Autor: Andreas Egli

6. April

Er behütete sein Volk wie seinen Augapfel. 5. Mose 32,10

Das Lied des Mose im Kapitel 32 hat die Form eines Gedichts mit starken Bildern. Dies zeigt sich auch im Losungsvers. In der Geschichte zwischen Gott und seinem Volk gibt es schwierige Phasen. Aber die Zeit der ersten Liebe ist nicht vergessen, und Gottes Treue gilt noch immer. Der Vers erzählt von der ursprünglichen Begegnung. Gott fand sein Volk in der Wüste und gab ihm seinen Schutz. «Er umgab es schützend, kümmerte sich um es.» Und dann heisst es wörtlich: «Er bewachte es wie das Männchen in seinem Auge.» Mit diesem Ausdruck ist die Pupille gemeint. In alter Zeit wusste man: Wenn zwei Menschen einander tief in die Augen schauen, können sie in der schwarzen Pupille des anderen ihr kleines Spiegelbild sehen – ein Männchen (Hebräisch) oder ein Püppchen (Griechisch, Latein). Der Ausdruck steht dafür, dass der Mensch ein Beziehungswesen ist. Er will das Gegenüber sehen und von ihm gesehen werden. Martin Luther fand für seine Übersetzung die Wendung, die sprichwörtlich geworden ist: behüten wie seinen Augapfel. So kostbar und so verletzlich ist das Auge, dass man besonders gut darauf aufpasst. Genau so wertvoll sind die Menschen für Gott. Wenn wir uns als Christen darüber freuen, sollten wir nicht vergessen: Was Gott wie seinen Augapfel behütet, ist in erster Linie sein Volk Israel – auch im Jahr 2026. Denn die biblischen Verheissungen gingen zuerst an das Volk Israel, wo auch die christliche Kirche ihren Anfang nahm.

Von: Andreas Egli

5. April

Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein. Psalm 23,5

Für das Vertrauen auf Gott wählt der Psalm starke Bilder. Im ersten Teil vergleicht er Gott mit einem Hirten, der seine Herde auf ihrer Wanderung begleitet. Dies wird in der hebräischen Bibel über das ganze Volk Israel gesagt. Neu ist im Psalm, dass der Beter es auf sich als Einzelperson bezieht: «Der Herr ist mein Hirte.» Im zweiten Teil des Psalms erscheint ein anderer Vergleich. Gott ist wie ein guter Gastgeber, bei dem man sich an einen reich gedeckten Tisch setzen kann. Nicht nur mit einem grosszügigen Essen wird der Gast verwöhnt, sondern auch mit einer Wellness-Behandlung – es gibt wohlriechendes Öl für das Gesicht – und reichlich Getränken. Die Abfolge im Psalm spricht von einer Erfahrung, die viele Menschen machen: Es gibt eine Zeit des Unterwegsseins, die schwer ist, weil der Weg durch ein dunkles Tal führt. Aber es gibt auch wieder eine Zeit des Ankommens. Jetzt kann man aufatmen, jetzt werden die wichtigen Bedürfnisse gestillt. Jetzt ist der Einzelne nicht mehr allein, sondern er gehört zu einer frohen Tischgemeinschaft. Dieser Gedanke passt zu Ostern. Die Jünger erkennen den auferstandenen Christus, als sie mit ihm zusammen am Tisch sitzen. Und sie treffen sich wieder zum gemeinsamen Essen, um an ihn zu denken.

Von: Andreas Egli

6. Februar

Du, HERR, bist gerecht, wir aber müssen uns
alle heute schämen.
Daniel 9,7

Wie kann ein Volk der eigenen Religion treu bleiben, wenn es unter der Vorherrschaft eines anderen Landes und seiner Kultur lebt? Mit dieser Frage, die für das Judentum bis heute aktuell ist, beschäftigt sich das Danielbuch. In einer Reihe von Erzählungen blickt es zurück auf die Zeit des Exils. Daniel ist ein Vorbild als weiser Mann, der bis in hohe Ämter am babylonischen Königshof aufsteigt, aber am israelitischen Glauben festhält. Im Lauf der Jahrhunderte wurde Israel von wechselnden Grossmächten dominiert: Babylon, Medien, Persien und schliesslich Griechenland. In den Visionen des Danielbuchs ist diese Abfolge umgesetzt. Auf die attraktive griechische Kultur reagierte man im Judentum sehr gegensätzlich. Die einen waren für eine Öffnung und arbeiteten mit dem Griechenkönig zusammen, der im Tempel von Jerusalem ein griechisches Götterbild aufstellen liess. Andere stellten sich als religiöse Nationalisten gegen alles Griechische und machten einen gewaltsamen Aufstand. Das Danielbuch tritt für einen vorsichtigeren Mittelweg ein: Treue zur eigenen Tradition, aber ohne Gewalt. Es vertraut darauf, dass Gott der wahre König ist, gerecht und barmherzig. Die Zeit wird kommen, dass Gott eine Wendung zum Guten herbeiführt. Das Gebet im Kapitel 9 ist ein Ausdruck dieses Vertrauens.

Von: Andreas Egli

5. Januar

Bewahre mich, Gott; denn ich traue auf dich. Psalm 16,1

Die Zürcher Bibel übersetzt: «Behüte mich, Gott, denn bei dir suche ich Zuflucht.» Das Verb «Zuflucht suchen» und das Substantiv «Zuflucht» haben eine konkrete Bedeutung. Die Klippdachse, die wie Meerschweinchen aussehen, finden in den Spalten zwischen den Felsen einen geschützten Lebensraum: einen Unterschlupf, in den sie immer wieder zurückkehren (Psalm 104,18). Das Dach einer Hütte bietet Schatten, wenn die Sonne brennt, oder Schutz vor einem starken Regen. (Jesaja 4,6)
Heute braucht man das hebräische Wort, das als Verb mit «Zuflucht suchen» übersetzt wird, für den Luftschutzkeller, der einen vor kriegerischer Gewalt bewahrt, wie auch für eine Institution, in der verwaiste Kinder oder Menschen mit einer Behinderung betreut werden. In der Sprache der Psalmen wird «Zuflucht suchen» zu einem umfassenden Ausdruck dafür, dass Menschen Geborgenheit suchen und sie in der Beziehung zu Gott finden. Nötig haben dies nicht nur «die anderen», die vielleicht zu einer besonders vulnerablen Gruppe gehören. Alle machen die Erfahrung, dass sie äusseren Gefahren, aber auch inneren Verunsicherungen ausgesetzt sind. Menschliche Beziehungen geben einen gewissen Halt, können aber auch enttäuschen. Die Hinwendung zu Gott ist der Weg zu einer Zuflucht, die nicht von äusseren Faktoren abhängig ist. Viele Psalmen helfen, dieses Vertrauen zum göttlichen Du zu vertiefen.

Von: Andreas Egli

6. Dezember

O HERR, hilf! O HERR, lass wohlgelingen! Psalm 118,25

Für den Ruf um Hilfe kennt die Bibel ein eigenes Wort.
Laute Schreie drücken die Not und die Verzweiflung aus, die
jemand in einer extremen Situation erlebt. Menschen sind
in einer Notlage, die sie nicht allein bewältigen können. Sie
wenden sich an jemanden, dem sie zutrauen, dass er helfen
kann. Zum Beispiel an den König, der in einer lebensbedrohlichen
Not für Gerechtigkeit sorgen soll. Oder an Mitmenschen,
die zufällig anwesend sind und ihre Augen vor einer
Gewalttat nicht verschliessen sollen.
Der gleiche Ruf wird auch an Gott gerichtet. Im Buch der
Richter heisst es mehr als einmal: «Die Israeliten schrien zum
HERRN um Hilfe. Und der HERR liess für die Israeliten einen
Helfer aufstehen. Und er kam ihnen zu Hilfe: Otniel, der Sohn
von Kenas.» (Richter 3,9)
Gott lässt die Leidenden nicht allein. Er schickt jemanden,
der ihnen zu Hilfe kommt. Jemanden, der Hilfe in ihre
schwierige Situation bringt. Der Losungsvers enthält genau
den Wortlaut eines solchen Hilferufs: «Ach, HERR, komm
doch zu Hilfe! Ach, HERR, lass es doch gelingen!» Die Wörtchen
«ach» und «doch» unterstreichen die Dringlichkeit,
sie stehen für die Lautstärke des Schreis. Im zweiten Teil des
Verses steht die Bitte: Die Hilfe soll nicht nur ein gutgemeinter
Versuch sein. Sie soll tatsächlich Erfolg haben.

Von: Andreas Egli

5. Dezember

HERR, zeige uns deine Gnade und gib uns dein Heil!
Psalm 85,8

Was meint das Wort chäsäd, das hier mit Gnade, besser
aber mit Güte übersetzt wird? Ein Beispiel findet sich in den
Erzählungen über Josef. Er sitzt im Gefängnis und lernt dort
einen Mitgefangenen kennen, den Obermundschenk des
Pharao. Dieser erzählt einen Traum, und Josef gibt ihm eine
hoffnungsvolle Deutung. Er werde in drei Tagen aus dem
Gefängnis entlassen und könne sein Amt wieder übernehmen.
Josef schliesst eine persönliche Bitte an: «Aber denk
an mich, wenn es dir wieder gut geht. Tu mir bitte einen
Gefallen. Ruf mich beim Pharao in Erinnerung und hilf mir,
dass ich das Gefängnis verlassen kann.» (1. Mose 40,14) Güte
ist eine gegenseitige Solidarität in einer Beziehung. «Tu mir
bitte einen Gefallen.» Güte zeigt sich darin, dass jemand
dem anderen etwas zuliebe tut. Sie geht über das hinaus,
was eine selbstverständliche Pflicht wäre. Güte ist die Bereitschaft,
für einen anderen da zu sein, der es nötig hat. Güte ist
aber nicht garantiert, und Josefs Bitte wird enttäuscht: «Der
Obermundschenk dachte nicht mehr an Josef und vergass
ihn.» (1. Mose 40,23)
Anders ist es, wenn die Bibel mit dem Wort Güte von Gott
spricht. «Danket dem HERRN, denn er ist gut. Ja, für alle Zeit
ist seine Güte.» (Psalm 136,1) Mit diesem Vertrauen bittet
der Losungsvers: «Lass uns, HERR, deine Güte sehen und
gib uns deine Hilfe.»

Von: Andreas Egli

6. Oktober

Ich glaube aber doch, dass ich sehen werde die
Güte des HERRN im Lande der Lebendigen.
Psalm 27,13

Zwischen Angst und Vertrauen bewegt sich das Gebet im Psalm 27. Die Angst wird ausgelöst durch das Verhalten feindlicher Menschen. Der Beter fühlt sich belagert wie von einem gegnerischen Heer, in seiner Existenz bedroht wie durch einen verfälschten Gerichtsprozess. Vertrauen findet er in den Momenten, in denen er die Nähe Gottes sucht. Er erinnert sich an einen Besuch im Tempel und möchte den Segen erhalten, der vom «leuchtenden Angesicht» Gottes ausgeht. Der Losungsvers ist eigentlich ein Satz, der nicht zu Ende geführt ist. Er beginnt in einer anderen Übersetzung mit «wenn nicht»: «Wenn ich nicht darauf vertraut hätte, die Güte des HERRN zu sehen im Lande des Lebens …» Man erwartet einen zweiten Teil, der mit «dann» anfängt. Aber hier fehlt etwas. Wir sind eingeladen, uns die Fortsetzung vorzustellen. Was kommt Ihnen in den Sinn? Vielleicht: «Dann könnte ich jetzt nicht dankbar sein.» – «Dann hätte ich nicht durchhalten können.» – «Gerade noch einmal gut gegangen.» Der Satz ist gewissermassen ein tiefer Atemzug, ein Seufzer der Erleichterung. Die Angst ist vorbei, und das Vertrauen hat sich bewährt. Vertrauen zu können, ist mindestens so konkret, wie sich zu fürchten. Von Gott kommt etwas Gutes, man kann es sehen. Und zwar nicht irgendwann, sondern in diesem Leben.

Von: Andreas Egli

5. Oktober

Es sei Gutes oder Schlechtes – auf die Stimme des HERRN, unseres Gottes, werden wir hören. Jeremia 42,6

«Auf die Stimme des HERRN hören» ist ein wichtiger Ausdruck im Jeremiabuch. Die Autoren formulierten damit ihr grösstes Anliegen: Die Israeliten sollen auf die göttlichen Gebote hören und ihnen gehorchen. In vielen Fällen geschieht das aber nicht. So ist es auch in der letzten Erzählung über den Propheten Jeremia. Jerusalem ist schon von den Babyloniern erobert, nur ein Teil der Bevölkerung lebt noch hier. Unter diesen Leuten kommt die Idee auf, nach Ägypten zu fliehen. Sie bitten Jeremia, Gott nach seinem Willen zu befragen. Die Anfrage ist verbunden mit dem feierlichen Versprechen: «Ob gut oder schlecht, auf die Stimme des HERRN, unseres Gottes, zu dem wir dich schicken, werden wir hören.» Es kommt jedoch ganz anders heraus. Von einer Flucht nach Ägypten rät Jeremia entschieden ab. Er meint, man müsse realistisch sein und die babylonische Vorherrschaft akzeptieren. Aber niemand will diesen Rat annehmen. Die Flucht findet statt, auch der Prophet muss mit. Er stellt fest: «Ihr habt nicht gehört auf die Stimme des HERRN, eures Gottes.» (Vers 21) Das Hören auf Gott ist offenbar schwieriger als gedacht. Können wir Menschen nur das aufnehmen, was uns ins Konzept passt? Oder sind wir offen für eine Botschaft, die anders ist?

Von: Andreas Egli

6. August

Ich will dem HERRN singen, denn er ist hoch erhaben.
2. Mose 15,1

Noch einmal geht es um den Auszug aus Ägypten. Nun wird von den Israeliten erzählt, die den beschwerlichen Weg in die Freiheit unter die Füsse nehmen. Sie sollen keine Sklavenarbeit mehr leisten, sondern nur noch einem dienen – ihrem Gott. Ihnen hinterhergeschickt wird eine hochgerüstete Armee, die sie stoppen und zurückholen soll. Schnelle Pferdegespanne ziehen die ägyptischen Kriegswagen, auf denen schwer bewaffnete Kämpfer stehen. Zur Entscheidung kommt es, als die Israeliten am Rand einer Wasserfläche nicht mehr weiterkommen. Auf unerklärliche Art weicht das Wasser zurück, sodass man es zu Fuss durchqueren kann. Die schweren Kriegsgeräte dagegen bleiben im Meer stecken. An dieser Stelle ist ein Psalm in die Erzählung eingefügt, der für Gottes Hilfe dankt. Und gleich zweimal ertönt ein kurzes Siegeslied (Verse 1 und 21). Aber nicht ein Sieg in der Schlacht, sondern ein unerwartetes Naturereignis brachte die Rettung. Das Lied besingt nicht die Stärke der eigenen Kämpfer, sondern ein wunderbares Eingreifen von Gott. «Damals sangen Mose und die Israeliten dieses Lied: Singen will ich dem HERRN, denn hoch hat er sich erhoben. Pferde und Kriegswagenfahrer hat er ins Meer geworfen.» Das Lied drückt den Glauben aus: Gott zeigt seine Hoheit dadurch, dass er auf der Seite der Unterdrückten steht.

Von: Andreas Egli

5. August

Der HERR sprach zu Mose: Du sollst alles reden, was ich dir gebieten werde. 2. Mose 7,1.2

In der Erzählung vom Auszug aus Ägypten sind die Gegenspieler klar. Einerseits ist es der Pharao, der König des Grossreichs Ägypten. Er steht an der Spitze eines mächtigen Staatsapparats und wird in seinem Land wie ein Gott verehrt. Andererseits ist es der Gott eines kleinen Wüstenvolks, das in Ägypten Sklavenarbeit leistete und nun den Weg in die Freiheit sucht. Es scheint, dass die Überlegenheit klar beim Pharao liegt. Aber der Text kehrt die Verhältnisse um. An der Spitze steht der biblische Gott, der sich mit seinem Namen bekannt gemacht hat. Ihm untergeordnet ist Mose, der das göttliche Wort empfängt und weitergibt. Gegenüber dem Pharao bekommt er fast die Stellung eines göttlichen Wesens. Wieder eine Stufe tiefer steht Moses Bruder Aaron. Wie ein Prophet überbringt er die Botschaft, die er empfangen hat. Erst an unterster Stelle findet man den Pharao, für den die Nachricht bestimmt ist. Im Gegensatz zur Geschichtsschreibung von Ägypten trägt er nicht einmal einen Namen. «Der HERR sagte zu Mose: Sieh, ich setze dich als göttliches Wesen für den Pharao ein. Und Aaron, dein Bruder, wird dein Prophet sein. Du wirst alles reden, was ich dir auftragen werde. Und Aaron, dein Bruder, wird es zum Pharao reden. Dann lässt er die Israeliten aus seinem Land ziehen.»

Von: Andreas Egli