Autor: Hans Strub

11. Mai

Gott verletzt und verbindet;
er zerschlägt und seine Hand heilt.
Hiob 5,18

Hiobs Freund Elifas versucht den Schwergeprüften in seinem
Leid zu trösten. Er macht ihm Hoffnung damit, dass
auch in der Schwachheit ein Grund zur Hoffnung liegt.
Denn Gott lässt seine Menschen auch in grosser Not nicht
allein. Aber kein Lebenswandel, und sei er noch so fromm
und ohne Schuld, bewahrt vor Schicksalsschlägen. Es gibt
keine «Garantie» für ein glückliches Leben. Aber es gibt eine
grosse Zuversicht, hört Hiob von Elifas: Gott bleibt da. Zu
jeder Zeit. Wenn er, Hiob, auch «da» bleibt. Wenn er sich
also von seinem Leid und Schmerz nicht von Gott trennen
lässt. Wenn er seinen Glauben daran, dass Gott seine Situation
wenden kann, behält. Auch wenn das eine grosse Herausforderung
ist, kann es möglich werden, wenn der Notleidende
seine Not beklagt. Wenn er offen zu Gott ist – und so
auch offen für Gott bleibt. Gott ist bei den Schwachen und
Armen. Ihnen gilt seine Liebe zuerst. Aber genau in solchen
Situationen
fällt es oft schwer, einen zugewandten Gott im
Herzen zu bewahren. Auch Hiob entgleitet die Kontrolle
über seine Worte, sein Unmut über Gott ist stärker. Aber: Er
wendet sich damit nicht von Gott ab, sondern – im Gegenteil
– ihm zu! Ob das uns hier auch gelingen kann …?
Gott, wir bitten um die Kraft, bei dir zu bleiben, auch wenn
es uns schlecht geht und so vieles gegen dich spricht!

Von: Hans Strub

10. Mai

Der HERR spricht: Ich will mich zu euch wenden
und will euch fruchtbar machen und euch mehren
und will meinen Bund mit euch halten.
3. Mose 26,9

Das ganze Kapitel 26 fasst nochmals zusammen, was in den
vorangegangenen Teilen detailliert beschrieben ist: Gott
verpflichtet sich seinem Volk gegenüber – und baut darauf,
dass auch es seinen Teil aus dem Bundesvertrag einhält,
die erlassenen «Satzungen» befolgt und so seine Heiligkeit
respektiert (Verse 1–3). Dann wird über dem Land und
dem Volk Gottes Segen liegen und seine Zukunft sichern
(Verse 4–13). Viermal in einem einzigen Vers steht hier
«euch»! Viermal sagt Gott an und zu, dass er das Beste für
sein Volk will. Viermal zeigt Gott, wie ernst es ihm ist und
wie sehr ihm daran liegt, dass das Volk eine segensvolle
Zukunft hat. Wer so spricht, muss sehr lieben und unter
allen Umständen wollen, dass es «euch»/uns gut geht. Diese
Liebe geht allem, was kommt, voraus! Verhalten und Handeln
des Volkes sind nachgeordnet und eine Folge dieser
zugesagten Liebe. Eigentlich kann es gar nicht anders, als sich
dieser grossen Zuwendung dankbar zu erweisen – für die es
keine Vorleistung brauchte! Es tut gut, gerade in diesen unerwartet
düster gewordenen Zeiten diese uneingeschränkte
Hinwendung unseres Gottes zu hören und in unserer Seele
abzuspeichern. Und unseren eigenen Teil als Bundesgenossinnen
und -genossen nach besten Kräften und mit unerschütterlichem
Willen zu übernehmen.

Von: Hans Strub

4. April

Ich bin der Herr, und sonst keiner mehr, der ich das Licht mache und schaffe die Finsternis, der ich Frieden gebe und schaffe Unheil. Ich bin der Herr, der dies alles tut. Jesaja 45,67

«Ich bin der Herr und keiner sonst, ausser mir gibt es keinen Gott. Ich gürte dich, auch wenn du mich nicht erkannt hast, damit sie erkennen, vom Aufgang der Sonne und von ihrem Untergang her, dass es keinen gibt ausser mir. Ich bin der Herr, und keiner sonst. Der das Licht bildet und die Finsternis schafft, der Heil vollbringt und Unheil schafft, ich, der Herr, bin es, der all dies vollbringt.» In den Versen 5–7 erstellt Gott gewissermassen ein Selbstporträt. Ein sehr umfassendes, aber auch ein sehr klares: Gott kann alles, und er/sie spannt alle ein für den Erweis seiner Vollmacht. Auch den fremden König Kyros. Dieser ist es, der den nach Babylon deportierten Volksteilen die Rückkehr ermöglicht. Den Neuanfang. Gott braucht Menschen zum Vollzug seiner/ihrer Pläne. Auch fremde, unerwartete. Denn Gott ist nicht einfach – Gott ist in Beziehung. Zur Welt. Zu dem, was geschaffen ist. Zum Licht wie zur Finsternis, zum Frieden wie zum Unheil. Er/sie setzt diese Pläne um, für das Volk, für die Menschen, auch für mich. So bekomme ich Anteil an seiner/ihrer Macht und Gestaltungskraft. Und kann erkennen, dass selbst unheilvolle Erfahrungen auf Gott zurückgehen. Dadurch aber werden auch sie ansprechbar im Gebet. Denn nur Gott ist es, der auch heilen kann. Welche Hoffnung!

Von: Hans Strub

3. April

Sie sollen erfahren, dass ich der Herr bin, wenn ich ihr Joch zerbrochen und sie errettet habe. Hesekiel 34,27

Gott befreit und schenkt neues Leben. Diese Quintessenz aus den Prophetenworten an das Volk (die «Schafe») hatte damals eine starke politische Bedeutung, sie hat heute eine grosse Bedeutung, individuell wie politisch, und sie wird auch in der Zukunft Bedeutung haben. Hesekiel – oder Ezechiel – nimmt  die Osterbotschaft vorweg. Was damals den Nachkommen des idealisierten David gesagt wurde, wird spätestens seit Ostern auf Jesus, den Nach-Nachfolger Davids, übertragen. Befreiung und Errettung als etwas, worauf Verlass ist. Das «gedeckt» ist, weil es Gottes Wort ist. Es trifft mich genau dann, wenn ich trübsinnig bin. Wenn die Weltgeschichte eine Wendung genommen hat, die mir Angst macht. Wenn im privaten Bereich erwartete Erfolge nicht eintreten und eine starke Depression im Anzug ist. Wenn Beziehungen auf einen Bruch hinsteuern. Wenn ich mich immer einsamer fühle mit den schweren Gedanken, die mich mutlos machen und mich lähmen. Da hinein fällt das grosse Gotteswort, das Neues zusagt und verspricht: dass die drohende Sonnenfinsternis um mich und in mir vorbeigeht und es hell wird. Dass die Weltgeschichte nicht an ihr Ende kommt, sondern dass bislang unbegangene Wege sich auftun. Ich darf mich auf diese noch unglaublich erscheinende Öffnung in meinem Leben und in der Welt einlassen. Gott hat sie versprochen, weil er Gott ist. Und wir das erkennen.

Von: Hans Strub

11. März

Als Jakob von seinem Schlaf aufwachte, fürchtete er sich und sprach: Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels.
1. Mose 28,16.17

Der Himmel ist offen und Jakob sieht hinein: Da sind, wie zu erwarten ist, himmlische Wesen, Engel, die über eine Treppe hinauf- und hinabsteigen, und da ist Gott. Aber was nicht zu erwarten war: Gott sitzt offensichtlich nicht oben auf einem Thron, sondern steht gleich am Anfang der Treppe, unten. Gleich bei Jakob, gewissermassen auf Augenhöhe. Gott lässt ihn nicht hochsteigen, sondern steht bei ihm und spricht zu ihm. Und was er sagt, ist überwältigend! Jakobs Nachkommen werden sich ausbreiten, von Gott begleitet und behütet. Als er aufwacht, ist ihm bewusst, dass heute und hier etwas Grosses geschehen ist: Er hat Zukunft gesehen. Und diese Zukunft ist unwahrscheinlich schön und gut. Wir können erahnen, was das für diesen Mann bedeutet hat, der seinerzeit fliehen musste und der nun als Flüchtling wieder zurückkehrt. In seinem «Gepäck» hat er einzig diesen Traum, der ihn gleichermassen ängstigt wie stark macht. Damit diese Hoffnungserfahrung für alle Zeiten erinnert wird, benennt er den Ort um – er war bisher einer Gottheit «El» geweiht, jetzt dem Gott «Elohim» (Beth-El). Die Geschichte, die hier erzählt wird, ist eine Menschheitsgeschichte. Das bedeutet, dass Gott jederzeit und überall nahe erfahren werden kann. Auch und besonders hier und heute.

Von: Hans Strub

10. März

Ich will mich freuen über mein Volk. Man soll in ihm nicht mehr hören die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens. Jesaja 65,19

«Vielmehr frohlockt und jubelt endlos über das, was ich schaffe!» Das ruft der Prophet denen zu, die auf Gott vertrauen, denn Gott wird in unmittelbarer Zukunft einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen. Neue Voraussetzungen für das Volk, ein Leben in Gottesnähe zu führen und zu gestalten. Dann wird sich auch Gott freuen über das, was nun geschieht: kein Weinen und Klagen mehr, keine Kindersterblichkeit, dafür Langlebigkeit für alle, man wird Häuser bauen, Weinberge pflanzen, ernten, und es wird keine Angst mehr geben… (Verse 20–24) So wird es denen ergehen, die auf Gott bauen – im Unterschied zu denen, die sich anderweitig orientieren. Wer auf der Seite Gottes lebt, dem/der wird eine ganz konkrete Hoffnung zuteilwerden. Die sogenannte dritte Gottesrede am Ende der Jesajaschrift entstand in einer höchst unruhigen Zeit, in der Zeit nach der grossen Verwüstung, die über das damalige Israel/Palästina gekommen war. Widerstrebende Kräfte waren wirksam und wollten sehr unterschiedliche Wiederaufrichtungskonzepte ausführen. Damals müssen diese Heilsworte für viele eine wichtige Orientierung gewesen sein, eine grosse Zusage, ein starker Halt. Das bringen diese alten, aber dennoch zeitübergreifenden Sätze auch für heute: Sie sagen uns Zukunft zu inmitten von Angst, Leid und Zerrissenheit.  

Von: Hans Strub

4. Februar

Er ist nahe, der mich gerecht spricht;
wer will mit mir rechten?
Jesaja 50,8

«Lasst uns zusammen hintreten! Wer ist Herr über mein Recht? Er soll zu mir kommen!» So geht dieser Vers aus dem dritten Gottesknechtlied weiter. Der Prophet, der hier spricht, ist herausgefordert von Kritik und Widerstand gegen das, was er vorbringt. Er verteidigt sich, indem er sein Vertrauen zu Gott in den Vordergrund stellt: Wer könnte es wagen, dem entgegenzutreten, was Gott sagt? Und es ist Gott, der durch mich redet. Wer mich angreifen will, soll nur kommen – er wird erfahren, dass Gottes Kraft und Macht stets grösser ist. Denn Gott gibt die Vollmacht, so zu euch zu reden! Reden zu müssen … Der «Gottesknecht» hier weiss, dass Gott auf seiner Seite steht, dass Gott ihm die Zunge aufgetan hat und das Ohr, und dass er vor seinem Auftrag nicht zurückgewichen ist (Verse 4–5). Das Vertrauen in Gottes Dasein macht ihn stark; gibt ihm den Boden unter die Füsse, den er braucht, um den Angriffen standzuhalten. Wer in sich den Auftrag spürt, seine Überzeugung deutlich zum Ausdruck zu bringen, muss mit Anfeindungen rechnen und darauf eingestellt sein. Dass sie an ihnen nicht zerbrechen, darauf dürfen sie sich verlassen. Wie hier: Gott selbst lässt mir Kraft zukommen dann, wenn ich sie brauche. Gott selbst lässt mich gerade hinstehen und stützt mich, jederzeit und überall!

Von: Hans Strub

3. Februar

Ich will dich mit meinen Augen leiten. Psalm 32,8

«Wohl dem, dessen Missetat vergeben, dessen Sünde getilgt ist.» Mit diesem Glückwunsch (Makarismus) beginnt der zweite altkirchliche Busspsalm, eine Art Lehrverse zur Umkehr, zur Busse. Und mittendrin ein überraschendes Wort, ein Gotteswort: Ich will dich mit meinen Augen leiten. Gott
will leiten, Gott will den Weg zur Busse zeigen, Gott will
also, dass Fehler, die ich begangen habe, weggelegt werden
können. Vergeben werden können. Die Vergebung ist Gottes
Wille – und Gottes Möglichkeit. Der Weg zu ihr ist das Gebet (Vers 6). Im Gebet gehen mir Zusammenhänge auf, werde ich mir bewusst, was geschehen ist, denn da muss ich nicht nach Ausreden suchen, weshalb mir dies und jenes «passiert» ist.
Im Gebet verändert sich meine Sicht auf die Geschehnisse, es «gehen mir die Augen auf», wie der Volksmund sagt. Das passiert aber nicht «einfach so» – was sich wirklich ereignet, ist: Ich sehe das, was war, mit «anderen» Augen, und diese Augen sind Gottes Augen.
Gott leitet meinen Weg, indem er/sie mich diesen Weg mit seinen/ihren Augen sehen lehrt. Im Psalm beginnt der Vers 8 so: «Ich will dich lehren und dir den Weg weisen, den du gehen sollst, ich will dir raten.» Und dann folgt der Satz von heute: «Ich will dich mit meinen Augen leiten.» Der Ort, wo dieser Sichtwandel zustande kommt, ist das Gebet – indem ich mich auftue und Gott Raum gebe für ihr/sein Wirken.

Von: Hans Strub

11. Januar

Siehe, ich habe dich geprüft im Glutofen des Elends. Jesaja 48,10

Gott hat seinem Volk Befreiung geschenkt – und nicht alle wollen diese! Die Zeit im «Glutofen des Elends» ist vorbei, ruft er ihnen durch den Propheten zu. Ich habe euch die Möglichkeit verschafft, dass ihr aus dem Exil zurückkehren könnt – nutzt sie! Nur: Nach drei Generationen im Land, in das man sie gezwungen hat, haben sich einige darin eingerichtet. Das Flüchtlingslager ist zum «Normalfall» geworden, jedenfalls für etliche der dort Geborenen. Der Bezug zur Heimat der Eltern und Vorfahren kann verlorengehen, wenn man so lange an einer Rückkehr gehindert wird. Und jetzt sollen sie plötzlich gehen. In eine ungewisse Zukunft aus einer einigermassen organisierten Gegenwart …
Jeder Aufbruch ist schwierig, in die eine wie in die andere Richtung, nach vorne oder zurück. Es braucht Zutrauen, dass es richtig ist, etwas Bekanntes zu verlassen. Jesaja muss viel Überzeugungskraft aufbringen, um mit seiner Botschaft anzukommen. Obwohl es Gott ist, der/die diese politische Möglichkeit aufgetan hat. Gott muss dafür werben, dass die Menschen ihre Befreiung annehmen! Das Vertrauen der Menschen in Gott ist nicht überwältigend. Das von etlichen selbst erschaffene kleine Glück wiegt stärker. Das ist eine deutliche Anfrage auch an uns, an mich: Wie sehr bin ich bereit, mich auf Gott wirklich einzulassen? Wie sehr bin ich bereit, genau hinzuschauen, welcher Weg für mich wirklich in die Befreiung führt?

Von: Hans Strub

10. Januar

Lass ab vom Bösen und tue Gutes;
suche Frieden und jage ihm nach!
Psalm 34,15

Ein ganzes friedensethisches Programm ist in den vier Verben dieses kurzen Satzes zusammengefasst: Es beginnt beim Ablassen (vom Bösen), kommt zum Tun (des Guten), wird intensiver im Suchen (des Friedens) und kulminiert schliesslich im Nachjagen desselben. Ein vierschrittiges Programm, das mich vom ersten Augenblick an in die Pflicht nimmt. Und mich dann in drei weiteren Schritten zu einem Friedensaktivisten macht, der nicht wartet, sondern die Initiative ergreift, wo immer er/sie kann! Das mag nach einem atemlosen Engagement tönen – ist es aber nicht, weil es eingebettet ist in einen grösseren Zusammenhang. Da geht es um nichts Geringeres als die Befreiung zu einer neuen Welt! «Der Herr erlöst das Leben seiner Diener, und keiner wird es bereuen, der Zuflucht sucht bei ihm» (Vers 23). Gott ist es, der das Gute und den Frieden will. Sie/er weist den Weg dazu, ich brauche ihn «bloss» zu gehen … Gottes Programm mit der Welt ist nicht Zerstörung oder gar Untergang, sondern Aufbruch, Neuanfang, Zutrauen, dass es geht, auch wenn rundum so vieles dagegen zu sprechen scheint. Vertrauen in einen Gott, der Unmögliches vermag. Dies in dieser jetzigen Welt zu glauben und sich daran auszurichten, verlangt viel und gelingt oft nicht. Das «Programm», von dem in diesem Vers die Rede ist, kann mir und uns helfen, die stets nötigen «ersten Schritte» zu tun.

Von: Hans Strub