Autor: Dorothee Degen

29. April

Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind. Sprüche 31,8

Im Februar 2025 hat das Thurgauer Parlament einem Syrer die Einbürgerung verweigert – trotz eines früheren Entscheids des Bundesgerichts zu dessen Gunsten.
Der Mann gab nicht auf, er reichte daraufhin mit seinem Anwalt Beschwerde beim Thurgauer Verwaltungsgericht ein. Dieses gab dem Syrer recht. Die Gründe gegen die Einbürgerung seien nicht haltbar, das Thurgauer Parlament muss den Syrer einbürgern. Inzwischen ist allerdings das Gesuch verfallen, es muss neu beantragt werden.
Ich habe das Hin und Her zwischen den Instanzen mit Spannung verfolgt und mich sehr über das Verdikt des Bundes- und des Verwaltungsgerichts gefreut. Der Mann muss einen tüchtigen Anwalt gehabt haben. Ob er Schweizer geworden ist, wenn dieser Text erscheint?
Einen Anwalt, das ist es, was die «Stummen» und die «Verlassenen» brauchen. Allzu oft hört man vom Gegenteil, von Anwälten, die für ihre reiche Klientel den grösstmöglichen Profit heraushauen.
Dabei ist Anwaltschaft eine geradezu göttliche Aufgabe. Im Johannesevangelium wird der Heilige Geist «Paraklet» genannt. Das griechische Wort bedeutet Beistand, Tröster, Fürsprecher. Im Kanton Bern ist «Fürsprech» die Berufsbezeichnung für Advokaten. Möge der Heilige Geist den Fürsprechern und uns allen helfen, für die einzustehen, die sich nicht selber wehren können.

Von: Dorothee Degen-Zimmermann

28. April

Ach, Herr, du grosser und schrecklicher Gott, der du Bund und Gnade bewahrst denen, die dich lieben und deine Gebote halten! Wir haben gesündigt und Unrecht getan. Daniel 9,4–5

Kann ich mich auf diesen Vers einlassen ohne Abwehr, ohne voreiligen Widerspruch?
Daniel, der Prophet im Exil im fernen Babylon, kennt Jerusalem und seine katastrophale Zerstörung nur aus den Erzählungen der Alten. Selber schuld? Ja, davon ist er überzeugt.
Aber er ist ebenso überzeugt, dass sein Volk in der Diaspora immer noch Gottes Volk ist. Er ruft nicht einen strafenden, rächenden Angstmacher-Gott an. Nein, er ahnt seine Grösse und Erhabenheit, und er hält sich an seine Treue, umso mehr, als ihm die Schuld seines Volkes bewusst ist. Das ist nicht Angst, das ist Vertrauen. Sind vielleicht Gottesfurcht und Gottvertrauen zwei Seiten derselben Medaille?
Gottesfurcht wird an zentraler Stelle so umschrieben: «Und nun, Israel, was fordert der Herr, dein Gott, von dir, als dass du den Herrn, deinen Gott, fürchtest, auf allen seinen Wegen gehst, ihn liebst und dem Herrn, deinem Gott, dienst von ganzem Herzen und von ganzer Seele.» (5. Mose 10,12)
Für uns Heutige scheint der Begriff «Gottesfurcht» aus der Zeit gefallen zu sein. Dagegen lehren uns Nachrichten von Krieg und Zerstörung das Fürchten. Wie wäre es, unseren Ängsten die Gottesfurcht entgegenzusetzen?

Von: Dorothee Degen-Zimmermann

28. Februar

Wie kehrt ihr alles um! Als ob der Ton dem Töpfer gleich wäre, dass das Werk spräche von seinem Meister: Er hat mich nicht gemacht!, und das Bildwerk spräche vom Bildner: Er versteht nichts! Jesaja 29,16

Was für eine verdrehte Welt! Der Ton ist beleidigt, will nicht nur Lehmklumpen, will Töpfer sein! Das Bild will dem Meister den Pinsel aus der Hand nehmen und selber malen! Grotesk ist das. Und brandaktuell.
Obwohl wir wissen, dass das Leben auf unserem Planeten gefährdet ist, wird er gnadenlos ausgebeutet bis in den entlegensten Urwald, bis auf den Grund der tiefsten Meere, bis in den Orbit. Das Bildwerk sagt vom Bildner: «Er versteht nichts» – und versteht doch selbst nicht, was es tut.
An dieser Stelle brauchen wir dringend den Lehrtext zur Losung: «Wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen.» (Epheser 2,10) Ja, wir sind Geschöpfe, aber keineswegs passive Lehmklumpen: Gott hat in seiner Schöpferfreude die Menschen kreativ begabt. Wenn sie, inspiriert von Gott, gute Werke tun, geschieht Wundersames, unvollkommen, oft im Verborgenen, aber wirkungsvoll. Ich weiss von indischen Christen, die – selber diskriminiert – kastenlose Kinder beim Lernen unterstützen, damit sie einen Beruf erlernen, statt ein elendes Dasein als Tagelöhner zu fristen. Was ist nicht alles möglich, wenn Gott und Mensch sich finden in Liebe und Kreativität!
An die Arbeit, Leute, wir werden gebraucht!

Von: Dorothee Degen-Zimmermann

31. Januar

HERR, du lässest mich fröhlich singen von deinen
Werken, und ich rühme die Taten deiner Hände
. Psalm 92,5

Ein ansteckend fröhlicher Losungsvers! Was lässt Sie denn heute fröhlich singen? Oder vielleicht nicht so fröhlich, aber Singen könnte helfen?
Mir fällt ein Gedicht von Matthias Claudius ein, es ist überschrieben mit «Täglich zu singen»: «Ich danke Gott und freue mich/ wie’s Kind zur Weihnachtsgabe,/ dass ich bin, bin! Und dass ich dich,/ schön menschlich Antlitz habe.»
So geht es durch neun Strophen, und am Ende kann man dem Dichter nur recht geben: «Gott gebe mir nur jeden Tag,/ so viel ich darf zum Leben./ Er gibt’s dem Sperling auf dem Dach;/ wie sollt’ er’s mir nicht geben!»
Unsere Gesangbücher enthalten einen riesigen Schatz an Liedern, sie sind über Hunderte von Jahren entstanden. Es sind Gebete, Bekenntnisse, Lob, Dank, auch Klage. Viele sind in Vergessenheit geraten, andere haben sich taufrisch erhalten.
Im Gottesdienst dürfen die Lieder nicht fehlen. Sie sind eine Einladung an alle, sich aktiv zu beteiligen, ob laut oder leise, falsch oder richtig, ist unwichtig. Keinesfalls sollten wir den Gesang ganz an eine Band oder einen Chor delegieren und uns mit Zuhören begnügen. Manchmal entwickelt sich ein Lied zum Ohrwurm. Mir ist das willkommen, die Worte prägen sich ein und liegen für weiteren Gebrauch bereit. In schlaflosen Nächten zum Beispiel.

Von: Dorothee Degen-Zimmermann

29. Dezember

Die Kraft des Herrn war in Jesus, dass er heilen konnte.
Lukas 5,17

Was für ein schöner, schlichter Satz! Er lässt ahnen, aus welcher
Quelle Jesus gelebt und gehandelt hat. Die Kunde vom
wunderheilenden Rabbi verbreitet sich in Windeseile. Er
ist ein Hoffnungsschimmer für ein Heer von Kranken, Blinden,
Gebrechlichen, Verkrüppelten in einer Zeit, in der es
kaum wirksame Mittel dagegen gibt, schon gar nicht für die
Armen. Sie kommen, weil sie krank sind. Aber sie bekommen
weit mehr als die Wiederherstellung der Gesundheit. Die
«Kraft des Herrn» weckt in ihnen Glauben, Freude, Frieden,
Gotteslob und Gottvertrauen.
Zwei Beispiele unmittelbar vor und nach dem Losungstext:
Der Aussätzige, der sich ja den Menschen gar nicht nähern
darf, mutet sich Jesus zu: «Herr, wenn du willst, kannst du
mich gesund machen.» «Ich will es, sei rein», sagt Jesus. – Die
Männer, die ihren gelähmten Freund durchs Dach hinunter
direkt vor Jesus hinlegen: Er staunt über ihren Glauben! Dem
Gelähmten spricht er Vergebung der Sünden zu, warum,
weiss wohl nur dieser selbst. Die anwesenden Pharisäer aber
sind empört. Sie können und wollen «die Kraft des Herrn,
die in Jesus war» nicht gelten lassen. Dass der Gelähmte
gesund wird, ist dann aber nicht zu widerlegen: «Steh auf»,
sagt Jesus, «nimm dein Bett und geh nach Hause!» Und der
steht auf, nimmt sein Lager und geht. Er hat verstanden, aus
welcher Kraft die Heilung kommt: Er preist Gott. Ich denke,
er hat auf dem Heimweg gesungen.

Von: Dorothee Degen-Zimmermann

28. Dezember

Siehe, wie fein und lieblich ist’s, wenn Brüder
einträchtig beieinander wohnen! Denn dort verheisst
der HERR Segen und Leben bis in Ewigkeit. Psalm 133,1.3

Der kurze Psalm 133 ist mit «Wallfahrtslied» überschrieben.
Ich stelle sie mir vor, die Brüder, wie sie fröhlich singend nach
Jerusalem zum Tempelberg hinaufpilgern. – Ob sie etwas
von der Hochstimmung vom Fest mit nach Hause genommen
haben? Und wieder zu Hause, haben sie da «einträchtig
beieinander gewohnt»?
In einer Agrargesellschaft, in der jede Arbeitskraft zählt,
ist einvernehmliches Miteinander überlebenswichtig. Aber
selbstverständlich ist es deswegen noch lange nicht. Es fallen
mir mehr problematische, gar desaströse biblische Beispiele
ein als geglückte: Kain und Abel, da nahm das Verhängnis
seinen Anfang. Esau und Jakob. Die zwölf Söhne Jakobs, die
ihrem Vater so viel Kummer bereiteten (an dem er aber auch
beteiligt war).
Psalm 133 enthält keine Ermahnung, keine Zurechtweisung,
kein Gebot. Er erinnert eher an eine Seligpreisung: Glücklich
die Geschwister, die einander Gutes gönnen, die Gemeinsinn
vor Eigensinn stellen.
Paulus sprach die Gläubigen als «Brüder» an, die Schwestern
hatte er noch nicht im Blick. Auch unter ihnen ging
und geht es nicht immer «fein und lieblich» zu, ist Eintracht
nicht selbstverständlich. Aber sie ist es wert, gesucht zu werden,
denn sie hat ein Ziel und eine Verheissung: «Segen und
Leben bis in Ewigkeit».

Von: Dorothee Degen-Zimmermann

29. Oktober

Jesus spricht: Wenn ihr meine Gebote haltet, bleibt ihr in meiner Liebe, so wie ich meines Vaters Gebote gehalten habe und bleibe in seiner Liebe. Johannes 15,10

Verbinden Sie «Gebote» mit Liebe, mit Freude? Ich eher nicht. «Gebote», das riecht nach «gehorchen», nach
«Forderungen erfüllen», nach «fremdbestimmt», allenfalls auch nach «durchfallen» und «Strafe». Das kann es doch nicht sein!
Um besser zu verstehen, lese ich die Abschiedsreden Jesu (Johannes 12 bis 17) in einem Zug, mehrere Seiten lang. Ich lasse mich hineinnehmen in ein unablässiges Kreisen um Begriffe wie Liebe und Freude, Glauben, Verstehen und Nicht-Verstehen, Wissen und Noch-nicht-Wissen und trotzdem Dranbleiben, geschöpft aus der tiefen Verbundenheit Jesu mit dem Vater.
So auch die Verse vor und nach dem obigen Lehrtext: «Wie mich der Vater geliebt hat, so habe ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe! Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben, so wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe. Das habe ich euch gesagt, damit meine Freude in euch sei und eure Freude vollkommen werde.» (Johannes 15, 9–11)
Jesus, der geliebte Sohn des himmlischen Vaters, liebt bis zum Äussersten: «Niemand hat grössere Liebe, als wer sein Leben einsetzt für seine Freunde. … Dies gebiete ich euch: dass ihr einander liebt!» (Verse 13.17) – Seine Gebote halten heisst demnach: Sich lieben lassen. Und üben, üben, üben.

Von: Dorothee Degen-Zimmermann

28. Oktober

Jesus sprach: Was aus dem Menschen herauskommt, das macht den Menschen unrein. Markus 7,20

Rein werden, rein bleiben: Die Sehnsucht steckt wohl tief in uns, wenn wir sie vielleicht auch anders benennen. Und täglich scheitern wir am Anspruch der Makel- oder Fehlerlosigkeit.
Die Religionen definieren, was Reinheit ausmacht, und kennen Rituale, um Reinheit zu erhalten oder wiederherzustellen. Die Antwort der jüdischen Religion: sich an die Gesetze halten, sich fernhalten von allem, was einen verunreinigen könnte, von unreinen Speisen zum Beispiel. Die Frommen scheuen keine Mühe, die Regeln einzuhalten, und wähnen sich auf der sicheren Seite.
Aber der Schaden sitzt tiefer. Jesus sagt, das Übel kommt nicht von aussen, sondern von innen: «Denn aus dem Innern, aus dem Herzen der Menschen, kommen die bösen Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bosheit, List, Ausschweifung, Missgunst, Lästerung, Hochmut, Unverstand. All dies Böse kommt aus dem Innern heraus und macht den Menschen unrein.» (Verse 20–23)
«Das Trachten des Menschenherzens ist böse von Jugend auf», heisst es schon in 1. Mose 8,21. Jesus hat das am eigenen Leib erfahren und hat die Menschen trotzdem nicht aufgegeben. Er hat sich den menschlichen Abgründen entgegengestellt mit nichts als der Liebe Gottes. Das hat ihn letztlich das Leben gekostet. Und doch hat er im vermeintlichen Scheitern am Kreuz den Himmel geöffnet.

Von: Dorothee Degen-Zimmermann

29. August

HERR Zebaoth, du bist allein Gott über alle Königreiche auf Erden, du hast Himmel und Erde gemacht. Jesaja 37,16

Zum zweiten Mal liegen die assyrischen Truppen vor Jerusalem. Beim ersten Mal sind sie überraschend abgezogen, aber nun gilt es ernst. Ihr Kommandant überbringt einen Drohbrief seines Königs Sanherib an Hiskia, den König des winzigen Landes Juda, überschüttet ihn mit Hohn und Spott und macht seinen Gott lächerlich. Ein Machtkampf zwischen Göttern?
König Hiskia hat Angst. Er geht mit dem Brief in den Tempel und breitet ihn vor Gott aus: Da, lies! Er wendet sich an den Herrn über alle Königreiche, den Schöpfer des Himmels und der Erde – die Losung des heutigen Tages. Und er schüttet ihm sein Herz aus. Was hat er der assyrischen Übermacht entgegenzusetzen? Er fleht: «Und nun, HERR, unser Gott, rette uns aus seiner Hand, damit alle Königreiche der Erde wissen, dass du allein der HERR bist!»
Damals blieb Jerusalem verschont, und Sanherib kam wenig später gewaltsam ums Leben.
Kriege und Gewalt hat es immer gegeben, Machtkämpfe sind auf allen Ebenen weitergegangen, Volk gegen Volk, Grosse gegen Kleine, bis heute. Mit allen Mitteln, grausam, erbarmungslos – und oft anmassend «with God on our side».
«Du bist allein Gott über alle Königreiche auf Erden, du hast Himmel und Erde gemacht.» Nicht als Partei im Machtkampf um die Oberhand. Dein Reich komme!

Von: Dorothee Degen-Zimmermann

28. August

Du wirst sein eine schöne Krone in der Hand des HERRN und ein königlicher Reif in der Hand deines Gottes. Jesaja 62,3

Kostbar sind die Schmuckstücke, kunstvoll gearbeitet, Zeichen königlicher Ehre und Würde «in der Hand des Herrn»: ein Loblied auf Zion, die Gottesstadt Jerusalem, und auf ihren Schöpfer und Liebhaber.
«Du wirst sein» – diese Verse wurden geschrieben als ein Versprechen für die Zukunft. Denn die Gegenwart sah anders aus für die Rückkehrer aus dem babylonischen Exil. Der Wiederaufbau der zerstörten Stadt war mühsam, der Alltag geprägt von Mangel und Sorgen, das Leben bedroht von eifersüchtigen Nachbarn, die selbst nicht genug hatten.
Aber Gott, der Schöpfer, sieht mehr als die mühselige Gegenwart. Er ist verliebt in diese Stadt und ihre Menschen und sieht in ihr jetzt schon, was sie einst sein wird: «Der Herr hat Gefallen an dir. Wie der Bräutigam sich an der Braut freut, so freut sich dein Gott an dir», heisst es in der Fortsetzung des Losungstextes.
Gott liebt seine Geschöpfe, sieht durch ihr Versagen hindurch die, die er geschaffen hat und die sie einst sein werden. Mir fällt dazu die Geschichte ein, die Jesus erzählt hat: vom jungen Mann, der mit dem Vater bricht, in die Welt hinauszieht und nach Jahren abgerissen und elend heimwärts stolpert. Und was macht der Vater? Schliesst ihn in die Arme, steckt ihm einen kostbaren Ring an den Finger und lässt ein Festessen auffahren.

Von: Dorothee Degen-Zimmermann