich sehe und höre noch Munther Isaac, den jungen Pfarrer
der Weihnachtskirche in Bethlehem, mit bewegter Stimme
sagen: «Wir befinden uns jenseits, also hinter der Mauer. Die
meisten Israelis sind dort nie gewesen, sie dürfen ja nicht
kommen und kennen unsere Lage nicht. All unsere Appelle
und Bitten haben nichts genützt. Daher fordern wir jetzt,
dass Israel zum Apartheidstaat erklärt wird, damit der Internationale
Strafgerichtshof ermitteln kann.»
Diese engagierte kurze Rede war eine Antwort auf eine Intervention
von mir, bei der ich in einem Workshop des Netzwerks
Kairos Palästina einige Einwände gegen den Begriff
Apartheid für Israel vorgebracht hatte: Er gefährde die Arbeit
der Freiwilligen des ökumenischen Begleitprogramms in
Palästina und Israel (EAPPI) und er führe hier in Deutschland
zu einer unguten Polarisierung der Debatte um den Frieden
im Nahen Osten. Munther Isaacs Erwiderung hat mich sehr
bewegt und lässt mich seither nicht in Ruhe.
Die Vollversammlung selber machte sich den Apartheidbegriff
für Israel nicht ausdrücklich zu eigen, verabschiedete
aber eine Erklärung, dass er im Ökumenischen Rat genau
untersucht und besprochen werden muss. Das ist ein wichtiges
Signal, auch für uns in Deutschland!


Christ’s love moves the world to reconciliation and unity
Von: Annegret Brauch
Im Vorfeld der Vollversammlung hatte ich noch aktiv an der
Bewerbung für Karlsruhe mitgearbeitet, jetzt – seit Monaten
im Ruhestand – konnte ich als Freiwillige im Catering
und als Gastteilnehmerin mit dabei sein – und wurde reich
beschenkt.
Begeistert und tief beeindruckt hat mich, wie klar, respektvoll,
offen und freundlich und voller Vertrauen in die
Verbindung stiftende Liebe Christi Teilnehmende und Gäste
miteinander kommunizierten. Mit welcher Ernsthaftigkeit
und Tiefe mit- und umeinander gerungen wurde, gerade bei
politischen und theologischen Differenzen, um beieinander
zu bleiben, bewegt von Christi Geist der Versöhnung und
seiner Bitte um Einheit (vgl. Johannes 17,21). Reinhild Traitler
hat einmal gesagt:
«Wahrheit als Dialog unter den Verschiedenen, als Prozess,
der unter Umständen nur die Anerkennung der Unvereinbarkeit
der Verschiedenen bringt, ist ein heiliger Raum, weil
dieser Prozess uns verbindet und davor bewahrt, auseinanderzufallen.»
In Karlsruhe wurde diese Wahrheit spürbar.

Berührt haben mich die Gottesdienste unterm grossen Zelt:
der Reichtum und die Unterschiedlichkeit der Klänge, Stimmen
und Rhythmen, die sich unter Gottes Geist zu einem
vielstimmig-einigen Lob und Dank zusammenfanden.
Tief bewegt hat mich das Grusswort der Generalsekretärin
von «Religionen für den Frieden», Professorin Azza Karam.
Vielleicht mögen Sie es sich selbst anschauen?!
https://www.youtube.com/watch?v=-Yp8ji2xrns (ab Min. 21)

Mittelteil

Meine Seele läuft barfuss dem Wort hinterher

Von Ruth Näf Bernhard

Eine Bäuerin hatte mir einst erzählt, dass man Verse aus dem Lukasevangelium auf Zettel schreibe und dann den Kühen zu fressen gebe, um sie vor Seuchen zu schützen. Auch unheilbar Kranke bekämen solche Verse als Nahrung. Und Frauen während einer schweren Geburt. Ob das stimmt, das weiss ich nicht. Doch die Geschichte ist mir geblieben.

Im Unterricht erzählte uns der Pfarrer Geschichten aus der Bibel. Vom barmherzigen Samariter. Vom verlorenen Sohn. Wir haben immer heimlich einen Wecker gestellt und diesen irgendwo im Schulzimmer versteckt. Weil der Pfarrer nicht zeitig aufhören konnte. Von einem Lukas haben wir wohl nichts gehört. Aber die Geschichten sind mir geblieben.

Irgendwann war ich selber Pfarrerin. Lukas hatte ich nun kennengelernt. Während des Studiums historisch-kritisch ausgelegt. Hintergrund und Zusammenhänge zu erfassen versucht. Theologische Kommentare zum Evangelium gelesen. Verglichen. Verworfen. Spekuliert. Die Geschichten sind mir dennoch geblieben.

Eine hoch betagte Frau bat mich darum, mit ihr das Lukasevangelium zu lesen. Und zwar das ganze. Und am liebsten gleich auch noch mit ihr zu besprechen. Die Kirche war ihr fremd geworden. Doch sie fühlte sich Maria irgendwie nahe. Gerade jetzt im Advent. In ihrem wahrscheinlich letzten.

Advent. Sie erinnerte sich an die Begegnung von Maria und Elisabeth. Wie das Kind im Leibe hüpfte. Das sei so innig. So zärtlich schön. Diese Geschichte war ihr geblieben.

Ein junger Mann, sterbenskrank, der seit Jahren am Rande der Gesellschaft lebte, äusserte einen letzten Wunsch. Er, der kaum noch sprechen konnte, wollte die Weihnachtsgeschichte hören. So, wie man sie in der Kirche erzähle. So wie er sie als Kind gehört habe. Und wenn möglich mit Bildern. Mitten im Sommer die Weihnachtsgeschichte. In Worten und Bildern. Sie war ihm geblieben. Bis in den Tod.

Lukas ist mir immer vertrauter geworden. Doch ich wollte mich neu berühren lassen. Darum habe ich nochmals zu lesen begonnen. Das ganze Lukasevangelium. Jede Woche einen Tag. Jede Woche ein Kapitel. Von Kapitel 1 bis Kapitel 24. Immer schön der Reihe nach. Von der Adventszeit bis zur Himmelfahrt. Ich bin mit Lukas spazieren gegangen. Bei jedem Wind und Wetter. Unabhängig von meiner Tagesform. Ich habe zuerst das Kapitel gelesen. Habe hingehört. Gehorcht. Gelauscht. Mich davon bewegen lassen. Und auf diesem Weg vieles entdeckt. Beim Hinhören habe ich Worte gefunden. Es sind Gedichte darausentstanden. Gedichte, die oft zu Gebeten werden. Es sind immer nur einzelne Verse verdichtet. Jene, die mir etwas zu sagen hatten. An jenem Tag. In jenem Moment. Ohne dass ich es begründen könnte. Ich gehe nicht davon aus, dass meine verdichteten Bibelverse Kühe vor Seuchen schüt- zen werden. Auch Frauen während einer schweren Geburt werden sie wohl kaum Linderung verschaffen. Aber vielleicht ermutigen sie, etwas plötzlich anders zu sehen. Neu zu denken. Freier zu glauben. Und wenn nun auch ich einen sage jWunsch frei hätte: Lassen Sie es nicht bei den Häppchen bleiben. Hören Sie auf den ganzen Text. Nehmen auch Sie die Bibel zur Hand. Lesen Sie das Evangelium. Jedes Kapitel in seiner Tiefe. Immer schön der Reihe nach. Lassen Sie sich berühren. Zwischen den Zeilen. Lassen Sie sich bewegen. Vom Wort, das Sie findet. Damit es nicht mit der Weihnachtsgeschichte schon aufhört. Denn das ist erst der Anfang.

Lukas 1,38

Da sagte Maria: Ja, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast! Und der Engel verliess  sie.

geschehen lassen

was

geschehen will

sich  nicht

dem leben

entgegenstellen

es wieder üben

ja zu sagen

sich

dieser freiheit

anvertrauen

ja

ich sage

ja