Kategorie: Texte

26. Dezember

Jetzt ist sichtbar geworden im Erscheinen unseres Retters, Christus Jesus: Er hat den Tod besiegt und hat aufleuchten lassen Leben und Unsterblichkeit, durch das Evangelium. 2. Timotheus 1,10

Viele Ankündigungen in den Evangelien beginnen mit dem kleinen Wort «siehe!». «Siehe, du wirst schwanger werden…», verkündet der Engel Maria (Lukas 1,31). «Siehe, ich verkündige euch grosse Freude…», ruft der Engel den Hirten zu. «Siehe» ist eine Aufforderung, genau und aufmerksam (hin-)zusehen, mit allen Sinnen, mit dem Herzen. Denn nur so ist zu sehen, was sichtbar geworden ist «im Erscheinen unseres Retters, Christus Jesus».
Wenige Verse vorher schreibt Paulus an Timotheus, was es braucht für dieses aufmerkende Sehen: «…nicht den Geist der Furcht, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit» (Vers 7). In dieser Welt zu sehen, dass der Tod nicht das letzte Wort hat, zu sehen, wie das Leben aufleuchtet, ist eine tägliche Übung, eine Art geistliches Krafttraining. Ich trainiere meist mit der Tageslosung und der Zeitung. Ich suche Nachrichten und Berichte, in denen «Leben aufleuchtet». Meistens werde ich fündig. Neulich in einem Bericht über «mobile Beratungsteams» in Brandenburg. Die sind so etwas wie Handlungsreisende in Sachen Demokratie. Sie vermitteln und schlichten in Konflikten, sie öffnen Gesprächsräume und vielleicht neue Perspektiven. Warum mache ich das? Ich will mit den Hirten die Geschichte sehen,
die da geschehen ist – und weiter geschieht.

von: Annegret Brauch

25. Dezember

Herr, ich leide Not, tritt für mich ein! Jesaja 38,14

Es ist Hiskia, der hier um Hilfe ruft. Hiskia, von dem berichtet wird, dass er neunundzwanzig Jahre zu Jerusalem regierte, «und er tat, was dem Herrn, der Ewigen, wohlgefiel…» (vgl. 2. Chronik 29,2).

Aber nun ist Hiskia todkrank. Verzweifelt. Voll Angst. Er will nicht sterben. Er ruft, er bettelt, er schreit um Hilfe: «Herr, ich leide Not, tritt für mich ein!» – und das Wunder geschieht: Hiskia wird wieder gesund, fünfzehn weitere Jahre sind ihm geschenkt.

Wie viele Menschen haben seither wie Hiskia um Hilfe gefleht – und tun es bis heute? Nicht allen ist widerfahren, worum sie baten. Das ist schmerzlich und bitter und manchmal kaum auszuhalten…
Und dennoch, mitten in Sorge und Zerrissenheit erklingt die Botschaft des Engels: «Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch grosse Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren…»

Dass man in der Welt Vertrauen haben und dass man für die Welt hoffen darf, ist vielleicht nirgends knapper und schöner ausgedrückt als in den Worten, mit denen die Weihnachtsoratorien «die frohe Botschaft» verkünden: «Uns ist ein Kind geboren.» (Hannah Arendt)

von: Annegret Brauch

24. Dezember

Siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker; aber über dir geht auf der HERR, und seine Herrlichkeit erscheint über dir. Jesaja 60,2

«Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker.» Wir leben in einer Zeit, in der diese Aussage uns sehr realistisch vorkommt: die vielen lang andauernden, nicht lösbar scheinenden kriegerischen Konflikte, die wachsende Schere zwischen armen und reichen Menschen, der spürbare Klimawandel mit seinen Wetterextremen: All das passt in diese Beschreibung aus dem 60. Kapitel des Buches Jesaja.
Die «Herrlichkeit des HERRN», die dieses Dunkel auflöst, erscheint uns in dem kleinen, zarten, noch sehr schutzbedürftigen Kind, dessen Geburt wir heute Nacht feiern. In «Herrlichkeit» steckt die Vorstellung von «Herr». Als ein Herr kam Jesus nun wirklich nicht zur Welt – er kam und blieb verletzlich, aber er brachte ein Licht, von dem wir leben. Es erhellt die Dunkelheit mit seinen Strahlen der Hoffnung und der Liebe. So erschliesst sich mir dieser zweite Jesajavers im 60. Kapitel durch den ersten: «Mache dich auf, werde Licht, denn dein Licht kommt.» Den Hirten erschien dieses Licht mitten in der Nacht – und sie eilten alsbald zum Stall, um das neugeborene Kind zu sehen und sein Licht in ihre manchmal so dunklen Nächte bei den Schafen mitzunehmen. Wir hoffen so sehr, dieses Leuchten auch in unsere Tage mitzunehmen. Möge es so kommen!

von: Elisabeth Raiser

23. Dezember

So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung. Römer 13,10

Ich bin sehr dankbar, in einer Demokratie zu leben, deren Wahrzeichen die Unabhängigkeit der Rechtsprechung von der exekutiven Gewalt, von der «Obrigkeit», ist. Bei Paulus steht im 13. Kapitel des Römerbriefs vor diesem Vers 10 ein langer Absatz über den notwendigen Gehorsam gegenüber der Obrigkeit.
Paulus ging davon aus, dass die Regierung von Gott eingesetzt und daher gut ist. Diesen Glauben haben wir verloren; die Regierung wird von uns, dem vom «Volk» gewählten Parlament, eingesetzt. Nicht mehr ein Gottesgnadentum, sondern das unabhängige Recht ist der Garant einer lebensfreundlichen Ordnung.
Für Paulus ist dieser Garant die Liebe, die Liebe zum Mitmenschen, die Achtsamkeit, Gerechtigkeit, Hilfsbereitschaft ihm und ihr gegenüber. Die Liebe ist für ihn unsere
menschliche Antwort auf die Gnade Gottes, die uns aus der Schuld befreit. Das ist sein Ideal einer menschlichen Gemeinschaft, ein anderes Modell als unsere Rechtsstaatlichkeit, versucht aber wie diese alle Menschen einzubeziehen. Diese Liebe bezieht sich nicht nur auf unsere Nächsten, auf unsere Gruppe, Familie, Ethnie oder Parteifreunde zu der es eine selbstverständliche Bindung gibt – sie bezieht auch den «andern», den Gegner, gar den Feind ein. So begegnen sich Liebe und moderne Rechtsstaatlichkeit. Ich kann Paulus darin gut folgen!

von: Elisabeth Raiser

22. Dezember

Werdet ihr der Stimme des HERRN nicht gehorchen, so wird die Hand des HERRN gegen euch sein wie gegen eure Väter. 1. Samuel 12,15

In ein paar Tagen ist Weihnachten, und wir feiern Jesu Geburt, jene Geburt, die die Welt verändert, weil sie Hoffnung auf Leben bringt. Da können wir eigentlich keine Strafpredigt des Propheten brauchen, schon gar nicht, wenn wir alle Hände voll zu tun haben für die Vorbereitung des Weihnachtsfestes. Und doch ist die Stimme der Lebendigen durch den Propheten da, und sie sagt uns, dass wir auf Gottes Stimme hören sollen. Gerade in dieser Zeit, in der viel Hektik, laute Weihnachtslieder in den Läden, Lichter überall unseren Alltag zu bestimmen drohen. Die Stimme der Lebendigen hören wir in der Stille des Abends, wenn wir durchatmen und den Tag nochmals an uns vorbeiziehen lassen. Sie sagt uns, dass Gott uns nahe ist. Und sie sagt uns, dass wir uns gerade in dieser Vorweihnachtszeit darauf besinnen sollen,
was das Fest für unser Leben bedeutet. Wie das geht mit dem Gehorchen, weiss ich nicht so recht, aber das macht nichts. Hauptsache, ich nehme mir Zeit und denke an die Menschen, denen es nicht so gut geht wie mir, denke daran, dass Weihnachten auch die Stimme des Friedens in die Welt trägt, denke an den beginnenden Weg Jesu.

Lass uns deine Stimme hören und schenke du allen Menschen
deine Zuwendung.

von: Madeleine Strub-Jaccoud

21. Dezember

Ich will meinen Odem in euch geben, dass ihr wieder leben sollt, und will euch in euer Land setzen, und ihr sollt erfahren, dass ich der HERR bin. Hesekiel 37,14

Es ist wahrscheinlich einer der bekanntesten Texte des Ezechielbuches, aus dem heute zitiert ist. Der Geist der Lebendigen, die Ruach, wird den toten Gebeinen zu Leben verhelfen. Gerne will ich einfach die Vision auf mich wirken lassen, um sie zu bedenken. Da ist die Rede von der Ruach, die zu neuem Leben verhilft. Und zwar in ihrem Land. Gemeint ist die Vereinigung des Nordreichs mit dem Südreich, also die Wiederherstellung Israels. Der Text Ezechiels kann auch als erste Auferstehungsgeschichte verstanden werden. Aber die Ruach, die neues Leben bringt, ist nicht an die Geschichte, wie sie der Prophet erlebt und erzählt, gebunden. Sie wirkt auch heute. Ich bin überzeugt, dass sie dort wirkt, wo Leben bedroht ist, wo Hunger, Durst, Krieg herrschen. Das verbinde ich mit der Hoffnung. Mit der Hoffnung, dass die Lebendige ein Leben in Würde wiederherstellt. Im Text der Propheten ist die Rede davon, dass der Wind aus allen vier Himmelsrichtungen kommt, die Ruach also für alle weht. Das stärkt meine Hoffnung darauf, dass gerade dort, wo Leben besonders gefährdet ist, Gott, die Lebendige, da ist und hilft.

Schenke du den Geist des Friedens und der Gerechtigkeit.

von: Madeleine Strub-Jaccoud

20. Dezember

Lobe den HERRN, der dir alle deine Sünde vergibt und heilet alle deine Gebrechen. Psalm 103,2.3

In der Losung fehlt ein Satz. So müsste es vollständig heissen:
«Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat: der dir alle deine Sünden vergibt und heilet alle deine Gebrechen.» Das Ausgelassene ist wichtig. Es macht klar, wer hier wen anspricht. Es ist ein «Ich», das mit seiner «Seele» redet. Das «Ich» mahnt die Seele und erinnert sie daran, wer sie ist. Die «Seele», Gegenpart zum «Ich», ist die innere, lebendige und bedürftige Person. Im Lob wird sie zum «Du». Dieses innere «Du» wird vom «Ich» wachgerüttelt und freundlich, aber bestimmt angehalten, das zu tun, was seine Bestimmung ist, nämlich Gott zu loben: «Gott ist Dein Licht, Seele, vergiss es ja nicht!» (Joachim Neander).
Es gibt Theologien, die das Innere des Menschen ins dunkelste Schwarz tauchen, um derart verdunkelt Gottes Licht umso heller aufleuchten zu lassen. Nicht so die Theologie dieses grandiosen Psalms. Hier ist die Seele schon licht und verklärt – als ob das «Ich» sich selbst mit den Augen Gottes schauen darf. Warum vergessen wir das ständig? Ich bin versucht zu sagen, weil wir uns selbst im Licht stehen. Und was hilft? Ein erhellendes Selbstgespräch. Falls Sie es vergessen haben – es beginnt so: «Lobe den HERRN, meine Seele und alles, was in mir ist, lobe den HERRN.» Und was sagen wir dazu? Amen!

von: Ralph Kunz

19. Dezember

Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet. Römer 12,12

Paulus liebt die Dreizahl. Glaube, Hoffnung und Liebe ist die bekannteste. Und für jede dieser «Kardinaltugenden» gibt es wieder eine Dreifaltigkeit. Die Liebe will als Liebe zu Gott und zum Nächsten auch Selbstliebe sein, der Glaube lebt von der Treue Gottes, die meinem Vertrauen in der Gemeinschaft der Gläubigen Tragkraft verleiht. Für die Hoffnung hat der Apostel einen Teil Zumutung, einen Teil Ermutigung und meinen Teil Ermunterung vereint. Was für ein Cocktail! Wenn ich ihn selbst zusammenstellen könnte, würde ich den Anteil fröhlicher Hoffnung maximieren und die Trübsal minimieren. Das beharrliche Beten fiele mir dann wesentlich leichter. Geduldig sein war nie meine Stärke.
Doch leider gehört die verflixte Trübsal dazu! Das schmeckt zwar bitter, aber vielleicht sind es die trüben Aussichten, die mich beharrlich um Aufklärung bitten lassen? Paulus legt nicht fest, welches Beten er meint. Dank? Lob? Klage? Fürbitte? Kein Tag ist wie der andere. Nicht immer sind wir fröhlich in der Hoffnung. Manchmal blasen wir Trübsal. Dann hilft der Gedanke, dass der Geist weht und andere beharrlich im Gebet sind. So wie Sie für mich und ich für Sie! Und Christus für uns alle. Also sind wir schon zu dritt. Grund zur Hoffnung. Wünsche einen fröhlichen Tag!

von: Ralph Kunz

18. Dezember

Er stösst die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Lukas 1,52

Elisabeth und Maria: Zwei Frauen sind schwanger, die eine nach der Zeit, die andere vorzeitig, beide überraschend, unverhofft, aber nicht unerwünscht. Sie ahnen das Grosse, das ihnen geschieht. Die Freude bricht förmlich aus ihnen heraus. «Mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter, denn hingesehen hat er auf die Niedrigkeit seiner Magd», jubelt Maria.
Was sie am eigenen Leib erfährt, geht himmelweit, erdenweit über sie hinaus. «Gewaltiges hat er vollbracht mit seinem Arm, zerstreut hat er, die hochmütig sind in ihrem Herzen, Mächtige hat er vom Thron gestürzt und Niedrige erhöht, Hungrige hat er gesättigt mit Gutem und Reiche leer ausgehen lassen.» (Lukas 1,51–53)
Dieses Staunen, dass Gott die Machtverhältnisse umdreht, nicht auf den Kopf stellt, sondern endlich auf die Füsse. Grosses wird klein, Kleines wird gross, «underobsi», das Untere wird nach oben gekehrt. Der König der Könige wird in einem Stall geboren, der Meister wäscht seinen Jüngern die Füsse, die Letzten werden Erste sein und die Ersten Letzte.

Und was macht das mit mir? Juble ich mit, wenn Hungrige
satt werden? Zähle ich mich zu den Reichen, die leer ausgehen? Lasse ich mich ein auf diese neue Welt- und Werteordnung?

von: Dorothee Degen-Zimmermann

17. Dezember

Paulus schreibt: Bei der Treue Gottes, unser Wort an euch ist nicht Ja und Nein zugleich. Denn der Sohn Gottes, Jesus Christus, der unter euch durch uns gepredigt worden ist, durch mich und Silvanus und Timotheus, der war nicht Ja und Nein, sondern das Ja war in ihm. 2. Korinther 1,18–19

Nicht Ja und Nein zugleich. Nicht Naja. Nicht Jein. Sondern: Ja. Was steckt in diesem Wörtchen Ja? Mehr als Entschiedenheit. Mehr als Optimismus. Mehr als positives Denken. Das Ja, von dem hier die Rede ist, meint unbedingte Annahme. Das Ja, das in Christus ist und uns in ihm begegnet, ist das Ja Gottes zum Menschen. Zu allen Menschen und zu jedem einzelnen Menschen.
Das Ja Gottes ist nicht an Bedingungen geknüpft, nicht an Fähigkeiten, nicht an Leistungen, nicht an Wohlverhalten. Es ist ein Ja zu uns Menschen in all unserer Zerrissenheit, Verletzlichkeit, Sündhaftigkeit. Das Ja Gottes müssen wir uns weder verdienen, noch können wir es uns verdienen. Es wird uns geschenkt. Zugesprochen.
Weil Gott Ja zu uns sagt, können wir Ja sagen: zu anderen, zu uns selber, zum Leben mit seinen schönen und seinen schweren Seiten, und Ja auch zu leidvollen Herausforderungen. In Gottes Ja angenommen und geborgen, leben wir aus Hoffnung heraus. Und Hoffnung heisst nicht, zu glauben, dass alles gut wird. Hoffnung heisst, die Zukunft nicht der Verzweiflung zu überlassen. Ja zu sagen zum Leben. Trotz allem. Wir können das, weil Gott Ja zu uns sagt. Hoffnung braucht ein Ja.

von: Maria Moser