Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist. Jakobus 5,16
«Unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: im
Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen.»
Dietrich Bonhoeffer schrieb diese Gedanken zur Taufe seines
Patensohns aus der Haft im Mai 1944. In einer anderen Zeit
und Bedrohung formuliert, hallen Bonhoeffers Worte bis
heute nach. Kürzer und prägnanter hat kaum jemand getroffen,
was ein Christenleben ausmacht: «Beten und Tun des
Gerechten unter den Menschen.» Für mich klingt das wie
eine Zusammenfassung des Jakobusbriefs, in dem es zentral
um das Verhältnis von «glauben» und «tun» geht: «Seid
aber Täter des Worts und nicht Hörer allein.» (Jakobus 1,22)
Mit dem Älterwerden habe ich das Beten (wieder-)entdeckt.
Vielleicht weil die Einsicht in die Begrenztheit der
eigenen Kräfte und Möglichkeiten grösser geworden ist;
vielleicht weil ich deshalb die Vergewisserung brauche, dass
diese Welt nicht gottlos ist; vielleicht weil durch die Gemeinschaft
der Betenden, die die ganze Welt umfasst, mir Trost,
Hoffnung und Kraft erwachsen. Und ich weiss aus vielen
Gesprächen, dass es Menschen stärkt, ermutigt und aufbaut,
wenn sie wissen, dass andere für sie beten. «Des/der Gerechten
Gebet vermag viel, wenn es ernstlich und inständig ist.»
Dieses «vermögen» lässt mich aufmerksamer sein für die
Menschen um mich herum, nah oder fern, die mein Gebet
brauchen, und für unsere Welt.
Von: Annegret Brauch