Kategorie: Texte

7. Oktober

Elia betete: Erhöre mich, HERR, erhöre mich, dass dies
Volk erkenne, dass du, HERR, Gott bist und ihr Herz
wieder zu dir kehrst!
1. Könige 18,37

Der grosse Showdown auf dem Berg Karmel. Wer ist Gott –
Baal oder der, dessen Name nicht ausgesprochen werden
darf: der Ewige, der Israel in die Freiheit geführt und in der
Freiheit des Vertrauens leben lassen will? Zwei Altäre werden
gebaut, Holz aufgeschichtet, je ein Opfertier vorbereitet. Baal
soll auf das Gebet der Priester, der Ewige auf das Gebet des
Propheten Feuer vom Himmel fallen lassen. Der Gebetstanz
der Priester ist vergeblich. Elia traut der Gottesflamme viel
zu; er lässt seinen Altar noch ausgiebig benetzen. Gott hört
und handelt. Sein Feuer verzehrt Tier, Holz, Steine, Staub
und Wasser. Elia meint dann, er müsse die Macht des Ewigen
noch durch ein grauenhaftes Gemetzel an den Baalspriestern
unterstreichen. Ob er dadurch dazu beitrug, dass Gott die
zweite Hälfte des Gebets nicht erfüllte? Es kam nicht zur
Umkehr. Das Volk richtete sich nicht wieder auf den Ewigen
und Sein Wort aus, der König erst recht nicht.
Nein: Machtdemonstrationen braucht es keine, aber den
Nachweis der Liebe, Beweise der Gerechtigkeit. Dann kann
ich gerne mit Elia beten: «Gott des Lebens, das, was ich sage
und tue, wie ich mein Leben gestalte – mein Zeugnis also –
soll dazu beitragen, dass Menschen dich erkennen und aus
deiner Liebe leben.»

Von: Benedict Schubert

6. Oktober

Gehorcht meiner Stimme, so will ich euer Gott sein,
und ihr sollt mein Volk sein.
Jeremia 7,23

Gehorsam passt nicht in den Wortschatz und Tugendkatalog,
den wir zur Bewältigung unserer krisendurchtränkten
Gegenwart brauchen. Wollen wir Kinder, die ihren Eltern
(welche mitgeholfen haben, die Welt an den Abgrund zu
steuern) gehorsam sind? Übrigens stelle ich mir manchmal
auch die umgekehrte Frage: Wollen wir wirklich Eltern sein,
die ihren Kindern kaum widersprechen und ihnen vorauseilend
Stein um Stein aus dem Weg räumen?
Im Grossen stehen uns die schrecklichen Konsequenzen
eines blinden, ausweglosen Gehorsams vor Augen –
längst nicht nur mit Blick auf mordende, vergewaltigende
und selber
tragisch ihr Leben opfernde russische Soldaten.
«Jeden Tag», sagt Dorothee Sölle über Jesus, «habe ich
Angst, dass er umsonst gestorben ist, weil er in unseren
Kirchen
verscharrt ist, weil wir seine Revolution verraten
haben in Gehorsam und Angst vor den Behörden.»
Gottes Stimme zu gehorchen, verstehe ich nicht als eine
der Formen von Gehorsam gegenüber Autoritäten. Sondern
als das pure Gegenteil. Als Ermutigung zum Ungehorsam,
wenn Friede, Gerechtigkeit und die Schöpfung bedroht sind.
Als Bekräftigung des Regenbogen-Bündnisses für das Leben,
wenn die Würde von Menschen, von Kindern und Eltern,
von Tieren und aller Kreatur auf dem Spiel steht.

Von: Matthias Hui

5. Oktober

Alles Volk freute sich über alle herrlichen Taten,
die durch Jesus geschahen.
Lukas 13,17

Einen Satz lang ist im Lukasevangelium alles in Butter.
Schlichtweg alles Volk freute sich angeblich über alles
Grossartige, was Jesus tat. Wir brauchen sie, diese Momente
der gemeinsamen Identifikation mit dem Guten, diese Stunden
der kollektiven Freude. Mein Schwiegervater erzählte
vom Tag, als der Krieg zu Ende war und Menschen in der
Altstadt zusammen tanzten; eine Kellnerin riss ihn, den Jüngling,
einfach mit. Oder: Mich beeindruckte die solidarische
Verbundenheit, die ausgelassene Freude, die mir dieses Jahr
am feministischen Streik von Zehntausenden schönen, entschiedenen
Menschen entgegenkam.
Aber die Beschreibung solcher Eintracht vermag Lukas im
Bibeltext nur diesen Satz lang durchzuhalten. Sie ist Wunschvorstellung,
Utopie, flüchtige Erfahrung, vielleicht nur rasch
zusammengekleisterte Gemeinsamkeit. Im Satz davor ist
von «allen Gegnern» von Jesus die Rede, die nicht tolerieren
wollten, dass er am Sabbat Menschen aufrichtete. Und
am Ende des Kapitels ist von Jerusalem als Ort des Leidens
die Rede. Bald wird sich dieses «alles Volk» resigniert, duckmäuserisch
und kleingläubig verzogen haben.
Dazwischen steht immerhin der Satz, der das Reich Gottes
mit einem kleinen Senfkorn vergleicht – aber halt nicht mit
einem grossen, revolutionären Volksfest.

Von: Matthias Hui

4. Oktober

Der HERR, dein Gott, führt dich in ein gutes Land,
ein Land, darin Bäche und Quellen sind und Wasser
in der Tiefe.
5. Mose 8,7

Am Ende des langen Abschnitts, aus dem unser Vers stammt,
steht die «Erklärung», weshalb dieser Abschnitt aus der
Schlussrede des Mose vor dem Übergang ins verheissene
Kanaan notwendig ist: Du (Israel) bist ein halsstarriges Volk
(Vers 9,6). Auch nach vierzig Jahren Wanderung durch wüstes
Land ohne Wasser, ohne Vegetation, hat das aus der
Sklaverei herausgeführte Volk die Dankbarkeit nicht hervorgebracht,
die eigentlich selbstverständlich wäre. Denn, wird
hier gesagt, dass es nun so weit gekommen ist, ist in keiner
Weise das Verdienst dieser Menschen. Und schon gar
nicht, dass jetzt, ennet dem Jordan, ein Land wartet, wo
alles anders und Wasser und noch viel mehr im Überfluss
da sein wird. Es ist Gott allein, dem dieser ganze wundersame
Vorgang zu verdanken ist. Es gibt keinen Anspruch
auf dieses Land! Es wird ein weiteres Geschenk sein von
Gott, wie seinerzeit das Manna vom Himmel und das Wasser
aus dem Felsen. Das sollt ihr nie vergessen, mahnt der
bald sterbende Anführer. Seine Worte gelten weit über den
damaligen konkreten
Anlass hinaus: Was wir haben und
nutzen können, ist Gottesgeschenk.
Das zu vergessen, wäre
Undank – auch von uns.

Von: Hans Strub

3. Oktober

Bewahre mich, Gott; denn ich traue auf dich.
Psalm 16,1

Wer Gott bittet, «bewahrt» zu werden, lebt in einem unsicheren
Zustand. Ist sich bewusst, dass die Zukunft nicht
einfach feststeht, sondern sich jederzeit anders entwickeln
kann als erwünscht und erhofft. Gott soll mich in seinen
Schutz nehmen, mich an einen sicheren Ort geleiten oder
mir Gewissheit geben, dass ich nicht allein und allen möglichen
Gefahren ausgeliefert bin. Ich bin, so wie der Psalmist
hier, darauf angewiesen, dass Gott mich in seine Obhut
nimmt. Und ich bitte darum, dass er mich gut und sorgsam
bewahrt, so wie ich selber einen kostbaren Gegenstand
sorgfältig verwahre. Ich kann unseren Gott darum bitten,
weil ich zutiefst überzeugt bin, dass das möglich ist. Ich
traue es Gott zu, denn er steht fest in jedem Sturm meines
Lebens und hält treu zu mir. Auch dann, wenn ich es
«nicht verdient» habe. Denn genau darum geht es bei diesem
Wort: Ich muss mich Gott nicht «würdig» zeigen – ich
kann darauf bauen, dass er mich kennt und erkennt. Und ich
kann jederzeit und überall bitten. Beten. Meine geschwächte
Zuversicht zugeben, aussprechen. Im Wissen darum, dass ich
nichts verbergen muss vor Gott, was er nicht schon kennt.
Die indogermanische Wurzel «tr*» in «trauen/treu» sagt
genau das aus: Gott ist da wie ein starker Baum, der nie
fällt, an den ich anlehnen kann und der mir zum sicheren
Ort wird.

Von: Hans Strub

2. Oktober

Des Mondes Schein wird sein wie der Sonne Schein,
und der Sonne Schein wird siebenmal heller sein zu
der Zeit, wenn der HERR den Schaden seines Volkes
verbinden und seine Wunden heilen wird.
Jesaja 30,26

im rückblick
siehst du
schon
das licht
das dereinst
wieder
leuchten wird
auch wenn es
jetzt noch
finster ist


Ruth Näf Bernhard: Halte uns im Leben wach.
© 2023 Echter Verlag, Würzburg

1. Oktober

Ich bin der HERR, der Barmherzigkeit, Recht
und Gerechtigkeit übt auf Erden.
Jeremia 9,23

die einen
tun es
die andern
stehen da
schauen zu
schauen weg
und schweigen
und lassen
damit jenen
die es wieder tun
denn sie tun es sicher wieder
die türen offen
getanes unrecht
fortzusetzen
und wer
von allen
ist nun schuld

Ruth Näf Bernhard: Halte uns im Leben wach.
© 2023 Echter Verlag, Würzburg

30. September

Führt ein Leben frei von Geldgier, begnügt
euch mit dem, was da ist.
Hebräer 13,5

Der Glaube, von dem der Hebräerbrief erzählt, verspricht
Freiheit. Freiheit von der Existenzangst, welche die frühchristlichen
Gemeinden quält, Freiheit vom Ringen um die
eigene religiöse Identität, Freiheit von der Angst, von der
Umwelt angefeindet zu werden. Freiheit aber auch von der
materiellen Sucht nach immer mehr.
Dem Aufruf, sich von der Geldgier zu befreien, würden wohl
alle Menschen folgen wollen, denn als gierig möchte sich
niemand selbst bezeichnen. Doch wichtig ist der zweite Teil
des Satzes, der mehr ist als eine Warnung vor der Gier. Er ist
ein Aufruf zur Genügsamkeit. Im getrosten Vertrauen darauf,
dass «Gott dich niemals preisgeben und dich niemals
verlassen» wird. Eine Genügsamkeit freilich, die man sich
leisten können muss. Es gibt viele Menschen in der Welt, die
sich zwar tatsächlich mit dem begnügen müssen, was da ist,
aber täglich leidvoll erfahren, dass das, was da ist, schlicht
nicht genügt zum Leben.
Das führt zurück zum Satzanfang. Es kann nicht darum
gehen, jene, die wenig haben, klein zu halten. Auch die Gier
muss man sich leisten können. Sie ergreift jene, die eigentlich
längst genug haben, und bringt ganze Finanzsysteme ins
Wanken. Die Gier führt in die Unfreiheit.

Von: Felix Reich

29. September

Wie sollen sie hören, wenn niemand da ist,
der verkündigt?
Römer 10,14

Nimmt Paulus hier vorweg, was uns in der Schweiz bald
blüht? Wenn die Statistik recht hat, sind 2030 70 Prozent
aller jetzt aktiven Pfarrerinnen und Pfarrer aus Altersgründen
nicht mehr im Amt. Der Nachwuchs kann die klaffende
Lücke nicht stopfen. Wie wird Kirche dann aussehen? In den
anderen kirchlichen Berufen sieht es ja keineswegs besser
aus. Doch das ist kein Grund zur Sorge. Wir steuern auf eine
Kirche zu, die endlich ernst macht mit dem Priestertum aller
Getauften. Wir sind ja alle aufgerufen, an Gottes Reich mitzubauen.
Und Zeugnis abzulegen, zu zeigen, was wir lieben
und worauf wir vertrauen.


Zum Stichwort Zeugnis ablegen und zeigen, was wir
lieben und worauf wir vertrauen, kommt mir ein Artikel
in den Sinn, den ich vor Jahren in einer Zeitschrift las und
nicht mehr vergessen
will. Darin wird erzählt, wie Delfine
reagieren,
wenn sie im Mittelmeer auf ein Boot voller
Flüchtlinge in Seenot treffen. Die Delfine suchen sofort nach
Rettungsschiffen. Wenn sie auf solche stossen, führen sie
diese zu den Menschen in Lebensgefahr. Menschen lassen
Mitmenschen im Mittelmeer ertrinken, Delfine aber hören
den Ruf der Not und antworten. Hat ihnen jemand ohne
Worte verkündigt?

Von: Lars Syring und Chatrina Gaudenz

28. September

Wir sind Bürger im Himmel; woher wir auch erwarten
den Heiland, den Herrn Jesus Christus.
Philipper 3,20

Wo gehöre ich hin?
Das fragen sich vermutlich viele Menschen, die auf der
Flucht sind oder Fluchterfahrungen hinter sich haben. Ich
gehöre nicht mehr hierher, aber am neuen Ort will mich
irgendwie auch niemand.
Wo gehöre ich hin?
Das fragen sich vielleicht auch Menschen, die die doppelte
Staatsbürgerschaft haben. Ich gehöre hier und da hin – kann
man das in einem menschlichen Leben zusammenbekommen?
Wo gehöre ich hin?
Das frage ich mich manchmal auch. Wo ist eigentlich
meine Heimat? Ist es das, was auf meinem Pass steht?


Bürger zu sein, heisst im Kontext von Paulus: Bürgerrechte
zu haben, voll anerkanntes gesellschaftliches Mitglied mit
Rechten und Pflichten zu sein, Teil eines Sozialwesens zu sein.
Das hatten Sklaven zum Beispiel nicht. Nicht vor dem
römischen Staat. Aber in der christlichen Gemeinde – da ist
kein Unterschied zwischen Freien und Sklaven. An Christus
haben alle Anteil, genauso wie an Recht und Gerechtigkeit.
Himmelsbürgerschaft. Dafür gibt es zwar keinen Pass, aber
eine Hoffnung und einen Zuspruch:
Genau da gehörst du hin. Du gehörst dazu.

Von: Sigrun Welke-Holtmann