Autor: Kathrin Asper

13. Juni

Sollte dem HERRN etwas unmöglich sein? 1. Mose 18,14

Der Lehrtext für heute (Markus 16,14) kreist um den Unglauben
bezüglich Jesu Auferstehung. Da ich mit der Auferstehung
meine Mühe habe, habe ich die Losung gewählt.
Allerdings kann auch sie durchaus mit der Auferstehung
in Verbindung gebracht werden, denn «sollte dem HERRN
etwas unmöglich sein?». Vom Gefühl und von der Ahnung
her ist es mir eine angenehme Vorstellung, dereinst meine
lieben Verstorbenen wiederzusehen. Sehr oft erinnere ich
mich an sie, schliesse sie in meine Gebete ein. Mir sind aus
meiner Arbeit als Psychotherapeutin viele Träume bekannt,
in denen Verstorbene erscheinen und auf den Träumer, die
Träumerin im Jenseits warten.
In diesem Zusammenhang ist Auferstehung also durchaus
eine Möglichkeit und ist mir eigentlich selbstverständlich, so
selbstverständlich wie sie dem HERRN ist.
Laut einer «Spiegel»-Umfrage von 2019 glauben 58 Prozent
der Protestanten und 61 Prozent der Katholiken an die
Auferstehung, also halbe-halbe. Und so ist es auch bei mir,
halb kann ich es mir vorstellen und halb nicht.
Lieb ist mir das Bild des Gnadenstuhls. Da hält der auf dem
Thron sitzende Gottvater das Kreuz mit dem toten Jesus
und darüber schwebt die Taube. Ein Bild der Dreifaltigkeit
und ein Auferstehungssymbol. Und ebenso lieb ist mir der
Auferstehungs-Jesus im Isenheimer Altar in Colmar. Nur
unsere Bilder – oder etwa doch übersinnliche Wirklichkeit?
Was meinen Sie?

Von: Kathrin Asper

12. Juni

Ihr scheint als Lichter in der Welt, dadurch dass
ihr festhaltet am Wort des Lebens.
Philipper 2,15–16

Wenn ich an Licht denke und es mir bildlich vergegenwärtige,
ist Licht etwas, das an seinem Platz bleibt, als Flamme einer
Kerze, als Lichtbündel durch dunkle Wolken, als Leuchte
in einem Lampenschirm. Es ist also nicht etwas, das sich
bewegt, ist nicht zerstörerisch fressendes Feuer, sondern ist
ruhig, leuchtet still.
Nun sagt aber Paulus im obigen Text, dass wir uns bewegen
sollen inmitten eines «verdrehten und verkehrten
Geschlechts». Dieser Aufruf zur Missionierung, zu christlicher
Überzeugungsarbeit entspricht mir nicht. Vielmehr bin
ich der Ansicht, dass wenn uns stilles Leuchten und innere
Wärme geschenkt werden, wir Frieden mit unserem Leben
geschlossen haben, es aus uns heraus leuchtet. Wir müssen
nicht weibelnd herumgehen und andere für unseren Glauben
gewinnen, denn Menschen fühlen, sehen und spüren
dieses innere Licht selbst.
Dahin zu gelangen, ist indes schwierig, erfordert Arbeit an
sich selbst und bedingt, die eigenen Abgründe zu kennen.
Dann sind wir Lichter in der Welt. Das zu sein, ist ein
Geschenk, das Licht ist eine Gnadengabe, weil Gott uns
entgegenkommt. Allerdings fallen wir immer wieder daraus
heraus. Daran festzuhalten beziehungsweise wieder da
hinzufinden, ist notwendig. Auch das bleibt letztlich ein
Geschenk.

Von: Kathrin Asper

13. April

Seid so unter euch gesinnt, wie es der Gemeinschaft
in Christus Jesus entspricht.
Philipper 2,5

Das sind Zeilen aus der ältesten Hymne der Christenheit. Paulus schrieb sie im Gefängnis und spricht darin vom heruntergekommenen Gott, über den Weg zum Kreuz und die Selbsterniedrigung Jesu Christi.
Wir sollen den «Massstab» (Gute Nachricht Bibel) bedenken, den Jesus Christus gesetzt hat im Umgang miteinander. Wir sollen nichts aus Eitelkeit tun, den anderen höher achten als uns selbst und immer daran denken, das zu tun, was dem anderen dient, und unseren Eigennutz hintanstellen.
Das ist eine moralische Maxime, der wir nicht immer folgen, sie nicht stets im Auge haben, sie vergessen, verdrängen, sie bisweilen unnötig finden.
Und dennoch: Es ist wichtig, um sie zu wissen, wesentlich auch, dass sie uns in den Sinn kommt. Immerhin haben wir dann die Möglichkeit, unseren Kurs zumindest im Nachhinein zu korrigieren.
Wir sind keine Heiligen, weder sind wir ganz gut noch ganz böse. Aber es ist notwendig, einen Kompass zu haben und ihn zu gebrauchen, wenn wir straucheln.
Sich mit der Maxime zu identifizieren und zu meinen, wir befolgten sie immer, ist gefährlich. Das führt zu Hybris und Eingenommenheit, zur Grandiosität des Narzissten, deren Preis Verdrängung und Verleugnung ist.

Von: Kathrin Asper

12. April

Josua fiel auf sein Angesicht zur Erde nieder, betete an und sprach: Was sagt mein Herr seinem Knecht? Josua 5,14

Josua, als Nachfolger von Moses, hat die Verantwortung für Gottes Leute. Nun steht er kurz davor, Jericho einzunehmen. Sein Denken ist gefesselt angesichts der kolossalen Aufgabe, um die seine Gedanken unablässig kreisen. Da trifft er auf einen Mann mit Schwert. In dieser heiklen Situation fragt er lediglich: Freund oder Feind? Nein, sagt der Mann, weder noch, ich bin der Chef über die Heerscharen Gottes. «Ziehe deine Schuhe aus! Dieser Ort ist heilig.» Der Mann mit Schwert ist der Erzengel Michael und verkörpert Gottes Gegenwart und seine Majestät. Was geschieht hier? Jedenfalls hat dieser Moment eine besondere Qualität.
Befinden wir uns vor einer schwierigen Aufgabe, sind wir voll von Gedanken, wie die Aufgabe zu lösen ist. Genau in diesem Augenblick tut sich Gottes Gegenwart auf, sie nimmt uns heraus aus der Besessenheit und dem Gedankenkreisen und stellt uns auf heiligen Grund. Die Beziehung zur Transzendenz tut sich auf. Um es bildhaft auszudrücken, mögen wir an einen schwer bewölkten Himmel denken, grau und undurchdringlich. Da kann es geschehen, dass sich eine Lücke auftut, das Licht hindurchstrahlt und gebündelt und hell auf die Erde strahlt. – Nun dürfen wir uns innewerden, dass all unser Tun und Trachten wegfallen darf und wir uns für einen Moment orten können in der Gegenwart Gottes. Ein Atemholen vor der Bewältigung einer Aufgabe.

Von: Kathrin Asper

13. Februar

Fragt nach den Wegen der Vorzeit, welches der
gute Weg sei, und wandelt darin, so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele!
Jeremia 6,16

Schon Augustinus – 300 n. Chr. – sagte, dass unser Herz «unruhig» ist, «bis es Ruhe findet in dir».
Ruhe und inneren Frieden zu finden, ist eine uralte Sehnsucht des Menschen.
Ruhe finden wir auf «den Wegen der Vorzeit», «auf uralten Pfaden», wie es in der Zürcher Bibel heisst.
Früher war alles besser! Oft ertappe ich mich dabei, das zu denken oder es gar zu sagen. Dabei weiss ich, dass es ein Zeichen des Alters ist, so zu denken. Auf Altbewährtes zurückzugreifen, kann hilfreich sein. Und sich auf Gott zu besinnen und dabei Güte, Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und Frieden im Auge zu haben, kann uns seelische Ruhe schenken, wenn uns der Stressmoloch des Alltags zu verschlingen droht. Die Rückschau verbindet uns auch mit unseren Wurzeln, was ausserordentlich wichtig ist. Wer verwurzelt ist, öffnet sich leichter der Zukunft.
Wenn wir in der Rückschau Ruhe finden, so können wir wieder Vertrauen fassen und vorwärtsgehen. Das Kirchenlied fasst es in tröstliche Worte:
«Vertraut den neuen Wegen, auf die uns Gott gesandt!
Er selbst kommt uns entgegen. Die Zukunft ist sein Land.»
Zwischen Rückbesinnung und Zukunftshoffnung kann sich gelingendes Leben einfinden.

Von: Kathrin Asper

12. Februar

Die Liebe sei ohne Falsch. Hasst das Böse,
hängt dem Guten an.
Römer 12,9

Echt hat die Liebe zu sein, nicht geheuchelt. Liebe lässt sich indes nicht befehlen, sie ist da oder sie ist nicht da. Auch lässt sich nicht befehlen, dass sich nichts Falsches in die Liebe mische. Mit anderen Worten und logisch gefolgert: Wenn wir keine Liebe fühlen, so lassen wir es besser. Wie begegnen wir dann dem Mitmenschen? Am besten, denke ich, mit Respekt, redlich und anständig. Das Böse sollen wir hassen. Ein schwieriges Gebot. Wissen wir immer, was böse ist? Wissen wir stets, wenn wir etwas Böses getan haben? Manchmal, aber nicht immer. Wir sind «böse von Jugend an», heisst es in der Bibel (1. Moses 8,21). Ob wir nun gut aus der Hand Gottes kommen, wie es im «Emile» von Jean-Jacques Rousseau heisst, und Böses erst im Laufe der Zeit ausbilden, oder ob das Böse integraler Bestandteil unserer Natur ist, Tatsache ist, dass es das Böse gibt – im Grossen und im Kleinen, zwischen Völkern, zwischen und in Menschen. Wenn wir aber Abbild Gottes sind, ist dann das Böse auch in Gott zu orten? Oder sind wir nur im Guten Abbild Gottes? Fragen über Fragen, mit denen sich manche klugen Köpfe über die Zeitläufe hinweg befasst haben.
Ich für mich halte es mit Marie Luise Kaschnitz und glaube, dass es den verborgenen Gott gibt, dem sie folgende Worte in den Mund legt:
«Ihr sollt in mir sehen / Einen von zweien / Und hinter meinen Worten / Unruhig horchen / Auf die andere Stimme.»
Dem Guten «anhängen», es immer und immer wieder versuchen, das bleibt.

Von: Kathrin Asper

3. November

Fällt euch Reichtum zu, so hängt
euer Herz nicht daran.
Psalm 62,11

An Geld, Besitz, am Materiellen, sollen wir nicht hängen, das
wurde uns beigebracht und wird auch immer wieder gesagt.
Und doch, wie anders geht es in der Welt zu. Man will
immer mehr, ganz schnell wird Altes durch Neues ersetzt.
Die Kartonschachteln häufen sich ins Unendliche, in denen
uns neu Bestelltes zugeschickt wird. Abfall türmt sich auf
und die Welt droht daran zu ersticken. Genug ist nicht
genug. «Schneller, schöner, besser, praktischer» ist unsere
Devise geworden, und munter schwimmen wir mit im Strom
dieser unseligen Wasser!
Mich macht es immer wieder froh, wenn ich eine alte
Schüssel meiner Grossmutter benutze, auch sie hat darin
schon den Kuchen angerührt. Auch finde ich es schön, wenn
irgendetwas Altes, das sich in meinem Haushalt findet, mich
mit der Geschichte von früher verbindet, mit den Menschen,
mit der damaligen Zeit. Ich muss es nicht ersetzen,
es lebt mit mir weiter, und ich kann es weitergeben. Das
mehrt unser Gefühl der Kontinuität, des Dazugehörens, des
Verankertseins.
Und es schmerzt mich, kränkt mich, wenn ich um die Ecke
höre, dass meine Grossnichte die silberne Toilettengarnitur,
die noch aus der Familie stammte und die ich ihr zur Konfirmation
schenkte, verkauft hat, um sich dafür etwas Neues,
Besseres zu kaufen! Doch die Jugend schaut nach vorn und
wir Alten sind rückwärtsgewandt.

Von: Kathrin Asper

2. November

Paulus schreibt: Richtet nicht vor der Zeit, bis
der Herr kommt, der auch ans Licht bringen wird,
was im Finstern verborgen ist, und das Trachten
der Herzen offenbar machen wird. Dann wird auch
einem jeden von Gott Lob zuteilwerden.
1. Korinther 4,5

Beim Lesen dieses Textes stolpere ich. Lese ich nur den ersten
Satz, so erwarte ich in der Folge, dass Schattenhaftes, Unliebsames
ans Tageslicht kommt. Lese ich dann den zweiten Satz,
ist das nicht so: Gutes wird offenbart und Gottes Lob wird
zugesagt. Ich muss gestehen, ich bin etwas verwirrt.
Der Akzent liegt offenbar auf der Mahnung, nicht vorschnell
zu richten, und ausserdem, dass richten nicht unsere
Aufgabe ist, sondern dass diese dem Herrn zukommt.
Das können wir uns zu Herzen nehmen. Es ist eine gültige
Lebensweisheit. Entsprechend wird der Text in der Regel
auch ausgelegt.
Lesen wir aber, dass Schattenhaftes und Unliebsames ans
Tageslicht kommen, dann sieht das ganz anders aus: Es ist
wichtig, dass wir, wenn wir eine nur gute Meinung von uns
haben, unseren Schatten erkennen lernen.
Dass wir lernen, uns anzunehmen mit unseren Beschränkungen
und unguten Seiten. Erst dann sind wir ganz, erst
dann lernen wir Bescheidenheit und Demut, erst dann überwinden
wir unsere Überheblichkeit. Wir müssen lernen, uns
selbst auszuhalten. Auf diesem Weg unterwegs, mag es uns
gelingen, andere nicht vorschnell zu richten.

Von: Kathrin Asper

3. September

Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. Psalm 139,5

Da wird Geborgenheit angesprochen, ich bin geborgen und aufgehoben in Gott, behütet, gesegnet und geschützt.
Es ist Gnade und ein grosses Geschenk, das erfahren zu dürfen.
Eben waren Meldungen in der Zeitung, am Radio und
im Fernsehen, wonach alte und junge Menschen sich verlassen und einsam fühlen. Auch wurde berichtet, dass in erschreckendem Ausmass junge Menschen seelische Probleme hätten, an Ängsten und Depressionen litten.
Gott heilt zerbrochene Herzen, lernten wir gestern, und heute spricht die Losung von tiefer Geborgenheit. Alles kommt von Gott, doch was können wir dazu tun?
Die Seherin Hildegard von Bingen (12. Jh.) empfahl, melancholischen Menschen, die gebrochenen Herzens sind, täglich mehrmals tröstende, hoffnungsvolle Texte aus der Bibel vorzulesen. Die Losungen von heute und von gestern würden sicher dazugehören.
Noch heute brauchen wir ein ähnliches Vorgehen in der Psychotherapie. Wir fordern depressive, verzweifelte, sich schuldig fühlende Menschen auf, auf ihre Gedanken zu achten. Dann sollen sie neben jeden dunkeln Gedanken einen positiven setzen, was keine geringe Anstrengung ist. Wenn sich dann auf geheimnisvolle Weise und durch unser Dazutun die dunkle Wolke über dem Gemüt hebt, so geschieht uns eine mögliche Form (neben vielen anderen Formen) von Heilung.

Von: Kathrin Asper

2. September

Der HERR heilt, die zerbrochenen Herzens sind,
und verbindet ihre Wunden.
Psalm 147,3

Da gibt es also jemanden, der uns heilt; kein irdischer Arzt, keine Mutter, kein Vater. Es ist Gott selbst, der sich unserer Wunden annimmt.
Christian Science? Da müssten wir nie mehr zum Arzt gehen? Doch dies kann ja wohl nicht gemeint sein.
Lourdes: – und der Blinde kann wieder sehen und der Gelähmte gehen? Auch wenn es das geben mag, so überzeugt mich das nicht generell.
Was ich indes nachvollziehen und glauben kann, ist eine seelische Heilung. So kann Gott wohl heilen, wenn sich jemand zutiefst verloren und verlassen fühlt; abgründig traurig oder gehasst; verachtet und verängstigt. An die Heilung solcher seelischer Wunden kann ich glauben. Sie geschieht dann, wenn sich in der Tiefe der Seele andere Gefühle einfinden, solche der Zuversicht, der Hoffnung und des Vertrauens.
Solche Wandlungen zum Guten geschehen, und sie werden als Geschenk und Gnade erfahren. Da passt die heutige Losung durchaus hin. Gott kümmert sich um unser gebrochenes Herz und verbindet unsere Wunden.
Heute wird das oft nicht mehr mit Gott in Verbindung gebracht und man nennt die Wandlung anders. Welches Wort haben Sie dafür?

Von: Kathrin Asper