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13. Oktober

Gott macht’s wie er will, mit dem Heer des Himmels
und mit denen, die auf Erden wohnen. Und niemand
kann seiner Hand wehren noch zu ihm sagen:
Was machst du?
Daniel 4,32

Da steht er, so stellt man es sich vor, der kleine jüdischstämmige
Beamte Daniel vor dem allmächtigen Kaiser
Nebukadnezar
und soll ihm einen Traum deuten. Man stelle
sich vor, als Angestellter, wenn auch wohl positioniert, zum
Konzernchef
gerufen zu werden, der einem merkwürdig
klingende
Visionen von der Zukunft des Unternehmens ausbreitet
und dann … «Erklär mir das, alle andern haben versagt
» sagt! Da steht man nun. Soll man dem Chef nach dem
Mund reden?
Soll man sich ein eigenes Bild machen und den
Chef zu überzeugen suchen, dass das doch alles sehr merkwürdig
ist, was er sich zusammengereimt hat? Daniel macht
keines von beidem. Er rekurriert auf seine eigene Überzeugung,
seinen Glauben, zweifelt nicht an der Grösse Jahwes.
Der abgehauene Baum, das Vergehen der Grösse, kann nur
im Kontext der Grösse Jahwes interpretiert werden. Seine
Macht anstelle der eigenen Macht zu preisen, ist die Botschaft
des Tages. Jahwes Macht als diejenige anzuerkennen,
die unseren Lebensweg bestimmt, und sich von ihm bestimmen
zu lassen, das, so lese ich aus der Losung, ist so etwas wie
die Nebukadnezar’sche Qualität unseres Lebens. Der Bogen,
der geschlagen werden kann, ist gross, aber stimmig: Auch
für Jesus von Nazareth gilt, dass sich niemand gegen Gottes
Pläne wehren kann. Sein Wille geschehe.

Von: Gert Rüppell

12. Oktober

Als Petrus den starken Wind sah, erschrak er und
begann zu sinken und schrie: Herr, rette mich!
Jesus streckte sogleich die Hand aus und ergriff
ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum
hast du gezweifelt?
Matthäus 14,30–31

Jesus geht auf dem Wasser, und Petrus steigt zu ihm aus dem
Schiff: eine der sonderbarsten Wundergeschichten, nicht
selten Anlass zu mehr oder weniger witzigen Karikaturen.
Die Menschen vor 2000 Jahren waren nicht von naturwissenschaftlichem,
physikalischem Denken bestimmt;
dennoch
muss die Geschichte für sie eine aussergewöhnliche
Vorstellung gewesen sein. Sie hat ihnen damit gezeigt,
dass in Jesus eine besondere Kraft am Werk ist, weil Gott in
ihm und durch ihn wirkt.
Die Geschichte sagt noch mehr. Wir erhalten selber Anteil
an dieser Kraft, wenn Jesus auf uns zukommt und wir ihm
entgegengehen. Es ist eine abgeleitete Kraft, nicht eine aus
uns selbst. Sie ist zerbrechlich, ist gefährdet durch Zweifel,
durch «Kleinglauben», wie Jesus sagt. Das gehört dazu;
Glauben ohne Zweifel kann es wohl nicht geben, wenn wir
ehrlich bleiben wollen. Aber Jesus streckt die Hand nach
Petrus aus, und er tut dasselbe für uns, damit wir – um im
Bild zu bleiben – nicht versinken in den Unsicherheiten
des Lebens, in Sorgen und Ängsten. Auf dem Wasser gehen
können wir nicht, aber wir sollen den Glauben wagen, auch
wenn wir ihn aus eigener Kraft nicht durchhalten können.

Von: Andreas Marti

11. Oktober

HERR, du bist der Armen Schutz gewesen in der
Trübsal, eine Zuflucht vor dem Ungewitter, ein
Schatten vor der Hitze, wenn die Tyrannen wüten.
Jesaja 25,4

«… Schutz gewesen …» – wohl eine leicht missverständliche
Übersetzung der hebräischen Perfektform als deutsche
Vergangenheit. Gemeint ist damit vielmehr die Verlässlichkeit,
das, was gegolten hat und weiterhin gilt. Im deutschen
Satz schwingt dagegen ein sehnsüchtiges Erinnern mit an
eine Zeit, da Gott geholfen hat – möchte er das doch auch
heute noch tun! So viele Arme auf der Welt, so schlimme
Unwetter, so unbegreiflich unmenschliche Tyrannen und
Kriegsverbrecher!
Da wäre es freilich nur ein kleiner Trost, dass es einmal
besser
gewesen sein soll. Lesen wir aber den Satz als «heilsame
Erinnerung» an etwas, das war und immer noch gilt,
dann öffnet er uns den Blick in die Zukunft. Er gibt Hoffnung,
dass mit Gottes Kraft und in seinem Namen Menschen auf
der ganzen Welt den Armen Schutz bieten, Zuflucht vor
Unwettern
schaffen und den Tyrannen in den Arm fallen
können.
«Siehet er Menschen, die Unrecht leiden: er ist’s, der ihnen
Recht verschafft. Hungrigen will er zur Speis bescheiden, was
ihnen dient zur Lebenskraft. Die hart Gebundnen macht er
frei: Gnade verleiht er mancherlei. Halleluja.» (Joh. Daniel
Herrnschmidt nach Psalm 146, Ref. Gesangbuch 99)

Von: Andreas Marti

10. Oktober

Was gering ist vor der Welt und was verachtet ist,
das hat Gott erwählt, was nichts ist, damit er
zunichtemache, was etwas ist, auf dass sich kein
Mensch vor Gott rühme.
1. Korinther 1,28–29

Was ist Ihre liebste Sehenswürdigkeit? – Vor vier Jahren
war ich im Sommer in Athen. Ich genoss es, im lauen Wind
zwischen
Olivenbäumen und Agaven auf den Hügeln der
Stadt zu spazieren und meinen Blick über die Akropolis
schweifen zu lassen. An einem Abend ging ich noch für eine
Stunde ins Akropolis-Museum, das sich unterhalb des Akropolis-
Hügels befindet. Ich schlenderte durch die Räume,
danach setzte ich mich draussen etwas hin und betrachtete
das Museum: ein schöner Bau. Dabei sah ich durch die
grossen
Glasfenster zwei Frauen, die beide einen Putzwagen
durch die Räume schoben, miteinander schwatzten und den
Exponaten um sich herum keinerlei Beachtung schenkten.
Klar, sie sind wohl täglich dort und sind es gewohnt, ihre
Arbeit zwischen Weltkulturerbe zu verrichten. Trotzdem
war es ein erfrischender Anblick, der die Ehrfurcht vor den
Zeugen der Vergangenheit und deren Grossartigkeit etwas
entkräftete.
Sprechen diese Sehenswürdigkeiten wirklich nur vom
Bemühen der Menschen, sich selbst unsterblich zu machen?
Oder sind sie unverzichtbare Zeugnisse unserer Menschheitsgeschichte?
Oder sprechen sie auch, trotz ihrer Grossartigkeit,
ein wenig von unserer Suche nach Gott?

Von: Katharina Metzger

9. Oktober

Zachäus sprach zu Jesus: Siehe, Herr, die Hälfte
von meinem Besitz gebe ich den Armen, und
wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich
es vierfach zurück.
Lukas 19,8

Vor einem Jahr war ich an einer Fortbildung für Lehrkräfte,
und am Schluss stellte die Leiterin die Frage: «Was würdet
ihr tun, wenn ihr eine Kiste mit einer Million Franken drin
finden würdet, die ihr behalten dürft?» Zuerst Schweigen,
dann: «Ein Haus kaufen.» «Eine Reise machen.» «Ein Jahr
unbezahlten Urlaub nehmen.» – Niemand sprach vom Teilen.
Niemand sprach davon, dass wir ja eigentlich Monat für
Monat einen nicht allzu schlechten Lohn erhalten. Niemand
erinnerte daran, dass man sich noch am Morgen – anlässlich
einer anderen Veranstaltung – für das Thema «Energiesparen
» ausgesprochen hatte und dass das vielleicht auch
ein wenig mit Selbstbeschränkung zu tun haben könnte.
Und ich sagte auch nichts, ich hatte plötzlich Angst, als
miesepetriger
Moralapostel dazustehen. Der Leiterin ging
es übrigens
gar nicht ums Thema Geld, sondern darum,
Wünsche
zu artikulieren.
An der Zachäusgeschichte gefällt mir, dass Jesus nicht
einen Sieg feiert, weil er Zachäus vom Geld «wegbekehrt»
hat, sondern dass er, wie es am Ende heisst, in Zachäus etwas
gesucht und gerettet hat, das verloren war. Wie viel «Original-
Zachäus» steckt auch in uns, und wie viel liesse sich auch
in uns wiederentdecken?

Von: Katharina Metzger

8. Oktober

Das Los ist mir gefallen auf liebliches Land;
mir ist ein schönes Erbteil geworden.
Psalm 16,6

Wenn das nicht gut klingt: Ich ziehe an der Tombola ein
Los, auf dem steht: «Liebliches Land gewonnen.» Doch
schnell bemerke ich den Haken. Alle anderen um mich
herum erhalten Preise wie «Luxuriöses Chalet in den Bergen,
Villa am Meer mit Swimmingpool, Loftwohnung an
urbaner Toplage …». Ich bin irritiert und frage mich: Habe
ich nun gewonnen oder verloren? Genau so muss sich Levi
vorgekommen sein, als sein Vater Jakob mittels Los sein Land
an seine zwölf Söhne aufteilte, er aber leer ausging. Stattdessen
erhielten Levi und sein Stamm das spirituelle Erbe, als
Priestergeschlecht für alle übrigen Israeliten da zu sein. Kein
Landbesitz für ihn, sondern der Dienst an Gott.
Psalm 16 nimmt mich mit in dieses Erleben von Levi, dessen
unmittelbare Reaktion zwar nicht überliefert ist, der sich an
diesem immateriellen Erbe aber zu freuen scheint. Ein Erbe,
das ebenfalls Zuwendung und Verantwortung bedeutet, denn
auch «liebliches Land» will gehegt und gepflegt werden. Lasst
uns den heutigen Tag so erleben, als hätten wir Levis Los gezogen.
Lasst uns heute nicht nach links und nicht nach rechts
schauen, sondern unser eigenes liebliches Land entdecken und
uns an unseren eigenen inneren Pflanzen erfreuen. Lasst uns
heute auf unser eigenes spirituelles und kulturelles Erbe fokussieren,
das uns am Herzen liegt, und es als liebliches Land erfahren:
ein Raum, der mir Tag für Tag den Boden verleiht, geistig
zu wachsen und meinen Hunger nach Sinnerfahrung zu stillen.

Von: Esther Hürlimann

7. Oktober

Elia betete: Erhöre mich, HERR, erhöre mich, dass dies
Volk erkenne, dass du, HERR, Gott bist und ihr Herz
wieder zu dir kehrst!
1. Könige 18,37

Der grosse Showdown auf dem Berg Karmel. Wer ist Gott –
Baal oder der, dessen Name nicht ausgesprochen werden
darf: der Ewige, der Israel in die Freiheit geführt und in der
Freiheit des Vertrauens leben lassen will? Zwei Altäre werden
gebaut, Holz aufgeschichtet, je ein Opfertier vorbereitet. Baal
soll auf das Gebet der Priester, der Ewige auf das Gebet des
Propheten Feuer vom Himmel fallen lassen. Der Gebetstanz
der Priester ist vergeblich. Elia traut der Gottesflamme viel
zu; er lässt seinen Altar noch ausgiebig benetzen. Gott hört
und handelt. Sein Feuer verzehrt Tier, Holz, Steine, Staub
und Wasser. Elia meint dann, er müsse die Macht des Ewigen
noch durch ein grauenhaftes Gemetzel an den Baalspriestern
unterstreichen. Ob er dadurch dazu beitrug, dass Gott die
zweite Hälfte des Gebets nicht erfüllte? Es kam nicht zur
Umkehr. Das Volk richtete sich nicht wieder auf den Ewigen
und Sein Wort aus, der König erst recht nicht.
Nein: Machtdemonstrationen braucht es keine, aber den
Nachweis der Liebe, Beweise der Gerechtigkeit. Dann kann
ich gerne mit Elia beten: «Gott des Lebens, das, was ich sage
und tue, wie ich mein Leben gestalte – mein Zeugnis also –
soll dazu beitragen, dass Menschen dich erkennen und aus
deiner Liebe leben.»

Von: Benedict Schubert

6. Oktober

Gehorcht meiner Stimme, so will ich euer Gott sein,
und ihr sollt mein Volk sein.
Jeremia 7,23

Gehorsam passt nicht in den Wortschatz und Tugendkatalog,
den wir zur Bewältigung unserer krisendurchtränkten
Gegenwart brauchen. Wollen wir Kinder, die ihren Eltern
(welche mitgeholfen haben, die Welt an den Abgrund zu
steuern) gehorsam sind? Übrigens stelle ich mir manchmal
auch die umgekehrte Frage: Wollen wir wirklich Eltern sein,
die ihren Kindern kaum widersprechen und ihnen vorauseilend
Stein um Stein aus dem Weg räumen?
Im Grossen stehen uns die schrecklichen Konsequenzen
eines blinden, ausweglosen Gehorsams vor Augen –
längst nicht nur mit Blick auf mordende, vergewaltigende
und selber
tragisch ihr Leben opfernde russische Soldaten.
«Jeden Tag», sagt Dorothee Sölle über Jesus, «habe ich
Angst, dass er umsonst gestorben ist, weil er in unseren
Kirchen
verscharrt ist, weil wir seine Revolution verraten
haben in Gehorsam und Angst vor den Behörden.»
Gottes Stimme zu gehorchen, verstehe ich nicht als eine
der Formen von Gehorsam gegenüber Autoritäten. Sondern
als das pure Gegenteil. Als Ermutigung zum Ungehorsam,
wenn Friede, Gerechtigkeit und die Schöpfung bedroht sind.
Als Bekräftigung des Regenbogen-Bündnisses für das Leben,
wenn die Würde von Menschen, von Kindern und Eltern,
von Tieren und aller Kreatur auf dem Spiel steht.

Von: Matthias Hui

5. Oktober

Alles Volk freute sich über alle herrlichen Taten,
die durch Jesus geschahen.
Lukas 13,17

Einen Satz lang ist im Lukasevangelium alles in Butter.
Schlichtweg alles Volk freute sich angeblich über alles
Grossartige, was Jesus tat. Wir brauchen sie, diese Momente
der gemeinsamen Identifikation mit dem Guten, diese Stunden
der kollektiven Freude. Mein Schwiegervater erzählte
vom Tag, als der Krieg zu Ende war und Menschen in der
Altstadt zusammen tanzten; eine Kellnerin riss ihn, den Jüngling,
einfach mit. Oder: Mich beeindruckte die solidarische
Verbundenheit, die ausgelassene Freude, die mir dieses Jahr
am feministischen Streik von Zehntausenden schönen, entschiedenen
Menschen entgegenkam.
Aber die Beschreibung solcher Eintracht vermag Lukas im
Bibeltext nur diesen Satz lang durchzuhalten. Sie ist Wunschvorstellung,
Utopie, flüchtige Erfahrung, vielleicht nur rasch
zusammengekleisterte Gemeinsamkeit. Im Satz davor ist
von «allen Gegnern» von Jesus die Rede, die nicht tolerieren
wollten, dass er am Sabbat Menschen aufrichtete. Und
am Ende des Kapitels ist von Jerusalem als Ort des Leidens
die Rede. Bald wird sich dieses «alles Volk» resigniert, duckmäuserisch
und kleingläubig verzogen haben.
Dazwischen steht immerhin der Satz, der das Reich Gottes
mit einem kleinen Senfkorn vergleicht – aber halt nicht mit
einem grossen, revolutionären Volksfest.

Von: Matthias Hui

4. Oktober

Der HERR, dein Gott, führt dich in ein gutes Land,
ein Land, darin Bäche und Quellen sind und Wasser
in der Tiefe.
5. Mose 8,7

Am Ende des langen Abschnitts, aus dem unser Vers stammt,
steht die «Erklärung», weshalb dieser Abschnitt aus der
Schlussrede des Mose vor dem Übergang ins verheissene
Kanaan notwendig ist: Du (Israel) bist ein halsstarriges Volk
(Vers 9,6). Auch nach vierzig Jahren Wanderung durch wüstes
Land ohne Wasser, ohne Vegetation, hat das aus der
Sklaverei herausgeführte Volk die Dankbarkeit nicht hervorgebracht,
die eigentlich selbstverständlich wäre. Denn, wird
hier gesagt, dass es nun so weit gekommen ist, ist in keiner
Weise das Verdienst dieser Menschen. Und schon gar
nicht, dass jetzt, ennet dem Jordan, ein Land wartet, wo
alles anders und Wasser und noch viel mehr im Überfluss
da sein wird. Es ist Gott allein, dem dieser ganze wundersame
Vorgang zu verdanken ist. Es gibt keinen Anspruch
auf dieses Land! Es wird ein weiteres Geschenk sein von
Gott, wie seinerzeit das Manna vom Himmel und das Wasser
aus dem Felsen. Das sollt ihr nie vergessen, mahnt der
bald sterbende Anführer. Seine Worte gelten weit über den
damaligen konkreten
Anlass hinaus: Was wir haben und
nutzen können, ist Gottesgeschenk.
Das zu vergessen, wäre
Undank – auch von uns.

Von: Hans Strub