Autor: Kathrin Asper

3. November

Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen. Römer 11,29

In der Zürcher Bibel heisst es: «Denn unwiderrufbar sind die Gaben Gottes und die Berufung.»

Unsere Talente und unsere Bestimmung können wir nicht zurückgeben, sie gehören zu uns.

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einer Bekannten, deren Mutter eben gestorben war. Traurig sagte sie mir, Mutter habe ihr Leben nicht gelebt, sie habe zeitlebens unter schweren Depressionen gelitten. Selbstredend konnte sie ihre Gaben und ihre Berufung nicht ausschöpfen. Und trotzdem sind sie unwiderrufbar – und wer weiss, wagte ich tröstend einzuwenden, vielleicht geht Entwicklung nach dem Tode weiter.

Es gibt auch Menschen, die ihre Gaben vergraben, wie das deutlich im Gleichnis von den Talenten zum Ausdruck kommt. Da verbirgt der Dritte, der nur ein Talent bekommen hat, seine Möglichkeiten. Wie aber, wenn dieser Dritte ein Teil von uns ist? Fragen wir uns doch einmal: Habe ich ein Talent, das ich nicht anerkenne, weil es mir zu gering erscheint? Die genannte schwer depressive Frau hat vielleicht nie anerkennen können, dass sie dieses schwere Leben ausgehalten hat, dass sie weitergemacht hat. Auch ihre Kinder konnten dies nicht würdigen. Es ist aber eine Gabe und ein grosser Wert, zu leben, auszuhalten, weiterzugehen auch mit der grössten Bürde.

Von Kathrin Asper

2. November

Warum gibt Gott dem Leidenden Licht und Leben denen, die verbittert sind, die sich sehnen nach dem Tod, doch er kommt nicht?         Hiob 3,20–21

Warum schenkt Gott Leben und Licht, denen, die das nicht mehr annehmen können und nichts anderes mehr wollen als den Tod?

In einer Todesanzeige stand «Uns bleibt das Leben», das tönte für mich alles andere als froh, eher so etwa wie: Man muss halt weiterleben. Doch immerhin, es war ein Entgegennehmen von Gottes Geschenk.

Nun gibt es aber jene, die das wirklich nicht mehr wollen, ihr Herz ist trocken, bitter, enttäuscht und sie sehnen sich nach dem Tod. Wenn es bei Hiob noch heisst «… und er kommt nicht», so können wir ihn heute, salopp gesagt, bestellen und Sterbehilfe anfordern. Schlagen wir damit das Geschenk Gottes, also Licht und Leben, aus? Ich denke, ja, das tun wir, wenn wir mit Exit gehen.

Doch Gott hat uns auch Freiheit gegeben, die Freiheit, entscheiden zu dürfen. Auch das ist ein Gottesgeschenk. Somit ist Sterbehilfe eine Entscheidung zwischen zwei Geschenken Gottes: der Freiheit und «Licht und Leben».

Ich habe lange gebraucht, das so sehen zu können. Vorher war Sterbehilfe für mich ein Nein zu Gottes Gaben, heute bin ich mir nicht mehr so sicher. Ich habe zwei liebe Meschen mit Sterbehilfe gehen sehen, beide gingen in Frieden, und der Tod war ihnen ein Geschenk.

Von Kathrin Asper

3. September

Was verborgen ist, ist des HERRN, unseres Gottes; was aber offenbart ist, das gilt uns und unseren Kindern ewiglich. 5. Mose 29,28

Es gibt so vieles, was wir nicht verstehen: Warum ein junger, gesunder Mensch sterben muss, warum ein Kind tot geboren wird, warum Länder kriegerisch angegriffen werden. Warum, warum, fragen wir und bekommen keine Antwort.
Das Geheimnis der Schöpfung haben wir noch immer nicht gelüftet, und das ist gut so. Warum alles wissen wollen? Viel lieber freuen wir uns doch der Grossartigkeit der Schöpfung, wie sie sich uns darbietet in ihrer Vielfalt.  «Geh aus, mein Herz, und suche Freud …» Das ist wohl die angemessene Haltung gegenüber der sich uns offenbarenden Welt, die auch unseren Kindern ewiglich versprochen bleibt.

Es gibt aber auch Hindernisse und Schranken gegenüber dem Lob des Mysteriums Gottes: Schuld, die wir vor uns verbergen und zudecken, falsche Ideologien, mangelnde Erkenntnis, Unglaube und Ereignisse, die wir anderen nicht vergeben können.
Sich dieser Dinge bewusst zu werden, so schmerzlich es ist, ist schlussendlich befreiend und bringt uns in Verbindung mit dem Gott, der uns letztlich verborgen bleibt und aus dem doch alles Leben strömt.
Das wollen wir bedenken, denn gestern war der ökumenische Tag der Schöpfung.

Von Kathrin Asper

2. September

Herr, unser Gott, du bist würdig, zu nehmen Preis und Ehre und Kraft; denn du hast alle Dinge geschaffen, und durch deinen Willen waren sie und wurden geschaffen.
Offenbarung 4,11

Durch Gottes Willen wurde alles geschaffen. Das kann ich so stehen lassen. Viel mehr aber gefällt mir die Stelle aus Genesis 1, wo es heisst: «Und die Erde war wüst und öde, Finsternis lag auf der Urflut und der Geist Gottes bewegte sich über dem Wasser.»
Dieser Geist, der alles schuf, auch Gottes Atem, ruach genannt, ist die von JHWH ausgehende Lebenskraft; sie schuf und belebte alles, Flora, Fauna und auch uns, die Menschen. Durch diesen Geist sind wir im Innersten mit Gott verbunden, sind seine Geschöpfe. Ergreifen wir diese Lebenskraft, hat unser Leben Sinn und Richtung, auch erdauern wir damit die Durststrecken und Ödnisse unseres irdischen Daseins.
Die ruach ist eng verbunden mit dem Geburtsvorgang und ist weiblich. Dieses immerwährende Leben, das von Gott ausgeht und das Ina Prätorius die «Geburtlichkeit» nannte, ist eine Vorstellung, die mich immer wieder erfreut, denn sie verbindet mich mit der ganzen Schöpfung mit allem, was lebt und sich trotz Tod stets wieder erneuert und neu gestaltet.
William Blake sagte, als er die Sonne aus dem Meer steigen sah: Ich sehe Gottes Herrlichkeit (…) die Erde ist voll von seiner Herrlichkeit.

Von Kathrin Asper

3. Juli

Kommt her, höret zu alle, die ihr Gott fürchtet; ich will erzählen, was er an mir getan hat.       Psalm 66,16

Und was hat er getan? Es ist der Gott, «der mein Gebet nicht abgewiesen und seine Gnade mir nicht entzogen hat». So lautet der Schlussvers des Psalms, der ein einziges Lob auf den Allerhöchsten ist. Der Psalmist wird nicht müde aufzufordern: «Jauchzet, singt, sprecht, kommt und seht, preist, kommt, hört.»

Nun machen wir aber die Erfahrung, dass unsere Gebete meist nicht erhört wurden und alles erdenklich Schlimme sich trotz Gebeten ereignet. Nun, Gott lässt sich auf unser enges und krämerisches Wenn–Dann nicht ein.

Die Gebete halten mich indes in der Beziehung zu Gott. Mit ihnen öffnen wir uns und lassen uns auf Gott ein, auf ihn, der sich von allem Anfang an und noch vor unserer Geburt auf uns einliess.

Ausserdem braucht die Beziehung zu Gott Zeit. Nach langer Zeit, nach Jahren, erfahren wir bisweilen, dass unsere Gebete uns an einen Ort führten, den wir nicht voraussehen kon ten, dass sie uns Einverständnis und Akzeptanz schenkten, also zu etwas ganz anderem als zu dem, was wir mit unseren Gebeten herbeizuzwingen versucht haben.

Das hat auch mit Gnade zu tun, Gott hat sich nicht entzogen, er ist in Beziehung geblieben.

Von Kathrin Asper

2. Juli

Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äussersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.         Psalm 139,9–10

Dieser Psalm ist wunderschön, ein poetisches Bild reiht sich ans andere. Gott ist mit mir – immer. Er ist allwissend, nicht in dem Sinne, dass er die Zahl der Sterne weiss, sondern in Bezug auf mich, «ob ich sitze oder stehe».

Ebenso ist er immer gegenwärtig, auch in Bezug auf mich – und das schon immer, vom Mutterleib an, er kennt meinen Lebensweg und meine Zukunft. Seine schützende Hand ist über mir, unter mir und um mich. Das ist kein Gott, über den sich philosophieren lässt, etwa als Urgrund des Seins oder als ewiges Wesen. Das ist ein Gott, der direkt, unmittelbar zu mir in Beziehung steht in jeder Hinsicht, wie die Luft, die ich atme.

Welche Zuversicht drückt sich hier aus! Die Zuversicht Davids, der diesen Psalm betet. Gott wird hier in wunderbarer Weise allgegenwärtig und fassbar, und es ist nicht nötig, sich über sein Wesen den Kopf zu zerbrechen. Zwingli sagte einmal: Was Gott an und für sich ist, wissen wir so wenig als ein Käfer weiss, was ein Mensch ist.

Das Rätseln über das An-und-für-sich-Sein Gottes wird in diesen Psalmworten hinfällig. Gott ist in Beziehung zu mir und das ist nachvollziehbar, fassbar und eine wunderbare Wirklichkeit, die mich umgibt und durchflutet.

Von Kathrin Asper

3. Mai

Lasst euch nicht abbringen von der Hoffnung des Evangeliums, das ihr gehört habt. Überall auf der Welt, so weit der Himmel reicht, ist es verkündigt  worden. Kolosser 1,23

Hoffnung, hoffen ist lebenswichtig. Mit Hoffnung haben wir Zukunft und sind verbunden mit dem Gang des Lebens. Die heutige Losung verbindet Hoffnung mit dem Evangelium und verkündigt diese Hoffnung für die ganze  Welt, «so weit der Himmel reicht». Unabsehbar, ohne Ende ist der Himmel.

Ich habe eine besondere Beziehung zur Hoffnung, genauer zur Farbe Grün. Im Frühling, wenn das Leben wieder zu spriessen beginnt, die Bäume grün werden und neues Leben aus der Erde schiesst, ist man dieser Hoffnung sehr nahe.

Hildegard von Bingen, die mittelalterliche Seherin, konnte nicht enden, das Grün zu preisen. Sie nannte es  Grünkraft, «heilige Grünkraft», sancta viriditas, und verstand darunter eine Energie, die alles durchflutet, Menschen, Tiere, Blätter Bäume, die ganze Fauna und Flora – überall ist Grünkraft am Werk, heilige Grünkraft göttlichen Ursprungs. Diese Grünkraft ist Leben, Lebensfluss und Lebenskraft und «Herzkraft himmlischer Geheimnisse». Durchflutet von heiliger Grünkraft, fühlen wir uns lebendig, leben und atmen wir. Zieht sie sich im Herbst über den Winter zurück, so ist sie nicht verloren, sondern kommt wieder. Sie hört nie auf.

Von Kathrin Asper

2. Mai

Aus Liebe hat Gott uns dazu bestimmt, seine Söhne und Töchter zu werden – durch Jesus Christus. Epheser 1,4–5

Gott sandte seinen Sohn in die Welt, wo er all die Schrecknisse erleiden musste, welche menschliches Leben kennzeichnen. Wir Menschen sind Gottes Söhne und Töchter durch diese einmalige Tat, als Gott seinen Sohn in die Welt gab.

Mein Konfirmationsspruch war Jesaja 43,1: «Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.» Er hat mich durch mein Leben begleitet.

Nun ist es aber heute anders, viele, viele Menschen leben ohne eine Verbindung zur Transzendenz. So habe ich kürzlich von Eltern das bekannte Gutenachtliedchen Ich g’höre es Glöggli in abgewandelter Form gehört, nämlich statt am Schluss de lieb Gott im Himmel wird au bi mer si in und Mami und Papi werded au bi mer si.

Diese Säkularisierung ist heute übergreifend, das beunruhigt mich. Wohin wenden sich die Menschen dann in ihrer Not? So sehr wir doch oft nicht einverstanden sind mit uns selber und unsere Beschränkungen beklagen, so müssen wir uns doch mit Paul Tillich immer wieder sagen können: Akzeptieren, dass wir akzeptiert sind.

Von Kathrin Asper

3. März

Gott sende seine Güte und Treue.
Psalm 57,4

Auch wenn sich das psychotherapeutische Gespräch vom seelsorgerlichen Gespräch unterscheidet, werde ich als Psychotherapeutin am Ende einer Behandlung ab und an um einen Segen gebeten, etwas, das an sich unabdingbar zum seelsorgerlichen Gespräch gehört. Dem komme ich gerne nach, entweder mit einem Gedicht von Hilde Domin oder dem Psalm 23, begleitet von guten Wünschen für den weiteren Lebensweg, der Bitte um Segen und Wohlbefinden.

«Gott sende seine Güte und Treue», bittet David im Psalm, in dem es durchwegs um die Bedrohung seines Lebens durch Feinde geht. Wir wünschen uns alle, dass jemand bei uns sei, wenn es uns schlecht geht, dass wir im «Schatten seiner Flügel» geborgen sein mögen und die Treue und Güte Gottes tief empfinden dürfen.

Wenn es um äussere Feinde geht, raten wir heute zu Selbstbesinnung auf eigene Anteile am Konflikt, ermuntern zum Gespräch mit dem Angreifer, setzen auf Diplomatie und Kompromiss. Damit jemand aber auf den Feind zugehen kann, braucht er in der Tiefe das Gefühl, angenommen und sicher geortet zu sein in Gottes Güte und Treue.

Begegnung mit dem Feind setzt voraus, dass ich an mich glaube und vertraue, das heisst daran glaube, dass Gott bei mir ist. Nicht dass ich gewinne im Konflikt, ich kann auch scheitern, wichtig ist indes, dass ich weiterhin vertraue und an Gottes Güte und Treue glaube.

Von Kathrin Asper

2. März

Selig sind, die das Wort Gottes hören und bewahren.
Lukas 11,28

Und was steht vorher? Jesus berichtet von einem bösen Geist, der aus seinem Haus auszog. Da er aber keine geeignete Bleibe fand, beschloss er, zurückzugehen, und nahm gleich noch sieben andere böse Geister mit. Sie kommen zum Haus, das nun geschmückt und gesäubert ist. Die Geister gehen hinein und es wird alles schlimmer als je zuvor. Da war man also nicht wachsam und jubelte, den Unruhestifter losgeworden zu sein. So geht es nicht, wir müssen immer wachsam sein und, wenn unsere inneren negativen Stimmen wieder laut werden, in Distanz zu ihnen gehen, ihnen antworten und die Türe weisen.
Nach dieser Stelle ruft eine Frau und preist die Mutter Jesu, die ihn geboren und genährt hat, und nennt sie selig. Und was sagt Jesus darauf? Nicht dass er etwa auf seine Mutter stolz ist, noch zeigt er Freude. Er wirkt distanziert und sagt: «Selig sind, die das Wort Gottes hören und bewahren.» Das tönt wie bei der Hochzeit in Kana, als er seiner Mutter entgegenwirft: «Weib, was habe ich mit dir zu schaffen?» (Joh. 2,4). Sie aber steht zu ihrem Sohn.
Aber vielleicht ist es ja anders: Erinnern wir uns an das Magnificat, da wird doch vollumfänglich deutlich, wie sehr Maria das Wort Gottes in sich aufnimmt und in ihrem Herzen bewahrt hat (Lukas 1,46–58). Es ist nicht auszuschliessen, dass der Sohn mit diesen kühl wirkenden Worten auf die Glaubenskraft seiner Mutter hinweisen will. In dubio pro reo.

Von Kathrin Asper