Autor: Benedict Schubert

25. Oktober

Gott, deine Güte ist besser als Leben. Psalm 63,4

Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen, muss ich meiner Irritation darüber Ausdruck geben, dass eine Krankenkasse alle mit dem Zug in Basel einfahrenden Reisenden mit der patzigen Behauptung empfängt: «Weil Gesundheit alles ist.» Ich frage meinen seit Jahren chronisch schwerkranken, aber dennoch immer wieder heiter gestimmten Bruder nicht, wie er diesen Satz liest. Ich bitte auch die des Lebens satte alte Frau nicht, mit mir über diesen Satz zu sprechen, die sterbensmüde daliegt und vertrauensvoll darauf wartet, heimgehen zu dürfen. Ich will den Werbespruch auch nicht kommentiert haben von der Ärztin, die in einem Kranken-haus in einem Kriegs- oder Seuchengebiet ausharrt, weil sie sich von Gott selbst dorthin gerufen weiss.

Nach dem Johannesevangelium kommt es darauf an, dass wir unterscheiden lernen zwischen «Leben» und «ewigem Leben». Ewiges Leben ist das, was aus Gottes Güte seine Orientierung und seine Kraft gewinnt. Wer dieses Leben hat und führt, kann es, wenn es denn wirklich darauf ankommt, auch lassen. Darin würde sie, würde er Jesus folgen. Und mit ihm wissen, dass nicht einmal der Tod diesem ewigen Leben etwas anhaben kann, weil wir sterbend endgültig im Raum der Güte Gottes gut ankommen und dort aufgehoben bleiben.

Von: Benedict Schubert

25. September

Wohl dem Volk, dessen Gott der HERR ist! Psalm 144,15

Auf David, Vorbild aller Könige, wird der Psalm zurückgeführt. Er ist ein Danklied für militärische Erfolge (das wäre einen nachdenklichen Kommentar wert) und für alles Gute, das die Schöpfung denen bietet, die das Land bewirtschaften. Unser Losungsvers ist das jubelnde Fazit: Uns geht es gut, weil wir unter dem Schutz und Segen dessen stehen, der versprochen hat, er werde jeweils aufs Neue bei und mit uns sein: «Ich bin der, der mit euch geht und ist.» (Exodus 3,14) Können wir einstimmen in diesen strahlenden Schlussvers? Sind wir in der Schweiz noch ein Volk, dessen Gott der Ewige ist, oder haben wir den Lebendigen eingetauscht

gegen andere Götter?

Ich erkenne in unserer Gesellschaft immer noch Zeichen dafür, dass und wie Gottes Wort und Wille unser Zusammenleben geprägt hat: Wir haben ein Sozialsystem, das die Schwachen und Armen achtet. Alte und Kranke wer-den an manchen Orten noch nicht als Einkommensquelle genutzt, sondern mit Liebe gepflegt und versorgt. Es gibt da und dort Beispiele für eine Gastfreundschaft, die Fremden die Möglichkeit gibt, «sich zur Freundschaft anzubieten». Indem ich den Psalmvers mitbete, verpflichte ich mich, dafür einzustehen, dass diese Zeichen nicht verschwinden, sondern gestärkt werden. Manchmal reicht dafür übrigens der Stimmzettel.

Von: Benedict Schubert

24. September

Die Völker, die um euch her übrig geblieben sind, sollen erfahren, dass ich der HERR bin, der da baut, was niedergerissen ist, und pflanzt, was verheert war. Hesekiel 36,36

Der Prophet Ezechiel meldet sich zu Wort, als das Gottesvolk sich in der babylonischen Gefangenschaft befindet. Auch seine prophetischen Botschaften stehen in einem Spannungsverhältnis, wenn nicht in direktem Widerspruch zu dem, was offensichtlich scheint: Nein, das babylonische Grossreich, das Jerusalem und Juda mühelos verschluckt hat, bleibt nicht bestehen. Nein, die Götter, von denen Babylon behauptet, sie hätten ihm zum Sieg verholfen, sind nicht stärker als der Ewige, den Israel verehrt. Und nein, Gott hat sein Volk nicht aufgegeben.

Ezechiel weiss, dass das schwer zu glauben sein mag, doch genau solchen Glauben will er mit den Worten wecken, die er in Gottes Namen ausrichtet: Gott ist der Gott des Lebens. Gott schafft Leben. Gott erhält Leben. Gott erneuert Leben. Gott lässt Leben sogar aus dem Tod auferstehen!

Der Ewige löste sein Versprechen nicht so ein, dass das Volk triumphierend heimkehren und noch einmal ein militärisch und wirtschaftlich starkes Reich aufbauen konnte. (Das Prophetenwort eignet sich also schlecht als Begründung für gewalttätigen Nationalismus.) Aufgebaut und fruchtbar wurden durch Gottes Geist der Glaube, das Nachdenken über und das Feiern von Gottes Handeln und Gegenwart. Gottes Macht wird im Wort erfahren.

Von: Benedict Schubert

25. August

Ich rufe zu Gott, dem Allerhöchsten, zu Gott, der meine Sache zum guten Ende führt. Psalm 57,3

Zu meinen Aufgaben als Studienleiter bei «mission 21»
gehörte
es, die Vorbereitungskurse für internationale Einsätze
zu gestalten. In den Kurseinheiten zur interkulturellen
Kommunikation ging es darum, die Teilnehmenden darauf
aufmerksam zu machen, welchen Bruchlinien entlang Menschen
in Kamerun oder Indonesien sich beispielsweise von
uns in der Schweiz unterscheiden. Eine dieser Unterscheidungslinien
ist die «Unsicherheitsvermeidung»: Wie gross
ist das Bedürfnis nach Klarheit und Sicherheit oder umgekehrt
die Fähigkeit, Unsicherheiten und Unklarheiten auszuhalten
und mit ihnen umzugehen? Meine Vermutung ist,
dass wir uns in der Schweiz ganz auf der einen Seite des
Spektrums befinden, während Menschen in Kamerun oder
Angola viel mehr Unsicherheiten aushalten (und aushalten
müssen).
Unsere Art von Sicherheit und Absicherung hat Vorteile –
aber sie macht es uns schwer, etwas anzupacken, ohne dass
wir einen klaren Plan, ein Projekt, ein Budget und eine Versicherung
haben. Und es braucht oft eine heftige Krise in
einem Projekt, bis wir dort sind, wo unser Psalm ist: im
demütigen Wissen, dass weit mehr sich unserer Kontrolle
entzieht, als wir im Griff haben. Und dass es deshalb gut ist,
wenn wir täglich zu Gott rufen, dass er unsere Sache zum
guten Ende führt.

Von: Benedict Schubert

25. Juli

Ein Vater der Waisen und ein Helfer der Witwen ist Gott in seiner heiligen Wohnung, ein Gott, der die Einsamen nach Hause bringt, der die Gefangenen herausführt, dass es ihnen wohl gehe. Psalm 68,6–7

Als «Theologie der Befreiung» wird eine theologische Strömung
bezeichnet, die vor gut fünfzig Jahren in Lateinamerika
als Programm vorgestellt wurde und seither auf der ganzen
Welt Menschen inspiriert – nicht überraschend vor allem
solche aus dem «globalen Süden», also aus den Ländern,
die Mühe haben, aus ihren Armutsschlaufen herauszukommen.
Die wichtigste Behauptung der Befreiungstheologie ist:
«Gott hat eine Vorliebe für die Armen.» Ich halte das für das
grösste Geschenk an die Theologie überhaupt: die Erinnerung
daran, dass Gott konsequent von unten her, nicht von
oben herab zu den Menschen kommt. Israel wird von Gott
nicht adoptiert, weil es ein prächtiges Volk ist, sondern eines,
das leicht übersehen werden kann. Der schmächtigste der
Söhne Isais wird zum Stammvater des Königsgeschlechts,
aus dem schliesslich der Messias stammt. Dieser kommt
nicht im Palast, sondern im Stall zu Welt. Er stirbt den Tod
eines Verlierers, um daraus aufzustehen und den Aufstand
gegen den Tod anzuführen und gegen alle Mächte, die dem
Tod dienen. Unsere Losung ist bloss eines von vielen Echos
darauf – und wir tun gut daran, unser Denken und Handeln
danach auszurichten.

Von: Benedict Schubert

24. Juli

Gott tut grosse Dinge, die nicht zu erforschen, und Wunder, die nicht zu zählen sind. Hiob 9,10

Zugesagt ist uns Menschen, dass wir «nach Gottes Ebenbild
» geschaffen sind. Woran liegt es, dass manche – auch
mir selbst passiert das manchmal – daraus Allmachtsfantasien
ableiten? Dann denken sie beispielsweise, sie müssten
einen Durch- und Überblick haben, wie nur Gott ihn hat.
Dies wiederum führt zu einer hohen inneren Empörung,
wenn ihnen etwas geschieht, das sie nicht verstehen, nicht
einordnen, nicht – wie eine Freundin das so schön formuliert
hat – «versorgen» können, also nicht so im Inneren ablegen,
dass sie nicht ständig darüber stolpern.
Hiob ist der Inbegriff eines Menschen, den sinnloses Leid
überfällt. Seine Freunde halten das nicht aus und versuchen,
dem, was Hiob widerfahren ist, sofort einen Sinn zuzuschreiben.
Sie suchen nach Gründen und behaupten auch, welche
gefunden zu haben, weshalb das, was kam, so kommen
musste. Das verbinden sie mit Rezepten, wie Hiob nun aktiv
damit umzugehen habe.
Hiobs beispielhafte Grösse besteht darin, dass er das
Widersinnige dessen, was er durchmacht, aushält. Er sucht
keinen Grund, sondern hält schlicht, aber nicht einfach,
denn einfach wird das nicht gewesen sein, am Vertrauen
fest, dass Gott sieht und weiss, was für uns undurchschaubar
und unerklärlich ist.

Von: Benedict Schubert

25. Juni

Seid getrost und lasst eure Hände nicht sinken; denn euer Werk hat seinen Lohn. 2. Chronik 15,7

Ich bin so reformiert geprägt und konditioniert, dass ich
immer ein wenig zusammenzucke, wenn von «Lohn» die
Rede ist. Schliesslich haben wir gelernt, wir glauben und
bekennen: «Alles ist Gnade.»
Dieses Bekenntnis soll auf keinen Fall relativiert sein. Das
Evangelium von der Gnade ist befreiend in einer Welt, in der
alles berechnet wird und es das erste und oberste Ziel zu sein
scheint, dass Kosten möglichst tief zu halten, aber möglichst
hohe Gewinne anzustreben sind. Das bedeutet nämlich in
der Regel harte, leider oft erfolglose Kämpfe um gerechten
Lohn für die unten auf der Leiter.
Durch den Begriff der «Wertschätzung» lassen sich Gnade
und Lohn indessen gut verbinden. Dann ist «Lohn» nicht
ein gnadenlos ausgehandelter Deal, nicht ein Recht, um das
ich kämpfen muss. Lohn ist dann Ausdruck von Respekt. Ich
werde gesehen, ich werde angesehen in dem, was ich tue.
Ich werde ernst genommen; mein Engagement bleibt nicht
unbemerkt, sondern bekommt ein Echo.
Unsere Beziehung zu Gott ist nicht ein frommer Handel,
sondern eine Beziehung der Wertschätzung. Gott sieht und
anerkennt, was wir tun, und wir werden von Gott die Zeichen
von Wertschätzung bekommen, die wir brauchen, um
in und trotz allem weiter zu glauben, zu hoffen und zu lieben.

Von: Benedict Schubert

25. Mai

Mächtig waltet über uns seine Güte, und die Treue
des HERRN währt in Ewigkeit. Halleluja. Psalm 117,2

Ich höre hin und wieder von Menschen, insbesondere
auch von jungen Menschen, dass sie schlecht schlafen, von
Albträumen geplagt werden, weil es um die Welt und das
Zusammenleben der Menschen so schlecht bestellt ist. Es
erschüttert mich, dass sich eine Bewegung, die sich für den
Respekt gegenüber Gottes Schöpfung einsetzt, als «Last
Generation» bezeichnet, wie wenn es keine Hoffnung auf
Zukunft mehr gäbe.
Umso schöner, wenn ein biblisches Wort wie diese Losung
dem widerspricht, was den Gang der Geschichte und das
Verhalten der Menschen zu bestimmen scheint. Mächtig
scheinen die, die sich durchsetzen, die sich nicht ums Recht
oder um den Anstand scheren, die sich nicht bremsen lassen,
bloss um Rücksicht zu nehmen.
Doch wir stimmen in den Psalm ein, der jubelnd behauptet,
die Güte Gottes habe Macht über uns und über die
Welt und wir könnten uns darauf verlassen, dass Gott treu
ist. Wir müssen nicht mit der Treulosigkeit derer rechnen,
die auch ihre Freunde verraten, wenn sie sich davon Gewinn
versprechen.
In der klösterlichen Tradition gehört Psalm 117 – es ist der
kürzeste aller Psalmen – ans Ende des Tages. Das Halleluja
über Gottes Güte und Treue wird uns vor den Albträumen
wegen der Rücksichtslosigkeit und Untreue von Menschen
schützen.

Von: Benedict Schubert

24. Mai

Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch,
dass der König der Ehren einziehe! Psalm 24,7

«Macht hoch die Tür!» Diese adventliche Losung lädt ein,
Pfingsten wie Weihnachten zu feiern. Es wird manchmal
angemerkt, Pfingsten sei so unanschaulich als Fest; es sei
schwierig, sich vorzustellen, was da eigentlich passiert.
Aber probieren wir es einmal so:
«Unser Heiland ist nun da!» «Christ ist erschienen, uns
zu versühnen.» «Heut schliesst er wieder auf die Tür zum
schönen Paradeis.» «Unser Kerker, da wir sassen und mit
Sorgen ohne Massen und das Herze selbst abfrassen, ist
entzwei, und wir sind frei.» «Eins aber, hoff ich, wirst du mir,
mein Heiland, nicht versagen, dass ich dich möchte für und
für in, bei und an mir tragen.» «Die ihr arm seid und elende,
kommt herbei, füllet frei eures Glaubens Hände.» «Das ewig
Licht geht da herein, gibt der Welt ein’ neuen Schein.»
Ich habe etwas wahllos Zeilen aus Weihnachtsliedern aneinandergereiht,
um uns zu vergegenwärtigen, dass Pfingsten
wirklich das Fest der Gottesgegenwart in und unter uns ist.
Der Heiland kommt in der Gemeinde zur Welt. Wer Gott
sucht, findet ihn in der Kirche. Wo zwei oder drei im Namen
von Jesus versammelt sind, da werden Menschen aufgerichtet,
getröstet, wiederhergestellt, befreit.
Das schreibe ich notabene ohne Fragezeichen.

Von: Benedict Schubert

25. April

Das Erdreich erschrickt und wird still, wenn Gott sich aufmacht zu richten, dass er
helfe den Elenden auf Erden. Psalm 76,9-10

Mittelalterliche Kirchen wie das Basler oder das Berner Münster stellen den Thronsaal Gottes dar. Über dem Hauptportal ist das Jüngste Gericht dargestellt. Wer eintritt, soll sich und sein Leben prüfen. Denn in der Vierung, wo Längs- und Seitenschiff sich kreuzen, stehen die Gläubigen vor und unter dem Thron dessen, der als letzte Instanz richtet. Die dort stehen, sollen sich klein vorkommen; sie sollen nicht meinen, sie könnten den Richtspruch des Ewigen in Frage stellen. Sie sollen in Demut niederknien und Gottes Urteil annehmen.
Die Rede vom Jüngsten Gericht befremdet heute viele. Doch die Elenden tröstet sie. Sie macht denen Hoffnung, die ganz unten sind und meist absichtlich unten gehalten werden. Sie richtet diejenigen auf, die niedergeschmettert sind, die um ihr Recht und um ihr Leben gebracht werden. Die kein Ansehen haben, nicht respektiert werden, können sich darauf verlassen, dass Gott sie sieht und ansieht. Und endlich Recht spricht.
Wir, die wir in Umständen leben, die aufgrund von Ungerechtigkeiten so komfortabel und sicher sind, gehören zu denen, die erschrecken und still werden sollen. Um uns dann wenigstens dort, wo wir es können, für die Gerechtigkeit Gottes einzusetzen.

Von: Benedict Schubert