Autor: Barbara Heyse-Schaefer

22. April

Alle Schrift, von Gott eingegeben, ist nütze zur Lehre, zur Zurechtweisung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit. 2.Timotheus 3,16

Ein in Österreich lebender koreanischer Pfarrer fragte mich einmal, ob er an der Wiener Uni christliche Pädagogik lernen würde. Ich dachte an die lange Entwicklung der Pädagogik und ihre Loslösung von ihren christlichen Wurzeln – und verneinte. Doch im Gespräch wurde mir klar: Für ihn war vieles von dem, was hier gelehrt wird, zutiefst christlich. Moderne Pädagogik wurzelt nicht nur in der griechischen paideía, sondern auch im biblischen Menschenbild, das die unverlierbare Würde des Menschen, seine Lern- und Beziehungsfähigkeit sowie die Notwendigkeit von Orientierung, Korrektur und Vergebung betont.
Paulus erinnert seinen Schüler Timotheus daran, dass ihm für seinen Auftrag der Lehre und Gemeindeleitung bereits alles Wesentliche gegeben ist. Die Schriften der hebräischen Bibel sind ihm vertraut – und Paulus beschreibt sie mit Begriffen, die zutiefst pädagogisch sind: Lehre, Zurechtweisung, Besserung und Erziehung.
Das Ziel ist Persönlichkeitsbildung und Erziehung zur Gerechtigkeit. Letztere beginnt im Lernen von Empathie, zeigt sich im Schutz der Schwachen und mündet in ein Verständnis von Gerechtigkeit, das mehr meint als Gleichbehandlung, nämlich Chancengerechtigkeit, damit Leben gelingen kann.

Von: Barbara Heyse-Schaefer

21. April

Gott, du bleibst, wie du bist, und deine Jahre
nehmen kein Ende. Psalm 102,28

Menschen straucheln und fallen, ihre Macht und ihr Einfluss sind vergänglich. Gott bleibt unveränderlich, beständig wie ein Fels, ewig in seinem Wesen, zuverlässig in seinem Handeln. Dieser Gedanke gibt vielen Menschen Halt und Stütze in unsicheren Zeiten.
Doch dieses Gottesbild ist mir persönlich zu unnahbar und zu unbeweglich. Die Bibel zeigt doch auch, dass Gott in der Beziehung mit uns Menschen «mitgeht». Es gereut ihn, er verändert sein Handeln als Antwort auf unser Denken und Handeln.
Gottes Wesen bleibt treu, aber sein Wirken zeigt Dynamik: Er begegnet uns in Liebe, Geduld und Gnade, angepasst an unsere Not, unsere Fragen und unsere Entwicklung.
So ist Gott nicht statisch, sondern in einer Beziehung zu uns erfahrbar. Er wächst mit uns, reagiert auf uns, lädt uns ein, zu antworten, zu lernen und zu handeln.
In dieser Spannung aus Beständigkeit und Beziehung liegt für mich Hoffnung: Wir können uns auf Gott verlassen, und zugleich dürfen wir erfahren, dass unser Gebet, unsere Begegnung mit ihm das Leben verändert – nicht nur unser eigenes.

Von: Barbara Heyse-Schaefer

22. Februar

Die Elenden werden wieder Freude haben am HERRN, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels. Jesaja 29,19

Hilfe für die Ärmsten und Obdachlosen in Wien: Jeden zweiten Mittwoch fährt meine Freundin Bigi mit einem Caritas-Bus zu vier Plätzen an Wiener Bahnhöfen. Ein Team Freiwilliger kocht zuvor einen grossen Topf duftender Suppe, den sie gemeinsam mit einer zweiten Frau austeilt. Ganz niederschwellig – jede und jeder ist willkommen gratis auf eine warme Mahlzeit und ein Stück Brot.
Viele, die kommen, kämpfen mit Alkohol, doch sie lachen miteinander, geniessen das Zusammensein. Manchmal spielt jemand Musik, und es wurde sogar schon getanzt. Natürlich gibt es auch Kritik, wenn die Suppe einmal nicht so schmeckt.
Einer, der schon öfter wegen kleiner Delikte im Gefängnis war, verkauft nun den «Augustin», eine Strassenzeitung, produziert von obdachlosen Menschen. Er hat dadurch ein kleines Einkommen und neuen Halt gefunden.
Einmal traf Bigi einen ehemaligen Busbesucher – er hat nun Arbeit und eine Wohnung. Er hat es geschafft!
Jesajas Worte bekommen hier ein Gesicht: Wo arme und obdachlose Menschen Würde, Mitgefühl und Wärme erfahren, beginnt Hoffnung zu keimen. Bisweilen blitzt an dunklen Orten pure Freude auf. Was für eine grosse Vision, die Jesaja hier hatte – und wie nah sie manchmal schon ist!

Von: Barbara Heyse-Schaefer

21. Februar

Gedenkt nicht an das Frühere und achtet nicht auf das Vorige! Denn siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht? Jesaja 43,18–19

Beim Pflügen nicht zurückzuschauen – das ist Jesu und Jesajas gemeinsame Einladung. Gott ruft uns aus alten Gewohnheiten, Mustern und Erinnerungen, die uns festhalten. Wir sollen den Blick nach vorn richten und wahrnehmen, wo das Neue schon wächst, oft unscheinbar.
Glauben wir daran, dass wir uns wirklich verändern können? Frei werden von Süchten, von eingefahrenem Denken und Handeln? Unser Gehirn liebt das Bekannte – es spart Energie, indem es beim Alten bleibt. Darum braucht Erneuerung Bewusstheit: Momente, in denen wir anhalten, loslassen und Raum schaffen für Neues. Fasten kann so ein Übungsweg sein – ein zeitlich begrenzter Verzicht, der uns spüren lässt, dass Veränderung möglich ist.
Fehler gehören dazu. Sie sind nicht das Ende, sondern der Anfang von Wachstum. Wer Vertrauen hat, dass Gott Neues schafft, kann mutig ausprobieren, lernen, umkehren.
Das Neue wächst nicht aus uns, sondern aus Gottes schöpferischer Kraft. Unsere Aufgabe ist, es zu erkennen – dort, wo es klein beginnt: in einem neuen Gedanken, einer anderen Haltung, einem ersten Schritt. «Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt – ist das nicht ein Fingerzeig.» Die Hoffnung blüht – mitten im Winter.

Von: Barbara Heyse-Schaefer

22. Dezember

Weh dem, der sein Gut mehrt mit fremdem Gut –
wie lange wird’s währen? Habakuk 2,6

In Zeiten politischer und moralischer Krisen nehmen Gewalt,
Ausbeutung und Ungerechtigkeit zu. Menschen häufen
Reichtum, Macht oder Vorteile auf unrechtmässige Weise
an – damals in den Tagen Habakuks, genau wie heute.
«Wie lange wird’s währen?» Diese Frage erklingt als Weckruf,
als Warnung an die Täter und gleichzeitig als Hoffnungszeichen
für die Opfer. Wer sich auf Kosten anderer bereichert,
hat auf Sand gebaut. Die scheinbare Macht und der
angehäufte Besitz der Gewalttäter sind vergänglich – Gottes
Gerechtigkeit wird sie einholen, so sicher, wie der nächste
Morgen einer dunklen Nacht folgt!
Dieser Vers richtet den Blick auch auf uns selbst. Er fragt nach
unserer Haltung und Lebensweise:
Wo lebe ich vielleicht von «fremdem Gut» – nicht nur
materiell, sondern auch, indem ich mir Anerkennung, Zeit
oder Ideen anderer aneigne, ohne zu geben?
Bin ich dankbar und zufrieden mit dem, was Gott mir
anvertraut hat, oder treibt mich ein ständiges «Mehrhaben-
Wollen»?
Die Worte des Propheten laden uns ein, nicht auf den
kurzfristigen Vorteil zu setzen, sondern auf Gottes bleibende
Gerechtigkeit zu bauen.

Von: Barbara Heyse-Schaefer

21. Dezember

Meine Hand hat alles gemacht, was da ist,
spricht der HERR. Ich sehe aber auf den Elenden
und auf den, der zerbrochenen Geistes ist und
der erzittert vor meinem Wort. Jesaja 66,2

Der Anfang des 66. Kapitels des Jesajabuchs spannt den
Bogen von Gottes unermesslicher Grösse hin zu seiner achtsamen
Zuwendung zu den Geringen: Da ist einerseits dieser
gewaltige Thron Gottes – die Erde ist kaum mehr als der
Schemel (Vers 1)! Andererseits sind da die schwächsten Mitglieder
der Gattung Mensch: die Elenden, die zerbrochenen
Geistes sind und die, die vor seinem Wort erzittern. Niemand
ist zu klein, um von Gott gesehen zu werden.
Mich bewegen heute besonders die Zerbrochenen: Ich
denke an die Depressiven und Suizidgefährdeten. Ich denke
an die Freundin, die gerade eine tödliche Krebsdiagnose
erhalten hat. Ich denke an den Mann mit geistiger Behinderung,
der sich vor einer kleinen OP gewaltig ängstigt. Ich
denke an die Frauen, Kinder und auch Männer, deren Geist
durch unterschiedliche Formen von Gewalt gebrochen wird.
Die Liste in meinem Kopf ist lang …
Hilft es diesen Menschen, dass Gott sie sieht? Spüren sie
seine Nähe, seine Freundlichkeit, seine Menschenliebe?
Ich bete mit Psalm 92,11: Gott, schicke doch deine Engel,
dass sie sie behüten auf ihren so unterschiedlichen Wegen!

Von: Barbara Heyse-Schaefer

19. November

Weh denen, die Unheil planen,
weil sie die Macht haben! Micha 2,1

Auch zur Zeit des Propheten Micha missbrauchten reiche
und einflussreiche Leute ihre Macht, um Land und Häuser
der Schwachen an sich zu reissen. Oh, wie ist uns das vertraut!
Unheil beginnt oft nicht mit grossen Plänen und Machtdemonstrationen,
sondern mit kleinen Entscheidungen.
Manchmal sehen die Planenden es nicht einmal – sie glauben,
Gutes zu tun, verfolgen aber Ziele, die am Ende andere
verletzen, ausschliessen oder unterdrücken. Macht ist
gefährlich, wenn sie blind macht für die Folgen. Sie verführt
dazu, das eigene Wohl über das der anderen zu stellen.
Doch Macht ist nicht nur ein politisches Instrument – wir
alle haben sie: in unseren Worten, in unseren Entscheidungen,
in dem, wie wir andere behandeln.
Gott liebt uns zu sehr, um uns nicht zu warnen. Er macht
deutlich, dass er dies nicht gutheisst. Er möchte, dass wir
Macht nicht dem «bösen Feind» überlassen, sondern sie
bewusst und positiv einsetzen: zum Schutz der Schwachen,
zur Förderung des Friedens, zur Heilung von Beziehungen.
Wahre Grösse zeigt sich nicht in Dominanz, sondern in der
Macht der Liebe, die nicht zerstört, sondern Leben schützt.

Von: Barbara Heyse-Schaefer

22. Oktober

Unsre Hoffnung steht fest für euch, weil wir wissen:
Wie ihr an den Leiden teilhabt, so habt ihr auch
am Trost teil.
2. Korinther 1,7

Paulus schreibt diese Zeilen nicht in einem sicheren Hafen, sondern aus Sturm und Dunkelheit. Er erinnert sich an Zeiten, in denen ihm das Leben zwischen den Fingern zerrann: Todesbedrohung, Angst, Verzweiflung, Schwäche. Doch er hält fest: Hoffnung ist möglich. Hoffnung ist tragfähig. Nicht weil alles gut wird, sondern weil Gott darin gegenwärtig ist.
Schon in vergangenem Leiden hat Paulus erlebt, dass sein Leiden kein exklusiver Schmerz ist. Die Gemeinde leidet mit. Christliche Gemeinschaft ist keine Bühne der Starken. Sie bietet Raum für Tränen, für Zerbrochenes.
So ist es auch mit dem Trost. Er ist mehr als ein gutes Wort. Er ist eine Bewegung des Weitergebens: von Gott zu Paulus. Von Paulus zur Gemeinde. Von einem Herzen zum anderen. Ein «Trostverbund» entsteht. Keiner ist allein.
Trost ist noch keine Lösung. Aber er ist ein Licht. Er wächst aus dem Vertrauen, dass Gott mitten in der Dunkelheit wohnt. Dass Vergebung, Annahme, Hoffnung möglich sind. Dass Gemeinschaft mehr ist als bloss Nähe – sie ist Gnade in Bewegung.

Von: Barbara Heyse-Schaefer

21. Oktober

Abram zog aus, wie der HERR zu ihm gesagt hatte. 1. Mose 12,4

Aufbrechen.
Ein Wort wie Wind im Gesicht.
Für die einen: Abenteuer, Aufbruch, Neuland.
Für die anderen: Unsicherheit, Risiko, Überforderung.
Abram geht.
Nicht weil er schon weiss, was kommt –
sondern weil er vertraut.
Ruf oder Rückzug?
In uns ringen zwei Stimmen.
Die ängstliche: Bleib. Sicher ist sicher.
Die hoffende: Geh. Da wartet etwas auf dich.
Ob wir aufbrechen,
hängt von unserer inneren Verfassung ab,
von Wunden, Wegen
und der Kraft, die uns ruft.
Was brauche ich?
Mut,
Vertrauen,
Begleiter:innen.
Ein leises, klares Ja in mir.
Dann kann ich –
wie Abram –
den ersten Schritt tun.

Von: Barbara Heyse-Schaefer

19. September

Was vom Hause Juda errettet und übrig geblieben ist, wird von Neuem nach unten Wurzeln schlagen und oben Frucht tragen. 2. Könige 19,30

Auf ein Neues.
Nicht sofort. Nicht mit Gewalt.
Aber langsam. Zart.
Trotz allem.
Der Boden war fremd. Die Wurzeln verletzt.
Die Erinnerung schmerzlich. Eine Freundin gegangen.
Eine Lücke, die bleibt.
Ich habe eine Rose gepflanzt. Aus ihrem Garten.
Ein kleines Zeichen: Du fehlst – und lebst weiter.
Wochenlang: keine Blätter, keine Hoffnung.
Nur tägliches Giessen.
Geduld. Zuwendung.
Und dann:
Zarte neue Triebe. Zwei kleine Knospen.
Leben. Trotz allem.
Gott verheisst:
Wurzeln nach unten. Frucht nach oben.
Nicht sofort. Aber auf lange Sicht.
Das Leben findet einen Weg.

Von: Barbara Heyse-Schaefer