Kategorie: Texte

26. November

Der HERR ist gütig und eine Feste zur Zeit der Not und kennt, die auf ihn trauen. Nahum 1,7

Burgen haben mich als Kind sehr fasziniert. Bei Ausflügen mit meiner Familie zu verlassenen Burgruinen stellten wir Kinder uns das Leben der Ritter und Burgfräulein vor. Was für eine spannende Zeit! «Ein feste Burg ist unser Gott» dichtete Martin Luther, als Burgen noch eine sehr reale Verteidigungs- und Schutzfunktion hatten. Auf der Wartburg hatte ihn sein Kurfürst vor den Nachstellungen des Kaisers in Sicherheit gebracht. Heute geben Versicherungen vor, uns vor allen möglichen Gefahren zu beschützen. Sie verdienen an unserer Furcht: Denn wir wissen, unser Leben ist fragil und zerbrechlich.

Was schützt mich? Was ist für mich eine Feste in der Zeit der Not? Oft sind es Menschen, die mir ein offenes Ohr schenken. Jemand, dem ich meine Unsicherheiten anvertrauen kann. Manchmal ist es ein Ort, an dem ich zu mir selbst finde. Das kann mein Garten sein oder eine Bank auf meinem Lieblingsspaziergang. Dann merke ich: Zuversicht, Stärke und Hilfe liegen nicht im Aussen.
Der Prophet Nahum weist über unsere irdischen Erfahrungen hinaus. Der Name Nahum bedeutet schon «Tröster». Kann ich mich seiner Tröstung stellen? Auf Gott zu vertrauen, ist in Zeiten der Not ein echtes Wagnis. Mich einlassen auf diese einzigartige Liebesgeschichte…

von: Barbara Heyse-Holtmann

25. November

Seid Täter des Worts und nicht Hörer allein;
sonst betrügt ihr euch selbst. Jakobus 1,22

Wenn wir – zum Beispiel –
die Bergpredigt hören,
ist es die reine Überforderung!
Niemand kann das alles umsetzen.
Es ist schlicht eine Zumutung.
Der Rabbi aus Nazareth allerdings
mutet uns genau dies zu.

Nicht weil er uns auf Leistung
trimmen will, sondern weil er
uns ermutigt, mitzuwirken
an einer heileren Welt.
Wir sind eben nicht nur
Empfängerinnen und Empfänger
göttlicher Gnade,
sondern – ganz bescheiden
und höchst unvollkommen –
Beteiligte, Mitwerkelnde
an dem, was Glaubende
das Reich Gottes nennen.
Dieses Reich ist nämlich
eine Kooperative: Es braucht
uns alle, um zu versuchen,
das zu tun, was gut ist.
Für uns und für die ganze Welt.

von: Heidi Berner

24. November

Gott wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen. Offenbarung 21,3–4

Manchmal sind sie auf Plakaten, die Tränen.
Am wirkungsvollsten auf einem Kindergesicht.
Denn wir sind darauf programmiert,
Tränen abzuwischen, Not zu lindern,
insbesondere bei Kindern.
Auf den Plakaten aber ist es oft nur
eine billige Masche, um an Geld zu kommen.

Am 8. September bebte die Erde in Marokko,
Häuser stürzten ein, viele Menschen starben.
Ein Zeitungsbild zeigt einige Frauen und Kinder
auf Wolldecken, inmitten von Trümmern.
Die Frauen sitzen da, mit gesenktem Kopf, apathisch.
Ein kleines Mädchen in der Mitte aber
blickt fröhlich zu zwei anderen Kindern hin.
Ich staune. Es hätte allen Grund zum Weinen.
Doch es lächelt.
Das Bild scheint nicht gestellt, ist keine Masche.
Es ist eine irritierende Momentaufnahme
voller Hoffnung in unvorstellbar grosser Not.
Diese Kinder wirken so lebendig und so stark.
Mag sein, dass sie später ihren Müttern, Vätern
die Tränen von den Augen wischen werden.

von: Heidi Berner

23. November

Gott, du kennst meine Torheit, und meine Schuld
ist dir nicht verborgen. Psalm 69,6

Die Vorstellung, dass es eine Macht gibt, die einen vollkommen durchschaut, könnte Angst machen. Oder auch Gelassenheit schenken. Was habe ich zu befürchten, wenn
es diese Macht gut meint mit mir, wenn sie mich richtet? Im Gebetsbuch Israels kommen Betende zur Sprache, die darauf hoffen und ihr Leben darauf ausrichten, dass Gott treu ist. In diesem Psalm ist die Stimme, die spricht, die Stimme eines Gerechten, der von seinen Feinden drangsaliert wird, weil er aufrichtig und unbestechlich für Gottes Sache einsteht. Ist es ein Prophet, der spricht? Ein Hiob? Ein Jeremia?

Jedenfalls weiss er, dass er für Gott leidet. «Denn deinetwegen erleide ich Schmach.» (Psalm 69,8) In diesem Licht – oder besser – unter diesem Schatten – ist das Eingeständnis des Beters, dass Gott auch seine Torheit kennt, mehr Seufzer als Bekenntnis. «Ach, du weisst ja, wer ich bin.» Dass Gott mich durch und durch erkennt, ist ein Trost. Wenn es jetzt so scheint, als hätten die Ruchlosen das Sagen, weiss ich doch: Irgendwann wird alles ans Licht kommen, meine Verfehlungen und meine Schmach, mein Versagen und mein kleines Scherflein Gerechtigkeit, das ich zum Schalom der Welt beitragen darf.

von: Ralph Kunz

22. November

Wie könnte ein Mensch recht behalten gegen Gott. Hat er Lust, mit ihm zu streiten, so kann er ihm auf tausend nicht eines antworten. Hiob 9,2–3

An englischen Unis gibt es Debattierclubs. Man übt sich in rednerischen Wettkämpfen. Ziel ist es, ein Gegenüber mit Argumenten zu «schlagen». Ich habe das nie in echt erlebt, aber denke, dass es bei einem solchen Schlagabtausch zur Sache geht. Natürlich mindert es die Streitlust erheblich, wenn man als Fliegengewicht gegen einen stärkeren Gegner antreten soll. Das ist bei Gott definitiv der Fall. Gott ist nicht nur Weltmeister, Gott ist der Meister der Welt. Was gibt es da noch zu debattieren? Hiob meint bitter: «Geht es um Macht und Gewalt: Er hat sie. Geht es um Recht: Wer will ihn vorladen?» (Vers 19) Das sind rhetorische Fragen. An wen gerichtet? Hiob debattiert ja nicht mit Gott, sondern mit seinen Freunden, aber er lamentiert, dass Gott sich der Debatte entzieht! Seine Freunde verteidigen Gott und decken Hiob mit Ratschlägen ein. Wer hat recht?
Das Buch Hiob ist von A bis Z im Stil einer Debatte konzipiert, bei der Gott zuerst lange schweigt und dann lange spricht. Im entscheidenden Satz richtet sich Gott an Hiobs Freunde. Er sagt ihnen: «Ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Hiob.» (Hiob 42,7) Gut zu wissen – Gott antwortet auf die Klage!

von: Ralph Kunz

21. November

Bis hierher hat uns der HERR geholfen. Samuel 7,12

Es herrschte Krieg zwischen den Israeliten und den Philistern. Samuel wurde gebeten, zum HERRN zu schreien, damit er den Israeliten beisteht. Zuerst aber wurden sie versammelt, gossen Wasser aus und sprachen davon, dass sie gesündigt hatten, denn sie hatten anderen Göttern vertraut. Und dann kam es zur Auseinandersetzung, ja zum Krieg gegen die Philister. Gott aber stand auf der Seite seines Volkes. Und dazu sprach Samuel, dass der HERR bis hierher geholfen hatte.
Immer wieder berichtet die Bibel über die Hilfe, die von
Gott, der Lebendigen, ausgeht. Es ist die Hilfe, die Leben ermöglicht, die den Menschen einen guten Weg zeigt, es ist die Hilfe, die auf der Seite der Menschen steht. Daran zu glauben, ja festzuhalten, ist nicht immer einfach. Gerade jetzt, wo der Krieg in der Ukraine intensiviert wird, wo Menschen dort und anderswo, wie in Niger, leiden, frage ich mich, weshalb ihnen keine Hilfe zuteilwird. Gewiss, die Israeliten haben sich schuldig bekannt. Aber an einem Schuldbekenntnis kann es in meinen Augen nicht liegen. Es leiden unzählige Menschen, denen keine Schuld vorgeworfen werden kann. Und eben genau da frage ich: Wo ist Gottes Hilfe? Aber diese Frage ist offensichtlich sinnlos. Vielmehr tue ich gut daran, eben gerade jetzt festzuhalten an der Überzeugung, dass die Lebendige mit allen Menschen auf ihrem Weg unterwegs ist. Schenke du allen leidenden Menschen deine Hilfe, jetzt.

von: Madeleine Strub-Jaccoud

20. November

HERR, kehre dich doch endlich wieder zu uns
und sei deinen Knechten gnädig! Psalm 90,13

Es ist, als ob die heutige Losung so gezogen worden sei, dass sie zu einem trüben Novembertag passt. Wenn es draussen trüb ist, machen sich trübe Gedanken im Herzen breit. Die Losung stammt aus einem Psalm, der von der Zeit und der
Ewigkeit berichtet, diese beschreibt, vielmehr: meditiert. Und da ist viel die Rede von Mühsal und Trug, vom Zorn Gottes und seinem Grimm. Die Zeit des Leidens soll ein
Ende haben, auch die Trübsal soll aufhören. Denn, so lese ich den Psalm, Gott, die Lebendige, ist nicht abwesend. Sie ist in schwierigen Situationen da, das möchten wir erfahren. Sie soll sich doch bitte zu uns wenden. Der Psalm spricht nicht von einem einzigen Gefühl. Es ist vom ganzen Leben die Rede, das, wenn es hochkommt, achtzig Jahre währt. In jedem Leben gibt es schwierige Zeiten. Und die Lebendige hilft, sie zu bewältigen, zu gestalten. Und sicher beten wir immer wieder darum, dass Gott bei uns und in der Welt sei. Es ist aber auch für mich so, wie es offenbar für den Psalmschreiber war: Gerade im Älterwerden möchte ich erfahren, dass mir die Lebendige nahe ist. Darum bete ich:
«Lass deine Diener dein Walten schauen und ihre Kinder deine Herrlichkeit. Und die Freundlichkeit des HERRN, unseres Gottes, sei über uns, gib dem Werk unserer Hände
Bestand, ja, gib dem Werk unserer Hände Bestand.»

(Psalm 90,16–17)

von: Madeleine Strub-Jaccoud

19. November

Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist. 1. Petrus 3,15

Rechenschaft ablegen müssen ist anstrengend, gelegentlich peinlich. Andere Menschen Rechenschaft ablegen lassen ist viel angenehmer, gelegentlich verleitet es zur Arroganz.
Die gegenwärtigen Zeitgeister evaluieren schneller, was ich mache, als es überhaupt getan ist. Das Seminar an der Uni ist noch gar nicht zu Ende, weil die Seminararbeiten noch nicht erdacht, geschweige denn geschrieben und bewertet sind, aber der Evaluationsbericht ist unterdessen längst fertig- und zugestellt. Als PDF-Datei in meinem Mailpostfach, unabänderlich, zum Abspeichern.
Im 1. Petrusbrief provoziert der Schreiber das Gegenteil, denn es geht ihm nicht um die Rechenschaft über die Zahlen von diesem oder jenem, was gelang oder missriet, was wurde und wo jemand versagte, sondern um die Rechenschaft über die Hoffnung, die jemand hegt.
Ich überlege mir, ob ich schon jemals nach irgendeiner Hoffnung gefragt wurde, wenn ich Rechenschaft ablegen sollte, wenn ich mich irgendwo zu verantworten hatte. Nicht einmal als ich mich um einen Vikariatsplatz bewerben musste, weil es damals viel zu wenige davon gab, wurde ich nach meiner Hoffnung gefragt. Wie immer ging es darum, was ich tat und wollte und konnte und hatte und schaffte. Eine kleine, private und ehrliche Evaluation ergibt: Im 1. Petrusbrief wird selten gelesen. Das ändert sich – hoffentlich.

von: Dörte Gebhard

18. November

Rosse helfen nicht; da wäre man betrogen; und
ihre grosse Stärke errettet nicht. Siehe, des HERRN Auge sieht auf alle, die ihn fürchten, die auf seine Güte hoffen. Psalm 33,17–18

Nichts haben wir dabei. Nackt kommen wir zur Welt. Nichts nehmen wir mit. Das letzte Hemd hat keine Taschen. Dazwischen aber häufen wir allerhand auf: viele Rosse oder Karossen mit vielen Pferdestärken und mehr oder weniger nachhaltigem Antrieb.
Wir umgeben uns mit Dingen, die nicht für die Ewigkeit gemacht sind. Wir nennen unser Eigentum, was Gott, unser Schöpfer, uns freundlicherweise vorübergehend zur Verfügung stellt. Wir kaufen und verkaufen, aber zuletzt können wir uns nicht freikaufen von unserer Erdenschwere. Zuletzt hinterlassen wir merkwürdige Dinge, oft ein Sammelsurium alles Möglichen, manchmal auch eine unmögliche Unordnung für unsere Nachfahren. Jedenfalls haben wir uns auf all das Zeug ein Leben lang verlassen, etwa, dass alle dieses bunt bedruckte Spezialpapier wirklich für wertvoll halten, mit dem man Rosse und Karossen kaufen kann. Auf das Selbsterreichte sind wir sogar ein bisschen stolz, fühlen göttliche Freuden, wenn wir etwas fertigbringen.
Aber unsere eigene Grossartigkeit rettet uns nicht. Gott sieht uns schon ins Herz, ehe wir das erste Mal beten. Gott ist gross, bevor wir das erste Mal ehrfürchtig staunen. Wir kommen zur Welt – voller Hoffnung, die Gott in uns setzt. Hüten wir diese Hoffnung, dann sterben wir nicht ohne sie.

von: Dörte Gebhard

17. November

Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und
eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der HERR. Jesaja 55,8

Der HERR bleibt für mich irgendwie unverfügbar. Gottes Gedanken sind nicht unsere Gedanken und Gottes Wege sind nicht unsere Wege? Halt! Wenn wir mit Gott in Verbindung sind und Gott die Liebe in uns ist, dann sind wir doch auf dem gleichen Weg zusammen unterwegs? Dann sind auch unsere Gedanken mit Gott verknüpft.
Der Vers versucht uns vielleicht klarzumachen, dass die Wege des HERRN unergründlich sind und wir nicht meinen dürfen, dass wir Gott im Sack haben. «Du sollst dir kein Gottesbild machen, keinerlei Abbild», heisst es in der Zürcher Bibel.
Dieses Gebot wird meiner Meinung nach oft falsch interpretiert. Es geht nicht darum, gelegentlich ein Bild von Gott malen zu dürfen, das machen wir ja alle gerne einmal. Aber es soll nicht zur fixen Vorstellung werden oder gar angebetet werden, weil Jahwe eben die Freiheit behalten will, sich uns differenziert zu offenbaren. Gott ist nicht so, wie wir ihn gerne hätten, sondern die Göttliche ist so, wie sie eben ist!
«Ich werde sein, der ich sein werde» lässt grüssen.
Wie oft machen wir uns fixe Vorstellungen von Menschen, Sachverhalten, anderen Kulturen und Religionen, weil wir glauben zu wissen, wie etwas funktioniert? Machen wir das nicht, denken wir dabei an den Vers hier und versuchen wir bei allem und jedem, keine fixen Bilder und Vorstellungen zu entwickeln. So sei es! Amen!

von: Markus Bürki