Autor: Annegret Brauch

13. Mai

In Gottes Hand ist die Seele von allem, was lebt.
Hiob 12,10

Für sich betrachtet, könnte dieser Vers ein Ausdruck von
tiefem Gottvertrauen sein: «Gott hält die ganze Welt in seiner
Hand», haben wir oft gesungen. Alles ist weise geordnet.
Auch das Vieh auf dem Felde, die Vögel unter dem Himmel,
die Sträucher auf der Erde, die Fische im Meer können davon
erzählen (vgl. Verse 7 f.). «Wer erkennte nicht an dem allem,
dass des Ewigen Hand das gemacht hat, dass in Gottes Hand
ist die Seele von allem, was lebt?» (Verse 9 ff.).
Das Fragezeichen, das auch zum Text gehört, weist jedoch
darauf hin, dass hier nichts so ist, wie es scheint. Für Hiob
ist Gottes Hand ein Schrecken: Alles wurde ihm genommen:
Söhne und Töchter, Reichtum und Ansehen, Stärke
und Gesundheit (vgl. Kapitel 1–3). Alles, was Hiobs Leben
Sinn, Massstab, Richtung und Ziel gab, ist zerbrochen. Gott
ist ihm zum Feind geworden (16,9 ff.).
Es ist ein hartes Stück Arbeit, sich durch Hiobs Kampf mit
Gott, wie er im Hiobbuch geschildert wird, zu kämpfen. Da
ist wenig tröstlich oder aufbauend. Und doch spüre ich in
diesem zähen, mühevollen Ringen Hiobs mit, für und um
Gott eine Kraft, die mich berührt und umtreibt. Gott, wie
er Hiob begegnet, übersteigt meine Vorstellungskraft. Meine
Fragen bleiben, auch meine Neugier und mein Ringen um
Vertrauen: Ist nicht in Gottes Hand alles, was lebt?

Von: Annegret Brauch

12. Mai

Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist. Jakobus 5,16

«Unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: im
Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen.»
Dietrich Bonhoeffer schrieb diese Gedanken zur Taufe seines
Patensohns aus der Haft im Mai 1944. In einer anderen Zeit
und Bedrohung formuliert, hallen Bonhoeffers Worte bis
heute nach. Kürzer und prägnanter hat kaum jemand getroffen,
was ein Christenleben ausmacht: «Beten und Tun des
Gerechten unter den Menschen.» Für mich klingt das wie
eine Zusammenfassung des Jakobusbriefs, in dem es zentral
um das Verhältnis von «glauben» und «tun» geht: «Seid
aber Täter des Worts und nicht Hörer allein.» (Jakobus 1,22)
Mit dem Älterwerden habe ich das Beten (wieder-)entdeckt.
Vielleicht weil die Einsicht in die Begrenztheit der
eigenen Kräfte und Möglichkeiten grösser geworden ist;
vielleicht weil ich deshalb die Vergewisserung brauche, dass
diese Welt nicht gottlos ist; vielleicht weil durch die Gemeinschaft
der Betenden, die die ganze Welt umfasst, mir Trost,
Hoffnung und Kraft erwachsen. Und ich weiss aus vielen
Gesprächen, dass es Menschen stärkt, ermutigt und aufbaut,
wenn sie wissen, dass andere für sie beten. «Des/der Gerechten
Gebet vermag viel, wenn es ernstlich und inständig ist.»
Dieses «vermögen» lässt mich aufmerksamer sein für die
Menschen um mich herum, nah oder fern, die mein Gebet
brauchen, und für unsere Welt.

Von: Annegret Brauch

13. März

Petrus schrie: Herr, rette mich! Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? Matthäus 14,30–31

Irgendwie typisch Petrus: Erst steigt er begeistert aus dem Boot und geht übers Wasser auf Jesus zu (Vers 29). Aber beim ersten Gegenwind sinkt ihm der Mut und er schreit voll Angst um Hilfe: «Herr, rette mich!» (Vers 30) Und auch wenn alle sich von Jesus abwenden, er, Petrus, wird es nicht tun: «Und wenn ich mit dir sterben müsste …» (Kapitel 26,35), ist er überzeugt. Petrus ist voller Elan und guten Willens, seine Liebe und Hingabe für seinen Lehrer und Meister Jesus zu zeigen. Aber wenn es darauf ankommt, versagt er, scheitert er an seinen eigenen Ansprüchen.
Irgendwie typisch Petrus? Ja, und sehr menschlich. Petrus ist mir sympathisch mit seiner Impulsivität, Begeisterungsfähigkeit und Treue, aber auch mit seiner Verzagtheit und seinem Zweifel. Was für einen Weg muss er zurückgelegt haben, bis er später vor Tausenden von Menschen öffentlich den Auferstandenen bezeugt (Apostelgeschichte 2); bis er, als Störer verhaftet, vor dem Hohen Rat bekennt: «Wir können’s ja nicht lassen, von dem zu reden, was wir gesehen und gehört haben.» (4,20) Und bekräftigt: «Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.» (5,29)
Von Petrus möchte ich lernen, dass Scheitern nicht Aufgeben heisst, dass Mut und Vertrauen wachsen können, dass Gottes Geistkraft Wunder wirkt.

Von: Annegret Brauch

12. März

Durch seine Wunden sind wir geheilt. Jesaja 53,5

Der Vers, wie das ganze vierte sogenannte Gottesknechtslied, gehört in der christlichen Tradition zu Karfreitag. Dahinter steht die Vorstellung, Jesus, der Christus, ist stellvertretend für unsere Schuld und unser Versagen gefoltert und hingerichtet worden; damit wir davon befreit sind, «auf dass wir Frieden hätten» (Vers 5).
Ich gebe zu, ich habe Mühe mit dieser Vorstellung. Sollte nicht jede und jeder für das eigene Tun und auch das Lassen, nämlich das Nichttun, wo es nötig wäre, Verantwortung übernehmen und zur Rechenschaft gezogen werden? Aber wie oft bleibe ich selber schuldig, im persönlichen Umfeld, im Miteinander in unserer Gesellschaft, für die Bewahrung der Schöpfung und der Welt? Wer kann für all das Unrecht, die Gewalt und Menschenverachtung, die vor unseren Augen ausgeübt werden, geradestehen, sie überwinden? Wer den Kreislauf von Masslosigkeit, Schuldverstrickung und Ohnmacht durchbrechen? – Nur Gott selbst. Gott, die Ewige, allein, die alles geschaffen hat und erhält, die das Risiko auf sich nimmt, dass ihre Geschöpfe sich gegen sie wenden und aus der guten Schöpfung (Genesis 1) eine Wüste und ein Tohuwabohu machen. Sie entlässt mich nicht aus meiner Verantwortung für und in dieser Welt. (vgl. Micha 6,8: «Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was Gott von dir erwartet.») Aber ich muss nicht alle Last tragen: Ich darf und kann leben unter ihrem Segen. Gott sei Dank!

Von: Annegret Brauch

13. Januar

Jesus sprach: Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen. Johannes 14,23

Jesus, der Christus, erklärt sich den Seinen: Wer er ist; wohin er geht; was sein Auftrag, seine Bestimmung ist. Er will sie vorbereiten auf die Zeit, wenn er nicht mehr leibhaftig unter ihnen ist. Er will ihnen Mut machen, sie bestärken in ihrem Selbstvertrauen und ihrer Eigenständigkeit. Aber die Jüngerinnen und Jünger verstehen nicht. «Rabbi, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie können wir da den Weg kennen?» (Vers 5). «Und wie kommt es, dass du dich uns und nicht der Welt offenbaren willst?» (Vers 22)
Mir sind die Jüngerinnen und Jünger sympathisch in ihrer Begriffsstutzigkeit, mit ihren Zweifeln und Fragen, ihrer Verzagtheit. Wer kann wirklich verstehen, was gerade geschieht?
Jesu Antwort verweist sie (und uns) auf das Leben im Hier und Jetzt. Ihm nachfolgen heisst: lieben und Wort halten, seine Worte bewahren und tun; sie unter die Leute bringen als Liebes- und Lebenspraxis: sehen, was andere brauchen, nicht wegschauen; aufmerksam sein füreinander und miteinander; zuvorkommend und rücksichtsvoll einander begegnen…
Es gibt viele Weisen zu lieben, nicht als Gefühl, sondern als soziale und spirituelle Praxis.
Gottes Geistkraft, die unter uns lebendig und wirksam ist, stärke uns Mut, Kraft und Phantasie dazu. (s. Vers 26).

Von: Annegret Brauch

12. Januar

HERR, es ist dir nicht schwer, dem Schwachen
gegen den Starken zu helfen.
2. Chronik 14,10

Asa, König in Juda, ruft angesichts der überlegenen Heeresmacht der Kuschiten (aus dem Gebiet des heutigen südlichen Ägypten) Gott um Hilfe an: «HERR, ausser dir ist keiner, der helfen kann im Kampf zwischen einem Starken und einem Kraftlosen (so texttreuer die Zürcher Bibel). Hilf uns, HERR, unser Gott, denn auf dich stützen wir uns …»
… und kaum vorstellbar: Das Heer aus Kusch unterliegt.
Überall in der Bibel finden sich Erzählungen, in denen die vermeintlich Starken und Mächtigen unterliegen: der Riese Goliath dem Hirtenjungen David; das grosse Kusch dem kleinen Juda; der einflussreiche Richter gegenüber der armen Witwe (Lukas 18,1 ff.).
Für mich sind das Hoffnungserzählungen. Sie zeigen Möglichkeiten gegen das vermeintlich Erwartbare, gegen den Augenschein, gegen Passivität und Gleichgültigkeit. Gerade in diesen Tagen, wo die Lauten, Machtgierigen, Skrupellosen sich und ihre Interessen rücksichtslos durchsetzen, brauche ich sie dringend. Denn es ist auch «die Trägheit der Herzen, die Feigheit bei den kleinen Entscheidungen im Alltag» (Uwe Timm), die den Mächtigen erlaubt, mächtiger zu werden.
Deshalb erinnere ich mich jeden Tag:
«Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.»
(2. Timotheus 1,7)

Von: Annegret Brauch

13. November

Gott sei Dank, der uns den Sieg gibt
durch unsern Herrn Jesus Christus! 1. Korinther 15,57

Es ist ein Lied gegen den Tod, das Paulus hier anstimmt.
Der Tod hat nicht das letzte Wort; auch wenn er allgegenwärtig
ist im Leben der Menschen, damals in Korinth und
auch heute – in Krieg und Gewalt, in Armut und Hunger, in
«Todesstrukturen», die leichtfertig das Leben zukünftiger
Generationen aufs Spiel setzen. «Verschlungen ist der Tod
in den Sieg. Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel? …
Gott sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unseren HERRN
Jesus Christus.» (Verse 55 ff.)
Paulus geht es nicht um Leben und Tod im physischen
Sinn, auch wenn er deren harte Realität schmerzlich am
eigenen Leib spürt. Ihm steht eine andere, tiefere Wirklichkeit
vor Augen: die Realität des Auferstandenen, der den
Tod überwunden hat; dessen verwandelnde Kraft die Todesmacht
durchbricht, auch in unserem Leben (Verse 51 ff.).
Dorothee Sölle hat dafür folgende Worte «Gegen den
Tod» gefunden: «ich muss sterben / aber das ist auch
alles / was ich für den tod tun werde / alle andern ansinnen
/ seine beamten zu respektieren / seine banken als menschenfreundlich
/ seine erfindungen als fortschritte der wissenschaft
/ zu feiern werde ich ablehnen … / sterben muss
ich / aber das ist auch alles / was ich für den tod tu / lachen
werd ich gegen ihn / geschichten erzählen / wie man ihn überlistet
hat / und wie die frauen ihn / aus dem land trieben / singen
werd ich / und ihm land abgewinnen / mit jedem ton.»
(aus: zivil und ungehorsam. gedichte. 1990)

Von: Annegret Brauch

12. November

Ihr sollt richten ohne Ansehen der Person,
den Kleinen sollt ihr anhören wie den Grossen,
und ihr sollt euch vor niemandem fürchten,
denn es ist Gottes Gericht. 5. Mose 1,17

Zu Beginn seiner Abschiedsrede ruft Mose die Erfahrungen
und Stationen der langen Wanderung durch die Wüste noch
einmal in Erinnerung. Dazu gehört auch die Einsetzung von
fähigen Leuten als Richter:innen für das Volk. Sie sollen Mose
entlasten und Mitverantwortung für ein gerechtes und gutes
Miteinander übernehmen. (vgl. auch 2. Mose 18)
Ein modernes Beispiel für solche Mitverantwortung sind
vielleicht die sogenannten Schülergerichte. Dort urteilen
Jugendliche über Jugendliche, die Straftaten begangen
haben, und ersetzen in vielen Fällen eine Verhandlung vor
dem Jugendrichter. Die Erfahrungen sind weitgehend positiv,
die Rückfallquote ist deutlich geringer, dazu kommt eine
Entlastung der Gerichte. Die Gründe: Gleichaltrige begegnen
einander eher auf Augenhöhe; sie kommen leichter ins
Gespräch, auch über die schwierigen Fragen; zudem können
sich jugendliche «Richter:innen» besser in Lebenssituation
und Lebenswelt der straffällig Gewordenen hineinversetzen.
Ein Grundsatz: «Wir akzeptieren dich als Mensch, lehnen
aber die Tat massiv ab.»
«Die Person» wird dabei sehr wohl gesehen, aber ohne
sie zu bewerten, ihre Würde wird geachtet. Ermöglicht wird
so, Schuld anzuerkennen und Verantwortung für das eigene
Tun zu übernehmen.

Von: Annegret Brauch

13. September

Auf Gott hoffe ich und fürchte mich nicht;
was können mir Menschen tun?
Psalm 56,12

Die Zürcher Bibel übersetzt dem Urtext gemässer und, wie ich finde, kraftvoller: «Auf Gott vertraue ich, und ich fürchte mich nicht. Was kann ein Mensch mir tun?» Ich versuche, den Satz nachzusprechen, ihm nachzuspüren … Es fühlt sich gut an: stark, frei, aufrecht, unerschrocken, selbstgewiss. Wäre ich das – im Fall?
Ich denke an Menschen, auf die dieser Satz nach meinem Empfinden zutrifft: die Witwe aus dem Lukasevangelium, die mutig und beharrlich vor Gericht ihr Recht einfordert (Lukas 18), oder Petrus und die anderen, die unerschrocken dem Hohen Rat entgegnen: «Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen» (Apostelgeschichte 5); oder Martin Luther und sein «Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir!». Dietrich Bonhoeffer kommt mir in den Sinn und sein gleichermassen von Selbstzweifeln und Vertrauen geprägtes Gedicht «Wer bin ich». Ich denke an die vor wenigen Wochen verstorbene Margot Friedländer, Überlebende der Shoa, die im hohen Alter nach Berlin zurückgekehrt war und sich unermüdlich für Versöhnung und gegen Hass, Feindschaft und Unmenschlichkeit eingesetzt hat. «Seid Menschen!» lautet ihre Botschaft – so einfach, und so herausfordernd.
Gottvertrauen macht mutig und frei. Es befreit von der Sorge um mich selbst; es lehrt mich den aufrechten Gang und den unerschrockenen Blick – beides täglich zu üben.

Von: Annegret Brauch

12. September

Fürchte dich nicht vor plötzlichem Schrecken;
denn der HERR ist deine Zuversicht.
Sprüche 3,25.26

Wie sieht gute Lebensführung aus? Wie gelingt ein Leben, das Wohlergehen, Zufriedenheit und Weisheit verspricht? Und was kann ich selber dazu tun? Solche und ähnliche Fragen bilden den Hintergrund des Buchs der Sprüche. Es will Einsichten und Regeln vermitteln, die helfen, ein gutes Leben zu führen; modern gesprochen: eine Art Lebensratgeber. Dabei geht es davon aus, dass eine Lebensführung, die sich von Gerechtigkeit und Rücksichtnahme leiten lässt, zum Wohlergehen des/der Einzelnen wie der Gemeinschaft beiträgt. In meinen Ohren klingt das erstaunlich aktuell und zukunftsweisend – und wird gleichzeitig tagtäglich vielfach und in einem Ausmass hintertrieben, dass es mir manchmal den Atem nimmt und ich mich fassungslos frage: Wo wird das alles hinführen? – Erschrecken, Wut, Ohnmacht drohen mir Hoffnung und Zuversicht zu rauben.
Die heutige Losung stellt dem Schrecken Gottvertrauen und Zuversicht entgegen: «Fürchte dich nicht vor plötzlichem Schrecken; denn der HERR ist deine Zuversicht.» Sie durchbricht die Verzagtheit meiner Gedanken, sie erinnert mich daran, dass ich gehalten bin von der Ewigen auch im grössten Schrecken.
«Nada te turbe, nada te espante … Solo Dios basta.»
«Nichts soll dich verwirren, nichts soll dich beirren … Gott nur besteht.» (Teresa von Avila)

Von: Annegret Brauch