Kategorie: Texte

16. Juli

Jesus sprach zu den Jüngern: O ihr Toren, zu trägen Herzens,
all dem zu glauben, was die Propheten geredet haben! Musste
nicht der Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen?
Lukas 24,25–26

Der Auferstandene geht mit zwei Jüngern zusammen nach
Emmaus, er gesellt sich an ihre Seite und hört quasi zu, wie
sie über diesen Jesus reden. Aber sie erkennen Jesus nicht,
nicht einmal, als er den beiden nochmals alles aufzeigt,
angefangen bei Mose… Sie erkennen ihn nicht! Erst als er
dann spätabends mit ihnen zusammen das Brot bricht,
erkennen sie ihn.
Würden wir heute Jesus erkennen? Wenn da plötzlich einer
steht und spricht und handelt wie Jesus… Würden Sie ihn
erkennen? Ist er schon da und wir erkennen ihn nicht? Wer
könnte es sein? Nein, Trump ist es nicht, auch wenn viele in
Amerika das behaupten und daran glauben.
Wie wird es dann sein, wenn Jesus, wie er selber gesprochen
hat, wiederkommt? Werden wir ihn erkennen oder ihn erneut
verurteilen und an ein Kreuz schlagen lassen? Mir wird ganz
anders beim Gedanken, dass Jesus dereinst wiederkommt und
wir ihn nicht erkennen.
Oder kommt er gar nicht zurück? Immerhin warten wir
seit über zweitausend Jahren – lohnt sich dieses Warten
überhaupt? Vor einigen Tagen istmein Stiefvater verstorben.
Derletzte Besuch bei ihm war hart, dieses Abschiednehmen
fürimmer, kein Zurück, kein «noch einmal». Odersehenwir
uns dereinst wieder? Ich kann es nicht wissen, sorry.

Von: Markus Bürki

15. Juli

Als Jesus aus dem Boot stieg, sah er die vielen Menschen, und sie taten ihm leid,
denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben.
Markus 6,34

Für Menschen in der Umwelt der Bibel muss das Bild einer
Schafherde ohne Hirten ein Graus gewesen sein. Die Schafherde
war die Lebensversicherung und ohne Hirten war sie gefährdet.
Schafe könnten verlorengehen, sich verletzen, gerissen, gestohlen
oder geschlachtet werden. Welches Bild der Gegenwart kommt dem
damaligen nahe? Jesus steigt aus dem Boot und trifft auf viele
Menschen, und sie tun ihm leid, denn sie sind wie solche, denen
ihre elektronischen Geräte abhanden gekommen sind.
Das ist toll aktualisiert, Chatrina! Und eine fatale Zwickmühle.
Wir glauben ja gerade, dass uns die elektronischen Geräte bei
der Orientierung helfen. Wenn ich durch fremde Gegenden gehe
und mich mit der Route führen lasse, vereinfacht das viel.
Das stimmt. Aber auf der anderen Seite macht mich das
Überangebot an Information auch gerade orientierungslos. Ich
verliere mich im Internet.
Und ständig lese ich Sätze wie: «Mach dies, dann …» Andere
Menschen bieten sich mir als Hirten an. Wollen vorderhand nur
mein Bestes. Aber eigentlich geht es nur um meine Klicks und ihre
Reichweite. Ein Geschäftsmodell.
Und die Frage für mich: Welchem Hirten trotte ich hinterher?

Von: Chatrina Gaudenz / Lars Syring

14. Juli

Die Erde ist des HERRN und was darinnen ist,
der Erdkreis und die darauf wohnen
. Psalm 24,1

Ein Glaubenssatz ist dieser Psalmvers, und was für einer! Wie
sähe unsere Erde aus, wenn wir daran glauben würden, dass
sie Gott gehört? Wenn wir darauf vertrauen würden, dass
das, was darinnen ist – Wurzeln und Kleintiere, Mikroben
und Regenwürmer – göttlich ist? Wie sähe unser Erdkreis
und die darauf wohnen aus, wenn wir ahnen würden, dass
ihnen ein Geheimnis innewohnt? Vielleicht wäre unseren
Handlungen dann etwas Wundervolles eigen, so wie unserem
Glauben auch.
Wir gehören Gott. Und Gott ist in allen und allem. Ich
beschäftige mich im Moment mit Juliana von Norwich, die
im Mittelalter mehrere sehr intensive Erfahrungen mit Gott
gemacht hat. Und sie kommt zum Schluss: «Alles wird gut
sein und alle werden gut sein, und aller Art Dinge wird gut
sein.» Die Liebe Gottes durchdringt alles. Sie gibt nichts und
niemanden auf.
Diese Liebe verändert alles. Auch mich. Und die Art, wieich
anderen und anderem begegne. Bestenfalls macht sie auch
mich liebevoller. Und ehrfürchtiger für die Welt und für alles,
was da auf ihr wohnt. Stimmt schon, das ist wundervoll.

Von: Chatrina Gaudenz / Lars Syring

13. Juli

Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige.
Offenbarung 1,17

Wir beobachten gerne unsere Pferde und Esel. Da ist Temudschin.
Der dunkle Huzule ist ohne Zweifel der Stärkste in der Herde. Bei
jedem Zeichen einer möglichen Gefahr hebt er den Kopf und nimmt
mit seinen Nüstern die Witterung auf. Er weiss genau, was er will, und
lässt es die anderen wissen. Ovni folgt ihm als Zweiter. Intelligenz und
Respekt sind nicht gerade seine Stärken, er muss sich fügen. Da ist
Mandoline, die Stute. Sie hat Privilegien. Lebhaft und übermütig
demonstriert sie ihre überschäumende Energie, wenn sie unsere drei
Esel vor sich hertreibt und über die Wiese jagt.
Und dann ist da noch Baron, unser Oldie. Er ist der Kleinste und
inzwischen auch der Schwächste, der Letzte in der Reihe. Doch wenn
der Bosssich nicht ganz sicher ist(ja, das kommt vor!), dann geht er
zum Oldie, stupst ihn liebevoll an und holt sich Rat.
Der Erste wird zum Letzten, der Letzte offenbart seine Weisheit,
damit das Leben der Herde gesichert ist, damit keine
Angst und Panik aufkommt. «Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste
und der Letzte und der Lebendige.» Was für ein wunderschönes
Gottesbild! Die gesamte lebendige Schöpfung ist aufgehoben in
Gottes Liebe.

Von: Barbara und Martin Robra

12. Juli

Jesus fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in allen Schriften von ihm gesagt war. Lukas 24,27

Wo anfangen und wo aufhören – mit Engelszungen reden –
Auslegung – komplett – von Anfang bis Ende. Alles, was
über ihn gesagt war, wird in Erinnerung gerufen, genau
beschrieben und erklärt.
Aber das intellektuelle Wissen überwindet allein nicht die
Hilflosigkeit, Angst und Lähmung der zwei Jünger auf dem
Weg nach Emmaus, führt nicht zum existenziellen Erkennen,
bringt den aufgescheuchten Seelen keinen Frieden und
keine Freude.
Sie erkennen den Auferstandenen beim Brechen des Brots.
Erst im gemeinschaftlichen Mahl wachsen Verstehen und
Vertrauen – Vertrauen in den lebendigen Gott, Vertrauen
in andere Menschen, Vertrauen in sich selbst.
Erst wenn wir das Leben teilen, nehmen wir wirklich wahr.
Dann entsteht eine unbändige Freude, die ansteckt, die
anstecken will, die sich ausbreitet, wie von selbst. Diese
Freude kennt keine Furcht.

Von: Barbara und Martin Robra

11. Juli

An dem Ort, da zu ihnen gesagt ist: «Ihr seid nicht mein Volk», wird zu ihnen gesagt werden: «Kinder des lebendigen Gottes!» Hosea 2,1

Noch im vorangehenden Satz sagt Gott in unbarmherziger
Schärfe: Ihr seid nicht mein Volk, und ich gehöre nicht zu
euch (Hosea 1,9). Damit ist alles zu Ende, danach kommt
nur noch der Zusammenbruch. Doch schon im nächsten (!)
Satz tönt es ganz anders: Was der früheren Generation zugedacht
war als Quittung für ihr gottloses Verhalten, gilt jetzt
nicht mehr. Jetzt gilt: Ihr seid Kinder des lebendigen Gottes!
Eine Zusage höchster Barmherzigkeit. Das Frühere wird
nicht zurückgenommen, es wird ersetzt. Ersetzt durch eine
zukunftsweisende Aussicht. Eine neue Perspektive inmitten
von Hoffnungslosigkeit und Verlassenheit. Auch wenn sich
Gott masslos erzürnt über das Schreckliche, das «seine»
Menschen tun – abwenden für ewig, ohne Ausweg, geht für
Gott nicht. Ersetzt werden die schuldig sprechenden Aussagen,
die in den Kindernamen enthalten sind (Hosea 1,4.6.9)
durch ein Wort, das in diesem Zusammenhang nicht mehr
zu überbieten ist: Kinder des lebendigen Gottes. Die Kinder
von Hosea mit der offenbar zweifelhaften Gomer werden nun
gewissermassen adoptiert und sind Gottes Kinder! Und als
solche tragen sie das Versprechen Gottes in sich, dass er/sie
auch in scheinbar «definitiven» Situationen ein neues Licht
setzen kann. Und setzen will. Dort, wo eben noch ein naher
Tod vor Augen stand, genau dort ist jetzt Licht! Gottes Licht.

Von: Hans Strub

10. Juli

Auch künftig bin ich derselbe, und niemand ist da, der aus meiner Hand erretten kann. Ich wirke; wer will’s wenden? Jesaja 43,13

Ich sicher nicht! Dieser Satz liegt mir auf der Zunge, und
wahrscheinlich würden viele andere Menschen spontan
ähnlich reagieren. Wie käme ich dazu, ein solches Angebot
auszuschlagen oder zu relativieren? Oder es gewissermassen
«auf die hohe Kante» zu legen, für den Fall, dass ich es
doch einmal brauchte… Gott will wirken zugunsten der
Menschen, zugunsten von uns, wo immer wir gerade sind.
Zugunsten von mir. Lese ich im Anfang des Kapitels, fallen
mir sehr starke und oft unwahrscheinliche Bilder auf, die
in der Gottesrede gebracht werden; alles steht unter dem
Obersatz: Fürchte dich nicht! Und das soll wirklich immer
gelten, so betont der Vers hier («auch künftig…»). Gott ist
direkt, seine gleichsam ausgestreckten Arme bergen mich.
Und viele andere auch. Es ist kein Angebot unter anderen –
denn ein grösseres kann und wird es nicht geben! Gerade
in so unerwartet unsicher gewordenen Zeiten gibt mir ein
solcher Rettungsanker Ruhe. Und Halt. Und schafft eine
gesunde Distanz zu allen Vorkehrungen zu meiner Sicherheit
und derjenigen meiner Nächsten. Was es braucht, ist das
Vertrauen, dass ich auf die richtige Kraft setze.
Dass Gott wirkt, gewirkt hat und auch in Zukunft wirken
wird, belegt erin den vorangehenden Versenmit dem,wasin
der Geschichte bisher schon geschehen ist. Und das ist viel!

Von: Hans Strub

9. Juli

Jesus nahm die Kinder in die Arme, legte ihnen die Hände auf und segnete sie. Markus 10,16

Gemäss einer schönen Anekdote wurde Paul Klee einst vorgeworfen,
so wie er könne jedes Kind malen. Seine Antwort habe gelautet: «Das
ist es eben: Die Kinder können es!» Kinder sind Künstler: spontan,
weltoffen, unmittelbar.
Indessen bedeutet das griechische Wort «Paidion» nicht nur «Kind»,
sondern auch «Säugling», «Neugeborenes». Auf dieser noch
ursprünglicheren, noch weiter im Anfang liegenden Ebene gilt:
Das Kind ist radikal abhängig, angewiesen, ausgeliefert.
«Gerade so», schreibt der Neutestamentler Eduard Schweizer
(1913–2006), «als die, die nichts vorzuweisen haben, keine
Leistungen aufrechnen können, sind sie gesegnet.»
Beide Qualitäten, die der unverstellten Kreativität und die
der radikalen Abhängigkeit, gilt es, sich im Erwachsenenleben zu
erhalten. Beziehungsweise sie zu revitalisieren, wenn sie
verschüttgegangen sind.
Es sind diese Qualitäten, welche die Tür zum Himmel öffnen.
Den Kindern, sagt Jesus, gehört das Reich Gottes (Verse 14 ff.).
Den Worten folgt die Segensgeste im heutigen Lehrtext.
«Die äussere Handlung», schreibt Schweizer, «unterstreicht,
wie real Jesus solchen Zuspruch meint.»

Von: Andreas Fischer

8. Juli

Wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt, als wir euch kundgetan haben
die Kraft und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus; sondern wir haben
seine Herrlichkeit mit eigenen Augen gesehen. 2. Petrus 1,16

Der Autor des heutigen Lehrtexts behauptet, seine Botschaft basiere
auf Augenzeugenschaft. In den folgenden Versen erläutert er, was mit
der «Herrlichkeit Christi», die er «mit eigenen Augen gesehen» habe,
gemeint ist, nämlich die Verklärung Jesu auf dem Tabor, dem
«heiligen Berg» (Verse 17 ff.; vgl. Markus 9,2–8).
Zwei Dinge muten bei der Argumentation merkwürdig an:
Erstens kann der Autor des 2. Petrusbriefs – darüber besteht in
der neutestamentlichen Wissenschaft Konsens – nicht der
Jesusjünger Simon Petrus gewesen sein. Und zweitens gehört jene
Lichterscheinung auf dem Tabor doch ausgesprochen in eine Welt
jenseits der augenscheinlichen Fakten. Trotzdem sollte man den
Autor unseres Lehrtexts nicht der Lüge bezichtigen. Vielmehr scheint
jenes Licht für ihn realer als die Realität gewesen zu sein, und er scheint
es in einer Intensität gesehen zu haben, als wäre er selbst auf dem Tabor
gewesen. Ähnlich wird später der Hesychasmus, die mystische Strömung
in der orthodoxen Kirche, das Taborlicht als ein überzeitliches,
transpersonales Phänomen verstehen: «Es gibt nur ein und dasselbe Licht,
das den Aposteln auf dem Tabor erschienen ist, das den gereinigten Seelen
jetzt erscheint und in dem das Wesen der zukünftigen Welt besteht.»

Von: Andreas Fischer

7. Juli

Denn was hilft es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt,
dabei aber Schaden nimmt an seinem Leben? Matthäus 16,26

Manchmal ist es doch eine Frage der Übersetzung, die es
spannend macht: Luther übersetzt hier nicht mit «Leben»,
sondern mit «Seele».
Also: Wenn du alles hast, was die Welt bietet, aber dein
Leben, deine Seele auf der Strecke bleibt, hast du nichts!
Schauen wir doch mal, was so alles auf der Strecke bleiben
kann: die Gesundheit, die Freiheit, die Freude, die Liebe, die
Zufriedenheit, …, das Leben!
Es gibt so viele Gründe, warum all das in unserem Leben
verschwinden kann. Manchmal sind es Gründe in unserer
oder in einer fremden Person, manchmal sind es
Lebensumstände, manchmal sind es Intrigen, manchmal ist
es einfach nur Pech.
Als Glaubende sehen wir die Seele als den Ortin uns, an dem
Gott uns berührt und wir diese Berührung wahrnehmen
und sie in Lebenskraft ausdrücken. Unsere Seele gibt uns
die Kraft, die Richtung hin zum Reich Gottes in dieser Welt
immer wieder neu zu finden.
«Leben» – «Seele», für uns geht das eine nicht ohne das
andere. Wir sind doch Glaubende – oder?

Von: Rolf Bielefeld