Kategorie: Texte

23. August

Ihr habt schon geschmeckt, dass der Herr freundlich ist. 1. Petrus 2,3

Ihr habt schon geschmeckt! Das ist ein schönes, sinnliches
Bild, und wenn es sich auf die Freundlichkeit Gottes bezieht,
lässt man es sich auf der Zunge zergehen! Mir fällt dabei der
schöne, wahrscheinlich bekannteste Text von Marcel Proust
aus seinem Buch «Auf der Suche nach der verlorenen Zeit»
ein. Er beschreibt dort auf zwei Seiten, wie der Verzehr einer
Madeleine (ein in Frankreich verbreitetes Teegebäck), die er
in den Tee tunkt, plötzlich die Erinnerung an ein tiefes Erlebnis
in seiner Kindheit wachruft, in dem Proust den wahren
Sinn des Lebens zu erhaschen meint. Auch damals tauchte
er, als er krank war, eine Madeleine in eine Tasse Tee und
schmeckte sie – und das erfüllte ihn mit dem Empfinden,
eine in ihm verborgene Wahrheit zu schmecken, ohne sie
fassen zu können. Die Sinne, hier der Geschmackssinn, wissen
oft mehr als unser Geist!
Und so ist es mit der Freundlichkeit Gottes. Wir schmecken
sie – wie könnten wir sie mit dem Verstand fassen? Mit
Hilfe der Theologie? Mit unseren ethischen Überzeugungen?
Sie helfen uns, uns dieser Wahrheit anzunähern. Aber das
Geheimnis der Freundlichkeit Gottes, seiner immerwährenden
Gegenwart in uns – das ist eine innere Erfahrung, die uns
immer, auch entgegen allem Augenschein, hoffen lässt und
die wir mit dem Verstand nicht fassen, die wir aber fühlen,
vielleicht schmecken können. Gott sei Dank!

Von: Elisabeth Raiser

22. August

Der HERR, euer Gott, versucht euch, um zu erfahren,
ob ihr ihn von ganzem Herzen und von ganzer Seele
lieb habt.
5. Mose 13,4

Die Zürcher Bibel übersetzt anders: «Denn du sollst nicht auf
die Worte jenes Propheten oder auf jenen Träumer hören,
denn der HERR, euer Gott, stellt euch auf die Probe.» In Chiapas,
Mexiko, wurde ich jeden Tag gefragt, was ich geträumt
habe. Immer wieder durfte ich zu verstehen versuchen, was
dies bedeutet. Ganz habe ich es nie verstanden, aber gespürt,
dass die Dimension des Traums ernst genommen wird bei
der Gestaltung des Tages. Nun sagt uns der heutige Text,
dass sogenannte Träumer uns von der Lebendigen wegbringen
können. Auch Propheten sind gefährlich. Träume sollen
uns auf die Probe stellen. Ich bin der Überzeugung, dass es
Träume und Träume gibt. Ich will nicht aufhören, die Träume
zu leben, die mein Leben prägen, wie etwa das Einstehen
für Gerechtigkeit, gegen die Unterdrückung von Frauen, für
eine inklusive Gesellschaft. Sie entsprechen meinem Glauben
an die Lebendige. Aber ich werde durch Träumer auf
die Probe gestellt, etwa dann, wenn mich die viel zu vielen
Informationen erdrücken wollen. Der heutige Text ermutigt
mich, immer wieder zu unterscheiden zwischen dem, was in
meinen Augen dem Leben dient, und dem, was der Gerechtigkeit
im Wege steht. Die Lebendige hilft dabei!

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

21. August

Ich will ihnen ein Herz geben, dass sie mich erkennen
sollen, dass ich der HERR bin.
Jeremia 24,7

Die Vision des Propheten richtet sich an die deportierten
Menschen. Ihnen will Jeremia Mut machen. Sie gehören, im
Bild des Propheten, zu den «guten Feigen im Korb». Sie sind
köstlich und erfreuen das Herz. Es ist, als ob die Menschen im
Exil mit den guten Feigen gleichgesetzt würden. Sie sollen in
ihrem Herzen Gott, die Lebendige, erkennen, ihr begegnen
und so lernen, dass sie ihr Gott ist. Und dies im Herzen. Denn
die Lebendige will alle Tränen abwischen und die Menschen
zurückführen in ihre Heimat. Die Vision sagt mir heute, dass
ich versuchen möchte, eine Beziehung zur Lebendigen aufzubauen.
Und dies mit dem Herzen. Es geht nicht so sehr um
die Einteilung der Menschen, das mag wohl für die Vision
wichtig gewesen sein, schliesslich trifft sie nur auf diejenigen
zu, die das Land verlassen mussten. Heute, gerade heute in
der zerrissenen Welt, soll mein Herz offen sein für die Kraft,
die von der Lebendigen kommt, damit ich die Augen offen
halten kann für die Menschen, die leiden. Denn ihre Tränen
sollen abgewischt werden. Vielleicht ist das die Erkenntnis,
dass Gott da ist, bei den Menschen und mit ihnen auf dem
Weg, auch wenn wir diesen nicht immer verstehen. Es geht
um die Erkenntnis im Herzen und den daraus entstehenden
Mut, am Glauben an das Leben festzuhalten.
Danke, Gott des Lebens, für dein Mitunssein.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

20. August

Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. 1. Mose 1,3

Licht ist geschaffen! Die Einsicht ist erhellend und lässt doch
im Dunkeln, woher es kam. Die Antwort auf diese simple
Frage verschwindet in einem schwarzen Loch. Erst zwei simple
Aussagen bringen Licht ins Dunkel. «Gott sprach, es
werde Licht» und das hat zur Folge, dass «Licht ward». Also
ist Gott die Lichtquelle oder wissenschaftlich gesprochen die
ultimative Energiequelle, der Ursprung der Lebensexplosion
oder des sich ausdehnenden Alls.
Ob teleskopisch oder mikroskopisch unterwegs, auf Galaxien
wandernd oder in Viren bewandert – es braucht auch
die aufgeklärte Wissenschaft eine Lichtquelle. Was sagt denn
die Bibel anderes? Sie sagt es anders. Gott spricht Licht. Man
kann das als Mythos abtun oder als naives menschenförmiges
Gottesbild. Und hätte eine wichtige Lektion nicht verstanden.
Als die Welt das Lebenslicht erblickte, hat es sozusagen
Klick gemacht. Der Lichtschöpfer hat auch Lichtempfänger
geschaffen. Wir sind die angestrahlte, angeleuchtete und aufgeklärte
Welt. Wir sind auch für die Verdunkelung mitverantwortlich,
die zur Sprache und ans Licht gebracht werden
muss. Es ist diese andere, nichtphysikalische Erleuchtung,
die wir dringend nötig haben, wenn wir nicht im schwarzen
Loch verschwinden wollen. Denn die Frucht dieses Lichtes
ist «Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit» (Epheser 5,9).

Von: Ralph Kunz

19. August

Du, HERR, du kennst mich, du siehst mich und prüfst,
ob mein Herz bei dir ist.
Jeremia 12,3

Gott prüft, ob sein Prophet mit dem Herzen ganz bei ihm
ist. Wie geht das? Gott kann das einfach, meint der Prophet.
Jeremia weiss sich erkannt und gesehen. Für viele ist diese
Vorstellung irgendwie gruselig. Der göttliche Röntgenblick
lässt wenig Spielraum für Privacy. Big Brother lässt grüssen,
der Datenschutz auf sich warten. Dem Propheten stellt sich
diese Frage gar nicht. Ihm geht es um die Prüfung des inneren
Menschen, darum, dass keiner verborgen bleibt, der Böses
redet (Weisheit 1,8). Wer meint, sich vor Gott verstecken zu
können, ist schlicht und einfach ein Tor oder eine Närrin.
Gott sieht ins Verborgene (Matthäus 6,6). Und was Gott
sieht, ist durchschaut. Die Redewendung «auf Herz und Nieren
prüfen» kommt dem ziemlich nahe. Sie stammt übrigens
auch von Jeremia (11,20) und meint, dass mein Geist (Herz)
und meine Gefühle (Nieren) Gott nicht verborgen bleiben.
Wäre denn ein Big Brother, eine Big Mother, Big Father oder
Big Sister so schlimm? Ja, das wäre es. Das «Big» muss uns
misstrauisch machen. Es ist ein menschliches Missverständnis,
dass Gott ein Kontrollfreak ist. Die Bibel sagt etwas anderes.
Sie lobt die Macht, die sich so klein macht, dass sie uns
verborgen bleibt. Wie komme ich zur Gewissheit, dass sie
es gut mit mir meint? Jesus hat Gott erkannt, gesehen und
geprüft. Sein Herz ist bei Gott.
Das genügt.

Von: Ralph Kunz

18. August

Wer nun eines von diesen kleinsten Geboten auflöst
und lehrt die Leute so, der wird der Kleinste heissen im
Himmelreich; wer es aber tut und lehrt, der wird gross
heissen im Himmelreich.
Matthäus 5,19

Eine kleine Begebenheit vorab: Ich schaue einer Bekannten
zu, wie sie den Kopfsalat rüstet. Nicht von aussen nach innen,
wie ich es gewohnt bin, sie schneidet den Strunk weg, löst als
Erstes das «Herzli» heraus, danach die Blätter von innen nach
aussen. «So habe ich die besten Blätter in meinem Salat»,
sagt sie verschmitzt. Auf die Idee bin ich noch nie gekommen.
Nun zum Losungstext: Sollte er tatsächlich eine Anweisung
sein, sich noch pingeliger an die Gesetze zu halten als die
gesetzestreuen jüdischen Führer? «Wenn eure Gerechtigkeit
die der Schriftgelehrten und Pharisäer nicht weit übertrifft,
werdet ihr nicht ins Himmelreich hineinkommen.» (Vers 20)
Wenn der Text nicht an prominentester Stelle, nämlich in
der Bergpredigt, stehen würde, ich würde ihn als «unverdaulich
» beiseitelegen.
Wie ist denn Jesus selbst mit dem mosaischen Gesetz
umgegangen? Er war ja wegen des Sabbat-Gebots im Dauerclinch
mit den Pharisäern. Ich glaube, er hat das Gesetz von
der Mitte, vom Herzstück her erfüllt. «Was ist das höchste
Gebot?» – Die Liebe zu Gott und zum Nächsten, «wie dich
selbst». Das hat er gelebt, auch am Sabbat. Darum hat er
selbst am Sabbat Kranke geheilt und geknickte Menschen
aufgerichtet. Es hat ihn letztlich das Leben gekostet.

Von: Dorothee Degen-Zimmermann

17. August

Der Grösste unter euch soll euer Diener sein.
Matthäus 23,11

Ein Diener, das ist einer, der Arbeiten für Höhergestellte
leistet. Arbeiten, die geringgeschätzt werden. Meist handelt
es sich um Versorgungs- und Hausarbeit, geleistet von Versklavten
und/oder Frauen. Arbeiten, die kein freier, wohlhabender
Mann tun würde. In biblischen Zeiten beschreibt
das Wortfeld diakonein zunächst Unterwerfungsverhältnisse.
Zunächst. Denn viele Stellen im Neuen Testament
sprechen davon, dass Grenzziehungen zwischen Oben und
Unten überwunden werden: Die Letzten werden die Ersten
sein, Niedrige erhöht und der Grösste wird zum Diener. Der
Neutestamentler Gerd Theissen spricht von Statusverzicht,
der zusammen mit der Nächstenliebe zentral ist für das
urchristliche Ethos. Es zielt auf Gleichheit und soziale Beziehungen,
die auf Gegenseitigkeit beruhen: «Unterschichtswerte
» wie Nächstenliebe oder Demut werden aristokratisiert,
und «Oberschichtswerte» wie Wohltätigkeit, die in der
Antike Königen und Beamten vorbehalten waren, werden
demokratisiert. So erhält Dienen eine ganz neue Bedeutung.
Jesus selbst sagt: «Ich aber bin unter euch wie ein Diener.»
(Lukas 22,27)
Das wünsche ich mir für alle Mitarbeitenden der Diakonie,
für alle, die Kinder betreuen, Menschen im Alter pflegen,
Menschen mit Behinderungen begleiten: dass die Grösse
ihres Dienstes erkannt und anerkannt wird.

Von: Maria Moser

16. August

Wir sind Fremdlinge und Gäste vor dir wie unsere
Väter alle. Unser Leben auf Erden ist wie ein Schatten
und bleibet nicht.
1. Chronik 29,15

Wer denkt bei Fremdlingen und Gästen etwa an die Vergänglichkeit
des Lebens? Wer denkt schon an den Tod mitten im
Leben? Wer denkt an den endgültigen Abschied mitten im
Alltag?
Ja, wir Menschen sind Gäste auf dieser Erde. Wie oft vergessen
wir das. Der Tod wird immer wieder abgeschoben in die
Sterbezimmer der Krankenhäuser, in die Intensivstationen,
in die Operationssäle, in die Pflegekompetenzzentren. Der
Tod, beziehungsweise das Ende des Lebens, soll uns nicht
berühren.
Aber: Mitten im Leben sind wir vom Tod umgeben. Mit
diesen Worten beginnt ein Liedtext Martin Luthers. Mitten
im Leben sind wir vom Tod umgeben: Um diese Lebenserfahrung
wissen auch die biblischen Texte. Als Christinnen
und Christen aber dürfen wir über diese Erfahrung hinaus
hoffen: Diese Hoffnung heisst Ostern. Ostern stellt alles auf
den Kopf und der alte Liedtext muss dann heissen: Mitten im
Tod sind wir vom Leben umgeben. Das macht Mut, unseren
Alltag mit offenen Augen und Ohren wahrzunehmen: Wo
entdecke ich das Leben, das uns umgibt? Noch besser ist es,
dies gemeinsam zu tun und sich gegenseitig zu ermutigen.
Wunderbar, dass ich das tun darf, und ich mache mich mitten
im Sommer auf Lebensentdeckungsreise.

Von: Carsten Marx

15. August

Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen,
auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel.

Matthäus 5,44–45

Gerechtigkeit, das wissen wir, gibt es im alltäglichen Leben
nicht immer. Wir streben an, dass möglichst alle gleich
behandelt werden, aber das ist selten möglich.
Wenn es uns Menschen nicht gelingt, für gerechten
Umgang untereinander zu sorgen, dann erwarten wir es
zumindest von Gott. In den Religionen taucht immer wieder
die Frage nach der Gerechtigkeit auf. Aber dann muss auch
gefragt werden, ob Gott wirklich gerecht ist. Warum lässt
Gott das zu, was in unseren Augen überhaupt nicht gerecht
ist? Unsere Reaktion ist zunächst Unverständnis und dann
Anklage. Von dort, von wo wir letzte Gerechtigkeit erhoffen,
von dort kommt sie aber nicht! Was tun?
Im heutigen Lehrtext aus der Bergpredigt gibt Jesus einen
Hinweis, der zwar nicht so ganz befriedigen kann, mit dem
wir aber versuchen können, Wege zu finden, um mit Ungerechtigkeiten
zu leben. Vor Gott sind alle Menschen gleich,
die Sonne scheint auf alle, und auch den Regen bekommen
alle ab. Ganz gleich, wie wir leben oder was wir tun. Wir sind
alle den gleichen Naturgewalten ausgesetzt und müssen unter
diesen Bedingungen leben. Wir haben alle die gleichen Voraussetzungen.
Es kommt nur darauf an, wie wir damit umgehen.
Wir sind mit unseren Kräften und Möglichkeiten gefragt.
Also: Packen wir es an!

Von: Carsten Marx

14. August

Tu deinen Mund auf für die Stummen und
für die Sache aller, die verlassen sind.
Sprüche 31,8

Wenige Tage bevor ich mich an das Schreiben dieses Textes
gemacht habe, verstarb ein für mich grosser ökumenischer
Lehrer: Julio de Santa Ana. Julio vermittelte mir, und
sicherlich nicht nur mir, wie zentral die Ausrichtung unserer
theologischen Reflexion und unseres christlichen Handelns
an der Leitlinie eines Gottes ist, dessen ganze Liebe in seiner
Option für die Armen, die zum Schweigen gebrachten Menschen,
die Witwen und Waisen zum Ausdruck kommt. Für
viele war die Radikalität, mit der Julio die Armen und Ausgestossenen,
die Flüchtlinge und Migranten, die sexuell Missbrauchten,
die Kindersoldaten und Opfer machtpolitischer
Interessen ins Zentrum stellte, nicht immer mit ihrem Verständnis
von christlicher Botschaft vereinbar. Und doch gilt
es, weiterhin den Mund aufzutun für jene, die ihre eigenen
Interessen nicht wortreich in den Medien vertreten können:
für die Stummen. Es gilt, weiterhin aktiv zu werden für jene
Teile der Schöpfung, denen das Existenzrecht abgesprochen
wird. Teile also, die verlassen sind, Opfer von egoistischem
Handeln. Verlassene sind demnach nicht allein Menschen,
sondern alles Geschaffene, dem wir unsere gottgewollte
Zuwendung, die uns aufgetragene Fürsorge entziehen. Gottes
vorrangige Option für die Armen, wie Julios Umschreibung
der heutigen Losung heissen würde, gilt weiterhin.
Zum Mitmachen, zur aktiven Teilhabe an dieser Option lädt
die heutige Losung ein.

Von: Gert Rüppell