Autor: Katharina Metzger

10. Dezember

Viele werden kommen von Osten und von Westen und mit Abraham und Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen.           Matthäus 8,11

Jetzt habe ich gerade dreimal die Wundergeschichte «Der Hauptmann von Kafarnaum» gelesen, aus der obiger Vers stammt. Dreimal, bis ich als Nicht-Theologin ein wenig verstanden habe, worum es da geht.

Dies ist ein schönes Beispiel dafür, wie friedlich ein aus dem Kontext gelöster Vers klingen kann, der aber eigentlich in einer Geschichte vorkommt, die eher eine Rüge ist.

Es geht um die Kraft des Glaubens. Jesus rühmt den Hauptmann von Kafarnaum, der glaubt, dass auch nur ein Wort von Jesus den zuhause krank liegenden Knecht schon heilen könne. Der Hauptmann ist ein Römer, erfahre ich, als ich ein wenig nachfrage, und diejenigen, die Jesus vertrauen und an ihn glauben, sind laut Erzähler oft solche von weit weg, von Osten und Westen, während die heimischen Juden sich schwer mit Jesus tun und ihn oft ablehnen.

Hm. Wir sprechen in meiner Kirche, wenn wir zur Eucharistie gehen, auch immer, leicht abgewandelt, diese Worte des Hauptmanns von Kafarnaum: «Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund.» Aber eigentlich denke ich:

«Herr – willst du überhaupt so genannt werden? Ich glaube, ihr konntet da ganz einfach eine Brücke schlagen, du, dieser Hauptmann und dieser kranke Knecht. Wie ging das?»

Von Katharina Metzger

9. Dezember

Gedenkt an den, der so viel Widerspruch  gegen sich von den Sündern erduldet hat, dass ihr nicht matt werdet und den Mut nicht sinken lasst.          Hebräer 12,3

In diesen Tagen werden wieder die Krippen hervorgeholt, vom Estrich, aus dem Keller, aus dem Schopf, Krippenfiguren werden aus Haushaltspapier gewickelt, Schafe gruppiert und das hölzerne Jesuskind ins Kripplein gelegt. Das kleine, schlafende, friedliche Zentrum. Das Kindlein tut nichts, ausser da zu sein.

Widerspruch und Sünder fehlen an der Krippe. Was werden sie später gegen dieses Kind sagen?

Vielleicht: «Er ist gar nicht der Sohn Gottes!» Oder: «Er ist ein gefährlicher Aufwiegler!» Oder: «Er hat meinen Mann mitgenommen. Jetzt muss ich allein schauen, wie ich alle Mäuler gestopft kriege!» – Ich weiss es nicht. Der Text ist weit weg von mir.

Wir sehnen uns alle nach Momenten an der Krippe, dann, wenn es nichts zu sagen, nichts zu streiten, nichts auszulachen und nichts zu verteidigen gibt, dann, wenn alles möglich scheint, wenn wir nur auf den stillen Atem des Lebens hören.

Das Kind wird der Krippe entwachsen, und auch wir werden wieder von der Krippe weggehen, Widerspruch leisten, Widerspruch erfahren, Widerspruch erdulden müssen. Dass wir dabei nur nicht hart werden und uns immer wieder erinnern, an das Kind, das atmende Leben in der Krippe.

Von Katharina Metzger

10. Oktober

Ihr scheint als Lichter in der Welt, dadurch dass ihr festhaltet am Wort des Lebens. Philipper 2,15–16

Einmal war ich an einem Sommerabend im Tessin unterwegs. Plötzlich sah ich an einem Hang unterhalb der Strasse viele Glühwürmchen. Sie verzauberten ein simples Grasbord in eine zauberhafte Fläche, auf der viele kleine Körper ein pulsierendes Licht von sich gaben. Es war ruhig, kein Sirren, keine Explosion, kein Rauch, nichts störte dieses leise Leuchten.
Sonst ist Licht immer etwas, das irgendwie sinnvoll auf den Menschen zugeschnitten und zweckdienlich ist, hier aber glimmten diese Glühwürmchen einfach friedlich und scheinbar absichtslos vor sich hin.
Doch halt, ich mache mich gerade kundig: So romantisch ist es auch wieder nicht – je heller ein Glühwürmchen leuchtet, desto grösser sind die Chancen, einen Partner zu finden. Und nach der Paarung kommt der Tod.
Selbst ein Licht in der Welt sein zu können, ist eine schöne Vorstellung. Bei Paulus nähren diese Menschen ihr Licht, ihr Leuchten durch das «Wort des Lebens», auch durch ihren Gehorsam. Ihrem Leuchten liegt also eine Haltung, eine Entscheidung zum Glauben zugrunde.
Bei mir ist es etwas anders: Mein Leuchten entsteht, wenn ich geliebt und verstanden werde, wenn ich sein kann, wie ich bin, wenn ich gut in etwas bin. Ist das vereinbar mit dem, was in der Losung steht?

Von Katharina Metzger

9. Oktober

Der HERR sprach zu Mose: Ich will ihnen einen Propheten, wie du bist, erwecken aus ihren Brüdern und meine Worte in seinen Mund geben. 5. Mose 18,18

Dann ist ein Prophet also so etwas wie eine Brücke zwischen Gott und seinem Volk? Einer, der dem Volk Gott und seine Weisungen verständlich machen kann und soll? – Braucht es das?, fragt sich die Bewohnerin des 21. Jahrhunderts. Sollte Gott nicht einfach etwas sich selbstverständlich Offenbarendes sein?
Ein Griff ins Bücherregal: der – wie ich meine – geniale Comic «Persepolis» von Marjane Satrapi über die Islamische Revolution im Iran. Sie zeichnet sich, noch vor der Revolution, als kleines Mädchen, das schon mit sechs Jahren weiss, was es werden will: Prophetin. Jeden Abend führt sie im Bett lange Gespräche mit Gott. Es sind wunderbare Bilder, die sie auch geborgen in den Armen ihres göttlich-väterlichen Freundes zeigen. Ihr Name: «Himmlisches Licht». Ihr Antrieb: Wohlstand und Glück für alle; vor allem ihre Grossmutter soll von ihren bösen Knien erlöst werden. Die Grossmutter fragt, wie sie das denn anstellen wolle. Und «Himmlisches Licht» antwortet, das Leiden werde einfach verboten, es sei nämlich das 6. Gebot in ihrem Heiligen Buch. – Als sie Kopfschütteln für ihren Berufswunsch erntet, entscheidet sie sich, zwar immer noch Prophetin zu werden, aber heimlich. So will sie «die Gerechtigkeit, die Liebe und der Zorn Gottes» sein. Und Sie?

Von Katharina Metzger

10. August

Was seid ihr so furchtsam, ihr Kleingläubigen! Matthäus 8,26

Mein Partner und ich sprechen über die Geschichte «Die Stillung des Seesturms», woraus der obige Vers stammt.

Ich: «Das ist so eine richtige Jesus-Superman-Geschichte. Damit kann ich nichts anfangen! – Klar hat man Angst, wenn man in einen Sturm gerät.»

Er: «Es ist eben eine typische Wundergeschichte, die hat eine eigene Dramatik.»

Ich: «Aber was soll ich denn daraus mitnehmen? Da schläft einer in grösster Gefahr, bemerkt die Angst um ihn herum nicht, steht auf, bändigt mal schnell den Wind und sagt den anderen auch noch, sie seien Angsthasen.»

Er: «Ich sehe in dieser Geschichte anderes, viele Urbilder mit symbolischem Gehalt: Sturm, drohendes Wasser, eine bedrohte Gemeinschaft. Jesus ist da, auch wenn er nicht gerade verfügbar ist. Wichtig ist die Verbindung, das Vertrauen zu ihm. Das darf nicht verloren gehen.»

Ich: «Sag das mal den Menschen, die tatsächlich vom Meer überrollt werden und ertrinken. Da ist kein Jesus, der ihnen hilft.»

Er: «Aber eine solche Geschichte lässt uns Menschen vielleicht überhaupt erst etwas wagen.»

Ich: «Ja, für uns, die wir nicht an Leib und Leben bedroht sind und gerade gemütlich in der Stube sitzen, mag das eine Mutgeschichte sein. Aber wenn du keine andere Wahl hast, als dein Leben aufs Spiel zu setzen?»

Von Katharina Metzger

9. August

Philippus fragte den Kämmerer: Verstehst du auch, was du liest? Er aber sprach: Wie kann ich, wenn mich nicht jemand anleitet? Und er bat Philippus, aufzusteigen   und sich zu ihm zu setzen.                                                                        Apostelgeschichte 8,30–31

Eine gleichzeitig realistisch und doch etwas konstruiert wirkende Bekehrungsgeschichte lese ich da: Der Kämmerer, also der Schatzmeister der äthiopischen Königin, ist unterwegs zurück in seine Heimat. Er war in Jerusalem zum Beten. Nun liest er gerade in den Schriften des Propheten Jesaja. Da trifft er auf den Diakon Philippus, der sich als der richtige Mann zur richtigen Zeit erweist. Wer ist dieser leidende, sich aufopfernde «Gottesknecht», von dem Jesaja schreibt, will der Kämmerer wissen. Philippus antwortet mit dem Evangelium. Bei der nächsten Wasserstelle will sich der Kämmerer taufen lassen und zieht danach «voll Freude seines Weges».

Der Kämmerer: einer aus einem fremden Land, unterwegs auf einer wohl staubigen Strasse, in alte Schriften vertieft. Allein, obwohl er doch ein hoher Beamter ist. In theologischen Texten lesend, obwohl er doch als Schatzmeister eher mit Zahlen vertraut ist. Vom Beten kommend und nicht von Geschäften. Ein Durstiger? Ein Suchender?

Und da kommt diese Wasserstelle, in die er mit Philippus steigt: Wie gerne würde ich lesen, was er alles beim Eintauchen zurücklässt, was alles von ihm abgewaschen wird und was ihn so sehr mit Freude erfüllt!

Von Katharina Metzger

10. Juni

Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen und gebt nicht Raum dem Teufel.               Epheser 4,26–27

Kennen Sie diese Kooperationsspiele, die manchmal zur Stärkung eines Teams eingesetzt werden? Meine Klasse hat ein solches gespielt, als wir zu Besuch beim Schulsozialarbeiter waren. Alle erhielten ein Stück Holz mit einer Rille drin, und dieses Stück Holz hielten die Jugendlichen vor sich hin und mussten damit zusammen eine lange Bahn bilden, auf der eine Murmel durch den Raum bewegt werden sollte. Zuerst klappte es nicht. Erst als alle ruhiger waren, ging es plötzlich gut. Ich habe auch mitgemacht, und es war eindrücklich, dieses Zusammenspiel am eigenen Leib zu erfahren. Ich war nicht mehr nur «eigener Leib», ich war plötzlich Teil eines grossen Leibes, so, wie das Paulus als Bild für die Gemeinde beschreibt. Gleich im Vers davor heisst es: «… denn wir sind ja untereinander Glieder.» Und es ist klar, dass dieser Leib nicht funktionieren kann, wenn jemand seiner Wut Raum lässt.

Oder doch? Dann fällt die Murmel zwar runter. Und alle müssen sich neu aufstellen, neu sortieren. Solange klar ist, dass man die Murmel von hier nach da transportieren muss und dass das nur zusammen geht, ist so ein Ausbruch aber verkraftbar. Vielleicht stärkt er die Gruppe sogar.

Aber: Ist mir eigentlich klar, welche Murmel gerade von wo nach wo transportiert werden soll und mit wem ich dabei zusammenhänge?

Von Katharina Metzger

9. Juni

Ist’s nicht so: Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir  hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie.                 1. Mose 4,7

Jetzt kommt mir wegen des Worts «fromm» gerade Frau Frommherz in den Sinn. Sie hiess tatsächlich so. Als ich in der Primarschule war, musste ich zu ihr in die Logopädie. In frühen Morgenstunden sassen wir nebeneinander im dämmrigen Schulzimmer – aus irgendeinem  Grund  schaltete  sie nicht unbedingt das Licht an – und machten seltsame Übungen. Mein Einsatz war mässig, immer hatte ich nicht genug geübt. Da sagte sie mir – und das ist mir   geblieben:

«Weisst du, ich mache jeden Tag zwei Dinge: Ich meditiere und ich mache ein Tänzchen für mich selbst. Und du solltest das so mit deinen Übungen halten.» Und obwohl die Übungen natürlich immer noch seltsam waren und nicht so spassig wie ein Tänzchen, konnte ich mir danach eine mir wohltuende Disziplin angewöhnen.

Die obigen Worte sagt Gott zu Kain, der wütend ist, weil Gott sein Opfer nicht gesehen hat, dafür das seines Bruders Abel. Ich verstehe Kain. Ich will auch gesehen werden. Erkannt. Anerkannt. Bewundert! Und dadurch wissen, wer ich bin. Aber jetzt kommt plötzlich das Bild von Frau Frommherz dazwischen, die alleine in einer Wohnung lebte, die nur aus einem grossen Zimmer bestand, und jeden Tag ein Tänzchen für sich tanzte. Ungesehen, unbewundert, tanzend.

10. April

Wir warten aber auf das, was unsere wunderbare Hoffnung ist: auf das Erscheinen der Herrlichkeit des grossen Gottes und unseres Retters Jesus Christus, der sich selbst für uns hingegeben hat, um uns zu erlösen von aller Ungerechtigkeit.
Titus 2,13–14

Ich schreibe am heimischen Stubentisch, aber heute Morgen war ich noch im Emmental, wo wir einige Neujahrstage verbracht hatten. Es hatte leicht geschneit, und wir gingen mit den Kindern und zwei Schlitten den Hügel hoch. Die Sonne schien, und meine Tochter machte mit ihrem Handy Fotos ohne Ende: verschneite Tannen, prächtige Höfe, sie selbst mit Mütze und Winterjacke. Mein Sohn lag im Schnee und sagte: «Ich bin irgendwie so glücklich.» Ich war es auch. Die Herrlichkeit des grossen Gottes? Sah sie für mich heute so aus?Unten neben unserem Ferienhaus war eine Holzbeige, in die hinein unsere Vermieter ein Adventsfenster gebaut hatten, darin eine schöne Krippe.

Und auf der Holzbeige lag ein Stechpalmenzweig. Warum? Zufall? Vielleicht eine vergessene Weihnachtsdekoration? Auf alle Fälle erinnerte er mich daran, dass der nächste Palmsonntag bald wieder kommen wird. Wir werden Palmzweige binden. Ich werde den Frühling riechen und mir ab und zu die Hände an den Stechpalmen stechen. Und ich werde mich fragen: Warten wir auf etwas? Wovon sollen wir erlöst werden? Und wo ist die Herrlichkeit schon sichtbar?

Von Katharina Metzger

9. April

Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist. Römer 14,17

Wieder einmal bin ich überrascht, wie ich den obigen Vers in seinem Zusammenhang lese. Ich hatte zuerst gedacht, Paulus skizziere da ein asketisches Himmelreich, das einen etwas brav-trostlosen Gegensatz zur Hölle bildet, wo richtig was los ist. So wie in einigen Witzen, die ich noch aus meiner Kindheit im Kopf habe.
Das Kapitel 14 des Römerbriefs erstaunt mich nun mit unerwarteter Aktualität: Paulus wirbt für Toleranz in Ernährungsfragen! Natürlich geht es bei ihm nicht um die richtige Zusammenstellung einer gesunden Nahrung, sondern darum, ob gewisse Speisen und deren Verzehr unrein seien. Paulus gibt da eine Antwort, die sowohl befreiend ist, als auch von jedem Menschen Selbstverantwortung fordert: Nichts sei unrein, aber niemand solle etwas gegen sein Gewissen essen und auch niemanden dazu zwingen.

Ich verstehe es so: Das Reich Gottes ist nicht durch das Einhalten von Speisevorschriften zu gewinnen, aber wenn diese zu meiner persönlichen Überzeugung von einem gottgefälligen Leben gehören, dann soll ich daran festhalten.
Heute sind Ernährungsfragen wieder sehr aktuell. Für viele Leute hat das «Reich Gottes» wenig Bedeutung, wohl aber die Bewahrung der Schöpfung. Wie auch immer – Paulus’ Aufruf zum bewussten Umgang mit Speisen gilt uns allen!

Von Katharina Metzger