Autor: Jan Simowitsch

24. Februar

Ich weiss, dass der HERR des Elenden Sache führen
und den Armen Recht schaffen wird.
Psalm 140,13

Ach, David! In was für Zeiten hast du bloss leben müssen! Überall Kriege, Intrigen, Hass, Verleumdung und Gefahr. Kein Wunder, dass du da nicht zuerst auf die bei uns heute so beliebte Liebe Gottes hoffst, sondern um Gerechtigkeit flehst! Die Zeit ist kaum aushaltbar, der Tod droht ständig durch Hunger und Krieg. Und wer sollte all das Unrecht lösen? Orban, Trump oder Putin?
Anscheinend springe ich in den Zeiten und frage mich dann doch, warum uns die Liebe Gottes heute viel wichtiger ist als ihre Gerechtigkeit? Das Versprechen auf Gerechtigkeit ist ja eigentlich auch das Mindestmass einer jeden Religion. Selbst wenn nur Gott weiss, was Gerechtigkeit konkret bedeutet, ist dieses Grundprinzip ein ordnungsbildendes: eines, das das Leben und die Menschen ordnet, zusammenhält und damit irgendwie höchst konservativ ist – und zugleich revolutionär. Denn die Sache des Elenden ist nicht die Sache der Reichen. Oder wie später Maria singt: «Gott stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen.»
Was sagt es also über unsere Zeit aus, dass wir die Liebe Gottes hochhalten und Gottes Gerechtigkeit nur in wenigen Momenten erwähnen?
Und ich denke: Wir sind wohl nicht die Elenden des Psalms! Und noch etwas schmerzhafter kommt mir in den Sinn:
Unser «Gott liebt alle Menschen»-Gerede ist eine Verharmlosung Gottes, nimmt ihr die Kraft!

Von: Jan Simowitsch

23. Februar

Gepriesen sei der Herr, der Gott Israels!
Denn er hat sich seines Volkes angenommen
und ihm Erlösung verschafft.
Lukas 1,68

Wenn man es doch nur ganz sicher wüsste!
Ist diese Stimme da, die dir Grosses verheisst, wirklich Gottes? Ich schüttle den Kopf, es fällt mir schwer zu glauben.
«Liebe Reisende, Ihr Zug von Altona nach Zürich wird heute pünktlich ankommen!» Nach all den Verspätungen klingt es wie Hohn für mich. Das meint die Stimme doch nicht ernst? Bevor ich anfange, mich aufzuregen, halte ich den Mund. Und auch Zacharias hört auf zu reden. Von nun an schweigt er beharrlich in den Tag und blickt mit wachen Augen durch die Nacht. Und die Berge hinter Hannover wachsen und auch Elisabeths Bauch. Wie es versprochen war.
Ich kann’s trotzdem nicht glauben, fühle mich Thomas, dem alten Skeptiker, nahe. Und erreiche doch die Grenze, pünktlich in Basel, und auch Zacharias weiss nun sicher: Elisabeth ist schwanger. Möge es gut gehen! Jetzt bloss nicht in das Wunder eingreifen. Nichts sagen, nichts andeuten, nur werden lassen, ganz zart kommen lassen und: staunen! Und dann ist es so weit. Zacharias wird Vater und all die Emotionen platzen aus ihm heraus. Er lobt Gott in den Himmel, tanzt um sein Kind herum und weiss nun sicher: Alles, was Gott ihm gesagt hatte, wird eintreten. Niemand muss das verstehen. Es ist ein Wunder. Und so erreiche ich Zürich und die Stimme sagt: «Versprochen. Es wird ganz wunderbar!» Wenn man es doch nur vorher glauben würde!

Von: Jan Simowitsch