Autor: Gert Rüppell

30. April

Tausend Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist, und wie eine Nachtwache. Psalm 90,4

Der Psalm 90, aus dem dieser Satz stammt, ist vielen als Klagepsalm bekannt, der oft bei Beerdigungen zitiert wird. Ich sehe ihn in seiner Gesamtheit, in der Klage über die Vergänglichkeit menschlichen Lebens. «Ist es nicht furchtbar, dass wir sterben müssen?», meint der Verfasser und fügt hinzu, dass dies nur mit Gott zu tun haben kann, der unseren Lebensstil bestraft. Aber was sollen wir tun? Wir haben keine Zeit im Verhältnis zu Gottes Ewigkeitsdepot! Was uns zur Verfügung steht, ist, im Verhältnis 365 000 zu eins, viel zu wenig. Viel zu wenig Zeit, um uns gottgemäss zu verhalten! Daher kann der Sünde Sold nur unser Tod sein. Für richtiges Leben scheint die Zeit zu knapp. Stimmt das oder kann die Zeit zwischen Geburt und Sterben, dieser begrenzte Zeitraum, so gefüllt werden, dass wir eine angemessene Beziehung zu Gott aufbauen, der von Ewigkeit zu Ewigkeit besteht? Unsere Zeit bleibt angesichts der tausend Jahre, beziehungsweise der Ewigkeit, eine «Kurzzeitbeziehung». Neudeutsch redet man von einem «Flash». Aber es reicht, sie nicht als Geschwätz, sondern als Leben in Klugheit (Vers 12), mit göttlichen Inhalten, zu gestalten. Nicht Verzweiflung, sondern kluges Leben ist angesagt. Immer gibt es das Risiko, dass wir Zeit auch mit Geschwätz und Grossmannssucht vergeuden! Aber jammern hilft nicht. Helfen wird die angemessene Zuordnung der eigenen zur göttlichen Wirklichkeit. Ein Leben unter der Gnade Gottes.

Von: Gert Rüppell

30. März

Ihr sollt nichts dazutun zu dem, was ich euch gebiete, und sollt auch nichts davontun, auf dass ihr bewahrt die Gebote des HERRN, eures Gottes. 5. Mose 4,2

Ich knüpfe an meine gestrige Auslegung an. Mose rang mit Gott um dessen angemessenes Verhalten. Der heutige Text verweist uns ergänzend darauf, dass es letztlich allein darum geht, was Gott gebietet: um den einmal gelegten Grund. Mose hat sich um die Auslegung des göttlichen Willens gestritten, letztlich aber gilt es zu tun, was Gott beschlossen hat. Gott ist und bleibt der zentrale Akteur, man mag auch sagen Anker, für unser ethisches Handeln. Es gibt kein Herumwerkeln an Gottes Friedens- und Gerechtigkeitswillen für die Armen, Witwen, Waisen und sonstig Ausgegrenzten. Kein Iota soll dem Gesetz hinzugefügt werden, auch wenn die politische Situation es noch so sehr zu fordern scheint. Eure Rede sei Ja, Ja, Nein, Nein, formuliert Jesus die geforderte Eindeutigkeit, gegenüber dem Gebot der Tora (Matthäus 5,37).
Gerne fügen wir in guter Absicht und mit klugen Worten den Geboten der Tora und der Bergpredigt uns passende Deutungen hinzu. Schaffen neue Interpretationen biblischer Ethik, die besser in den allgemeinen politischen Diskurs passen. Die heutige Losung verlangt Eindeutigkeit. Das ist oftmals schmerzlich, weil sie sich gegen Mehrheiten stellen muss. Schon damals am Horeb und später war diese Eindeutigkeit gefordert und offensichtlich nicht gegeben. Sonst hätte es diese Sätze Jahwes nicht gebraucht.

Von: Gert Rüppell

29. März

Mose sprach zu dem HERRN: Wenn nicht dein Angesicht vorangeht,
so führe uns nicht von hier hinauf. 2. Mose 33,15

Mose ist mir Vorbild dafür, dass mit Gott auch gerungen werden kann, sogar muss. Nicht um seinetwillen, sondern um derer willen, die ihm anvertraut sind, ringt Mose. Auch wenn sich diese Anvertrauten nicht gerade als folgsam erweisen. Diese Sandwichposition kennen wir auch. Da ist zum einen der Auftraggeber mit seinen Anordnungen und andererseits sind es die Auftragnehmer, die ihre eigenen Vorstellungen haben. Wie schlage ich die Brücke, wird Mose sich gefragt haben. Sein argumentatives Ringen mit Gott verweist darauf, sich nicht immer sofort mit allen scheinbar unabänderlichen göttlichen Plänen abzufinden. Hier ist das Gebet der Ort des Ringens. Mose drängt den verärgerten Gott, sein Angesicht den Sündern wieder zuzuwenden. Gott soll diesen fehlerhaften Haufen von Menschen weiterhin führen und nicht mit Rache überziehen. Es ist sehr berührend, wie Mose Gott umwirbt und dieser fürsorgliche Gott schliesslich einwilligt, den Eigensinnigen weiterhin zur Seite zu stehen. Aber da ist zugleich ein Satz, den Mose meines Erachtens, im Eifer seines Ringens, wenig zur Kenntnis nimmt: «Ich werde dich zur Ruhe führen.» Eine wunderbare Gewissheit für uns, die wir in der Nachfolge dieser Murrenden am Horeb stehen. Gott wird uns, dem postmosaischen Volk, gnädig sein, uns zur Ruhe führen, vor uns hergehen, eine gute Zukunft sichern!

Von: Gert Rüppell

30. Januar

Der HERR sprach zu seinem Volk: Siehe, ich will
euch Getreide, Wein und Öl die Fülle schicken, dass
ihr genug daran haben sollt.
Joel 2,19

In unserem Supermarkt an der Ecke – und es gibt bei uns viele – kann ich beim Blick auf die Regale nur sagen: Wohl versprochen, Gott, gut geht es uns und wir haben Getreide, Wein und Öl, und nicht nur das, in Fülle! Offensichtlich haben wir, auf Neudeutsch, einen Deal. Dann gibt es auch noch vieles, was nicht wir, sondern Menschen im globalen Süden für uns produziert haben. Geht es uns also gut? Ist also alles paletti? Paletti für alle im Ort?
Da gibt es Hinweise, dass dieser Wohlstand nicht allen zugutekommt, für viele bedroht ist. Solche Hinweise gab es auch bei Joel, wenn wir in seinem Text ein wenig zurückgehen. Da ist von Hunger und Not, Krieg, Plagen und Dürren die Rede. Da wendet sich das Volk an Gott, bittet um Verschonung. Und dann kommt in Gottes Reaktion dieser bemerkenswerte Satz: «Zerreisst nicht eure Kleider, sondern eure Herzen, dann will ich euch helfen.»
Auch wenn es hier gelegentlich zu Ernteausfällen, Wasserknappheit und Überschwemmungen kommt, der Mangel regiert nicht bei uns. Die Welternährungskrise mit ihren Notlagen findet mehrheitlich im globalen Süden statt.
Aber: Sind wir dennoch das angesprochene, bedrohte Volk? Sollen wir unser Herz zerreissen und nicht die Kleider? Geht es um veränderte Politik und nicht um Almosen? Um ein verändertes Miteinander in Gottes Schöpfung? Um Gerechtigkeit, also weniger Eigennutz?

Von: Gert Rüppell

29. Januar

Der Geheilte stand auf und nahm sogleich sein
Bett und ging hinaus vor aller Augen, sodass sie sich
alle entsetzten und Gott priesen und sprachen:
Wir haben solches noch nie gesehen.
Markus 2,12

In dieser bekannten Geschichte stolpere ich über zwei Wörter: «entsetzen» und «preisen». Die Heilung des Kranken löst anscheinend gegensätzliche Reaktionen aus.
Da ist der Schrecken über die Tat Jesu. Ist es Schrecken über die Durchbrechung des Gewohnten? Vom Ort des Krank- und Gefangenseins wegzugehen, ist ein Akt der Befreiung. Da nimmt einer sein Bett und geht nach der Erlösung hinaus. Die in der Hütte eng gedrängten Beobachter der Szene müssen bei allem Schrecken doch auch den Hauch dieser Befreiung, des Heils der Heilung gespürt haben, sonst würden sie nicht «preisen»!
Sie verbinden das noch nie Gesehene, die Befreiung, mit Jahwe.
Der Dialog mit den Schriftgelehrten, der unserem Text vorausgeht, verweist ja auf zwei Befreiungsnotwendigkeiten beziehungsweise Befreiungsmöglichkeiten: Vergebung und Heilung. Beide sind ureigenste Bestandteile eines Lebens mit und in Gott. Täglich erkennen wir «Krankheit», die sich in den Unversöhnlichkeiten zwischen Menschen oft auch physischen Ausdruck verschafft. Die Vollmacht Gottes in Christus liegt für uns, so glaube ich, in gelebter Vergebung, um aufzustehen für ein neues Leben.

Von: Gert Rüppell

30. Dezember

Der HERR sprach zu Mose: Du hast Gnade vor meinen
Augen gefunden, und ich kenne dich mit Namen. 2. Mose 33,17

Für mich ist die Klarheit, mit der hier der Dialog zwischen
Menschen und Gott dargestellt wird, stets eines der faszinierenden
Elemente jüdischen Glaubens. Die heutige Losung
ist in ihrem Vor- und Nachlauf eine deutliche Beschreibung
dafür. Mose debattiert mit Gott darüber, was Gnade für
ihn für Folgen hat. Was bedeutet, Gnade vor Gott gefunden
zu haben? Da ist das persönliche Angenommensein,
um das Mose weiss. Dies, verbunden mit der Aussage «Ich
kenne dich mit Namen», ist ihm zugleich Verlangen nach
mehr. Wenn Gott betont, dass er Mose im Blick hat und
dieser Gnade vor seinen Augen gefunden hat, dann, so Mose,
soll er sich ihm gefälligst zeigen. Mose fordert einen Beweis
für Gottes Gnade. Das ist uns nicht ganz unbekannt. Der
Ausgang der Geschichte aber ist bekannt: Gott verweigert
Sichtbarkeit. Vielmehr fordert er, dass sich Mose auf einmal
gemachte Zusagen einlässt. Dieses Einlassen ist es, was
für mich Vertrauen in Gott heisst. Die Passage, aus der die
Losung stammt, enthält einen weiteren, mich beeindruckenden
Aspekt. Gott verweigert Mose den Blick ins Angesicht,
er verweigert ihm aber nicht den Blick im Nachhinein. Dort,
wo erkennbar wird, dass Gott in unserem Leben vorübergegangen
ist, uns kennt und uns begleitet hat.
Wie war das 2025? Wie in unserem bisherigen Leben?

Von: Gert Rüppell

30. November

Es wird keiner den andern noch ein Bruder den
andern lehren und sagen: «Erkenne den HERRN»,
denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein
und Gross, spricht der HERR. Jeremia 31,34

Erkennen ist ein zentraler Begriff dieses Losungstexts. «Yada»
im Hebräischen bedeutet sowohl Wissen als auch die intime
Vereinigung von Mann und Frau. Erkennen ist also ein klarer
Beziehungsbegriff. Den HERRN erkennen bedeutet damit,
in eine intime Beziehung zu Gott zu treten. Es ist also nicht
allein die Sicht auf all die Lehren und Leistungen Gottes,
sondern das Sich-Einlassen auf ihn gemeint, wie auf einen
geliebten Menschen.
Alle, Klein und Gross, die ganze menschliche Gemeinschaft
hat im neuen, von Gott gestifteten Bund (Jeremia 31,31) die
Chance, neu zu erkennen und sich neu zu verhalten. Die
Gemeinschaft des Neuen Bundes ist ein Neuanfang, bei dem
das Versagen und die Missetaten früherer Zeiten vergeben
sind. Gross und Klein: Erkennt den HERRN, begebt euch in
ein intimes Gemeinschaftsverhältnis zu Gott und seinen
Setzungen. Dies heisst sich einzulassen. Einlassen auf die
grosszügige Offerte eines Schuldenerlasses.
Ich muss gestehen, dass mir, im Angesicht von Vergangenheit
und Gegenwart, solch ein Angebot unglaublich
erscheint. Also: Lasst uns darauf einschlagen.

Von: Gert Rüppell

29. November

Ein Tag in deinen Vorhöfen ist besser als sonst tausend.
Psalm 84,11

Man könnte meinen, der Psalmist übertreibe hier ganz
schön. Aber vielleicht geht es ihm hier nicht so sehr um eine
numerische Abwägung, sondern um eine Beziehungsfrage.
Tausend Tage, die er sonst verbringt, bringen ihm nicht das
Gefühl von Nähe zu Gott wie ein Tag im vordersten Vorhof,
also weit entfernt vom Allerheiligsten.
Gottes Nähe spüren, ersehnen. Kennen wir das? Wie geht
es mir, wenn ich mich im Gottesdienst meiner Gemeinde in
die «Vorhöfe» geistlicher Gemeinschaft mit Gott begebe?
Gelingt mir Nahsein? Manchmal hilft mir die Musik, in der
verschiedene Komponisten sich dieses Psalms angenommen
haben. So Schütz, Telemann, Brahms. Aber was der Psalmist
mit seinem Zahlenspiel ausdrücken will, kommt dort kaum
vor. Der Gottesdienst mag helfen, aber der Alltag? Viele
Tage laufen bei mir einfach so dahin. Wenige sind besonders
sinnerfüllt.
Ich lebe meinen Alltagstrott. Aus tausend Tagen
ist der eine Tag hervorgehoben, den ich in der Nähe Gottes,
im Wissen und im Handeln mit Gottes Inhalten und Werten
verbringe. Hier bringt mich mein Glaube in Gottes Vorhof.
Vor einiger Zeit war ich in Iona, jener Kirche, wo sich
seit vielen Jahren Menschen in Gottes Vorhof versammeln
und in Lob und Praxis üben. Das, was ich an Spiritualität,
Gemeinschaft und Nähe dort erlebte, entspricht vielleicht
dem Überschwang des Psalmisten.

Von: Gert Rüppell

30. Oktober

Wende dich, HERR, und errette meine Seele,
hilf mir um deiner Güte willen!
Psalm 6,5

Der Psalmist ist in Not, scheint sich des Zorns, also der Strafe Gottes sicher. Darauf verweisen die vorhergehenden Verse unseres Losungstextes.
«Ein Bussgebet in Anfechtung» ist der Psalm überschrieben. Aber stimmt das, ist der Psalmist angefochten? Geht es ihm nicht vielmehr wie so manchem, so mancher von uns? Wir haben «etwas ausgefressen», vielleicht auch jemandem übel mitgespielt und vermuten, wohl zu Recht, dass die Strafe auf dem Fusse folgen könnte. Wir also erwischt und bestraft werden. Das kann schon ein beklemmendes Gefühl auslösen, ein Gefühl, das auf die Seele drückt.
So kann ich David verstehen, wenn er sich in dieser Notlage an die oberste Richterinstanz wendet und sie ersucht, sich nicht von ihm ab-, sondern ihm zuzuwenden. Diese Zuwendung löst die Beklemmung beziehungsweise, in Davids Worten, rettet die Seele. Sie richtet zerstörte Beziehungen auf und ermöglicht Frieden zwischen Mensch, Gott und Schöpfung. Diese Zuwendung bewirkt, dass aus den Unruhenächten, von denen der Psalmist in Vers 7 schreibt, wieder Nächte der Ruhe, der Geborgenheit werden.
Also hilf uns, Gott, um deiner Güte willen.

Von: Gert Rüppell

30. September

Der Gott aller Gnade aber, der euch berufen hat zu
seiner ewigen Herrlichkeit in Christus, der wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet, aufrichten, stärken, kräftigen, gründen.
1. Petrus 5,10

Dieser Lehrtext ist eine passende Antwort auf den Losungstext von heute: «Mach dich auf, hilf uns und erlöse uns um deiner Güte willen.» Angesichts unserer Berufung ist die Not, die wir empfinden und die uns unüberwindbar erscheint, eben doch nur Leiden für eine kurze Zeit. Hieraus werden wir, wenn sich, wie es der dritte Text im Losungsbuch formuliert, vor unseren Augen alles dreht, aufgerichtet und gestärkt, auf sicherem Boden stehend, hervorgehen. Das ist fast ein bisschen viel der Zusage. Reicht mir eine Bibellese, um mein Leiden an und mein Unverständnis für die Entwicklungen dieser Welt unter die Füsse zu bekommen? Der 1. Petrusbrief will uns das sagen. Wie haben es wohl unsere unter der Christenverfolgung leidenden Vorfahren aufgenommen? War es billiger Trost? Wahrscheinlich ist der Text in die Gemeinschaft hineingesagt, die in Verfolgung und Unterdrückung lebte. Da gab es zwei Dialogrichtungen. Die eine geht in Richtung der Losung, zu Gott: «Mach dich auf, uns zu helfen.» Die andere geht an unsere Gemeinschaft, wo wir Stärke und Gewissheit, Gründung erfahren können.
Das kann die Kirchgemeinde oder unsere Partnerschaft sein, wo wir die Verankerung in Christus leben und erfahren. Einander Zeugnis ablegen von der Gewissheit um Gottes Beistand ist grosser, kein billiger Trost. Dank sei Gott.

Von: Gert Rüppell