Autor: Andreas Marti

12. Juni

Du hast den Menschen zum Herrn gemacht über deiner
Hände Werk, alles hast du unter seine Füsse getan.

Psalm 8,7

Die Vorstellung, dass der Mensch Herr über die Natur sei,
ist angesichts von Ausbeutung und Naturzerstörung mehr
als fragwürdig geworden. Auf den ersten Blick müssten wir
diesen Psalmvers umweltgerecht «entsorgen».
Der reformierte Theologe Wilhelm Vischer hat Psalm 8
zu einem Lied umgedichtet und dabei die Richtung gezeigt,
wie diese Worte zu verstehen sind. Es ist das Psalmlied «Wie
herrlich gibst du, Herr, dich zu erkennen» (RG 7, EG 271).
Schlüsselvers ist die dritte Zeile von Strophe 6: «Statt
Herr ist er der Sklave der Natur.» Das lässt an die altbekannte
Dialektik von Herr und Knecht denken, in welcher
der Herr abhängig vom Knecht wird. Die Geschichte zeigt
es ja: Je mehr die Menschheit sich die Natur unterwirft und
zu Diensten macht, desto verletzlicher werden Zivilisationen
und Technologien.
Vischers Lied denkt in den Schlussstrophen den Psalm
christologisch weiter, mit Worten des Christushymnus aus
dem Philipperbrief. Christus ist der «wahre Menschensohn
», der sich selbst bis in den Tod erniedrigt, das Bild des
Menschen nach Gottes Willen. Seine Herrschaft ist nicht
die überlegene Dominanz der Allmacht. Sie geschieht in
Geschwisterlichkeit, in Solidarität mit den Leidenden. Christus
nachfolgen heisst, seine Weise der Herrschaft zu übernehmen,
«zur Ehre des Vaters».

Von: Andreas Marti

11. Juni

Die zum Frieden raten, haben Freude. Sprüche 12,20

Wieder so ein Satz, welcher dermassen selbstverständlich
daherkommt, dass ich mir dazu zunächst kaum Gedanken
machen kann. Eine Kalenderblattweisheit, irgendwie banal.
Dass die «weisheitliche» Literatur in einigen alttestamentlichen
Büchern nicht gerade den Ruf grossen theologischen
Tiefsinns geniesst, ist mir ja manchmal in den Kommentaren
begegnet und kommt mir hier wieder in den Sinn.
Der Haken liegt eben beim deutschen Wort «Frieden».
Vordergründig fällt mir bei «zum Frieden raten» etwa ein:
Lasst das Streiten, haltet still, tragt eure Konflikte nicht aus.
Dagegen steht nun aber der Grundsatz «kein Frieden ohne
Gerechtigkeit», und Gerechtigkeit muss erstritten werden.
Frieden als Verzicht auf diesen Streit zementiert Ungerechtigkeit.
Darum ist «Frieden» nicht die Abwesenheit von
Streit und gar Krieg, sondern ist am hebräischen «Schalom»
zu messen. Dieser Frieden ist umfassend, er schliesst Wohlergehen
und gute, gerechte Verhältnisse mit ein, ist Frieden
in Gerechtigkeit. Wer zu diesem Frieden rät, und zwar nicht
nur dazu rät, sondern sich für seine Verwirklichung einsetzt,
wer zur Gerechtigkeit rät, wer raten und überlegen hilft,
wie Gerechtigkeit werden kann, der hat nicht nur Freude,
sondern macht Freude, macht die Welt ein bisschen besser.
Da pacem, Domine, in diebus nostris – Gib Frieden, Herr, in
unseren Tagen.

Von: Andreas Marti

1. Mai

Ich bin bei dir, spricht der HERR, dass ich dir helfe.
Jeremia 30,11

Jemand hilft mir, ich helfe jemandem – wobei denn? In der
Not? Bei einer Aufgabe? Bei der Arbeit?
Das wäre das heutige Stichwort, das Thema für den Tag
der Arbeit. Es ist ja kein kirchlicher Feiertag, er ist weltlich,
gehört der Arbeiterbewegung. Ist er deshalb automatisch
nicht christlich, gar antichristlich? Freilich gibt es in der
Geschichte viele, zu viele Beispiele, die die Kirche auf der
Gegenseite sehen, sozialistisch und christlich als Gegensätze.
Immerhin aber hat die Arbeiterbewegung unter ihren mancherlei
Wurzeln auch eine christliche. Das beginnt schon im 19. Jahrhundert, noch vor Karl Marx, und zu Beginn des 20.Jahrhunderts wurde ein «Religiöser Sozialismus» denkerisch und politisch entwickelt. Auch Karl Barth nahm hier
seinen theologischen Anfang, und die Reihe der Theologen
und Theologinnen, die diese Gedanken weiter ausbauten,
ist lang. Verwunderlich ist das nicht, vielmehr ist es begründet im
biblischen Menschenbild. Gott nimmt alle Menschen gleich
wichtig, er sagt allen gleichermassen seine Hilfe zu, er sagt sie
auch denen zu, die im Einsatz für eine gerechte Lebenswelt
und für Menschenwürde stehen.
Gott hilft helfen.

Von: Andreas Marti

    12. April

    Ich will meinen Bund mit dir aufrichten, sodass du erfahren sollst, dass ich der HERR bin. Hesekiel 16,62

    Die Vorstellung des Bundes hat in reformierter Tradition eine besondere theologische Bedeutung erhalten. In der «Bundestheologie», im 17. Jahrhundert in den Niederlanden formuliert, ging es darum, die Bibel nicht nur in einzelnen Abschnitten zu lesen, sondern in ihrem inneren Zusammenhang. Diesen sah man in einer Reihe von Bundesschlüssen Gottes mit den Menschen, von Adam über Noah, Abraham und David bis zum neuen Bund in Christus.

    Freilich ist der Begriff des Bundes nicht im Einklang mit dem, was wir sonst mit ihm verbinden, nämlich als einer Übereinkunft zwischen gleichberechtigten Partnern auf Augenhöhe. Der Bund Gottes ist so asymmetrisch wie nur möglich; er überbrückt den eigentlich unüberbrückbaren Graben zwischen Schöpfer und Geschöpf. Mehr noch: Ein Bund verlangt Bundestreue. Diese zu leisten, sind wir nicht oder nur zu bescheidenen Teilen fähig. Umso mehr übt Gott die Treue zu seinem Bund, ein Grundmotiv, vielleicht das Grundmotiv im Alten Testament. Der «Bund» ist die Botschaft von der letztgültigen Verlässlichkeit Gottes. Er steht über der Asymmetrie, und gerade darin erweist Gott sich als der Herr. Im «Neuen Bund» bestätigt er seine Bundestreue. Die vorherigen Bundesschlüsse sind damit nicht ausser Kraft gesetzt, sind auch nicht bloss Verheissungen oder Vorläufer des endgültigen. Der Bund gilt, und er gilt der ganzen Welt.

    Von: Andreas Marti

    11. April

    Ich, ich bin euer Tröster! Wer bist du denn, dass du dich vor Menschen fürchtest, die doch sterben? Jesaja 51,12

    Trösten – ein schillerndes Wort. Da liegt das Vertrösten in der Nähe, das Beschwichtigen, alles nicht so schlimm. Etwas Besonderes ist das Trösten in der Trauer, wenn das Vertrauen verloren ist, das Vertrauen in sich selbst, in das Leben, in die Welt, wenn die Angst allgegenwärtig wird. Da ist ein Tröster gefragt, der Vertrauen zurückgibt, der Vertrauen möglich macht.

    Zutiefst erschüttert wird das Vertrauen ins Leben durch die Vergänglichkeit, die uns unausweichlich begleitet. Zugleich aber relativiert das Prophetenwort die Angst gerade durch diese Vergänglichkeit: Auch das, was uns Angst macht, die Menschen, die uns Angst machen, sind vergänglich.

    Dagegen steht das Gotteswort «ich bin euer Tröster», das Wort dessen, der nicht vergänglich ist, der in jüdischer, auch manchmal in christlicher Gebetstradition als «der Ewige» angerufen wird. Das ist mehr als nur eine Ausweichlösung, um den für jüdisches Sprechen unaussprechlichen Gottesnamen zu vermeiden. Weil Gott der Ewige ist, weil er über aller Vergänglichkeit steht, liegt bei ihm der Grund für ein neues Vertrauen, für eine Überwindung der Lebensangst.

    «Ich bin euer Tröster» – die wenigen Noten aus Mendelssohns «Elias» können ein kleiner Ohrwurm sein, ein innerer Begleiter für schwierige Zeiten.

    Von: Andreas Marti

    12. Februar

    Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum HERRN; denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s euch auch wohl. Jeremia 29,7

    Die Israeliten in der Verbannung, im fremden Land, in feindlicher Umgebung, wo ihnen das Singen vergangen ist, wie wir im 137. Psalm lesen: Das ist – hierzulande – nicht die Situation von Christinnen und Christen, aber die Erosion der Volkskirchen hat dazu geführt, dass die Umgebung zwar nicht gerade feindlich, aber doch fremd geworden ist. Die Distanz wächst, und es mag sich anbieten, sich in dieser Distanz einzurichten, Indifferenz mit Indifferenz zu beantworten. Dass dies nicht sein soll, ist wohl heute Konsens, und der gesellschaftliche Auftrag der Kirchen ist den meisten bewusst. Glaube ist politisch.
    Das Prophetenwort führt aber noch weiter. Für die Israeliten war es ein neuer Gedanke: Der «Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs» sollte nun für Fremde zuständig sein, für deren Wohl sollten sie zu ihm beten. Diese Zuständigkeit Gottes über sein Volk – und jetzt über Kirche und Christentum – hinaus gilt es durchaus zu bedenken. Gott ist kein Partikulargott. Sein Wort kann der ganzen Welt den Weg weisen, auch wenn die Welt es gar nicht als solches erkennt. Martin Luther hat diesen Gedanken im «politischen Gebrauch» der göttlichen Gebote formuliert: Sie stellen eine Grundordnung für alle Menschen dar, weil Gott der Gott aller Menschen ist.

    Von: Andreas Marti

    11. Februar

    Mein Geist soll unter euch bleiben.
    Fürchtet euch nicht!
    Haggai 2,5

    Gott spricht vom Geist – grammatikalisch – in der dritten Person. Soll das eine Art Vorstufe zur Trinität sein? Gilt nicht vielmehr das johanneische «Gott ist Geist», der Geist ist Gott selber? Da kommt die Person-Vorstellung an ihre Grenze, wird vielleicht gar untauglich, weil sie zu nahe an menschlichen Begriffen liegt. Freilich ist auch «Gott» schon bildhafte Rede, aber anders geht es nicht. Unsere Sprache erreicht jene Dimension der Wirklichkeit, die wir «Gott» nennen, schlechterdings nicht. Diese Wirklichkeit umgreift, erfüllt, durchdringt alles, was ist. «Geist» bedeutet die Gegenwart Gottes. Sie bleibt unter uns, auch in Zeiten, wo wir sie nicht wahrnehmen. Sie ist trotzdem da und wirkt. Das können wir uns sagen lassen als Mittel gegen die Furcht, gegen die Existenzangst.
    Als Christinnen und Christen sehen wir in Christus eine besondere, eine konkrete Weise der Gegenwart Gottes. Wenn er in der johanneischen Abschiedsrede den Geist ankündigt, der an die Stelle seiner leiblichen Anwesenheit tritt, bekommt dieser Geist noch einmal eine klarere Bedeutung, ist die Gegenwart Christi unter uns. Jesu Verheissung «Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt» gibt dem alttestamentlichen Prophetenwort eine neue Füllung, schärft seine Kontur und lässt es in neuem Licht erscheinen.

    Von: Andreas Marti

    12. Dezember

    Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, wird eure Herzen und Sinne bewahren in Christus Jesus. Philipper 4,7

    Vernunft – da denken wir an die Aufklärung und ihre Entgegensetzung von Vernunft und Glauben. Sie hat beide in ein spannungsvolles Verhältnis, in eine dialektische Beziehung gesetzt. Die französische Aufklärung jedoch hat daraus einen unversöhnlichen Gegensatz gemacht, bis hin zu einer personifizierten «Göttin» der Vernunft in der Zeit der Revolution. Das hat in der Folgezeit zu einem negativen Beigeschmack im religiösen Kontext geführt. Im Lehrtext ist es so nicht gemeint. Das griechische Wort geben wir heute besser mit «Verstehen», «Erkennen» wieder. So ist es von den Begriffen am Schluss nicht weit entfernt: Herzen und Sinne sind am Erkennen und Verstehen ja beteiligt. Alle drei sind überragt vom Frieden Gottes, der sie umgreift und sie einbettet in eine andere Dimension. Die Widersprüche unseres Erkennens und unseres Lebens sind versöhnt in Christus. In ihm ist der grösste überhaupt denkbare Widerstreit aufgehoben, «der grosse Streit geschlichtet», jener zwischen Tod und Leben.
    Darum ist es mehr als eine blosse Formel, wenn in lutherischer Tradition mit diesem Satz die Predigt abgeschlossen wird. Alles Gesagte in seiner Unfertigkeit, seinen ungelösten Fragen und unauflösbaren Widersprüchen ist aufgehoben in diesem alles umgreifenden Frieden.

    von: Andreas Marti

    11. Dezember

    Herr, vor dir liegt all mein Sehnen, und mein Seufzen ist dir nicht verborgen. Psalm 38,10

    Zum Sehnen und Seufzen gibt es wahrhaftig genug Grund, angefangen im Privaten – Krankheit, Konflikte, Verluste – bis hin zu den Nöten der Welt – Hunger, Klima, Naturkatastrophen, Kriege, und das nun auch nur ein paar hundert Kilometer vor unserer Haustüre. Die Rezepte der Positivdenker helfen nicht viel weiter. Sich an den Kleinigkeiten des Alltags zu freuen, ist ja sicher nicht falsch, doch danach bricht sich das Seufzen und Sehnen unweigerlich wieder seine Bahn, und dies schliesslich bis hin zu der Frage, wo denn der gütige Gott bleibt, warum er nicht eingreift, warum er nicht endlich «Hirn regnen lässt».
    Wir preisen im «Sanctus» den Gott, von dessen Ehre Himmel und Erde erfüllt sind – nur sehen wir davon meist herzlich wenig, und das Bemühen, sich einen zugleich gütigen wie allmächtigen Gott zu denken, scheitert mit unausweichlicher und unschöner Regelmässigkeit.
    Angesichts von Leid, Not und Bosheit über Gott zu reden, bringt nichts. Das muss anders laufen: Statt über Gott zu reden, reden wir zu ihm, und das bedeutet in diesem Fall nichts anderes als Seufzen und Sehnen. Die Klage vor Gott, gar die Anklage Gottes, hat ihre Tradition, und sie verdient mehr Raum in unseren Gebeten und Liturgien. Dabei darf sie durchaus offen bleiben, ohne direkte Antwort, ohne Beschönigung. Dies auszuhalten, ist eine Kernkompetenz des Glaubens.

    von: Andreas Marti

    12. Oktober

    Als Petrus den starken Wind sah, erschrak er und
    begann zu sinken und schrie: Herr, rette mich!
    Jesus streckte sogleich die Hand aus und ergriff
    ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum
    hast du gezweifelt?
    Matthäus 14,30–31

    Jesus geht auf dem Wasser, und Petrus steigt zu ihm aus dem
    Schiff: eine der sonderbarsten Wundergeschichten, nicht
    selten Anlass zu mehr oder weniger witzigen Karikaturen.
    Die Menschen vor 2000 Jahren waren nicht von naturwissenschaftlichem,
    physikalischem Denken bestimmt;
    dennoch
    muss die Geschichte für sie eine aussergewöhnliche
    Vorstellung gewesen sein. Sie hat ihnen damit gezeigt,
    dass in Jesus eine besondere Kraft am Werk ist, weil Gott in
    ihm und durch ihn wirkt.
    Die Geschichte sagt noch mehr. Wir erhalten selber Anteil
    an dieser Kraft, wenn Jesus auf uns zukommt und wir ihm
    entgegengehen. Es ist eine abgeleitete Kraft, nicht eine aus
    uns selbst. Sie ist zerbrechlich, ist gefährdet durch Zweifel,
    durch «Kleinglauben», wie Jesus sagt. Das gehört dazu;
    Glauben ohne Zweifel kann es wohl nicht geben, wenn wir
    ehrlich bleiben wollen. Aber Jesus streckt die Hand nach
    Petrus aus, und er tut dasselbe für uns, damit wir – um im
    Bild zu bleiben – nicht versinken in den Unsicherheiten
    des Lebens, in Sorgen und Ängsten. Auf dem Wasser gehen
    können wir nicht, aber wir sollen den Glauben wagen, auch
    wenn wir ihn aus eigener Kraft nicht durchhalten können.

    Von: Andreas Marti