Autor: Annegret Brauch

26. Oktober

Er weckt mich alle Morgen; er weckt mir das Ohr,
dass ich höre, wie Jünger hören.
Jesaja 50,4

Vermutlich ist Ihnen bei diesem Vers auch das bekannte
Morgenlied von Jochen Klepper in den Sinn gekommen.
Er schrieb es 1938. Die Sorge und Angst um das Leben
seiner durch die rassistische Gesetzgebung in Deutschland
bedrohten Familie ist darin «umhüllt» vom tiefen Vertrauen
auf Gottes Zuwendung und Fürsorge. Jede Strophe zeugt
von dieser innigen Zugehörigkeit, die Herz und Sinne, ja das
ganze Leben – und auch den Tod umfasst.
Wem Gott das Ohr weckt, der oder die hört mit Herz und
Sinn. Salomo bittet um ein «hörendes Herz», um zu verstehen,
was gut und böse ist (1. Könige 3,9). Jesus preist
diejenigen selig, die «Gottes Wort hören und bewahren»
(Lukas 11,28), und Jakobus ermahnt: «Seid aber Täter des
Wortes und nicht Hörer allein …» (Jakobus 1,22). Gottes
Wort hören, verstehen und tun gehört nach biblischem Verständnis
zusammen.
Hörend und zugehörig leben vor und mit diesem Gott, der
mich Morgen für Morgen weckt, dass ich mit seinem Wort
den neuen Tag beginne …
Gott will mich früh umhüllen mit seinem Wort und Licht,
verheissen und erfüllen, damit mir nichts gebricht; will vollen
Lohn mir zahlen, fragt nicht, ob ich versag. Sein Wort will
helle strahlen, wie dunkel auch der Tag. (EG 452,5)

Von: Annegret Brauch

25. Oktober

Das Himmelreich gleicht einem Sauerteig, den
eine Frau nahm und unter drei Scheffel Mehl mengte,
bis es ganz durchsäuert war.
Matthäus 13,33

Eine Szene aus dem Alltag: Eine Frau backt Brot; sie nimmt
den Sauerteig und mischt ihn unter drei Scheffel Mehl. Das
ist eine ganze Menge und ist sicher auch für Nachbarn und
Freunde gedacht. Bis der ganze Teig durchsäuert ist, dauert
es. Der Gärungsprozess braucht Zeit und auch die Geduld
der Frau, die eben noch so tatkräftig zupackte.
Interessant ist, dass das Wort, das hier mit untermengen
wiedergegeben
ist, eigentlich verstecken / verbergen bedeutet.
Ich verstehe das so: Das Reich Gottes oder, wie Matthäus
sagt, das Himmelreich ist verborgen im Alltäglichen, in der
Welt, unter uns. Es braucht unsere Aufmerksamkeit und
Geduld, kräftiges Zupacken und Geschehenlassen – wie
beim Sauerteig …
Eigentlich ist es ganz einfach: Jede und jeder weiss, was passiert,
wenn Sauerteig unter Mehl gemengt wird. Und doch
gibt es die, die mit sehenden Augen nicht sehen und mit
hörenden Ohren nicht hören und nicht verstehen (Vers 13).
Wie aufmerksam bin ich heute für Gottes Reich? Welche
Anzeichen werde ich entdecken – oder doch übersehen?
Geheiligt werde dein Name, dein Reich komme …

Von: Annegret Brauch

26. August

Gutes zu tun und mit anderen zu teilen vergesst nicht;
denn solche Opfer gefallen Gott.
Hebräer 13,16

Vor einem Jahr begann die 11. Vollversammlung des Ökumenischen
Rates der Kirchen. «A Call to Act Together» ist
die Botschaft überschrieben, die von Karlsruhe aus in die
Welt ging. Prof. Dr. Ioan Sauca, damals amtierender Generalsekretär,
hat sie hier vor wenigen Tagen mit eindringlichen
Worten erneut vor Augen gestellt: Es genügt nicht, als
Kirchen und Christenmenschen (nur) zusammenzubleiben,
gemeinsam zu beten und miteinander unterwegs zu sein:
Now it’s time to act together! «Gutes zu tun und mit anderen
zu teilen vergesst nicht» ermahnt und ermutigt der Schluss
des Hebräerbriefes. Darin konkretisiert sich der Dreiklang
Glaube – Hoffnung – Liebe, der in den vorangehenden Kapiteln
entfaltet wird. «Denn wir haben hier keine bleibende
Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.» (Vers 14). Es ist
ein Pilgerweg der Gerechtigkeit, der Versöhnung und der
Einheit, auf den der Hebräerbrief uns sendet.
Wir bitten Gott, uns bei der Umwandlung unserer Bekenntnisse
und Verpflichtungen in Taten zu unterstützen. Wir verpflichten
uns, mit allen Menschen guten Willens zusammenzuarbeiten
… Denn in Christus wird alles neu werden. Seine
Liebe, die allen Menschen gilt, auch den schwächsten, den
geringsten und den verloren gegangenen, und die für alle
Menschen offen ist, drängt uns (2. Korinther 5,14) und stärkt
uns auf diesem Weg. (aus der Botschaft der 11. VV des ÖRK)

Von: Annegret Brauch

25. August

Ich dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte
meine Kraft umsonst und unnütz. Doch mein Recht
ist bei dem HERRN und mein Lohn bei meinem Gott.

Jesaja 49,4

Bei dem Vers denke ich an die Friedensfrauen von «Unterwegs
für das Leben». Ihren Mut, ihre Beharrlichkeit, ihre
Kreativität, ihren Eigen-Sinn bewundere ich ebenso wie ihre
in einem tiefen Gottvertrauen gründende Zuversicht. Seit
40 Jahren engagieren sie sich mit jährlichen «Bittgängen für
das Leben» für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der
Schöpfung. Durch Gespräche mit Vertreterinnen und Vertretern
der Regierung, der Waffen- und Atomindustrie, bei
Initiativen, die sich in der Arbeit mit Flüchtlingen und sozial
Benachteiligten engagieren, haben sie vieles angestossen und
auf den Weg gebracht. Sie haben Samen der Versöhnung und
der Hoffnung in die Herzen vieler Menschen gelegt.
Und jetzt? Einige sind inzwischen in ihren 80ern und fragen
mit Blick auf die Entwicklungen der letzten Jahre: Haben
wir vergeblich gearbeitet, unsere Kraft umsonst und unnütz
verzehrt? Die Frage ist mir – wie vielleicht Ihnen auch? –
nicht fremd. Aber die Spannung zum «doch», von dem
Jesaja so getrost und vertrauensvoll spricht, ist mir manchmal
zu gross. Dann überbrücke ich sie mit dem Leitspruch
der «Unterwegsfrauen»: «Gott hat uns nicht gegeben den
Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.
» (2. Timotheus 1,7)

Von: Annegret Brauch

1. Juli

HERR, dir habe ich meine Sache befohlen. Jeremia 11,20

Jeremia ist ein unbequemer Zeitgenosse. Er mischt sich lautstark
in die Macht- und Religionspolitik des Reiches ein,
verneint die militärische Option als Weg zu Frieden und
Gerechtigkeit; er stört die öffentliche Ordnung. Kein Wunder,
dass er zum Schweigen gebracht werden soll; einflussreiche
Leute seiner Heimatstadt trachten ihm nach dem Leben.
Im Zentrum seiner Klage darüber (Verse 18–23) steht der
Vers: «Aber du, HERR Zebaoth, du gerechter Richter, der
du Nieren und Herz prüfst, lass mich deine Rache an ihnen
sehen; denn dir habe ich meine Sache befohlen.»

Nieren und Herz sind in biblischer Vorstellung der Sitz von
Fühlen und Denken der Menschen. Bei «Herz und Nieren»
geht es ans «Eingemachte» (vgl. z. B. auch Psalm 26,2). Der
ganze Mensch bis ins geheimste Innerste wird «durchleuchtet
» von Gottes prüfendem Blick. Es ist Gottes Sache, Rache
zu üben, wie immer diese dann aussehen wird. Von Jeremia
ist diese Unterscheidung zu lernen: «Dir, Gott, habe ich
meine Sache befohlen.»

Ich lerne, diesen Satz nachzusprechen – manchmal mit dem
Mut der Verzweiflung, manchmal getröstet … – er stärkt
mein Gottvertrauen.
Wie fühlt es sich für Sie an, diesen Satz nachzusprechen?

Von: Annegret Brauch

26. Juni

Ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte
ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken
und Stab trösten mich.
Psalm 23,4

Es sind vertraute Worte; viele von Ihnen werden den 23. Psalm kennen, viele auch auswendig – by heart, wie man
im Englischen sagt. Seine Worte sind wie eingeschrieben in
unsere Herzen. Sie kommen mir in den Sinn, wenn es traurig
und eng um mich wird, wenn Verzagtheit und Furcht
mich bedrängen, wenn Dunkelheit die Hoffnung bedeckt:
am Grab eines geliebten Menschen, am Abend nach einem
Tag voller Schreckensmeldungen, wenn ich mich nach Trost
und Zuversicht sehne.
Vielleicht ist es eine Art Selbstermächtigung, die sich gegen
die düstere Realität stemmt. Aber ihre Kraft kommt nicht aus
mir selbst, sondern aus dem Vertrauen, das in der EWIGEN
verankert ist und mich trägt: Denn DU bist bei mir; die Erfahrung
DEINER Nähe tröstet mich.
Ja, es gibt Feinde, die mir übelwollen; ja, es gibt Dunkelheit,
Angst und Sorge in diesen ungesicherten Zeiten, die uns
umtreiben … – und doch: «Der HERR ist mein Hirte, mir
wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue
und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine
Seele, er führet mich auf rechter Strasse …»
Welch ein Trost und Segen, solche Worte im Herzen zu
tragen!

Von: Annegret Brauch

25. Juni

Die Weissagung wird ja noch erfüllt werden zu
ihrer Zeit. Wenn sie sich auch hinzieht, so harre ihrer.

Habakuk 2,3

Es ist eines der eindrücklichsten Lieder, die ich bei meinem
ersten Kirchentag 1975 in Frankfurt kennengelernt habe. Mit
der unverwechselbaren Melodie von Peter Janssens begleitet
es mich bis heute. Text und Melodie strahlen unbeirrte
Hoffnung aus, die Kraft und den Mut des langen Atems,
die eigensinnige Beharrlichkeit des Glaubens, das Vertrauen
auf Gottes Verheissung von Frieden und Gerechtigkeit auf
seinem Erdkreis, das ich auch bei Habakuk finde: «Wenn sie
sich auch hinzieht, so harre ihrer.»
Denn:
Es kommt die Zeit, / in der die Träume sich erfüllen,/ wenn
Friede und Freude und Gerechtigkeit / die Kreatur erlöst./
Dann gehen Gott und die Menschen Hand in Hand …
Es kommt die Zeit, / in der die Völker sich versöhnen,/ wenn
alle befreit sind und zusammenstehn / im einen Haus der
Welt. / Dann gehen Gott und die Menschen Hand in Hand …
Es kommt die Zeit, / da wird der Erdkreis neu ergrünen / mit
Wasser, Luft, Feuer, wenn der Menschen Geist / des Schöpfers
Plan bewahrt. / Dann gehen Gott und die Menschen Hand in
Hand, / dann gehen Gott und die Menschen Hand in Hand.

Der Prophet Habakuk verkörpert diesen langen Atem.
Trotz und in all dem Schweren, das er erleben musste, kann
er singen: «Aber ich will mich freuen des HERRN und fröhlich
sein in Gott, meinem Heil. Denn der HERR ist meine Kraft …»

(Kapitel 3,18 f.)

Von: Annegret Brauch

26. April

Es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen. Titus 2,11

Nach all den Ermahnungen zu einem ordentlichen und
anständigen Lebenswandel in den christlichen Gemeinden,
die einen Grossteil des Titusbriefes ausmachen, ist dieser Vers
ein helles, leuchtendes Licht, dass einem ganz warm ums
Herz wird. Sicher gab es gute Gründe für diese vielen Ermahnungen
an die Christenmenschen auf Kreta (Kapitel 1+2)
zu Besonnenheit und Geduld, zu Keuschheit und Nüchternheit,
zu Ehrbarkeit, Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit – und es
gibt sie bis heute. Denn bis heute bemisst sich die Glaubwürdigkeit
der Christenmenschen und ihrer Botschaft in ihrer
jeweiligen Umwelt auch an ihrer eigenen Lebensweise (vgl.
auch Matthäus 7,16 ff.).
Aber die heilsame Gnade Gottes, die allen Menschen
erschienen ist, stellt unsere Bemühungen in den Schatten –
oder bringt sie zum Leuchten. Ich glaube, es leuchtet umso
heller, je mehr wir die heilsam-heilende Gottesgnade für alle
Menschen denken und glauben: Sie ist dem unfreundlichen
Zeitgenossen auf der Strasse genauso erschienen wie den
mir Fernen und Unbekannten; den Menschen, die anders
glauben als ich ebenso wie meinen Lieben; und wohl auch
den Verblendeten und Machtgierigen, was für mich schwer
ist zu glauben…
Aber sie, die heilsame Gnade Gottes (er-)zieht uns dazu,
besonnen, gerecht und fromm zu leben in dieser Weltzeit
(Vers 12) – und das Schwierige Gott zu überlassen.

Von: Annegret Brauch

25. April

In der Finsternis erstrahlt den Aufrichtigen ein Licht,
gnädig, barmherzig und gerecht. Psalm 112,4

Diese Woche, vom Sonntag Misericordias Domini herkommend,
steht unter dem Wort: «Die Erde ist voll der
Güte des HERRN.» (Psalm 33,5) In dieser Linie steht auch
die heutige Tageslosung: «In der Finsternis erstrahlt den
Aufrichtigen ein Licht, gnädig, barmherzig und gerecht.»
Es ist die präsentische Aussageform, die beide Worte so
kraftvoll macht. Kein Fragezeichen, kein Konjunktiv, kein
Futur, kein Wenn-dann – einfach: Indikativ Präsens, Punkt.
Es sind Worte, an denen ich mich festhalte, gerade in den
Finsternissen dieser Zeit. Sie sind klar, sie fühlen sich warm
an und auch kühn; sie stärken mein Vertrauen in die verändernde
Macht der Liebe.
In einem Brief aus dem Gefängnis schreibt Rosa Luxemburg,
dass es gegen die Dunkelheit darauf ankomme, «Augen
und Ohren zu gebrauchen, um sich mit der Heiterkeit und
der Schönheit des Lebens zu verknüpfen, die überall um
uns sind.»
«In der Finsternis erstrahlt den Aufrichtigen ein Licht…»;
sie verstehen, ihre Augen, Ohren und Herzen zu gebrauchen;
sie sehen und erkennen, was andere kaum glauben können:
dass die Erde voll ist der Güte Gottes.
Ich wage und übe den kühnen Blick, der mein Angesicht
zum Leuchten bringt im Glanz der EWIGEN, die gnädig,
barmherzig und gerecht sich den Menschen zuwendet.

Von: Annegret Brauch

26. Februar

Jesus betet für seine Jüngerinnen und Jünger: Ich bitte
nicht, dass du sie aus der Welt nimmst, sondern dass du
sie bewahrst vor dem Bösen.
Johannes 17,15

«Nicht aus der Welt» (griech: ex tou kosmou) hat im Deutschen
eine doppelte Bedeutung. Wenn ich sage: «Ich bin
doch nicht aus der Welt!» meine ich: «Ich bin in der Nähe,
bin ansprechbar und greifbar.» Wenn Jesus sagt: «Nicht aus
der Welt sind sie (= die Seinen)…» (Vers 16), bringt er zum
Ausdruck, dass die Seinen, die sich an ihn, an Gottes Wort
halten, sich nicht (mehr) nach der Art der Welt verhalten,
sich nicht (mehr) von «deren Logik» bestimmen lassen.
Für die, die sich auf Christus beziehen, gelten beide Bedeutungen.
Sie sollen der Welt nah, in der Welt präsent sein –
das ist Jesu Bitte (Vers 15); – und sie sollen sich nicht der
Welt gleichstellen, sondern nach Gottes Willen das Gute,
Wohlgefällige und Vollkommene tun (vgl. Römer 12,2).
Was bedeutet das angesichts der drängenden Fragen, die
der Krieg in der Ukraine, die Kriege im Jemen, in Syrien, am
Horn von Afrika an uns stellen?
Wir sind doch nicht aus der Welt!
In den Streit der Welt hast du uns gestellt, deinen Frieden zu
verkünden, der nur dort beginnt, wo man wie ein Kind deinem
Wort Vertrauen schenkt. Herr, wir bitten: Komm und
segne uns; lege auf uns deinen Frieden … (EG 610).

Von: Annegret Brauch