Autor: Andreas Egli

6. Juni

David betete: So bekräftige nun, HERR, Gott, das Wort in Ewigkeit, das du über deinen Knecht und über sein Haus geredet hast, und tu, wie du geredet hast! 2. Samuel 7,2

Das Kapitel spielt mit den verschiedenen Bedeutungen, die
das hebräische Wort «Haus» hat. Am Anfang geht es um das
Haus des Königs – den Palast, den David in Jerusalem bauen
liess. Dann taucht die Frage auf, ob es nicht auch für Gott ein
Haus geben sollte – einen Tempel, in dem er wohnen kann.
Aber diesen Bau wird David nicht mehr erleben, sondern
erst sein Sohn Salomo. Damit rückt eine dritte Bedeutung
in den Vordergrund. Nun steht das Wort für die Familie, für
die Gemeinschaft der Menschen, die in einem Haus leben.
Und für die Menschen, die das Leben in den nächsten Generationen
weitertragen werden. Im Fall des Königs ist dies
eine Dynastie, in der die Macht jeweils auf einen Thronfolger
übergeht. Der Prophet Natan gibt David die Zusage: «Dein
Haus und dein Königtum wird für alle Zeit Bestand haben.»
(Vers 16)
Der Losungsvers gehört zum Gebet, mit dem David auf
diese Verheissung antwortet. Er bittet, Gott solle das Versprechen
wahr machen. Vielleicht denkt der Text an eine
spätere Zeit, in der es in Jerusalem keinen Palast und keinen
Tempel mehr gab. Aber die Hoffnung blieb lebendig: Es wird
wieder einmal einen Nachkommen von David geben, der im
Auftrag von Gott für Gerechtigkeit sorgt.

Von: Andreas Egli

5. Juni

Harre des HERRN! Sei getrost und unverzagt
und harre des HERRN! Psalm 27,14

An mehreren Stellen im Alten Testament ertönt der Aufruf:
«Sei stark und mutig! Fürchte dich nicht und erschrick nicht!»
In einem besonderen geschichtlichen Moment bekommt
jemand einen wichtigen Auftrag. Zusammen mit anderen
soll er sich auf den Weg machen, um für das Leben einzustehen.
Er soll für das Gute kämpfen und sich von Widerständen
nicht einschüchtern lassen.
Zwei Beispiele: Josua soll an die Stelle von Mose treten, um
die Israeliten in ihr Land zu führen. Salomo soll in Jerusalem
den Tempel bauen lassen, den sein Vater David noch nicht
verwirklichen konnte. Der Aufruf ist also Teil einer Amtseinsetzung.
Im Psalm 27 wird der Satz in zwei Hälften aufgeteilt,
die wie eine Klammer den ganzen Psalm einrahmen. Die eine
Hälfte klingt am Anfang an: «Vor wem sollte ich mich fürchten?
Vor wem sollte ich erschrecken?» Im Losungsvers am
Schluss wird die andere Hälfte zitiert: «Sei stark und mutig!
Und hoffe auf den HERRN!»
So wird der Psalmbeter angesprochen, der sich von Gegnern
bedroht fühlt und Angst hat, nicht zu seinem Recht
zu kommen. Zu ihm wird gesagt: Halte das Vertrauen fest,
dass Gott dich sieht und dir beisteht. Du bist zwar keine so
herausragende Person wie einst Josua oder David. Aber auch
du bekommst von Gott einen Auftrag. Geh auf den Weg und
setze dich für das Leben ein.

Von: Andreas Egli

31. Mai

Wie schwer sind für mich, Gott, deine Gedanken!
Wie ist ihre Summe so gross! Psalm 139,17

Das Staunen über die Schöpfung ist ein Grundton im
Psalm 139. Im Unterschied zu bekannten Bibeltexten geht
es hier nicht um das Werden von Himmel und Erde. Über
die Entstehung des Lebens wird auf eine ganz andere Art
geredet. Der Psalmbeter denkt darüber nach, wie sein eigenes
Leben angefangen hat: als winziger Embryo im Schoss
der Mutter. Er sagt zu Gott: «Du hast mich gewoben im Leib
meiner Mutter. Schon damals haben mich deine Augen gesehen.
» Der Losungsvers fasst die Verwunderung in Worte.
Wenn Gott es ist, der Leben ermöglicht, dann kann man
über seine Ideen nur staunen: «Und mir, wie kostbar sind
mir deine Ideen, o Gott! Wie mächtig sind ihre Zahlen!»
Man könnte versuchen, Gottes Gedanken durch Messen
und Zählen in den Griff zu bekommen. Aber der Plan scheitert,
denn die Zahl ist viel zu gross. «Ich will sie zählen – sie
sind zahlreicher als der Sand.» Die eifrigen Überlegungen
haben zu einem Zustand geführt, der dem Traum ähnlich ist.
Doch der Beter kehrt zurück in die Realität und sagt: «Ich
bin aufgewacht – und ich befinde mich immer noch in der
Gemeinschaft mit dir.» (Vers 18) Hier liegt der eigentliche
Grund für das Staunen.
Der Beter kennt einen Gott, der zu ihm sagt: «Ich bin bei
dir. Ich begleite dich und zeige dir den guten Weg, an allen
Tagen deines Lebens.»

Von: Andreas Egli

6. April

Er behütete sein Volk wie seinen Augapfel. 5. Mose 32,10

Das Lied des Mose im Kapitel 32 hat die Form eines Gedichts mit starken Bildern. Dies zeigt sich auch im Losungsvers. In der Geschichte zwischen Gott und seinem Volk gibt es schwierige Phasen. Aber die Zeit der ersten Liebe ist nicht vergessen, und Gottes Treue gilt noch immer. Der Vers erzählt von der ursprünglichen Begegnung. Gott fand sein Volk in der Wüste und gab ihm seinen Schutz. «Er umgab es schützend, kümmerte sich um es.» Und dann heisst es wörtlich: «Er bewachte es wie das Männchen in seinem Auge.» Mit diesem Ausdruck ist die Pupille gemeint. In alter Zeit wusste man: Wenn zwei Menschen einander tief in die Augen schauen, können sie in der schwarzen Pupille des anderen ihr kleines Spiegelbild sehen – ein Männchen (Hebräisch) oder ein Püppchen (Griechisch, Latein). Der Ausdruck steht dafür, dass der Mensch ein Beziehungswesen ist. Er will das Gegenüber sehen und von ihm gesehen werden. Martin Luther fand für seine Übersetzung die Wendung, die sprichwörtlich geworden ist: behüten wie seinen Augapfel. So kostbar und so verletzlich ist das Auge, dass man besonders gut darauf aufpasst. Genau so wertvoll sind die Menschen für Gott. Wenn wir uns als Christen darüber freuen, sollten wir nicht vergessen: Was Gott wie seinen Augapfel behütet, ist in erster Linie sein Volk Israel – auch im Jahr 2026. Denn die biblischen Verheissungen gingen zuerst an das Volk Israel, wo auch die christliche Kirche ihren Anfang nahm.

Von: Andreas Egli

5. April

Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein. Psalm 23,5

Für das Vertrauen auf Gott wählt der Psalm starke Bilder. Im ersten Teil vergleicht er Gott mit einem Hirten, der seine Herde auf ihrer Wanderung begleitet. Dies wird in der hebräischen Bibel über das ganze Volk Israel gesagt. Neu ist im Psalm, dass der Beter es auf sich als Einzelperson bezieht: «Der Herr ist mein Hirte.» Im zweiten Teil des Psalms erscheint ein anderer Vergleich. Gott ist wie ein guter Gastgeber, bei dem man sich an einen reich gedeckten Tisch setzen kann. Nicht nur mit einem grosszügigen Essen wird der Gast verwöhnt, sondern auch mit einer Wellness-Behandlung – es gibt wohlriechendes Öl für das Gesicht – und reichlich Getränken. Die Abfolge im Psalm spricht von einer Erfahrung, die viele Menschen machen: Es gibt eine Zeit des Unterwegsseins, die schwer ist, weil der Weg durch ein dunkles Tal führt. Aber es gibt auch wieder eine Zeit des Ankommens. Jetzt kann man aufatmen, jetzt werden die wichtigen Bedürfnisse gestillt. Jetzt ist der Einzelne nicht mehr allein, sondern er gehört zu einer frohen Tischgemeinschaft. Dieser Gedanke passt zu Ostern. Die Jünger erkennen den auferstandenen Christus, als sie mit ihm zusammen am Tisch sitzen. Und sie treffen sich wieder zum gemeinsamen Essen, um an ihn zu denken.

Von: Andreas Egli

6. Februar

Du, HERR, bist gerecht, wir aber müssen uns
alle heute schämen.
Daniel 9,7

Wie kann ein Volk der eigenen Religion treu bleiben, wenn es unter der Vorherrschaft eines anderen Landes und seiner Kultur lebt? Mit dieser Frage, die für das Judentum bis heute aktuell ist, beschäftigt sich das Danielbuch. In einer Reihe von Erzählungen blickt es zurück auf die Zeit des Exils. Daniel ist ein Vorbild als weiser Mann, der bis in hohe Ämter am babylonischen Königshof aufsteigt, aber am israelitischen Glauben festhält. Im Lauf der Jahrhunderte wurde Israel von wechselnden Grossmächten dominiert: Babylon, Medien, Persien und schliesslich Griechenland. In den Visionen des Danielbuchs ist diese Abfolge umgesetzt. Auf die attraktive griechische Kultur reagierte man im Judentum sehr gegensätzlich. Die einen waren für eine Öffnung und arbeiteten mit dem Griechenkönig zusammen, der im Tempel von Jerusalem ein griechisches Götterbild aufstellen liess. Andere stellten sich als religiöse Nationalisten gegen alles Griechische und machten einen gewaltsamen Aufstand. Das Danielbuch tritt für einen vorsichtigeren Mittelweg ein: Treue zur eigenen Tradition, aber ohne Gewalt. Es vertraut darauf, dass Gott der wahre König ist, gerecht und barmherzig. Die Zeit wird kommen, dass Gott eine Wendung zum Guten herbeiführt. Das Gebet im Kapitel 9 ist ein Ausdruck dieses Vertrauens.

Von: Andreas Egli

5. Januar

Bewahre mich, Gott; denn ich traue auf dich. Psalm 16,1

Die Zürcher Bibel übersetzt: «Behüte mich, Gott, denn bei dir suche ich Zuflucht.» Das Verb «Zuflucht suchen» und das Substantiv «Zuflucht» haben eine konkrete Bedeutung. Die Klippdachse, die wie Meerschweinchen aussehen, finden in den Spalten zwischen den Felsen einen geschützten Lebensraum: einen Unterschlupf, in den sie immer wieder zurückkehren (Psalm 104,18). Das Dach einer Hütte bietet Schatten, wenn die Sonne brennt, oder Schutz vor einem starken Regen. (Jesaja 4,6)
Heute braucht man das hebräische Wort, das als Verb mit «Zuflucht suchen» übersetzt wird, für den Luftschutzkeller, der einen vor kriegerischer Gewalt bewahrt, wie auch für eine Institution, in der verwaiste Kinder oder Menschen mit einer Behinderung betreut werden. In der Sprache der Psalmen wird «Zuflucht suchen» zu einem umfassenden Ausdruck dafür, dass Menschen Geborgenheit suchen und sie in der Beziehung zu Gott finden. Nötig haben dies nicht nur «die anderen», die vielleicht zu einer besonders vulnerablen Gruppe gehören. Alle machen die Erfahrung, dass sie äusseren Gefahren, aber auch inneren Verunsicherungen ausgesetzt sind. Menschliche Beziehungen geben einen gewissen Halt, können aber auch enttäuschen. Die Hinwendung zu Gott ist der Weg zu einer Zuflucht, die nicht von äusseren Faktoren abhängig ist. Viele Psalmen helfen, dieses Vertrauen zum göttlichen Du zu vertiefen.

Von: Andreas Egli

6. Dezember

O HERR, hilf! O HERR, lass wohlgelingen! Psalm 118,25

Für den Ruf um Hilfe kennt die Bibel ein eigenes Wort.
Laute Schreie drücken die Not und die Verzweiflung aus, die
jemand in einer extremen Situation erlebt. Menschen sind
in einer Notlage, die sie nicht allein bewältigen können. Sie
wenden sich an jemanden, dem sie zutrauen, dass er helfen
kann. Zum Beispiel an den König, der in einer lebensbedrohlichen
Not für Gerechtigkeit sorgen soll. Oder an Mitmenschen,
die zufällig anwesend sind und ihre Augen vor einer
Gewalttat nicht verschliessen sollen.
Der gleiche Ruf wird auch an Gott gerichtet. Im Buch der
Richter heisst es mehr als einmal: «Die Israeliten schrien zum
HERRN um Hilfe. Und der HERR liess für die Israeliten einen
Helfer aufstehen. Und er kam ihnen zu Hilfe: Otniel, der Sohn
von Kenas.» (Richter 3,9)
Gott lässt die Leidenden nicht allein. Er schickt jemanden,
der ihnen zu Hilfe kommt. Jemanden, der Hilfe in ihre
schwierige Situation bringt. Der Losungsvers enthält genau
den Wortlaut eines solchen Hilferufs: «Ach, HERR, komm
doch zu Hilfe! Ach, HERR, lass es doch gelingen!» Die Wörtchen
«ach» und «doch» unterstreichen die Dringlichkeit,
sie stehen für die Lautstärke des Schreis. Im zweiten Teil des
Verses steht die Bitte: Die Hilfe soll nicht nur ein gutgemeinter
Versuch sein. Sie soll tatsächlich Erfolg haben.

Von: Andreas Egli

5. Dezember

HERR, zeige uns deine Gnade und gib uns dein Heil!
Psalm 85,8

Was meint das Wort chäsäd, das hier mit Gnade, besser
aber mit Güte übersetzt wird? Ein Beispiel findet sich in den
Erzählungen über Josef. Er sitzt im Gefängnis und lernt dort
einen Mitgefangenen kennen, den Obermundschenk des
Pharao. Dieser erzählt einen Traum, und Josef gibt ihm eine
hoffnungsvolle Deutung. Er werde in drei Tagen aus dem
Gefängnis entlassen und könne sein Amt wieder übernehmen.
Josef schliesst eine persönliche Bitte an: «Aber denk
an mich, wenn es dir wieder gut geht. Tu mir bitte einen
Gefallen. Ruf mich beim Pharao in Erinnerung und hilf mir,
dass ich das Gefängnis verlassen kann.» (1. Mose 40,14) Güte
ist eine gegenseitige Solidarität in einer Beziehung. «Tu mir
bitte einen Gefallen.» Güte zeigt sich darin, dass jemand
dem anderen etwas zuliebe tut. Sie geht über das hinaus,
was eine selbstverständliche Pflicht wäre. Güte ist die Bereitschaft,
für einen anderen da zu sein, der es nötig hat. Güte ist
aber nicht garantiert, und Josefs Bitte wird enttäuscht: «Der
Obermundschenk dachte nicht mehr an Josef und vergass
ihn.» (1. Mose 40,23)
Anders ist es, wenn die Bibel mit dem Wort Güte von Gott
spricht. «Danket dem HERRN, denn er ist gut. Ja, für alle Zeit
ist seine Güte.» (Psalm 136,1) Mit diesem Vertrauen bittet
der Losungsvers: «Lass uns, HERR, deine Güte sehen und
gib uns deine Hilfe.»

Von: Andreas Egli

6. Oktober

Ich glaube aber doch, dass ich sehen werde die
Güte des HERRN im Lande der Lebendigen.
Psalm 27,13

Zwischen Angst und Vertrauen bewegt sich das Gebet im Psalm 27. Die Angst wird ausgelöst durch das Verhalten feindlicher Menschen. Der Beter fühlt sich belagert wie von einem gegnerischen Heer, in seiner Existenz bedroht wie durch einen verfälschten Gerichtsprozess. Vertrauen findet er in den Momenten, in denen er die Nähe Gottes sucht. Er erinnert sich an einen Besuch im Tempel und möchte den Segen erhalten, der vom «leuchtenden Angesicht» Gottes ausgeht. Der Losungsvers ist eigentlich ein Satz, der nicht zu Ende geführt ist. Er beginnt in einer anderen Übersetzung mit «wenn nicht»: «Wenn ich nicht darauf vertraut hätte, die Güte des HERRN zu sehen im Lande des Lebens …» Man erwartet einen zweiten Teil, der mit «dann» anfängt. Aber hier fehlt etwas. Wir sind eingeladen, uns die Fortsetzung vorzustellen. Was kommt Ihnen in den Sinn? Vielleicht: «Dann könnte ich jetzt nicht dankbar sein.» – «Dann hätte ich nicht durchhalten können.» – «Gerade noch einmal gut gegangen.» Der Satz ist gewissermassen ein tiefer Atemzug, ein Seufzer der Erleichterung. Die Angst ist vorbei, und das Vertrauen hat sich bewährt. Vertrauen zu können, ist mindestens so konkret, wie sich zu fürchten. Von Gott kommt etwas Gutes, man kann es sehen. Und zwar nicht irgendwann, sondern in diesem Leben.

Von: Andreas Egli