Autor: Andreas Egli

6. Oktober

Lass mich nicht zuschanden werden, denn ich traue auf dich! Psalm 25,20

Im Deutschen braucht man zwei verschiedene Wörter. Scham (sich schämen) meint die innere Erfahrung, dass sich jemand durch die Blicke der anderen entblösst und herab-gewürdigt fühlt. Schande (zuschanden werden) bezeichnet die äussere Situation, in der jemand seine Ehre, seine Würde, seinen sozialen Status verloren hat. In anderen Sprachen gibt es nur ein Wort für beide Bedeutungen, so auch in der Bibel. «Behüte meine Seele und rette mich. Ich soll mich nicht schämen müssen, denn bei dir habe ich Zuflucht gesucht.» Scham/Schande ist ein Beziehungsbegriff, der von zwei Beteiligten spricht. Eine Person muss sich schämen, weil jemand anderes sie beschämt. Die Frage stellt sich, ob diese Rollen richtig verteilt sind. Dies zeigt sich in einem Fall, der in Frankreich für Aufsehen gesorgt hat. Gisèle Pelicot wurde von ihrem Ehemann betäubt und anderen Männern zur Vergewaltigung angeboten. Auf den ersten Blick war dies für sie eine tiefe Beschämung. Aber sie fand ihre innere Stärke wieder, als sie erkannte: «Die Scham/Schande muss auf die andere Seite wechseln.» In einem ähnlichen Sinn bittet der Psalm darum, dass Gott für Gerechtigkeit sorge. Wenn der Beter sich schämen muss und seine Gegner sich freuen (Vers 2), stimmt etwas nicht. Die Scham/Schande soll nicht auf der falschen Seite bleiben.

Von: Andreas Egli

5. Oktober

Die Frau entgegnete: Ja, Herr! Aber die Hunde fressen doch die Krümel, die vom Tisch ihrer Herren herunterfallen. Darauf antwortete Jesus: Frau, dein
Glaube ist gross! Was du willst, soll dir geschehen! Matthäus 15,27–28

Jesus wandert im Grenzgebiet zwischen seiner Heimat Galiläa und der ausländischen Stadt Tyros. Eine Frau von dort bittet ihn mit lauten Rufen um Hilfe. Ihre Tochter sei krank und leide unter schweren Anfällen. Jesus geht nicht auf sie ein. Als die Jünger ihn drängen, sagt er, sein Auftrag gelte nur für die «verlorenen Schafe» von Israel. Die Frau lässt nicht locker, aber Jesus bleibt abweisend: «Es ist nicht recht, den Kindern das Brot wegzunehmen und es den Hunden zu geben.» In der Bibel kann das Wort «Hund» einen abschätzigen Ton haben. Mit dem Mut der Verzweiflung wagt die Frau im Losungsvers einen dritten Anlauf. Sie akzeptiert, dass es eine Reihenfolge gibt: Herren – Kinder – Hunde. Doch sie dreht das Bild um. Die Hunde sitzen zwar unter dem Tisch, aber sie gehören auch zur Familie. Sie dürfen wenigstens die Brosamen erhalten, die vom Essen der Kinder übrig blei-ben. Jesus lässt sich von der Entschlossenheit dieser Mutter beeindrucken. Sie setzt ein grosses Vertrauen auf ihn, und ihre Tochter bekommt Hilfe. Die Erzählung zeigt: Im Grenzgebiet gibt es nicht nur Schwarz und Weiss. Man muss auch die feinen Abstufungen sehen.

Von: Andreas Egli

6. August

Der Kerkermeister freute sich mit seinem ganzen Hause, dass er zum Glauben an Gott gekommen war. Apostelgeschichte 16,34

Eine Nacht im Gefängnis von Philippi, der römischen Stadt
in Nordgriechenland. Am Vortag sind zwei jüdische Männer
in der Sicherheitszelle eingesperrt worden: Paulus und Silas.
Der Gefängniswärter erlebt drei heftige Erschütterungen.

1.Ein riesiger Schreck: Ein starkes Erdbeben weckt den
Aufseher. Die Türen und Fesseln des Gefängnisses sind aufgebrochen.
Er rechnet damit, dass alle Gefangenen geflohen
sind. Weil er als Wächter versagt hat, will er sich das Leben
nehmen.

2.Eine positive Überraschung: Der Wärter hört den lauten
Ruf von Paulus. «Tu dir nichts an! Wir sind alle noch hier!»
Zitternd rennt er ins Gefängnis und wirft sich vor den zwei
Sicherheitsgefangenen auf die Knie. Er führt sie hinaus und
fragt: «Meine Herren, was soll ich jetzt tun?»

3.Eine neue spirituelle Orientierung: Paulus und Silas spielen
sich nicht als Herren auf. Sondern sie reden vom jüdischen
Glauben, dass Gott der einzige Herr ist. Und von der
Überzeugung der Christen, dass Jesus den gleichen Titel
trägt: «Setze dein Vertrauen auf Jesus, den Herrn.»
So kommt es zur Überraschung, dass sich der Angestellte
einer römischen Stadt dem jüdisch-christlichen Glauben
anschliesst. In einer gemeinsamen Mahlzeit teilt der Aufseher
die Freude mit seiner ganzen Familie.

Von: Andreas Egli

5. August

Gideon sprach zu dem Engel des HERRN: Ist der HERR mit uns, warum ist uns dann das alles widerfahren? Richter 6,13

Von Gideon werden Szenen überliefert, in denen er als Haudegen,
als erfolgreicher Krieger, als mächtiger Held auftritt.
So spricht ihn der Engel an: «Der HERR ist mit dir, du mächtiger
Held.» (Vers 12) Aber der Abschnitt, in dem der Losungsvers
steht, zeichnet ein anderes Bild. Hier schreitet Gideon
nicht von Erfolg zu Erfolg, sondern von einem
Zweifel zum anderen. Er stellt Fragen, die für das Volk Israel in einer späteren
Epoche noch viel drängender werden sollten. «Der HERR ist mit uns.» Kann man dies noch sagen nach allem, was passiert ist? Auf welche Art wird es Hilfe und Rettung geben? Wie kann man sicher sein, wirklich das gehört zu haben, was Gott sagen will? Im Dialog erscheint Gideon nicht mehr als die grosse Ausnahmeerscheinung,
sondern als ein Mensch, der verunsichert ist. Ein Mensch wie wir. Die Texte wurden
in einer Zeit bearbeitet, als Israel keinen Staat und keinen
König mehr hatte – wie früher einmal zur Zeit der Richter.
Die Bearbeiter machten aus der Erfolgsgeschichte eine
Glaubensgeschichte. Sie deuteten an, wo sie in ihrer Verunsicherung
einen Halt finden konnten: im Hören auf die Worte der Bibel, die über Generationen weitererzählt wurden; und in der Ausrichtung auf Gott, die im Gottesdienst
und in den Gebeten geschieht.

Von: Andreas Egli

6. Juni

David betete: So bekräftige nun, HERR, Gott, das Wort in Ewigkeit, das du über deinen Knecht und über sein Haus geredet hast, und tu, wie du geredet hast! 2. Samuel 7,2

Das Kapitel spielt mit den verschiedenen Bedeutungen, die
das hebräische Wort «Haus» hat. Am Anfang geht es um das
Haus des Königs – den Palast, den David in Jerusalem bauen
liess. Dann taucht die Frage auf, ob es nicht auch für Gott ein
Haus geben sollte – einen Tempel, in dem er wohnen kann.
Aber diesen Bau wird David nicht mehr erleben, sondern
erst sein Sohn Salomo. Damit rückt eine dritte Bedeutung
in den Vordergrund. Nun steht das Wort für die Familie, für
die Gemeinschaft der Menschen, die in einem Haus leben.
Und für die Menschen, die das Leben in den nächsten Generationen
weitertragen werden. Im Fall des Königs ist dies
eine Dynastie, in der die Macht jeweils auf einen Thronfolger
übergeht. Der Prophet Natan gibt David die Zusage: «Dein
Haus und dein Königtum wird für alle Zeit Bestand haben.»
(Vers 16)
Der Losungsvers gehört zum Gebet, mit dem David auf
diese Verheissung antwortet. Er bittet, Gott solle das Versprechen
wahr machen. Vielleicht denkt der Text an eine
spätere Zeit, in der es in Jerusalem keinen Palast und keinen
Tempel mehr gab. Aber die Hoffnung blieb lebendig: Es wird
wieder einmal einen Nachkommen von David geben, der im
Auftrag von Gott für Gerechtigkeit sorgt.

Von: Andreas Egli

5. Juni

Harre des HERRN! Sei getrost und unverzagt
und harre des HERRN! Psalm 27,14

An mehreren Stellen im Alten Testament ertönt der Aufruf:
«Sei stark und mutig! Fürchte dich nicht und erschrick nicht!»
In einem besonderen geschichtlichen Moment bekommt
jemand einen wichtigen Auftrag. Zusammen mit anderen
soll er sich auf den Weg machen, um für das Leben einzustehen.
Er soll für das Gute kämpfen und sich von Widerständen
nicht einschüchtern lassen.
Zwei Beispiele: Josua soll an die Stelle von Mose treten, um
die Israeliten in ihr Land zu führen. Salomo soll in Jerusalem
den Tempel bauen lassen, den sein Vater David noch nicht
verwirklichen konnte. Der Aufruf ist also Teil einer Amtseinsetzung.
Im Psalm 27 wird der Satz in zwei Hälften aufgeteilt,
die wie eine Klammer den ganzen Psalm einrahmen. Die eine
Hälfte klingt am Anfang an: «Vor wem sollte ich mich fürchten?
Vor wem sollte ich erschrecken?» Im Losungsvers am
Schluss wird die andere Hälfte zitiert: «Sei stark und mutig!
Und hoffe auf den HERRN!»
So wird der Psalmbeter angesprochen, der sich von Gegnern
bedroht fühlt und Angst hat, nicht zu seinem Recht
zu kommen. Zu ihm wird gesagt: Halte das Vertrauen fest,
dass Gott dich sieht und dir beisteht. Du bist zwar keine so
herausragende Person wie einst Josua oder David. Aber auch
du bekommst von Gott einen Auftrag. Geh auf den Weg und
setze dich für das Leben ein.

Von: Andreas Egli

31. Mai

Wie schwer sind für mich, Gott, deine Gedanken!
Wie ist ihre Summe so gross! Psalm 139,17

Das Staunen über die Schöpfung ist ein Grundton im
Psalm 139. Im Unterschied zu bekannten Bibeltexten geht
es hier nicht um das Werden von Himmel und Erde. Über
die Entstehung des Lebens wird auf eine ganz andere Art
geredet. Der Psalmbeter denkt darüber nach, wie sein eigenes
Leben angefangen hat: als winziger Embryo im Schoss
der Mutter. Er sagt zu Gott: «Du hast mich gewoben im Leib
meiner Mutter. Schon damals haben mich deine Augen gesehen.
» Der Losungsvers fasst die Verwunderung in Worte.
Wenn Gott es ist, der Leben ermöglicht, dann kann man
über seine Ideen nur staunen: «Und mir, wie kostbar sind
mir deine Ideen, o Gott! Wie mächtig sind ihre Zahlen!»
Man könnte versuchen, Gottes Gedanken durch Messen
und Zählen in den Griff zu bekommen. Aber der Plan scheitert,
denn die Zahl ist viel zu gross. «Ich will sie zählen – sie
sind zahlreicher als der Sand.» Die eifrigen Überlegungen
haben zu einem Zustand geführt, der dem Traum ähnlich ist.
Doch der Beter kehrt zurück in die Realität und sagt: «Ich
bin aufgewacht – und ich befinde mich immer noch in der
Gemeinschaft mit dir.» (Vers 18) Hier liegt der eigentliche
Grund für das Staunen.
Der Beter kennt einen Gott, der zu ihm sagt: «Ich bin bei
dir. Ich begleite dich und zeige dir den guten Weg, an allen
Tagen deines Lebens.»

Von: Andreas Egli

6. April

Er behütete sein Volk wie seinen Augapfel. 5. Mose 32,10

Das Lied des Mose im Kapitel 32 hat die Form eines Gedichts mit starken Bildern. Dies zeigt sich auch im Losungsvers. In der Geschichte zwischen Gott und seinem Volk gibt es schwierige Phasen. Aber die Zeit der ersten Liebe ist nicht vergessen, und Gottes Treue gilt noch immer. Der Vers erzählt von der ursprünglichen Begegnung. Gott fand sein Volk in der Wüste und gab ihm seinen Schutz. «Er umgab es schützend, kümmerte sich um es.» Und dann heisst es wörtlich: «Er bewachte es wie das Männchen in seinem Auge.» Mit diesem Ausdruck ist die Pupille gemeint. In alter Zeit wusste man: Wenn zwei Menschen einander tief in die Augen schauen, können sie in der schwarzen Pupille des anderen ihr kleines Spiegelbild sehen – ein Männchen (Hebräisch) oder ein Püppchen (Griechisch, Latein). Der Ausdruck steht dafür, dass der Mensch ein Beziehungswesen ist. Er will das Gegenüber sehen und von ihm gesehen werden. Martin Luther fand für seine Übersetzung die Wendung, die sprichwörtlich geworden ist: behüten wie seinen Augapfel. So kostbar und so verletzlich ist das Auge, dass man besonders gut darauf aufpasst. Genau so wertvoll sind die Menschen für Gott. Wenn wir uns als Christen darüber freuen, sollten wir nicht vergessen: Was Gott wie seinen Augapfel behütet, ist in erster Linie sein Volk Israel – auch im Jahr 2026. Denn die biblischen Verheissungen gingen zuerst an das Volk Israel, wo auch die christliche Kirche ihren Anfang nahm.

Von: Andreas Egli

5. April

Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein. Psalm 23,5

Für das Vertrauen auf Gott wählt der Psalm starke Bilder. Im ersten Teil vergleicht er Gott mit einem Hirten, der seine Herde auf ihrer Wanderung begleitet. Dies wird in der hebräischen Bibel über das ganze Volk Israel gesagt. Neu ist im Psalm, dass der Beter es auf sich als Einzelperson bezieht: «Der Herr ist mein Hirte.» Im zweiten Teil des Psalms erscheint ein anderer Vergleich. Gott ist wie ein guter Gastgeber, bei dem man sich an einen reich gedeckten Tisch setzen kann. Nicht nur mit einem grosszügigen Essen wird der Gast verwöhnt, sondern auch mit einer Wellness-Behandlung – es gibt wohlriechendes Öl für das Gesicht – und reichlich Getränken. Die Abfolge im Psalm spricht von einer Erfahrung, die viele Menschen machen: Es gibt eine Zeit des Unterwegsseins, die schwer ist, weil der Weg durch ein dunkles Tal führt. Aber es gibt auch wieder eine Zeit des Ankommens. Jetzt kann man aufatmen, jetzt werden die wichtigen Bedürfnisse gestillt. Jetzt ist der Einzelne nicht mehr allein, sondern er gehört zu einer frohen Tischgemeinschaft. Dieser Gedanke passt zu Ostern. Die Jünger erkennen den auferstandenen Christus, als sie mit ihm zusammen am Tisch sitzen. Und sie treffen sich wieder zum gemeinsamen Essen, um an ihn zu denken.

Von: Andreas Egli

6. Februar

Du, HERR, bist gerecht, wir aber müssen uns
alle heute schämen.
Daniel 9,7

Wie kann ein Volk der eigenen Religion treu bleiben, wenn es unter der Vorherrschaft eines anderen Landes und seiner Kultur lebt? Mit dieser Frage, die für das Judentum bis heute aktuell ist, beschäftigt sich das Danielbuch. In einer Reihe von Erzählungen blickt es zurück auf die Zeit des Exils. Daniel ist ein Vorbild als weiser Mann, der bis in hohe Ämter am babylonischen Königshof aufsteigt, aber am israelitischen Glauben festhält. Im Lauf der Jahrhunderte wurde Israel von wechselnden Grossmächten dominiert: Babylon, Medien, Persien und schliesslich Griechenland. In den Visionen des Danielbuchs ist diese Abfolge umgesetzt. Auf die attraktive griechische Kultur reagierte man im Judentum sehr gegensätzlich. Die einen waren für eine Öffnung und arbeiteten mit dem Griechenkönig zusammen, der im Tempel von Jerusalem ein griechisches Götterbild aufstellen liess. Andere stellten sich als religiöse Nationalisten gegen alles Griechische und machten einen gewaltsamen Aufstand. Das Danielbuch tritt für einen vorsichtigeren Mittelweg ein: Treue zur eigenen Tradition, aber ohne Gewalt. Es vertraut darauf, dass Gott der wahre König ist, gerecht und barmherzig. Die Zeit wird kommen, dass Gott eine Wendung zum Guten herbeiführt. Das Gebet im Kapitel 9 ist ein Ausdruck dieses Vertrauens.

Von: Andreas Egli