Kategorie: Texte

5. Februar

Seht die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie
ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und
euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn
nicht viel kostbarer als sie?
Matthäus 6,26

Manchmal macht mich unser Land wütend und traurig. Für
geflüchtete oder für arme Menschen gibt es wenig Solidarität
auf Augenhöhe. Es fehlt an Mechanismen zur gerechten
Verteilung von Lebenschancen, Geld und Zukunftshoffnung.
Es fehlt an Bewusstsein, dass im Leben eben nicht allen die
Voraussetzungen geschenkt sind, säen, ernten und vorsorgen
zu können.
Aber auf gewisse Dinge bin ich stolz: so auf die schweizerische
AHV, die Alters- und Hinterlassenenversicherung. Die
Scheune, in der gesammelt wird, was dann unter allen über
65-Jährigen verteilt werden kann, wird von jenen gefüllt, die
das Glück haben, arbeiten beziehungsweise andere gegen
Geld arbeiten lassen zu können. Die AHV macht ein klein
wenig erfahrbar, was solidarisches Leben meint: Niemand
braucht sich um das eigene Leben und den morgigen Tag
zu sorgen. Alle tragen zur Sorge für das Ganze bei, und zum
Ganzen zählen auch die Vögel am Himmel und die Lilien
auf dem Feld. In der frommen Sprache von Matthäus heisst
der Versuch kollektiver Fürsorge: trachten nach dem Reich
Gottes.

Von: Matthias Hui

4. Februar

Jakob gelobte Gott: Von allem, was du mir gibst,
will ich dir den Zehnten geben.
1. Mose 28,22

Jakobs Gelöbnis steht am Ende seines berühmten Traums, in
dem er eine Treppe (oder Leiter) sieht von der Erde bis in den
Himmel und von der herab Gott ihm Land, Nachkommen,
Zukunft und zuletzt Segen zuspricht (Vers 15): «Und siehe,
ich bin mit dir und behüte dich, wohin du auch gehst, und
ich werde dich in dieses Land zurückbringen; denn ich verlasse
dich nicht, bis ich getan, was ich dir gesagt habe.» Ob
dieser umfassenden und grenzenlosen Verheissung erwacht
Jakob im Heiligtum von Beth-El (Haus des El, Haus Gottes).
Und er gelobt seinerseits, dass dieser ihm erschienene
Gott für alle Zeiten sein Gott sein soll. Und er ihm dienen
will und danken, eben mit dem Zehnten. Auch wenn
die Verzehntung schon früher im Genesisbuch vorkommt
(1. Mose 14,20), wirkt sie hier fast etwas unbeholfen und
wenig passend zu dem, was ihm im Traum widerfahren ist.
(Man geht deshalb davon aus, dass die letzten Verse ein
späterer Zusatz sind.) Aber sie soll zeigen, dass Jakob den
göttlichen Segen nicht nur dankend entgegennimmt, sondern
auch an seinem Platz etwas tun will dafür. Nicht einmalig,
sondern wiederkehrend, weil auch der Segen für immer
wirkt. Jakobs «Gelöbnis» ist eine Selbstverpflichtung, weil er
weiss, was ihm Gott Gutes getan hat. Dieser Segen hält bis
auf den heutigen Tag – und weit über ihn hinaus! Gilt das
für unsere Selbstverpflichtung auch …?

Von: Hans Strub

3. Februar

Wie kehrt ihr alles um! Als ob der Ton dem Töpfer
gleich wäre, dass das Werk spräche von seinem Meister:
Er hat mich nicht gemacht!, und ein Bildwerk spräche
von seinem Bildner: Er versteht nichts!
Jesaja 29,16

Gott sieht alles und durchschaut alles. Gott weiss, worauf
Menschen im Verborgenen sinnen, was im Untergrund
geplant wird, wo Wahrheit ins Gegenteil verkehrt wird,
wo Fake News das Feld beherrschen, wo sich Menschen
über andere erheben und besser sein wollen als jene. Wo
Geschichte umgeschrieben wird, damit sie instrumentalisiert
werden kann. Wo Zusammenhänge zwischen Schöpfer
und Geschöpf umgekehrt werden, wie hier zwischen Töpfer
und Ton oder zwischen Maler und Bild. So handle das Volk,
lässt Gott Jesaja sagen (Verse 1–15) – und man muss erwarten,
dass nun als Strafe dafür das grosse Unheil verkündet
wird. Doch dann folgt unerwartet das grosse Aber. Auch
wenn nichts von all dem bösen Tun Gott verborgen ist,
sagt er dennoch: Siehe, ich werde an diesem Volk weiterhin
wundersam handeln, wundersam und überraschend …
Und dann folgen weitere Gottessätze dieser Art, dass man
nur staunen kann (Verse 17–24)! Da stellt Gott wieder in
den Senkel, was schief war, da wird Hoffnung ganz konkret
genährt, da zeigt sich Gott als vergebender Gott, der das
Leben schenkt. Weil er es will. Für alle in allen Zeiten, wie
immer sie auch sind, was immer sie auch tun …

Von: Hans Strub

2. Februar

Ich will wachen über meinem Wort, dass ich’s tue.
Jeremia 1,12

Ich will wachen über meinem Wort, dass ich es tue. Das
sagt Gott zu Jeremia. Ausgerechnet zu Jeremia. Der nicht
zum Propheten bestimmt sein möchte. Auf gar keinen Fall.
Auch wenn es so vorgesehen sei. Er sei doch noch viel zu jung
dafür. Er wisse nicht, wie man rede.


Ich bin noch zu jung. Das kann ich noch nicht.
Ich bin schon zu alt. Das kann ich nicht mehr.
Ich bin zu beschäftigt. Dann bin ich nicht da.
Er kann das besser. Ich habe keine Ahnung.


Gott wacht über seinem Wort, dass es sich erfüllt. Unsere
Ausreden lässt er nicht gelten. Wir sind es ihm wert, dass
er uns braucht. Damit sein Wort zu blühen beginnt. Durch
alles, was wir nicht können. Es will dort blühen, wo wir ohnmächtig
sind.
Der Mann, von dem ich gestern erzählte, hätte wohl gesagt:
Was will Gott mit mir? Was will er schon mit einem Säufer?
Ich lalle ja nur. Doch Gott hat sein Wort durch ihn getan.
Ausgerechnet durch ihn. Es hat in ihm zu blühen begonnen.
Wer weiss, vielleicht ist gerade heute Ihr Tag. Oder meiner.
Vielleicht braucht es heute genau unsere Ohnmacht, damit
Gott durch uns zu Wort kommen kann.

Von: Ruth Näf-Bernhard

1. Februar

Kehrt um zu mir, spricht der HERR Zebaoth, so will ich
zu euch umkehren.
Sacharja 1,3

Zugegeben. Persönliche Bekehrungsgeschichten sind nicht
so mein Ding. Vor allem dann nicht, wenn ich den Eindruck
habe, das Vorher im Leben, vor dieser Bekehrung, werde
möglichst dramatisch dargestellt, um im Nachher die Grösse
Gottes sichtbarer werden zu lassen. Nicht dass ich eine solche
Erfahrung jemandem absprechen möchte, doch es regt
sich eher ein Aber in mir, als dass ich davon ergriffen wäre.
Bis gestern. Ein Mann sitzt da und erzählt. Mit heiserer
Stimme. Er sei nicht erkältet. Nein. Die vielen Schnäpse,
wissen Sie. Er sei nun trocken seit über dreissig Jahren. Ein
trockener Alkoholiker. Am Tiefpunkt seines Lebens habe ihn
jemand davon überzeugt, an einem Treffen der Anonymen
Alkoholiker teilzunehmen. «Und ich sage Ihnen, ich bin kein
Frömmler, aber da kam eine höhere Macht ins Spiel. Ich
wurde gehört. Ich wurde verstanden. Noch immer besuche
ich regelmässig die Treffen. Nach so vielen Jahren. Weil ich
es brauche. Dieses Versprechen, nüchtern bleiben zu wollen.
Man muss es erneuern. Sonst geht es nicht.»
Ich war ergriffen. Das Versprechen erneuern. Immer wieder.
Wenigstens für die nächsten 24 Stunden. Wenigstens für
heute dieser Macht vertrauen, dass sie da ist, wo ich bin.

Von: Ruth Näf Bernhard

31. Januar

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist
und der da war und der da kommt.
Offenbarung 1,4

Gott, bist du da? Wenn ich nicht weiss, wohin mit mir. Ich
mich fürchte vor dem Wahnsinn dieser Welt, in der Millionen
von Menschen ihre Heimat verlassen auf der Suche
nach ein bisschen Zukunft, in der Krieg und Hunger wüten.
Und mir angesichts dieser Katastrophen die eigene Angst so
lächerlich vorkommt und sie mir trotzdem den Atem raubt.
Gott, wo warst du? Als der Tod einbrach und einen geliebten
Menschen mit sich riss. Mich fassungslos zurückliess. Und
mir der vertraute Satz, dass bei dir der Tod nicht das letzte
Wort habe, nur noch hohl und schal wie ein Echo klang.
Gott, wann kommst du? Auf dass du Frieden stiftest, wo der
Krieg zerstört, sättigst, wo der Hunger quält, und endlich
Gerechtigkeit herstellst, wo die Gier regiert.
Vielleicht warst du tatsächlich immer da, bist bei mir, wirst
zu mir kommen. Im Aufatmen, das mich vom Würgegriff der
Angst befreit. In einer liebevollen Nähe mitten in Krankheit
und Sterben. Durch die Tür, die sich öffnete, als ich dachte,
ich sei am Ende meiner Möglichkeiten angelangt. In einem
heilsamen Wort im Moment des verzweifelten Verstummens.
Schenke mir das Vertrauen, Gott, dass du mit mir
gehst und schon dort bist, wo ich deinen Frieden nötig habe.

Von: Felix Reich

30. Januar

Der HERR, unser Gott, hat uns behütet auf dem ganzen
Wege, den wir gegangen sind.
Josua 24,17

Bhüet di Gott! Die Worte hörte ich oft als Kind. Und heute
sage ich sie manchmal auch. Nicht als Zauberspruch, der
imprägniert gegen die Gefahr. Wer sich von Gott behütet
weiss, ist nicht unverwundbar. Vielleicht wird er sogar durchlässiger,
aufmerksamer für die Not der andern. Der Wunsch
steht für die Einsicht, dass mein Leben nicht in meiner Macht
steht. Für die Hoffnung, dass Gott dich behütet, was dir
immer auch geschieht.
Im Buch Josua klingt der Satz wie ein Erfolgsrezept. Gott
zeigt seinen Segen, indem er sein Volk aus der Sklaverei
befreit, die Verfolger im Meer versenkt, seinem Feldherrn
Kraft und List verleiht, Kriege zu gewinnen. Die Eroberer sind
erbarmungslos: «Alles, was in der Stadt war, weihten sie der
Vernichtung mit der Schärfe des Schwerts, Mann und Frau,
Jung und Alt, Rind, Schaf und Esel.» (Josua 6,21)
Was mache ich nun mit dem Satz? Er klang so schön, jetzt
höre ich darin den Kriegslärm. Ich glaube nicht, dass Gott auf
dem Schlachtfeld kämpft. Doch ich weiss, dass Menschen ihr
Leben einsetzen für die Freiheit. In ihren Ohren erhält die
Erzählung vom wehrhaften Gott wohl einen anderen Klang.
Ich bete dafür, dass Gott sie behütet. Und dafür, dass ich
Frieden stifte, wo es in meiner Macht steht. Bhüet mi Gott!

Von: Felix Reich

29. Januar

HERR, Gott Zebaoth, tröste uns wieder; lass leuchten
dein Antlitz, so ist uns geholfen.
Psalm 80,20

Ich weiss nicht, was Trost ist. Ich weiss auch nicht, was das
Antlitz Gottes ist. Wenn ich das mit meinem Verstand
ergründen will, verirre ich mich in komplizierten abstrakten
Definitionen. Wenn ich diesen Satz aber einfach so lese, wird
mir warm und wohl. Ja, er leuchtet in mir. Ja, er vermag mich
zu trösten. Die Bitte erfüllt sich!
Aber das kann doch gar nicht sein. Und wenn schon, dürfte
ich es nicht zugeben. Wie wäre das doch kindlich und naiv.
Wie läge meine Seele blank und offen vor allen Diagnosen
aus psychologischen Lehrbüchern. Ich staune ja selber.
Meine Damen und Herren Sachverständige, und Sie alle,
die solche Worte nicht mehr hören wollen und können:
Trost? – Ein müdes Lächeln. Gottes Antlitz! – Schon wieder
der ewige Aufseher.
Aber so, wie es diesen realistischen Verdacht gibt, gibt es
auch die persönliche Erfahrung: stehen im Licht, befreit von
Ängsten und Verzweiflung. Das dauert vielleicht nicht an,
aber es geschieht immer wieder. Ich glaube, es kommt von
all den Gesichtern, die mich freundlich angesehen haben.
Von meinem ersten Lebenstag an. Vom Lächeln, das mir entgegenkommt.
Von allen wohlwollenden und interessierten
Blicken: Ich sehe dich! Ich hatte offensichtlich das Glück, dass
ich von klein auf erfahren habe: Trost, das gibt es. Ich glaube,
dass Gott selber die Begegnungen in meinem Leben in sein
freundliches Licht gestellt hat.

Von: Käthi König

28. Januar

Passt euch nicht den Massstäben dieser Welt an.
Römer 12,2

Manchmal sagt Paulus es so deutlich und präzise, besser
kann man es gar nicht ausdrücken. Und manchmal sind diese
Sätze heute noch genauso aktuell wie damals. «Schwimmt
nicht mit dem Strom.» (BigS)
Einfach aussteigen aus dem Irrglauben, dass alles immer
noch wachsen muss und auch wird. Höher, grösser, mehr.
Immer alles noch singulärer und einzigartiger. Dass jede/r
ein Anrecht auf alles hat und dieses Recht auch gnadenlos
durchsetzt. Rücksichtslos auf Kosten von anderen Menschen,
von Tieren und der Natur sowieso.
Oder wenn man sich einsetzt, dann soll es auf jeden Fall
medial gross herauskommen – dann soll es auch jede/r wissen,
dann wird der Kopf an einen alten Meister geklebt, ohne
Rücksicht auf Verluste. Auch die Aktionen dagegen folgen
dem altbekannten Schema: höher, grösser, mehr.
Die Massstäbe der Welt mit den Massstäben der Welt
bekämpfen? Gewalt mit Gewalt? Vermessenheit mit Vermessenheit?
Dummheit mit Dummheit?
Ich glaube, das hat noch nie funktioniert.
Doch wie kann es dann gehen?
«Schwimmt nicht mit dem Strom, sondern macht euch
von den Strukturen dieser Zeit frei, indem ihr euer Denken
erneuert. Dann wird euch deutlich, was Gott will: das Gute,
das, was Gott Freude macht, das Vollkommene.»

Von: Sigrun Welke-Holtmann

27. Januar

Der Gerechte ist wie ein Baum, gepflanzt an den
Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit,
und seine Blätter verwelken nicht.
Psalm 1,3

Welch ein Auftakt, der erste Psalm, Eröffnung im wahren
Sinne des Wortes. Er eröffnet eine anthropologische Weite:
«Glücklich sind die Frau, der Mann, die nicht nach den
Machenschaften der Mächtigen gehen, nicht auf dem Weg
der Gottlosen stehen.» (Psalm 1,1 nach BigS)
Aber nicht nur, was der Glückliche nicht macht, wird
beschrieben, sondern auch ganz positiv, wo ihre Lust Erfüllung
findet: an der Weisung Gottes. Und der Beter /die Beterin
hat auch ein Bild für diese Menschen vor Augen. Das Bild
eines Baums, kräftig und grün, im Saft stehend und Frucht
bringend zu seiner Zeit.
Ein starkes Bild: der mit dem Wasserbach verbundene
Baum, der seine Wurzeln alle Zeit an der Quelle hat. Und
wenn man genau hinhört, hört man vielleicht auch das Murmeln
der Weisung Tag und Nacht.
Welch ein Auftakt, und das Lied, das erklingt, ruft Resonanz
in mir hervor und Fragen beginnen zu klingen:
Wo stehe ich?
Was nährt meine Wurzeln?
Was erfüllt mich?
Welche Früchte füllen sich durch mich?
Und –
bin ich glücklich?

Von: Sigrun Welke-Holtmann