Autor: Jan Simowitsch

24. Juni

HERR, zürne nicht so sehr und gedenke nicht ewig der Sünde! Sieh doch an, dass wir alle dein Volk sind! Jesaja 64,8

Ich habe mich doch entschuldigt! Zwei Mal. Und auch eingesehen,
dass ich Fehler gemacht habe. Können wir nicht
wieder Freunde sein? Kann nicht alles wieder gut sein?
Vergeben ist gar nicht so einfach. Und manchmal kommt
auf eine Vergebungsbitte auch gar keine Antwort. Wie es
zu Jesajas Zeiten ausging, weiss ich nicht. Heute hat sich
manches geändert.
Zum Beispiel bitten die verschiedenen Kirchen um Vergebung
bei Menschen, die oft jahrelang unter Missbrauch
in ihren Kirchen gelitten haben. Und sie entschuldigen sich
öffentlich, benennen die Fehler und können kaum damit
umgehen, wenn die Entschuldigung nicht grad angenommen
wird. Dann folgt mitunter ein scheinbar verbindendes,
emotionales «Seht doch, wir sind alle Gottes Kinder und
unter seiner Liebe versammelt». Doch es ist furchtbar, wie
viel Leid Menschen in kirchlichen Strukturen erfahren mussten.
Und so glaube ich, nachvollziehen zu können, warum
sie nicht so reagieren, wie es sich die Kirche wünscht. Die
Irritationen
darüber auf leitender Ebene sind vielleicht vergleichbar
mit jenen der Menschen in Jesajas Zeiten. Gib uns
doch ein Zeichen! Wir sind doch alle dein Volk! Als ob Gott
das nicht selbst wüsste. Wer, wenn nicht sie! Allerdings ist
Gott keine Kirche. Und ich glaube, sie hat uns durch Jesus
bereits alles vergeben. Oder besser nicht?

Von: Jan Simowitsch

23. Juni

Wir haben einen Gott, der da hilft, und den HERRN, der vom Tode errettet. Psalm 68,21

Endlich mal klar und einfach! Haben sich die Christen schon
vor Jahrhunderten gedacht. Und seit diesen Tagen wird
Psalm 68 immer wieder als wichtiger Verweis des Alten Testaments
auf Jesus gesehen. Eindeutiger geht es ja auch kaum:
«Wir haben den Herrn, der vom Tode errettet.» Wer könnte
das sein, wenn nicht Jesus?
Und irgendwann fingen gelehrte Menschen an, genauer
hinzusehen, und stellten fest, es braucht sehr viel Wohlwollen
und manche geschickte Umdeutung, um diese Interpretation
als stimmig darzustellen. Und nun?
Bringt das unser christliches Konzept ins Wanken? Hoffentlich
nicht. Oder vergessen wir die Widersprüche besser
schnell wieder? Hoffentlich auch nicht.
Vielleicht ergreifen wir die Chance, uns wieder mehr unserer
jüdischen Wurzeln bewusst zu sein, und lesen den Psalm
als altes Loblied auf Gott und nicht als messianischen Siegespsalm.
So wie alle Psalmen ist auch dieser kein christlicher
Text, sondern ein Psalm, der bereits vor mehr als zweitausend
Jahren in der jüdischen Tradition gedacht und gebetet
wurde. Und manche Bilder in den Psalmen bringen unseren
Himmel zum Leuchten, manche Bilder verdunkeln ob ihrer
Härte unsere Stirn, und manche verstehen wir ganz und gar
nicht. Doch gerade auf der emotionalen Ebene finden wir
hier oft bezaubernde Beschreibungen, die so zeitlos sind,
dass auch wir ganz mühelos daran anknüpfen können.

Von: Jan Simowitsch

24. April

Pflüget ein Neues und säet nicht unter die Dornen! Jeremia 4,3

Auf geht’s! Und ich versuche Worte für das Pflügen zu finden – brecht die brachliegende Erde auf oder reisst die feste Kruste auf – und in mir macht sich Widerstand breit. Natürlich weiss ich, dass das Ausstreuen von Samen nur geht, wenn die Erde weich ist, sich offen zeigt für das, was da wachsen könnte. Du kannst ja auch nicht aus einem Heissluftballon über einem Fussballstadion 10 000 Flyer mit Gottes Wort werfen. Also kannst du schon. Und dich dann ebenso freuen, dass du sie nicht wütend zurückgeworfen bekommst. Also doch erst richtig den Boden durchpflügen?
Nur – so wie das Wort Pflügen eine durchaus kräftige und auch revolutionäre Tätigkeit beschreibt, bei der das Untenliegende nach oben kommt und das Obere gewaltsam zerstört wird, so ist auch die Geschichte der Kirche leider nicht frei von genau dieser Art des Pflügens. Sei es in den Kreuzzügen oder in der Missionsbewegung. Vielleicht ist die Zeit des Pflügens und auch des grossflächigen Streuens vorbei. Zumindest sollten wir nicht weiter von oben herab die Menschen mit Worten bewerfen. Auch Jesus ist ja nicht als Himmelsgott zu uns hinabgekommen, sondern als ein Mensch, der ins Stadion geht, Feste feiert und Fische angelt – und manchmal auch Menschen, die ihn spannend finden, die im Gespräch mit ihm etwas spüren, das sie begeistert. Dazu braucht es Vertrauen – dazu reicht Vertrauen, wenn auch wir andere von unserem Glauben begeistern wollen.

Von: Jan Simowitsch

23. April

Der Himmel ist der Himmel des HERRN; aber die Erde hat er den Menschenkindern gegeben. Psalm 115,16

Danke! – Und nun haben wir den Salat.
«Denn sie wusste nicht, was sie tat», als sie uns die Erde anvertraute. Wir dagegen wissen es schon, was wir der Erde und allen Lebewesen hier antun. Wie wir kontinuierlich an der Zerstörung des Planeten arbeiten, sei es mit dem Plündern aller natürlichen Ressourcen aus reiner Gier oder dem Nutzen von Waffen mit dem Zweck, andere zu töten.
Wenn das hier nach der Vertreibung aus dem Paradies unsere zweite Chance ist, dann haben wir sie gründlich vermasselt! Dagegen war der Biss in den Apfel nichts. Vergesst alle Schlangen und schaut auf uns, die Menschen!
Oder wusste sie doch, was sie tat?
Der Psalm ist ein Lobvers voller Vertrauen. Auf uns ruht der Segen des Herrn. Steht da. Wirklich! Das ist wohl kaum auf unser Tun bezogen. Aber wenn der Segen tatsächlich immer noch auf uns liegt und Gott uns nach wie vor vertraut, könnte das dann bedeuten, dass wir noch eine Chance haben? Dass wir die Erde und ihre Schöpfung noch retten können? Dass es an unserem zukünftigen Tun liegt, diese Welt für alle Menschen, Tiere und Pflanzen zu einer besseren zu machen? Jetzt dämmert es mir, was es bedeutet, dass Gottes Zutrauen und Liebe zu uns Menschen grenzenlos ist. Sie traut uns mehr zu als wir uns. Das lässt mich hoffen!

Von: Jan Simowitsch

24. Februar

Ich weiss, dass der HERR des Elenden Sache führen
und den Armen Recht schaffen wird.
Psalm 140,13

Ach, David! In was für Zeiten hast du bloss leben müssen! Überall Kriege, Intrigen, Hass, Verleumdung und Gefahr. Kein Wunder, dass du da nicht zuerst auf die bei uns heute so beliebte Liebe Gottes hoffst, sondern um Gerechtigkeit flehst! Die Zeit ist kaum aushaltbar, der Tod droht ständig durch Hunger und Krieg. Und wer sollte all das Unrecht lösen? Orban, Trump oder Putin?
Anscheinend springe ich in den Zeiten und frage mich dann doch, warum uns die Liebe Gottes heute viel wichtiger ist als ihre Gerechtigkeit? Das Versprechen auf Gerechtigkeit ist ja eigentlich auch das Mindestmass einer jeden Religion. Selbst wenn nur Gott weiss, was Gerechtigkeit konkret bedeutet, ist dieses Grundprinzip ein ordnungsbildendes: eines, das das Leben und die Menschen ordnet, zusammenhält und damit irgendwie höchst konservativ ist – und zugleich revolutionär. Denn die Sache des Elenden ist nicht die Sache der Reichen. Oder wie später Maria singt: «Gott stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen.»
Was sagt es also über unsere Zeit aus, dass wir die Liebe Gottes hochhalten und Gottes Gerechtigkeit nur in wenigen Momenten erwähnen?
Und ich denke: Wir sind wohl nicht die Elenden des Psalms! Und noch etwas schmerzhafter kommt mir in den Sinn:
Unser «Gott liebt alle Menschen»-Gerede ist eine Verharmlosung Gottes, nimmt ihr die Kraft!

Von: Jan Simowitsch

23. Februar

Gepriesen sei der Herr, der Gott Israels!
Denn er hat sich seines Volkes angenommen
und ihm Erlösung verschafft.
Lukas 1,68

Wenn man es doch nur ganz sicher wüsste!
Ist diese Stimme da, die dir Grosses verheisst, wirklich Gottes? Ich schüttle den Kopf, es fällt mir schwer zu glauben.
«Liebe Reisende, Ihr Zug von Altona nach Zürich wird heute pünktlich ankommen!» Nach all den Verspätungen klingt es wie Hohn für mich. Das meint die Stimme doch nicht ernst? Bevor ich anfange, mich aufzuregen, halte ich den Mund. Und auch Zacharias hört auf zu reden. Von nun an schweigt er beharrlich in den Tag und blickt mit wachen Augen durch die Nacht. Und die Berge hinter Hannover wachsen und auch Elisabeths Bauch. Wie es versprochen war.
Ich kann’s trotzdem nicht glauben, fühle mich Thomas, dem alten Skeptiker, nahe. Und erreiche doch die Grenze, pünktlich in Basel, und auch Zacharias weiss nun sicher: Elisabeth ist schwanger. Möge es gut gehen! Jetzt bloss nicht in das Wunder eingreifen. Nichts sagen, nichts andeuten, nur werden lassen, ganz zart kommen lassen und: staunen! Und dann ist es so weit. Zacharias wird Vater und all die Emotionen platzen aus ihm heraus. Er lobt Gott in den Himmel, tanzt um sein Kind herum und weiss nun sicher: Alles, was Gott ihm gesagt hatte, wird eintreten. Niemand muss das verstehen. Es ist ein Wunder. Und so erreiche ich Zürich und die Stimme sagt: «Versprochen. Es wird ganz wunderbar!» Wenn man es doch nur vorher glauben würde!

Von: Jan Simowitsch