Kategorie: Texte

16. Dezember

Der HERR sprach zu seinem Volk: Siehe, ich will euch Getreide, Wein und Öl die Fülle schicken, dass ihr genug daran haben sollt. Joel 2,19

Es gibt Tage, da drehe ich gar nicht das Radio auf. Die Nachrichten, die wir uns anhören müssen, machen uns oft Angst: drohende Inflation, Rückgang der Energieressourcen, steigende Arbeitslosigkeit, Hungersnot, Flüchtlingselend,
Unwetter- und Naturkatastrophen. Oft fragen wir Menschen uns dann: In welcher Welt leben wir eigentlich? Wie soll das alles weitergehen? Was wird aus unserem Ersparten? Wie können wir dennoch weiterleben? Was will Gott uns in diesen dunklen Zeiten sagen?

Das Volk Israel hat viele Jahrhunderte vor uns ähnliche trostlose Situationen erlebt. Joel erinnert daran. Er berichtet darüber, dass das Volk Gottes sich von ihm entfernt hat und geradezu gottlos lebt. Gott aber ruft seine Leute zur Umkehr und Reue auf. Er hat Mitleid mit seinem Volk. Er lässt sein Volk nicht fallen. Er schenkt wieder viel Getreide, Wein und Öl. Gott reagiert hier ganz praktisch und existenziell. Er verspricht gute Ernten und in der Folge dann auch Arbeit, Einkommen, Essen und Trinken, Kleidung und ein Dach über dem Kopf.
Gerade in unsicheren Zeiten sind diese Zeilen für mich tröstende, adventliche Worte. Gott will umfassend für uns sorgen. Diese Zusage gilt auch für mich. Das schenkt mir Kraft, Mut und Hoffnung und ich darf dankbar dafür sein.

von: Carsten Marx

15. Dezember

Die mit Schiffen auf dem Meere fuhren und des HERRN Werke erfahren haben und seine Wunder im Meer: Die sollen dem HERRN danken für seine Güte und für seine Wunder, die er an den Menschenkindern tut. Psalm 107,23.24.31

Heute haben wir mit dieser Losung ein schönes und einleuchtendes Beispiel dafür, dass es gut ist, auf Gott zu vertrauen; dass es sich lohnt, ihn um Hilfe anzurufen, wenn man in Not gerät, dass wir Menschen den Naturgewalten nicht hilflos ausgeliefert sind. Denn das haben Kaufleute und Seeleute erfahren, von denen der Psalm erzählt. Sie sind mit Schiffen übers Meer gefahren, um Handel zu treiben. Dort sind sie in einen Sturm geraten. In der totalen Ratlosigkeit schrien die Schiffsinsassen zu Gott um Hilfe. Gott half ihnen. Er stillte das Unwetter und führte das Schiff, und die auf ihm waren, in den ersehnten Hafen. Der Psalmist fordert nun die Geretteten auf, Gott dafür zu danken. So soll es sein, dass wir Gott in der Not anrufen und ihm anschliessend an die Errettung für seine Hilfe danken.
Aber es gibt auch Fälle, in denen Schiffbrüchige nicht gerettet werden, sondern – wie so viele Bootsflüchtlinge mit ihren Schlauchbooten – im Meer ertrinken. Das alles ist
schwer zu verstehen und es macht uns vielleicht unsicher in unserem Vertrauen auf Gott. Dennoch fordert der Psalmist auf: Lasst euch nicht verunsichern. Gott ist gütig, er steht uns bei. Zum Glauben an Gott gehört auch viel Geduld. Gottes Hilfe geht oft unterschiedliche Wege.

von: Carsten Marx

14. Dezember

Dem Gerechten muss das Licht immer wieder aufgehen und Freude den aufrichtigen Herzen. Psalm 97,11

Das kennt man doch: Jetzt geht mir ein Licht auf! Das heisst, ich habe etwas für mich erkannt! Ist das «Lichtaufgehen» auch im heutigen Losungswort gemeint? In gewissem Sinne schon! Der 97. Psalm preist Gott als höchsten König, als mächtigen Herrn über die ganze Welt. Wer mit ihm im Einklang lebt, der lebt auch mit der ganzen Schöpfung in Harmonie. Also, wer nach dem Willen Gottes, dem Schöpfungsrecht lebt, der ist mit jenen Gerechten und Frommen gemeint, denen ein Licht und Freude im Herzen aufgehen. Im Text steht aber: «immer wieder!». Also geht es doch nicht um einen plötzlichen Geistesblitz! Denn nur wenn ich mich immer wieder der Erkenntnis stelle, was die Gerechtigkeit Gottes von mir erwartet, kann mir jenes erwähnte Licht aufgehen. Es beleuchtet den Raum, in dem die Gerechten wandeln, sagt der Psalm. Es erhellt ein an Gott ausgerichtetes Leben, wie die Thora und dann die Evangelien es uns mit auf den Weg gegeben haben. Faktisch ist es uns Beleuchtung, um der Gerechtigkeit Gottes zu dienen. Die Adventszeit hat viel mit Licht zu tun. Viel davon verweist auf «Gemütlichkeit». Aber es lohnt sich, im Zugehen auf den Heiligen Abend, an das Licht der Gerechtigkeit und die Freude des frommen Herzens zu denken. Ein Licht, das jene spüren mögen, die sich dem Licht und Anspruch von Gottes Gerechtigkeit immer neu zu stellen wagen. Wagen auch wir es!

von: Gert Rüppell

13. Dezember

Siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, HERR, nicht alles wüsstest. Psalm 139,4

Was für ein Gebet, dieser 139. Psalm! Welche Allmacht wird hier über Gott ausgesagt! Da kann ich nur mit den Worten des 6. Verses sagen: «Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar, zu hoch, ich kann sie nicht begreifen!» Noch in der Formulierung, also «auf der Zunge», weiss Gott um meine Absichten.
Dabei geht es nicht um vorschnelle Kontrolle, sondern um Gottes schützende Funktion. Eine, die die Hand über uns hält. Dass diese Wirkkraft, diese allgegenwärtige Schöpfungsmacht, so detailliert auf mich, meine Gedanken, mein Sein achtet, ist zu wunderbar, als dass ich es wirklich verstehen könnte. Hier bedarf es der Kontemplation, des Insichgehens, des dieser Fürsorge Nachspürens. Ein Ertasten, dass Gott mich von allen Seiten umgibt und so mein Sein göttlich gestaltet ist. Es bedarf also nicht der Vergottung des Menschen, wie es gern gemacht wird, weil der Mensch als Gottes Geschöpf ja bereits Teilhaber Gottes ist! Wir sind göttliche Partikel im Kosmos, dies kann der Psalmist gar nicht genug beschreiben. Alles, was in und mit uns passiert, geschieht bereits in Gott. Nichts können wir äussern, worum Gott nicht schon weiss. Und doch ist nicht alles, was wir äussern, zugleich gottgemäss. Darum bittet der Psalmist auch am Schluss: «Erkenne mein Herz, prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine, und sieh, ob ich auf bösem Wege bin.» Dafür bedarf es bei uns der Kontemplation und des beständigen Gebets.

von: Gert Rüppell

12. Dezember

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, wird eure Herzen und Sinne bewahren in Christus Jesus. Philipper 4,7

Vernunft – da denken wir an die Aufklärung und ihre Entgegensetzung von Vernunft und Glauben. Sie hat beide in ein spannungsvolles Verhältnis, in eine dialektische Beziehung gesetzt. Die französische Aufklärung jedoch hat daraus einen unversöhnlichen Gegensatz gemacht, bis hin zu einer personifizierten «Göttin» der Vernunft in der Zeit der Revolution. Das hat in der Folgezeit zu einem negativen Beigeschmack im religiösen Kontext geführt. Im Lehrtext ist es so nicht gemeint. Das griechische Wort geben wir heute besser mit «Verstehen», «Erkennen» wieder. So ist es von den Begriffen am Schluss nicht weit entfernt: Herzen und Sinne sind am Erkennen und Verstehen ja beteiligt. Alle drei sind überragt vom Frieden Gottes, der sie umgreift und sie einbettet in eine andere Dimension. Die Widersprüche unseres Erkennens und unseres Lebens sind versöhnt in Christus. In ihm ist der grösste überhaupt denkbare Widerstreit aufgehoben, «der grosse Streit geschlichtet», jener zwischen Tod und Leben.
Darum ist es mehr als eine blosse Formel, wenn in lutherischer Tradition mit diesem Satz die Predigt abgeschlossen wird. Alles Gesagte in seiner Unfertigkeit, seinen ungelösten Fragen und unauflösbaren Widersprüchen ist aufgehoben in diesem alles umgreifenden Frieden.

von: Andreas Marti

11. Dezember

Herr, vor dir liegt all mein Sehnen, und mein Seufzen ist dir nicht verborgen. Psalm 38,10

Zum Sehnen und Seufzen gibt es wahrhaftig genug Grund, angefangen im Privaten – Krankheit, Konflikte, Verluste – bis hin zu den Nöten der Welt – Hunger, Klima, Naturkatastrophen, Kriege, und das nun auch nur ein paar hundert Kilometer vor unserer Haustüre. Die Rezepte der Positivdenker helfen nicht viel weiter. Sich an den Kleinigkeiten des Alltags zu freuen, ist ja sicher nicht falsch, doch danach bricht sich das Seufzen und Sehnen unweigerlich wieder seine Bahn, und dies schliesslich bis hin zu der Frage, wo denn der gütige Gott bleibt, warum er nicht eingreift, warum er nicht endlich «Hirn regnen lässt».
Wir preisen im «Sanctus» den Gott, von dessen Ehre Himmel und Erde erfüllt sind – nur sehen wir davon meist herzlich wenig, und das Bemühen, sich einen zugleich gütigen wie allmächtigen Gott zu denken, scheitert mit unausweichlicher und unschöner Regelmässigkeit.
Angesichts von Leid, Not und Bosheit über Gott zu reden, bringt nichts. Das muss anders laufen: Statt über Gott zu reden, reden wir zu ihm, und das bedeutet in diesem Fall nichts anderes als Seufzen und Sehnen. Die Klage vor Gott, gar die Anklage Gottes, hat ihre Tradition, und sie verdient mehr Raum in unseren Gebeten und Liturgien. Dabei darf sie durchaus offen bleiben, ohne direkte Antwort, ohne Beschönigung. Dies auszuhalten, ist eine Kernkompetenz des Glaubens.

von: Andreas Marti

10. Dezember

Es sind verschiedene Kräfte; aber es ist ein Gott, der da wirkt alles in allen. 1. Korinther 12,6

Paulus spricht von Geistesgaben, von Offenbarungen des Geistes, die den Menschen in unterschiedlicher Weise geschenkt werden: die Weisheitsrede etwa, die Erkenntnisrede, die Gabe der Heilung, die Zungenrede und die Übersetzung der Zungenrede. Und noch einige mehr. Es sind Gaben, die ich selbst nicht so richtig kenne und die ich in meinem Alltag nicht antreffe. Für Paulus ist wichtig: Die Gaben sind vielfältig, aber alle sind wichtig und durch alle spricht der eine Geist. Und alle diese verschiedenen Gaben braucht eine Gemeinde.
Die Menschen, mit denen ich viel zu tun habe, sind nicht meine Gemeinde. Es sind Familienbande, Zufallsbekanntschaften, Arbeitsverhältnisse, Freizeitkontakte, Freundschaften. Ich weiss bei vielen nicht, ob ihnen Religion, Glaube, Gott etwas sagt. Und wenn, dann sind die Antworten mannigfaltig. Aber auch für diese Gemeinschaften kann ich etwas von Paulus’ Haltung mitnehmen: die Offenheit gegenüber den Eigenheiten der anderen, gegenüber dem, was sie als einzelne
Menschen in eine Gemeinschaft einbringen – und die Wertschätzung und Freude daran. Die Freude an dem, was der oder die andere von sich teilt: vielleicht ein offenes Ohr oder Mut, Humor, Wärme – und manchmal vielleicht auch etwas,
das mich zum Nachdenken und Handeln herausfordert.

von: Katharina Metzger

9. Dezember

HERR, du hast mich heraufgeholt aus dem Totenreich, zum Leben mich zurückgerufen von denen, die hinab zur Grube fuhren. Psalm 30,4

In meinen Worten, aus meinem Leben heraus, würde Psalm 30 so klingen:

Gott, du bist in mir. Du bist nicht fern von mir. Deswegen
brauche ich mich nicht zu fürchten vor einem Totenreich,
in dem du nicht bist.
Aber ich fürchte mich trotzdem, im Leben:
Davor, schwach zu sein.
Davor, etwas nicht zu können.
Davor, mich zu blamieren.
Davor, etwas nicht richtig zu entscheiden.
Davor, dass ich klein bin und alle anderen gross.
Davor, allein zu sein.
Und manchmal, wenn meine Ängste sich bestätigen, bei Niederlagen, bei Nichtgelingen, bin ich traurig, kraftlos, kleinlaut. Und dann – eine Wendung: Ich verdaue, was mich bedrückt, was mich verwirrt. Ein Knoten löst sich, ein Schleier hebt sich. Der Zugang wird frei zum Grund in mir, der mir sagt: Du bist gut.
Es ist ein wenig so, als würde ich nach einer Krankheit zum ersten Mal wieder nach draussen gehen und die frische Luft atmen. Ich bin dankbar, dass das immer wieder geschieht.

von: Katharina Metzger

8. Dezember

Gedenkt nicht an das Frühere und achtet nicht auf das Vorige! Denn siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht? Jesaja 43,18–19

Wie schön ist es, aufzuwachen und sich auf den Tag zu freuen. Vielleicht haben wir uns etwas vorgenommen, das wir mit Spannung erwarten. Vielleicht liegt eine Begegnung vor uns, die uns beglückt. Doch nach ein paar Atemzügen kommen uns all die unerledigten Dinge in den Sinn. Ungelöste Probleme, die auf unseren Schultern lasten. Körperliche Beschwerden, die unser Alltagsbefinden beeinträchtigen. Jesaja rennt daher bei uns offene Türen ein mit seinem «Gedenkt nicht an das Frühere». Wie gerne würden wir oft gedankenlos in den Tag hüpfen, als gäbe es kein Gestern. Wie gerne wären wir manchmal geschichtslose Wesen, die nur den Moment geniessen.
Doch leider oder auch zum Glück «funktioniert» unser Denken und Fühlen nicht so. Unser ganzes Wesen lässt uns Tag für Tag spüren, dass wir Gewordene und Geprägte sind – sei es aus eigenem Handeln, aber auch unverschuldet. Wir fühlen uns verantwortlich für uns selbst und für unsere Mitmenschen. Manchmal zu sehr, sodass wir gelähmt, ja hoffnungslos sind. Erst recht in Zeiten, wo neben der persönlichen Last auch globale Themen wie der Klimawandel, die wirtschaftliche Unsicherheit, ja politische Spannungen uns Sorgen machen.
Genau aus dieser unsicheren Stimmung heraus ist Jesajas Aufruf an die Israeliten entstanden. Lassen wir uns heute von diesen prophetischen Worten beflügeln, um «etwas Neues zu schaffen». Und zwar nicht, indem wir das Gestern vergessen, sondern verantwortlich mit ihm umgehen. So hat unser Aufwachen auch etwas von einem «jetzt wächst es auf».

von: Esther Hürlimann

7. Dezember

Die Israeliten schrien zu dem HERRN und sprachen: Wir haben an dir gesündigt, denn wir haben unseren Gott verlassen. Richter 10,10

Wenn mir etwas nicht wunschgemäss läuft, wenn meine Pläne schmerzhaft durchkreuzt werden, bin ich versucht, ins «Drama-Dreieck» einzutreten: Ich bin Opfer; Täter:innen sind die, die mir das Leben schwer machen. Ist das einmal definiert, bleibt für Dritte nur noch die Rolle der Retter:innen. Und damit fängt das Dreieck an zu drehen. In immer rascherem Tempo wechseln wir die Rollen, aber wir bleiben im Dreieck gefangen: Das Opfer wird zum Täter, die Retterin zum Opfer, die Täterin zum Retter und so weiter. In privaten und in öffentlichen Konflikten lässt sich dies noch und noch beobachten.
Die heilvolle Alternative besteht darin, dass ich Verantwortung übernehme: Ich anerkenne meinen Anteil am Konflikt. Das geschieht im heutigen Losungsvers. Und deswegen bleibt die Lektüre der Bibel immer wieder faszinierend. Das Volk Gottes schreibt seine Geschichte nicht wie andere als Triumph- oder eben Opfergeschichte. Es hätte sich als Opfer beklagen können über die bösen Philister und Ammoniter.
Stattdessen fragt es nach seiner eigenen Verantwortung und Schuld und gibt zu: Wir sind vom Weg der Gerechtigkeit und des Friedens abgekommen. Das lässt die Ewige nicht ungerührt, und sie schenkt Freiheit und Frieden.

von: Benedict Schubert