Autor: Hans Strub

16. Februar

Siehe, ich will meinen Engel senden,
der vor mir her den Weg bereiten soll.
Maleachi 3,1

Die Zürcher Bibel übersetzt die Losung so: «Seht, ich sende meinen Boten, und er wird den Weg freiräumen vor mir.» Den Weg freiräumen von Steinen, von Angst und Sorge. Und der Weg soll in den Tempel führen. Und, so meine Überzeugung, führt der Weg auch wieder aus dem Tempel hinaus in den Alltag der Menschen. Gott ist mit den Menschen auf ihrem Weg, sie sind nicht allein, wir sind nicht allein. Er schickt den Boten, um unseren Blick auf ihn zu lenken, denn Gott will bei den Menschen sein. Die Steine bleiben auf dem Weg, aber sie sind überwindbar, so die Hoffnung. Wege können lang sein, sie brauchen Kraft und Atem, brauchen Ausdauer. Die Boten, die Gott schickt, sind unsichtbar und doch da. Sie begegnen uns in den Menschen, die mit uns gehen. Sie begegnen uns, wenn wir unser Vertrauen in das Leben stärken können. Sie begegnen uns in den Blumen am Wegrand oder in der Sonne, die uns wärmt. Es ist nicht einfach, die Boten wahrzunehmen. Und es ist nicht einfach, auf dem steinigen Weg das Vertrauen zu stärken. Da hilft es, wenn wir den Weg trotzdem gehen und nicht lange stille stehen. Gott ist da und räumt den Weg frei, darauf können und sollen wir hoffen.

Danke, dass du mit uns auf dem Weg bist.

Von: Hans Strub

17. Januar

Der HERR ist deine Zuversicht. Psalm 91,9

Der ganze Psalm ist ein Text über den Schutz, den der Glaube verleiht. Einerseits wird Gott besungen als ganz konkreter Zufluchtsort, als Burg, als Schutzmauer, als Refugium im Gebirge. Und andererseits als ein Denken und Fühlen, das Sicherheit und Ruhe gibt, hier als «Zuversicht». Dieses alte und auch schon altdeutsche Wort ist noch zielgerichteter als das umfassendere, aber diffusere Wort «Hoffnung». Es bezieht sich auf etwas, das unmittelbar in der Nähe ist. Etwas, worauf ich bauen und mit Gewissheit davon ausgehen kann, dass es da ist oder gleich kommt.
Etwas, das ich gewissermassen schon zu «sehen» vermag, dessen Nähe ich deutlich fühle. Gott ist es, dem ich mich nahe fühlen kann. Und der mir Schutz und Sicherheit gibt vor allem, was mich bedrängt. Und vor allen, die mir zu nahe kommen oder die etwas von mir wollen. Dieser Zuversicht kann ich mich ergeben, in sie kann ich mich fallen lassen und weiss mich aufgehoben, geborgen, eben: geschützt. Der Psalm wird an dieser Stelle noch direkter: «Den Höchsten hast du zu deinem Hort gemacht, dir wird kein Unheil begegnen … denn er wird seinen Boten gebieten, dich zu behüten auf allen deinen Wegen. Auf den Händen werden sie dich tragen, damit dein Fuss nicht an einen Stein stosse.» (Verse 9–12)
Wer auf Gott vertraut («Zuversicht» wird auf Englisch wie Französisch übersetzt mit «confidence/confiance»), ist stark beschützt!

Von: Hans Strub

16. Januar

Wir wollen mit euch gehen, denn wir haben gehört, dass Gott mit euch ist. Sacharja 8,23

Wie viele Familien und Volksgruppen, die vor kurzem oder vor längerer Zeit aus ihrer Heimat fliehen mussten, wären glücklich, wenn ihnen heute ein Sacharja seine Visionen erzählen würde! Es sind «Nachtgesichte», die von einer Wiederherstellung des Tempels in Jerusalem reden, vom Wiederaufbau des Zentrums jenes Volkes also, von dem Teile seinerzeit in die babylonische Gefangenschaft weggeführt worden sind. Die Vertriebenen können heimkehren! Und nicht nur sie: Andere, viele, werden sich ihnen anschliessen und mitgehen auf dem Weg in eine neue Ära. Sie haben davon gehört, dass eine neue Zeitrechnung beginnt, weil Gott selbst dabei ist. Es ist eine durchaus kühne Hoffnung, von der der hebräische Prophet spricht. Aber die Menschen zu allen Zeiten brauchen solches Reden, um die ganz andere Gegenwart bestehen zu können. Um über das hinauszusehen, was ist – wenigstens für einige Augenblicke. Aber in diesen Augenblicken bricht das Bild einer anderen Welt durch die umgebende Finsternis; ein Bild, an das ich mich halten kann. Hoffnung hat viele Gestalten; manchmal ist sie wie ein (Gedanken-)Blitz, in dem verdichtet eine Zukunft aufscheint, die möglich ist. Er überstrahlt nur ganz kurz die Realität, aber er kann ermutigen und Kraft geben. Sacharja wollte das, Gott gab ihm die Visionen, viele hörten sie und schöpften daraus Energie zum Leben.

Von: Hans Strub

17. Dezember

Weh denen, die Böses tun und Gutes böse nennen,
die aus Finsternis Licht und aus Licht Finsternis
machen. Jesaja 5,20

Situationen bewusst und willentlich zu verdrehen, ist
Machtausübung, ist Manipulation. Sie dienen meinen Zielen.
Sie gehören zum Arsenal menschlichen Vorgehens in der
Politik, in der Wirtschaft, im Recht, in der Moral, im Zusammenleben
bis in die kleinsten und engsten Zusammenhänge
der Familie und der Beziehungen hinein. Und sie sind böse,
Ausdruck eines bösen Willens, Ausdruck der Verachtung.
Auch wenn sie fast harmlos daherkommen, setzen sie mich
unter Druck, reizen mich zur Abwehr oder zum «Umegää»
(Heimzahlen) – und schon sind wir mitten im Unfrieden, im
gegenseitigen Verdächtigen, in Reaktion und Gegenreaktion,
in einer Spirale der Eskalation. Über sie ergeht hier ein Wehruf.
Im Hebräischen ist das noch heftiger: Es ist die Vorwegnahme
einer Totenklage! Jesaja fragt seine Landsleute, ob sie
das wirklich wollen. Ob sie wirklich wollen, dass so Leben
verdorrt und zum Ende kommt. Er geht hart ins Gericht mit
ihnen und dem, was sie tun, gegeneinander und gegen Gott.
So weit muss und so weit soll es nicht kommen! Dort, wo ich
Verdrehungen sehe, will ich versuchen, sie zu stoppen. Jedenfalls
sie als das benennen, was sie sind. Bei Jesaja geschieht
das nicht nur um meinet- oder unseretwillen, sondern auch
um Gottes willen. Denn Gott verdreht nicht, er dreht wieder
gerade. Darauf kann ich bauen, und darum kann ich bitten …

Von: Hans Strub

16. Dezember

Sei nur stille zu Gott, meine Seele;
denn er ist meine Hoffnung. Psalm 62,6

Im Grossmünster in Zürich hat ein Prediger kürzlich sein
Ohr an eine der 800-jährigen Säulen gedrückt und fast spielerisch
gefragt: «welche Wörter hast du denn seit deinen
Anfängen wohl am meisten gehört?» Als er sich aufrichtete,
nickte er lächelnd: «Hab ich’s mir gedacht – Hoffnung, hat
sie gesagt!» Hoffnung als Leitwort der Verkündigung in allen
Kirchen zu allen Zeiten und jetzt wieder ganz besonders, das
schwebt und webt durch jeden dieser besonderen Räume.
Und das soll sich dann auch in den Herzen der Menschen
festsetzen für alle Zeiten. Dieses Zutrauen zu einem Wort, in
dem die ganze Kraft von Gottes Botschaft konzentriert ist –
weil Gott, wie der heutige Vers sagt, diese Hoffnung selbst
ist! Indem ich Hoffnung mitnehme, indem mich Hoffnung
beseelt, beseelt mich Gott.
Was es dafür brauche, scheint sehr einfach zu sein: Sei nur
stille zu Gott … In hektischen, strengen, kräftebrauchenden
Lebensaufgaben ist das allerdings eine Herausforderung. Es
bedeutet, wenigstens für Augenblicke, bewusstes Loslassen,
gewissermassen Aussteigen aus dem stetigen Lebensfluss
und mich umstellen auf Ruhe. Eigentlich müsste das wirklich
möglich sein, weil es ja bloss punktuell geschehen müsste.
Dann wird durch die Stille eine kleine Lücke eröffnet, durch
die das «Geschenk der Hoffnung» Einlass findet und Kraft
bringt.

Von: Hans Strub

17. November

Die Wege des HERRN sind lauter Güte und Treue
für alle, die seinen Bund und seine Zeugnisse halten.
Psalm 25,10

Der Psalm 25 ist eine lange Reihe von Gebets- und Glaubenssätzen.
Der Vers von heute bildet eines der Zentren, auf das
etliche andere Sätze zulaufen und da die Gewissheit finden,
dass Gott wirklich beschützt, in jeder Situation, gegenüber
allem und jedem. Seine Bedingung ist allerdings unübersehbar:
Ich selbst soll mich verpflichten, meinem Gott treu zu
bleiben. Ich soll mich dem anzuschmiegen versuchen, was
von ihm ausgegangen ist und weiter ausgeht an Zusagen,
an Bezeugungen seiner Liebe, aber auch an Werbung um
meine Zuverlässigkeit im Glauben an seine Kraft und Güte.
Auch wenn ich so zu leben versuche und ernst nehme, was
ich hier lese: Ich weiss, wie oft es nicht gelingt. Wie oft mich
eigene Wege und eigene Ziele, eigenes Besserwissen und
eigene Weltsicht behindern – und ich mich von ihnen auch
beeinflussen lasse. Gerade die letzten Verse wissen darum:
Wende dich zu mir … führe mich hinaus … vergibt mir …
bewahre mein Leben und errette mich …, denn ich hoffe
auf dich (Verse 16–21). Es sind tröstliche Verse, nicht nur
weil sie zeigen, wie fragil die menschlichen Lebensentwürfe
sind. Sondern weil sie zeigen, wie es immer wieder einen Weg
zurück oder eine Kurve gibt, die neue Schritte in die richtige
Richtung ermöglichen. Denn «Gottes Wege sind lauter Güte
und Treue …». Dieser Satzteil gibt Halt und stützt, auch
wenn so vieles nicht gelingt.

Von: Hans Strub

16. November

Der HERR sah ihre Not an, als er ihre Klage hörte,
und gedachte um ihretwillen an seinen Bund.
Psalm 106,44–45

Wie oft muss und will Gott Gnade walten lassen trotz allem
Ungehorsam seines Volkes! Der Psalm 106 erinnert in mehreren
Strophen an bekannte und unbekanntere Szenen aus
der Geschichte seit dem Auszug aus Ägypten – und immer
wieder heisst es dann: Er aber rettete sie … er gab ihnen …
viele Male befreite er sie … und ebenso im heutigen Vers.
Eine ungebrochene Kette von Verschuldung und Erlösung!
Wenn ich in mein eigenes Leben schaue, dann erkenne ich
das gleiche Muster oft und oft – ich entferne mich von Gott,
merklich und unmerklich, und ich werde zurückgeholt. In
aller Güte und Barmherzigkeit.
Eigentlich sollte ich dann jeweils meinen eigenen Psalm
beten und Danke sagen. Manchmal gibt es Ansätze dazu
oder gar mehr, aber es kommen neue Steine auf meinem
Weg, die mich stolpern machen. Und wieder spüre ich dann
Gottes starken Arm, der mir entgegengestreckt wird auf die
eine und andere Weise, ich kann mich halten oder an ihm
aufziehen – und mich bedanken, dass es «noch einmal» gut
gegangen ist. Eine endlose Abfolge von Zuwendung trotz
allem. Eine Erfahrung des Gehaltenseins und letztlich der
grossen Gnade. Es gibt Momente, da beschämt mich, was
gerade passiert – aber bald kommt wieder etwas … Deshalb
bringt mich das Lesen dieses Psalms zum Danken. Das will
ich tun, so lange ich kann: Danke, Gott, für diese Gnade!

Von: Hans Strub

17. Oktober

Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn. 1. Mose 32,27

Es ist wohl die geheimnisvollste Geschichte im hebräischen Teil der Bibel, aus der unser Vers zum Segen stammt: Der in sein Heimatland zurückkehrende Isaak-Sohn Jakob wird am Flussübergang zu einem Ringkampf herausgefordert, der eine ganz Nacht dauert. Es wird lange nicht gesagt, wer ihn in diesen Kampf verwickelt hat, aber es ist offensichtlich Gott selbst! Unerwartet bleibt das stundenlange Ringen «bis zur Morgenröte» unentschieden, und als sein «Gegner» aufhören will, sagt Jakob den berühmten Satz von heute. Und er erhält den Segen; er wird hineingestellt in diese «positive Machtsphäre» (Bibelkommentar). Mehr noch: Er erhält seinen künftigen Namen «Israel» (El/Gott möge streiten)! Denn «du hast mit Gott und den Menschen gestritten und hast gesiegt» (Vers 29). Anstelle einer Antwort, wer der andere denn sei, erhält Jakob den geforderten Segen. So kann er bei Tagesanbruch weitergehen und sich der Wiederbegegnung mit seinem Bruder Esau stellen, den er vor seiner Flucht um den Vatersegen für den Erstgeborenen betrogen hatte (Kapitel 27). Dass dieser Mensch trotz schamloser List und schwerem Kampf am Jabbok im Segen leben konnte, ist unerhört! Die Geschichte zeigt überdeutlich, dass Gottes Segen nicht an Vorleistungen gebunden ist. Sondern dass er auf eine gute Zukunft gerichtet ist. In dieser Haltung können auch wir den erbetenen Segen Gottes empfangen, wo immer wir sind.

Von: Hans Strub

16. Oktober

Fürchte dich nicht, denn ich bin mir dir
und will dich segnen.
1. Mose 26,24

Wem Segen zugesprochen wird, der wächst und gedeiht. Sein und Tun, Haus und Hof – alles, was Gesegnete sind und machen, was zu ihnen gehört, was sie planen und hoffen. Segen ist wie eine Schutzhülle, in der sich Leben entfalten kann, wo Gewissheit wächst, gehalten und getragen zu sein, wo Mut geschöpft wird für das, was nachher kommt. Dieser Segen kommt von Gott, der sich damit in besonderer Weise einem Menschen, einer Situation, einem Volk, seiner Schöpfung zuwendet und sie vor Unheil und Unsicherheit bewahrt. Von Gesegneten strahlt dann diese geschenkte Kraft weiter zu anderen im Umfeld. Gottes Segen ist immer ein Geschenk. Im heutigen Zusammenhang ergeht er an Isaak, der sich im fremden Land niedergelassen hat und dessen Knechte Brunnen graben – erst der dritte bleibt unumstritten (Verse 12–22). Bevor er weiterzieht, erscheint ihm Gott und spricht ihm diesen umfassenden Segen zu. Dass er für Isaak unmittelbar gute Folgen hat, wird in den folgenden Versen berichtet: Isaak darf am neuen Ort bleiben und gedeihen! Genau dieser Gottessegen wird auch uns zugesprochen, immer wieder neu. Ich brauche ihn, und ich danke Gott dafür!
Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Der Herr erhebe sein Angesicht zu dir und gebe dir Frieden! (4. Mose 24)

Von: Hans Strub

17. September

Jeremia sprach: Ich dachte: Ich will seiner nicht
mehr gedenken und nicht mehr in seinem Namen
predigen. Aber es ward in meinem Herzen wie
ein brennendes Feuer.
Jeremia 20,9

In geradezu erschreckender Offenheit beschreibt der Prophet die Aufkündigung seines Dienstes, zu dem er berufen wurde. Er hat genug, definitiv. Weshalb muss er sich anpöbeln lassen den ganzen Tag? Weshalb muss er Umkehr predigen und wird dafür offen und versteckt angefeindet? Weshalb muss er sich ein solches Leben antun? So sieht er nur noch eine Möglichkeit: aufgeben und weggehen. – Aber: Es geht nicht. Er kann schimpfen und klagen, er kann seine Geburt verfluchen, er kann Schande empfinden über alles, was er tut und getan hat – er entkommt diesem Gott nicht! Er entkommt nicht dem Dienst, in den er gestellt wurde. Er findet keinen Weg aus seiner Beziehung zu Gott und mit Gott hinaus. So kommt es, wie es kommen muss: Er macht halt weiter. Nicht einfach plötzlich fröhlich, sondern immer wieder auch resigniert, voller Zweifel; er fühlt sich ungeeignet für den Prophetendienst, er hadert immer wieder mit Gott, dass er ihn nicht einfach ziehen lässt, er nimmt sein Klagen wieder auf. Und er führt aus, was ihm Gott zu sagen aufträgt. So wird er auch für mich zu einem Hoffnungsbild: Gott kann auch Hadernde gebrauchen. Auch sie werden beauftragt, am Kommen des Gottesreichs mitzubauen. Gottes Kriterien für die Wahl in seinen Dienst sind anders. Das ist tröstlich.

Von: Hans Strub