Kategorie: Texte

5. Januar

Lasst uns gehen, den HERRN anzuflehen und zu suchen den HERRN Zebaoth; wir wollen mit euch gehen. Sacharja 8,21

Auf den Weg gehen, um an einem besonderen Ort anzukommen, wo man Gott begegnen kann – das ist in heutiger Sprache eine Pilgerreise oder eine Wallfahrt. In Jerusalem gingen die Gläubigen zum Tempel, um ihre Beziehung zu Gott wieder in Ordnung zu bringen (den HERRN freundlich zu stimmen) und von Gott eine Weisung für das Leben zu erbitten (den HERRN zu suchen). Die gewagte Aussage des Losungsverses liegt darin, wer hier spricht. Es sind in diesem Text nicht die Israeliten, sondern die Angehörigen anderer Völker, die Bewohner fremder Städte. Es sind die feindlichen Nationen, die einst mit ihren Armeen gegen Jerusalem in den Krieg zogen. Es sind die Mächte, welche das Existenzrecht des Volkes Israel in Frage stellten. Nun kommen sie in einer ganz anderen Haltung: als friedliche Wallfahrer, die gemeinsam mit Israel auf den Pilgerweg gehen. «Völker werden kommen und die Bewohner von vielen Städten. Die Bewohner der einen Stadt werden zur anderen gehen und sagen: Wir wollen wirklich gehen, um den HERRN freundlich zu stimmen und den HERRN der Heerscharen zu suchen.» Im Bibeltext erklingt eine Stimme, die einen Frieden zwischen dem Volk Israel und seinen Nachbarn für möglich hält.
Was müsste heute geschehen, damit wir dieser Hoffnung näherkommen?

Von: Andreas Egli

4. Januar

Die Völker werden zu deinem Lichte ziehen und
die Könige zum Glanz, der über dir aufgeht.
Jesaja 60,3

Nach der grauen Morgendämmerung wird es einen hellen Sonnenaufgang geben. Das Prophetenwort spricht in eine Situation hinein, deren Stimmung man mit «grau in grau» beschreiben kann. Zwar war ein Teil der Juden aus der Verbannung nach Jerusalem zurückgekehrt, aber viele lebten immer noch zerstreut in anderen Ländern. Zwar standen wieder Häuser in der Stadt, aber für den Bau einer Stadtmauer fehlte die Kraft. Zwar hatte man angefangen, einen neuen Tempel zu bauen, aber die Arbeiten gingen nicht recht vorwärts. In einer Zeit der dunklen Schatten redet das Prophetenwort die Stadt Jerusalem an und stellt ihr ein ganz anderes Bild vor Augen: Die Stadt wird einen klaren Sonnenaufgang erleben, weil das Licht von Gott selbst kommt. Die Menschen werden lernen, auf Gottes Weisung zu hören und ihr Zusammenleben so zu gestalten, dass es von Recht und Gerechtigkeit geprägt ist. Diese Hoffnung wird nicht auf Jerusalem und nicht auf Israel beschränkt sein. Das Losungswort öffnet die Türe weit für alle Völker. Sie werden sich auf den Weg machen zum Licht, das Gott der Stadt Jerusalem schenkt. Sie werden den neuen Tag miterleben, der für alle beginnt.
«Sonne der Gerechtigkeit, gehe auf zu unsrer Zeit; brich in deiner Kirche an, dass die Welt es sehen kann.» (Lied 795)

Von: Andreas Egli

3. Januar

Bileam sprach: Wenn mir Balak sein Haus voll Silber und Gold gäbe, so könnte ich doch nicht übertreten das Wort des HERRN. 4. Mose 22,18

Geld ist nicht alles, die Treue zu Gott und seinem Wort ist mehr. Bileam nimmt allerdings den Mund etwas voll.
Später folgt die bekannte Geschichte von Bileams wunderbarem Esel. Bileam folgte nicht Gottes Wort und ging hin zu Balak, der Israel vernichten und Bileam dafür einspannen wollte.
Doch der Esel sieht den Engel auf dem Weg, dies drei Mal, und er versucht, auf ihn zuzugehen und Bileam vom Weg abzubringen, doch jedes Mal schlägt Bileam den Esel, bis der Esel in die Knie geht und zu ihm spricht, er habe ihm doch ein Leben lang gedient. Da endlich nimmt Bileam den Engel wahr und ändert seinen Weg und seinen Sinn und folgt Gottes Wort.
Heute sagen wir, wir würden unserem Bauchgefühl folgen. Hier ist es das Tier in uns, das mehr weiss als unser ach so kluger Kopf!
Wie ich dies schreibe, tobt der Krieg zwischen Israel und der Hamas im Gazastreifen. Ach, wären da nur Esel auf beiden Seiten, die den Engel Gottes sähen und zur Umkehr riefen! Denn tief im Innern, so will man zumindest glauben, weiss man doch, dass dieser Krieg unselig ist und die Bevölkerung hüben und drüben unsäglich leidet.

Von: Kathrin Asper

2. Januar

Da kam eine arme Witwe. Sie warf zwei kleine
Kupfermünzen hinein.
Markus 12,42

Da sitzt Jesus tatsächlich im Tempel und schaut zu, was in den Opferstock hineingetan wird. Das ist ein sehr befremdliches Bild, und ich bin nicht wenig schockiert.
Aber eben, wie so vieles in der Bibel kann man es auch anders verstehen!
Die Witwe hat alles gegeben, was sie hatte, und Jesus sagt von ihr zu den Jüngern: «Diese arme Witwe hat mehr gegeben als alle andern. Die haben nur von ihrem Überfluss gegeben, sie hat alles gegeben, was sie selbst dringend zum Leben gebraucht hätte.»
Das ist das zweitletzte Gleichnis vor der Passion. Im letzten geht es um das Salböl (14,3–9), das ein Jahresgehalt wert ist.
Beide Geschichten nehmen voraus, was Jesus am Schluss selber tut: nämlich die völlige Hingabe an Gottes Willen.
So gesehen scheint mir Jesu Sitzen und Beobachten im Tempel wie eine Einstimmung auf das, was ihm bevorsteht.
Auch beten wir: «Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.»
Wie schwer fällt es uns doch, uns selber in Gottes Willen hineinzugeben, ihn anzunehmen und nicht daran zu verzweifeln.

Von: Kathrin Asper

1. Januar

Hüte dich und bleibe still; fürchte dich nicht
und dein Herz sei unverzagt.
Jesaja 7,4

Das ist leichter gesagt als getan, wenn wie in diesem Fall eine Armee vor den Toren der Stadt steht und sie einzunehmen droht. Aber Jesaja macht Achas, dem König von Jerusalem, Mut: «Das sind nur rauchende Holzscheite; die können dir nichts anhaben!» Mit seinem Büblein an der Hand trifft er den König beim Teich, der die Stadt mit Wasser versorgt. Gott hat Jesaja aufgefordert, den Bub zum Treffen mit dem König mitzunehmen. Das Kind an der Hand verstärkt die Botschaft, dass die Stadt eine Zukunft hat. Auch der Ort des Treffens ist gut gewählt. Wasser ist das alte Symbol für das Leben. Vieles spricht in dieser Situation gegen die Hoffnung und für die Angst und darum lässt Gott nicht nur Jesaja sprechen, sondern unterstützt das, was er sagt, mit starken Bildern.
Vieles spricht auch heute gegen die Hoffnung und für das Verzagen. Dem Verzagen stehen nicht nur Gottes Zusagen aus der Bibel entgegen, sondern auch die konkreten Taten vieler, die von Hoffnung getragen sind. Wir sehen sie überall, wo Menschen sich dafür einsetzen, dass die Welt eine Zukunft hat. So lädt uns Jesaja ein zum Trotz. Seine Worte werden zu Vorsätzen, die uns das neue Jahr weit machen. «Trotz» kommt von «trutzig», wehrhaft. Unsere Welt braucht dringend die eigensinnige und robuste Hoffnung der Glaubenden.

Von: Heiner Schubert

31. Dezember

Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit grosser Barmherzigkeit will ich dich sammeln. Jesaja 54,7

Wir befinden uns am Ende eines Jahres. Die Bezeichnung «Silvester» geht zwar auf den Namen eines Papstes zurück, doch der kalendarisch letzte Tag im Jahr hat keinen Bezug zur Bibel. Dennoch erleben viele Menschen den Jahreswechsel als einen Moment von besonderer Sinnhaftigkeit, ja Spiritualität. Das vergangene Jahr wird auf seine Höhe- und Tiefpunkte nochmals aufgerollt, für das neue Jahr formulieren wir Vorsätze, die wir mit Horoskopen oder anderen Prognosen in Einklang bringen. In all diesem Tun spiegelt sich der Wunsch, unser eigenes Leben in diesem Moment des Übergangs in einem grösseren Ganzen geborgen zu wissen.
Wie passend ist dazu der heutige Losungstext. Selbst in unserer säkularen Welt, die eher auf das menschliche Handeln baut als auf Gottvertrauen, klingt dieses «mit grosser Barmherzigkeit will ich dich sammeln» wie Musik für unsere Ohren. Wenn wir heute um Mitternacht in Gesellschaft oder einfach nur für uns allein den Glockenschlag hören, werden wir diesen kurzen Augenblick des Verlassenseins fühlen, der uns bewusst macht, dass wir in den grossen Übergängen des Lebens allein sind. Um uns sogleich mit Korkenknallen, Feuerwerksgewitter und Glockengeläut wachzurütteln: Wir sind umfangen von Gemeinschaft und einer universellen Kraft. In diesem Sinn wünsche ich uns allen heute Abend einen Augenblick des Loslassens im Vertrauen auf eine grosse Barmherzigkeit, die uns für einen Neubeginn sammelt und begleitet.

Von: Esther Hürlimann

30. Dezember

Josef sprach zur Frau des Potifar, die ihn verführen wollte: Wie könnte ich ein so grosses Unrecht begehen und gegen Gott sündigen? 1. Mose 39,9

Josef lehnt die unmissverständliche Einladung zum Seitensprung nicht ab, weil er weiss, was alle Seitenspringenden eigentlich wissen müssten, wenn sie ganz bei Trost wären: dass der kurze Lustgewinn in der Regel die Verwüstungen, die er anrichtet, nicht wert ist. Er lehnt auch nicht ab aus Rücksicht auf Potifar, obwohl er zuerst so argumentiert. Josef lehnt ab, weil er sich Gott verpflichtet weiss. Nie hören wir Josef klagen. Die langen Durststrecken, die er durchstehen musste, nahm er aus Gottes Hand. «Irgendwie hängt alles zusammen», muss er sich gesagt haben, «und ist Teil meiner Beziehung zum Ewigen.» Josef gibt dieser Beziehung mehr Gewicht. Das kränkt die Frau und erklärt ihre schändliche Reaktion.
Frau Potifar tut mir leid. Verheiratet mit einem obersten Beamten, einem Eunuchen, bleibt ihr eheliche Vertrautheit fremd. Sonst wird es ihr an nichts gefehlt haben. Als sie Josef begegnet, will sie sich etwas von dem, was ihr so schmerzlich fehlt, nehmen, auf unrechte Weise. Tragischerweise sucht sie an der falschen Stelle. Josefs Glück ist nicht im Bett zu finden. Potifar selbst muss von Anfang an klar gewesen sein, dass nicht Josef das Problem ist. Es besteht deshalb die Hoffnung, dass Herr und Frau Potifar aus dieser Krise lernen konnten und ihnen noch ein paar glücklichere Jahre vergönnt waren.

von: Heiner Schubert

29. Dezember

Erfüllt ist die Zeit, und nahe gekommen das Reich Gottes. Kehrt um und glaubt an das Evangelium! Markus 1,15

Wir leben in apokalyptischen Zeiten. Krieg, Klimakatastrophe und die ungerechte Verteilung des Wohlstands nähren die Angst, dass die Zeit sich zwar nicht erfüllt hat, aber dass sie abgelaufen ist. Nicht etwa, weil Gott die Welt untergehen lässt, sondern weil der Mensch dazu fähig geworden ist, die eigenen Lebensgrundlagen zu zerstören. Ein Gedanke, der biblischen Autoren, die sich oft in einer Endzeit oder zumindest in einer Zeitenwende wähnen, völlig fremd ist.

Dass es nicht so weitergehen kann und Umkehr nottut, gehört zu den Einsichten, die in jedem Klimabericht nachzulesen sind. Anders als in apokalyptischen Texten in der Bibel, wo die Katastrophe als Durchgangsstation zum Heil verstanden wird und die Gerechten auf Rettung hoffen dürfen, trifft die Klimakatastrophe allerdings zuerst jene, die sie am wenigsten verursacht haben.
Der biblische Ruf hat nichts an Dringlichkeit verloren. Den Glauben daran, dass Verzicht und Rücksichtnahme möglich und Ausbeutung und Gewalt keine Naturgesetze sind, hat die Welt nötiger denn je. Überall, wo dieser Glaube in die Tat umgesetzt wird, scheint etwas vom Reich Gottes auf. Und in solchen Momenten leuchtet die Hoffnung auf, dass das Reich Gottes so nahe ist, wie es das Evangelium verheisst.

von: Felix Reich

28. Dezember

Du lässest Gras wachsen für das Vieh und Saat zu Nutz den Menschen, dass du Brot aus der Erde hervorbringst. Psalm 104,14

Die Jahresrückblicke sind längst im Fernsehen gelaufen. Die verschiedenen Kanäle haben schon Mitte Dezember kundgetan, an wen aus dem zu Ende gehenden Jahr besonders gedacht werden sollte. Wer Besonderes geleistet oder so richtig danebengelegen hat. Wer geboren oder gestorben ist – von den wirklich wichtigen Persönlichkeiten natürlich. Katastrophen und Heldentaten in Bild und Ton, mit Expertenstimmen und passender Hintergrundmusik.
Und jetzt? So zwischen den Jahren? Alle Luft raus nach den Feiertagen?
Vielleicht noch nicht ganz. Wenn Sie noch einen Atemzug haben, dann sollten Sie sich heute mit der Losung auf einen besonderen Rückblick begeben. Einen Schöpfungsrückblick. So würde ich Psalm 104 bezeichnen. Einen Rückblick auf all das, was Gott so wunderschön geschaffen hat:
«Herr, wie sind deine Werke so gross und viel! Du hast sie alle weise geordnet, und die Erde ist voll deiner Güter.» (Vers 24) Und der Blick wird gelenkt und aufmerksam gemacht auf das, was wunderschön ist. Auf Wolken, Wind und Donner, Wildesel, Klippdachs und Steinbock, Früchte, Gras, Brot und Wein. Und viele weitere Einzelheiten in bunten Farben mit Wörtern gemalt, damit sie zum Lob des Schöpfers gesungen werden. Heute, zum Ende des Jahres, und jeden weiteren Tag.

von: Sigrun Welke-Holtmann

27. Dezember

Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. Matthäus 6,9

Es ist das Gebet, das ich mit meinen Kindern, als sie klein waren, jeden Abend vor dem Einschlafen gebetet habe. Als Abschluss eines Tages, als Zusammenfassung all dessen, was war und was kommen wird.
Es ist das Gebet, das ich im Hospiz mit Angehörigen am Totenbett bete – ein letztes Mal zusammen. Als Abschluss eines Lebens.
Es ist das Gebet, das ich mit der Gemeinde im Gottesdienst bete – an normalen Sonntagen – hohen Feiertagen – Hochzeiten und Taufen, als Zusammenfassung aller Freude und Dankbarkeit, an den Wende- und Schwellenzeiten des Lebens.
Es ist das Gebet, in das ich mich hineingeben kann. Mit all meinen Anfängen und Abschlüssen, mit meiner Freude und meiner Traurigkeit, mit meinen Ängsten und mit meiner Hoffnung.
Und manchmal erscheint es mir wie ein Mantel, der sich ganz sanft und weich um meine Schultern legt und mir Wärme und Geborgenheit gibt. Und manchmal erscheint mir dieses Gebet wie ein grosser Fluss, der durch die Zeiten fliesst und wo ich mit vielen anderen zusammen stehe. Und wir kennen uns und verstehen die Blicke des/der anderen. Und wir wissen, wir sind alle Geschwister – Kinder des einen Vaters im Himmel.

von: Sigrun Welke-Holtmann