Autor: Matthias Hui

6. Dezember

Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheissung, in denen Gerechtigkeit wohnt.      2. Petrus 3,13

An der Vollversammlung des Ökumenischen Rats der Kirchen in Karlsruhe erlebte ich Tag für Tag Menschen, die auf Gerechtigkeit warten. In der Ukraine und im Nahen Osten. Sami in Schweden und Menschen auf Inseln im Süden, die unter der Klimaerhitzung leiden. Frauen und Kinder, die Gewalt erfahren in der Familie oder in der Kirche.

Mir wurde klarer: In Konflikten und Krisen macht es einen entscheidenden Unterschied, ob Kirchen und religiöse Gemeinschaften mit einer Stimme sprechen. Oder einander widersprechen und bekämpfen. Warten wir gemeinsam auf einen neuen Himmel und eine neue Erde? Oder wollen die einen jetzt gar keine Zeit verschwenden mit Warten, weil es ihnen gegenwärtig ja so gut geht? Und die andern glauben sowieso, dass das Neue erst nach dem Tod kommt?

Das Ziel des Ökumenischen Rats der Kirchen ist Einheit. Auch wenn die Kirchen keine grosse Macht mehr haben – oder gerade deshalb? Auch wenn mir klar ist, dass sie ganz verschiedene weltliche Interessen vertreten: Die Welt würde anders aussehen, wenn Christ*innen in Fragen der Gerechtigkeit öfter mit einer Stimme sprächen. Diese Stimme würde gehört. Was könnte eigentlich – frage ich mich beim Warten – mein Beitrag an die Einheit sein?

Von Matthia Hui

5. Dezember

Lehre mich tun nach deinem Wohlgefallen, denn du bist mein Gott; dein guter Geist führe mich auf ebener Bahn.        Psalm 143,10

Es geht um das Lehren und Lernen. Ist es mit Gott etwa wie in der Schule? An welche Lehrerinnen und Lehrer erinnern Sie sich, von denen Sie in gutem Geist geführt wurden und etwas gelernt haben, das Sie vielleicht noch heute begleitet? Die Kinder in meiner Wohngemeinschaft berichten von Erfahrungen mit engagierten Lehrer*innen – von  Lernprozessen, die kollaborativ und nicht top-down ablaufen.

Aber ab und zu gibt es irritierende Geschichten. Noch immer existieren Mechanismen des Belohnens und Bestrafens. Die einen dürfen am Ende des Jahres ins Kino gehen, mit Geld, das vor allem jene äufnen mussten, die Regeln übertraten. Einzelne Lehrer*innen scheinen wenig fantasievolle Ideen und integrierende Massnahmen in ihrem Repertoire zu haben. Ohne guten Geist kommen Kinder – die dazu eben oft nicht Noah, Mia oder Leon heissen und für die manches noch fremd ist – von einer (vielleicht auch nur ganz minim) schiefen nicht einfach selbstverständlich auf die ebene Bahn. Im Psalm ertönt die Hoffnung, dass Gott jenen hilft, die ihn um Führung bitten. Aber: Anleitung und Begleitung woher, wohin? Der Betende formuliert später ganz konkret: «Führe mich aus der Not.» Wenn das notwendig ist und wenn das gelingt, ist es hohe Schule.

Von Matthias Hui

6. Oktober

Redet einander zu und richtet euch gegenseitig auf, wie ihr es ja tut.
1. Thessalonicher 5,11

Am Schluss des 1. Thessalonicherbriefs beschreibt Paulus handfest, wie das Zusammenleben in Gemeinschaft funktionieren kann. Zentral ist die Hoffnung. Hoffnung, dass es anders kommen wird. Dass es schon jetzt anders geht, als sich aus Enttäuschung mit Drogen zuzudröhnen, in der Konkurrenz aller gegen alle Hass zu kultivieren oder Böses mit Bösem zu vergelten.
Gutes Zusammenleben ist für Paulus Sorgearbeit füreinander, heitere Solidarität. Verbunden mit der Stützung der Schwachen und der Ermutigung der Verzagten, mit dem Ringen um Frieden im Kleinen. Dazu kommt die kritische Prüfung der Verhältnisse: Wo gibt es Potenzial für Veränderung? Fundament ist Dankbarkeit – auch gegenüber Gott und seiner Sorge um das Leben.
Ich kenne Familien und Wohngemeinschaften, die einigermassen so funktionieren, Altersheime, Unternehmen, Quartiergemeinschaften, Vereine, die sich an solchen Visionen messen lassen. Kürzlich habe ich einen Mann erzählen gehört von seiner Gefängniszeit während der argentinischen Militärdiktatur. Im Kollektiv übten Menschen über Jahre Widerstand und Solidarität ein. Sie entwickelten eine faszinierende Kultur, sich gegenseitig immer wieder aufzurichten, um weder verrückt zu werden noch langsam zu sterben. Eine Kultur des gemeinsamen Lebens.

Von Matthias Hui

5. Oktober

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schliessen. Jeremia 31,31

Als Kind war ich ein grosser Autofan. Ich kannte jedes Modell und war traurig, dass meine Eltern zuerst keinen und später nur einen kleinen roten Wagen besassen – keinen BMW oder Volvo wie die Nachbarn. Heute lebe ich glücklich ohne Auto. Wie fast alle meiner jetzigen Nachbar*innen. (Natürlich freue ich mich, wenn ich meine Mutter ab und zu mit einem – roten! – Mobilityfahrzeug ausfahren kann. Sogar der kleine Autofreund sitzt dann mit am Steuer.)

Aber mit den Autos und Flugzeugen, mit Heizungen und Klimaanlagen, mit dem Fleisch- und Betonkonsum haben wir die Erde ausgebeutet und geschändet. Das Klima ist ausser Rand und Band geraten. Das Wirtschaftssystem entreisst dem Boden noch immer alle Schätze, die es kann, und schifft sie dem, der zahlt, heran. Öl, Kohle und Gas alimentieren die Motoren des Fortschritts immer noch weiter und schaffen ständig noch mehr Erhitzung und Krieg. Aber das imperial-fossile Zeitalter kommt an ein Ende. Zu spät? Ist die Welt am Ende? Nähert sie sich ihrem Untergang?
Gibt es in dieser Sintflut, in der viele längst stecken oder darin untergehen, das Angebot eines neuen Bundes für das Leben? Woher kommt Hilfe? Gratis? Für wen? Und wird die seufzende, zerstörte Schöpfung geheilt werden?

Von Matthias Hui

6. August

Denk daran, wie du die Botschaft empfangen und  gehört hast, bewahre sie und kehre um!    Offenbarung 3,3

«Jetzt müssen wir umkehren, das wird sonst gefährlich.» Ich erinnere mich, wie mein Vater den Abbruch einer Wanderung über Alpweiden begründete. Schwarze Gewitterwolken waren im Anzug. Schade. Wir mussten unser Ziel, einen Gipfel, aufgeben. Zurück auf demselben Pfad an den Ausgangspunkt unten im Tal.

Wenn in der Bibel vom Umkehren die Rede ist, ist die Katastrophe da, der eingeschlagene Weg führte an den Abgrund oder schon darüber hinaus. In höchster Not und Gefahr ist der mögliche Anfang einer neuen Route sichtbar.

Die jüdische Religionsphilosophin Margarete Susman sprach oft von Umkehr. Die waghalsige Umkehr zu Gott, und das ist die Teschuwa, ist keine Rückkehr unter das sichere Dach, wo man immer war. No return. Susman sprach nach dem Ersten Weltkrieg mit seinen Millionen Toten und zerstörten Illusionen von Umkehr. Und nach dem Zweiten Weltkrieg erst recht. Die alte Ordnung liegt in Trümmern. Alles, wirklich alles, muss bis ins Innerste umgeschaffen, neugestaltet, revolutioniert werden. Das ist die Botschaft.

Als wir in den 1970er-Jahren als Familie am Wandern waren, war für mich als Schweizer Bub die Welt völlig in Ordnung. So sehe ich sie heute nicht mehr. Es donnert und blitzt. Die Welt steht in Flammen, die Erde ist überhitzt. Jetzt müssen wir umkehren.

Von Matthias Hui

5. August

Mit meinem Gott kann ich über Mauern  springen. Psalm 18,30

Der fröhliche Vers wurde 1989 während der friedlichen Revolution in der DDR oft zitiert. Mit dem Mauerfall schien in Europa Krieg überwunden. Der kalte war weg,  der heisse in weiter Ferne, und die Angst vor dem Atomkrieg verflog. Aber dann verpassten es die Mächtigen, gemeinsam Hand anzulegen beim Bau eines gemeinsamen Hauses, dem Plan für Europa, der ursprünglich aus Russland kam. Kapitalistische Strukturen wurden von Westen her über den Kontinent gezogen, und damit florierten neben funkelnden Verheissungen und funktionierenden Geschäften auch Ungleichheit und Korruption.

Und der Krieg wurde bald wieder Realität: in Ex-Jugoslawien, in Tschetschenien, in Georgien – oder mit europäischer Beihilfe und mit Wegsehen im Irak, in Afghanistan,  in Syrien und anderswo. Wir wollten das alles aber nicht als Kapitel europäischer Geschichte verstehen.

Jetzt geht es nicht mehr anders. Wir sehen die Zerstörung und den Tod in der Ukraine. Wir sehen die Repression und die Diktatur in Russland. Wir sehen die Aufrüstung im Westen. Wir begegnen den geflüchteten Menschen.

Hat die – biblische – Vision des gerechten Friedens ausgedient? Hat der Pazifismus versagt? Kaum. Solche Konzepte wurden gar nie ausprobiert auf unserem Kontinent.

Fromme Wünsche – wie es jener einst war, dass die Mauer fallen könnte?

Von Matthias Hui

6. Juni

Der HERR erforscht alle Herzen und versteht alles Dichten und Trachten der Gedanken.       1. Chronik 28,9

Manchmal verausgaben wir uns Tag und Nacht, um die Welt zu bewahren, zu verändern, zu retten. Und manchmal laufen wir Gefahr, mit engagierter Betriebsamkeit gut dastehen zu wollen – vor uns und vor den anderen. Oder sogar vor Gott. Dabei nehmen auch wir andere Menschen nicht immer für voll und grenzen sie aus. Oder wir müssen merken, dass wir mit unseren so «progressiven», aber festgefahrenen Gedanken Kinder unserer Zeit sind. Und auch mit unserem eigenen Schubladen-, Geld- und Sicherheitsdenken zerstörerische Entwicklungen in Gang halten.

Viele Menschen können nicht «machen» und handeln, wie sie wollen. Ihr Trachten nach einer guten Welt kann genauso stark – und vielleicht genauso wirksam – sein wie das von stets Aktiven. Ältere Menschen, die nicht mehr viel Kraft haben. Menschen mit einer Beeinträchtigung, die sie einschränkt. Menschen, die jeden Tag ums Überleben kämpfen – in einem Armenviertel, in einem Spital, in einem Gefängnis. Andere wollen nicht immer «machen». Menschen, die in kontemplativen Klöstern leben. Stille Künstler*innen. Menschen, die ihren kleinen Acker bestellen.

Der Pfingstmontag ist der Moment für eine Unterbrechung: Was tragen wir im Herzen? Wonach trachten wir? Und was können wir damit machen?

Von Matthias Hui

5. Juni, Pfingsten

Wir selbst, die wir den Geist als Erstlingsgabe haben, seufzen in uns selbst und sehnen uns nach der Kindschaft, der Erlösung unseres Leibes. Denn wir sind gerettet auf Hoffnung hin.    Römer 8,23–24

So wie die Welt jetzt, an Pfingsten, ist, kann sie nicht bleiben. Beziehungsweise: Wenn sie so bleibt, wie sie ist, geht sie unter in Krieg und Hass und ökologischem Verderben. Woher kommt Rettung? Woher kommt Hoffnung? Naiver Optimismus, dass die autoritären Herrscher dieser Welt durch Einsicht und Kooperation das Feld räumen, dass An-die-Wand-Drücken durch Aufrüstung zu stabilem Frieden führt oder dass wir mit Autos, die mit elektrischer statt mit fossiler Energie betrieben sind, locker die Kurve kriegen, ist fehl am Platz. Es wäre ein Setzen auf den alten Geist des Immer-Mehr, der Konkurrenz, der Ausbeutung von Menschen und der Schöpfung mit Gewalt.

Pfingsten erzählt von einem anderen Geist. Einem Geist und einer Sehnsucht, die schon in den Herzen jener Einlass gefunden haben, die sich innerlich und äusserlich vom alten System verabschiedet haben. Paulus macht diese Erfahrung. Er ringt um Worte und appelliert an die Geduld: «Die Hoffnung, die man sieht, ist nicht Hoffnung; denn wie kann man auf das hoffen, was man sieht?» In den Rissen dieser Welt ist Erlösung, ist Befreiung von Krieg und Herrschaft plötzlich schon da. Dort atmet die seufzende Schöpfung und lebt.

Von Matthias Hui

6. April

O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege!         
Römer 11,33

Erfahrungen des Göttlichen: kein Reichtum, den ich auf meinem Privatkonto verbuchen kann. Gott, so scheint mir immer wieder, ist nur grosses Geheimnis. Das Göttliche ist alles und nichts, ganz gewaltig und ganz fein, sehr konkret und absolut unbeschreiblich. Es berührt und es fehlt. «Die Anhänger der verschiedensten Religionen werden angezogen von diesem X im Herzen der Welt, dem sie Namen wie Allah, Urmutter, der Ewige, Nirwana, das Unerforschliche gegeben haben.» So Dorothee Sölle. Paulus versucht hier, dem Geheimnis des Gottes Israels auf die Spur zu kommen. Ich kann es nicht haben, beweisen, begreifen, ergreifen. Das Göttliche bleibt unerforschlich. Ich kann daran glauben, dass hinter dem Horizont noch etwas kommt. Ich kann mit anderen zusammen ein Stück Hoffnung aufrechterhalten, dass gutes Leben für alle möglich ist. Ich kann versuchen, offen zu bleiben für Liebe, die mir entgegenkommt, mit der ich gar nicht rechnen konnte. Diese Liebe ist dann vielleicht Erfahrung des Göttlichen. Auf meiner eigenen Expedition in rutschigem Gelände.

Der israelische AphoristikerElazar Benyoetz sagt deshalb: Gottes Wege sind unerforschlich, nicht aber der Weg zu ihm.

Von Matthias Hui

5. April

Sie stimmten den Lobpreis an und dankten dem HERRN:
Denn er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewiglich.

Esra 3,11

Wir hören am Radio ein Konzert der 75-jährigen Rocksängerin und Poetin Patti Smith. Mein Sohn fragt bei einem Liedtitel nach: «Was heisst mercy auf Deutsch?» Ich: «Barmherzigkeit». «Und was ist denn Barmherzigkeit?

Das Wort kommt in unserem Alltag kaum vor, es ist geheimnisvoll, klingt auf Deutsch noch altmodischer als im Englischen. Es steht für eine Haltung und für aktive Gesten bedingungsloser Zuwendung, extrem menschlich und Eigenschaft Gottes zugleich.

Ein deutscher Theologe beantwortete kürzlich die Frage, ob Seenotretter*innen barmherzig handeln, brutal abgeklärt: «Die Barmherzigkeit nimmt einseitig für Menschen in Not Stellung, das stimmt. Aber es gibt auch die Gerechtigkeit, und die kann nicht einfach dem Herzen folgen, sondern muss nach Regeln fragen. Die Kirche kann barmherzig sein, der Staat darf das nicht.» Die Antwort verstört mich.

Patti  Smith  spricht   in  einem Schlaflied  anders,  in Bildern,  von der Barmherzigkeit: Dein Vater wartet auf dich / Um dich in seine heilenden Hände zu hüllen / Während der Nachthimmel weint. Ihre Definition: Barmherzigkeit ist der heilende Wind / der flüstert, wenn du schläfst.

Von Matthias Hui