Autor: Chatrina Gaudenz und Lars Syring

29. November

Jesus sprach zu den Zwölfen:
Wollt ihr auch weggehen? Johannes 6,67

Im Taufgespräch verkünden die Eltern, sie schämten sich, ihren Sohn zu taufen. Ihre Bekannten und Freunde verstünden diese Entscheidung nicht. Im Traugespräch wünscht sich die Braut nichts sehnlicher, als von ihrem Vater zum Altar geführt und dort ihrem zukünftigen Mann in die Hand gegeben zu werden. Im Trauergespräch verkünden die Angehörigen, sie bräuchten keine Predigt und keine Gebete – nur einen Lebenslauf, den sie selbst vortragen. Ab und zu ist es schwierig, zu bleiben. Im Johannesevangelium fragt Jesus ohne Umschweife: «Wollt ihr auch weggehen?» Die Direktheit dieser Frage ist für mich ein Grund zu bleiben. Glauben, im möglichen Zweifel am Glauben, ist Hoffnung.

«Herr, wohin sollen wir denn gehen?», fragt Petrus nach. Er weiss, dass es anderswo oder bei jemand anderem ja sowieso nicht besser werden kann. «Du hast Worte des ewigen Lebens.» Davon will Petrus mehr. Und ich auch. Dazu gehört die Zumutung des Bleibens. Das kann ja manchmal eine Provokation sein. Nicht weglaufen, sondern mich stellen. Dem Ärger, den jemand hat. Vielleicht auch auf mich. Den Sorgen und Ängsten. Auch den Vorurteilen und Vorwürfen. Und dann offen sein und darauf vertrauen, dass uns zur rechten Zeit das rechte Wort zufällt.

von: Chatrina Gaudenz und Lars Syring

15. November

Am Abend, da die Sonne untergegangen war, brachten sie zu Jesus alle Kranken und Besessenen. Markus 1,32

In der jüdischen Tradition bricht der Tag am Vorabend an. Auch der Sabbat beginnt am Freitagabend. Er gilt als Fenster zur Ewigkeit. Am Sabbat nehmen gläubige Jüdinnen und Juden die messianische Zeit vorweg. Sie tun dies durch praktisches Verhalten, nicht durch ein magisches Ritual. Zu Beginn des Sabbats, am Freitagabend, zünden sie Kerzen an, singen Psalmen. Sie wenden sich einander zu, segnen und empfangen den Segen. Sie beten gemeinsam und teilen die festliche Mahlzeit. Die Kranken und Besessenen werden am Abend zu Jesus gebracht: «da die Sonne untergegangen war». Jesus war Jude. Ich stelle mir vor, wie er sich beim Anbruch des neuen Tages den Kranken und Besessenen zuwendet, sich praktisch und solidarisch verhält. Kein Hokuspokus, kein Simsalabim.

Der neue Tag beginnt in der Dämmerung. In diesem Zwischenraum sind wir empfänglicher für die feinen Töne, für die neuen Möglichkeiten. Da keimt neue Hoffnung, auch unerhörte, ausserordentliche. Wir wagen mehr, wenn unsere Schatten verschwinden. Setzen manchmal sogar alles auf eine Karte. Wunderbares geschieht. Und es braucht die ganze
Nacht, bis die feinen Strahlen der Sonne wieder zu uns durchdringen und neues Leben in uns erwacht. In dieser Nachterfahrung bricht das neue Leben hervor

von: Chatrina Gaudenz und Lars Syring

14. November

Gott spricht: Ich will nicht immerdar hadern
und nicht ewiglich zürnen. Jesaja 57,16

Momente des Haderns, des Zweifelns und des Zürnens sind mir unterdessen ganz lieb. Sie sind der Anfang eines Prozesses, ein innerer Aufbruch. Momente der Gleichgültigkeit finde ich viel schwieriger zu ertragen. Der jüdische Nobelpreisträger und Auschwitz-Überlebende Elie Wiesel notiert in einem seiner Bücher: «Ich habe immer daran geglaubt, dass das Gegenteil von Liebe nicht Hass ist, sondern Gleichgültigkeit; dass das Gegenteil von Glauben nicht Überheblichkeit ist, sondern Gleichgültigkeit, und das Gegenteil von Hoffnung nicht Verzweiflung ist, sondern Gleichgültigkeit.» Gleichgültigkeit ist das Ende eines Prozesses. Gottes Geschichte mit seinen Menschen, so, wie sie in der Bibel erzählt wird, ist keine gleichgültige.

Sie erzählt von einer Entwicklung bei Gott. Nach der Sintflut hat Gott gelernt, dass durch Zerstörung nichts zu gewinnen ist. «Nie wieder!», verspricht Gott. Stattdessen ringt sich
immer mehr der erbarmende Gott in den Vordergrund, wie in Psalm 103. Und der Segnende, so wie bei Jakob am Jabbok. In Jesus wird die Menschenfreundlichkeit Gottes sehr konkret. Jesus ist dabei keineswegs so «lieb», wie er oft dargestellt wird. Bei der Tempelreinigung ist er ziemlich sauer. Ich mag es, dass Jesus seine ganz Bandbreite an Gefühlen auslebt. Und dass die Liebe siegt. Immer.

von: Chatrina Gaudenz und Lars Syring

15. September

Jesus spricht: Ich bin nicht gekommen, dass ich die Welt
richte, sondern dass ich die Welt rette.
Johannes 12,47

Gläubig oder ungläubig? Jesus von Nazareth proklamierte
nicht zwei Klassen von Menschen. Er schaute Menschen
ins Herz. Die Evangelien berichten immer wieder, wie Jesus
hinschaute und Menschen wahrnahm. Menschen, an denen
andere achtlos vorübergingen oder verächtlich auf sie herabsahen.
Jesus von Nazareth schaute sie an. Er sah auch Menschen,
die sich selber kaum mehr wahrnehmen konnten,
sich klein und verlassen, wie in einer Wüste vorkamen. Jesus
von Nazareth schaute sie an. Er sah ihnen ins Herz. Darin
war er Meister.


Manchmal frage ich mich, ob wir zu wenig vom Gericht
reden. Zu schnell zum Retten kommen. Na klar. Ich bin kein
Gerichtsprophet. Aber manchmal frage ich mich schon, ob
wir es uns nicht zu einfach machen. Manchmal denke ich,
dass es vielleicht doch gut wäre, wenn mal ein barmherziger
Richter mit mir ins Gespräch käme über mich und mein
Leben. Damit ich besser verstehe. Mich, in all den Zusammenhängen.
Und dann auch die anderen. Und schliesslich,
vielleicht nicht erst ganz zum Schluss, auch Gott. Ich stelle
mir vor, dass ich dann anders weiterleben könnte. Verständnisvoller.

Von: Chatrina Gaudenz und Lars Syring

14. September

Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, so erbarmt
sich der HERR über die, die ihn fürchten.
Psalm 103,13

Wer von Gott spricht, muss es in Bildern tun. Vater ist ein
Bild, Mutter ist ein anderes. Kraft, Licht, Fundament sind
weitere. Der Mensch, der die heutigen Psalmworte betet,
spricht von Gott als Vater. Ein Vater, der bezogen ist und
gegenwärtig; einer, der sich der Kinder annimmt und sie tröstet.
War der Mensch, der diese Worte betet, zunächst einmal
verzweifelt? Verloren in einer Welt, die zum Verrücktwerden
ist? Erfuhr er dann Trost? Ein Trost, dem eine Wahrheit
zugrunde liegt? Ein Trost, der aus der Tiefe kommt? Ein Trost,
der eine neue Sicht auf die Welt ermöglicht?


Wer sich erbarmt, ist in den Gedärmen aufgewühlt, so der
hebräische Wortsinn. Da geht ihm etwas sehr nahe. Näher als
sonst. Auch das Wort für Mutterschoss klingt an. Die weibliche
Seite Gottes schwingt also mit. Wir ruhen aus in Gottes
Erbarmen. Ziehen uns wie in Gottes Mutterschoss zurück,
werden – befristet – wieder Kind. Ein bisschen Wärme in der
kalten Welt. So ist auch die Gottesfurcht keine Angst. Eher
ehrfürchtiges, besser: achtsames Verweilen in Gottes Gegenwart.
Wir kommen wieder zu Kräften, tanken auf. Dann,
genährt, gehen wir unseren Weg weiter. Mutig und fröhlich.

Von: Chatrina Gaudenz / Lars Syring

29. Juli

Jesus sprach zu den Jüngern: Meine Seele ist betrübt
bis an den Tod; bleibt hier und wachet mit mir!
Und er ging ein wenig weiter, fiel nieder auf sein
Angesicht und betete.
Matthäus 26,38–39

Wie ein schwarzes Tuch liegt die Nacht über der Stadt. Wir
gehen in die Kirche. Osternacht. Die Gesichter der Männer,
Frauen, Jugendlichen und Kinder sind nicht zu erkennen.
Es ist zu dunkel in den alten Gemäuern. Da tritt der Kantor
vor und singt. Er hat eine tragende, helle Stimme. Er singt
einmal, zweimal, mehrmals: «Bleibet hier und wachet mit
mir. Wachet und betet. Wachet und betet.» Jetzt lädt er die
Gemeinde ein, mitzusingen. Keiner und keine öffnet den
Mund. Es ist, als ob niemand die Dichte dieser Worte stören
möchte. Wir hören zu.


Bleiben und wachen. An Jesu Seite. Wir sehen, wie er sich
im Garten Gethsemane auf den Boden wirft. Am Abend vor
seiner Kreuzigung betet Jesus: «Mein Vater, ist’s möglich, so
gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht, wie ich will,
sondern wie du willst!» (Vers 39). – Nicht wie ich will, sondern
wie du willst. Das ist die Lektion, die zu üben ist. Wir
bleiben an seiner Seite, solange wir können. Bleiben wach
oder schlafen manchmal auch ein wie seine Freunde. Und
wir üben. Im ringenden Beten macht Jesus Gottes Willen zu
seinem eigenen. Dann steht er auf. Er ist bereit, von seinen
Wünschen abzusehen. Er ist ganz für Gott da.

Von: Chatrina Gaudenz und Lars Syring

15. Juli

Gott hat mein Elend und meine Mühe angesehen. 1. Mose 31,42

Ein wilder Machtkampf tobt zwischen Jakob und Laban.
Es geht um Rahel, Labans Tochter. Jakob hat sich auf den
ersten Blick unsterblich in sie verliebt. Laban nützt diese
Liebe schamlos aus. Er stellt Bedingungen und erhebt Forderungen.
Bis Jakob irgendwann der Kragen platzt. Genug
ist genug! Jakob macht Gott zu seinem Zeugen: «ER hat
mein Bedrücktsein und das Mühn meiner Hände gesehen»
(Übersetzung nach Martin Buber). Es ist, als fiele durch diese
Worte ein wenig Tageslicht. Der Machtkampf flaut ab. Die
beiden schliessen Frieden und bauen mit Steinen ein Denkmal.

Was hat Gott denn gesehen? Nur Jakobs Elend und seine
Mühe? Oder auch, dass er bereit ist, für die Liebe zu seiner
Frau alles zu tun? Dass er leben will, mit ihr. Und bereit ist,
seinen Teil dazu beizutragen? Und dass es dann irgendwann
aber auch mal genug ist. Weil immer noch mehr arbeiten
ja nicht die Lösung sein kann. Jakob geht fest davon aus,
dass auch Gott findet, dass es jetzt genug ist. Dass jetzt der
nächste Schritt – auch in der Liebe zu Rahel – folgen muss.
Jakob ist bereit. Er lässt sich von Gott in die Zukunft ziehen.
Jakobs Klarheit hat Laban wenig entgegenzusetzen.

Von: Chatrina Gaudenz und Lars Syring