Autor: Barbara und Martin Robra

13. Juli

Ruben sprach zu seinen Brüdern: Vergiesst nicht Blut! 1. Mose 37,22

Ruben schreckt zurück vor dem Blutvergiessen. «Verflucht
seist du auf der Erde, die ihr Maul hat aufgetan und deines
Bruders Blut von deinen Händen empfangen» (Genesis
4, 11). Das alte Tabu hat seine Wirkung. Kein Brudermord
also wie bei Kain und Abel.
So wird Joseph gerettet und er kann sogar zu Pharaos Ratgeber
aufsteigen. Derselbe Joseph, den sie töten wollten,
wird seine Brüder und ihre Familien vor dem Hungertod
bewahren.
Nur wo der Gewalt Grenzen gesetzt werden, kann Leben
geschützt und ein Weg zum Frieden zwischen Feinden offengehalten
werden. Grenzenlose Gewalt, wie beim Einsatz von
Atomwaffen, führt zu totaler Zerstörung. Mit der Gründung
der Vereinten Nationen sollte internationales Recht die
Kriegsfurie zähmen und für Frieden und Sicherheit sorgen.
Seither gibt es beides: Beispiele für gelungene Friedensprozesse
und für ihr Scheitern.
Noch wissen wir nicht, welche Wendung der Krieg in der
Ukraine nehmen wird. Solange es diesen und andere Kriege
gibt, werden wir nicht aufhören, Wege des Friedens zu gehen
und zu beten:
Herr, gib uns deinen Frieden.

Von: Barbara und Martin Robra

12. Juli

HERR, schone dein Volk und lass dein Erbteil nicht
zuschanden werden!
Joel 2,17

Der Erbteil – Nachala im Hebräischen – bezeichnet das Land,
das einer Familie anvertraut ist, für das sie Sorge trägt und
von dem sie lebt. Der Erbteil soll für die Familie über Generationen
bewahrt werden. Dieses Land ist aber nicht ihr
Eigentum. Grundsätzlich bleibt es Erbteil Gottes, Erbteil der
Lebendigen, der wir alles Leben verdanken.
Die Gabe des Lebens ist und bleibt Gottes Gabe. Es ist ein
fataler Irrweg, zu glauben, dass Menschen als Herren und
Meister die Natur nach ihrem eigenen Willen ausbeuten und
umgestalten könnten. Das grosse Projekt der Aneignung der
Natur mit maximalem Profit führt in die Katastrophe.
Ein heilsamer Weg in die Zukunft tut sich auf, wenn wir uns
als Teil der Schöpfung erkennen und einen achtsamen und
sorgsamen Umgang mit allen Gaben der Lebendigen einüben.
Das wird ganz konkret in unseren eigenen Entscheidungen
– z. B. wie wir von unserem Stimmrecht Gebrauch
machen, welche Technologien wir fördern, wie wir heizen
oder uns fortbewegen, worauf wir für unsere Zukunft zählen.
Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott, auf all unseren Wegen
und hilf uns, weise und achtsame Entscheidungen zu treffen.

Von: Barbara und Martin Robra

13. Mai

Ich bin bei dir, dass ich dir helfe und dich errette,
spricht der HERR.
Jeremia 15,20


Jeremia wird nicht müde, dem Volk zu sagen, dass allein
Gott Jerusalem vor den Feinden retten kann. Keine Kampfwagen,
Schwerter, Spiesse und Schilde, kein Bündnis mit
dem Pharao in Ägypten werden den Feind aufhalten. Nur
die vereinten Kräfte des Volkes im Bund mit Gott werden
etwas ausrichten können.
Jeremia ruft auf, versklavte Schuldner zu befreien, ihnen
ihre Schuld zu vergeben, Brot, Wasser und Früchte gerecht
zu verteilen – kurz: einen Neuanfang als Gemeinschaft zu
wagen. Für einen Moment scheint es, als ob der König und
seine Beamten auf ihn hörten, doch dann bleibt alles beim
Alten. Das Volk kann seine Kraft nicht entfalten. Viele werden
gefangen weggeführt ins Exil.
Wie damals wird Jeremias Botschaft heute nicht leicht Gehör
finden – gerade auch dann, wenn deutlich wird, dass Gott
in Christus Frieden will nicht nur für sein Volk, sondern für
alle Menschen aus allen Völkern, die zur einen Familie der
Menschheit gehören. Das mag utopisch klingen, aber ein
dauerhafter Friede wird nur ein gerechter Friede für alle sein.
Der Weg dorthin wird nicht einfach sein. Haben wir genug
Gottvertrauen, um weiterzugehen trotz aller Widerstände?

Von: Barbara und Martin Robra

12. Mai

Sie werden weinend kommen, aber ich will sie
trösten und leiten. Ich will sie zu Wasserbächen führen
auf ebenem Wege, auf dem sie nicht straucheln; denn
ich bin Israels Vater.
Jeremia 31,9


Zeitenwende – ein Wort, das Karriere gemacht hat im vergangenen
Jahr. Wer das Wort benutzt, will damit sagen,
dass Erfahrungen und Regeln, die bisher gültig waren, nicht
mehr die Richtung angeben können. Neue Risiken müssen
eingegangen werden. Die Regeln des Krieges übernehmen
das Zepter!
Ist das wirklich die Botschaft, auf die Opfer von Krieg und
Gewalt warten? Der Prophet Jeremia spricht eine Sprache,
die ihren Ursprung in liebevollen Beziehungen hat. Gott
sieht die Weinenden. Sie sollen Trost und frisches Wasser
finden. «Unser Vater», wird Jesus später beten, Er wird eine
wirkliche Zeitenwende ankündigen: «Geheiligt werde dein
Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe im Himmel
wie auf Erden. Unser tägliches Brot gibt uns heute. Vergib uns
unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von
dem Bösen.»
Gott, unsere Mutter und unser Vater, höre unser Gebet für
eine neue Zeit, denn dein ist das Reich und die Kraft und die
Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Von: Barbara und Martin Robra

13. Januar

Fürchtet euch nicht und erschreckt nicht!
Hab ich’s dich nicht schon lang hören lassen und
es dir verkündigt? Ihr seid doch meine Zeugen!

Jesaja 44,8

Albträume können zermürben. Wie zerschlagen wacht man
auf und ist doch dem Schrecken nicht vollends entkommen.
Es kann durchaus sein, dass sich derselbe Traum in einer
anderen Nacht wiederholt. Manchmal gelingt es, sich aus
dem Traum zu stehlen und aufzuwachen. Aber auch dann
bleibt oft ein Gefühl der Bedrohung und Unsicherheit.
Was aber, wenn das Leben insgesamt zum Albtraum wird?
Viele haben sich in den letzten Jahren mit Pandemie, Krieg,
Klimakrise und Inflation mehr und mehr in einem grossen,
kollektiven Albtraum wiedergefunden. Andere haben zu
kämpfen – mit Trennung, Alleinsein, Verlust. Vertrauen,
Hoffnung und Solidarität drohen verlorenzugehen und mit
ihnen der Glaube seine Kraft zu verlieren.
So darf es nicht weitergehen! Wacht aus eurem Albtraum
auf! Vergesst nicht das gute und lebendige Wort Gottes, das
euch in Jesus begegnet ist. Verstummt nicht. Gott will, dass
ihr als Zeugen Gottes in dieser Welt lebt. Seid mutig vor Gott
und den Menschen!

Von: Barbara und Martin Robra

12. Januar

Nun, Israel, was fordert der HERR, dein Gott, noch von
dir, als dass du den HERRN, deinen Gott, fürchtest, dass
du in allen seinen Wegen wandelst und ihn liebst und
dem HERRN, deinem Gott, dienst von ganzem Herzen
und von ganzer Seele?
5. Mose 10,12

Es ist alles gesagt. Worauf kommt es jetzt noch an? Darauf,
wie du lebst, wie du liebst!
Nichts ist gleichgültig oder beliebig. Es genügt nicht, moralischen
Regeln zu folgen – auch wenn es die Zehn Gebote
sind, die Gott Mose als Wegweisung für das Volk Israel gegeben
hat.
Gott fordert mehr als das: ein Leben, das nicht nur mit Verstand
und klugem Kalkül auf Gottes Gebote ausgerichtet ist,
sondern Gott mit einer Liebe folgt, die mit Herz und Seele
Lebenskraft und Lebenssinn umgreift. Im Dienst Gottes entfaltet
sich das Leben in seiner Fülle. Was Gott fordert, gibt
Gott auch.
Liturgie nach der Liturgie nennen orthodoxe Christinnen
und Christen das diakonische Handeln, das der Feier der frei
mitgeteilten Liebe Gottes im Abendmahl folgt. Diese Liebe
hält alles zusammen und bewegt zugleich alles. Sie nimmt
uns mit – heute, morgen und alle Zeit. Darauf hoffen wir.

Von: Barbara und Martin Robra

13. November

Gideon sprach zu dem Herrn: Hab ich Gnade   vor dir gefunden, so mach mir doch ein  Zeichen, dass du es bist, der mit mir redet.                 Richter 6,17

«Gott hört unsere Bitten», sagen beide, Lehrtext und Gebet, die diese Tageslosung begleiten. Gideon ist mit Gottes Zusicherung nicht zufrieden. Er möchte ein besonderes Zeichen haben. Darin ähnelt er Thomas, der nur dann an die Auferstehung Jesu glauben will, wenn er seine Finger in die Wundmale gelegt hat. Jesus erfüllt ihm den Wunsch, aber er sagt:

«Weil du mich gesehen hast, Thomas, darum glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!»

Glauben, das heisst: Gott ganz und gar vertrauen (Hebräer 11,1). Wie unser ganzes Leben, so ist solches Vertrauen ein Geschenk Gottes, das wir uns nicht einfach nehmen können. Schon bei kleinen Kindern können wir sehen, dass Vertrauen und Respekt elementar wichtig sind für ein gelingendes Leben. Und es bestätigt sich jeden Tag in unserem Zusammenleben mit Menschen und Tieren gleichermassen.

Vertrauen ist ein kostbares Geschenk. Es kann viel zu leicht zerstört und verspielt werden. Wo immer das geschieht, wachsen Misstrauen und Zweifel. Was dann bleibt, ist hoffentlich der Glaube an Gott, der uns in Christus und seiner Liebe begegnet. Hab ich Gnade vor dir gefunden, Christus, lass mich glauben und vertrauen!

Von Barbara und Martin Robra

12. November

Die Erlösten des HERRN werden heimkehren. Wonne und Freude werden sie ergreifen, aber Trauern und Seufzen wird von ihnen fliehen.               Jesaja 51,11

Heimkehren – das war der Wunsch aller, die ins babylonische Exil verschleppt wurden. Mit Worten spricht Jesaja zu ihren Herzen.

Heimkehren – das ist die Sehnsucht vieler Flüchtlinge, Migrantinnen und Migranten, die in Schweizer Städten und Dörfern Zuflucht und neues Leben gefunden haben. Besten falls gelingt die Integration mit Hilfe von Kolleginnen und Kollegen und guten Nachbarn. Aber Heimat?

«Wo meiner Füsse Spuren sind, da ist meine Heimat.» Eine Lithographie des katalanischen Künstlers Antoni Tàpies zeigt einen blutroten Fussabdruck und Zeichen für den Wandel der Zeit. Tàpies hat den Bürgerkrieg erlebt. Im Krieg kann Heimat brennen und zur Hölle werden. Dann liegt Heimat nicht nur hinter uns in der Vergangenheit, die wir nicht festhalten können. Heimat ist der Lebensraum, den wir bewusst erkunden und gestalten – wenn der Weg uns weiterführt. Heimat wird das, wonach wir uns sehnen.

Heimkehren – das kann auch heissen, auf das Ziel zugehen, das Gott uns verheissen hat.

Von Barbara und Martin Robra

13. September

Der HERR ist meine Macht und mein Psalm und ist mein Heil. Psalm 118,14

«Danket dem Herrn, denn er ist freundlich und seine Güte währet ewiglich!» So beginnt Psalm 118 und so endet er: als ein Loblied der Rettung aus Verfolgung, Angst und Not durch die Gnade Gottes. Der Vers ist vertraut. Viele sprechen ihn täglich als Tischgebet. In unserer Familie wird er als Tischsegen am Ende der Mahlzeit gesungen.
Martin Luther baute auf diesen Psalm, der ihn gegen alle Anfechtungen in den freien Raum der Gnade Gottes rief:
«Der Psalm hat sich auch gar oft redlich um mich verdient gemacht und mir aus manchen grossen Nöten geholfen, wo mir sonst kein Kaiser und keine Könige, keine Weisen, Klugen oder Heiligen hätten helfen können.»
Doch hilft er uns heute, uns der lähmenden Angst angesichts von Krieg, Klimakrise, Hunger und Ungerechtigkeit zu stellen? Hilft er uns, eine Hoffnung zu finden, die uns die Mächtigen und Einflussreichen dieser Welt nicht geben können? Wird er für uns heute Sprachschule der Güte und Gnade Gottes auch über das Tischgebet hinaus?
In Luthers Verständnis sprach der Psalm von Christus und dem kommenden Gottesreich als dem verlässlichen Grund der Hoffnung. Darin folgte Luther später Dietrich Bonhoeffer. So wurde im Beten des Psalms Christus ihre Kraft, ihr Lobpreis und ihre Rettung.

Von Barbara und Martin Robra

12. September

Was wir gehört haben und wissen und unsere Väter uns erzählt haben, das wollen wir nicht verschweigen ihren Kindern. Psalm 78,3–4

Kinderbibelwochen in den Schulferien gehören zu unseren schönsten Erinnerungen als Familie. Tag für Tag wurden biblische Geschichten erzählt und erspielt. Es wurde viel gebastelt, gekocht, gegessen, gesungen und am Samstagnachmittag miteinander ein Familiengottesdienst gefeiert. Der Gottesdienst am Sonntagmorgen blieb der Kerngemeinde vorbehalten. Niemand musste sich berufen fühlen, eine quirlige Kinderschar und die jungen und nicht so jungen Erwachsenen, die sie begleiteten, zu ermahnen. «Haben Sie kein leises Brot?» beklagte sich eine Dame, als unsere Tochter in einem sonntäglichen Familiengottesdienst an einem Knäckebrot knabberte. «Frau Leisebrot» war fortan in unserer Familie die Bezeichnung für eine Person, die sich nicht auf Kinder einlassen kann.
Zur Identität einer Gemeinschaft gehört das Narrativ, das sie mit ihrer Vergangenheit verbindet und in ihre Zukunft weist. Einem Traditionsabbruch geht der Verlust der Erzählgemeinschaft gerade auch mit Kindern voraus. Die Thora erinnert deshalb das jüdische Volk immer wieder: «Höre Israel und erzähle die Geschichte deiner Rettung durch Gott immer weiter von Generation zu Generation.» Psalm 78 tut genau das im Auftrag Gottes: «Höre, mein Volk, meine Weisung (Thora)!» (Psalm 78,1)

Von Barbara und Martin Robra