Kategorie: Texte

16. November

Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns,
dass Gott seinen eingebornen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen. 1. Johannes 4,9

Beim ersten Brief des Johannes ist unklar, ob Johannes diesen überhaupt eschrieben hat. Da der Brief in Sprache und Inhalt aber stark an das Johannesevangelium erinnert, wird er also dem Johannes zugeschrieben. Worum geht es auf diesen wenigen Seiten? Es geht um Liebe.
Das wichtigste Merkmal, wie die Wahrheit erkannt werden kann, ist die Liebe – zu Gott und zueinander. Wenig später lesen wir den Vers «Gott ist Liebe. Wer in der Liebe lebt, lebt in Gott und Gott lebt in ihm.» Wir sollen es wie Jesus machen, der uns bis in den Tod am Kreuz geliebt hat, wir sollen einander lieben – und wir sollen Gott lieben! Das kennen Sie wohl zur Genüge, oder nicht? Die Frage ist doch die: Leben wir diese Liebe auch im Alltag? In unseren Begegnungen, unseren Beziehungen, zu unseren Feinden? Wir sind alle «Sünder», ich sage lieber «unvollkommen», das
Wort «Sünderin» mag ich nicht besonders. Und reicht diese Geschichte mit Jesus als Sohn Gottes, um die Menschheit wirklich zur Liebe hin zu bewegen? Braucht es nicht noch viel mehr? Manchmal wünsche ich mir noch einen zweiten Jesus, der in die heutige Zeit kommt und noch einmal versucht, die «gute Nachricht» und die Menschenliebe der Welt weiterzugeben. Was würden wir wohl machen, wenn
er noch einmal käme? In ganz neuer Erscheinung? Und was ist, wenn er schon da ist? Amen!

von: Markus Bürki

15. November

Am Abend, da die Sonne untergegangen war, brachten sie zu Jesus alle Kranken und Besessenen. Markus 1,32

In der jüdischen Tradition bricht der Tag am Vorabend an. Auch der Sabbat beginnt am Freitagabend. Er gilt als Fenster zur Ewigkeit. Am Sabbat nehmen gläubige Jüdinnen und Juden die messianische Zeit vorweg. Sie tun dies durch praktisches Verhalten, nicht durch ein magisches Ritual. Zu Beginn des Sabbats, am Freitagabend, zünden sie Kerzen an, singen Psalmen. Sie wenden sich einander zu, segnen und empfangen den Segen. Sie beten gemeinsam und teilen die festliche Mahlzeit. Die Kranken und Besessenen werden am Abend zu Jesus gebracht: «da die Sonne untergegangen war». Jesus war Jude. Ich stelle mir vor, wie er sich beim Anbruch des neuen Tages den Kranken und Besessenen zuwendet, sich praktisch und solidarisch verhält. Kein Hokuspokus, kein Simsalabim.

Der neue Tag beginnt in der Dämmerung. In diesem Zwischenraum sind wir empfänglicher für die feinen Töne, für die neuen Möglichkeiten. Da keimt neue Hoffnung, auch unerhörte, ausserordentliche. Wir wagen mehr, wenn unsere Schatten verschwinden. Setzen manchmal sogar alles auf eine Karte. Wunderbares geschieht. Und es braucht die ganze
Nacht, bis die feinen Strahlen der Sonne wieder zu uns durchdringen und neues Leben in uns erwacht. In dieser Nachterfahrung bricht das neue Leben hervor

von: Chatrina Gaudenz und Lars Syring

14. November

Gott spricht: Ich will nicht immerdar hadern
und nicht ewiglich zürnen. Jesaja 57,16

Momente des Haderns, des Zweifelns und des Zürnens sind mir unterdessen ganz lieb. Sie sind der Anfang eines Prozesses, ein innerer Aufbruch. Momente der Gleichgültigkeit finde ich viel schwieriger zu ertragen. Der jüdische Nobelpreisträger und Auschwitz-Überlebende Elie Wiesel notiert in einem seiner Bücher: «Ich habe immer daran geglaubt, dass das Gegenteil von Liebe nicht Hass ist, sondern Gleichgültigkeit; dass das Gegenteil von Glauben nicht Überheblichkeit ist, sondern Gleichgültigkeit, und das Gegenteil von Hoffnung nicht Verzweiflung ist, sondern Gleichgültigkeit.» Gleichgültigkeit ist das Ende eines Prozesses. Gottes Geschichte mit seinen Menschen, so, wie sie in der Bibel erzählt wird, ist keine gleichgültige.

Sie erzählt von einer Entwicklung bei Gott. Nach der Sintflut hat Gott gelernt, dass durch Zerstörung nichts zu gewinnen ist. «Nie wieder!», verspricht Gott. Stattdessen ringt sich
immer mehr der erbarmende Gott in den Vordergrund, wie in Psalm 103. Und der Segnende, so wie bei Jakob am Jabbok. In Jesus wird die Menschenfreundlichkeit Gottes sehr konkret. Jesus ist dabei keineswegs so «lieb», wie er oft dargestellt wird. Bei der Tempelreinigung ist er ziemlich sauer. Ich mag es, dass Jesus seine ganz Bandbreite an Gefühlen auslebt. Und dass die Liebe siegt. Immer.

von: Chatrina Gaudenz und Lars Syring

13. November

Gott der HERR hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück. Jesaja 50,5

Am 12. April 1938 liest Jochen Klepper die Tageslosung und weitere Verse im 50. Kapitel aus dem Buch des Propheten Jesaja. Sie sprechen zu ihm in seiner Situation, die für ihn in Nazideutschland mit seiner jüdischen Frau und den Töchtern immer schwieriger wird. Den ganzen Tag lässt ihn der Text nicht los. Am Abend schreibt er eines seiner schönsten Lieder:

Er weckt mich alle Morgen,
Er weckt mir selbst das Ohr.
Gott hält sich nicht verborgen,
führt mir den Tag empor,
dass ich mit Seinem Worte
begrüss das neue Licht.
Schon an der Dämmrung Pforte
ist Er mir nah und spricht.

Danke, Jochen Klepper! Dein Lied hat uns in schwierigen Situationen getröstet und Hoffnung gegeben. Mit der drohenden Deportation deiner Frau hast du für dich und deine Lieben im Dezember 1942 keinen anderen Ausweg mehr gesehen als den Selbstmord. Wir vertrauen darauf, dass mitten in dieser Nacht des Todes Gott euch aufgenommen hat ins neue Licht des Lebens.

von: Barbara und Martin Robra

12. November

Joseph sprach zu seinen Brüdern:
Zankt nicht auf dem Wege! 1. Mose 45,24

Reich beschenkt brechen Josephs Brüder auf, um zu ihrem Vater Jakob zurückzukehren und ihm die gute Nachricht zu bringen, dass Joseph lebt. Und mehr noch! Er hat das Vertrauen Pharaos und deshalb die Macht, seine Familie und alle, die dazugehören, nach Ägypten einzuladen, sodass sie der drohenden Hungersnot entkommen. Ende gut, alles gut, könnte man sagen.

Da ergreift Josef noch ein letztes Mal das Wort: «Zankt nicht auf dem Wege!», übersetzt Martin Luther pointiert, wo die Zürcher Bibel – sicher präziser – schreibt «Ereifert euch nicht auf dem Wege!» oder die Bibel in gerechter Sprache ein fröhliches «Macht euch keine Sorgen auf dem Weg!»
anbietet. Luther schlägt noch einmal den Bogen zum Anfang der Geschichte, die mit Neid und Streit unter den Brüdern beginnt. «Zankt nicht!» – daraus spricht die Sorge, dass sie in ihr altes Verhalten zurückfallen könnten und so den Segen des neu gewonnenen Lebens für Jakob und seine Söhne wieder zerbrechen.

Gott, gib uns Kraft, Leidenschaft und Liebe, das Alte hinter uns zu lassen und das heute und morgen Notwendige zu tun, sodass wir Leben bewahren für diese Welt!
Amen

von: Barbara und Martin Robra

11. November

Jakob zog seinen Weg. Und es begegneten ihm
die Engel Gottes. 1. Mose 32,2

«I have a dream and I believe in angels…» So sangen ABBA vor vielen Jahren, so sang eine Frau heute an der Beerdigung von Heinz. Er hat mit seinem frühen Tod rechnen müssen, er hat seine Sachen rechtzeitig geordnet, er ist ruhig gegangen. Im Vertrauen, dass es ihm gut ergehen wird. Das hat mich tief beeindruckt. Und dann lese ich diesen lakonischen Satz von heute und denke: wie Heinz. Jakob hat eine schwierige Lebenszeit hinter sich mit viel Unrecht, viel List, viel Schmerz, den er bereitet hat. Nun ist er auf dem Weg zu seinem Bruder, den er um das Recht der Erstgeburt schändlich betrogen hatte und deshalb ausser Landes flüchten musste. Auf seinem Weg hatte er den berühmten Traum mit der Himmelsleiter (1. Mose 28,10 ff.). Auf ihr stiegen die Boten Gottes, die Engel, auf und ab. Und Gott versprach ihm Begleitung und Schutz, wohin er auch ginge. Und jetzt, da er sich der Grenze zum Bruderland nähert, vertraut er diesen Boten. Vertraut, dass sie ihn durch alle Schwierigkeiten, die kommen werden, hindurchbegleiten. Weil Gott das zugesagt hat. Das Lied heute vom Glauben an diese Engel hat die Anwesenden
richtiggehend erfasst und angerührt. Denn es macht Mut zu solchem Vertrauen. Weil es in Gott begründet ist. Dann konnten sie nach der Beerdigung «ihrer Wege gehen». Mir selbst war es, als ob uns fein ein Engel gestreift hätte…

von: Hans Strub

10. November

Weh denen, die weise sind in ihren eigenen Augen
und halten sich selbst für klug! Jesaja 5,21

Der Satz trifft. Ich kenne solche, denen dieser Ruf gilt. Manchmal bin ich selbst einer von ihnen. Wenn ich mich dabei ertappe, wie ich mir selbst in Gedanken auf die Schulter klopfe im Gefühl, das war gut, was da eben war. Und es war nicht bloss Einbildung oder grundlose Selbstüberhöhung, es war tatsächlich gelungen, eine in meinen Augen tolle Idee durch die Teamsitzung zu bringen! Und dann lese ich diesen Satz und halte erschrocken inne. Dass ich dieser Haltung hier als Wehruf begegne, trifft mich. Ich kann mich ärgern und ihn unwirsch vom Tisch fegen wollen, es bringt nichts. Er steht weiter unmissverständlich da. Ich kann mich aber auf ihn einlassen und ihn wirken lassen. Aus dem Zusammenhang sagt er mir sehr klar, dass ich meine Weisheit nicht aus mir selbst schöpfe. Dass ich sie erhalten habe, dass sie mir geschenkt worden ist. Und dass ich sie im entscheidenden Moment abrufen konnte. Aus dem Ärger ersteht langsam eine Demut. Auch wenn der Wehruf des Propheten hart ist, ist er nicht das Ende! Im Gegenteil: Er nötigt mich, selbstkritisch zu sein. Und er ermöglicht mir eine Veränderung. Was auf das erste Hinhören wie eine Verurteilung tönt, bietet mir eine neue Chance. Macht mir bewusst, dass meine Klugheit eine Gabe ist, die ich einsetzen kann – als Entsprechung und aus Dankbarkeit.

von: Hans Strub

9. November

Der Geist hilft unsrer Schwachheit auf. Denn wir
wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebührt, sondern der Geist selbst tritt für uns ein mit unaussprechlichem Seufzen. Römer 8,26

Das «Seufzen» ist eigentlich das «Stöhnen» einer in den Wehen liegenden Frau. Mit ihr vergleicht Paulus die Schöpfung (Vers 22) und uns Menschenkinder – auch wir stöhnen und sehnen uns nach Erlösung (Vers 23). Und nun, im heutigen Lehrtext, ist vom Seufzen beziehungsweise Stöhnen der göttlichen Geistkraft die Rede. Ein dreifaches Seufzen-Stöhnen durchzieht also das Universum, es gibt eine kosmische Konsonanz und Resonanz des Seufzens und Stöhnens. Sie bringt keine artikulierten Wörter hervor. Umso authentischer ist ihr Ausdruck. Ein Aphasie-Patient, der «die Worte nicht versteht und also auch nicht durch sie getäuscht wird» (Oliver Sacks), würde dieses Seufzen-Stöhnen bestens verstehen.

A-phasie, Sprachlosigkeit, ist eine Form von A-sthenie, von Kraftlosigkeit. Von ihr spricht Paulus im Lehrtext. Das Wort für «Schwachheit» im griechischen Urtext ist «Asthenie». Die Aphasie-Asthenie erweist sich als Stärke. Sie verbindet mein Selbst mit der Welt und schliesslich mit Gott selbst. Es ist Gott, der in mir, durch mich hindurch zu Gott betet, als Geistkraft, die – seufzend, stöhnend auch sie – den neuen
Menschen und den neuen Kosmos gebiert.

von: Andreas Fischer

8. November

Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden: denen, die an seinen Namen glauben. Johannes 1,12

Die Zeilen zuvor im Johannesprolog sind mit «und» aneinandergereiht: «und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst… und die Seinen nahmen ihn nicht auf». Das klingt auf Deutsch etwas merkwürdig. Doch im biblischen Sprachgebrauch hat es einen hymnischen Klang. Die Feierlichkeit deutet an: In dem, was da geschieht, ist Gott am Werk. Fast scheint es, als hätte Gott selbst ein Interesse daran, dass wir Menschenkinder uns in die Finsternis hineinbegeben, entsprechend dem Song, den der kanadisch-jüdische Sänger und Poet Leonard Cohen (1934–2016) kurz vor seinem Tod noch geschrieben hat: «You want it darker», «Du, Gott, willst es dunkler». Doch nun, im heutigen Lehrtext, vollzieht sich die Wende. Statt «und» steht «aber». Dieses «aber» markiert die Umkehr am tiefsten Punkt. Hier, ganz unten, geschieht die Rückkehr zum Licht. «Macht geben» ist ein juristischer Ausdruck. Er meint: Wir sind Kinder Gottes, nicht weil wir das im Moment grad so spüren. Es ist gültig, es ist objektiv, es gilt bis ans Ende der Zeit: Wir sind aus Gott gezeugt, sind Licht vom göttlichen Licht. Um ebendies zu erfahren, sind wir in die Finsternis gegangen.

von: Andreas Fischer

7. November

Als Jesus das Volk sah, jammerte es ihn;
denn sie waren geängstet und zerstreut wie Schafe, die keinen Hirten haben. Matthäus 9,36

Das Evangelium entstand so um 90 n.Chr. und wurde wohl erzählend in den ganz frühen Gruppen der neuen Christengemeinde verbreitet. Jesus teilte seine Beobachtungen bezüglich der Menschen um ihn herum.
So wie Jesu Beobachtungen kommen mir zurzeit auch weite Teile unserer Gesellschaften vor: erschöpft, hin und her gerissen bei der Vielzahl der herausfordernden Geschehnisse – häufig uneinig über Weg und Ziel. Hier in der Mitte Europas ist Krieg wieder zu einer Realität geworden. Weltweit haben wir eine Klimakatastrophe, die an vielen Stellen so real ist, dass Menschen – besonders im
pazifischen Raum – ihre Heimat verlassen müssen, wenn sie überleben wollen.
Aber sind wir denn wirklich wie Schafe, die keinen Hirten haben? Wenn wir unsere politischen Führungspersonen und deren Führungsqualitäten zum Massstab nehmen, können wir manchmal zu diesem Ergebnis kommen. Wenn wir aber den Kompass zum Massstab nehmen, den Jesus gepredigt und vorgelebt hat: «Dienet einander, wie ich euch gedient habe», also seid füreinander da, schaut über den Tellerrand und gebt weder diese Schöpfung noch die Zukunft auf. Als Glaubende leben wir in der Gewissheit, dass Gott sieht, wie die Entwicklung ist, aber er gibt uns nicht auf. Er stärkt uns darin, das Richtige zu tun und diese Welt zu erhalten.

von: Rolf Bielefeld