Autor: Ralph Kunz

11. Oktober

Gideon sprach: Ich will nicht Herrscher über euch sein, sondern der HERR soll Herrscher über euch sein. Richter 8,23

Es geht um ein Wort Gideons, eines jener sagenhaften Richter Israels, die vor allem militärisch zum Rechten schauten und Vorgänger der Könige waren. Das Richterbuch ist eine Sammlung ihrer abenteuerlichen Geschichten: Es gibt viele Schlachten und Helden mit wunderbaren Kräften, aber auch einige ethischen Entgleisungen, die heute als Kriegsverbrechen gelten. Wenn eines Tages ein bibeltreuer Filmer auf die Idee kommen sollte, aus dem Stoff eine Serie für Netflix zu machen, müsste die Triggerwarnung «Gewalt, verstörende Bilder» kommen. Das gilt auch für die Szene, bevor sich Gideon als gottesfürchtiger und demütiger Richter erweist. Er hat gerade zwei Provinzkönige erschlagen, eine Burg zerstört, die Stadtbewohner getötet und ein paar Älteste aus-peitschen lassen. Jetzt wollen die Israeliten ihn zum König küren, weil er sich als ihr Sicherheitschef bewährt hat. Was machen wir mit solchen Storys? Wir lesen sie und kämpfen gegen eine kreuzfalsche Deutung. Kein Mensch darf tun, was Gideon getan hat – weder im Namen Gottes noch im Namen Israels, weder als sogenannter Siedler im Westjordanland noch als Mitglied der Terrororganisation Hamas, weder als Soldat und erst recht nicht als israelischer Richter. Wenn die Bibeltreuen darauf bestehen, dass Gottes Herrschaft der Massstab unseres Handelns sein soll, sollen sie um Himmels willen ein paar Seiten weiterblättern.

Von: Ralph Kunz

10. Oktober

Ist denn die Hand des HERRN zu kurz? 4. Mose 11,23

Sie träumen von Fleischtöpfen samt Beilagen. «Wer wird uns Fleisch zu essen geben? Wir denken an die Fische, die wir in Ägypten umsonst assen, und an die Kürbisse, die Melonen, den Lauch, die Zwiebeln und den Knoblauch. Nun aber ist unsere Seele matt, denn unsere Augen sehen nichts als das Manna.» (4. Mose 4,5 f.) So murrt das Volk und Moses knurrt. Sie haben genug vom Manna, er hat genug von diesem undankbaren Haufen. Die Last wird ihm zu gross. Moses berät sich mit Gott, und der hat zwei Vorschläge: Moses bekommt erstens einen Rat aus siebzig Ältesten, und die Israeliten bekommen zweitens ihr Fleisch, «nicht nur einen Tag, nicht zwei, nicht fünf, nicht zehn, nicht zwanzig Tage lang, sondern einen Monat lang, bis ihr’s nicht mehr riechen könnt.» Moses gibt zu bedenken, dass für eine solche Versorgung etliche Schlachthöfe nötig wären. Gott hält ihm entgegen: «Ist denn die Hand des Herrn zu kurz?» Und am nächsten Morgen gibt es Geistkraft für die Ältesten und die Wachteldiät für das Volk beginnt. Und was ist die Moral der Geschichte?

Vielleicht ist das mit den Wachteln pädagogisch ein wenig fragwürdig, aber die Losung hat ihre Lektion erteilt: Nein, die Hand des Herrn ist nie zu kurz für ein Wunder, aber das menschliche Herz immer wieder zu klein, um es zu empfangen.

Von: Ralph Kunz

11. September

David und ganz Israel tanzten mit aller Macht vor Gott her, mit Liedern, mit Harfen, mit Psaltern, mit Pauken, mit Zimbeln und mit Trompeten. 1. Chronik 13,8

Die Bundeslade kommt in den Tempel in Jerusalem! Die Schilderung des Gottesdienstes samt Tanz, Pauken und Trompeten ist typisch für die Chronikbücher, die teils dieselben Geschichten wie die Königsbücher erzählen, allerdings mit einem anderen Interesse: In den älteren Königsbüchern geht es darum, den Untergang Israels zu erklären; die Chronik ist nachexilisch und will mit idealen Schilderungen des Gottesdienstes zum Neuanfang beitragen. Vermutlich sind die Autoren Leviten. Sie stammen aus dem Tempelbetrieb und lieben vor allem die gottesdienstliche Musik. Auf heute übertragen könnte man sagen, sie waren «hochkirchlich», oder wer es freikirchlich mag, sie waren Worship-Fans. Das Davidbild profitiert davon. In der Chronik werden seine Schattenseiten ausgeblendet. Er wird als Vortänzer und Kantor dargestellt, eine sympathische Form des Regierens.

Ich stelle mir vor, wie das auf die Schweiz übertragen aus-sehen würde: Der siebenköpfige Bundesrat tanzt mit aller Macht vor Gott her, mit Liedern, mit Harfen, mit Psaltern, mit Pauken, mit Zimbeln und mit Trompeten. Warum nicht? Die Sitzungen des Gremiums würden nach der gemeinsamen Anbetung sicher anders ablaufen als üblich. Vielleicht mit ein bisschen mehr Konkordanz und etwas weniger Konkurrenz?

Von: Ralph Kunz

10. September

Ein Geduldiger ist besser als ein Starker und wer sich selbst beherrscht, besser als einer, der Städte einnimmt. Sprüche 16,32

Weise Sprüche können zuweilen nerven, ganz besonders die

«Besser-als-Sprüche». Sie sind so übervernünftig und dazu noch hochprozentig erzieherisch. Da ich weder besonders geduldig bin noch ein Meister der Selbstbeherrschung, neige ich darum bei dieser Losung dazu, gar nicht richtig hinzuhö-ren. Dabei ist sie hochgradig politisch!

Sie richtet sich nämlich an Starke und an Mächtige, die Städte einnehmen. Morgen jährt sich «9/11» zum fünfund-zwanzigsten Mal – ich sehe die brennenden Türme vor mir. Und ich denke an den Terror der Ungeduldigen und an den Krieg gegen den Terror, der danach folgte. Ich denke an die Kriege, die sich in den letzten Jahren häuften, und an ungeduldige «Staatsmänner», die Städte und Länder ein-nehmen wollen. Ich sehe die alten Kriegsgurgeln, die sich nicht beherrschen und sich benehmen wie ungezogene Halbstarke …

Das ist die Weisheit, die ich aus dem Spruch ziehe: Weise Sprüche mögen nerven, aber eine Politik, die uns hilft, miteinander geduldig zu sein, ist besser als die Gewalt ungeduldiger Machtmenschen, die bereit sind, über Leichen zu gehen. Ach, hätten sie doch eine bessere Erziehung genossen oder wenigstens ab und zu einen hochprozentig weisen Bolderntext gelesen!

Von: Ralph Kunz

11. August

Tu mir kund den Weg, den ich gehen soll; denn mich verlangt
nach dir. Psalm 143,8

Im Frühling war ich unterwegs in der Türkei und zu einem
Treffen ausserhalb von Antalya verabredet. Irgendwo im
Gewirr der Strassen, schwierig zu finden, aber keine grosse
Sache mit Hilfe von Google Maps und GPS! Schliesslich hat
man das Teil, das Handy heisst, und befiehlt ihm: «Tu mir
kund den Weg, den ich gehen soll!» Und das Teil gehorcht!
Aber wehe, es funktioniert nicht mit der Verbindung. So war
es denn auch. Mein Abo streikte. Ohne Kontakt zum Satelliten
war ich aufgeschmissen.
Wenn der Psalmist nach göttlicher Wegleitung verlangt,
rechnet er auch mit einer Hilfe von oben. Aber er verfügt
nicht über sie. Er befiehlt nicht – er befiehlt sich selbst Gott
an. Zwar hat er zur Orientierung eine Karte – die Thora –
aber er hofft dennoch auf Weisung. Es ist nicht immer einfach,
im Gewirr der Strassen seinen Weg zu finden. Doch
wenn er sich auf Gott verlässt, weiss er, wohin es geht.
Ich weiss, dass der Vergleich hinkt. Gott ist keine App und
das Gebet kein Funkkontakt. Aber mich hat der Ausfall der
Technologie ziemlich verstört. Wie abhängig wir sind! Der
Psalmbeter würde das wohl auch von sich sagen. Er hängt
an Gott. Nur stört ihn das nicht. Gott ist ein Du, nach dem
es ihn verlangt.
Darf ich noch einmal einen hinkenden Vergleich machen?
Irgendwie denke ich, ein altmodisches Psalm-Abo ist besser
als die Swisscom.

Von: Ralph Kunz

10. August

Der HERR hat seinen Thron im Himmel errichtet, und sein Reich herrscht über alles. Psalm 103,19

Der «Thron im Himmel» ist ein gängiges altorientalisches
Bild für die göttliche Macht. Die Menschen stellten sich die
Welt dreistöckig vor: unten das Chaos und das Totenreich,
dazwischen die Erde und oben der Himmel. Das Firmament
stellte man sich als ein festes Gewölbe vor, das sich wie eine
Glocke über die Erde spannt. Dieses Gewölbe trägt den Himmelsozean,
der mit dem Urmeer im Chaos verbunden
ist. Es ist besser für alle, wenn die Weltordnung so bleibt, wie Gott
sie eingerichtet hat. Als Gott die Schleusen öffnete, gab es
eine Sintflut. Eine beunruhigende Vorstellung!
Unser Weltbild ist ein anderes. Die Auskunft, dass «Gottes
Reich über alles herrscht», eckt an und weckt bei aufgeklärten
Geistern ein müdes Lächeln. Man könnte auch sagen,
wir haben Gott entthront. Wenn es einen Thron gäbe, müssten
wir uns selbst daraufsetzen. Dumm ist nur, dass es den
Anschein macht, es könnte das Chaos ausbrechen. Wegen
uns! Es gibt Grund zur Annahme, dass wir bis zum Jahrhundertende
eine Sintflut erleben werden – einmal ganz
abgesehen von anderen Szenarien, die auch nicht erfreulich
sind. Das sind beunruhigende Vorstellungen!
Hoffen wir, dass Gott (doch) im Regiment ist.

Von: Ralph Kunz

11. Juli

Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin! Psalm 46,11

In diesem Psalm geht es mächtig zur Sache. Wenn ich eine
Musik zu den Worten spielen müsste, würde ich mich für die
Anfangstakte des ersten Satzes aus Beethovens Fünfter Sinfonie
entscheiden: tatataa
– tatataa!
Mächtig und prächtig,
drohend und drängend tönt es, weil Gott kommt. Und wie!
«Die Völker müssen verzagen und die Königreiche fallen,
das Erdreich muss vergehen, wenn er sich hören lässt.» Und
wieder kracht es: «Kommt her und schauet die Werke des
HERRN, der auf Erden solch ein Zerstören anrichtet.»
Der Pazifist in mir zuckt zusammen und atmet wieder auf,
wenn er merkt, was der «Zerstörer» vorhat. Von Gott ist
die Rede, der «den Kriegen ein Ende macht in aller Welt, der
Bogen zerbricht, Spiesse zerschlägt und Wagen mit Feuer
verbrennt.» Göttlich verordnete Abrüstung also! Das wäre
doch ein Grund zum Jubel, oder nicht? Aber Gott bittet um
Ruhe. «Seid stille!» Ich bin nicht sicher, ob ich gehorchen soll.
Das Versprechen ist noch nicht erfüllt. Will ich ruhig sein?
Vielleicht muss ich vom Ende her lesen: Wenn ich sehe, wie
Gott abrüstet, erkenne ich, wer Gott ist.
Vielleicht muss ich den Aufruf, Gott als den zu erkennen,
der die Zerstörung zerstört, im Osterlicht lesen: Dass Gott
den Gekreuzigten auferweckt hat, ist entwaffnend. Am Ende
der Zeit stillt Gott die Welt. Wer sonst?

Von: Ralph Kunz

10. Juli

Alles, was dir vor die Hände kommt, es zu tun mit deiner Kraft, das tu. Prediger 9,10

Was für ein merkwürdiger Rat! Wie ist er gemeint? Der
zweite, nicht zitierte Teil des Verses klärt auf: «… denn im
Totenreich, in das du fährst, gibt es weder Tun noch Denken,
weder Erkenntnis noch Weisheit.» Es ist eine typische «Prediger-
Weisheit» – die bittersüsse Erkenntnis, dass das Leben
endlich ist, alle im Totenreich landen und niemand, weder
die Gerechten noch die Ungerechten, etwas dagegen tun
können. Nun ja, das ist nicht gerade ein Aufsteller! Aber der
Prediger kommt, wenn man weiterliest, dennoch zu einem
positiven Fazit. Er rät denen, die (noch) leben, den Tag zu
geniessen. «Denn wer noch bei den Lebenden weilt, der hat
Hoffnung.» (Vers 4) Ich füge hinzu: «Und wer Hoffnung hat,
der lebt und nutzt die Zeit, die ihm bleibt, um das zu tun,
was nötig ist.» Oder kritisch gewendet: «Verschieb, was du
heute erledigen kannst, nicht auf morgen.» Für mich, der ich
ein Weltmeister im Prokrastinieren bin – ein lustiges Fremdwort
für das gewohnheitsmässige unlustige Aufschieben von
Aufgaben –, ein Ansporn, heute endlich meinen Schreibtisch
aufzuräumen. Bevor ich es anpacke, lese ich in Ruhe das
ganze Kapitel. Und ach, wie schön, der Prediger hat noch
einen Rat: «So geh hin und iss dein Brot mit Freuden, trink
deinen Wein mit gutem Mut.» (Vers 7)
Wenn das kein Aufsteller ist? Ich gehe aufgeräumt in den
Tag!

Von: Ralph Kunz

11. Juni

Habe ich dir nicht geboten: Sei getrost und unverzagt? Josua 1,9

Mose ist gestorben und Josua folgt ihm nach. Nun geht
es über den Jordan ins verheissene Land und Gott ermutigt
den Nachfolger: «Sei getrost und unverzagt!» Diese Worte
kommen immer wieder vor im ersten Kapitel. Das könnte ich
schön und erbaulich finden, aber leider kenne ich die Fortsetzung
der Geschichte. Und ja, das, was jetzt folgt, ist nichts
anderes als ein Eroberungskrieg. Oder Kolonisierung. Oder
Besetzung. Denn das verheissene Land ist kein Niemandsland.
Es wohnen schon Menschen da. «Landnahme» bedeutet
also Vertreibung, Raub und Totschlag. Und das alles im
Namen Gottes. Ja genau, das trübt meine Freude an der
schönen Losung. Irgendwie erinnert sie mich an eine Szene
in einem (schlechten) Kriegsfilm. Man hört die Stimme aus
dem Off und sieht im Licht des Sonnenuntergangs die glänzenden
Rüstungen – alles ist bereit für die nächste Schlacht.
Aber so steht es nun mal in der Bibel geschrieben …
Einzig das Wissen, dass sie nicht so endet wie ein schlechter
Kriegsfilm, rettet die Geschichte. Gott sei Dank kenn
ich die Fortsetzung. Ich weiss, dass die «Landnahme» eine
ganz andere Wendung nimmt. Das macht das Erzählte nicht
erbaulich, aber immerhin erträglich. Am Ende kommt ein
Nachfolger, der aus Schwertern Pflugscharen macht und
Friedensstifter und Landlose seligspricht. Das lässt mich
getrost und unverzagt sein!

Von: Ralph Kunz

10. Juni

Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Jesaja 55,1

Das 55. Kapitel im Buch Jesaia enthält eine Reihe von Einladungen.
Wer Durst hat, soll kommen, wer kein Geld hat,
bekommt zu essen, wer Gott sucht, wird ihn finden, und wer
klopft, dem wird aufgetan. Es sind Ermutigungen zum Leben
und zum Glauben.
Jesu Sprache ist regelrecht getränkt, sein Geist erfüllt von
dieser Zuversicht: «Sucht Gott, solange er zu finden ist; ruft
ihn an, solange er nahe ist.» Es sind gute Nachrichten für
alle, die hungrig und durstig sind. Aber was ist mit denen,
die gesättigt sind und ihren Durst gestillt haben? Was fangen
Menschen, die von Gott genug haben, mit dieser Botschaft
an? Ich mache die seltsame Beobachtung, dass dieselben
Menschen, die Gott gefunden haben, auch diejenigen sind,
die Gott suchen. Und ich höre von denen, die regelmässig
und intensiv beten, dass ihr Durst und ihr Hunger nach
Gottes
Nähe wächst. Körperliche und geistliche Begehren
gehen ineinander über, aber heben sich nicht auf. In der
Leibseele kann der Gottesdurst zur sprudelnden Quelle werden.
Gott suchen ist mehr als Bedürfnisbefriedigung. Wenn
Jesus sagt, «kommt her, die ihr mühselig und beladen seid»,
verteilt er keine Matratzen. Er verspricht eine seltsame Erquickung.
Er bietet uns sein Joch an. Er hofft darauf, dass wir mit
ihm gehen, seinen Durst nach Gerechtigkeit teilen und mit
ihm dem Frieden nachjagen.

Von: Ralph Kunz