Autor: Chatrina Gaudenz und Lars Syring

20. März

Wenn ich dich anrufe, so erhörst du mich
und gibst meiner Seele grosse Kraft.
Psalm 138, 3

Gott wird gerne angerufen. Immer wieder fordert er uns in den Psalmen auf, nicht unbedingt zum Hörer oder Handy zu greifen, aber doch irgendwie in Kontakt zu treten. (Psalm 50,15
die Telefonnummer Gottes: «Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten.») Der Mensch, der Psalm 138 gebetet hat, weiss um die Konsequenzen. Er hat erfahren, dass Gott hört. Leider verrät er uns nicht, woran er das gemerkt hat. Vielleicht ist das aber auch gar nicht wichtig. Er hat ja die Folgen gespürt. Die grosse Kraft, die ihn erfüllt. Die Seele, die wieder mutig wird. Die Hoffnung, die keimt.


Die Psalmen sind religiös inspirierte Dichtung. Ihre Anfänge reichen mindestens drei Jahrtausende zurück. Dank ihren starken Sprachbildern und die in ihnen verdichteten Glaubenserfahrungen können sie mir Kraft, Trost, meiner Wut und Enttäuschung Raum, meiner Unsicherheit und meinem Zweifel Boden geben. Die Psalmen können mir helfen, «aus der Tiefe» Worte in den Himmel hinaufzuschicken. Die chassidische Tradition hat dieses Geheimnis in dem Ausruf zusammengefasst: «Verlasst euch nicht auf Wunder, rezitiert Psalmen!» Denen, die Psalmen rezitieren, geschieht, dass sie sich Gott aussetzen.

Von: Chatrina Gaudenz / Lars Syring

21. Januar

Erhalte mich nach deinem Wort, dass ich lebe,
und lass mich nicht zuschanden werden in meiner Hoffnung.
Psalm 119,116

Seine Psalmen seien keine Lieder, schreibt der Schriftsteller Uwe Kolbe. Und auch keine Gebete, fügt er an. Kolbe nennt seine Dichtungen: «Worte eines Heiden, der Gott verpasste, weil keiner bei dem Kinde ging, der sagte, hörst du die Stimme?» Ein Gedicht trägt die Überschrift «an dich». Es erinnert mich an unsere heutige Losung: «Du hast mich gemacht, du kannst mich zerstören. Du hast mich aufgemacht, du kannst mich wieder schliessen. Es gibt nichts zu murren, nicht dass du das meinst. Lass nur den Weg mich, der noch bleibt, an deiner Hand zu Ende gehen.»


«Lass nur den Weg mich, der noch bleibt, an deiner Hand zu Ende gehen.» Stark! Die Hand Gottes, die uns greifbar ist, ist sein Wort, oder? Das Wort des Lebens. Das Wort, von dem Gott empfiehlt, dass wir es uns zu Herzen nehmen (5. Mose 6,6). Dort entwickelt es seine Kraft. Und dieses Wort sollen wir unseren Kindern weitergeben (5. Mose 6,7). Also weitergeben, was uns selbst so überlebenswichtig ist. Unsere Kinder mit hineinwachsen lassen in die Hoffnungsgemeinschaft, die Gott seinen Kindern eröffnet. Selig ist der Mensch, der in den dürren Zeiten seines Lebens Teil so einer Hoffnungsgemeinschaft ist. Manchmal bleiben nur noch Gott und ich, wir zwei.

Von: Chatrina Gaudenz / Lars Syring

20. Januar

Der HERR wird dein ewiges Licht und dein Gott
wird dein Glanz sein.
Jesaja 60,19

Was für eine überwältigende Zuversicht. Eindringlich kommt mir entgegen: Gott wird dein Licht und dein Glanz sein. Dem Volk Israel vor zweieinhalbtausend Jahren zugesagt. Elementare Worte des Trostes, eine lichte Stimme der Hoffnung. Nach der Verwüstung des Landes durch ein fremdes Heer, der Deportation von Dutzenden, nach der Gefangenschaft die Zusage: Gott wird dein Licht und dein Glanz sein. Magst du dich von diesen starken Worten des Propheten Jesaja anstecken lassen, Lars?


Sehr gerne! Und mich fasziniert auch die erste Hälfte des Verses, den die Losung ausgespart hat: «Nicht mehr wird die Sonne für dich Licht sein am Tag, und nicht der Mond wird als Lichtglanz für dich leuchten.» Das Licht, das Gott uns bringt, ist ein anderes Licht, als wir es im Alltag kennen. So leuchtet auch keine noch so moderne Lampe. Es ist das Licht, das Gott ganz am Anfang gemacht hat (1. Mose 1,3) und das Licht, das in der Verklärungsgeschichte (Markus 9,3) leuchtet. Ich sehne mich nach diesem Licht, das alles verändert und mir die Augen öffnet für Gottes Wirklichkeit, die mich ins Leben ziehen will. Was für Zion gilt, wird doch auch für uns gelten. Das legt die Losung nahe. Gott ist mein ewiges Licht. Gott wird mein Glanz sein.

Von: Chatrina Gaudenz / Lars Syring

15. November

Du hast gesehen, wie dich der HERR, dein Gott,
getragen hat, wie ein Mann seinen Sohn trägt, auf
dem ganzen Wege, den ihr gewandert seid.
5. Mose 1,31

Es wird getragen in dieser Bibelpassage, wie schön. Gott wird
mit einem Mann verglichen, der seinen Sohn trägt. Ich stelle
mir vor, dass dieses Kind schon ein bisschen grösser ist. Der
Mann trägt es eine lange Zeit. Sie wandern zusammen. Auch
Frauen tragen Kinder. Sie tragen sie bereits vor der Geburt.
Kleine wachsende Wesen in ihrem Bauch. Mit ihnen sind sie
neun Monate unterwegs. Frischgeborene werden auch gerne
von Frauen getragen, gestillt, gehalten. Töchter und Söhne.
Später dann, wenn die Kinder etwas grösser sind, kommen
auch die Väter zum Einsatz.


Einspruch! Mangels Gebärmutter habe ich meine Kinder
zwar nicht vor der Geburt getragen, aber schon unmittelbar
danach. Gerne und oft. Nicht erst später. Ich weiss noch gut,
wie ich meinen Sohn im Tragetuch hatte. Manchmal über
Stock und Stein. Manchmal so lange, bis er sich wieder beruhigt
hatte. Ich habe ihm vorgesungen. Alle sieben Strophen
von «Der Mond ist aufgegangen». Diese Momente der Nähe
waren und sind mir wichtig.
Und ich liebe dieses Bild, dass Gott mich trägt. Dass ich
bei Gott geborgen bin. Und ich stelle mir vor, für Gott ist das
ähnlich schön wie für mich damals. Selbstverständliches
Dasein. Unmittelbare Nähe. Herz an Herz.

Von: Chatrina Gaudenz / Lars Syring

14. November

Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel
und die Erde und alles, was darinnen ist, das ist
des HERRN, deines Gottes.
5. Mose 10,14

«Der Himmel und aller Himmel Himmel sind deines
Gottes.» So viel Himmel, Lars. Kannst du dir diese Himmel
in der Mehrzahl vorstellen? Martin Buber übersetzt: «Die
Himmel und die Himmel ob den Himmeln». Mir gefallen
diese Verstärkungen im Hebräischen. Sie bedeuten doch:
Alles, wirklich alles, was ist, ist Gottes – ist sein. Kann ich
dies irgendwie begreifen? Eine Kurzgeschichte von Hugo
von Hoffmannsthal kommt mir in den Sinn. Das kluge Kind:
«Kannst du einen Stern anrühren?», fragt man es. «Ja», sagt
es, neigt sich und berührt die Erde.

Ich kann mir das nicht so richtig vorstellen. Ein Aha-Erlebnis
war für mich aber, dass Gott im ersten Vers der Bibel die (!)
Himmel und die Erde erschafft. Himmel sind in der Überzahl!
Paulus war ein Himmelsreisender, der mehr hätte erzählen
können. Er hat es immerhin bis in den dritten Himmel
geschafft (2. Korinther 12,2). Ob das im oder ausserhalb des
Leibes geschehen ist, will er nicht verraten. Es reicht ihm,
dass Gott es weiss.
Wie weit wir auch reisen, ob in den Himmeln, auf der Erde
oder in die Tiefen der Erde: Es ist alles Gottes. Und nichts
davon wird uns trennen von Gottes Liebe. Da nimmt uns
unser Reiseführer Paulus die Angst (Römer 8,38 f.).

Von: Chatrina Gaudenz / Lars Syring

29. September

Du sollst den Fremden lieben wie dich selbst. 3. Mose 19,34

Was für eine Aufforderung, Lars! In einer vorkapitalistischen, archaischen Gesellschaft entscheidet sich ein Volk, den Fremden zu lieben. In unserer durchstrukturierten, technologisierten Gesellschaft entscheiden wir im Moment gerade wieder, den Fremden zu hassen. Rechtsaussenparteien siegen bei der Europawahl, und der Antisemitismus flammt wieder einmal auf. Was also tun? Die Bibel sagt: Du sollst den Fremden lieben wie dich selbst. Paradoxerweise können wir uns selbst nur helfen, wenn wir dem Fremden helfen. Die Voraussetzung für unser Überleben sind die Liebe und das Mitgefühl für den anderen. Den Menschen in der Antike war dies klar.


Warum fällt es uns denn so schwer, den Fremden zu lieben? Ist das das alte Spiel von Angst und Neid? Wir haben Angst vor allem, was wir (noch) nicht kennen. Sehen im Fremden die Anteile, die wir bei uns selbst bekämpfen? Unsere eigene Unsicherheit in der Fremde. Unsere Unbeholfenheit. Oder die Angst, zu kurz zu kommen. Die Angst, eigentlich ganz anders sein zu wollen, als wir es uns zugestehen? Oder der Neid, zu sehen, dass ein anderes Leben möglich wäre? Dass es einen Neuanfang geben könnte? Dass der Fremde mehr Möglichkeiten hat als ich selbst? Mir etwas wegnehmen könnte? Ich vermute, es fällt uns so schwer, den Fremden zu lieben, weil wir uns selbst nicht lieben können.

Von: Chatrina Gaudenz / Lars Syring

14. September

Ich hatte viel Bekümmernis in meinem Herzen, aber deine Tröstungen erquickten meine Seele. Psalm 94,19

Zunächst sind da Kummer, Schrecken und Angst. Sie gehören zum Leben. Ab und zu vielleicht auch das Gefühl, etwas verpasst zu haben. So zu leben oder gelebt zu haben, als ob die Lebenszeit ewig dauern würde. Dabei ist der Tod immer in nächster Nähe. Und dann diese Entdeckung: Der Moment des Kummers, des Schreckens und der Angst kann auch der Ort sein, wo eine neue Hoffnung geboren wird; wo der Sehnsucht nach Geborgenheit plötzlich Flügel wachsen. Der Himmel, der kommt, grüsst schon die Erde, die ist.

In dem Moment, wenn sich Himmel und Erde küssen, verändert sich (fast) alles. Obwohl vieles bleibt, wie es ist, werden wir offen für neue Möglichkeiten des Lebens und des Vertrauens. Wo sich alles im Kreis gedreht hat, erkennen wir das Schlupfloch zum Aussteigen. Wo sich die Dunkelheit tief um uns gelegt hat, leuchtet ein Licht. Und dieses Licht verbindet uns mit dem göttlichen Licht, das tief in uns leuchtet (Johannes 1,9).
Überleg doch mal: Welche Tröstungen Gottes hast du in deinem Leben schon erfahren? Was hat dich erfrischt, als
du erschöpft warst? Hast du Zugang zu dieser Quelle?

Von: Chatrina Gaudenz / Lars Syring

15. Juli

Als Jesus aus dem Boot stieg, sah er die vielen Menschen, und sie taten ihm leid,
denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben.
Markus 6,34

Für Menschen in der Umwelt der Bibel muss das Bild einer
Schafherde ohne Hirten ein Graus gewesen sein. Die Schafherde
war die Lebensversicherung und ohne Hirten war sie gefährdet.
Schafe könnten verlorengehen, sich verletzen, gerissen, gestohlen
oder geschlachtet werden. Welches Bild der Gegenwart kommt dem
damaligen nahe? Jesus steigt aus dem Boot und trifft auf viele
Menschen, und sie tun ihm leid, denn sie sind wie solche, denen
ihre elektronischen Geräte abhanden gekommen sind.
Das ist toll aktualisiert, Chatrina! Und eine fatale Zwickmühle.
Wir glauben ja gerade, dass uns die elektronischen Geräte bei
der Orientierung helfen. Wenn ich durch fremde Gegenden gehe
und mich mit der Route führen lasse, vereinfacht das viel.
Das stimmt. Aber auf der anderen Seite macht mich das
Überangebot an Information auch gerade orientierungslos. Ich
verliere mich im Internet.
Und ständig lese ich Sätze wie: «Mach dies, dann …» Andere
Menschen bieten sich mir als Hirten an. Wollen vorderhand nur
mein Bestes. Aber eigentlich geht es nur um meine Klicks und ihre
Reichweite. Ein Geschäftsmodell.
Und die Frage für mich: Welchem Hirten trotte ich hinterher?

Von: Chatrina Gaudenz / Lars Syring

14. Juli

Die Erde ist des HERRN und was darinnen ist,
der Erdkreis und die darauf wohnen
. Psalm 24,1

Ein Glaubenssatz ist dieser Psalmvers, und was für einer! Wie
sähe unsere Erde aus, wenn wir daran glauben würden, dass
sie Gott gehört? Wenn wir darauf vertrauen würden, dass
das, was darinnen ist – Wurzeln und Kleintiere, Mikroben
und Regenwürmer – göttlich ist? Wie sähe unser Erdkreis
und die darauf wohnen aus, wenn wir ahnen würden, dass
ihnen ein Geheimnis innewohnt? Vielleicht wäre unseren
Handlungen dann etwas Wundervolles eigen, so wie unserem
Glauben auch.
Wir gehören Gott. Und Gott ist in allen und allem. Ich
beschäftige mich im Moment mit Juliana von Norwich, die
im Mittelalter mehrere sehr intensive Erfahrungen mit Gott
gemacht hat. Und sie kommt zum Schluss: «Alles wird gut
sein und alle werden gut sein, und aller Art Dinge wird gut
sein.» Die Liebe Gottes durchdringt alles. Sie gibt nichts und
niemanden auf.
Diese Liebe verändert alles. Auch mich. Und die Art, wieich
anderen und anderem begegne. Bestenfalls macht sie auch
mich liebevoller. Und ehrfürchtiger für die Welt und für alles,
was da auf ihr wohnt. Stimmt schon, das ist wundervoll.

Von: Chatrina Gaudenz / Lars Syring

29. Mai

Mose sprach: Nehmt zu Herzen alle Worte, die ich
euch heute bezeuge. Denn es ist nicht ein leeres Wort
an euch, sondern es ist euer Leben.
5. Mose 32,46.47

Mose erzählt von Worten, die Leben bedeuten können. Ich
versuche, zu verstehen. Von der Antike bis in die Gegenwart
ist Kontinuität im Judentum an geäusserte und geschriebene
Worte geknüpft, an ein ausuferndes Geflecht von Interpretationen,
Debatten und Meinungsverschiedenheiten, sowie an
zwischenmenschliche Beziehungen. In der Synagoge und der
Schule, aber auch zu Hause, umfasst dieser Austausch immer
mehrere Generationen. Die Worte werden weitergegeben
von Mose zum Volk, von Eltern zu Kindern, von Lehrern
zu Schülern. Damit kommt Lebendigkeit in die Welt; wird
sozusagen Gott in die Welt übersetzt.


Mich interessiert die Bewegung zum Herzen. Das Wort, das
ich höre, nimmt in meinem Körper seinen Lauf. Solange es
nur zwischen den Ohren bleibt, kann es in mir keine Wurzeln
schlagen. Erst wenn das Wort weiter hinab sinkt, entfaltet es
die Wirkung, für die es ausgesendet worden ist. Es bannt die
Angst und zeigt mir den Weg in die Freiheit.
Dort, im Herzen, bewege ich es hin und her, so wie Maria
das Wort der Engel bewegt hat, von dem die Hirten erzählt
haben. Sie hat es ausgekostet. Wieder und wieder gekaut, bis
es sie genährt und stark gemacht hat.

Von: Chatrina Gaudenz und Lars Syring