Kategorie: Texte

17. Oktober

Der Engel des Herrn erschien dem Josef im Traum
und sprach: Steh auf, nimm das Kindlein und seine
Mutter mit dir und flieh nach Ägypten und bleib dort,
bis ich dir’s sage.
Matthäus 2,13

Es ging ums nackte Überleben. Hätte Josef Maria und das
Kind nicht zusammengepackt und wäre mit ihnen geflohen,
wäre auch Jesus unter den Opfern des Kindermords von
Herodes gewesen. Erst als dieser, der dem Kind nach dem
Leben getrachtet hatte, gestorben war, konnte die Familie
aus Ägypten zurückkehren in die Heimat.
Ägypten. Ausgerechnet. Ich stelle mir vor, was Josef und
Maria gedacht haben mögen auf der Flucht nach Ägypten.
In das Land, wo ihre Vorfahren als Sklaven gelebt hatten.
Ausgebeutet und umgebracht worden waren. Aus dem sie
geflohen waren, die Verfolger dicht auf den Fersen bis zum
Schilfmeer. Kein Ort, an dem ihre Landsleute gute Erfahrungen
gemacht hatten, dieses Ägypten. Nicht gerade ein
sicherer Hafen. Und doch machen sie sich auf den Weg. Die
Angst vor dem, was ihnen zu Hause blüht, muss grösser
gewesen sein als die Angst vor dem, was ihnen auf der Flucht
widerfahren könnte, denke ich mir.
Und ich denke an die Menschen, die die gefährliche Flucht
übers Mittelmeer auf sich nehmen. 27 000 Menschen sind
seit 2014 ums Leben gekommen, sagen Statistiken.
Die Zahl der Toten und Vermissten verdeutlicht, wie verzweifelt
die Menschen sind. Sie nehmen dieses Risiko auf
sich, weil es ums nackte Überleben geht.

Von: Maria Moser

16. Oktober

Vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch
vergeben hat in Christus.
Epheser 4,32

Vergebung ist etwas, das geschaffen werden muss. Wenn
du bedächtig und beharrlich vergibst, verändert dies die
Art, wie du denkst, fühlst und dein tagtägliches Leben lebst.
Wenn du dich dieser Herausforderung mit einer «Ja, ich
schaffe das!»-Haltung stellst, dann motiviert dich das, es
tatsächlich zu schaffen. Wenn du etwas anpackst, deine
Gedanken äusserst, negative Gefühle beiseiteschiebst
und dir Rat aus verschiedenen Quellen und auch aus der
göttlichen
Quelle suchst, dann wirst du lernen, anderen und
dir selbst zu vergeben.
Wir bleiben allerdings auch fehlbare Menschen und müssen
wieder an Vergebung erinnert und zu einem Kurswechsel
ermuntert werden: Manchmal sind es grosse Dinge, die uns
zum Umdenken zwingen. Der Klimawandel zum Beispiel
oder auch der Ausbruch der Corona-Pandemie. Oftmals
aber sind es Alltäglichkeiten, die uns herausfordern: «Papa,
leg dein Handy weg und spiel mit mir.» Gerade Kinder erinnern
uns an das, was wichtig ist: Zeit zu haben füreinander.
Das kann man üben. Das erfordert keinen radikalen
Umbau des eigenen Lebens. Das gelingt aber immer leichter,
wenn ich Gott wirklich an mich heranlasse. Entscheidungen
treffen, grosse und kleine, im Geist der Liebe, die uns umgibt
wie ein neuer Mantel, wie ein neuer Mensch.

Von: Carsten Marx

15. Oktober

Der Gerechte erkennt die Sache der Armen.
Sprüche 29,7

In den vergangenen drei Jahren, den sogenannten Corona-
Zeiten, wurde viel über die Armen gesprochen. Die Medien
berichteten über die schwer Erkrankten, über die, die um
Angehörige bangten oder sie bereits verloren hatten. Die
Armen, das waren auch die Kleinunternehmer, die nicht
wussten, ob sie ihren Betrieb weiterführen konnten. Die
Armen, das waren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer
in Kurzarbeit; das waren Schülerinnen und Schüler, die im
Homeschooling wenig bis keine Förderung und Unterstützung
erhielten. Die Armen, das waren Eltern, die zur Arbeit
sollten, aber nicht konnten, weil die Kinderbetreuungseinrichtungen
geschlossen waren. Jede und jeder könnte jetzt
beliebig viele Beispiele aus den letzten Jahren aufzählen.
Also, gehen wir mit offenen Augen durch die Welt und erkennen:
Viele Kinder leben in Armut, viele Familien erhalten
sogenannte Transferleistungen. In den Städten, aber auch
auf dem Land steigen die Armutsquoten. Immer wieder stehen
Familien vor meiner Pfarrhaustür und wir reichen ihnen
Lebensmittelgutscheine oder Hoffnungsträgertaschen mit
länger haltbaren Lebensmitteln. Es ist dringend notwendig,
dass wir die Sache der Armen erkennen. Ja, wir müssen
handeln. Hoffentlich gibt es in Zukunft genügend Gerechte.

Von: Carsten Marx

14. Oktober

Sei du selbst mein Bürge bei dir – wer sonst
soll für mich bürgen?
Hiob 17,3

Das ist eine Aussage in äusserster Not. Wie viele Menschen
gibt es um uns herum, die keine Bürgen finden, die für sie
einstehen? Menschen, die Hiob gleich eigentlich dem Untergang
geweiht sind, da sie keine Sicherheit mehr haben noch
erlangen können ohne Hilfe. Das haben wir doch eigentlich
zuhauf in unserer Umwelt. Wer steht ein für jene, die
vom Unglück verfolgt erscheinen, die auf der Strasse oder
in Slums leben oder sich in Parks mit Drogen über die Wirklichkeit
hinweg kiffen?
Wie viele «Freunde» gibt es, die, wie Hiob es erfuhr, einem
dann noch die ganze Kette der Begründungen vorbeten,
warum das alles so seine Richtigkeit habe mit dem Unglück?
Wo war man, als es um regelmässigen Schulbesuch ging,
wo, als die Frist verstrich, in der man sich noch hätte im
Arbeitsamt melden können? Wie viele Menschen mussten
aus angestammten Wohnsitzen raus, weil die Mieten erhöht
wurden? Wer trat dann für sie ein, wer war dann Bürge? Die
Zahl der Menschen, die sich keiner Schuld bewusst sind und
sich ins Elend gestossen sehen, nimmt in unserer Gesellschaft
zu. Wir «hiobisieren»! Unschuldig, ohne Bürgen, mit guten
Ratschlägen versehen!
Hier hat der Schrei seinen Ort: Sei du selbst mein Bürge,
Gott, bei dir, wer sonst soll für mich bürgen? Wie steht es da
mit der Christengemeinschaft der Bürgen?

Von: Gert Rüppell

13. Oktober

Gott macht’s wie er will, mit dem Heer des Himmels
und mit denen, die auf Erden wohnen. Und niemand
kann seiner Hand wehren noch zu ihm sagen:
Was machst du?
Daniel 4,32

Da steht er, so stellt man es sich vor, der kleine jüdischstämmige
Beamte Daniel vor dem allmächtigen Kaiser
Nebukadnezar
und soll ihm einen Traum deuten. Man stelle
sich vor, als Angestellter, wenn auch wohl positioniert, zum
Konzernchef
gerufen zu werden, der einem merkwürdig
klingende
Visionen von der Zukunft des Unternehmens ausbreitet
und dann … «Erklär mir das, alle andern haben versagt
» sagt! Da steht man nun. Soll man dem Chef nach dem
Mund reden?
Soll man sich ein eigenes Bild machen und den
Chef zu überzeugen suchen, dass das doch alles sehr merkwürdig
ist, was er sich zusammengereimt hat? Daniel macht
keines von beidem. Er rekurriert auf seine eigene Überzeugung,
seinen Glauben, zweifelt nicht an der Grösse Jahwes.
Der abgehauene Baum, das Vergehen der Grösse, kann nur
im Kontext der Grösse Jahwes interpretiert werden. Seine
Macht anstelle der eigenen Macht zu preisen, ist die Botschaft
des Tages. Jahwes Macht als diejenige anzuerkennen,
die unseren Lebensweg bestimmt, und sich von ihm bestimmen
zu lassen, das, so lese ich aus der Losung, ist so etwas wie
die Nebukadnezar’sche Qualität unseres Lebens. Der Bogen,
der geschlagen werden kann, ist gross, aber stimmig: Auch
für Jesus von Nazareth gilt, dass sich niemand gegen Gottes
Pläne wehren kann. Sein Wille geschehe.

Von: Gert Rüppell

12. Oktober

Als Petrus den starken Wind sah, erschrak er und
begann zu sinken und schrie: Herr, rette mich!
Jesus streckte sogleich die Hand aus und ergriff
ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum
hast du gezweifelt?
Matthäus 14,30–31

Jesus geht auf dem Wasser, und Petrus steigt zu ihm aus dem
Schiff: eine der sonderbarsten Wundergeschichten, nicht
selten Anlass zu mehr oder weniger witzigen Karikaturen.
Die Menschen vor 2000 Jahren waren nicht von naturwissenschaftlichem,
physikalischem Denken bestimmt;
dennoch
muss die Geschichte für sie eine aussergewöhnliche
Vorstellung gewesen sein. Sie hat ihnen damit gezeigt,
dass in Jesus eine besondere Kraft am Werk ist, weil Gott in
ihm und durch ihn wirkt.
Die Geschichte sagt noch mehr. Wir erhalten selber Anteil
an dieser Kraft, wenn Jesus auf uns zukommt und wir ihm
entgegengehen. Es ist eine abgeleitete Kraft, nicht eine aus
uns selbst. Sie ist zerbrechlich, ist gefährdet durch Zweifel,
durch «Kleinglauben», wie Jesus sagt. Das gehört dazu;
Glauben ohne Zweifel kann es wohl nicht geben, wenn wir
ehrlich bleiben wollen. Aber Jesus streckt die Hand nach
Petrus aus, und er tut dasselbe für uns, damit wir – um im
Bild zu bleiben – nicht versinken in den Unsicherheiten
des Lebens, in Sorgen und Ängsten. Auf dem Wasser gehen
können wir nicht, aber wir sollen den Glauben wagen, auch
wenn wir ihn aus eigener Kraft nicht durchhalten können.

Von: Andreas Marti

11. Oktober

HERR, du bist der Armen Schutz gewesen in der
Trübsal, eine Zuflucht vor dem Ungewitter, ein
Schatten vor der Hitze, wenn die Tyrannen wüten.
Jesaja 25,4

«… Schutz gewesen …» – wohl eine leicht missverständliche
Übersetzung der hebräischen Perfektform als deutsche
Vergangenheit. Gemeint ist damit vielmehr die Verlässlichkeit,
das, was gegolten hat und weiterhin gilt. Im deutschen
Satz schwingt dagegen ein sehnsüchtiges Erinnern mit an
eine Zeit, da Gott geholfen hat – möchte er das doch auch
heute noch tun! So viele Arme auf der Welt, so schlimme
Unwetter, so unbegreiflich unmenschliche Tyrannen und
Kriegsverbrecher!
Da wäre es freilich nur ein kleiner Trost, dass es einmal
besser
gewesen sein soll. Lesen wir aber den Satz als «heilsame
Erinnerung» an etwas, das war und immer noch gilt,
dann öffnet er uns den Blick in die Zukunft. Er gibt Hoffnung,
dass mit Gottes Kraft und in seinem Namen Menschen auf
der ganzen Welt den Armen Schutz bieten, Zuflucht vor
Unwettern
schaffen und den Tyrannen in den Arm fallen
können.
«Siehet er Menschen, die Unrecht leiden: er ist’s, der ihnen
Recht verschafft. Hungrigen will er zur Speis bescheiden, was
ihnen dient zur Lebenskraft. Die hart Gebundnen macht er
frei: Gnade verleiht er mancherlei. Halleluja.» (Joh. Daniel
Herrnschmidt nach Psalm 146, Ref. Gesangbuch 99)

Von: Andreas Marti

10. Oktober

Was gering ist vor der Welt und was verachtet ist,
das hat Gott erwählt, was nichts ist, damit er
zunichtemache, was etwas ist, auf dass sich kein
Mensch vor Gott rühme.
1. Korinther 1,28–29

Was ist Ihre liebste Sehenswürdigkeit? – Vor vier Jahren
war ich im Sommer in Athen. Ich genoss es, im lauen Wind
zwischen
Olivenbäumen und Agaven auf den Hügeln der
Stadt zu spazieren und meinen Blick über die Akropolis
schweifen zu lassen. An einem Abend ging ich noch für eine
Stunde ins Akropolis-Museum, das sich unterhalb des Akropolis-
Hügels befindet. Ich schlenderte durch die Räume,
danach setzte ich mich draussen etwas hin und betrachtete
das Museum: ein schöner Bau. Dabei sah ich durch die
grossen
Glasfenster zwei Frauen, die beide einen Putzwagen
durch die Räume schoben, miteinander schwatzten und den
Exponaten um sich herum keinerlei Beachtung schenkten.
Klar, sie sind wohl täglich dort und sind es gewohnt, ihre
Arbeit zwischen Weltkulturerbe zu verrichten. Trotzdem
war es ein erfrischender Anblick, der die Ehrfurcht vor den
Zeugen der Vergangenheit und deren Grossartigkeit etwas
entkräftete.
Sprechen diese Sehenswürdigkeiten wirklich nur vom
Bemühen der Menschen, sich selbst unsterblich zu machen?
Oder sind sie unverzichtbare Zeugnisse unserer Menschheitsgeschichte?
Oder sprechen sie auch, trotz ihrer Grossartigkeit,
ein wenig von unserer Suche nach Gott?

Von: Katharina Metzger

9. Oktober

Zachäus sprach zu Jesus: Siehe, Herr, die Hälfte
von meinem Besitz gebe ich den Armen, und
wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich
es vierfach zurück.
Lukas 19,8

Vor einem Jahr war ich an einer Fortbildung für Lehrkräfte,
und am Schluss stellte die Leiterin die Frage: «Was würdet
ihr tun, wenn ihr eine Kiste mit einer Million Franken drin
finden würdet, die ihr behalten dürft?» Zuerst Schweigen,
dann: «Ein Haus kaufen.» «Eine Reise machen.» «Ein Jahr
unbezahlten Urlaub nehmen.» – Niemand sprach vom Teilen.
Niemand sprach davon, dass wir ja eigentlich Monat für
Monat einen nicht allzu schlechten Lohn erhalten. Niemand
erinnerte daran, dass man sich noch am Morgen – anlässlich
einer anderen Veranstaltung – für das Thema «Energiesparen
» ausgesprochen hatte und dass das vielleicht auch
ein wenig mit Selbstbeschränkung zu tun haben könnte.
Und ich sagte auch nichts, ich hatte plötzlich Angst, als
miesepetriger
Moralapostel dazustehen. Der Leiterin ging
es übrigens
gar nicht ums Thema Geld, sondern darum,
Wünsche
zu artikulieren.
An der Zachäusgeschichte gefällt mir, dass Jesus nicht
einen Sieg feiert, weil er Zachäus vom Geld «wegbekehrt»
hat, sondern dass er, wie es am Ende heisst, in Zachäus etwas
gesucht und gerettet hat, das verloren war. Wie viel «Original-
Zachäus» steckt auch in uns, und wie viel liesse sich auch
in uns wiederentdecken?

Von: Katharina Metzger

8. Oktober

Das Los ist mir gefallen auf liebliches Land;
mir ist ein schönes Erbteil geworden.
Psalm 16,6

Wenn das nicht gut klingt: Ich ziehe an der Tombola ein
Los, auf dem steht: «Liebliches Land gewonnen.» Doch
schnell bemerke ich den Haken. Alle anderen um mich
herum erhalten Preise wie «Luxuriöses Chalet in den Bergen,
Villa am Meer mit Swimmingpool, Loftwohnung an
urbaner Toplage …». Ich bin irritiert und frage mich: Habe
ich nun gewonnen oder verloren? Genau so muss sich Levi
vorgekommen sein, als sein Vater Jakob mittels Los sein Land
an seine zwölf Söhne aufteilte, er aber leer ausging. Stattdessen
erhielten Levi und sein Stamm das spirituelle Erbe, als
Priestergeschlecht für alle übrigen Israeliten da zu sein. Kein
Landbesitz für ihn, sondern der Dienst an Gott.
Psalm 16 nimmt mich mit in dieses Erleben von Levi, dessen
unmittelbare Reaktion zwar nicht überliefert ist, der sich an
diesem immateriellen Erbe aber zu freuen scheint. Ein Erbe,
das ebenfalls Zuwendung und Verantwortung bedeutet, denn
auch «liebliches Land» will gehegt und gepflegt werden. Lasst
uns den heutigen Tag so erleben, als hätten wir Levis Los gezogen.
Lasst uns heute nicht nach links und nicht nach rechts
schauen, sondern unser eigenes liebliches Land entdecken und
uns an unseren eigenen inneren Pflanzen erfreuen. Lasst uns
heute auf unser eigenes spirituelles und kulturelles Erbe fokussieren,
das uns am Herzen liegt, und es als liebliches Land erfahren:
ein Raum, der mir Tag für Tag den Boden verleiht, geistig
zu wachsen und meinen Hunger nach Sinnerfahrung zu stillen.

Von: Esther Hürlimann