Autor: Elisabeth Raiser

19. August

Der Tag des HERRN kommt und ist nahe. Joel 2,1

Lese ich diesen Vers unbefangen und ohne in das Buch Joel
hineinzuschauen, denke ich spontan: Der Tag des HERRN
wird ein grosser Festtag sein – endlich hören die Kriege auf,
endlich hören Hunger und Obdachlosigkeit und tödliche
Krankheit auf. Aber genau das Gegenteil ist mit diesem Vers
gemeint: Es wird ein Tag der Strafe sein. Es gibt immer beides
in der Bibel: Strafe für Fehlverhalten und Gnade und Barmherzigkeit.
So reisst auch Joel das Ruder ab dem 12. Vers des 2.Kapitels herum und verheisst Gottes Barmherzigkeit und Zuwendung, nachdem die Menschen in sich gegangen sind und umkehren.
Wie oft ist der Ruf zur Umkehr vor allem bei den Propheten,
aber auch im Neuen Testament zu hören. Der Glaube
an die Wirkung der Umkehr ist bei uns weitgehend verloren
gegangen.
Beunruhigender ist, dass der Glaube in manchen Ländern
genutzt wird, um Vertreibungen und Kriege zu rechtfertigen.
Darüber könnte man verzweifeln, aber die Verzweiflung und
das Unverständnis können das Ruder nicht herumreissen.
Ich bewundere die Menschen, die es wagen, Widerstand
gegen diese Politik zu leisten, die unter hohem Risiko auf
die Strasse gehen und protestieren, die alle Rechtswege
prüfen und einschlagen, um die Gewalt zu stoppen. Viele
unter ihnen glauben an Gott, viele glauben an die Stärke des
Rechts. Möge der eine Glaube den anderen stärken!

Von: Elisabeth Raiser von Weizsäcker

18. August

Maria setzte sich dem Herrn zu Füssen und hörte seiner Rede zu. Lukas 10,39

Jesus war bei Marta zu Besuch. Sie war offensichtlich die Vorständin
ihres Hauses und hatte Jesus eingeladen, bei ihr einzukehren.
Und natürlich fühlte sie sich dafür verantwortlich,
dass ihr Gast mit Speise und Trank gut versorgt wurde. Ihre
Schwester Maria hatte wohl weniger Verantwortung,
hätte aber natürlich helfen können. Früher, als wir noch einen
grossen Haushalt hatten und täglich viel zu tun war, um alle
satt zu kriegen, hatte ich immer besondere Sympathie für
Marta, die sich über die in ihren Augen bequeme
Schwester ärgerte. «Jesus zu Füssen sitzen und zuhören, das ist nun
wahrlich keine Leistung, sie könnte mir ruhig helfen!», wird
sie sich gedacht haben. Hat sie nicht recht?
Maria aber hört Jesus aufmerksam zu – sie ergreift diese
einmalige Chance – und sie kann offensichtlich zuhören.
Das ist ja bekanntlich gar nicht so leicht. Wirklich aufmerksam
zuhören – das ist schwer, und wenn es gelingt, kann es
einen Menschen zutiefst berühren und wachsen lassen. Von
ihrer Namensschwester Maria, Jesu Mutter, heisst es nach
dem Besuch der Hirten: «Und sie bewegte alle ihre Worte
in ihrem Herzen.» Gut zuhören – dann können Worte und
Sätze einem sehr viel bedeuten und lange wirken. Maria
hatte im Zuhören das gute Teil erwählt – ich hoffe, Marta
hat dies akzeptiert und sich dann dazugesetzt!

Von: Elisabeth Raiser von Weizsäcker

19. Juni

Du stellst meine Füsse auf weiten Raum. Psalm 31,9

Dieser uns allen so gut bekannte Vers ist wie die Fortsetzung
des Exodustexts: Gott schenkt die Freiheit nach dem
Auszug aus den alten engen und übermächtigen Strukturen
für einen weiten Raum, den wir durchwandern und mitgestalten
können.
Ich kann nicht anders, als dabei an die Taufe unseres jüngsten
Enkels zu denken, dessen Taufspruch dieser Vers ist. Er
nahm ihn damals im Gottesdienst wörtlich: Mit seinen zwei
Jahren sprang er aus der Kirchenbank und wanderte zielstrebig
und neugierig zuerst zum Altar, dann im weiten Raum
davor hin und her, betrachtete alle Ecken, die Kanzel, die
Pfarrerin und liess sich schliesslich etwas widerwillig von seinen
Eltern zurückholen. Der Anfang für ein Leben in einem
weiten Raum war gemacht. Nun hoffe ich sehr, dass er ihn
in seinem Leben immer wieder findet und nutzt.
Natürlich hat dieser weite Raum auch Grenzen, das sind
nicht nur die Bedürfnisse der Mitmenschen, die Rücksicht
auf sie und ihre freie Entfaltung, sondern auch die eigenen
Möglichkeiten und Grenzen. Diese Balance zu finden, ist eine
Lebensaufgabe, die uns immer wieder neu herausfordert.
Mut, Fantasie, manchmal auch Überschreiten der Konventionen
und die Gewissheit, dass nach dem Scheitern ein
Neuanfang möglich ist und unser Versagen verziehen wird.
Das ist ein grosses Versprechen! – Dank sei dir, Gott!

Von: Elisabeth Raiser-von Weizsäcker

18. Juni

Als der Pharao sah, dass Regen, Donner und Hagel aufhörten, versündigte er sich weiter und verhärtete sein Herz. 2. Mose 9,34

Es geht hier um das Ende der siebten der furchtbaren Plagen,
die den Pharao und sein Land Ägypten heimsuchten, bevor
er die durch Fronarbeit unterdrückten Israeliten endlich ausziehen
liess.
Nach dieser Zerstörung durch Hagel und Überschwemmungen
musste Gott noch drei weitere Katastrophen über
Ägypten kommen lassen! Nach der zehnten setzt das Volk
Israel das Passahfests ein, dann folgt die Flucht mit dem Zug
durch das Schilfmeer und in die Wüste mit der Verkündung
der Zehn Gebote am Berg Sinai und schliesslich die vierzig
Jahre Wüstenwanderung vor dem Einzug ins gelobte Land.
Insgesamt eine grosse mythologische Erzählung von der
Befreiung Israels aus alten Machtstrukturen und dem Beginn
seiner ganz besonderen Beziehung zu Gott. Jan Assmann
sagt dazu: «Menschendienst bedeutet Unterdrückung –
Gottesdienst bedeutet Befreiung» (Exodus. Die Revolution
der Alten Welt).
Es gehört zu dieser Befreiungserzählung dazu, dass der
Unterdrücker, die alte Macht, unbelehrbar ist, und das
drückt sich im heutigen Vers der Losungen deutlich aus.
Aber sie hat nicht ewig Bestand. Das ist für mich ein Trost
angesichts der heutigen Mächte, die die Welt dominieren.
Gott gebe und erhalte uns den Mut zu neuen Wegen!

Von: Elisabeth Raiser-von Weiszäcker

19. April

Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken. Hesekiel 34,16

Dies ist die wunderbare Barmherzigkeit Gottes, von der wir gestern schon gehört haben. Sie lässt mich spontan an Jesus und sein Leben denken. Er hat das umgesetzt, was Gott versprochen hat: Verlorene suchen und Verirrte zurückbringen, das einzige Schaf oder auch den einzigen Menschen, der sich verlaufen hat und verloren gegangen ist; ich kann nicht anders als dafür danken, es sind manchmal wohl auch viele! Verwundete verbinden und Schwache stärken, die Aussätzigen, die er heilte, die gekrümmte Frau, die er aufrichtete, der Blinde, dem er sein Augenlicht gab – und all die anderen bewegenden Heilungen und Rettungen.
Aber es geschieht auch in unserem täglichen Leben! Manchmal sind wir schwach und wissen nicht recht weiter, manchmal brauchen wir neuen Mut und nach einem kurzen Gebet kommt wie ein Wunder die Zuversicht zurück.
Bei Hesekiel richten sich diese Zusagen an das im Exil lebende Volk Israel – und auch hier folgt später wieder das Versprechen eines Bundes, diesmal ist es ein Bund des Friedens der Menschen untereinander und mit der Natur.
Das ist und bleibt aktuell, und wir brauchen ihn mehr denn je.
Gott, bitte gib uns die Kraft, an diesen Bund des Friedens weiter zu glauben und in seinem Geist zu handeln!

Von: Elisabeth Raiser-von Weizsäcker

18. April

Der HERR, dein Gott, ist ein verzehrendes Feuer
und ein eifernder Gott. 5. Mose 4,24

Diese Aussage von Gott kann uns erschrecken: Denn wer wird von so einem mächtigen Feuer verzehrt? Wir! Gemeint ist im 5. Buch Mose das Volk Gottes Israel. Aber könnten wir angesichts der schrecklichen Kriege, der ungeheuren Gewalt in unserer Welt und der grossen Ungerechtigkeit dieses Wort nicht auch auf uns beziehen? Was bedeutet das?
Wenn wir das gesamte 4. Kapitel lesen, sehen wir, dass es hier um die Erinnerung an den ersten Bund Gottes mit seinem Volk geht – und dieser Bund beruht auf Gegenseitigkeit. Eigentlich ist es ein Dreierbund: Bund Gottes mit den Menschen, der ihnen seine Güte und Barmherzigkeit zusagt und zugleich Treue der Menschen Gott gegenüber bedeutet, die sich wiederum in treuen und gerechten Beziehungen der Menschen untereinander konkretisiert. Die Zehn Gebote haben sie, haben wir als Leitlinien dafür empfangen. Ich verstehe den eifernden Gott dabei als denjenigen, der uns Unheil verkündet, das die unausweichliche Folge der Übertretungen sein wird. In den späteren Versen verspricht Gott den Seinen, dass es ihnen gut gehen wird, wenn sie diesen Bund ihrerseits halten, «denn der HERR, dein Gott, ist ein barmherziger Gott» (Vers 31).
Ich glaube daran und ich finde diese Warnung und zugleich Zusage eine gute, realistische und hilfreiche Richtschnur unseres Lebens.

Von: Elisabeth Raiser-von Weizsäcker

19. Februar

Lobet, ihr Völker, unseren Gott, lasst seinen Ruhm
weit erschallen, der unsere Seelen am Leben erhält und lässt unsere Füsse nicht gleiten
. Psalm 66,8–9

Im vergangenen Oktober hatten wir ein Seminar unter dem Motto «Seid Menschen», wobei es um Erinnerung und die daraus erwachsende Ermutigung zum Handeln ging. Dazu passt dieser Psalm 66 in seiner ganzen Länge. Es ist ein Dankes- und Loblied des Volks Israel nach Rettung aus vielen Gefahren, sei es beim Durchzug durch das plötzlich trockene Meer bei der Flucht aus Ägypten, sei es vor Feuer und Überschwemmung, sei es aus Krieg. Daraus wird ein Loblied für diese wunderbare Macht «Gott», die unsere Seelen am Leben erhält und unsere Füsse nicht gleiten lässt. Wenn die Füsse nicht gleiten, dann rutscht man nicht aus, sondern kann aufrecht weitergehen.
Aufrecht weitergehen, das brauchen wir heute in diesen innen- wie aussenpolitisch unruhigen Zeiten. Es hilft uns nicht, nach Vogel-Strauss-Manier den Kopf in den Sand zu stecken; nein, lasst uns weiter wach die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen wahrnehmen und uns für gegenseitiges Zuhören, Verstehen, Handeln, für die manchmal sicher etwas anstrengende Demokratie einsetzen – wir gehen nicht allein, Gott hilft uns, ja er schiebt uns, und damit können wir auch bei wenig sichtbaren Erfolgen ohne Angst weitergehen. Ich glaube fest daran!

Von: Elisabeth Raiser-von Weizsäcker

18. Februar

HERR, lass mir deine Gnade widerfahren,
deine Hilfe nach deinem Wort.
Psalm 119,41

Gnade – so ein schönes, tröstliches Wort! Ich fühle mich gleich darin geborgen, es ist wie ein Mantel, der mich wärmt und schützt. Und das ist zugleich die Hilfe, die mich stärkt.
Wenn ich jedoch andere Übersetzungen der Bibel anschaue, so steht hier statt Gnade Freundlichkeit (Bibel in gerechter Sprache) oder Huld (Einheitsübersetzung). Das liegt wohl daran, dass das Wort Gnade in unserer heutigen Welt eine andere Bedeutung hat, als im Urtext gemeint ist: Ausdrücke wie «Gnade vor Recht ergehen lassen» machen das deutlich: Hier ist Gnade ein Zugeständnis, das jemandem gewährt wird, der Unrecht getan hat, also ein Gnadenakt oder eine Begnadigung. Das ist ein ganz anderer Ton als das Gefühl von Geborgenheit, das ich beim Wort Gnade spontan empfinde.
Die Sprache ist ein Wunder – sie kann Gefühle in uns wecken, und man weiss oft nicht recht, wie. So bitte ich Gott mit dem Psalmisten um seine Gnade und bin immer dankbar, wenn am Ende einer Predigt der Zuspruch kommt: Die Gnade Gottes, die höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen in Jesus Christus – Amen.

Von: Elisabeth Raiser-von Weizsäcker

19. Dezember

Werdet stark durch eure Verbundenheit mit
dem Herrn. Lasst euch stärken durch seine Kraft.
Epheser 6,10

Gestern fiel mir spontan die Verbundenheit ein, um den
dunklen Seiten des Lebens zusammen zu begegnen und die
Hoffnungsmomente zu entdecken. Heute spricht nun Paulus
von der Verbundenheit mit Gott, die uns stärken kann.
Ich denke dabei an die bewegenden Stellen im Ersten Testament,
in denen Gott seinem Volk einen ewigen Bund zusagt
(Josua 24; Jesaja 55; Jeremia 33). Dabei ist Grundlage dieses
Bundes einerseits die Treue gegenüber Gott und gleichzeitig,
Gerechtigkeit zu üben und Frieden untereinander zu halten –
es ist also eine Art Dreiecksbund mit einer inneren Dynamik,
an deren Anfang ein Versprechen Gottes steht. Und es soll
uns dabei gut gehen!
Lassen wir uns stärken durch Gottes Kraft und zu einer
lebensspendenden Verbundenheit untereinander befähigen!
Das bringt mich zurück zum Neuen Testament und zur wunderbaren
Speisung der Viertausend. Die Vermehrung der
Brote und Fische, sodass alle satt wurden, ist, wie ich heute
denke, eine Geschichte des Teilens. Alles, was wir teilen,
wird mehr – die Güter, aber auch die Liebe, die Hoffnung,
der Glaube. Das stärkt uns und befreit uns – oft habe ich
das schon erlebt. Die Nähe Gottes ist dabei immer für uns
alle spürbar, auch wenn wir das nicht immer aussprechen.

Von: Elisabeth Raiser-von Weizsäcker

18. Dezember

Bessert euer Leben und euer Tun, so will ich
euch wohnen lassen an diesem Ort. Jeremia 7,3

Diese Aufforderung des Jeremia klingt hoffnungsvoll. Aber
wenn man in dem Kapitel weiterliest, wird deutlich, dass
das Volk, an das diese Worte gerichtet sind, der Einladung
Gottes nicht folgt. Im Gegenteil. Gottes dringender Appell,
die Armen, die Witwen und Waisen, die Fremden zu achten,
Recht zu üben und keinen anderen Gottheiten zu folgen,
stösst auf taube Ohren – und die Konsequenzen folgen auf
dem Fuss: Jerusalem wird von Nebukadnezar zerstört und
die Oberschicht ins Exil nach Babylon geführt. Das ist sehr
vereinfacht der historische Kontext.
Unweigerlich frage ich mich: Wo liegen heute unsere Verhaltensfehler,
die zu den politischen und ökologischen Krisen
geführt haben? Wir leben hier in einem Sozialstaat, und
doch geht die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter
auseinander. Das Klima ändert sich bedrohlich, auch weil wir
es trotz guter politischer Vorschläge seit Jahrzehnten nicht
schaffen, den CO2-Ausstoss genügend zu verringern. Kriege
nehmen zu, und das Völker- und das Kriegsrecht werden
missachtet. Es ist zum Heulen! Aber dann entdecke ich doch
Funken der Hoffnung in all dem Dunkel: grosse Hilfsbereitschaft,
enge und wärmende Verbundenheit, kleine oder
grössere ökologische Initiativen, lebendige Demokratien. Ich
danke Gott zutiefst für allen Mut, für allen Einsatz, für jede
Hoffnung, die uns belebt.

Von: Elisabeth Raiser-von Weizsäcker