Kategorie: Texte

15. Januar

Denn ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet; sondern ihr habt einen Geist der Kindschaft empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater! Römer 8,15

Die Kinder Gottes sind frei. Wir sind nicht länger Knechte oder Mägde irgendwelcher Menschen oder Mächte. Als Kinder Gottes nehmen wir mutig unseren Weg unter die Füsse. Zunächst so wie ein kleines Kind, das laufen lernt. Vorsichtig setzt es einen Fuss vor den anderen. Zaghaft, behutsam. Gelegentlich hält es sich fest. Wartet. Guckt, in welche Richtung es weitergehen kann. Und dann wieder los. Immer mit Blick auf das Gegenüber wackelt es den offenen Armen entgegen. Zu den Händen, die da sind, wenn es fällt.


Sorglose Kinder mag’s geben. Sorglose Erwachsene kenne ich nicht. Mit wem ich auch spreche, schon bald stosse ich auf Unbill, auf Kummer und Last: Werde ich es schaffen? Werde ich es überstehen? Ich weiss es nicht. Unter einem Geist der Knechtschaft verstehe ich einen Geist, der gefangen ist in der Sorge. «Sorget euch nicht um euer Leben. Sorget euch um Gottes Reich. Der Rest wird sich ergeben.» In seiner Predigt auf dem Berg stülpt Jesus die Reihenfolge der Sorgen um. Die Alltagssorge ist nicht die Mitte des Lebens, sondern der, der durch die Worte der Bibel zu mir spricht. Ich kann ihn Abba, Vater, nennen oder auch Imma, Mutter.

Von: Lars Syring und Chatrina Gaudenz

14. Januar

So spricht der HERR: Wahrt das Recht und übt Gerechtigkeit; denn mein Heil ist nahe, dass es komme, und meine Gerechtigkeit, dass sie offenbart werde. Jesaja 56,1

Das sind grosse Worte. Wie sollen wir das leben? Recht, Gerechtigkeit und Heil. Das sagt sich so leicht. Aber wie kriegen wir das hin? So ganz konkret? Im Grossen und im Kleinen? Ich spüre erste Anflüge von Überforderung.
Und dann ahne ich, dass ich das ja nicht allein tun muss. Das Heil Gottes ist nahe. Es kommt. Und seine Gerechtigkeit offenbart sich. Da zeigt sich etwas. Und ich vertraue darauf, dass sich so auch zeigt, wie ich mich für die Gerechtigkeit einsetzen kann. Weil mir der Detaillierungsgrad des Gesetzes ein bisschen zu gross ist, halte ich mich an das Doppelgebot der Liebe. Das ist schwierig genug.


Das sind grosse Worte, ohne Frage, und unser Raum, sie zu kommentieren, ist klein. In einem Buch mit Aphorismen des österreichisch-israelischen Autors Elazar Benyoëtz las ich kürzlich: «Die Augen täglich in einen heiligen Text tauchen, ein Wort bedenken, eins beherzigen, eins in Erinnerung behalten. Das ist genug gelesen.» Gott spricht. Diesen Satz bedenke ich heute. Wahre das Recht. Diese Worte beherzige ich heute. Mein Heil ist nahe. Dieses Versprechen behalte ich in Erinnerung. Das genügt mir für heute. Genug gelesen, genug geschrieben.

Von: Lars Syring und Chatrina Gaudenz

13. Januar

Siehe, meine Tage sind eine Handbreit bei dir, und mein Leben ist wie nichts vor dir. Ach, wie gar nichts sind alle Menschen, die doch so sicher leben! Psalm 39,6

Eine Handbreit – das war eines der kleinsten Längenmasse. Flussschiffer und Seeleute wünschen einander noch heute stets eine Handbreit Wasser unter dem Kiel – gerade genug, um nicht auf Grund zu laufen. Sinkt der Pegel darunter, geht nichts mehr.
Deine Kraft und Energie sind am Nullpunkt. Du bist tief gefallen. Wegen einer Depression oder eines Schicksalsschlags bist du wie gefangen in einem schwarzen Loch und kommst aus eigenen Kräften nicht mehr heraus. In solcher Lage wirst du dieses Gebet eines verzweifelten Menschen verstehen: Herr, wessen soll ich mich trösten? (Vers 8a).
Eine Handbreit Hoffnung bleibt, wo Gott die Kraft für eine Antwort gibt, die Gott selbst ist und die sich nur in der Zwiesprache des Gebets erschliesst: Ich hoffe auf dich (Vers 8b).
Gott, wir bitten dich um diese kleine Handbreit Hoffnung, wenn wir selbst und andere in dieser Welt sie am nötigsten brauchen, wenn uns die Kräfte schwinden in Verzweiflung, Angst und Not.

Von: Barbara und Martin Robra

12. Januar

Ich bin ein Gast auf Erden. Psalm 119,19

Warum nur bricht die Losung nach dem halben Vers ab und macht aus dem Semikolon einen Punkt? «Ich bin ein Gast auf Erden; verbirg deine Gebote nicht vor mir», lautet der ganze Vers nach der Lutherbibel. Die Wahl des Lehrtextes (2. Korinther 5,1) und – mehr noch – des beigefügten dritten Textes: «Wir sind nur Gast auf Erden und wandern ohne Ruh mit mancherlei Beschwerden der ewgen Heimat zu», legen eine Antwort nahe. Die Herausgeber der Losungen dachten bei der Auswahl dieses Begleittextes wohl an eine Trauerfeier … Das aber wird dem Psalm 119 nicht gerecht. Und obwohl das Lied von Georg Thurmair heute oft bei Beerdigungen gesungen wird, schrieb er es 1935, um katholische Jugendliche gegen den Druck der antikirchlichen Nazipropaganda zu stärken.
Psalm 119 ist ein vielgestaltiger Lobpreis der Tora, der Weisungen Gottes als befreiendes und Leben schenkendes Wort. Die Tora führt auf den Weg der Gerechtigkeit. Sie ist Schutz und Schirm auch für die Fremden, für Migrantinnen und Migranten, für Menschen auf der Flucht. So übersetzt die Zürcher Bibel näher am hebräischen Text: «Ein Fremder bin ich auf Erden, verbirg deine Gebote nicht vor mir.»
Weil der Psalm so viel über Gottes Weisungen und Gebote zu sagen hat, ist er der längste der Psalmen – doch es lohnt sich, sich die Zeit zu nehmen, um ihn ganz zu lesen.

Von: Barbara und Martin Robra

11. Januar

Siehe, ich habe dich geprüft im Glutofen des Elends. Jesaja 48,10

Gott hat seinem Volk Befreiung geschenkt – und nicht alle wollen diese! Die Zeit im «Glutofen des Elends» ist vorbei, ruft er ihnen durch den Propheten zu. Ich habe euch die Möglichkeit verschafft, dass ihr aus dem Exil zurückkehren könnt – nutzt sie! Nur: Nach drei Generationen im Land, in das man sie gezwungen hat, haben sich einige darin eingerichtet. Das Flüchtlingslager ist zum «Normalfall» geworden, jedenfalls für etliche der dort Geborenen. Der Bezug zur Heimat der Eltern und Vorfahren kann verlorengehen, wenn man so lange an einer Rückkehr gehindert wird. Und jetzt sollen sie plötzlich gehen. In eine ungewisse Zukunft aus einer einigermassen organisierten Gegenwart …
Jeder Aufbruch ist schwierig, in die eine wie in die andere Richtung, nach vorne oder zurück. Es braucht Zutrauen, dass es richtig ist, etwas Bekanntes zu verlassen. Jesaja muss viel Überzeugungskraft aufbringen, um mit seiner Botschaft anzukommen. Obwohl es Gott ist, der/die diese politische Möglichkeit aufgetan hat. Gott muss dafür werben, dass die Menschen ihre Befreiung annehmen! Das Vertrauen der Menschen in Gott ist nicht überwältigend. Das von etlichen selbst erschaffene kleine Glück wiegt stärker. Das ist eine deutliche Anfrage auch an uns, an mich: Wie sehr bin ich bereit, mich auf Gott wirklich einzulassen? Wie sehr bin ich bereit, genau hinzuschauen, welcher Weg für mich wirklich in die Befreiung führt?

Von: Hans Strub

10. Januar

Lass ab vom Bösen und tue Gutes;
suche Frieden und jage ihm nach!
Psalm 34,15

Ein ganzes friedensethisches Programm ist in den vier Verben dieses kurzen Satzes zusammengefasst: Es beginnt beim Ablassen (vom Bösen), kommt zum Tun (des Guten), wird intensiver im Suchen (des Friedens) und kulminiert schliesslich im Nachjagen desselben. Ein vierschrittiges Programm, das mich vom ersten Augenblick an in die Pflicht nimmt. Und mich dann in drei weiteren Schritten zu einem Friedensaktivisten macht, der nicht wartet, sondern die Initiative ergreift, wo immer er/sie kann! Das mag nach einem atemlosen Engagement tönen – ist es aber nicht, weil es eingebettet ist in einen grösseren Zusammenhang. Da geht es um nichts Geringeres als die Befreiung zu einer neuen Welt! «Der Herr erlöst das Leben seiner Diener, und keiner wird es bereuen, der Zuflucht sucht bei ihm» (Vers 23). Gott ist es, der das Gute und den Frieden will. Sie/er weist den Weg dazu, ich brauche ihn «bloss» zu gehen … Gottes Programm mit der Welt ist nicht Zerstörung oder gar Untergang, sondern Aufbruch, Neuanfang, Zutrauen, dass es geht, auch wenn rundum so vieles dagegen zu sprechen scheint. Vertrauen in einen Gott, der Unmögliches vermag. Dies in dieser jetzigen Welt zu glauben und sich daran auszurichten, verlangt viel und gelingt oft nicht. Das «Programm», von dem in diesem Vers die Rede ist, kann mir und uns helfen, die stets nötigen «ersten Schritte» zu tun.

Von: Hans Strub

9. Januar

Der HERR wird richten der Welt Enden.
Er wird Macht geben seinem Könige.
1. Samuel 2,10

Was für ein machtvolles Wort, und doch ist es zugleich revolutionär und umstürzlerisch! Es stammt aus dem Lobgesang der Hannah. Lange hat Hannah unter ihrer Unfruchtbarkeit gelitten. Als das Wunder geschieht und sie schwanger wird, jubelt sie und verspricht, ihren Sohn, den sie Samuel nennen wird, Gott zu weihen. Ihr Lobgesang wird später eine Vorlage für Marias berühmtes Magnifikat (Lukas 1,46b–55).
In beiden Gesängen, in dem von Hannah und in dem von Maria, werden die Machtverhältnisse auf den Kopf gestellt: «Der Bogen der Starken ist zerbrochen, und die Schwachen sind umgürtet mit Stärke» (1. Samuel 2,4).
Von Weihnachten kommen wir her. Wir erinnern uns daran, dass Gott ganz klein und in einem Stall zur Welt gekommen ist. Die Weisen, die die Tradition später zu Königen macht, sie kommen, kommen von weit her, um diesem «Gesalbten» zu huldigen. Sie stehen später für die Enden der Erde.
Das Gericht dieses Gesalbten müssen wir nicht fürchten. Es wird ein Aufrichten sein, ein Erkennen von Richtig und Falsch, aber getragen von tiefer Liebe.

Von: Barbara Heyse-Schaefer

8. Januar

Vor dir freut man sich, wie man sich freut in der Ernte. Jesaja 9,2

Ich schreibe diese Zeilen im Herbst. Gerade war ich auf dem Markt: Nie sind die Gemüsemärkte schöner, bunter, üppiger, reichhaltiger als um diese Jahreszeit.
Ernte, das ist Lebensfreude, Fülle, Dankbarkeit, satt werden. Es hat genug, es reicht durch den Winter.
Die Frauen und Männer auf den Landwirtschaftsbetrieben haben durchs Jahr hart dafür gearbeitet. Aber sie haben die Äpfel und Birnen, Salatköpfe, Kürbisse, Bohnen und Tomaten nicht gemacht. «Nur» gesät, gepflanzt, gejätet, begossen und schliesslich geerntet.
«Vor dir freut man sich, wie man sich freut in der Ernte.» So sinnlich ist Gottesfreude? Gott, unsichtbar, unhörbar (fast immer), hat die Menschen mit den fünf Sinnen ausgestattet, und sinnlich sollen-dürfen-wollen wir uns vor ihm freuen. Vor ihm, unter seinen Augen. Sein liebevoller Blick ist ein Versprechen: Ich habe dich gesehen. Es hat genug für dich.
Mich irritiert das unpersönliche «man» der Luther-Übersetzung: «Vor dir freut man sich …» Es klingt so fremd nach der persönlichen Anrede («Vor dir»). Im vorangehenden Vers 1 erfahren wir aber, wer gemeint ist: «Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein grosses Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.» Passt doch gut ins Januarloch.

Von: Dorothee Degen-Zimmermann

7. Januar

Fürchtet euch nicht, steht fest und seht zu, was für
ein Heil der HERR heute an euch tun wird.
2. Mose 14,13

Hier sind wir am Anfang der Geschichte, die mit der Landnahme der israelitischen Stämme im «Heiligen Land» endet. Wir wissen, dass diese Geschichte bis heute kein Ende gefunden hat. Heute ist sie nur noch eine Realität aus Krieg, Schmerz und Tod. Das «fürchtet euch nicht» erscheint doch irgendwie völlig fehl am Platz.
Ich las gerade ein Interview mit meinem Freund, der nun Probst in Jerusalem ist. Er wurde gefragt, warum er denn noch in Jerusalem bleibe. Er antwortete, indem er darauf hinwies, dass er gerade jetzt in Jerusalem an der Seite derjenigen bleiben müsse, die keine Möglichkeit haben, der Not zu entgehen. Dies sei der geschwisterlichen Solidarität geschuldet.
Fürchtet euch nicht!
Da ist es auf einmal ganz konkret und unmittelbar. Mein Freund bleibt in Jerusalem, weil er auf die Zusage Gottes vertraut, dass er immer an seiner Seite ist und er deshalb auch an der Seite der Menschen bleiben kann, die ihm anvertraut sind oder denen er einfach in Solidarität nahe sein will.
Ich finde immer noch, dass die Exodus-Geschichte nicht wirklich hilfreich ist, aber die Ansage Gottes «fürchte dich nicht» ist nicht nur hilfreich, sondern notwendig!

Von: Rolf Bielefeld

6. Januar

Da den Weisen im Traum befohlen wurde, nicht
wieder zu Herodes zurückzukehren, zogen sie auf
einem andern Weg wieder in ihr Land.
Matthäus 2,12

Das fand ich schon als Kind komisch, dass da jemand im Traum eine Stimme hört, die ihm sagt, was er tun soll – und er macht es auch! Nun kennen wir alle die Geschichte, die Matthäus hier berichtet, aber an der Frage «wieso sollten wir einem Traum folgen?» kommen wir nicht vorbei.
Viele Menschen haben eine Vorstellung von ihrer Zukunft und nennen diese Vorstellung «Traum» oder «Vision». Dieser Vorstellung folgen sie, manchmal mit Erfolg, manchmal im Scheitern. Diese Vorstellung war für sie eine klare Beschreibung für ihre Karriere, ihre berufliche Entwicklung, ihren Lebensweg. Aber was, wenn der Traum nicht in Erfüllung geht, die Vision zerplatzt? Dann wäre ein alternativer Weg doch eine ziemlich gute Sache! Es fällt uns schon manches Mal schwer, uns auf Alternativen einzulassen, insbesondere wenn wir vom ursprünglichen Ziel so sehr überzeugt waren. Und doch – wenn wir uns dann darauf einlassen, entdecken wir sehr häufig, dass der neue Weg gar nicht so schlecht ist. Eigentlich ist er sogar richtig gut. Bei der Erzählung von Matthäus hat es wahrscheinlich die drei Männer vor «verschärfter» Befragung und Jesus vor dem vorzeitigen Tod bewahrt. Wenn wir uns einen offenen Verstand und ein offenes Herz bewahren, entdecken wir immer wieder neue Wege, den Glauben zu leben und Visionen real werden zu lassen.

Von: Rolf Bielefeld