Autor: Hans Strub

16. September

Die Himmel erzählen die Ehre Gottes. Psalm 19,2

Noch bevor die Sonne strahlend aufgeht, sehe ich den wuchtigen Glärnisch mit den letzten Schneefeldern oben, sehe den immer heller werdenden Himmel, die entknospete Rosenblüte im Topf neben mir, eine kleine und bald verschwindende Wolke über dem Sihlgraben, die dunkelgrüne Waldsilhouette davor, die noch grauen Seeflächen zwischen den Häusern hindurch … und dann kommt sie! «Wie ein Bräutigam kommt sie hervor aus ihrer Kammer, läuft freudig wie ein Held die Bahn» (Vers 6 – im Hebräischen ist die Sonne männlichen Geschlechts). Dann ist es wie im bekannten Kirchenlied: Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre! Ihr Schall pflanzt seinen Namen fort … Jeder neue Morgen ist ein Gotteslob. Wie auch immer der Himmel aussieht, auch verhangen, auch dramatisch, auch vernebelt – immer ist er der überall auf unserer Erde wahrgenommene Spiegel der Schöpfung. Ich lasse die Bilder in mir wirken, und sie bewirken ein noch unartikuliertes Gefühl der Dankbarkeit dafür, dass es weitergeht. Dass die Welt und mein Leben weiter bestehen und Zukunft haben. Sogar eine neue Zukunft haben, wie der neue Tag, der begonnen hat. Diesem Gefühl versuche ich Ausdruck zu geben im Gebet. Im Dankgebet für das eben Erfahrene, im Bittgebet für das, was kommt. Und für das, was ich erhoffe, für mich, für meine Umgebung, für die Welt, für ihre Zukunft, für Frieden und Gerechtigkeit. Dieser «Himmel» gibt Kraft für den Tag!

Von: Hans Strub

17. August

Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn’s hoch kommt, so sind’s achtzig Jahre, und was daran köstlich scheint, ist doch nur vergebliche Mühe; denn es fähret schnell dahin, als flögen wir davon. Psalm 90,10

Dass die Tage kürzer zu werden scheinen mit zunehmendem Alter und dass die Jahre schneller dahinflögen als früher, gehört auch heute zum festen Bestand der wiederkehrenden Klage von Menschen jenseits der Pensionierung. Und dass so viel Lebenszeit vor lauter Arbeiten und Mühen ungenutzt davongelaufen sei … «Mühsal und Trug» gar sei sie, übersetzt die Zürcher Bibel. Als ein Mensch in genau der hier genannten Lebensphase kenne ich dieses Klagen gut – weiss aber auch tief im Herzen, dass das undankbar ist: Es gab so unendlich vieles, was einzigartig, grossartig, geschenkt, wunderbar war (und weiterhin ist!). Natürlich denke ich oft, was noch viel besser und ruhiger und schöner hätte gemacht werden können, wenn nicht so viel anderes ebenfalls auf die Realisierung gewartet hätte. Aber: Meistens habe ich selber die Entscheidung darüber getroffen, was jetzt gerade am wichtigsten sei. Die Klage über «das Leben» wird dann eigentlich zur Klage über meine falschen Prioritäten. Mit denen muss ich leben …, aber mit dem vielen anderen darf ich leben! Darf ich mich über das freuen, was war – und was noch kommen kann und kommen wird! Denn mein Leben ist mein Gottesgeschenk. Dafür bin ich dankbar. Darauf möchte ich mein Augenmerk richten – ganz besonders darauf!

Von: Hans Strub

16. August

Ist’s nicht so: Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie. 1. Mose 4,7

Vielen dürfte das, wie mir selbst, besonders aus der Kinderzeit vertraut sein: Wenn ich das Gefühl habe, etwas sei «krumm» gelaufen, dann fällt es schwer, jenem Menschen in die Augen zu blicken, der mich darauf anspricht. Ich habe, wie man das weitherum so nennt, ein «schlechtes Gewissen». Nicht nur, weil ich mich ärgere, mich schäme oder aufgebracht bin – auch, weil ich darüber sinne, wie ich aus dieser Sache einigermassen unbeschadet wieder herauskomme. So erging es Kain, zu dem in der frühen Legende Gott spricht. Weil er seinen Zorn und wohl auch die Rachegefühle erkannt hat gegenüber dem Bruder, dessen Brandopfer mehr Beachtung gefunden hatte. Gott weist ihn nicht zurecht, sondern eröffnet ihm die Chance, dem geplanten Brudermord zu entsagen. Er zeigt Verständnis für seine dumpfen Gefühle, ermahnt ihn aber, diese von sich aus zu beherrschen. Erst danach begeht Kain die Schreckenstat. Im vollen Bewusstsein. Mir kommen eigene Geschichten in den Sinn, in denen ich sehenden Auges den falschen Ausgang aus einem vertrackten Konflikt gewählt habe …
Das geradezu liebliche Mahnwort Jahwes möchte ich mir unübersehbar an meine inneren Wände heften, dass es mich jedes Mal zu einem Innehalten bewege – vor einer Tat.

Von: Hans Strub

17. Juli

Heile du mich, HERR, so werde ich heil;
hilf du mir, so ist mir geholfen.
Jeremia 17,14

Jeremia, der so wortstarke Prophet, hadert. Er spricht im
Namen Gottes, aber er ist plötzlich unsicher, ob ihn dieser
Gott auch in Schutz nimmt vor den bösen Worten, die er
entgegennehmen muss (Verse 14–18). Er bittet Gott um
Hilfe, dass es ihm besser gehe. Seine fast verzweifelten Worte
machen klar, dass diese Hilfe nur noch von Gott kommen
kann. Er selbst hat getan, was er tun konnte – gegen die
Anwürfe seiner Gegner fühlt er sich allein, ja, eigentlich
im Stich gelassen. Das gipfelt dann im Ausruf «Werde mir
nicht zum Schrecken», den er aber gleich etwas zurücknimmt
und Gott ermahnt, ihm Heilung zukommen zu lassen
(Vers 17). Und im Vers 18 setzt er dann zum ultimativen
Wort-Schlag an: Zerschmettere sie mit doppelter Wucht. Es
muss schlimm aussehen in seiner Seele, aber er hofft und
bittet, fleht geradezu um Hilfe. Und braucht dabei die etwas
merkwürdige Formulierung: Hilf mir, damit mir geholfen ist.
Er bittet um Kraft für Standhaftigkeit, für Widerständigkeit
zum Durchhalten dieser schwierigen Periode.
Es gibt Zeiten, da spricht mir Jeremia aus dem Herzen;
auch wenn ich es möchte, reichen die eigenen Kräfte oftmals
nicht, um auszuhalten, was mich bedrängt. Jeremia ermutigt,
in solchen Momenten Gott anzurufen und zu vertrauen,
dass Gott hört und erhört.

Von: Hans Strub

16. Juli

Wenn der HERR nicht die Stadt behütet,
so wacht der Wächter umsonst.
Psalm 127,1

Dreimal steht «umsonst» am Anfang dieses kurzen Weisheitslieds.
Umsonst sind meine Bemühungen um einen
naturnahen Lebenswandel oder um einen Hausbau oder gar
für eine sichere Bewachung meiner Stadt, wenn nicht Gott
dabei ist. Wenn nicht Gott dieses Bemühen stützt und segnet.
Wenn nicht Gott will, dass das, was ich unternehme, gut
kommt. Oder andersherum: wenn ich nicht Gott in mein
Handeln miteinbeziehe, wenn ich nicht darüber nachdenke,
wie das, was ich im Sinn habe, in Gottes Augen aussehen
könnte. Die eingängigen Bilder haben Wirkung. Weil ich nicht
möchte, dass das, was ich tue, umsonst ist, plane ich mit Gott.
Wie aber stelle ich sicher, dass Gott das, was ich möchte,
auch will? Darauf gibt es keine sichere Antwort und keine
eindeutige Botschaft vom Himmel her. Ich verspüre in solchen
Situationen, wenn ich ehrlich bin und es zulasse, eine
Art von diffusem Unbehagen oder schwerem Herzen, Signale,
die mir eigentlich kaum entgehen, die ich aber gar nicht
immer annehmen will. Im Gegenteil: Ich suche nach Ausflüchten
oder schiebe Entscheidungen auf in der Hoffnung,
dass «es» etwas später dann «irgendwie geht» … Denn ich
möchte ja nicht, dass mein Planen umsonst ist.
Mach mich frei, Gott, zum Wahrnehmen dessen, was «recht»
ist vor dir, und gib mir die Kraft, es dann zu tun.

Von: Hans Strub

17. Juni

Gott sprach zu Jakob: Ich bin Gott, der Gott
deines Vaters; fürchte dich nicht. Ich will mit dir
hinab nach Ägypten ziehen und will dich auch
wieder heraufführen.
1. Mose 46,3.4

Nach dem dramatischen Höhepunkt der Josefsgeschichte,
als Josef sich seinen Brüdern zu erkennen gibt, wird jetzt
die ebenso dramatische Begegnung von Josef und seinem
Vater Jakob/Israel vorbereitet. Dazu reist der alte Mann nach
Ägypten und hat einen Traum. Darin sagt ihm Gott, dass
die Reise gut gehen wird. Dass er bei der Hinreise von Gott
begleitet werde und dass er wieder zurückkomme. Diese
Verheissung hat eine doppelte Bedeutung: für ihn selbst, der
in der Heimat beerdigt werden wird. Und für das Volk, das
aus seiner Familie hervorgeht: Es wird dereinst aus Ägypten,
wo es in Knechtschaft geraten ist, wieder heraufgeführt. Im
Übergang vom ersten zum zweiten Mosebuch (in dem dann
der Auszug Thema ist) wird gezeigt, dass das seinerzeitige
böse Handeln der Brüder an Josef nicht vergolten wird. Gott
ist bereit, begangene Fehler und auch Unrecht stehen zu
lassen und einen neuen Anfang zu ermöglichen. Darauf darf
ich hoffen. Was Vater Israel im Traumgesicht erfährt, ist diese
Zusage von Hoffnung. Der alte Mann fährt hinab und stellt
sich dem, was geschehen ist. Gott schenkt ihm nicht nur eine
gelungene und lange dauernde Wiederbegegnung mit dem
verlorenen (verkauften!) Sohn, sondern auch Rückkehr und
Rückführung für sein Volk. So ist Gott. Zu jeder Zeit!

Von: Hans Strub

16. Juni

Eine linde Antwort stillt den Zorn;
aber ein hartes Wort erregt Grimm.
Sprüche 15,1

Die ersten paar Verse dieses Sprüche-Kapitels lesen sich wie
ein aktueller Ratgeber für den guten Umgang miteinander.
Es sind Sätze, zu denen wir eigentlich bloss mit dem Kopf
nicken und «Ja, natürlich!» sagen können. Was wundert,
ist die krasse Gegensätzlichkeit, die zwischen den Akteuren
aufgerichtet ist: Auf der einen Seite stehen die Weisen, die
Gerechten, die Rechtschaffenen – auf der andern die Dummen,
die Toren, die Frevler, die Spötter. Und was noch mehr
wundert, ist die Heftigkeit, mit der diese «Ratgebersätze»
legitimiert werden: Wer sich nicht so verhält, riskiert sein
Leben! Und es gibt nicht irgendeine übergeordnete menschliche
Instanz, die richten wird, sondern Gott. Und diesem
Gott bleibt keine Abweichung von den zitierten Regeln verborgen:
«Totenreich und Abgrund liegen offen vor dem
Herrn – wie viel mehr die Herzen der Menschen.» (Vers 11)
Von dieser Stelle aus gesehen ist die Bezeichnung des Anfangs
als «Ratgeber» unhaltbar. Vielmehr wird deutlich gemacht,
dass sorgfältiger Umgang mit anderen nicht «nett»
ist, sondern «existentiell» für mein ganzes Menschsein.
Wer sich in Gottes Nähe bewegen möchte und gleichzeitig
andere kränkt, muss mit Gottes Zurechtweisung rechnen.
Oder andersherum gesagt: Gottesnähe und achtsames Handeln
gehören aufs Engste zusammen, das beginnt schon
beim kleinsten Wort …

Von: Hans Strub

17. Mai

Die Gnade des HERRN währt von Ewigkeit zu Ewigkeit
über denen, die ihn fürchten, und seine Gerechtigkeit
auf Kindeskind bei denen, die seinen Bund halten.

Psalm 103,17–18

Der Psalm 103 ist das Hohelied von der Güte Gottes, die für
alle Geschöpfe rund um den Erdball gilt. Und das, obwohl
gerade die Menschen sehr «vorübergehende» Wesen sind:
Des Menschen Tage, meine Tage, sind wie Gras, ich blühe
wie eine Blume des Feldes – wenn der Wind darüberfährt,
bin ich dahin, und meine Stätte weiss nicht mehr von mir
(Verse 15 und 16.). Schon mit dem ersten Wort im nächsten
Vers wird dieser biologischen Gegebenheit meines kurzen
menschlichen Seins die unermessliche Grösse und Weite
von Gottes Zuwendung zu den Menschen gegenübergestellt:
Mit dem «aber» und «von Ewigkeit zu Ewigkeit»
wird eine Dimension angesprochen, die jenseits aller meiner
Vorstellungskraft ist. Das ist Gottes Dimension. Und diese
unbeschreibliche Zuwendung, die allen – uns allen! – von
Gott her zukommt, wird Gnade genannt. Ein letztlich unerklärbarer
Vorgang, der einzig dem Wollen Gottes entspringt.
Gott will, dass alle Menschen ein behütetes Leben führen
können. Unter seinem Schutz. Das ist der für mich spürbare
Ausdruck von Gottes Güte zu allem und allen, die den ganzen
Psalm durchdringt.
Und diese gilt an jedem einzelnen Tag!

Von: Hans Strub

16. Mai

Ich will hoffen auf den HERRN, der sein Antlitz
verborgen hat vor dem Hause Jakob.
Jesaja 8,17

Wenn die Mauern oder Pfeiler unserer Kirchen gefragt würden,
welches die Wörter sind, die hier drinnen am meisten
ausgesprochen werden, sie würden wohl antworten (wenn
sie denn könnten): Frieden, Glaube, Liebe, Hoffnung … Das
letztgenannte dürfte heutzutage gar überwiegen. In unserer
unvermittelt noch komplizierter gewordenen Welt braucht
es Hoffnung ganz besonders. Wer Hoffnung sagt, redet von
einer anderen Wirklichkeit. Sie ist verborgen, aber sie existiert.
Und sie wirkt in die Realität, die uns umgibt, von der wir
Teil sind und die uns manchmal den Atem nimmt. Hoffnung
ist wie Luft, die unerwartet von irgendwo herkommt und
uns, wenigstens für einen kurzen Augenblick, durchatmen
lässt. Das füllt nicht nur die Lungen, sondern erfüllt den
ganzen Menschen mit einem Kraftschub. Hoffnung schafft
Raum für Neues und bringt Energie. Wer hoffen mag, kann
mit einer Veränderung der bestehenden Verhältnisse rechnen.
Mehr noch: darf daran glauben und darauf vertrauen.
Das meint wohl Jesaja, wenn er Unmut verspürt über seinen
Auftrag gegenüber einem Volk, das nicht hören will. Und
schon gar nicht umkehren, wie es Gottes Wille ist. Dass er
hofft, gibt ihm den Mut, sein Amt als Mittler zwischen Gott
und seinem Volk weiterzuführen. Weil er weiter zu hoffen
wagt – trotz allem, was rundherum ist –, kann er in Gottes
Dienst ausharren und immer wieder Luft holen.

Von: Hans Strub

17. April

Dennoch bleibe ich stets an dir; denn du
hältst mich bei meiner rechten Hand.
Psalm 73,23

Nur ganz knapp ist der Mensch, der diesen Psalm betet oder singt, der Verführung erfolgreicher Mächtiger entronnen. Es gelang ihnen, mit prahlerischem und bösartigem Reden, mit gewalttätigem und Gott verhöhnendem Tun grosse Teile des Volkes zu betören. So beschreibt er in den ersten zwanzig Versen des Psalms, was er erfahren hat. Erst als er von nahem sah, wie entsetzlich das Leben solcher Verführer enden kann, gingen ihm die Augen auf; er war «dumm», sagt er schonungslos von sich (Vers 22). Aber dieses Erleben hat ihn gerettet – von jetzt ab, beteuert er, werde er sich nur noch an Gott halten. Dafür braucht er das Bild eines Kindes, das geführt wird. Und geführt werden will! Damit er nie mehr ins Wanken gerät.
Sein Gebet beeindruckt mich auch deshalb, weil es so aktuell ist. Was er beschreibt, geschieht in unseren Tagen an zahlreichen Orten. Und zu vielen ergeht es dann so, wie es ihm fast ergangen wäre. Im letzten Augenblick sah er plötzlich klar, wohin der so laut gepriesene Weg führt. Zu Recht zeigt er sich tief dankbar seinem Gott gegenüber und redet davon. Sein Gott ist auch unser Gott und will auch heute und morgen Menschen aus der Verführung führen. Darauf dürfen wir, darf ich bauen. Gott braucht meine Bereitschaft, mich ihm anzuvertrauen. Dass ich dieses Zutrauen aufbringen kann, dafür bete ich mit diesem Psalm und mache mir den Satz von heute zu eigen.

Von: Hans Strub