Kategorie: Texte

3. August

Erkennet, dass der HERR Gott ist. Psalm 100,3

«Erkennt, dass Gott ist unser Herr, der uns erschaffen ihm
zur Ehr und nicht wir selbst: durch Gottes Gnad ein jeder
Mensch sein Leben hat.» (EKG 57,2)
Das mir vertraute Lied bringt es auf den Punkt: Ich soll
wahrnehmen, dass wir Teil von Gottes Schöpfung sind. Die
Losung und das dazugehörige Lied sind Lobgesänge. Ich
kann und darf wahrnehmen, dass ich Teil eines grossen Ganzen
bin, dass ich nicht allein bin. Da sind Menschen rund um
die eine bewohnte Erde. Da ist die Natur. Und da ist Gott,
die Lebendige. Sie geht mit uns den Weg unseres Lebens
und schenkt uns den Blick auf die Menschen und die Schöpfung,
auch in unserer Zeit mit all dem, was uns belastet. Sie
schenkt uns den Blick auf das Ganze und lässt uns zur Ruhe
kommen, um uns bewusst zu werden, dass unser Leben aufgehoben
ist in ihrer Gnade.
Loben heisst für mich, mich zu öffnen, ein wenig von mir
wegzuschauen und mich zu freuen. Vielleicht sind es kurze
Momente des Innehaltens, vielleicht ist es das Lächeln eines
Menschen im Zug oder Bus, vielleicht ist es eine Blume, der
Wind, die Wellen, Sonne und Mond. Vielleicht ist es ein Lied:
«Er ist voll Güt und Freundlichkeit, voll Lieb und Treu zu
jeder Zeit. Sein Gnad währt immer dort und hier und seine
Wahrheit für und für.» (EKG 58,6)

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

2. August

Die Völker hören auf die Zeichendeuter und Wahrsager;
dir aber hat der HERR, dein Gott, so etwas verwehrt. Mose 18,14

Hellsehen kann ich nicht, aber Tarotkarten liegen wohl kaum
neben Ihrem Heft mit den Bolderntexten. Der Kaffeesatz
ist auch langweilig geworden, seit in der Küche ein Vollautomat
schnurpst und zischt: Er sieht – genau wie die Kapseln –
immer gleich aus.
Aber seit Moses Zeiten sind trotzdem die Zeichendeuter
und Wahrsager nicht ausgestorben, sondern betreiben bis
heute ihr lukratives Geschäft mit der Angst vor der Zukunft.
Dabei sollte sich doch auch herumgesprochen haben, wie oft
es schon ganz anders kam.
In den Ferien kam ich am angeblichen Geburtshaus von
Nostradamus in Saint-Rémy-de-Provence vorbei. Als ich
über ihn las, offenbarte sich mir nicht die Wahrheit seiner
Prophezeiungen, sondern vielmehr, wie viele Ängste dieser
Mann in seinem Leben ausgestanden hatte. Er musste unter
anderem «auf Reisen gehen», also fliehen vor der Inquisition.
Aktuell hat jemand ein weisses Blatt mit einem riesigen
Fragezeichen an seine Haustür geklebt.
Es ist gut und einfach, ein Fragezeichen zu deuten: Gott
erwartet, dass wir trotz Ungewissheit unbeschwert leben.
Denn es ist Gnade, nicht wissen zu müssen, was kommt. Sonst
würden sich alle schon vorher aufregen und noch viel mehr
Angst haben. Kommt es übel, hat die Angst davor nichts
gebessert. Kommt es gut, ist die Überraschung wunderbar.

Von: Dörte Gebhard

1. August

Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus noch alles, was sein ist. 5. Mose 5,21

Rabbiner haben das Begehren schon vor Jahrhunderten diskutiert
und märchenhafte Parabeln geschrieben, um die Befreiung
davon anschaulich zu machen: Ist die Prinzessin unerreichbar,
soll man sich nicht vor Verlangen verzehren, sondern
kann sie – von weitem – bewundern und es geniessen.
Im Midrasch heisst es: «Die Schlechten werden durch ihre
Herzen beherrscht … und die Rechtschaffenen beherrschen
ihre Herzen» (Bereschit Rabba 67,8). Die Psychologinnen
und Psychologen der Gegenwart sind nur unwesentlich
weiter und weiser. Aber das Gebot ist entweder schwer zu
halten oder gar nicht. Denn wer grundsätzlich verhindern
könnte, dass ab und zu abwegige Gedanken zu noch abwegigerem
Handeln führen, ist mindestens eine Heldin und
dem Glück sehr nahe.
Denn wir vergleichen uns doch ständig und lassen uns vom
schönen Schein täuschen. Wir merken erst hinterher, wie viel
Energie chronischer Neid frisst. Dazu kommt, dass man sich
schnell an das eben noch Begehrte gewöhnt und es sofort
für selbstverständlich hält, wenn man es einmal hat.
Wo jedoch Dankbarkeit in den Alltag einzieht, haben es
Gier und Habsucht schon schwerer. Der Schlaf wird tiefer,
die Zufriedenheit grösser und die Stimmung stabiler. Allerdings
bringt man damit sein Herz auf völlig neue Ideen. Es
könnte anfangen, andere ehrlich zu loben und empfundenen
Respekt auch auszudrücken.

Von: Dörte Gebhard

31. Juli

Betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt! Lukas 22,40

Zweimal spricht Jesus gemäss dem Lukasevangelium
diese Worte, am Anfang und am Ende (Vers 46) der
Getsemani-Szene. Dazwischen betet er selbst: «Vater, … nicht
mein Wille, sondern der deine geschehe.» (Vers 42) Wie sein
eigenes Gebet, so erinnert auch sein Aufruf an die Jünger ans
Unservater: «Führe uns nicht in Versuchung», heisst es dort
(Lukas 11,4). – Was mit Versuchung / Anfechtung (im griechischen
Urtext steht für beides dasselbe Wort) gemeint ist,
hat Jesus selbst exemplarisch erfahren. Am Anfang des Evangeliums
(Lukas 4) wird er in der Wüste vom Satan versucht:
Er soll Stein in Brot verwandeln und von der Tempelzinne
springen. Ausserdem werden ihm alle Reiche der Welt versprochen.
Immer geht es ums Ego. Dieses zugunsten Gottes
loszulassen, ist die Funktion des Gebets: In ihm verschiebt
sich der Wille aus dem Ego-Bereich in den Bereich des Vaters.
Es geht dabei nicht darum, zu «plappern wie die Heiden»
(Matthäus 6,7). Das Unservater genügt. Oder die Stille. Jesus
betete nächtelang allein auf einem Berg (Lukas 6,12). Es ist
nicht anzunehmen, dass er dabei viele Worte machte. Vielmehr
verband er sich im Gebet mit dem Vater, indem er
radikal frei war von den Versuchungen des Ego. – Der dänische
Philosoph Sören Kierkegaard (1813–1855) beschreibt
das Gebet als Verschiebung vom Reden ins Schweigen und
Hören: «Beten heisst nicht, sich selbst sprechen zu hören,
sondern … beim Schweigen zu verharren und zu warten, bis
der Betende Gott hört.»

Von: Andreas Fischer

30. Juli

Die vom Volk, die ihren Gott kennen, werden stark sein und danach handeln. Daniel 11,32

Die Losung holt uns ins babylonische Exil und zu all den Versuchen
Nebukadnezars, sich das Volk gefügiger zu machen,
indem es zur Staatsideologie, hier dem Hellenismus, übertrat.
Das war natürlich verführerisch. Wahrscheinlich ist es
nicht nur mir vertraut, wie sehr es das Leben erleichtert,
wenn man den Weg geht, der von oben befohlen wird. In
so manchem Land, nicht nur dem unseren, gibt es immer
wieder Perioden, in denen Christen sich nationalen Ideen
und Ideologien mehr verpflichten als dem, was ich hier das
«Programm Jahwes / Jesu» (2. Mose 20, 5 / Mt. 5,1–7,29) nennen
möchte.
Zurzeit ist wieder einmal die Frage der Gewaltlosigkeit
solch ein programmatischer Schwerpunkt, bei dem es vielen
Christen schwerfällt, sich von der offiziellen politischen Linie
abzusetzen und die Frage eines christlichen Verhältnisses zur
Ausübung von Gewalt (z. B. Matthäus 26,52) neu durchzubuchstabieren.
Auch die neue Friedensdenkschrift der EKD
ruft nach dieser Losung. Was heisst es angesichts gegenwärtiger
Herrschaftsstrukturen: Die vom Volk, die ihren Gott
kennen, werden stark sein und danach handeln?
Mir wird deutlich, wie schwierig es damals unter Nebukadnezar
war, stark zu bleiben und entsprechend zu handeln.
Was mir bleibt, ist das Gebet um Kraft und um Einsicht für
diejenigen, die das Volk führen.

Von: Gert Rüppell

29. Juli

Meine Tränen sind meine Speise Tag und Nacht, weil man täglich zu mir sagt: Wo ist nun dein Gott? Psalm 42,4

Geht es uns so? Weinen wir in dieser Intensität, weil wir
angesichts der Lage um uns herum, oft in lästerndem Ton,
die Frage hören müssen: Wo ist nun dein Gott?
Geht es also dem Beter des Psalms um den Umgang mit
der so geläufigen Theodizeefrage: «Wie kann Gott das alles
zulassen?» Das «weil» im Losungstext macht mir zu schaffen.
Es begründet eine tiefe Trauer, in die uns der Psalmist
hineinnehmen will. Ich schreibe am Karfreitag dieses Jahres,
der Chor aus der Matthäuspassion von Johann Sebastian
Bach klingt mir noch im Ohr: «Andern hat er geholfen und
kann sich selber nicht helfen.» (Matthäus 27,42)
Dieses «weil man täglich zu mir sagt …» kenne ich. Dieses
Gefühl des Psalmisten, sich von Gott alleingelassen zu fühlen.
Da kommt die Frage auf: Wo bist du, Gott, in all dem
Schrecklichen um uns herum, das wir nicht bewältigen können?
Im nächsten Vers erinnert sich der Psalmist an die Schar,
mit der er einherzog und feierte.
Ostern verweist mich auf die Geschichte der Jünger, die
erst flohen und dann aus ihrer Einsamkeit zurückfanden
in die Gemeinschaft. Und in der Tat wird die Frage «Wo ist
dein Gott?» immer auch in der Gemeinschaft beantwortet.
Gemeinschaft, die zu Gott betet, Gottes Willen praktiziert
und mir ein «Hier bin ich» anbietet beim Trocknen der
Tränen.

Von: Gert Rüppell

28. Juli

Singt und musiziert dem Herrn aus vollem Herzen. Epheser 5,19

«Singen macht glücklich»: Mit diesem Slogan wirbt ein
benachbarter Männerchor. Ich selbst singe im Kirchenchor –
und ja, Singen tut gut, entspannt und bereichert. Ich verstehe,
dass Singen und Musizieren dem Gotteslob und dem Dank
dienen, wie Paulus schreibt. Anders ausgedrückt hat es nicht
nur eine akustische, sondern auch eine spirituelle Dimension.
Und diese lässt sich wissenschaftlich (neurologisch) belegen.
So habe ich in einem Artikel in der Zeitschrift «bref»
gelesen, Musik erzeuge einen intimen Stimulus. So komme
es – am Beispiel des «Erbarme-dich-Gesangs» beschrieben –
zu einem Phänomen, das emotionale Ansteckung genannt
wird. Plötzlich fühlten die Zuhörenden wie alle andern rundherum.
Das erinnert mich an den letzten Weihnachtssonntag.
Am 24. Dezember starb nach langjährigem Aufenthalt im
Pflegezentrum und über 93-jährig meine Mutter (heute hätte
sie Geburtstag.). Am Weihnachtstag sangen wir mit dem
Chor in unserer eindrücklichen spätgotischen Kirche in Elgg.
Das ging fest ans Herz! Da habe ich etwas von dieser Ansteckung
gespürt und mich getragen gefühlt. Noch ein anderer
Tipp: Singen Sie auf einer langen Wanderung, wo Sie schon
von weitem das ersehnte Ziel sehen, Lied RG 346 (Bewahre
uns Gott, behüte uns Gott, sei mit uns auf unseren Wegen)
mit seinem swingenden Rhythmus vor sich hin. Sie werden
erfahren, wie Ihre Schritte leichter werden!

Von: Bernhard Egg

27. Juli

Die Augen des HERRN merken auf die Gerechten und seine Ohren auf ihr Schreien. Psalm 34,16

Ausschnitte aus meiner Übertragung des Psalms:


Ich will das Leben optimistisch anpacken,
positiv denken und reden.
Damit kann ich andere anstecken,
denen es weniger gut geht als mir.
Freut euch am Leben mit mir
und lasst uns alle erkennen, worauf es ankommt.
Alle, die sich am Wesentlichen orientieren,
werden strahlen und nicht zugrunde gehen.
Alle, die in ihrem Elend um Hilfe rufen, erhalten Gehör
und die Unterstützung, die sie brauchen.
Hütet euch vor bösem Geschwätz,
lasst euch nicht zum Lügen verleiten.
Meidet das Böse und tut das Gute,
sucht Frieden mit eurer ganzen Kraft.
Die Gerechten stehen in einem guten Licht
und sie finden Gehör in der Not. (Vers 16)

Von: Heidi Berner

26. Juli

Josef sprach zu seinen Brüdern: Zankt nicht auf dem Wege! 1. Mose 45,24

Geschwister zanken –
das gehört zum Repertoire
menschlichen Verhaltens.
Es ist das Einüben von Reaktionen
auf allerlei Herausforderungen –
für den Ernstfall.
Alle, die Kinder und Enkel haben,
kennen das zur Genüge.
Oft überfordern uns die Streitereien.
Wir wünschen uns doch so sehr
Frieden und Harmonie,
gerade in der Familie.
Im Ernstfall aber halten sie zusammen,
die Brüder und Schwestern.
Jedenfalls, wenn es «stimmt»
in der Familie.
Bei Josef und seinen Brüdern
hat es nicht immer «gestimmt».
Es ist eine lange Geschichte –
von Missgunst und Kränkungen.
Aus alter Zeit und doch so aktuell.
Zurzeit stimmt vieles nicht – weltweit.
Also: mehr Zusammenhalt – weniger Zank!

Von: Heidi Berner

25. Juli

Ein Vater der Waisen und ein Helfer der Witwen ist Gott in seiner heiligen Wohnung, ein Gott, der die Einsamen nach Hause bringt, der die Gefangenen herausführt, dass es ihnen wohl gehe. Psalm 68,6–7

Als «Theologie der Befreiung» wird eine theologische Strömung
bezeichnet, die vor gut fünfzig Jahren in Lateinamerika
als Programm vorgestellt wurde und seither auf der ganzen
Welt Menschen inspiriert – nicht überraschend vor allem
solche aus dem «globalen Süden», also aus den Ländern,
die Mühe haben, aus ihren Armutsschlaufen herauszukommen.
Die wichtigste Behauptung der Befreiungstheologie ist:
«Gott hat eine Vorliebe für die Armen.» Ich halte das für das
grösste Geschenk an die Theologie überhaupt: die Erinnerung
daran, dass Gott konsequent von unten her, nicht von
oben herab zu den Menschen kommt. Israel wird von Gott
nicht adoptiert, weil es ein prächtiges Volk ist, sondern eines,
das leicht übersehen werden kann. Der schmächtigste der
Söhne Isais wird zum Stammvater des Königsgeschlechts,
aus dem schliesslich der Messias stammt. Dieser kommt
nicht im Palast, sondern im Stall zu Welt. Er stirbt den Tod
eines Verlierers, um daraus aufzustehen und den Aufstand
gegen den Tod anzuführen und gegen alle Mächte, die dem
Tod dienen. Unsere Losung ist bloss eines von vielen Echos
darauf – und wir tun gut daran, unser Denken und Handeln
danach auszurichten.

Von: Benedict Schubert