Autor: Hans Strub

11. Januar

Der HERR hört mein Flehen; mein Gebet nimmt
der HERR an.
Psalm 6,10

So endet ein verzweifeltes Gebet um Erlösung von Krankheit
oder Unheil oder Depression. Erschöpft sei er, schwach und
matt und bedrängt. Er fühlt sich am Ende seiner Kräfte. Und
da geschieht etwas Unerwartetes, plötzlich wird er laut und
klar: «Weicht von mir, ihr Übeltäter, denn Gott hat mein
lautes Weinen gehört.» (Vers 9) Mit einem Mal erwächst
ihm Kraft zum Aufbegehren, zum Widerstand. Und er nennt
gleich den Grund dafür: Gott hat mich gehört und mein
Gebet angenommen. Das Eingeständnis der Schwäche gibt
Kraft! Verzweiflung und Erschöpfung zuzugeben, verändert
vieles. Weinen oder gar Flehen ist gesund und befreit die
Seele und den Körper aus dem (angeborenen) Drang, es
aus eigener Kraft schaffen zu wollen. Was da und dort in
populären Ratgebern zu lesen ist, wird hier in aller Offenheit
und Klarsicht vorgelebt: Es ist eben nicht ein Zeichen von
Schwäche, sein Schwachsein zuzugeben und auszusprechen.
Wer dazu steht, dass sie / er am Ende der eigenen Möglichkeiten
angelangt ist, schafft Raum für Hoffnung, kann Hilfe
annehmen. Der Mensch, der hier betet, kann aufstehen, weil
er ehrlich genug ist, seinen Zustand zu benennen. Aus seinem
rückhaltlosen Gebet erwächst ihm Kraft. Gott wird in
der Schwachheit mächtig. Er ermächtigt auch mich. Das ist
Gnade.

Von: Hans Strub

10. Januar

Mose sprach zu Gott:
Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehe und
führe die Israeliten aus Ägypten? Gott sprach:
Ich will mit dir sein.
2. Mose 3,11–12

Wer bin ich denn, dass gerade ich einen solchen Auftrag
erhalte? Vielen von uns ist diese Redewendung vertraut, wir
haben sie oft selbst gebraucht oder mindestens gedacht.
Und oft brauchte es dann bei mir viel Überredung, bis ich
meinen Mut zusammennahm und den ungesuchten Auftrag
anpackte. Mose, hier noch ein einfacher Viehhüter, reagiert
genauso. Darauf sagt Gott bloss einen einzigen Satz mit fünf
Wörtern, aber einen, der es in sich hat: Ich will mit dir sein.
Damit ist von Gott her alles gesagt, auch wenn Mose später
noch mehrfach zur Verweigerung ansetzt. Am knappen
Gotteswort prallen alle Unsicherheiten ab. Denn Gott will
sein Volk befreien aus der Sklaverei im fremden Land. Gott
will den Israeliten eine neue Zukunft eröffnen, er will ihnen
Land und Frieden geben. Und deshalb will und wird er mit
dem ausgewählten Anführer sein. Weil Gott genau diesen
Menschen beauftragt – und eben dann nicht allein lässt.
Gott bleibt bei Mose und seinem Volk, was immer kommt
(und es kommt viel und auch Schlimmes)! «Ich will bei dir
sein» soll ermutigen und stärken. Ich bin nicht auf mich
allein gestellt, ich kann darauf bauen, dass bei Gott und mit
Gott nichts unmöglich ist. Auch heute und hier …

Von: Hans Strub

4. Dezember

Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von seiner Herde verirrt sind, so will ich meine Schafe  suchen. Hesekiel 34,12

So zukunftsversprechend spricht der Gott Israels! Im schönen Bild des Hirten zeigt er sich als der, dem das Ergehen seiner Schafe (das Volk Israel) am Herzen liegt. Gott musste sich aber auch um seine Schafe kümmern, denn sie wurden von ihren eigenen Hirten (den Königen und ihren Beamten) schmählich im Stich gelassen. So stellt der Prophet Hesekiel die geschichtlichen Vorgänge dar, die sich ereignet haben: die Deportation der judäischen Führungsschicht nach dem verlorenen Krieg gegen Babylon. Aber Gott lässt die Schafe nicht büssen für das Fehlverhalten ihrer Hirten: «Ich werde meine Schafe vor ihrem Rachen retten, und sie werden ihnen nicht zum Frass werden.» (Vers 10) Gott überlässt sie nicht sich selbst, im Gegenteil: Er nimmt sich ihrer höchstselbst an. Auch über die zeitliche Distanz von zweieinhalbtausend Jahren lässt sich erahnen, was eine solche Botschaft bei den «Schafen» ausgelöst haben muss. Sie spüren, dass sie nicht verloren sind, sie können glauben, dass sie weiterhin unter Gottes Schutz stehen, dass sie nicht einfach allem und allen ausgeliefert sind. Sie sind gehalten von Gott auch dann, wenn das Leben schwierig ist, und sie dürfen darauf vertrauen, dass sie nicht allein gelassen sind. Eine Botschaft, die auch für heute eine grosse Zuversicht ausstrahlt! Vertrauen wir ihr und geben wir sie weiter, gerade jetzt!

Von Hans Strub

3 Dezember

Der HERR sieht vom Himmel auf die Erde, dass er das Seufzen der Gefangenen höre und losmache die Kinder des Todes.             Psalm 102,20–21

«… dann wird man in Zion den Namen des Herrn verkünden und sein Lob in Jerusalem.» (Vers 22) Dann nämlich, wenn Gott das «Gebet eines Elenden» (Vers 1) gehört und erhört hat. Der geschundene Mensch, der hier spricht oder singt, hat erfahren, dass Gott hilft. Dass das Stöhnen der Gefangenen bei ihm ankommt und dass er die Todgeweihten befreit. Was für eine Zusage gerade heute! Weltweit ist grosses Seufzen, weltweit sind Abermillionen von Menschen vom Tod bedroht. Täglich, physisch und psychisch. Sie leiden. Sie sind eingesperrt in ihrem kranken Körper oder in Verliesen und Kerkern. Sie erdulden Schmerzen, Mangel, Gewalt, Erniedrigung, Todesdrohungen … Was sie bei Sinnen hält, ist oft nur die ferne Hoffnung auf Erlösung – oder auf ihren Tod. Weil Gott der Erde nahe ist, so wird hier gesagt, weil er in die Welt hineinsieht und hineinsehen will und kann, ist Hoffnung möglich. Hoffnung schafft in den resignierten Menschen eine wenigstens schmale Öffnung, durch die die Befreiung hineinkommen kann. Hoffnung bleibt, wenn das Zutrauen auf die Zusage der Erlösung einen Platz behält. Sätze wie die von heute können diesen Platz schaffen. In uns. Oder wir versuchen, jenen Hoffnung zu bringen, die kaum mehr Kräfte haben, auf Hoffnung zu vertrauen.

Von Hans Strub

11. November

Der HERR hat’s gegeben, der HERR hat’s genommen;   der Name des HERRN sei gelobt.           Hiob 1,21

Der gottesfürchtige, wohlhabende Gutsherr Hiob muss innert kürzester Zeit gewaltige «Hiobsbotschaften» entgegennehmen und verarbeiten. Wie die Schreckenszeit vorbei ist, hat er nichts mehr, kein Land, keine Tiere, keine Frau und keine Kinder. Und noch während er die Trauerrituale vollzieht, spricht er diese weltberühmten Sätze. Vieles hätte man von einem derart schicksalsgeprüften Menschen erwartet, aber solche Sätze nicht. Ohne Fluch und Klage nimmt er die Zerstörungen hin: «Bei alledem sündigte Hiob nicht, und er sagte nichts Törichtes gegen Gott.» So kommentiert die Erzählung im folgenden Vers 22 Hiobs Verhalten. Er anerkennt, dass der Mensch bei seiner Geburt nichts mitbringt und bei seinem Tod nichts mitnehmen kann. Was er hat, hat er bekommen und ist ihm zugefallen, auch wenn er es sich erarbeiten musste. Deshalb gibt er es wieder her.

Kann ein Mensch so mit dem Leid umgehen, das ihm aufgebürdet wird? Dieser Frage gehen die darauf folgenden   42 Kapitel nach, in denen viel argumentiert wird, von Hiob, von seinen drei Freunden und auch von Gott. Und es kommt gar zu einem richtigen Happy End! Dennoch bleiben Fragen offen. Auf diesem Hintergrund markieren die denkwürdigen Sätze von heute nicht das Ende eines Gottvertrauens, sondern den Anfang für einen Neuaufbau – als Protest gegen das Leid in dieser Welt. Dazu ruft Hiob auf.

Von Hans Strub

10. November

Es ist dem HERRN nicht schwer, durch viel oder wenig zu helfen.                                          1. Samuel 14,6

Oder anders gesagt: Gott wird helfen, komme, was wolle – das ist die Botschaft dieser Stelle aus der Erzählung um eine gewagte Kriegslist des Königssohns Jonathan. Gott wird helfen, komme, was wolle, ob eine grosse Hürde oder auch bloss ein kleines Hindernis. Auf Gottes Beistehen ist Verlass. In jedem Fall! Jonathans Waffenträger reagiert mit nicht zu erwartenden Worten: «Tu, was immer du vorhast. Geh nur; siehe, ich bin bei dir, ganz nach deinem Herzen.» (Vers 7) Es ist, als ob Gott selbst das bestätigt, was Jonathan gemeint hat. Gott sagt zu, dass er überall und jederzeit hilft – eine grossartige Ansage über alle Zeiten hinweg! Und sie ist bedingungslos, sie gilt einfach! Sie gilt auch dann, wenn eine Situation ausweglos erscheint.

Bei Gott ist kein Ding unmöglich, heisst es beim Propheten Jeremia (Kapitel 32). In den Evangelien wird es wiederholt (Lukas 18,27) oder gar noch getoppt durch die Aussage: Nichts ist für euch unmöglich, wenn ihr denn bloss ein wenig Glauben habt . (Matthäus 17,20 – es braucht bloss einen Glauben, der so gross wie ein Senfkorn ist!) Es ist Jesus, der das sagt – zugewandter und gnädiger geht es nicht. Ich höre daraus: Selbst wenn es nur ein kurzer Gedanke ist, ein Stossgebet in Not – Gott wird es hören und sich uns zuwenden. Was hier in einem Kriegskontext erzählt wird, darf in jede Situation heute übertragen werden. Für Gott ist eben nichts unmöglich!

Von Hans Strub

4. Oktober

Der HERR schafft Recht den Waisen und Witwen und hat Fremdlinge lieb, dass er ihnen Speise und Kleider gibt. Darum sollt ihr auch die Fremdlinge lieben. 5. Mose 10,18–19

Den Fremden zu lieben, weil man selbst als Fremdling in Ägypten gelebt hat, ist hier keine ethische Verhaltensanweiung, sondern Ausdruck der Gottesehrung. Den heutigen Versen voraus geht Vers 17: «Denn der HERR, euer Gott, ist der Gott der Götter und der Herr der Herren, der grosse, starke und furchtbare Gott, der kein Ansehen der Person kennt und keine Bestechung annimmt …» Und ihnen folgt zusammenfassend Vers 20: «Den HERRN, deinen Gott, sollst du fürchten, ihm sollst du dienen, an ihm festhalten und bei seinem Namen schwören…» Fremde, Flüchtlinge nicht zu lieben und aufzunehmen, kann es gar nicht geben, wo an Gott als die einzige Wahrheit geglaubt wird – das wird hier gesagt! Indem ich tue, was in den heutigen Versen steht, zeige ich meinen Gottesglauben. Mache ich deutlich, woher meine Lebenskraft kommt. Entscheidend ist das Verbum «lieben»: Es umfasst das ganze breite Spektrum meiner Zuwendungsmöglichkeiten, also dasselbe, was ich Gott gegenüber zum Ausdruck bringe. So, wie Gott sich jenen zuwendet, die viel verloren haben, den Waisen und Witwen. Diese wahrgenommene und gespürte Zuwendung kann ich abbilden, wenn ich jene liebe, die ebenfalls viel verloren haben auf ihrem Weg; mein Lieben kann Leben bewirken …

Von Hans Strub

3. Oktober

Weh dem, der mit seinem Schöpfer hadert, eine Scherbe unter irdenen Scherben! Spricht denn der Ton zu seinem Töpfer: «Was machst du?» Jesaja 45,9

Gott ist einziger Gott, und er ist Gott der Geschichte. Diese Grundüberzeugung des Propheten Jesaja wird in diesen Kapiteln ausführlich und eindringlich ausgedrückt. Gott allein entscheidet, wie sich die Weltgeschichte entwickelt. Es ist Gott allein anheimgestellt, wen er auswählt zur Durchsetzung seines Willens. Hier ist es gar eine ausländische Macht, der Perserkönig Kyros. Dass wirklich dieser fremde König den Willen des alleinigen Gottes ausführt, wurde von vielen in Israel vehement bestritten. Solche Kritik steht uns nicht zu, sagt Jesaja – genauso wenig wie es dem Ton zustehen könnte, dem Töpfer Anweisungen zu geben. Denn, so führt Jesaja weiter aus, dieser unser Gott hat alles geschaffen, auch die Finsternis, auch das Unheil (Verse 7–8, in 12–13 gar in der Ich-Form). Das ist unser ganzer Glaube, er umfasst unser gesamtes Sein in dieser Welt, nicht nur die schönen und guten Momente! Daran können wir uns in dunklen und schweren Zeiten festhalten und wissen, dass Gott da auch ist. Karl Barth hat 1940 (!) geschrieben: Darum, an der Wahrheit, dass Gott Einer ist, wird das Dritte Reich Adolf Hitlers zu Schanden werden. Dieser Glaube kann uns in diesen Tagen Kraft und Hoffnung geben, denn vor diesem Gott wird auch heutiger Machthunger zusammenfallen.

Von Hans Strub

11. September

Saul sprach zu David: Wo ist jemand, der seinen Feind findet und lässt ihn im Guten seinen Weg gehen? Der HERR vergelte dir Gutes für das, was du heute an mir getan hast! 1. Samuel 24,20

Der Vers von heute stammt aus einer dramatischen Heldengeschichte: Saul, der erste König von Israel, trachtet seinem designierten und bereits gesalbten Nachfolger und dadurch Rivalen David nach dem Leben. Während dieser mit seinen Freunden und Beratern im Innern einer Wüstenhöhle Zuflucht gefunden hat, sucht Saul ausgerechnet diese Höhle auf, um seine Notdurft zu verrichten. David kann sich heranschleichen und ihm den Saum seines Mantels wegschneiden. Mehr tut er nicht, obwohl er von seinen Männern gedrängt wird, diese einmalige Chance zu nutzen. Was er aber tut: Er ruft Saul hinterher und zeigt ihm den abgeschnittenen Man- telsaum. Da weint Saul und spricht die beiden Sätze unserer Losung aus. Ihre Botschaft ist klar: Es steht den Menschen nicht zu, übereinander zu richten, auch nicht über Feinde. Das ist allein Gott vorbehalten. Und gilt hier für beide. Für alle, damals wie heute! Davids Zurückhaltung scheint viel auszulösen beim Verschonten: Er sieht den gegenwärtigen Feind mit anderen Augen. Das hat Folgen für sein Verhalten ihm gegenüber. Noch wird nicht von Versöhnung gesprochen, aber ein Anfang ist gesetzt: eine neue Sicht auf das Gegenüber. Eine veränderte Wahrnehmung der Persönlichkeit des andern.

Von Hans Strub

10. September

Daniel hatte an seinem Obergemach offene Fenster nach Jerusalem, und er fiel dreimal am Tag auf seine Knie, betete, lobte und dankte seinem Gott. Daniel 6,11

Daniel betet zum lebendigen Gott. Das ist seine Reaktion auf ein neues «Gesetz der Meder und Perser», das jede Verehrung von anderen Gottheiten ausser dem König Darius mit dem Tod in der Löwengrube bestraft. Dem König «untergejubelt» haben dieses Gesetz Rivalen des Ausländers Daniel, die wie er hohe Amtsträger des Königs waren.
Wie zu erwarten war, wurde er bei seinem Gebet gesehen, festgenommen und den Löwen zu Frass hingeworfen. Es ist offensichtlich, dass es den König schmerzt, dass Daniel stirbt. So eilt er am frühen Morgen zur Grube – und sieht Daniel lebend. Ein Engel seines Gottes hat ihn beschützt und gerettet. Beten und vertrauen heisst die Botschaft dieser Erzählung. Für die bis zum heutigen Tag oft in ihrer Existenz bedrohten Juden ist Daniel ein starkes Vorbild des Glaubens: Dem Druck von aussen widerstehen und aufstehen gegen Ungerechtigkeit. Natürlich ist das Danielbuch ein Konstrukt aus späterer Zeit. Aber es hat Strahlkraft in das eigene Verhalten. Es ist im buchstäblichen Sinn «massgebend». Auch wenn es nur selten gelingen mag, so klar zu sein wie Daniel hier – sein Verhalten, seine Treue zu seinen Überzeugungen bleiben als Ideal bestehen. Daran kann ich mich orientieren, davon mich ermutigen lassen, daraus Kraft gewinnen zur Standhaftigkeit.

Von Hans Strub