Autor: Katharina Metzger

10. Juni

Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht
nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der
Knechtschaft auflegen.
Galater 5,1

Bei Paulus ist das Joch in diesem Kapitel das Beschnittensein.
Paulus stellt klar, dass er dieses nicht wichtig findet, sondern
allein den Glauben, «der sich durch die Liebe als wirksam
erweist» (Vers 6).
Ein freier Mensch zu sein: welch wunderbares Geschenk
und welch schwierige Aufgabe zuweilen!
Meine Lebensrealität ist eine freie. Ich habe alle Wahlund
Entwicklungsmöglichkeiten, die ich mir wünschen kann.
Damit zähle ich sicher zu einer privilegierten Minderheit auf
unserem Planeten. Und doch: Da gibt es verschiedene Joche.
Das, was mich momentan am meisten beschäftigt, ist meine
Abhängigkeit von der Meinung anderer. Bei vielen Fragen bin
ich beeinflusst – quasi «unterjocht» – von dem, was andere
denken, finden und empfinden. Für mich selbst braucht es
dann manchmal etwas Zeit, Stille, Distanz, einen Blick aus
grösserer Höhe, um die Dinge für mich zu klären und zu einer
inneren Freiheit zu gelangen.
Menschen, die frei, also ohne Rücksicht auf das persönliche
Ansehen, ohne Rücksicht auf persönliche Verluste sogar, für
ein Zusammenleben in Frieden und Gerechtigkeit einstehen,
bewundere ich sehr. Von ihnen kann ich «einen Glauben,
der sich durch die Liebe als wirksam erweist» lernen. Und
als Inspiration nehmen, mich immer wieder darin zu üben.

Von: Katharina Metzger

9. Juni

Sieht Gott nicht meine Wege und zählt alle
meine Schritte?
Hiob 31,4

«Heb Sorg», sagen wohlmeinende, meist ältere Leute zu
jemandem, die oder der gerade zur Tür rausgeht, die Tasche
über der Schulter, auf dem Weg zu einer neuen Unternehmung,
einem neuen Abenteuer. «Klar, s chunnt scho guet»,
könnte eine Antwort darauf sein, unbekümmert, vital,
selbstbewusst. Ich hoffe, Sie sind auch schon einmal diese
Person gewesen, die mit Ur- oder Gottvertrauen zur Tür
rausgeht und frohgemut die schützende, vertraute Umgebung
verlässt.
Die «Nackenschläge des Lebens» hingegen können uns ins
Wanken und Straucheln und zum Zweifeln bringen. Hiob
musste unmenschliche Nackenschläge einstecken und fragt
sich nun, ob er etwas falsch gemacht hat. Ob es eine Erklärung
für sein Leid gibt. Ob er es verdient hat, ob Gott ihn vielleicht
für früheren Erfolg und Überheblichkeit straft. Aber
er findet nichts.
Trost und Bestätigung findet er in einer persönlichen
Begegnung mit Gott, der gar nicht auf sein Leid eingeht,
sondern seine Grösse und Schöpferkraft preist. Dies hat für
mich etwas Verstörendes und etwas Tröstliches zugleich:
Gott steht nicht in einem Zusammenhang mit Hiobs Leid, er
erwähnt es nicht einmal. Aber auch: Gott ist kein strafender
Gott, der abrechnet und die Menschen dadurch erzieht. Dies
regt mich an, über mein Gottesbild nachzudenken.

Von: Katharina Metzger

10. April

Es geschah eine Stimme aus der Wolke, die sprach: Dieser ist mein auserwählter Sohn; den sollt ihr hören! Und als die Stimme geschah, fanden sie Jesus allein. Lukas, 9,3536

Jesus steigt mit Petrus, Johannes und Jakobus auf den Berg, um zu beten. Während des Betens verwandelt sich das Aussehen seines Gesichts und sein Gewand wird strahlend weiss. Zwei Gestalten, Mose und Elija, erscheinen und sprechen mit ihm über sein nahendes Ende in Jerusalem.

Die Jünger sind davon überwältigt, fallen in Schlaf. Sie erwachen, sehen alles, doch im Schatten einer aufziehenden Wolke werden sie richtig wachgedonnert von dieser Stimme, werden zum zweiten Mal Teil eines tiefgreifenden Geschehens. Sie müssen mit Jesus weiter, seinem Ende in Jerusalem entgegen, «erbebt» durch die Erfahrungen auf dem Berg. – Werden sie durch dieses Erlebnis überzeugter, heldenhafter? Werden sie Jesus in seinen schweren Stunden bedingungslos zur Seite stehen? Wir wissen es aus den Erzählungen über Petrus: nein. Sie bleiben menschlich, also auch feig und ängstlich. Petrus wird dies bedauern und sich grämen darüber, auch dies ein menschlicher Zug. –

Die kraftvolle Beschreibung einer Gotteserfahrung, die Sehnsucht, darin bleiben zu wollen, aber auch das Weitergehenmüssen durch Schweres, in dem man manchmal versagt – und trotzdem das Nachwirken der wunderbaren Erfahrung: All das lese ich in dieser Geschichte. 

Von: Katharina Metzger

9. April

Der Sünde Sold ist der Tod; die Gabe Gottes aber ist das ewige Leben in Christus Jesus, unserm Herrn. Römer, 6,23

Sünde, Sold und Tod: alles kurz nacheinander im ersten Teilsatz! Was soll ich bloss dazu schreiben?

Da kommt mir das Lied «Astronaut» von Sido und Andreas Bourani in den Sinn, ein grosser Hit vor einigen Jahren. Und beim erneuten Anhören finde ich, dass die «Sünde» darin treffend und zeitgemäss beschrieben ist. Ein Auszug:

«Wir hab’n morgen schon vergessen, wer wir gestern noch war’n. Hab’n uns alle vollgefressen und vergessen zu zahl’n.

Lassen alles steh’n und liegen für mehr Asche und Staub.

Wir woll’n alle, dass es passt, doch wir passen nicht auf.»

Es folgt ein ruhiger, melodiöser Zwischenteil. Der Astronaut schaut auf die Erde und singt:

«Und beim Anblick dieser Schönheit fällt mir alles wieder ein:

Sind wir nicht eigentlich am Leben, um zu lieben und zu sein?

Hier würd ich gern für immer bleiben, doch ich bin ein Wimperschlag, der nach fünf Milliarden Jahren nicht viel mehr zu sein vermag.»

Dem Erkennen der lebensfeindlichen «Sünden» steht das Erkennen dessen, wie das Leben gemeint ist, gegenüber. Und sowohl im Bibeltext wie im Popsong ist eine Hoffnung oder eine Sehnsucht auf ein ewiges Leben, ein ewiges Bleiben dort, wo es schön ist, spürbar.

Von: Katharina Metzger

10. Februar

Maria sprach: «Er hat grosse Dinge an mir getan, der
da mächtig ist und dessen Name heilig ist.»
Lukas 1,49

Maria, unverhofft schwanger geworden, besucht ihre Verwandte Elisabeth. Beide erkennen ihre Schwangerschaft als wunderbares Zeichen Gottes, des Herrn. Und Maria singt ihr Lob auf den Herrn.
Als wir unsere Tochter, unser erstes Kind, bekamen, schickte uns eine Bekannte ein Gedicht ihres Vaters, des Mundartdichters Ernst Däster:
’s isch es Wunder so-n-es Chindli
lisli het mis Härz mirs gseit:
Himmelspflänzli uf der Ärde
gwachse-n-us der Ewigkeit
Wir bekamen ein «Himmelspflänzchen», ein Wunder. Keine Retterin, keine Erlöserin. Das war in unserem Umfeld auch nicht nötig. Wir bekamen ein Kind, das überall willkommen war, das in Frieden aufwachsen durfte und darf. Dieses Kind ist nicht mehr wegzudenken von uns, es schenkt uns Licht und Freude.
Zur gleichen Zeit wie Jesus sind auch andere Kinder geboren, solche, die ihm zu Freunden werden, und solche, die ihm zu Feinden werden. Sind sie – und wir alle – nicht ursprünglich auch «Himmelspflänzchen» gewesen?

Von: Katharina Metzger

9. Februar

Allen Völkern muss im Namen des Christus verkündet werden: «Ändert euer Leben! Gott will euch eure Schuld vergeben.» Fangt in Jerusalem an! Lukas 24,47

Die Worte aus dem Lukasevangelium lese ich heute, am Tag vor Allerheiligen, im geheizten Zimmer, im Licht meiner Schreibtischlampe, eine Tasse Kaffee mit Milchschaum neben mir. In unserer Küche steht eine geschnitzte Kürbislaterne, aus dem Kürbisfleisch werden wir Suppe und Kürbiswaffeln machen. Kinder werden an unserer Türe läuten, und unsere Kinder werden auch ein wenig herumziehen, an fremde Türen klopfen und dort Süssigkeiten erhalten. Ich freue mich auf diesen Abend. Zuvor muss ich mit meiner Tochter noch zum Arzt, und ich weiss, dass sie dort gut behandelt wird. Ich darf für mich und meine Familie auf Freundlichkeit und Sicherheit zählen.
Umkehr? Änderung des Lebens? Vergebung der Schuld?
Die Worte aus dem Lukasevangelium lese ich heute, an einem Tag, an dem die Medien über die Uno-Resolution schreiben, die Israel zu einer «humanitären Waffenruhe» auffordert. Die Bilder aus dem bombardierten Gazastreifen, die ich gestern Abend im Fernsehen gesehen habe, sind verstörend. Ebenso die Bilder der 230 leeren Betten, die auf einem Platz in Jerusalem aufgestellt waren und an die verschleppten Geiseln erinnern.
Umkehr? Änderung des Lebens? Vergebung der Schuld?

Von: Katharina Metzger

10. Dezember

Es sind verschiedene Kräfte; aber es ist ein Gott, der da wirkt alles in allen. 1. Korinther 12,6

Paulus spricht von Geistesgaben, von Offenbarungen des Geistes, die den Menschen in unterschiedlicher Weise geschenkt werden: die Weisheitsrede etwa, die Erkenntnisrede, die Gabe der Heilung, die Zungenrede und die Übersetzung der Zungenrede. Und noch einige mehr. Es sind Gaben, die ich selbst nicht so richtig kenne und die ich in meinem Alltag nicht antreffe. Für Paulus ist wichtig: Die Gaben sind vielfältig, aber alle sind wichtig und durch alle spricht der eine Geist. Und alle diese verschiedenen Gaben braucht eine Gemeinde.
Die Menschen, mit denen ich viel zu tun habe, sind nicht meine Gemeinde. Es sind Familienbande, Zufallsbekanntschaften, Arbeitsverhältnisse, Freizeitkontakte, Freundschaften. Ich weiss bei vielen nicht, ob ihnen Religion, Glaube, Gott etwas sagt. Und wenn, dann sind die Antworten mannigfaltig. Aber auch für diese Gemeinschaften kann ich etwas von Paulus’ Haltung mitnehmen: die Offenheit gegenüber den Eigenheiten der anderen, gegenüber dem, was sie als einzelne
Menschen in eine Gemeinschaft einbringen – und die Wertschätzung und Freude daran. Die Freude an dem, was der oder die andere von sich teilt: vielleicht ein offenes Ohr oder Mut, Humor, Wärme – und manchmal vielleicht auch etwas,
das mich zum Nachdenken und Handeln herausfordert.

von: Katharina Metzger

9. Dezember

HERR, du hast mich heraufgeholt aus dem Totenreich, zum Leben mich zurückgerufen von denen, die hinab zur Grube fuhren. Psalm 30,4

In meinen Worten, aus meinem Leben heraus, würde Psalm 30 so klingen:

Gott, du bist in mir. Du bist nicht fern von mir. Deswegen
brauche ich mich nicht zu fürchten vor einem Totenreich,
in dem du nicht bist.
Aber ich fürchte mich trotzdem, im Leben:
Davor, schwach zu sein.
Davor, etwas nicht zu können.
Davor, mich zu blamieren.
Davor, etwas nicht richtig zu entscheiden.
Davor, dass ich klein bin und alle anderen gross.
Davor, allein zu sein.
Und manchmal, wenn meine Ängste sich bestätigen, bei Niederlagen, bei Nichtgelingen, bin ich traurig, kraftlos, kleinlaut. Und dann – eine Wendung: Ich verdaue, was mich bedrückt, was mich verwirrt. Ein Knoten löst sich, ein Schleier hebt sich. Der Zugang wird frei zum Grund in mir, der mir sagt: Du bist gut.
Es ist ein wenig so, als würde ich nach einer Krankheit zum ersten Mal wieder nach draussen gehen und die frische Luft atmen. Ich bin dankbar, dass das immer wieder geschieht.

von: Katharina Metzger

10. Oktober

Was gering ist vor der Welt und was verachtet ist,
das hat Gott erwählt, was nichts ist, damit er
zunichtemache, was etwas ist, auf dass sich kein
Mensch vor Gott rühme.
1. Korinther 1,28–29

Was ist Ihre liebste Sehenswürdigkeit? – Vor vier Jahren
war ich im Sommer in Athen. Ich genoss es, im lauen Wind
zwischen
Olivenbäumen und Agaven auf den Hügeln der
Stadt zu spazieren und meinen Blick über die Akropolis
schweifen zu lassen. An einem Abend ging ich noch für eine
Stunde ins Akropolis-Museum, das sich unterhalb des Akropolis-
Hügels befindet. Ich schlenderte durch die Räume,
danach setzte ich mich draussen etwas hin und betrachtete
das Museum: ein schöner Bau. Dabei sah ich durch die
grossen
Glasfenster zwei Frauen, die beide einen Putzwagen
durch die Räume schoben, miteinander schwatzten und den
Exponaten um sich herum keinerlei Beachtung schenkten.
Klar, sie sind wohl täglich dort und sind es gewohnt, ihre
Arbeit zwischen Weltkulturerbe zu verrichten. Trotzdem
war es ein erfrischender Anblick, der die Ehrfurcht vor den
Zeugen der Vergangenheit und deren Grossartigkeit etwas
entkräftete.
Sprechen diese Sehenswürdigkeiten wirklich nur vom
Bemühen der Menschen, sich selbst unsterblich zu machen?
Oder sind sie unverzichtbare Zeugnisse unserer Menschheitsgeschichte?
Oder sprechen sie auch, trotz ihrer Grossartigkeit,
ein wenig von unserer Suche nach Gott?

Von: Katharina Metzger

9. Oktober

Zachäus sprach zu Jesus: Siehe, Herr, die Hälfte
von meinem Besitz gebe ich den Armen, und
wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich
es vierfach zurück.
Lukas 19,8

Vor einem Jahr war ich an einer Fortbildung für Lehrkräfte,
und am Schluss stellte die Leiterin die Frage: «Was würdet
ihr tun, wenn ihr eine Kiste mit einer Million Franken drin
finden würdet, die ihr behalten dürft?» Zuerst Schweigen,
dann: «Ein Haus kaufen.» «Eine Reise machen.» «Ein Jahr
unbezahlten Urlaub nehmen.» – Niemand sprach vom Teilen.
Niemand sprach davon, dass wir ja eigentlich Monat für
Monat einen nicht allzu schlechten Lohn erhalten. Niemand
erinnerte daran, dass man sich noch am Morgen – anlässlich
einer anderen Veranstaltung – für das Thema «Energiesparen
» ausgesprochen hatte und dass das vielleicht auch
ein wenig mit Selbstbeschränkung zu tun haben könnte.
Und ich sagte auch nichts, ich hatte plötzlich Angst, als
miesepetriger
Moralapostel dazustehen. Der Leiterin ging
es übrigens
gar nicht ums Thema Geld, sondern darum,
Wünsche
zu artikulieren.
An der Zachäusgeschichte gefällt mir, dass Jesus nicht
einen Sieg feiert, weil er Zachäus vom Geld «wegbekehrt»
hat, sondern dass er, wie es am Ende heisst, in Zachäus etwas
gesucht und gerettet hat, das verloren war. Wie viel «Original-
Zachäus» steckt auch in uns, und wie viel liesse sich auch
in uns wiederentdecken?

Von: Katharina Metzger