Autor: Hans Strub

17. September

Führe mich aus dem Kerker, dass ich preise deinen Namen. Psalm 142,8

Ein Mensch sitzt in einer Gefängniszelle und weiss nicht weiter. Weltweit und seit ältesten Zeiten erleben ungezählte Menschen ein solches Schicksal; viele wissen nicht einmal, weshalb sie plötzlich isoliert und von allen Kontakten mit der lebendigen Welt brutal abgeschnitten sind. Viele zwei-feln an sich selbst, verzweifeln ob ihrer Einsamkeit, schreien, weinen, werden stumm. Oder beten, bitten, formulieren ihre Not, ihre Angst, ihre Hoffnungslosigkeit. Wie der Psalmist hier, der seine Worte dem in einer Höhle eingeschlossenen und vom Kontakt mit seinen Leuten abgeschnittenen David, dem späteren König des Volkes, in den Mund legt. Dieser David fühlt sich völlig verlassen, ausgeschlossen aus jeglicher Gemeinschaft von Lebenden, sich selbst und seinen Feinden ausgeliefert. Die letzte Zuflucht für ihn ist Gott: «Vernimm mein Flehen, rette mich vor meinen Verfolgern, führe mich aus diesem Kerker hinaus!» (Verse 7–8) So offen und ehrlich sagt oder ruft einer, dem bewusst ist, dass er sich selbst nicht mehr helfen kann – nur noch Gott kann es. Wir kennen viele überlieferte Gebete von eingesperrten Menschen aus Vergangenheit und Gegenwart – sie tönen sehr ähnlich wie diese Psalmworte. Und wir wissen, dass manchen eine gute Zukunft verwehrt blieb. Aber wir können hoffen, dass rufen, schreien und beten Leben bewahren kann …

Von: Hans Strub

16. September

Deine Güte, HERR, sei über uns, wie wir auf dich hoffen. Psalm 33,22

Der Lobpsalm für Gottes Plan für die Welt schliesst mit einer Bitte um Segen. Nachdem sie sich im Singen (einmal mehr) bewusst gemacht hat, wie grossartig Gott seine Schöpfung geplant und gestaltet hat, stimmt die betende Gemeinde von damals in diese Bitte um seine Wachsamkeit und seinen Schutz ein und fasst damit ihre Dankbarkeit für den wunderbaren Weltplan zusammen: Lass deine Güte über uns wachen, Gott, auf den wir hoffen! Der gütige Blick des wach-samen Gottes wird herbeigewünscht. «Gütig» schliesst hier auch Vergebung und Versöhnung ein. Angesichts der Grösse und Mächtigkeit von Gottes Schöpfung fühlen sich die Sin-genden klein und auf Schutz und Nachsicht angewiesen. Er, der Nationen bändigen kann mit seinem Wort, gegenüber dem alle Heere dieser Welt keine Bedeutung haben, soll von allen, die sich ihm zugehörig fühlen, besungen werden (Verse 1–3). «Denn das Wort des Herrn ist gerecht, und all sein Tun verlässlich!» (Vers 4 ff.) Darin hat die Bitte um Gottes Güte und ihr Hoffen auf ihn seinen Grund; genauso wie unser Zutrauen zu Gott und seinen Möglichkeiten, uns heute und unsere Welt auf einem Weg zu behalten, der in eine gemeinsame Zukunft von ihm und uns Menschen führt und nicht in Situationen, aus denen Rückwege nur schwer zu erkennen sind. Darauf können und dürfen wir bauen.

Von: Hans Strub

17. August

Der HERR hat das Recht lieb. Psalm 37,28

«Meide das Böse und tue das Gute, und du wirst auf ewig
bleiben. Denn der Herr liebt das Recht, und er verlässt seine
Getreuen nicht, auf ewig sind sie behütet, das Geschlecht
der Frevler aber wird ausgerottet. Die Gerechten werden
das Land besitzen und für immer darin wohnen.» In diesem
Zusammenhang steht der knappe Satz von heute (Verse
27–29). Das Gute tun ist also «recht». Und Gott liebt das.
Mehr noch: Gott gibt denen, die so leben, den Gerechten,
eine Zukunft, die alles überstrahlt. Das Wort «ewig» meint
hier: von jetzt ab ohne Begrenzung. Jemand, der das Recht
«liebt», tut ihm also mehr als einfach die Ehre erweisen.
Oder es schätzen. Wer das Recht liebt, legt sein ganzes
Herz darein, das Gute zu tun. Selbstlos, auf andere gerichtet,
damit es denen rundum gut geht. So handelt Gott, wird
hier gesagt: Mit Liebe. Aus Liebe. Durch Liebe. Liebe zu den
Menschen, Liebe zum Volk, Liebe besonders zu jenen,
die versuchen, «im Recht» zu leben, die «gerecht» sind. Ihnen
verspricht er Land – wer Gutes tut aus Liebe, uneigennützig,
bekommt Gottes Zuwendung im Besonderen.
Im Psalm 37 ist oft von den Armen die Rede – ihnen kommt Gottes
Liebe also besonders zu. Sie können sich von Gott Zukunft
erwarten. Es wird ihnen zuletzt gut gehen (Vers 37). Das ist
Gottes «Option für die Armen» und ein klarer Auftrag an
uns im Hier und Jetzt: Gerechtigkeit zu üben und denjenigen
eine Stimme zu geben, die am Rand der Gesellschaft stehen.

Von: Hans Strub

16. August

In meinem Zorn habe ich dich geschlagen, aber in meiner
Gnade erbarme ich mich über dich. Jesaja 60,10

Zion, die Stadt Jerusalem, wird zum Zentrum der Welt: Gott
lässt die Stadt wiedererstehen, ihre Mauern werden aufgebaut,
Schätze und Reichtümer werden zu ihr gebracht, Könige
werden ihr zu Diensten sein – eine geradezu messianische
Zukunft! Nach allem Leiden und aller auch von Gott
gewollten Zerstörung leuchtet nun ein neues, grosses Licht
in der Stadt und über der Stadt: Gott hat Gnade walten
lassen und sich erbarmt! Gott hat «gratia» gewährt – ein
letztlich unverdientes Geschenk Gottes aus Liebe zu den
Menschen. Und er hat sich erbarmt – das sehr alte deutsche
Wort «barm» bezeichnet das Innerste, auch den Schoss
oder den Busen einer Frau. Gott nimmt die Menschen also
zu sich auf den Schoss, er nährt sie, wie eine Frau ihrem Kind
die Brust bietet. Es sind Bilder der grössten Zärtlichkeit, mit
der hier Gottes Verhalten beschrieben wird. Es darf aber
nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieser Haltung eine
ganz andere vorangegangen ist: Gott hat sein Volk geschlagen,
damit es umkehrt. Hat Zion den Feinden ausgesetzt,
hat Verwüstung zugelassen. In diesem Licht wird das, was
danach über Zion und seinen Gott, der in ihm wohnt, gesagt
wird, noch grösser. Nicht Strafe oder Zorn sind das Letzte,
sondern Gnade und Barmherzigkeit! Gott hat beide Seiten,
aber am Ende ist die gnädige und barmherzige Seite
klar jene, die Gott seinem Volk zuwendet und ihm damit Liebe gibt.

Von: Hans Strub

17. Juli

So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung. Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Jesaja 63,15

Das Verhältnis zwischen dem Volk und seinem Gott ist mehr
als zerrüttet. Es klagt, und es klagt Gott an: Er habe sich
abgewendet von Israel, er habe zugelassen, dass Feinde von
ausserhalb im Land wüten und es zerstören konnten. Er habe
sein Volk abdriften lassen in die Abgründe der Schuld. Er
habe zugeschaut und sie allein gelassen. Auch wenn durch
die lange Klage durchscheint, dass das Volk diesen garstigen
Graben zu Gott letztlich selbst zu verantworten hat und
sich immer wieder treiben liess von der Schuld, es kann sich
nicht bewegen. Es schreit zu Gott, er solle doch sehen, was
«da unten» läuft, solle sich aus seiner Erhabenheit hinunterbeugen
und Mitleid bekommen mit dem irrenden Volk.
Es schreit um Hilfe. Durch das Klagen über seine eigenen
Verfehlungen drückt von Zeit zu Zeit die Hoffnung (und
Erwartung) durch, dass Gott doch ein Gott der Barmherzigkeit
ist – wo ist dieser Zug an Gott geblieben? Der lange
Abschnitt endet erst im nächsten Kapitel: Willst du, Herr,
schweigen und uns demütigen über die Massen? (Vers 11)
Das anklagende Volk weiss offensichtlich schon, dass es vieles
von dem, was es erleidet, selbst verursacht hat. Aber es
lässt dennoch nicht ab von der Hoffnung auf Gott. Und Gott
lässt sich «herab» und verlässt dieses schwierige Volk nicht
(Kapitel 65–66). Das ist auch uns gesagt …

Von: Hans Strub

16. Juli

Gott ist unsere Zuversicht und unsere Stärke, eine Hilfe in den grossen Nöten, die uns getroffen haben. Darum fürchten wir uns nicht. Psalm 46,2–3

Die Angst vor Katastrophen hat in der Gemeinde Gottes
keinen
Platz – so steht es in einem Kommentar zum
Psalm 46. Und so endet dieser Psalm denn auch mit der
vertrauensvollen Aussage, dass Gott, «der Herr der Heerscharen,
mit uns und eine Burg für uns» ist. In der heutigen
Welt, die an verschiedenen Orten auf sehr unterschiedliche
Weise bebt, braucht es sehr viel Zutrauen in Gottes Kraft,
solche Verse nachzusprechen oder, wie offensichtlich in
alten Zeiten, nachzusingen. Und doch – nicht nur die Bibel,
auch Berichte aus allen Geschichtsperioden bezeugen, wie
Menschen beim gemeinsamen Singen und Beten Hoffnung
geschöpft haben. Wie ihr Sich-Einlassen auf solche Sätze sie
verändert hat. Ihnen Widerstandskraft und starke Resilienz
gegeben hat. Sie zuversichtlich gemacht hat, dass sich Gott
mit seinem Willen für die Welt durchsetzt. Und wie diese
Zuversicht übergegriffen hat auf jene, die aussen vor geblieben
und dann doch zu den Singenden gestossen sind. Der
Krieg oder die Winde, die die Wellen vor sich hergetrieben
haben, sind durch das Singen und Beten nicht einfach verschwunden.
Aber etwas hat sich in den Menschen verändert:
Die lähmende Angst wird etwas schwächer. Das tönt nach
wenig, ist aber in der grossen Not sehr viel. Und lässt uns
weitergehen.

Von: Hans Strub

17. Juni

Ich, der HERR, bin dein Heiland, und ich, der Mächtige, dein Erlöser. Jesaja 60,16

Am 17. Juni 1953 kam in über 700 Städten in der DDR zu
einem dramatischen Volksaufstand, der bis zum Abend mit
Panzern und anderen Waffen der damals dort Mächtigen
brutal und nachhaltig niedergeschlagen wurde. Der Gegensatz
zum heutigen Jesajavers könnte heftiger kaum sein: Der
Mächtige hier ist Gott, sein Einsatz von Kraft und Macht
bringt Erlösung. Bringt neue Lebensmöglichkeiten, bringt
Kraft und Lebensmut, bringt Heil und Zukunft, bringt «Rettung
» (Zürcher Bibel) und Licht. «Mache dich auf, werde
licht! Denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn
ist aufgestrahlt über dir!» So beginnt das Kapitel, aus dem
unser heutiger Satz stammt (Verse 1–2). Auch die folgenden
Verse strahlen und unterstreichen, was dann später so
zusammengefasst wird, wie wir es heute lesen.
Aber kann ich das glauben, wenn ich vor den Grabsteinen
derer stehe, die damals umkamen? Kann ich das glauben,
angesichts der Bomben und Drohnen in der Ukraine? Angesichts
des Terrors an so vielen Plätzen in der Welt? Was hier
der Stadt Jerusalem, der «Tochter Zion» zugerufen wird,
gilt ab der Zeitenwende für die ganze Welt und alle Völker.
Also auch heute und für uns: Gott hat die Kraft und die
Macht und den Willen, uns ein Leben in Fülle und im Licht
zu ermöglichen. Daran dürfen wir glauben. Darauf können
wir vertrauen, auch dann, wenn irgendwo wieder Panzer und
Bomben drohen!

Von: Hans Strub

16. Juni

Wer den HERRN fürchtet, hat eine sichere Festung. Sprüche 14,26

Die Zürcher Bibel übersetzt die Verse 26 und 27 (die zusammengehören)
so: «In der Furcht des Herrn liegt feste Zuversicht,
sie wird auch den Kindern eine Zuflucht sein. Die
Furcht des Herrn ist eine Quelle des Lebens, mit ihr entgeht
man den Fallen des Todes.» Die Furcht, von der hier zweimal
die Rede ist, meint eine respektvolle Beziehung; es geht um
das Wissen, dass Gott zu mir steht, für mich sorgt, es mit
mir gut meint. Im zweiten Satz wird das mit dem Bild der
Quelle sehr deutlich ausgeführt. Und in dieser festen und gut
gegründeten Beziehung zu Gott liegt, was Mut zum Leben
und Hoffnung auf eine gute Zukunft gibt: die Zuversicht. Sie
ist da und gibt Boden unter die Füsse, sie schützt vor Unsicherheiten
und Ängsten («Festung»), sie ist für alle, auch
für die nächste Generation, ein gesicherter Ort zu jeder Zeit.
Auf Zuversicht gründet die Hoffnung, dass mich das, was
kommt, nicht zusammenstauchen oder gar erdrücken wird,
sondern dass ich die Kraft habe, mich ihm zu stellen. Das gibt
mir eine Standfestigkeit, die ich brauche, um nicht mutlos
zu werden. Um weiterhin Vertrauen ins Leben zu behalten
und mit Energie die nächsten Schritte zu machen, die vor
mir liegen. Wenn ich mir diese Kraft nehmen lasse, könnte
ich abstürzen und fallen. Diese Beziehung zu Gott, diese
«Gottesfurcht
», lässt sich täglich neu bekräftigen im Gebet,
im Zutrauen auf Gottes Präsenz in jedweder Situation.

Von: Hans Strub

17. Mai

HERR, du hast mich heraufgeholt aus dem Totenreich,
zum Leben mich zurückgerufen von denen, die hinab
zur Grube fuhren. Psalm 30,4

Da hat einer Genesung erfahren und erzählt das öffentlich an
einem Weihefest für den Tempel (Vers 1). Mit eindrücklich
anschaulichen Bildern (heraufgeholt aus dem Totenreich wie
mit einem Eimer aus einem Wasserloch, zum Leben zurückgerufen)
beschreibt er, was ihm durch Gott widerfahren ist –
auch zum grossen Ärgernis seiner Feinde. Wieder mit einem
heftigen Bild. Er dankt seinem Gott vor allen Menschen, die
ihn hören, er wolle ihn preisen in alle Ewigkeit (Vers 11). Er
verschweigt aber nicht, dass er eine schwere Anfechtung
durchgemacht und zu ebendiesem Gott auch unüberhörbar
geklagt hat: Was nützt dir mein Blut, wenn ich ins Grab
hinabfahre? Kann denn Staub dich preisen und deine Treue
verkünden? (Vers 10)
Und Gott hat ihn erhört, hat auf sein Flehen und sein Bitten
ums Leben aufgemerkt: «Du hast meine Klage in Reigen
verwandelt», sagt oder singt er (Vers 12). Gott hat ein Ohr
für Menschen, die klagen – auch wenn sie über ihn, Gott,
klagen! Über Gott klagen ist etwas ganz anderes als über
Gott fluchen, wie das in der Regel schnell passiert: Im Klagen
bleibe ich im Verhältnis zu Gott; im Fluchen laufe ich weg.
Im Klagen bin ich dabei, es geht um mich; im Fluchen habe
ich meine Beziehung zu Gott gelöst.
Der heutige Vers ist eine erneute Ermutigung zur Klage –
und zur Zuversicht, weil Gott hört.

Von: Hans Strub

16. Mai

Gott ist weise und mächtig; wer stellte sich ihm
entgegen und blieb unversehrt? Hiob 9,4

Ich weiss, sagt Hiob im Vers 2, wie könnte je ein Mensch
Gott gegenüber im Recht sein. Und so geht es dann in den
folgenden Versen weiter: Gottes Macht und Möglichkeiten
sind unbegrenzt, es gibt keinen Weg, um Gott herumzukommen
oder sich ihm in den Weg zu stellen. Ja, auch wenn
ich im Recht wäre, kann ich mit ihm nicht auf Augenhöhe
reden (Vers 15). Schuldlos bin ich, aber er hat mich schuldig
gesprochen (Vers 20). Aber kein Richter vermittelt zwischen
uns und legt seine Hand auf uns beide (Vers 33). Hiob, der
sich unschuldig fühlt in seiner Lebensgestaltung und dem
dennoch alles genommen worden ist, klagt Gott an. Aber
er lässt Gott nicht los, wendet sich nicht ab, hält an ihm
fest. Dennoch rechtet er mit ihm – und das wird ihm in der
grossen Gottesrede am Ende des Buchs (Kapitel 38–42) hoch
angerechnet. Gott nimmt sein Klagen als berechtigt entgegen.
Er hört auf Hiob. Das grosse Gedicht des Hiobbuchs,
das auf einer alten Sage beruht und über mehrere Jahrhunderte
ergänzt und weitergeführt wurde, ist eine Ermutigung,
sich mit einer als ungerecht empfundenen Situation nicht
einfach zu arrangieren, sondern sich gegen sie aufzulehnen.
Dieses Aufbegehren entwickelt eine eigene Kraft – es führt
nicht automatisch zu einem Happy End, aber es gibt den
Klagenden Selbstwertgefühl und Hoffnung.

Von: Hans Strub