Autor: Barbara und Martin Robra

15. August

Kommt, lasst uns anbeten und knien und niederfallen vor dem HERRN, der uns gemacht hat. Psalm 95,6

Ehrlich gesagt: Ich knie nicht oft. Aber doch …
Heute kniete ich im Gemüsebeet. Wenn ich mich zu den
kleinen Pflanzen niederbeuge, schmerzt nach einiger Zeit
mein Rücken. Also knie ich mich lieber nieder – Gottes
Schöpfung kommt mir so näher.
Knien um anzubeten war mir fremd – und doch hat es
mich fasziniert. Mir war bewusst, dass mein Aufrechtstehen
und -gehen nicht selbstverständlich ist. Natürlich kannte ich
sitzen und liegen – aber knien? Das klingt nach Unterwerfung.
Niemals!
Aber dann versuchte ich zu verstehen und lernte: Knien
heisst sich selbst zurücknehmen und Beziehung wahrnehmen.
Ich konzentriere mich auf Gott, ich trete bewusst mit
Gott in Beziehung.
Welches Glück und welche Freude sprechen aus diesem
Ruf: Kommt, lasst uns anbeten und knien! Sind wir nicht Teil
von Gottes wunderbarer Schöpfung?
Ich freue mich schon darauf, das nächste Mal im Gemüsebeet
zu knien.

Von: Barbara und Martin Robra

14. August

Leben und Wohltat hast du an mir getan, und deine Obhut hat meinen Odem bewahrt. Hiob 10,12

Als ich «Hiob» las, dachte ich: nein. Als ich den Text las,
dachte ich: ja. Warum?
Zunächst und zuallererst: Es geht um mich und um Gott.
Ganz direkt – ohne Herumgerede.
Mit zwei schlichten Verben spricht der Vers von dem, was
Gott tut und immer schon getan hat: tun, bewahren. Gott
ist aktiv, Gott schafft und bewahrt seine Schöpfung. Gut.
Wie grossartig dieses göttliche Tun ist, wird durch vier Substantive
ausgemalt: Leben, Wohltat, Obhut, Odem. Leben
und Wohltat hat Gott erwirkt. Leben – wir sind nichts ohne
Leben. Wie oft nehmen Menschen dieses Leben als gegeben,
selbstverständlich … und wie oft nehmen Menschen anderen
Menschen das Leben, ohne mit der Wimper zu zucken,
selbstverständlich … Und doch: Gott will das Leben und das
Wohl aller – nicht nur mein eigenes. Wie gering ich auch
bin – Leben und Gutes habe ich Gott zu verdanken.
Dann: Gottes Obhut hat meinen Odem bewahrt. Gottes
Fürsorge bewirkt, dass wir immer noch und trotz alledem
atmen und leben können.
Diese Substantive stehen fest und wanken nicht. Und Gott
hat geschaffen, er wirkt und er wird bewahren. Es geht um
Gott und um mich. Es bleibt dabei. Punkt.

Von: Barbara und Martin Robra

15. Juni

Siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker; aber über dir geht auf der HERR, und seine Herrlichkeit erscheint über dir. Jesaja 60,2

Finsternis und Dunkel – wenn die Nacht der Welt enden
soll, denken wir gleich an die Sonne, die aufgeht und deren
Licht hell strahlt und leuchtet. Da ist keine Angst mehr oder
Furcht, da ist das ganze Leben offensichtlich, erhellt und
durchleuchtet von den Strahlen der Sonne.
Aber Jesaja beschreibt als Gegensatz zu Finsternis und Dunkelheit
nicht den Aufgang der Sonne – sondern den Aufgang
des Herrn. Und den beschreibt er mit allen Einzelheiten.
Jesaja bleibt in unserem menschlichen Denken, Fühlen und
Erleben – und transzendiert dieses Bild ins Spirituelle, Göttliche:
Die Sonne wird nicht mehr unser Licht sein, das die
Dunkelheit der Nacht verwandelt in den hellen Tag – nein,
Gott wird unser ewiges Licht sein. Die Sonne wird nicht mehr
untergehen und erneuter Dunkelheit Zeit und Raum geben
– nein, Gottes ewiges Licht wird Tage der Angst und Nächte
der Trauer verwandeln in Freude.
Unmöglich? Nein – heb deinen Kopf, mach die Augen auf
und schau! Und du wirst sehen! Es ist hell! Mach dich auf und
werde Licht! Auch du kannst Finsternis und Dunkel, Angst
und Trauer vertreiben. Worauf wartest du noch?

Von: Barbara und Martin Robra

14. Juni

Ich will ihnen ein Herz geben, dass sie mich erkennen
sollen, dass ich der HERR bin. Jeremia 24,7

Wem will Gott ein Herz geben? Wer hat denn kein Herz?
Gibt es das?
Sicherlich – denn wir reden ja von herzlosen Menschen.
Ein herzloser Mensch ist blind für die Mitmenschen und
für Gott, hart und kalt – beziehungsunfähig. Herzlosigkeit
hat keine Zukunft. Gott hat die Gefangenen Judas weggeschickt
ins Land der Chaldäer. Doch nun will er ihnen ein
Herz geben, dass sie Gott erkennen sollen.
Dies soll ein Neuanfang sein, eine Wende zum Guten, ein
Versprechen auf Zukunft. Alles andere soll verflucht sein an
allen Orten der Welt, mit allem, was dazugehört: Schwert,
Hungersnot, Pest.
Müssen Menschen erst in die Gefangenschaft geraten,
bevor in ihnen ein Herz schlägt, das sie fühlen lässt? Fühlen
lässt, worauf es wirklich ankommt im Leben: Gott lieben und
damit die gesamte Schöpfung.
Müssen Menschen erst ihre Freiheit verlieren, bevor sie
begreifen, welche Aufgabe Schmiede und Schlosser haben:
Pflugscharen schmieden statt Schwerter. Soll nicht alles, was
wir tun, dem Leben dienen und nicht der Macht?
Gott liebt es, zu pflanzen und zu bauen – warum sollten wir
dann nicht auch liebevoll eine lebendige Zukunft pflanzen
und bauen?

Von: Barbara und Martin Robra

15. April

Vor dem HERRN her kam ein grosser und gewaltiger Sturmwind, der Berge zerriss und Felsen zerbrach,
in dem Sturmwind aber war der HERR nicht. Und nach dem Sturmwind kam ein Erdbeben, in dem Erdbeben aber war der HERR nicht. Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer, in dem Feuer aber war der HERR nicht. Nach dem Feuer aber kam das Flüstern eines sanften Windhauchs. 1. Könige 19,11–12

Elia begegnet Gott am Berg Horeb. Dort hatte er nach dem Blutbad an den Baalspropheten vor dem Zorn Isebels Zuflucht gesucht. Gottes Kommen wird durch eine Reihe von Naturereignissen angekündigt. Jedoch je näher Gott kommt, steigert sich nicht die Macht und Gewalt der Ereignisse. Im Gegenteil: Nach gewaltigem Sturmwind, Erdbeben und Feuer beginnt Gott erst beim «Flüstern eines sanften Windhauchs» mit Elia zu sprechen.
Dass Gott sich in der Stille finden lässt und zu sprechen beginnt, ist eine Erfahrung christlicher Mystiker wie Hildegard von Bingen oder Meister Eckhart. Auch du kannst die Stille in dir selbst hören. Sie öffnet einen meditativen Weg zum Gebet, den du jederzeit beschreiten kannst. Was du brauchst, ist Zeit für dich selbst, um ganz ruhig zu werden, dem Nichts Raum zu geben in dir und darin Gottes Nähe und Zuspruch zu spüren.

Von: Barbara und Martin Robra

14. April

David sprach zum HERRN: Ich habe schwer gesündigt, dass ich das getan habe. Und nun, HERR, nimm weg die Schuld deines Knechts. 2. Samuel 24,10

Ob in der Thora, den Schriften der Propheten, den Geschichtsbüchern oder Psalmen – in der ganzen hebräischen Bibel geht es immer wieder um das falsche Vertrauen der Mächtigen in ihre Schwerter und Streitwagen an Stelle der Hilfe des lebendigen Gottes. Immer wieder entsteht dadurch Unheil. Hier lässt David die wehrfähigen Männer zählen, zahlt aber nicht das dafür vorgeschriebene Kopfgeld. Dadurch riskiert er das Leben von wahrscheinlich 70 000 Männern, die als Strafe Gottes an der Pest erkranken. Grausig.
Zehn Tage nach Ostern wird der Kontrast zwischen der Welt dieses Textes und der Botschaft vom Neuanfang und Sieg des Lebens über Sünde und Tod in Kreuzigung und Auferstehung Jesu nur umso deutlicher. «Christus ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden», grüssen sich vor allem orthodoxe Christinnen und Christen in der Osterzeit. So ermutigen sie sich gegenseitig. In den Rufen nach Waffen und Armeen wächst die Angst. Im Licht der Osternacht leuchtet Hoffnung auf.
Herr, vergib uns unsere Schuld, gib uns deinen Frieden und das Leben, das du uns in Christus schenkst.

Von: Barbara und Martin Robra

15. Februar

Seid untereinander freundlich und herzlich
und vergebt einer dem andern, wie auch Gott
euch vergeben hat in Christus.
Epheser 4,32

Paulus spricht im Epheserbrief von drei Dimensionen, die zu einer gelingenden Gemeinschaft gehören.
Die erste Dimension ist eine zwischenmenschliche Haltung: Seid untereinander freundlich – einander zugewandt, respektvoll, vertrauensvoll, gütig.
Die zweite ist zutiefst körperlich: Seid herzlich! Das betrifft die Mitte des Lebens, das Herz als Sitz aller Gefühle, lebendig pulsierend, Liebe verströmend, zugleich verletzbar und zerbrechlich.
Die Angst vor Verletzbarkeit und Vergänglichkeit steht oft bedingungsloser Liebe im Weg.
Die dritte ist eine spirituelle Aufforderung: Vergebt einander! Und das ist wirklich und wahrhaftig nur möglich, weil Gott uns vergeben hat in Christus.
Damit eröffnet sich eine Dimension in unserer Wirklichkeit, die zuvor verborgen, ja nicht einmal denkbar war. Eine revolutionär neue Qualität der Gemeinschaft schenkt Gott der Welt in Christus. Das Drama des Kreuzestodes wird die Basis gelebter Liebe in gegenseitiger Vergebung.

Von: Barbara und Martin Robra

14. Februar

So hatte nun die Gemeinde Frieden in ganz Judäa und Galiläa und Samarien und baute sich auf und lebte in der Furcht des Herrn und mehrte sich unter dem Beistand des Heiligen Geistes. Apostelgeschichte 9,31

Mit der Bekehrung des Saulus zum Paulus vor Damaskus kommt die erste Christenverfolgung in den mehrheitlich von Juden bewohnten Provinzen Palästinas an ihr Ende. Christliche Gemeinden in diesem Gebiet können nun in Frieden leben und Paulus kann mit der Verkündigung des Evangeliums unter den Völkern beginnen.
Frieden in Judäa, Samarien und Galiläa – wer heute die Namen dieser römischen Provinzen benutzt, denkt an das Land zwischen Jordan und Mittelmeer als von Israeli besiedeltes oder annektiertes Gebiet. Davon träumen die jüdischen Siedler – aber zum Frieden in der Region tragen sie so nicht bei.
Lasst uns trotzdem nicht aufhören, auf Frieden zu hoffen – überall und ganz besonders auch für Israel und Palästina. Und lasst uns Frieden schaffen ohne Waffen – aber mit der Furcht des Herrn und dem Beistand des Heiligen Geistes. Das gab den ersten Christinnen und Christen und ihren Gemeinden Kraft und Mut, Salz der Erde und Licht der Welt zu sein. Zuerst und zuletzt aber ist und bleibt der Frieden, den Gott gibt!

Von: Barbara und Martin Robra

15. Dezember

Gott hat auch seinen eigenen Sohn nicht verschont,
sondern hat ihn für uns alle dahingegeben – wie sollte
er uns mit ihm nicht alles schenken? Römer 8,32

Alle Jahre wieder bereiten wir den Weihnachtsgottesdienst
mit den Kindern des Dorfes vor. Einmal fragte ich: «Warum
feiern wir eigentlich Weihnachten?» Überrascht blickten
mich die Kinder an, und ohne lange nachzudenken, meinten
sie übereinstimmend: «Weil wir Geschenke bekommen!»
Kein Wort von der Geburt des Gottessohnes. Trotzdem
freute ich mich. So ganz falsch ist die Antwort ja nicht – sie
ist sogar goldrichtig. Ist nicht die Geburt Jesu das grösste
Geschenk für die ganze Menschheit? Dieses grosse Geschenk
der Geburt Jesu und mehr: das ganze Leben Christi, sein Tod
am Kreuz und seine Auferstehung, das ewige Leben – all das
ist Gottes Geschenk für uns.
Das ganze Leben Christi für unser aller Leben, für das Leben
der gesamten Schöpfung – Felsen, Wasser, Pflanzen, Tiere
und Menschen. Einer für alle.
Einer für alle – alle für einen. Das ist seit fast zweihundert
Jahren ein traditioneller Wahlspruch der Schweiz. In grossen
Naturkatastrophen führte dieses Motto zu tatkräftiger Solidarität.
Bezeugt in der damaligen Presse und in zahlreichen
politischen Dokumenten wird der Wahlspruch in der Gründung
des Bundesstaates bekräftigt.

Von: Barbara und Martin Robra

14. Dezember

Wenn ich rufe zu dir, HERR, mein Fels,
so schweige mir nicht. Psalm 28,1

«Felsen reden – sie vollenden unsere Gebete.» Das haben
wir von Stan McKay gelernt. Stan gehört zur Fisher River
Cree Nation in Kanada. Er war nicht nur Moderator der
United Church of Canada, sondern auch der Kommission
des Ökumenischen Rates der Kirchen für Gerechtigkeit, Frieden
und Schöpfung. Stan erzählte die alte Überlieferung
der Cree: «Nachdem die Felsen geschaffen wurden, fragte
sie Schöpfergott, was sie für die Schöpfung tun wollten. Die
Felsen antworteten, sie werden für die Menschen beten.»
Die Cree sind überzeugt: Felsen treten für die Menschen ein.
Auch in der Bibel sind Felsen lebendige Wesen der Schöpfung.
Als das Gottesvolk in der Wüste lagerte und um Mirjam
trauerte, als es weder Nahrung noch Wasser gab, als
Durst und Verzweiflung schier unerträglich waren, sprach
Gott zu Mose: «Rede mit den Felsen! Sie werden euch Wasser
geben.»
Felsen reden – aber wir hören ihre Botschaft nicht. Wir
leben zu flüchtig und zu schnell. Felsen haben viel mehr Zeit,
Millionen und Milliarden von Jahren. Mit Felsen reden, mit
Pflanzen reden, mit Tieren reden, mit Menschen reden – das
ist fortwährende Kommunikation mit Gott. Die Gemeinschaft
des Lebens ist eine Gebetsgemeinschaft. Sie wird
unsere Gebete zu Gott vollenden. Sie zeugt von Respekt, sie
stiftet Vertrauen und schenkt Liebe.

Von: Barbara und Martin Robra