Autor: Simon Sigrist

27. Juni

HERR, neige mein Herz nicht zum Bösen. Psalm 141,4

David betet. Er bittet nicht nur darum, vor bösen Taten
verschont zu werden – nicht einfach: «Bewahre mich vor
falschem Handeln.» Er geht tiefer: «Bewahre mein Herz
davor, sich vom Bösen hineinziehen zu lassen.» Die Bitte
zielt auf das Innere, das Herz. Denn wir kennen es alle: Bitterkeit
wächst. Neid kommt auf. Man wünscht einem anderen
insgeheim etwas Schlechtes. Die Tat steht meist nicht am
Anfang. Das Böse beginnt im Verborgenen, im Herzen, in
Gedanken, die sich festsetzen und Kreise ziehen. Soll man
Schuld auf sich nehmen, um grösseres Unrecht zu verhindern?
Dietrich Bonhoeffer lebte in dieser Spannung. Wenn
wegsehen noch schuldiger machen würde, muss ich aus
der Verantwortung heraus handeln. Doch vor Gott muss
ich dafür Rechenschaft ablegen. Das Handeln bleibt Sünde;
es wird nicht gerechtfertigt. Es geschieht im Vertrauen auf
Gottes Gnade. Entscheidend ist das Herz: dass es nicht aus
Hass oder Selbstrechtfertigung handelt, sondern gebunden
bleibt an Gott.
«Gott, neige mein Herz nicht zum Bösen.»
Bewahre mein Herz, bevor Gedanken sich verfangen, bevor
Worte scharf werden, bevor Entscheidungen im Innersten
reifen und weitreichende Folgen haben. Lenke mich zu dir.
Lenke du, Gott, mein Innerstes zu dir. Herr, neige mein Herz
nicht zum Bösen, sondern zu dir.

Von: Simon Sigrist-Hellingman

26. Juni

Und du, Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Tausenden in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist. Micha 5,1

Das Kleine wird gross. Nicht das mächtige Jerusalem, sondern
das kleine Bethlehem wird zur Stadt des Wirkens
Gottes. Dort beginnt, was von «Anfang und Ewigkeit her»
bestimmt ist.
Doch was heisst das – Anfang und Ewigkeit? Die Erde entstand
vor Milliarden Jahren. Wo war unser Anfang? Wo ist
unser Ausgang? Unser Denken stösst an Grenzen.
Der Beginn des Lebens lässt sich nicht auf einen Moment
festlegen. Entsteht bei der Befruchtung Leben? Da ist doch
schon Leben! Leben entsteht und vergeht in Übergängen.
Das Sterben ist auch ein Prozess. Ein Geschehen mit verschiedenen
Schwellen.
Der Text spricht von einem Ursprung, der weiter zurückreicht
als unsere Vorstellung – von Ewigkeit her. Wenn Gott
seine grössten Geschichten an den kleinsten Orten schreibt,
dann ist das Ewige nicht fern. Das Unscheinbare ist gegenwärtig,
mitten unter uns, und gleichzeitig versuchen wir den
Ewigen, Gott, zu verstehen und zu ergründen. Aber da gilt,
was Ulrich Zwingli schrieb: «Wir wissen aus uns nicht, was
Gott ist, ebenso wenig, wie ein Käfer weiss, was der Mensch
ist.» Gott suchen und finden wir immer wieder in seinen
Worten, in seiner Schöpfung und in seinen Geschöpfen.

Von: Simon Sigrist-Hellingman

27. April

Seht die Lilien, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch aber, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen. Lukas 12,27

Gott zeigt seine Herrlichkeit immer wieder: in der Natur, in den kleinen und grossen Wundern. Schauen wir auf die Lilie, sie wächst und gedeiht. Bis zu drei Meter hoch wird die Riesenlilie. Aus einer kleinen Knolle wächst sie und entfaltet ihre Schönheit. So zeigt sich uns Gott. Wir müssen nur Ausschau halten nach den vielen Wundern. Es braucht Neugierde, ein offenes Herz und die Bereitschaft, stehen zu bleiben, hinzuschauen und uns auf die Suche nach der Herrlichkeit zu begeben. Suchen wir immer wieder Gottes Werke? Staunen wir und bemerken, dass Leben nicht selbstverständlich ist? Gott sorgt aktiv für seine Schöpfung, wir Menschen dürfen auch mal loslassen und darauf vertrauen, dass Gott für uns sorgt. Die Schönheit der Lilie, sie ist ein Geschenk, nicht das Ergebnis von Arbeit. Gott kleidet die Lilie mit dem, was sie benötigt, ein. Ihr Gewand wurde bereits gefertigt von Gott, es muss nicht selbst gewebt oder geschneidert werden. In der Liebe zur Lilie hat Gott dies bereits getan. Und so, wie das Kleid der Lilie bereits da ist, so erhielten die Menschen von Gott Gnade, die Zuwendung, die Zusage: Ja, ich sorge für dich. Die Frage ist: Hören wir diese Zusage und erkennen wir, wann und wo uns Gott immer wieder umsorgt, bekleidet und so reichlich beschenkt?

Von: Simon Sigrist-Hellingman

26. April

Gott hat den Menschen aufrichtig gemacht;
aber sie suchen viele Künste. Prediger 7,29

Welchen Fokus setzen wir in unserem Leben? Wie schaffen wir es, immer wieder aufrichtig zu sein und uns korrekt zu verhalten? Wo und wann üben wir uns, aufrichtig und nach Gottes Willen in dieser Welt zu leben? Wann überkommt uns die ach so menschliche Reaktion und wir verfallen den Versuchungen des Lebens, der Macht des Geldes, der Macht der Ablenkung? Unser Losungstext ist das Ergebnis der Forschungen des Predigers Salomo. Es ist eine anthropologische Beobachtung: Wir Menschen sind zwar von Gott aufrichtig und anständig geschaffen, dennoch suchen wir immer wieder nach Ablenkungen statt nach Gott. Wir gehen vielen Künsten, vielen Erfindungen, vielen Begehren nach, statt Gott zu suchen. Wir gehen unseren Leidenschaften nach. Wenn wir uns in unseren Leidenschaften ausleben – der «Ablenkung» nachgehen und nachgeben –, finden wir darin immer wieder Momente, in denen wir stolz, zufrieden oder ganz erfüllt sind. In diesen Künsten – egal ob gestalterisch, musikalisch, poetisch; in unseren Leidenschaften – dürfen wir die Gaben von Gott erkennen. Gott lässt uns wachsen und streben und schenkt uns diese Gaben. Nehmen wir aber auch unseren Prediger Salomo ernst, sodass wir Ziele setzen, die uns helfen können, Gott zu suchen. Setzen wir uns immer wieder den Reiz und das Ziel, aufrichtig auch in unserem Streben nach Gottes Willen zu leben.

Von: Simon Sigrist-Hellingman

27. Februar

Ach, HERR, lass doch deine Ohren aufmerken, dass du das Gebet hörst, das ich jetzt vor dir bete Tag und Nacht für deine Knechte. Nehemia 1,6

Nehemia richtete ein Klagegebet an Gott. Die Tore Jerusalems waren niedergerissen und durch Feuer verbrannt und zerstört. Nehemia betete Tag und Nacht für seine Brüder und Schwestern. Für das Volk Gottes. Während der tagelangen Trauer fastete Nehemia und bat Gott um die Treue und um den Bund, den Gott mit dem Volk geschlossen hatte. Nehemia war sich bewusst, dass das Volk gesündigt hatte, und daher verstand er auch die Zerstörung und Zerstreuung. Dennoch bat er Gott, sein Gebet zu erhören. Nehemia betete ohne Unterlass, und die Gebete wurden später auch erhört. Die Mauern Jerusalems wurden wieder aufgebaut – unter der Bauleitung Nehemias – und die Heilige Stadt wurde wiederhergestellt.
Es gibt Momente, da fühlen wir uns gleich wie Nehemia. Wir beten Tag und Nacht für andere und Gott erhört die Gebete nicht. Wir schreien in die Nacht. Es ist das Gefühl, von Gott verlassen zu sein. «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen. Ich rufe bei Tag, ich rufe bei Nacht. Ich finde doch keine Ruhe.» (Psalm 22,1–3)
Doch immer wieder dürfen wir darauf vertrauen: Gott hört uns, Gott überrascht uns, manchmal nicht so, wie wir es uns vorstellen können. Aber die Veränderungen kommen.

Von: Simon Sigrist-Hellingman

26. Februar

Der Gerechten Pfad glänzt wie das Licht am Morgen, das immer heller leuchtet bis
zum vollen Tag.
Sprüche 4,18

Mystisch, atemberaubend, spektakulär. Die Lichtverhältnisse um den Sonnenaufgang verändern sich von Minute zu Minute. Der Tag bricht an, die Vögel zwitschern, der Himmel wird immer heller, aus dem dunklen Blau wird Hellblau, und plötzlich schiebt sich der tiefrote Sternenball langsam über den Horizont. Man blickt in die Sonne und wird noch nicht geblendet, aber die Sonne strahlt. Nach wenigen Minuten ist der Tag da. Der Ball ist zuerst gelb, dann blendend weiss, die Wärme wirkt, alles glänzt: Der volle Tag ist da.
Immer wieder dürfen wir über Gottes Schöpfung staunen. Dieses Spektakel entsteht tagtäglich in der Natur, und immer wieder werden wir bei genauem Hinsehen überrascht. Wir entdecken Überraschendes auf der Suche nach dem Pfad der Gerechten. Dem Pfad, der von Gott vorgezeichnet wird. Wir dürfen staunend das Vertrauen auf Gottes Führung in unserem Leben stärken. Auch wenn wir mal durch ein dunkles Tal gehen (Psalm 23,4), findet sich immer wieder ein Licht am Morgen, ein Glänzen bis zum vollen Tag. Das Licht leuchtet uns bis zum letzten Tag und darüber hinaus.
Es ist Gottes Pfad, die Zusage: Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. (Matthäus 28,20)

Von: Simon Sigrist-Hellingman