Kategorie: Texte

9. Juni

Jakob zog seinen Weg. Und es begegneten ihm
die Engel Gottes. 1. Mose 32,2

Wenn ich diese beiden knappen Sätze lese, erwarte ich, dass
was Wunder jetzt gleich geschehen wird, wenn Jakob Engel
sieht. Aber gar nichts geschieht, sondern Jakob zieht seinen
Weg weiter, um sich endlich mit Esau auszusöhnen.
Dass Jakob von der Begegnung mit Engeln unbeeindruckt
bleibt, kann ich fast nicht glauben. Ich kann es mir nur so
erklären, dass die bevorstehende Begegnung mit dem Kraftprotz
Esau ihm ganz schön Angst macht.
Bekanntlich führt Angst zu Tunnelblick. Aus solchen
Bedrängnissen kann nur eine Person mit Engelsqualitäten
mich herausholen und helfen, dass meine Sicht wieder weit
wird und die Angst entflieht.
Dazu ist Jakob noch nicht bereit. Seine Angst vor dem Bruder
ist so gross, dass selbst mehrere Engel sie nicht vertreiben
können. Darum schleicht ihm einer von ihnen hinterher und
ringt mit ihm in der folgenden Nacht und lehrt ihn, seine
Angst zu überwinden. Die ist zwar am nächsten Tag nicht
einfach weg, aber Jakob kann dem Bruder entgegentreten.
Der denkt nicht daran, alte Geschichten aufzuwärmen, sondern
schliesst seinen kleinen Bruder in die Arme.

Von: Heiner Schubert

8. Juni

Ich dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte
meine Kraft umsonst und unnütz. Doch mein Recht
ist bei dem HERRN und mein Lohn bei meinem Gott.
Jesaja 49,4

Also mein Lohn kommt immer pünktlich und der Arbeitgeber
wird mir auf der Abrechnung jeweils mit «HERR im Himmel,
Wolke 7» angegeben. Ich nehme an, das ist bei Ihnen
auch so – oder nicht? Und je nach meiner Leistung gibt es
natürlich noch einen Bonus vom Himmelreich.
Ich scherze natürlich. Auch mein Lohn wäre ohne zahlende
Kirchenmitglieder nicht möglich. Unser irdisches System
braucht es, damit wir uns überhaupt mit dem Geistigen
beschäftigen können.
Für Menschen da sein, Beziehungen aufbauen und Menschen
bis an ihr Lebensende begleiten – eine wunderschöne
und auch immer wieder aufreibende Aufgabe. Unser Tun
ist also mitnichten unnütz oder vergeblich, auch wenn die
Früchte nicht immer sofort ersichtlich sind. Wir haben Zeit,
sind für Menschen da und wir dürfen auf die wunderbare
Geschichte dieser christlichen Tradition zurückgreifen.
Das Verbindende ist doch die Tatsache, dass sich Menschen
auch schon vor vielen tausend Jahren mit genau denselben
Worten getröstet und gestärkt haben. Diese Kraft ist
es, die uns beim Bibellesen und Beten immer wieder entgegenströmt,
wunderbar.
Gottes Lohn fliesst also doppelt zu uns.

Von: Markus Bürki

7. Juni

HERR, wenn ich mitten in der Angst wandle,
so erquickst du mich. Psalm 138,7

Angst hat viele Ursachen. Bin ich besorgt, verwirrt, überfordert,
gelähmt, überwältigt, alarmiert …?
Diese Angst kann sich zeigen in Schüchternheit, Herzklopfen,
Trennungsängsten, Furcht vor Fremden, Furcht vor Tieren,
Furcht vor Neuem – Furcht vor Gott?
Wie erfahren wir in einer solchen Furchtsituation die Nähe
Gottes? Ich persönlich trage immer wieder Ängste mit mir
herum, und sie wandern häufig in den Magen, dann habe
ich so ein flaues Gefühl. Wie kann der HERR erquicken?
Vielleicht indem ich mich an ihn wende in einem kleinen
Stossgebet?
Es braucht oft gar nicht viel, ein Innehalten und Durchatmen
und häufig auch ein Relativieren. In welchen Fällen
ist es schlimm, wenn ich etwas einfach nicht schaffe in der
vorgegebenen Zeit? Priorisieren scheint da auch ein Heilswort
zu sein. Was ist wirklich wichtig im Leben und wofür
lohnt es sich, bei der Arbeit seine Fähigkeiten einzusetzen?
Beziehungen haben Vorrang! Lieber ein Hausbesuch mehr
als ein neues Konzept – lieber einen Menschen im Altersheim
besuchen anstelle eines Massenversands – lieber mit
den Kindern Zeit verbringen als teure Geschenke kaufen, die
dann im Müll landen. Und glauben, dass der HERR da ist …

Von: Markus Bürki

6. Juni

David betete: So bekräftige nun, HERR, Gott, das Wort in Ewigkeit, das du über deinen Knecht und über sein Haus geredet hast, und tu, wie du geredet hast! 2. Samuel 7,2

Das Kapitel spielt mit den verschiedenen Bedeutungen, die
das hebräische Wort «Haus» hat. Am Anfang geht es um das
Haus des Königs – den Palast, den David in Jerusalem bauen
liess. Dann taucht die Frage auf, ob es nicht auch für Gott ein
Haus geben sollte – einen Tempel, in dem er wohnen kann.
Aber diesen Bau wird David nicht mehr erleben, sondern
erst sein Sohn Salomo. Damit rückt eine dritte Bedeutung
in den Vordergrund. Nun steht das Wort für die Familie, für
die Gemeinschaft der Menschen, die in einem Haus leben.
Und für die Menschen, die das Leben in den nächsten Generationen
weitertragen werden. Im Fall des Königs ist dies
eine Dynastie, in der die Macht jeweils auf einen Thronfolger
übergeht. Der Prophet Natan gibt David die Zusage: «Dein
Haus und dein Königtum wird für alle Zeit Bestand haben.»
(Vers 16)
Der Losungsvers gehört zum Gebet, mit dem David auf
diese Verheissung antwortet. Er bittet, Gott solle das Versprechen
wahr machen. Vielleicht denkt der Text an eine
spätere Zeit, in der es in Jerusalem keinen Palast und keinen
Tempel mehr gab. Aber die Hoffnung blieb lebendig: Es wird
wieder einmal einen Nachkommen von David geben, der im
Auftrag von Gott für Gerechtigkeit sorgt.

Von: Andreas Egli

5. Juni

Harre des HERRN! Sei getrost und unverzagt
und harre des HERRN! Psalm 27,14

An mehreren Stellen im Alten Testament ertönt der Aufruf:
«Sei stark und mutig! Fürchte dich nicht und erschrick nicht!»
In einem besonderen geschichtlichen Moment bekommt
jemand einen wichtigen Auftrag. Zusammen mit anderen
soll er sich auf den Weg machen, um für das Leben einzustehen.
Er soll für das Gute kämpfen und sich von Widerständen
nicht einschüchtern lassen.
Zwei Beispiele: Josua soll an die Stelle von Mose treten, um
die Israeliten in ihr Land zu führen. Salomo soll in Jerusalem
den Tempel bauen lassen, den sein Vater David noch nicht
verwirklichen konnte. Der Aufruf ist also Teil einer Amtseinsetzung.
Im Psalm 27 wird der Satz in zwei Hälften aufgeteilt,
die wie eine Klammer den ganzen Psalm einrahmen. Die eine
Hälfte klingt am Anfang an: «Vor wem sollte ich mich fürchten?
Vor wem sollte ich erschrecken?» Im Losungsvers am
Schluss wird die andere Hälfte zitiert: «Sei stark und mutig!
Und hoffe auf den HERRN!»
So wird der Psalmbeter angesprochen, der sich von Gegnern
bedroht fühlt und Angst hat, nicht zu seinem Recht
zu kommen. Zu ihm wird gesagt: Halte das Vertrauen fest,
dass Gott dich sieht und dir beisteht. Du bist zwar keine so
herausragende Person wie einst Josua oder David. Aber auch
du bekommst von Gott einen Auftrag. Geh auf den Weg und
setze dich für das Leben ein.

Von: Andreas Egli

4. Juni

Der HERR, dein Gott, wird dir Glück geben zu allen Werken deiner Hände. 5. Mose 30,9

Mose ruft das Volk zusammen und hält die Rede, aus der
der heutige Vers entnommen ist. Er erinnert an den Bund,
den Gott mit dem Volk geschlossen hat, und redet von der
Zukunft, wenn die Israeliten wieder in ihrer Heimat sein werden
nach dem Exil. Gott, die Lebendige, wird Glück schenken
für die Werke ihrer Hände. Die Verheissung weist in die
Zukunft, in die Zukunft für das Volk.
Manchmal sehne ich mich heute nach einer Verheissung,
die mir das Herz öffnet für die Zukunft. Es ist nicht irgendeine
Verheissung, sondern eine, die Gerechtigkeit, Frieden
und die Achtung der Menschenwürde aller umfasst. Die
Verheissung bleibt nicht aus, auch wenn sie verborgen ist. Es
sind die Hoffnung und das Vertrauen in das Leben, die mich
tragen und mir helfen.
Das Werk meiner Hände mag nicht so wichtig sein, aber die
Kraft, Vertrauen zu schöpfen, ist es. Dabei denke ich besonders
an die jungen Menschen, die wie meine Grosskinder in
einer Welt aufwachsen, wo Krieg eine Realität geworden ist.
Das Werk ihrer Hände soll ihnen Glück bringen, und – was
mir wichtig ist – gesegnet sein. Und das erbitte ich vor allem
auch für die Menschen, die leiden: Ihr Leben soll gesegnet sein.

Schenke du uns und der Welt Vertrauen und Hoffnung,
Gerechtigkeit und Frieden.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

3. Juni

Der HERR macht die Blinden sehend. Psalm 146,8

Die heutige Losung ist einer Aufzählung von Gottes Fürsorge
entnommen. Das Wort «Fürsorge» ist aus unserem Wortschatz
fast ganz verschwunden. Wir wollen nicht von jemandem,
von ihrer oder seiner Fürsorge abhängig sein, sondern
selbstbestimmt leben. Alles selbst in der Hand haben. Der
Psalm spricht eine andere Sprache. Er spricht von den wunderbaren
Taten Gottes, der Lebendigen. Durch ihre Fürsorge
werden Blinde sehend, Gekrümmte können wieder aufrecht
gehen.
Sollen wir uns also nicht mehr um unsere Mitmenschen
kümmern?
Sollen wir einfach alles der Lebendigen überlassen?
Sicher nicht. Vielleicht gelingt es uns, unsere Blindheit
abzulegen und unseren Blick auf die Mitmenschen zu richten.
Ganz unverkrampft, weil uns die Lebendige mit ihrer
Zuwendung nahe ist. Das macht uns frei von der Sorge um
uns und schenkt uns Kraft und Mut. Natürlich sollen wir
uns als Sehende auch um uns kümmern. Der Blick auf die
Lebendige schenkt uns dazu Vertrauen. Und noch etwas:
Der Psalm öffnet den Blick auch auf die Weit: Nicht nur
das Leiden wird benannt, sondern der Psalm sagt uns auch,
dass wir nicht auf Fürsten bauen sollen. Die Zuwendung
der Lebendigen ist grösser, weiter, befreiend und öffnet die
Augen und die Herzen.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

2. Juni

Boas sprach zu Rut: Du bist gekommen zu dem HERRN,
dass du unter seinen Flügeln Zuflucht hättest. Rut 2,12

Noomi rechnet nicht mit Begeisterung, als sie mit ihrer ausländischen
Schwiegertochter nach Bethlehem zurückkehrt.
Rut rechnet sicher mit ziemlich viel Ärger, als Boas sie beim
Ährenlesen auf dem Acker erwischt und anspricht. Moabiter
und Israeliten rechnen beiderseits nicht damit, dass die
einen den anderen etwas gönnen könnten – sie hatten das
Heu nie auf derselben Bühne!
Boas rechnet nicht mit einer Fremden unter seinen Erntearbeitern.
Niemand rechnet mit dem, was den Beteiligten in dieser
Geschichte passiert.
Ich rechne in meinem Alltag nur selten mit dem Schlimmsten,
aber ich habe Fantasie und Realitätssinn, um mir auszumalen,
was alles dazwischenkommen kann, wenn zwei
Frauen allein unterwegs sind, wenn Menschen ohne jede
Reserve von vorn anfangen müssen.
Rechnen Sie gewöhnlich mit Chancen oder mit Risiken?
Rechnen Sie überhaupt? Oder hoffen und vertrauen Sie?
Gott rechnet nicht. Gott schenkt Boas Vertrauen. So wird
Boas’ Herz weit, und er ist freundlich, grosszügig und zuvorkommend.
Er lädt Rut gleich zum Essen ein, noch ehe sie
betteln oder sich schämen muss, und weiss, dass ihm nichts
fehlen wird, wenn er von seinem Überfluss etwas abgibt.
Man muss mit allem rechnen, sogar mit dem Guten!

Von: Dörte Gebhard

1. Juni

Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit. Johannes 1,14

Über das «Fleisch» wurde von Theologen mehr gesagt, als
an einer Metzgete je aufgetischt wurde. Mich interessiert,
wo Gottes Wort «wohnt», wörtlich bei Johannes: «zeltet».
Gottes Wort «zeltet» im Johannesevangelium von Anfang
an und in vielen Geschichten im Alten und im Neuen Testament,
die von Mitcampern erzählt und aufgeschrieben
wurden. Auch die Armen und die Reichen, die zuerst im Stall
eintreffen, kommen direkt von ihren Zeltplätzen: vom Acker
bei Bethlehem und aus dem fernen Morgenland. «Zeltete»
Jesus Christus? Er lebte ohne feste Bleibe, zog von hier nach
da. Von einem Zelt aus Stoff und Stangen ist aber nie die
Rede. Nachts schlief er wohl oft unter dem Sternenzelt. Sie
waren dreizehn Männer und reisten minimalistisch, aber oft
fehlte ihnen sogar das Nötigste. Sie gingen barfuss, aber nicht
allein. Wenn der Hunger gross war, lud sich Jesus mit allen
bei fremden Leuten zum Essen ein (Lukas 19,5).
Voller Wahrheit ist, dass Gott keine feste Adresse hat. Viele
suchen nach ihm und gehen dafür weit. Zum Beispiel Friedrich
Nietzsche oder Evelyne Baumberger vom RefLab, dem
digitalen Lagerfeuer der Zürcher Landeskirche.
Verlässt man das Haus und lässt die Seele «zelten», kommt
die volle Gnade zum Vorschein: Wir alle leben noch auf
Erden, aber schon unter Gottes Himmelszelt.

Von: Dörte Gebhard

31. Mai

Wie schwer sind für mich, Gott, deine Gedanken!
Wie ist ihre Summe so gross! Psalm 139,17

Das Staunen über die Schöpfung ist ein Grundton im
Psalm 139. Im Unterschied zu bekannten Bibeltexten geht
es hier nicht um das Werden von Himmel und Erde. Über
die Entstehung des Lebens wird auf eine ganz andere Art
geredet. Der Psalmbeter denkt darüber nach, wie sein eigenes
Leben angefangen hat: als winziger Embryo im Schoss
der Mutter. Er sagt zu Gott: «Du hast mich gewoben im Leib
meiner Mutter. Schon damals haben mich deine Augen gesehen.
» Der Losungsvers fasst die Verwunderung in Worte.
Wenn Gott es ist, der Leben ermöglicht, dann kann man
über seine Ideen nur staunen: «Und mir, wie kostbar sind
mir deine Ideen, o Gott! Wie mächtig sind ihre Zahlen!»
Man könnte versuchen, Gottes Gedanken durch Messen
und Zählen in den Griff zu bekommen. Aber der Plan scheitert,
denn die Zahl ist viel zu gross. «Ich will sie zählen – sie
sind zahlreicher als der Sand.» Die eifrigen Überlegungen
haben zu einem Zustand geführt, der dem Traum ähnlich ist.
Doch der Beter kehrt zurück in die Realität und sagt: «Ich
bin aufgewacht – und ich befinde mich immer noch in der
Gemeinschaft mit dir.» (Vers 18) Hier liegt der eigentliche
Grund für das Staunen.
Der Beter kennt einen Gott, der zu ihm sagt: «Ich bin bei
dir. Ich begleite dich und zeige dir den guten Weg, an allen
Tagen deines Lebens.»

Von: Andreas Egli