Kategorie: Texte

27. Oktober

Der HERR ist meines Lebens Kraft;
vor wem sollte mir grauen?
Psalm 27,1

Und warum fühle ich mich dann oft so kraftlos? Was ist,
wenn ich müde und ängstlich, überfordert bin? Bin ich dann
von allen guten Geistern, auch vom Gott selbst verlassen?
Das wäre dann ja eine doppelte Strafe!
Oder verhält ist es sich mit der Lebenskraft eher wie in der
Erzählung von den Wachteln und dem Manna in der Wüste?
Gott gibt mir nicht die Kraft, ein Kraftprotz zu sein, mich
zu produzieren vor anderen, dass ich die anderen ängstige.
Vielmehr gibt sie mir in jeder Lebenslage genau so viel
Kraft, wie ich brauche, um die Herausforderung zu meistern,
zu bestehen, auch wenn mein Gegenüber mir Furcht
einflösst und das Grauen nach mir greift. Und manchmal
ist die Kraft gerade so gross, dass sie zum Überleben reicht.
Aber das ist eigentlich viel.
Ja, ich kann mich an verschiedene Situationen erinnern, in
denen es gerade so gereicht hat und ich eine Menge Kraft
brauchte. Und doch sind es diese Erlebnisse, die mir davon
erzählen, dass ich genügend Kraft bekam. Ich kann meinen
Blick heben, den Tatsachen ins Gesicht schauen, komme, was
da wolle. Allein das gibt schon Kraft, aufrecht zu stehen, mit
erhobenem Haupt anderen zu begegnen.
Gott, schenke mir die Kraft, auf dich zu vertrauen und
gleichzeitig sorgsam mit meinen Kräften umzugehen, sie
nicht zu verschwenden, sondern sie überlegt, gezielt, sinnvoll
einzusetzen.

Von: Sigrun Welke-Holtmann

26. Oktober

Er weckt mich alle Morgen; er weckt mir das Ohr,
dass ich höre, wie Jünger hören.
Jesaja 50,4

Vermutlich ist Ihnen bei diesem Vers auch das bekannte
Morgenlied von Jochen Klepper in den Sinn gekommen.
Er schrieb es 1938. Die Sorge und Angst um das Leben
seiner durch die rassistische Gesetzgebung in Deutschland
bedrohten Familie ist darin «umhüllt» vom tiefen Vertrauen
auf Gottes Zuwendung und Fürsorge. Jede Strophe zeugt
von dieser innigen Zugehörigkeit, die Herz und Sinne, ja das
ganze Leben – und auch den Tod umfasst.
Wem Gott das Ohr weckt, der oder die hört mit Herz und
Sinn. Salomo bittet um ein «hörendes Herz», um zu verstehen,
was gut und böse ist (1. Könige 3,9). Jesus preist
diejenigen selig, die «Gottes Wort hören und bewahren»
(Lukas 11,28), und Jakobus ermahnt: «Seid aber Täter des
Wortes und nicht Hörer allein …» (Jakobus 1,22). Gottes
Wort hören, verstehen und tun gehört nach biblischem Verständnis
zusammen.
Hörend und zugehörig leben vor und mit diesem Gott, der
mich Morgen für Morgen weckt, dass ich mit seinem Wort
den neuen Tag beginne …
Gott will mich früh umhüllen mit seinem Wort und Licht,
verheissen und erfüllen, damit mir nichts gebricht; will vollen
Lohn mir zahlen, fragt nicht, ob ich versag. Sein Wort will
helle strahlen, wie dunkel auch der Tag. (EG 452,5)

Von: Annegret Brauch

25. Oktober

Das Himmelreich gleicht einem Sauerteig, den
eine Frau nahm und unter drei Scheffel Mehl mengte,
bis es ganz durchsäuert war.
Matthäus 13,33

Eine Szene aus dem Alltag: Eine Frau backt Brot; sie nimmt
den Sauerteig und mischt ihn unter drei Scheffel Mehl. Das
ist eine ganze Menge und ist sicher auch für Nachbarn und
Freunde gedacht. Bis der ganze Teig durchsäuert ist, dauert
es. Der Gärungsprozess braucht Zeit und auch die Geduld
der Frau, die eben noch so tatkräftig zupackte.
Interessant ist, dass das Wort, das hier mit untermengen
wiedergegeben
ist, eigentlich verstecken / verbergen bedeutet.
Ich verstehe das so: Das Reich Gottes oder, wie Matthäus
sagt, das Himmelreich ist verborgen im Alltäglichen, in der
Welt, unter uns. Es braucht unsere Aufmerksamkeit und
Geduld, kräftiges Zupacken und Geschehenlassen – wie
beim Sauerteig …
Eigentlich ist es ganz einfach: Jede und jeder weiss, was passiert,
wenn Sauerteig unter Mehl gemengt wird. Und doch
gibt es die, die mit sehenden Augen nicht sehen und mit
hörenden Ohren nicht hören und nicht verstehen (Vers 13).
Wie aufmerksam bin ich heute für Gottes Reich? Welche
Anzeichen werde ich entdecken – oder doch übersehen?
Geheiligt werde dein Name, dein Reich komme …

Von: Annegret Brauch

24. Oktober

In Christus liegen verborgen alle Schätze
der Weisheit und Erkenntnis.
Kolosser 2,3

Gross ist das Geheimnis des Glaubens! So habe ich vergangenen
Dezember meinen Bolderntext begonnen, und das passt
auch zum heutigen Text aus dem Kolosserbrief: In Christus
liegen die Schätze der Weisheit und Erkenntnis verborgen.
Sie sind nicht offenbar, wie wir das gerne hätten und wie jede
Predigt versucht, sie ans Tageslicht zu bringen. Das gelingt
manchmal gut, und ich als Zuhörerin gehe dann ganz belebt
und voller Hoffnung auf unserem langen schönen Waldweg
nach Hause und in die nächste Woche.
Die Mystiker haben viel verstanden oder vielmehr erahnt
oder gesehen von den verborgenen Schätzen der Weisheit
und Erkenntnis – und etwas davon spüren auch wir eher
nüchternen Christen beim Schmecken des Brots und Kosten
des Weins beim Abendmahl. Wir nehmen es zu uns «zu
seinem Gedächtnis». Das verbindet uns mit den anderen
im Kreis Stehenden oder Sitzenden und hat zugleich eine
heilende, geheimnisvolle Wirkung auf unsere Seele. Ob wir
damit der Weisheit näherkommen, weiss ich nicht, aber der
Erkenntnis vielleicht, weil wir dabei Jesus nahekommen, uns
sein Leben und Wirken vergegenwärtigen können. Unsere
christlichen Nächstenliebe, unsere Diakonie ist meistens
genau dieser Vergegenwärtigung zu verdanken. Verborgen
und zugleich wirksam!

Von: Elisabeth Raiser

23. Oktober

Er ist ein lebendiger Gott, der ewig bleibt,
und sein Reich ist unvergänglich.
Daniel 6,27

Das Buch Daniel handelt von dramatischen Ereignissen
in Babylon, wohin das Volk Israel ins Exil geführt worden
war. Viele von uns kennen das Gedicht von Heinrich Heine

«Belsazar»: In der biblischen Vorlage für dieses Gedicht
deutet der Jude Daniel die bei dem ausgelassenen Fest des
Königs plötzlich erscheinende geheimnisvolle Flammenschrift
mit den Worten «Mene Tekel» als ein Urteil Gottes
und prophezeit den Untergang Belsazars, der dann auch
eintritt. Und es geht ebenso märchenhaft weiter: Unter dem
Nachfolger Belsazars Darius wird Daniel Opfer einer Intrige,
die den König dazu bringt, jeden mit dem Tod zu bestrafen,
der sich an eine andere Gottheit als an ihn mit Bitten oder im
Gebet wendet. Der fromme Daniel wird bei seinen Gebeten
entdeckt und zur Strafe in die Löwengrube geworfen. Gott
bewahrt ihn vor dem Tod, und das ist für Darius der Beweis,
dass dieser Gott der Juden der lebendige Gott ist, dessen
Reich unvergänglich ist.
Für uns, für mich ein schwieriger Beweis! Gott greift erfahrungsgemäss
ja gerade nicht in die Geschicke der Menschheit
ein; vielleicht ein Grund für viele, nicht mehr an Gott
zu glauben. Seine/ihre Wirkung erlebe ich – wie viele von
uns – vielmehr innerlich, entsprechend dem Gleichnis Jesu
als ein Samenkorn, das zu einem grossen Baum werden kann
und uns Hoffnung gibt, uns bewegt, leitet und trägt.

Von: Elisabeth Raiser

22. Oktober

Du sollst deinen Bruder nicht hassen in deinem Herzen,
sondern du sollst deinen Nächsten zurechtweisen,
damit du nicht seinetwegen Schuld auf dich lädst.
3. Mose 19,17

Die heutige Losung spricht die Beziehungen zu Menschen
an. Und doch möchte ich sie auch auf Strukturen beziehen,
denn diese lassen mich selber mit all den Verstrickungen
Schuld auf mich laden. Was ist mit den Geldern meiner Pensionskasse?
Es geht nicht um Hass. Vielmehr geht es darum,
eine Haltung einzunehmen, die einen bewussten Umgang
mit unseren Verstrickungen pflegt, diese hinterfragt. Es ist
ja nicht so, dass ich durch das, was ich nicht beeinflussen
kann, Schuld auf mich lade. In unserem Text geht es um ein
individuelles Verhalten. Ich meine aber, dass er uns trotzdem
einlädt, unser Verhalten den Strukturen gegenüber zu reflektieren.
Und so, wie die Losung eine Haltung auch im sozialen
Bereich vorschreibt, so lädt sie uns ein, global zu denken und
mitzuwirken – da, wo wir etwas verändern können. Wir können
zum Beispiel unsere Stimme erheben, wenn wir eingeladen
werden, eine Petition zu unterschreiben, die von Konzernen
mehr Verantwortung verlangt. Könnte das gemeint sein,
wenn der Text sagt, dass wir «den Nächsten» zurechtweisen
sollen? Und noch etwas: Die individuelle Schuld erdrückt
uns. Das braucht zu viel Kraft. Die Mitverantwortung für die
Menschen und die Schöpfung soll uns nicht zur Last werden.
Schenke du die Hoffnung auf Veränderung.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

21. Oktober

Wessen Zuversicht der HERR ist, der ist wie ein Baum,
am Wasser gepflanzt, der seine Wurzeln zum Bach
hin streckt. Er sorgt sich nicht, wenn ein dürres Jahr
kommt, sondern bringt ohne Aufhören Früchte.
Jeremia 17,7.8

Wie gerne würde ich diese Losung mit Menschen in Afrika
oder Lateinamerika besprechen. Wie viele von ihnen sind
von Dürre betroffen! Harte Arbeit, Wasser erbitten, ein paar
Tropfen auftreiben. Worin besteht ihre Zuversicht? Der Prophet
will, dass die Menschen zuversichtlich sind, dass sie
nicht abfallen vom Gott des Lebens. Dann, und nur dann,
werden ihre Felder und Fruchtbäume genügend Wasser
haben, auch wenn ein Jahr der Dürre kommt. Worin besteht
die Zuversicht der Menschen, die unter Dürre leiden? Wie
gestalten sie ihr schweres Leben? Und: Wie gehen wir um
mit der Tatsache, dass der Klimawandel immer mehr Menschen
betrifft und sie Wege suchen, aus der Dürre zu fliehen?
Zuversicht bei Gott, der Lebendigen – was bedeutet sie den
Menschen und was bedeutet sie mir? Ich kann nur für mich
sprechen: Ich setze meine Zuversicht auf das Beiunssein der
Lebendigen und hoffe, so die Kraft zu erhalten, nicht nur
mein Leben gut zu gestalten, sondern offene Augen und ein
offenes Herz zu haben für die Menschen, denen es nicht so
gut geht. Und die Zuversicht ist es, die hilft, mit der Lebendigen
zu rechnen, sie zu bitten um Beistand für die Schöpfung,
für Gerechtigkeit und Frieden.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

20. Oktober

Der HERR redete mit Mose von Angesicht zu Angesicht,
wie ein Mann mit seinem Freunde redet.
2. Mose 33,11

In der Bibel in gerechter Sprache wird die Losung – mit
dem vorausgehenden Vers – wie folgt übersetzt: «Alle Leute
konnten die Wolkensäule am Eingang des Heiligtums sehen.
Sie standen auf und warfen sich vor ihren Hauszelten ehrfürchtig
nieder. Sie sprach dann direkt und persönlich mit
Mose, so wie ein Mensch mit einem anderen redet.» Ich
finde, die Übersetzung macht den patriarchalen «Mann» zu
Recht zum «Menschen», aber verpasst mit der Übertragung
«direkt und persönlich» die Pointe der Stelle. Es geht nämlich
darum, dass Mose nicht nur «von Angesicht zu Angesicht
» mit Gott reden möchte, sondern Gottes Angesicht zu
sehen wünscht. Und diese besondere Gunst wird ihm, weil
er Mensch ist, nur zum Teil gewährt. Mose darf Gott von
hinten sehen; aber sein Angesicht darf nicht gesehen werden
(Vers 23). Und wie ist das mit uns? Wir sehen Gott von vorn,
aber «nur» durch Christus von Angesicht zu Angesicht. Wir
alle sehen ihn, wir, die Leute, nicht nur die Auserwählten,
ob Jude oder Grieche, Sklave oder Freier, Mann oder Frau
(Galater 3,28). Mit anderen Worten: In Christus gibt es keinen
Unterschied mehr zwischen dem Volk und religiösen
Führern. Wie sagt es der Evangelist? «Wir haben seine Herrlichkeit
gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom
Vater, voll Gnade und Wahrheit.» (Johannes 1,16)

Von: Ralph Kunz

19. Oktober

Der HERR spricht: Wer mich ehrt, den will ich
auch ehren; wer aber mich verachtet, der soll wieder
verachtet werden.
1. Samuel 2,30

Zum alten Priester Eli kommt ein Prophet und spricht eine
Losung, die sich anhört wie ein «Auge-um-Auge-Wort».
Elis Söhne haben sich unwürdig benommen. Sie reihen sich
ein in die lange Reihe der ruchlosen Würdenträger, die ihre
Privilegien missbrauchen, Frauen schänden, das Heiligtum
plündern. Darum werden die Söhne sterben. Für den Vater
ist das bitter, aber für alle, die unter dem Treiben der missratenen
Söhne gelitten haben, ist es ein gerechtes Urteil.
Wer den Heiligen verachtet, kann nicht mit Gnade rechnen.
Gott vergilt Gleiches mit Gleichem. Passt das zu unserem
Gottesbild?
Sagt uns das Evangelium nicht etwas anderes?
Auf Gottes Barmherzigkeit und Gnade dürfen alle zählen –
auch diejenigen, die schuldig geworden sind. Die Botschaft
von der Liebe Gottes ist kein Freipass für Frevler und Vergebung
keine Einbahnangelegenheit. Sie ist gebunden an die
Reue der Schuldner und ihre Bereitschaft, ihre Verfehlungen
zu bekennen, Sühne zu leisten und um Vergebung zu bitten.
Der Apostel Paulus kommt zum Schluss: «Wer stiehlt, rafft,
auch wer trinkt, andere beschimpft oder beraubt, wird das
Reich Gottes nicht erben». (1. Korinther 6,10) Wie lehrte der
Rabbi? «Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben
unseren Schuldigern.»

Von: Ralph Kunz

18. Oktober

Selig seid ihr Armen; denn das Reich Gottes ist euer.
Lukas 6,20

Sie warten. Es sind viele, «eine grosse Menschenmenge»
(Vers 6,17), teils von weither gekommen, zu Fuss natürlich.
Sie warten auf den Rabbi Jesus. Man weiss, dass er mit einem
Dutzend junger Männer auf den Berg gestiegen ist. Von da
muss er ja irgendwann herunterkommen. Ihr Mangel hat
sie auf den Weg gebracht. Sie wollen den Rabbi hören, ihn
wenn möglich berühren, denn von ihm gehe eine heilende
Kraft aus, sagt man.
Endlich ist Jesus da, schaut sie alle an, sieht ihr Elend,
ihre Bedürftigkeit, ihre Sehnsucht nach Kraft, nach Ganzsein,
nach was denn? – und gratuliert ihnen: «Selig seid ihr
Armen!» Denn nur deswegen seid ihr mir gefolgt. Und für
euch, genau für euch ist das Beste bereit, was es gibt: das
Reich Gottes, das man nur mit leeren Händen empfangen
kann. Jesus spricht aus Erfahrung, er weiss, wie es ist, arm
zu sein. Und er trägt in sich das Reich Gottes, das ihn jetzt
schon jubeln lässt.
«Jünger» sind nicht nur die Zwölf, die mit Jesus auf dem
Berg gewesen sind und dort ihre Berufung erlebt haben.
«Jünger» werden auch die Vielen genannt, die ihm gefolgt
sind, um ihn zu hören, um gesund zu werden. Sie brauchen
keine besondere Berufung, um Jesus zu folgen. Der Mangel
und das Verlangen, von ihm berührt zu werden, haben sie
auf den Weg gebracht. Ihnen wird das Reich Gottes zugesagt,
mehr, als sie sich je erträumt haben.

Von: Dorothee Degen-Zimmermann