Kategorie: Texte

6. November

Gott, dein Weg ist heilig. Psalm 77,14

Ein Psalm, der mit der Klage startet und mit einem grossen Lob endet. Hier ist die menschliche Existenz zusammengefasst und wir könnten uns im Wissen der klugen Erkenntnis zurücklehnen.
Machen wir natürlich nicht, denn die Frage, was eigentlich einen «heiligen Weg» ausmacht, ist einfach zu reizvoll!
Die Geschichte präsentiert uns einige Wege, die einen geradezu heiligen Anstrich bekommen haben: zum Beispiel Heinrichs Bussgang nach Canossa, Luthers Weg nach Worms, Helmut Kohls Weg nach Moskau. Alles wichtige Wegmarken, aber mit einem «heiligen Weg» kann ich das doch nur schwer zusammenbringen. Ich habe von Jesus gelernt, dass Gott seine Schöpfung uneingeschränkt liebt und der Menschheit immer wieder vor Augen führt, dass diese umsorgt, gepflegt und erhalten werden muss. Dies geschieht nicht durch einen rächenden Gott im Himmelswagen, sondern durch inspirierte Menschen im Hier und Jetzt.
Wenn wir uns für die Erhaltung der Schöpfung, das Wohlergehen der Menschen um uns herum – und damit der Menschheit – einsetzen, sind wir auf diesem heiligen Weg
Gottes. Heilig steht dann für eine Erkenntnis im Herzen und im Verstand, die nicht mehr zur Disposition steht.
Der Dreiklang von Sehen – Beten – Handeln führt letztendlich zu dieser Art von Heiligkeit, die nicht einengt, sondern frei macht.

von: Rolf Bielefeld

5. November

Wer der Gerechtigkeit und Güte nachjagt,
der findet Leben, Gerechtigkeit und Ehre. Sprüche 21,21

Die Verfolgungsjagd ist heute bekannt aus Kriminalfilmen. Die Polizei fährt dem Übeltäter hinterher, aber dieser bleibt nicht stehen, sondern entfernt sich so schnell wie möglich. Es ist unsicher, ob ihn die Patrouille einholen und festnehmen kann. Der ungewisse Ausgang gehört dazu, wenn das Wort «verfolgen» im übertragenen Sinn gebraucht wird. Im Miteinander von Menschen und Völkern ist die Gerechtigkeit nicht so leicht zu erreichen. Manchmal rückt sie wieder in weite Ferne, und man muss von Neuem herausfinden, was für alle gerecht ist. Dem biblischen Sprichwort geht es noch um etwas anderes. Menschen sollen sich entscheiden, welches Ziel sie anstreben. Man kann dem nachrennen, was böse oder schlecht (Sprüche 11,19), was leer und nichtig ist (Sprüche 12,11). Aber das gleiche Wort wird in der Bibel auch gebraucht, wenn positive Ziele verfolgt werden: den HERRN erkennen (Hosea 6,3); das Gute (Psalm 38,21); den Frieden (Psalm 34,15). Der Losungsvers gibt die Zuversicht weiter, dass ein Finden möglich ist. Nicht nur die gesuchte Gerechtigkeit wird erreicht, sondern noch viel mehr dazu: Leben und Ehre. Jesus hat um diese Weisheit gewusst: «Sucht zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, dann werden euch all diese Dinge dazu gegeben werden.» (Matthäus 6,33)

von: Andreas Egli

4. November

Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet. Jesaja 66,13

Trost ist nötig, weil von Trauernden viel verlangt wird. Sie sind konfrontiert mit einer neuen Realität, in der etwas (oder jemand) Bedeutendes verloren ist. Sie erleben schmerzliche und chaotische Gefühle und geben ihnen Ausdruck.
Sie orientieren sich neu in einer Welt, in der ihnen Wichtiges fehlt. Sie finden mit der Zeit einen Weg, das Verlorene in Erinnerung zu behalten und doch mit dem eigenen Leben weiterzufahren. Man kann die Trauer auch als einen anspruchsvollen Lernprozess verstehen. Trost besteht nicht in schönen Worten, die dem Betroffenen diese Anstrengung ersparen wollen. Viel besser ist es, wie eine Mutter ihr weinendes Kind in den Arm nimmt und ihm zu spüren gibt: «Ich bin für dich da, wenn du mich brauchst. Ich halte es aus, wenn du klagst. Wir werden miteinander herausfinden, was wir tun können. Wir vertrauen darauf, dass es mit der Zeit wieder gut wird.» Trost ist ein Leitwort im zweiten Teil des Jesajabuchs. Die Texte verarbeiten die Erfahrung, dass das jüdische Volk sein Land verlor, aber nicht seinen Glauben. Sie machen all jenen Mut, die einen Verlust bewältigen müssen. Sie tragen bei zu einem Gottesbild, das auch mütterliche Züge trägt. «Wie ein Mann, den seine Mutter tröstet, so werde ich selbst euch trösten. Und in Jerusalem werdet ihr getröstet werden.»

von: Andreas Egli

3. November

So zieht nun an als die Auserwählten Gottes,
als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld. Kolosser 3,12

Da sollen wir Kleider anziehen: Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld und alles soll die Liebe zusammenhalten, wie es weiter heisst.
Als Leitfaden für meine Festkleider kann ich das annehmen und mich bemühen, ein solches Kleid anzuziehen. Aber mich als zu den Heiligen und Auserwählten Gottes
zu zählen, das geht nicht. Da wird mir angst und bange. Das mag ich nicht, so wenig wie ich Fanatiker mag. Christliche Fanatiker sind mir suspekt und ich meide sie wie der Teufel das Weihwasser!
Als von Gott geliebt, das kann ich als Versprechen gelten lassen. Ich für mich brauche indes eher das Wort angenommen. Mich von Gott angenommen fühlen – mit all meinen Beschränkungen – ist ein grosses Geschenk, und als solches empfinde ich es in den Zeiten, wo es mir zuteil wird.
In solchen Zeiten gelingt es mir bisweilen, eines der oben genannten Kleider anzuziehen und mich darin wohl zu fühlen, und helfende Worte fallen mir ein. Aber auserwählt und heilig? – Nein, das bin ich nicht.

Heilig und auserwählt kann man sicher auch anders verstehen. Wie verstehen Sie es?

von: Kathrin Asper

2. November

Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Jesaja 50,4

Und weiter heisst es im Text «weckt mir das Ohr…». Damit wir den Herrn hören, muss unser Ohr offen sein, und das ist nicht einmal meine Entscheidung, sondern Gott öffnet mir das Ohr.
Doch hier geht es zunächst nicht um uns, sondern um den Gottesknecht im Deuterojesaja, der in grösstem Leid und inmitten grausamer Gewalt an Gott festhält, Gottes gewiss ist und weiss, dass er «vom Mutterleib an berufen» ist. Man weiss nicht, wer dieser Gottesknecht ist, seine Erfahrung ist indes das Leiden, und so wurde er zu einer prophetischen Weissagung auf Jesus hin.
Letztlich sind auch wir aufgerufen zu hören, damit wir mit den Leidenden sprechen können. Ohne inneres Hinhören ist unsere Zunge nämlich «das aufrührerische Übel voller tödlichen Gifts» (Jakobus 3,8).

Die Losung erinnert mich an Jochen Kleppers Lied «Er weckt mich alle Morgen». Er schrieb es 1938, vier Jahre bevor er mit seiner jüdischen Frau und seiner Tochter in den Tod ging, um nicht nach Auschwitz verschickt zu werden. Im Lied, das auf den Text in Jesaja Bezug nimmt, heisst es am Ende: «Sein Wort will helle strahlen, wie dunkel auch der Tag.»

von: Kathrin Asper

1. November

Gedenke der vorigen Zeiten und hab acht auf die Jahre von Geschlecht zu Geschlecht. Frage deinen Vater, der wird dir’s verkünden, deine Ältesten, die werden dir’s sagen. 5. Mose 32,7

Das klingt ganz schön konservativ. Und dennoch sprechen mich die Zeilen an, wenn ich sie auf meinen persönlichen Glauben beziehe. Allerdings unter der Bedingung, dass ich die vergessen gegangenen Mütter ergänzen darf.

Biblische Geschichten, wie sie mir meine Mutter erzählte, eröffneten mir den Raum, in dem Geborgenheit wachsen konnte und existenzielle Fragen zur Sprache kamen. Die Weihnachtsgeschichte, die so vertraut klingt, dass sie mir mehr sagt, als ihre Worte bedeuten, verbinde ich bis heute mit der Stimme meines verstorbenen Vaters. Ich weiss nicht, ob ich Glauben als geheimnisvolles Urvertrauen erfahren hätte, wenn ich nicht in gelassener Selbstverständlichkeit und Denkfreiheit darin aufgewachsen wäre.

Seit ich selbst Vater geworden bin, gehöre ich zu den Alten. Ich möchte selbst Lieder und Gebete, die mich als Kind getröstet haben, weitergeben, zwanglos mitgeben als Proviant für das Leben. Und von den Fragen der Kinder herausgefordert zu werden, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, ist ein Geschenk. Ja: Die Ältesten sollen es sagen. Doch die Jüngsten sollen fragen und immer wieder hinterfragen.

von: Felix Reich

31. Oktober

Der Sohn sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt
gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht
mehr wert, dass ich dein Sohn heisse. Aber der Vater
sprach zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste
Gewand her und zieht es ihm an.
Lukas 15,21–22

Wir befinden uns mitten im Happy End des Gleichnisses
vom verlorenen Sohn. Dieser ist vor den Erwartungen des
Elternhauses geflohen und steht nun reumütig vor der Tür:
elend, heruntergekommen, von schlechtem Gewissen gepeinigt.
Doch den Vater kümmert dies nicht. Für ihn zählt einzig
die Erleichterung darüber, das verloren geglaubte Kind wieder
vor sich zu haben. In euphorischem Überschwang lässt er den
Junior nett kleiden und richtet ein Fest aus. Kein Wort von
Tadel und Strafe. Pure Freude: Ich bin so froh, bist du wieder da.
Kein biblischer Text beschreibt die Bedingungslosigkeit der
elterlichen Liebe so wunderschön wie diese Szene, die schon
viele Künstlerinnen und Künstler inspirierte. Als beliebter Predigttext
beschreibt er bildhaft das göttliche Erbarmen. Also
alles gut? Nein, denn da gibt es noch den älteren Sohn. Er, der
brav daheimblieb und sich jetzt mitansehen muss, wie der
Ausreisser abgefeiert wird. Dadurch wird er zum eigentlichen
Protagonisten,
weil er uns aufzeigt, dass bedingungslose Liebe
über unserem Gerechtigkeitssinn steht. Diese Liebe unterliegt
nicht einer simplen Logik von Geben und Nehmen nach
menschlichem Ermessen. Daher ist sie oft für uns unergründbar,
sei es im Schmerz oder im Glück. Doch dies auszuhalten,
macht sie umso kostbarer.

Von: Esther Hürlimann

30. Oktober

Das Werk der Gerechtigkeit wird Friede sein
und der Ertrag der Gerechtigkeit Ruhe und Sicherheit
für immer.
Jesaja 32,17

Gerecht ist die Welt aus biblischer Sicht dann, wenn die
Beziehungen in Ordnung sind. Die Beziehung der Menschen
zu Gott, ihre Beziehungen untereinander, aber auch
die Beziehungen zur Natur. Jesaja sieht eine heile Welt auf die
Menschheit zukommen, in der niemand mehr Angst haben
muss vor Unbesonnenen und Dummen. Sie schaffen nur
Unrecht, reden Unsinn und lassen die Waffen sprechen. 1987
sang Bruce Springsteen: «Wenn ich mich anschaue, sehe ich
nicht den Mann, der ich sein wollte. Irgendwo unterwegs
geriet ich aus der Bahn und seither bewege ich mich ständig
einen Schritt vorwärts und zwei Schritte zurück.» Springsteen
ist, wie ich, Teil der unheilen Welt. Wer ist schon die,
die sie sein wollte? Es ist Gottes Energie, die die neue Welt
schafft, sagt Jesaja. Jesus nennt die neue Welt «Himmelreich
» oder «Reich Gottes». Sie erscheint, wo das, was Jesaja
ankündigt, für einen Augenblick Wirklichkeit wird. Leider
sind diese heilen Zustände flüchtig und wenn sie vorüber
sind, entsteht der Eindruck, zwei Schritte zurück gemacht
zu haben. Aber es gibt sie. Sie tauchen auf in der Kirche
und anderswo. Und wer einmal erlebt hat, dass Gott da ist,
dass Menschen heil werden und Frieden geschlossen werden
kann, glaubt mit Jesaja, dass eine bessere Welt möglich ist.
Schon heute.

Von: Heiner Schubert

29. Oktober

Der HERR spricht: Wen hast du gescheut und
gefürchtet, dass du treulos wurdest und nicht an
mich dachtest?
Jesaja 57,11

Die prophetische Wutrede prangert alles an, was den Menschen
auf die schiefe Bahn bringt. Auf die Aufzählung der
gesellschaftlichen Missstände folgt die Verurteilung der kultischen
Vergehen.
Das schlimmste Verbrechen scheint allerdings die Gottvergessenheit.
Diese Treulosigkeit führt direkt ins schutzlose
Verderben: «Wenn du schreist, sollen die dich retten, die du
dir angesammelt hast; der Wind aber wird sie alle forttragen,
ein Hauch wir sie hinwegnehmen.» (Jesaja 57,13) Unverhofft
schaltet sich nun eine andere Stimme ein. Sie spricht von
einem «Heiligen», der «in der Höhe» wohnt und dennoch
mitten in der Welt präsent ist, «um den Geist der Erniedrigten
zu beleben und das Herz der Zerschlagenen zu beleben»
(Jesaja 57,15). Allerdings erscheint Gott als Tröster und Täter
zugleich. Er legt ein Geständnis ab: «Über die Schuld, über
ihre Habsucht war ich zornig, so dass ich sie geschlagen
habe.» (Jesaja 57,17) Sein Zorn verraucht. Die Abtrünnigkeit
will er «mit Tröstungen vergelten». (Jesaja 57,18)
Der kunstvoll komponierte Text erzählt von einem Gott,
der aus enttäuschter Liebe zornig zu werden schien und
gerade aufgrund dieser Liebe die Türe trotz allem nie
zuschlägt, sondern sich immer wieder neu auf die Menschen
zubewegt.

Von: Felix Reich

28. Oktober

Daran erkennen wir, dass wir aus der Wahrheit sind,
und können vor ihm unser Herz überzeugen, dass,
wenn uns unser Herz verdammt, Gott grösser ist als
unser Herz und erkennt alle Dinge.
1. Johannes 3,19–20

Offenes Herz
Verschlossenes Herz
Unser Herz, so lieb und wichtig, so klein. Manchmal pocht
meins wie wild, als wolle es zerspringen, und manchmal
scheint es fast stillzustehen. Es gibt mir den Lebensrhythmus
vor, nach seinem eigenen Takt.
Verstocktes Herz
Weises Herz
Feiges Herz
Unser Herz, so klein es doch ist, knapp 300 Gramm, ein
Muskel
und so gross wie deine Faust, so sehr hat es dich doch
ganz in der Hand, ist unsere wichtigste Instanz, spricht den
Richterspruch: Verliebt. Schuldig. Verdammt.
Unbeschnittenes Herz
Verzagtes Herz
Bebendes Herz
Unser Herz, die Welt in unserer Mitte.
Trauriges Herz
Fröhliches Herz
Gehorsames Herz
Die Bibel kennt sie alle, die Zustände unseres Herzens, wie sie
uns bestimmen und leiten. Und noch eines hofft sie, weiss
sie: dass Gott grösser ist als unser Herz.

Von: Sigrun Welke-Holtmann