Autor: Ralph Kunz

19. Juni

Simeon pries Gott und sprach: Meine Augen haben
das Heil gesehen, das du vor den Augen aller Völker
bereitet hast, ein Licht zur Erleuchtung der Heiden und
zur Verherrlichung deines Volkes Israel.
Lukas 2,28.30–32

Wenn von Gott die Rede ist, gibt es nichts, auf das wir zeigen
könnten und sagen: «Schau, das ist Gott!» Denn Gott ist
unsichtbar. Niemand hat Gott je gesehen. Manche Zeitgenossen
meinen darum, Gott sei ein Nichts oder, schlimmer
noch, ein Nichtsnutz. Simeon widerspricht. Er preist Gott,
weil seine Augen ein Licht zur Erleuchtung der Völker und
ein Zeichen seiner heilsamen Nähe sehen. Er bezeugt Gottes
Wirken und verweist auf die Spur der Geschichte, die mit
Sara und Abraham begonnen hat. Er schaut den Segen, der
von Generation zu Generation weitergetragen wird oder –
ein bisschen körperlicher – der bis zum heutigen Tag von
einem Bauch zum anderen wandert. Der Augenzeuge
Simeon hat das Jesuskind gesehen: Glied in der Kette und
doch Anfang von etwas Neuem, Mensch aus Fleisch und
Blut und doch mehr, als wir mit den Augen erkennen können.
Wenn die Zeugen nach ihm von Gott reden, spüren sie
die Kraft, die ihn durchströmte, die Liebe, die ihn befeuerte,
seinen Segen, der uns aufblühen lässt.
Nein, dieser Segen ist nicht nichts und auch nicht irgendetwas.
Er ist im Du verborgen, von dem wir nichts wissen,
aber dem wir alles anvertrauen.

Von: Ralph Kunz

23. Mai

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein
grosses Licht, und über denen, die da wohnen im
finstern Lande, scheint es hell.
Jesaja 9,1

In der Bibel ist «Volk» der Begriff für das Kollektiv schlechthin
und eine politische Grösse. Jeder Mensch gehört zu
einem Volk und Völker bewohnen die Erde. So viel hat sich
seit der Antike gar nicht geändert. Es ist bis heute so. Ich
lese die Losung und frage mich: Gibt es ein Volk, das nicht
im Dunkeln tappt? Einmal abgesehen von den Appenzellern
und den Ostfriesen fällt mir keines ein … Genau, wir machen
Witze übereinander und das ist durchaus erhellend. Solange
es beim geschwisterlichen Necken bleibt, verstehen wir uns,
solange wir Verschiedenheit als Reichtum erfahren, sehen
wir Licht und solange die Völker miteinander feiern, scheint
es hell.
Wenn ich Zeitung lese, sieht es finster aus. Die einen Völker
rüsten auf, um sich gegen andere Völker zu wappnen. Sorry,
wenn ich Ihnen den Tag verderbe – aber ich finde es zurzeit
ziemlich düster. Wir nennen uns aufgeklärt, spotten über
unsere unterbelichteten Vorfahren und wandeln selbst im
Finstern. Wir beherrschen die Kunst der Lichtverschmutzung
und leben in rabenschwarzen Zeiten. Wenn das alles
wäre, was wir zur Zukunft sagen können, dann gute Nacht.
Darum lese ich Zeitung und dann noch einmal diese
Losung. Damit die Nacht zum Tag wird.

Von: Ralph Kunz

22. Mai

Jesus Christus selbst ist die Versöhnung für
unsre Sünden, nicht allein aber für die unseren,
sondern auch für die der ganzen Welt.
1. Johannes 2,2

Versöhnung ist das zentrale und wiederkehrende Motiv
in der Heilsgeschichte. Im Alten Testament ist es mit Jom
Kippur verknüpft (Leviticus 23,27–32). Das ist ein Sabbat
Sabbaton, das heisst ein höchster Feiertag, so etwas wie
ein geistlicher Frühlingsputz. Einmal jährlich wird Sühne
für ganz Israel gewährt. Es gehört zum Programm der Heiligung,
dass das Volk mit Gott im Reinen sein muss, um
Gottesdienst feiern zu können. Jede Einzelne soll ihre, jeder
Einzelne seine Verfehlungen bereuen und umkehren. Versöhnung
setzt einen neuen Anfang und macht möglich,
dass die Leben gewährende Gottesnähe wieder erfahren
wird. Für diese heilsame Reinigung hat die Bibel viele Bilder:
dass Gott die Last abnimmt, das Lösegeld zahlt, die Blösse
bedeckt oder das Herz erneuert. Und was hat das mit Jesus
Christus zu tun?
Der Kreuzestod von Jesus wurde in den christlichen
Gemeinden als universaler Jom Kippur gedeutet. Wir singen
davon beim Abendmahl: «Christe, Du Lamm Gottes,
der Du trägst die Sünd’ der Welt». Mit Jesus ist nichts Neues
gekommen – aber die Gabe der Erneuerung radikal erweitert
worden! Durch ihn wird die ganze Welt versöhnt. Können
wir das je verstehen? Dass der Kosmos schon geheilt, geheiligt,
gewürdigt, gesegnet und geliebt ist?

Von: Ralph Kunz

20. April

Jesus sprach zu dem Übeltäter: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein. Lukas 23,43

Auf den ersten Blick ist dieser Satz theologisch und pädagogisch bedenklich. Welche Folgen hat es für die religiöse Erziehung, wenn ein Übeltäter (!) quasi in der letzten Sekunde seines Lebens eine Einladung in den Himmel bekommt? Man könnte ja auf die Idee kommen, die Grosszügigkeit unseres Heilands auszunutzen. Aber so funktioniert die Geschichte nicht. Dem Versprechen Jesu gehen ein Schuldbekenntnis und eine Bitte voraus. Der Übeltäter weiss, wer er ist. Er redet zu dem, der mit ihm und mit Jesus am Kreuz hängt. «Wir empfangen […], was unsre Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan. Und er sprach: Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst!» (Verse 41 f.) Auf ein zweites Hinsehen ist die Antwort Jesu hochkonzentriertes Evangelium. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, und selig, wer es glaubt. Wer meint, es sei möglich, aus der Gnade Gottes eine Art Freipass abzuleiten, hat die Geschichte nicht verstanden. Mehr noch: So wird aus der Konversion eine Perversion, aus Geschenk ein Handel und aus Glauben Berechnung. Wir bleiben Bittende – auch wenn wir uns auf Gottes grenzenlose Güte verlassen. Und wenn nicht? Mündet das Ganze doch wieder in eine Drohung?
Das wäre theologisch und pädagogisch bedenklich.

Von: Ralph Kunz

19. April

Noah tat alles, was ihm Gott gebot. 1. Mose 6,22

Die Sintflutgeschichte ist eines der grossen Dramen der Weltliteratur. Wir kennen die biblische Variante – die Vorlage ist älter. Die Erzählung der Flutkatastrophe ist Teil des sumerischen Atrahasis-Epos (ca. 1800 v. Chr.). Interessant ist die Figur des Noah. Im Unterschied zu den mythischen Helden der Vorzeit ist er weder königlich noch göttlich, sondern ganz und gar Mensch. Was ihn auszeichnet? Er ist fromm, sozusagen der Prototyp des Gottesfürchtigen – der erste Mensch, der tat, was ihm Gott gebot. Das wäre eigentlich eine gute Nachricht! Schliesslich haben er und seine Familie als Einzige das Desaster überlebt. Von ihm stammen wir ab. Er ist so gesehen ein guter Spross für einen zweiten Start des Menschengeschlechts nach der Sintflut. Aber dann ging es doch schief. Nachdem die Arche gelandet war, wurde Noah Ackerbauer und pflanzte einen Weinberg. Er trank von dem Wein, wurde davon betrunken und lag entblösst in seinem Zelt. Ham, sein zweiter Sohn, sah ihn und machte seinen Vater zum Gespött. Als Noah, nachdem er seinen Rausch ausgeschlafen hatte, davon erfuhr, verfluchte er seinen Sprössling. Er soll von nun an Sem, dem Erstgeborenen, gehorchen. Noah hat den Antihamitismus erfunden und Zwietracht gesät. Die Saat ist aufgegangen.
Ich glaube, die Menschheit ist immer noch vorsintflutlich unterwegs. Ach!

Von: Ralph Kunz

23. März

Wie kann ein Mensch sich Götter machen? Jeremia 16,20

Als nackte Frage gelesen, ist die heutige Losung eine Steilvorlage für die Religionstheorie. Denn die Antwort liegt auf der Hand. Sich Götter zu machen, ist ziemlich einfach. Martin Luther hat das Rezept. Er schreibt im Grossen Katechismus: «Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott.» Und unser Herz ist anhänglich. Wir fabrizieren Götter am Laufmeter, beten sie an, geben unser Herzblut für sie und errichten Altäre. Sie haben viele Namen: «Konsum», «Geld», «Macht» oder ganz schlicht «Ich». Der Mensch, so formulierte es der polnische Philosoph Leszek Kolakowski, ist unheilbar religiös. Er meinte es ironisch. Anders Jeremia. Er ist kein Philosoph und auch kein Religionstheoretiker. Und die Frage ist eigentlich auch nicht seine. Es ist die verwunderte Feststellung eines Menschen, der den lebendigen Gott erkennt, den Schöpfer des Himmels und der Erde, der Heilige Israels, der sich, wenn die Zeit sich erfüllt, allen Völkern zu erkennen gibt. Der Prophet schaut voraus auf das, was dann kommt, auf die Stunde der Wahrheit. Er hofft darauf, dass die Völker von den Enden der Erde kommen und sagen: «Nur Lüge haben unsere Väter gehabt, nichtige Götter, die nicht helfen können.» (Vers 19)
Ist die Stunde der Wahrheit gekommen? Das entscheiden wir! Ein Glaubenssprung. Und falls wir noch nicht allen Göttern abgeschworen haben, hilft uns vielleicht ein Quäntchen Selbstironie auf die Sprünge.

Von: Ralph Kunz

22. März

In Christus ist alles geschaffen, was im Himmel und auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare. Kolosser 1,16

Dass alles, was im Himmel und auf Erden ist, in Christus geschaffen ist, wirklich alles – Galaxien samt Sonnen, Planeten und Monden, aber auch Mikroben samt Atomen und Neutronen – ist eine atemraubende Vorstellung! Alles hat dieselbe Quelle, dieselbe Herkunftsbezeichnung und vor allem dieselbe Zukunft, «es seien Throne oder Herrschaften oder Mächte oder Gewalten; es ist alles durch ihn und zu ihm geschaffen.» (Vers 17) Nimmt Paulus den Mund zu voll?
O ja! Grösseres lässt sich nicht sagen, Allumfassenderes nicht behaupten. Eigentlich ist es ein Lob, ein Lied, das eine kosmische Gesamtschau entfaltet, die nichts und niemanden auslässt. 
Es gilt IHM, dem Christus. Denn er ist vor allem, und es besteht alles in ihm. Und irgendwo zwischen Atomkern und Weltall stehen wir – wie Plankton im Ozean, zu gross, um ins Innerste zu sehen, und zu klein, das Universum zu erfassen. Wir nehmen uns kaum die Zeit, darüber nachzudenken, wer wir sind, und wenn wir es tun, wird uns schnell schwindlig. Ich, ein Geschöpf in Christus? Aufgehoben im grossen Ganzen? Das Loblied sagt Dinge, die höher sind als unsere Vernunft. Ich kann es nicht fassen.

Aber was kann schlimm daran sein, wenn Gott der Ozean ist?

Von: Ralph Kunz

20. Februar

Der HERR sprach zu Elia: Ich will übrig lassen
siebentausend in Israel, alle Knie, die sich nicht
gebeugt haben vor Baal.
1. Könige 19,18

Ort des Geschehens ist der Berg Horeb. Elia steht, wo Moses Jahre zuvor die Zehn Gebote empfangen hat, und als Gott sich weder im Sturm noch im Beben noch im Feuer verlauten lässt, hört Elia «die Stimme verschwebenden Schweigens» (Martin Buber). Danach redet Gott Tacheles mit seinem Propheten. Er beschliesst, einen heiligen Rest am Leben zu lassen. Wer weiter Baal anbetet, findet keine Gnade. Das ist echt gruselig! Unter interreligiösem Dialog stellen wir uns etwas anderes vor. Aber mit Blick auf die Geschichte war das Orakel nur konsequent. Bevor Elia zum Horeb kam, machte Gott auf einem anderen Berg mit den Baalspriestern kurzen Prozess. Elia macht die Schmutzarbeit für Gott. Wenn das alles wäre, was wir über Gott und seinen Propheten wüssten, wäre es höchste Zeit, aufzustehen und die Knie durchzustrecken. Doch Gott sei Dank bleibt es nicht beim Gemetzel. Die Geschichte geht weiter und die Religionspolitik Gottes ändert sich. Spätestens bei Jona, dem mürrischen Antipoden zu Elias, wird es offenbar. Ihm wird beschieden, er soll Ninive eine Gnadenfrist verkünden. Am Ende beugt sich Gottes Macht und neigt sich allen Menschen zu. Und wir? Wir sangen: «Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!»

Von: Ralph Kunz

19. Februar

Gross und wunderbar sind deine Werke, Herr,
allmächtiger Gott! Gerecht und wahrhaftig sind deine Wege, du König der Völker.
Offenbarung 15,3

Ist Gott ein König? Demokratiesensible Zeitgenossinnen und Zeitgenossen bekommen Gänsehaut. Monarchische Metaphern sind doch aus der Zeit gefallen! Wirklich?
Ein Blick in die Zeitung und sie schauen uns an: Könige noch und noch, meistens alte weisse Männer. Das Modell «König» ist nicht aus der Zeit gefallen, schön wär’s! Und schön wär’s, sagt auch der eingefleischte Demokrat, wenn es einen König der Völker gäbe, der gerecht und wahrhaftig regieren würde. Leider sehen wir nicht viel davon, leider bleibt die Wunschherrschaft im Konjunktiv. Oder vielleicht besser ein Optativ? So lese ich jedenfalls diese Losung aus der Offenbarung am Ende der Bibel. «Ach, wenn es doch nur käme, dieses Reich des Friedens!»
Johannes, der Seher, schaut Dinge, die wir uns nicht wünschen – wir nennen sie «apokalyptisch» und fürchten, wenn wir Zeitung lesen, dass die Apokalypse begonnen hat. Aber der Seher sieht auch Dinge, von denen wir uns sehnlichst wünschen, dass sie in die Zeit fallen. Dazu gehört die Königsherrschaft Christi. Auch sie ist schon gekommen und soll noch kommen. Sie ist im Anbruch und wir sind mittendrin. Indikativ und Optativ. Es gibt Leute, die sagen, der Konjunktiv sei nicht zu überwinden.
Wirklich?

Von: Ralph Kunz

23. Januar

Um deines Namens willen, HERR, vergib mir meine Schuld, die da gross ist! Psalm 25,11

Die Bitte um Vergebung ist zentral im 25. Psalm. Es ist der elfte von zweiundzwanzig Versen. Um ihn dreht sich alles. Wir kennen die Vergebungsbitte vom Unservater. Dort ist sie auch zentral. Manchmal beten wir sie gedankenlos, manchmal sind wir ganz bei der Sache! «Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.» Und warum wendet sich der Beter an Gott? Weil Gott um seines Namens willen vergibt, es also seinem Wesen entspricht, barmherzig und gnädig zu sein. Das meint Heinrich Heines (ein wenig grenzwertiges) Bonmot: «Dieu me pardonnera, c’est son métier.»
Die Vergebungsbitte folgt auf die Brotbitte, was ein Hinweis darauf sein könnte, dass wir auch die Schuldvergebung täglich üben sollten. Aber ist es wirklich nötig, die eigene Schuld täglich zu bekennen? Machen wir uns dann nicht schlechter, als wir sind? Ich denke, dass wir eher dazu neigen, uns zu überschätzen. Wenn wir meinen, wir können uns schadlos oder schuldlos halten. Oder wenn wir auf die Idee kommen, einmal im Jahr Gott um Vergebung zu bitten, genüge. Eine jährliche Reinigung mag für die Dentalhygiene stimmen, aber um Gottes Vergebung zu bitten, hat mehr mit Zähneputzen zu tun.
Aber bitte nicht übertreiben! Mit einer Zahnbürste im Maul lebt’s sich schlecht.

Von: Ralph Kunz