Autor: Gert Rüppell

14. Juni

Einen anderen Grund kann niemand legen ausser dem,
der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.
1. Korinther 3,11

Mutig ist so eine Aussage. Gerade in Zeiten, in denen zunehmend
Menschen die Institution, die diesen Grund vertritt,
verlassen. Mutig in Zeiten, in denen Begründungen gemeinschaftlichen
Seins zunehmend in unterschiedlichsten Wertesystemen
gesucht werden. Mutig ist es also, wenn man sich
hinstellt und sagt: Genau so ist es! Genau so, wie wir glauben,
dass durch die Inkarnation der göttlichen Menschenliebe in
Jesus Christus unser Umgang miteinander zu gestalten ist.
Der Grund, der gelegt ist, bedeutet nach meinem Verständnis,
dass wir alle Menschen, welch kultureller oder religiöser
Prägung auch immer, als vor Gott gleich behandeln. Gottes
Liebe, der wir uns verschrieben haben, ist somit der Grund
für unseren mitmenschlichen Umgang, einen Umgang, der
keine Barrieren nach Geschlecht, Religion, Kultur oder Ethnie
kennt. Wir alle sind in Gott gleich begründet, gleichwertig.
Die Narrative des Neuen Testaments verweisen uns, ebenso
wie hier Paulus, immer neu auf diese Tatsache. Jesu heilende
Zuwendung zu den Gebrochenen und Verstossenen ist Vorbild
christlicher Gemeinschaft, der Grund, warum diese diakonische
Gemeinschaft schon früh faszinierte. Gerade heute,
wo unsere Gesellschaft eher das Ellenbogenmodell lebt, ist
es zentral, diesen jesuanischen Grund unseres Handelns stets
neu zu entdecken und zu verwirklichen suchen.

Von: Gert Rüppell

13. Juni

Mose sprach: Alles, was ich euch gebiete, das sollt
ihr halten und danach tun. Du sollst nichts dazutun
und nichts davontun.
5. Mose 13,1

Eigentlich ganz einfach, oder? Nach Gottes Anweisungen handeln
reicht, sagt der Text. Es bedarf keiner Zusätze, aber auch
keiner Auslassungen. Aber gerade das Davontun ist es doch,
was uns «unter den Fingern juckt». Denn so manches, was
aus der Liebe Gottes und seinen Regeln folgt, macht das Leben
schwer. Verunmöglicht oft ein Leben gemäss eigenen Vorstellungen,
nach eigenem Geschmack. Der Losungstext findet
sich in den Büchern Mose (der Thora) wieder und wieder.
Mir kommt dazu Jesu Dialog mit dem Pharisäer in den Sinn,
der ihm Katechismusunterricht zu erteilen sucht, als er ihn
nach der Erlangung des ewigen Lebens befragt. Jesus dreht
die Frage, fragt ihn, was in der Thora steht. Da antwortet er
mit einer Parallele zum Losungstext: Du sollst den Herrn, deinen
Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und
mit all deiner Kraft und deinem ganzen Gemüt, und deinen
Nächsten wie dich selbst. (5. Mose 6,5; Lukas 10,27) Dies ist
für Paulus (Galater 5,14) der gesamte Verhaltenskodex für
das Leben. Eigentlich also doch ganz einfach? Wende dich
den Ausgegrenzten, den durch Krieg und falsche Machtausübung
Verwundeten zu. So wird Gottes Gesetz erfüllt. In ihren
Gesichtern erkennst du dich selbst als Mitgeschöpf. Aus Fremden
wird so ein Teil deines Selbst. Eine schwierige Aufforderung
bleibt er doch, dieser Ratschlag Gottes.

Von: Gert Rüppell

14. April

Gott rüstet mich mit Kraft. Psalm 18,33

Kraft wofür? Es gibt ja letztlich vieles, wo sich Kraft ausdrückt und Menschen dies auf die Wirkmacht Gottes in ihnen zurückführen. Auch die Bibel ist voll von Passagen, in denen menschliche Kraft, militärische, besiegende, unterwerfende, als Ergebnis göttlicher Wirkmacht gesehen wird. Es ist nicht lange her, dass auf Gürtelschnallen «Gott mit uns» stand und als Ausdruck solcher Unterstützung verstanden wurde. Auch bei David ist dies der Fall, wie es noch deutlicher an der Parallelstelle dieses Psalms in 2. Samuel 22 wird. Es geht um Gottes Unterstützung in militärischen Auseinandersetzungen. Das mag nachdenklich stimmen, und so ist es gut, dass diesem kurzen Versteil der Losung, ein B-Teil mit den Worten «und macht meine Wege ohne Tadel» folgt. Dies rückt dann den A-Teil der Losung in ein neues Licht. Die Kraft Gottes führt auch mit Paulus dazu, den «guten Kampf» zu kämpfen (2. Timotheus 4,7). Gott rüstet mich mit Kraft für Friedensfähigkeit, eine Existenz der heilenden Präsenz in der Mitte von Konflikt und Streit. Gott befähigt mich zu Wegen ohne Tadel, die geprägt sind von Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und Erhaltung der von Gott gewollten Schöpfung. Solche Wege können das Ergebnis einer Zurüstung im Sinne der göttlichen Kraft sein, die in der Losung zum Ausdruck kommt. Einer Kraft für ein oftmals so schwieriges Leben ohne Tadel. Dank sei dieser zurüstenden Kraft.

Von: Gert Rüppell

13. April

Der lebendige Gott ist ein Retter und Nothelfer. Daniel 6,28

Eine schwierige Situation, in der sich der König befindet. Da ist ein begabter junger Mann, von dem er selbst viel hält, und da sind diejenigen, die sich dadurch ausgebootet sehen. Ein Spiel in den Herrschafts- und Politiksystemen von alters her. Wer sich übergangen fühlt, versucht dem Gegner mit allen Mitteln zu schaden. Heute sind hierzu «Fake News» ein beliebtes Mittel. Daniels Konkurrenten gelingt es über den Weg einer gesetzlichen Vorschrift, die sie dem König abverlangen, Daniels religiöses Verhalten zu stigmatisieren und zu kriminalisieren. Durch ein «Gesetz nach Meder und Perser Sitte», der Begriff erhielt sich bis heute als Aussage für Unumstösslichkeit. Scheinbare Unumstösslichkeit menschlicher Gesetze ist so letztlich Thema der Losung. Dem Glauben an die Gesetze des lebendigen Gottes steht die Löwengrube menschlicher Gesetzlichkeit mit Todesstrafe gegenüber. Doch Daniel hält sich nicht an das Gesetz. Er glaubt der Wirkkraft seines Gottes mehr als politischen Ränken. Gottes Lebendigkeit steht den Kräften des Todes, ausgedrückt durch die Löwengrube, gegenüber. Der Retter Gott bewahrt Daniel, bekehrt den Herrscher, dem ein begnadeter Vizekönig erhalten bleibt. Glaube an den lebendigen Gott ist rettend und lebensbewahrend. Nicht nur für das eigene, sondern auch für das Leben anderer. Darum geht es mit der Bezeichnung Nothelfer, zu denen auch wir Gläubige werden können.

Von: Gert Rüppell

14. Februar

Was bin ich? Was ist mein Volk, dass wir freiwillig so viel zu geben vermochten? Von dir ist alles gekommen, und von deiner Hand haben wir dir’s gegeben. 1. Chronik 29,14

Es ist David, der hier voller Staunen darüber ist, dass er und seine Stammesfürsten beim Bau des Tempels so viel Ressourcen aus eigenen Mitteln zur Verfügung stellen. Ähnliches gilt für Kirchenbauten, die an vielen Orten dieser Welt aus den Mitteln der oft armen Gemeinde erstellt werden und Wunderbares zustande bringen. Auch dort, wie im Losungstext für den Tempelbau betont, gibt das Volk, die Gemeinde freiwillig, denn das Werk ist Ausdruck des Dankes für das, was im Leben empfangen wurde und nun in Teilen zurückfliesst in diesen Bau, zum Lob Gottes und zur Versammlung seiner Gemeinde. David betont, dass wir Empfänger von Gaben aus Gottes Hand sind. Beim Betrachten unserer Fähigkeiten, unserer Kreativität, unserer finanziellen Möglichkeiten, unseres Lebensstandards – jedes Mal gilt, wie es in dem bekannten Lied zum Ausdruck kommt: «Alle guten Gaben, alles, was wir haben, kommt, oh Gott, von dir, drum dankt ihm, dankt.» Dieser Dank drückt sich in der freiwilligen Weitergabe des Empfangenen aus. Dass dabei so viel herauskommt, mag uns ebenso erstaunen wie David. Doch letztlich verweist es nur auf die Grosszügigkeit, mit der Gott uns die verschiedenen Gaben aus seiner Hand, zum Teilen mit unseren Mitmenschen, in unsere Hände gelegt hat.

Von: Gert Rüppell

13. Februar

Der HERR spricht:
Entweiht nicht meinen heiligen Namen.
3. Mose 22,32

Diese Aufforderung geht weiter: «damit ich inmitten der Israeliten geheiligt werde; ich bin der HERR, der euch heiligt», und verweist auf zwei Dinge. Zum einen auf Mose am Dornbusch. Dort wurde deutlich, wie heilig der Name Gottes ist. So heilig, so unaussprechbar, dass er in der jüdischen Tradition stets mit HERR (Adonai) umschrieben wird. Weiter verweist der Text darauf, dass wir keinen Ort, keinen Platz heilig nennen, sondern nur Gott allein. Dieser Gott, der ganz Andere, soll, so die Losung, nicht durch Worte, Taten, Werke entweiht werden. Denn wir, die «Gemeinde der Heiligen», wie wir sie im Bekenntnis nennen, sind allein existent durch unsere Verbindung mit Gott, dem Allheiligen. Gott will sein Volk, das ihn heiligt, an seiner Heiligkeit Anteil haben lassen. Hier verortet sich Jesu Bitte im Vaterunser: «Dein Name werde geheiligt.» Das verweist auf die Besonderheit der Beziehung zwischen uns und Gott.
Die Gemeinde steht in geweihter, geheiligter Beziehung, wenn sie Gott die Ehre gibt. In ihr will Gott geheiligt werden. Diese Kraft der Fürsorge betont zugleich, dass sie an uns ihr heiligendes Werk vollziehen will. «Ich bin der HERR, der euch heiligt.»
Solches Wissen kann ein beruhigendes Gefühl der Geborgenheit auslösen, wie ein geweihter Raum, wo wir uns dem Gespräch mit jenem Allheiligen widmen können, dem wir durch die Taufe geweiht sind.

Von: Gert Rüppell

14. Dezember

Dem Gerechten muss das Licht immer wieder aufgehen und Freude den aufrichtigen Herzen. Psalm 97,11

Das kennt man doch: Jetzt geht mir ein Licht auf! Das heisst, ich habe etwas für mich erkannt! Ist das «Lichtaufgehen» auch im heutigen Losungswort gemeint? In gewissem Sinne schon! Der 97. Psalm preist Gott als höchsten König, als mächtigen Herrn über die ganze Welt. Wer mit ihm im Einklang lebt, der lebt auch mit der ganzen Schöpfung in Harmonie. Also, wer nach dem Willen Gottes, dem Schöpfungsrecht lebt, der ist mit jenen Gerechten und Frommen gemeint, denen ein Licht und Freude im Herzen aufgehen. Im Text steht aber: «immer wieder!». Also geht es doch nicht um einen plötzlichen Geistesblitz! Denn nur wenn ich mich immer wieder der Erkenntnis stelle, was die Gerechtigkeit Gottes von mir erwartet, kann mir jenes erwähnte Licht aufgehen. Es beleuchtet den Raum, in dem die Gerechten wandeln, sagt der Psalm. Es erhellt ein an Gott ausgerichtetes Leben, wie die Thora und dann die Evangelien es uns mit auf den Weg gegeben haben. Faktisch ist es uns Beleuchtung, um der Gerechtigkeit Gottes zu dienen. Die Adventszeit hat viel mit Licht zu tun. Viel davon verweist auf «Gemütlichkeit». Aber es lohnt sich, im Zugehen auf den Heiligen Abend, an das Licht der Gerechtigkeit und die Freude des frommen Herzens zu denken. Ein Licht, das jene spüren mögen, die sich dem Licht und Anspruch von Gottes Gerechtigkeit immer neu zu stellen wagen. Wagen auch wir es!

von: Gert Rüppell

13. Dezember

Siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, HERR, nicht alles wüsstest. Psalm 139,4

Was für ein Gebet, dieser 139. Psalm! Welche Allmacht wird hier über Gott ausgesagt! Da kann ich nur mit den Worten des 6. Verses sagen: «Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar, zu hoch, ich kann sie nicht begreifen!» Noch in der Formulierung, also «auf der Zunge», weiss Gott um meine Absichten.
Dabei geht es nicht um vorschnelle Kontrolle, sondern um Gottes schützende Funktion. Eine, die die Hand über uns hält. Dass diese Wirkkraft, diese allgegenwärtige Schöpfungsmacht, so detailliert auf mich, meine Gedanken, mein Sein achtet, ist zu wunderbar, als dass ich es wirklich verstehen könnte. Hier bedarf es der Kontemplation, des Insichgehens, des dieser Fürsorge Nachspürens. Ein Ertasten, dass Gott mich von allen Seiten umgibt und so mein Sein göttlich gestaltet ist. Es bedarf also nicht der Vergottung des Menschen, wie es gern gemacht wird, weil der Mensch als Gottes Geschöpf ja bereits Teilhaber Gottes ist! Wir sind göttliche Partikel im Kosmos, dies kann der Psalmist gar nicht genug beschreiben. Alles, was in und mit uns passiert, geschieht bereits in Gott. Nichts können wir äussern, worum Gott nicht schon weiss. Und doch ist nicht alles, was wir äussern, zugleich gottgemäss. Darum bittet der Psalmist auch am Schluss: «Erkenne mein Herz, prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine, und sieh, ob ich auf bösem Wege bin.» Dafür bedarf es bei uns der Kontemplation und des beständigen Gebets.

von: Gert Rüppell

14. Oktober

Sei du selbst mein Bürge bei dir – wer sonst
soll für mich bürgen?
Hiob 17,3

Das ist eine Aussage in äusserster Not. Wie viele Menschen
gibt es um uns herum, die keine Bürgen finden, die für sie
einstehen? Menschen, die Hiob gleich eigentlich dem Untergang
geweiht sind, da sie keine Sicherheit mehr haben noch
erlangen können ohne Hilfe. Das haben wir doch eigentlich
zuhauf in unserer Umwelt. Wer steht ein für jene, die
vom Unglück verfolgt erscheinen, die auf der Strasse oder
in Slums leben oder sich in Parks mit Drogen über die Wirklichkeit
hinweg kiffen?
Wie viele «Freunde» gibt es, die, wie Hiob es erfuhr, einem
dann noch die ganze Kette der Begründungen vorbeten,
warum das alles so seine Richtigkeit habe mit dem Unglück?
Wo war man, als es um regelmässigen Schulbesuch ging,
wo, als die Frist verstrich, in der man sich noch hätte im
Arbeitsamt melden können? Wie viele Menschen mussten
aus angestammten Wohnsitzen raus, weil die Mieten erhöht
wurden? Wer trat dann für sie ein, wer war dann Bürge? Die
Zahl der Menschen, die sich keiner Schuld bewusst sind und
sich ins Elend gestossen sehen, nimmt in unserer Gesellschaft
zu. Wir «hiobisieren»! Unschuldig, ohne Bürgen, mit guten
Ratschlägen versehen!
Hier hat der Schrei seinen Ort: Sei du selbst mein Bürge,
Gott, bei dir, wer sonst soll für mich bürgen? Wie steht es da
mit der Christengemeinschaft der Bürgen?

Von: Gert Rüppell

13. Oktober

Gott macht’s wie er will, mit dem Heer des Himmels
und mit denen, die auf Erden wohnen. Und niemand
kann seiner Hand wehren noch zu ihm sagen:
Was machst du?
Daniel 4,32

Da steht er, so stellt man es sich vor, der kleine jüdischstämmige
Beamte Daniel vor dem allmächtigen Kaiser
Nebukadnezar
und soll ihm einen Traum deuten. Man stelle
sich vor, als Angestellter, wenn auch wohl positioniert, zum
Konzernchef
gerufen zu werden, der einem merkwürdig
klingende
Visionen von der Zukunft des Unternehmens ausbreitet
und dann … «Erklär mir das, alle andern haben versagt
» sagt! Da steht man nun. Soll man dem Chef nach dem
Mund reden?
Soll man sich ein eigenes Bild machen und den
Chef zu überzeugen suchen, dass das doch alles sehr merkwürdig
ist, was er sich zusammengereimt hat? Daniel macht
keines von beidem. Er rekurriert auf seine eigene Überzeugung,
seinen Glauben, zweifelt nicht an der Grösse Jahwes.
Der abgehauene Baum, das Vergehen der Grösse, kann nur
im Kontext der Grösse Jahwes interpretiert werden. Seine
Macht anstelle der eigenen Macht zu preisen, ist die Botschaft
des Tages. Jahwes Macht als diejenige anzuerkennen,
die unseren Lebensweg bestimmt, und sich von ihm bestimmen
zu lassen, das, so lese ich aus der Losung, ist so etwas wie
die Nebukadnezar’sche Qualität unseres Lebens. Der Bogen,
der geschlagen werden kann, ist gross, aber stimmig: Auch
für Jesus von Nazareth gilt, dass sich niemand gegen Gottes
Pläne wehren kann. Sein Wille geschehe.

Von: Gert Rüppell