Kategorie: Texte

13. August

Gott tut grosse Dinge, die nicht zu erforschen,
und Wunder, die nicht zu zählen sind.
Hiob 9,10

Hiob sitzt und begreift in all seiner Gottestreue nicht, was
Gott mit ihm, mit seinem Leiden vorhat. Oft geht es uns
gleichermassen. So wohl auch vor 62 Jahren, als das Unvorstellbare
geschah und Deutschland durch eine Mauer geteilt
wurde, was unsägliches Leid über Menschen brachte. War da
Gott? Was konnte man aus der Situation über seinen Willen
erforschen? Konnte man überhaupt etwas erforschen? So,
wie Hiob nicht verstand, wie dieser allmächtige Gott so an
ihm handelte, war für viele das Leiden unverständlich, das
Familien in geteilten Nationen erlebten – heute in Korea,
seinerzeit in Deutschland. Die Situation blieb unerforschlich
und doch … auch in der deutschen Geschichte, liest man
sie denn mit den Augen des Glaubens, gab es ein Wunderhandeln.
Antagonistische Kräfte lösten den Antagonismus
auf und führten zwei Systeme zusammen, um darin wieder
ein Volk siedeln zu lassen. Hiob spricht von Wundern, die
nicht zu zählen sind. An vielen Punkten dieser Welt warten
wir, warten Menschen auf die Sichtbarwerdung dieser Wunder.
Wie Hiob geht es wohl mancher, manchem von uns, es
schaudert uns, weil wir hinter dem erfahrenen Leiden den
gerechten Gott nicht zu sehen vermögen. Was bleibt, ist
Vertrauen. Was bleibt, ist der Glaube, dass Gott alles zum
Besten wenden wird. Am 13. August kommt so auch der 9. November in den Blick. Und wieder bleibt ein hochambivalentes Datum in unserer Geschichte mit Gott.

Von: Gert Rüppell

12. August

Freut euch, dass eure Namen im Himmel
geschrieben sind.
Lukas 10,20

Ich bin auf dem Land aufgewachsen. Wenn man im Dorf
unterwegs ist, grüsst man sich, und zwar wenn immer möglich
mit Namen – man kennt sich. Undenkbar in der Stadt,
man käme ja aus dem Grüssen gar nicht heraus, und Namen
kennt man sowieso nur wenige. Urbanes Leben heisst auch
Anonymität, und das hat sicher manchmal auch seine
angenehmen Seiten. Vor Jahren war ich im Rahmen einer
Tagung in St. Gregory’s in San Francisco im Gottesdienst.
Beim Hereinkommen wurden wir nach dem Namen gefragt
und erhielten ein Namensschild. Beim Abendmahl standen
wir in der Rotunde der Kirche, die Leute von der Gemeinde
gingen von einem zum andern und teilten das Mahl aus mit
den Worten «The body of Christ, given for you, NN». Diese
Namensnennung ist ein starkes Symbol. Einmal greift sie
zurück auf die Taufe, wo ja auch der Name genannt wird, vor
allem aber bildet sie einen starken (und stärkenden) Kontrast
zur Anonymität der Grossstadt. Ich versinke nicht in der
Masse, sondern bin Person, mit Namen, unverwechselbar,
und das unter den Milliarden von Menschen, die auf der Erde
leben und gelebt haben. Für sie alle gilt dasselbe, alle haben
bei Gott einen Namen, alle haben von Gott her dieselben
Rechte, bei aller herrschenden Ungleichheit und Ungerechtigkeit,
die eben nicht seinem Willen entsprechen. Seine
Verheissung gilt allen: «Ich habe dich bei deinem Namen
gerufen, du bist mein.»

Von: Andreas Marti

11. August

Gott weiss, was in der Finsternis ist, und bei ihm
wohnt das Licht.
Daniel 2,22

Licht und Finsternis: in biblischer und überhaupt in religiöser
Sprache eine der verbreitetsten Metaphern – so verbreitet,
dass sie manchmal schon eher abgegriffen wirkt. Entsprechend
habe ich vom Stossseufzer eines Pfarrers gehört, von
seiner Reaktion auf den Ratschlag, er solle halt zu Beginn
der Adventszeit irgendetwas über das Licht predigen: «Ach,
immer dieses … Licht!» (auf das Adjektiv, das er noch hinzugefügt
hat, verzichten wir hier …). Das ist alles schon so
vertraut, dass der Informationswert einer Predigt gegen null
geht, und auch über unseren Losungstext könnten wir rasch
hinweggehen: klar, alles bekannt.
Aber vielleicht gibt es da doch noch etwas anderes herauszulesen,
wenigstens als einen Gedanken im Hintergrund. Es
«ist» nämlich etwas drin in der Finsternis, und da bleibt es
einstweilen auch, aber Gott weiss darum. Dieses Etwas ist
nicht bei Gott; bei ihm wohnt ja das Licht. Es ist aber auch
nicht in der hoffnungslosen Gottferne. Gott weiss darum,
Gott behält es im Auge, Gott vergisst es nicht. Erfahrungen
von Finsternis gibt es – weiss Gott – genug, mehr als genug.
Mit dem Hinweis auf das Licht, das bei Gott ist, verschwinden
sie nicht einfach. Sehr oft muss es darum gehen, die Finsternis
auszuhalten. Dass Gott unsere Finsternis erhellt, steht
als Hoffnung am Horizont, aber es kann und muss manchmal
schon genügen, dass er um sie weiss und wir dies wissen.

Von: Andreas Marti

10. August

Legt ab alle Unsauberkeit und alle Bosheit und
nehmt das Wort an mit Sanftmut, das in euch gepflanzt
ist und Kraft hat, eure Seelen selig zu machen.

Jakobus 1,21

Ich habe als Lehrerin gerade eine Situation mit einem Schüler,
der sich oft danebenbenimmt. Wenn es nicht bessert,
muss er in eine andere Klasse oder eine andere Schule. Vielleicht
ist das eine gute Lösung. Trotzdem ist es nicht schön
für mich, das zu entscheiden. Denn es ist dieses Eingeständnis
damit verbunden: Ich habe es nicht geschafft mit ihm.
Neben diesem etwas kleinlauten Eingeständnis ist da aber
auch der Wunsch, nun einmal Klartext zu reden, eine Grenze
zu ziehen, zu sagen, so, Bürschchen, alles lass ich mir nun
doch nicht bieten, fertig lustig!
Das ist manchmal nötig – und oft genug fällt mir gerade
das eher schwer, bin ich doch nicht so ein Fertig-lustig-Typ!
Und jetzt besteht die hohe Kunst wohl darin, den Fertiglustig-
Typ mit dem Ablegen der Bosheit zu kombinieren.
Nicht meine verletzten Gefühle in einen harten Panzer
umzuwandeln, sondern diese abzulegen. Keinen dicken
Mantel aus meinen Rechtfertigungen zu weben. Sondern
«einfach so» dazustehen.
Der Vers spricht neben dem, was man ablegen soll, auch
von dem Wort, das «in uns gepflanzt ist». Ich deute dies für
mich als eine Art Zusage sowohl an mich wie auch prinzipiell
an alle Menschen – ein kraftvolles, aber auch sanftes Bild.

Von: Katharina Metzger

9. August

Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen:
Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit.

Kolosser 3,16

Das Wort Christi: Ist das so etwas wie die Essenz seiner Aussagen,
Gleichnisse und Anweisungen, die es weiterzugeben
gilt? Bei mir taucht da als Erstes auf: Liebe deinen Nächsten
wie dich selbst. Ich weiss nicht, ob das wirklich damit gemeint
ist, aber ich überlege mir jetzt einmal, wie ich diesem Wort
bewusst eine «Wohnstätte» bei mir einrichten könnte:

  1. Ich wasche mir jeden Morgen bewusst Augen, Ohren und
    Hände, mit denen ich die Menschen um mich herum
    wahrnehme.
  2. Ich versuche, mehr zu hören und weniger zu sprechen.
  3. Ich versuche aber, meiner Meinung dort mehr Gewicht
    zu geben, wo sie etwas Gutes bewirken kann.
  4. Ich versuche, Konflikten nicht aus dem Weg zu gehen.
  5. Ich denke im Gottesdienst am Sonntag an Leute, denen
    es nicht so gut geht.
  6. Ich freue mich an schönen, innigen, lustigen Momenten
    mit meiner Familie.
  7. Ich freue mich an der Musik, an der Natur, an schönen
    Dingen – sie öffnen mich für das Gute, für das Wunder des
    Lebens und lassen mich Schwieriges mit anderen besser
    aushalten.

Haben Sie weitere Vorschläge?

Von: Katharina Metzger

8. August

Dienet einander, ein jeder mit der Gabe,
die er empfangen hat, als die guten Haushalter
der mancherlei Gnade Gottes.
1. Petrus 4,10

Ganz ehrlich: Manchmal wünschte ich mir, die hier verwendeten
Bibelverse würden nicht der Luther-Bibel entnommen,
sondern einer Übersetzung, die den Menschen von heute
etwas mehr «aufs Maul schaut». Manchmal bin ich aber
auch verzückt ob ihrer altertümlichen Schönheit, die eine
besondere Poesie und Innigkeit vermittelt. So ergeht es mir
mit der «mancherlei Gnade Gottes».
Gnade ist für uns ja sowieso ein schwer zugänglicher Begriff
geworden, weil wir darin etwas Hierarchisches, ja Gönnerhaftes
lesen. Kein Geben und Nehmen auf Augenhöhe, sondern
eine Gabe von oben herab. So viel sympathischer wirkt
hingegen diese «mancherlei Gnade». Mit dieser simplen,
auch etwas lustig klingenden Zugabe wird dieses göttliche
Wirken auf Erden plötzlich sehr viel leichter und vielseitiger,
ja fröhlicher. Es ist ein bisschen wie ein Konfettiregen, der
vom Himmel fällt und die Menschen in ihrer Buntheit feiern
lässt und sie vereint.
Passend zum Anfang des überhaupt sehr schönen Verses
spiegelt sich in dieser mancherlei Gnade Gottes das
Mancherlei der menschlichen Gaben. Und so bekommt
diese etwas aus der Zeit gefallene Formulierung etwas sehr
Modernes. Niemand ist gleich. Alle Menschen sind einzigartig
und doch in einem göttlichen Mancherlei vereint.

Von: Esther Hürlimann

7. August

Josef blieb im Gefängnis, aber der HERR war mit ihm. 1. Mose 39,20.21

Das ist der irritierende Drehpunkt in der farbigen Erzählung,
wie Josef, nachdem er es zu hohem Ansehen gebracht hatte,
zu Unrecht eines sexuellen Übergriffs beschuldigt und deswegen
ins Gefängnis geworfen wird. Das Unrecht wird nicht
aufgedeckt. Josefs Unschuld wird nicht anerkannt, er wird
nicht freigelassen. Aber – oft kommt nach einem «Aber»
das Entscheidende – die Haft ist nicht ein Zeichen dafür,
dass Gott Josef verlassen hätte. Das Gefängnis ist im Gegenteil
der Ort, an dem Gott mit Josef ist – und wo Gott viel
mit ihm vorhat.
Wir glauben und bekennen, dass Gott mit allen ist, die
gefangen gehalten werden. Das bezeugt uns der gefangene,
gefolterte, hingerichtete Christus. Das soll uns aber nicht
dazu verführen, den Kampf gegen Folter und Willkür aufzugeben,
uns nicht für das Recht der Gefangenen und ihre
Befreiung einzusetzen. Sie sollen nicht verzweifeln müssen,
nicht am Unrecht zerbrechen, das ihnen angetan wird.
Neben der Losung steht indessen ein kurzer Text von Dietrich
Bonhoeffer. Mir kommt Nelson Mandela in den Sinn.
Oder Marie Durand in ihrem «Standhaftigkeitsturm», der
Tour de Constance. Sie stehen für das tiefe Geheimnis, dass
Gott manche nicht aus ihrer Bindung, ihrer Gefangenschaft
befreit, weil Gott – darin liegt die Irritation dieser Losung –
genau darin Erstaunliches bewirkt.

Von: Benedict Schubert

6. August

Voll Mitleid und Erbarmen ist der Herr. Jakobus 5,11

Gott hat viele Namen. Ganz bestimmt zählt «Buchhalterin»
nicht dazu. Gott berechnet nicht, wer wie viel Mitleid zugute
hat. Er zieht nicht Bilanz, wem wie viel Erbarmen zusteht.
Vor Gott sind wir alle gleich. Für alle ist genug da. Aber wir
führen uns dennoch oft als Buchhalter auf. Wir lassen den
einen mehr Mitgefühl zukommen als anderen – weil sie uns
sympathischer sind, vertrauter. Oder weil wir in Rechnung
stellen, dass sie uns schon mal geholfen haben oder wir noch
auf sie angewiesen sein könnten. Die Journalistin Christine
Wiedemann spricht von der «Ökonomie der Empathie». Es
gebe Richtungen, in die Empathie frei fliessen könne, und
andere, wo der Fluss blockiert sei.
Christine Wiedemann will, dass das, was gesellschaftliche
Gruppen in der Geschichte erlitten haben oder in der Gegenwart
erleiden, nicht in Konkurrenz zueinander gestellt wird.
Opferzahlen gehören nicht auf Waagschalen. Zum Beispiel
die Shoah, die Ermordung von sechs Millionen Jüdinnen
und Juden, und die Nakba, die Vertreibung der Palästinenserinnen
und Palästinenser aus ihrem Land. Gott ist voll
Mitleid und Erbarmen: Er will, was Christine Wiedemann
so beschreibt: «eine Welt, in der es keine Hierarchie von
Leiderfahrungen
mehr gibt und keinen Schmerz, der nicht
zählt».

Von: Matthias Hui

5. August

HERR, höre meine Worte, merke auf mein Seufzen!
Vernimm mein Schreien; denn ich will zu dir beten.

Psalm 5,2.3

Wie oft beten Sie? Das schweizerische Bundesamt für Statistik
wollte es vor einiger Zeit ganz genau wissen. 44,8 Prozent
gaben an, dass sie in den letzten zwölf Monaten nicht
gebetet haben. Fast gleich viele Befragte, nämlich 43,4 Prozent,
gaben an, dass sie mindestens einmal im Monat beten,
24,1 Prozent davon täglich. Was bedeutet Ihnen das Gebet?
Wird Ihr Seufzen vernehmbar oder gar Ihr Schreien? Kann
vielleicht zumindest Gott es hören?
Vor zwanzig Jahren ist Dorothee Sölle gestorben. Sie fehlt.
Denn es gibt nicht viele Menschen wie sie, die uns weiterhin
zum Beten ermutigen. Die uns die Schönheit und
die Menschlichkeit, das Dialogische und das Politische des
Betens zeigen. Dorothee Sölle sagte: «Beten bedeutet, nicht
zu verzweifeln. Beten ist Widerspruch gegen den Tod. Es
bedeutet, Wünsche zu haben für uns und unsere Kinder.»
Für die Statistik wäre Dorothee Sölle ein klarer Fall gewesen:
Täglich (…) gott um die gabe der tränen bitten
täglich salz und scham
täglich frei werden
täglich gott
Dorthin möchte ich gerne. Und Sie?

Von: Matthias Hui

4. August

Sei nicht schnell mit deinem Munde und lass
dein Herz nicht eilen, etwas zu reden vor Gott;
denn Gott ist im Himmel und du auf Erden;
darum lass deiner Worte wenig sein.
Prediger 5,1

Wir wissen nicht, wer genau der Verfasser des Kohelet, des
Predigerbuchs, ist. Hier tönen seine Worte so, als ob sie aus
einem Kurs für kirchliche Mitarbeitende stammen würden.
Sie sind aber etwa ums Jahr 200 vor Christus entstanden!
Was hier und im ganzen (kurzen) Abschnitt gesagt wird,
gilt heute genauso wie damals: Entscheidend ist nicht, was
getan oder was gesagt wird – entscheidend ist, dass zunächst
gehört wird (vorangehender Vers)! Tempeldienst – wir können
ihn hier und heute ruhig als Gottesdienst verstehen –
beginnt mit einer hörenden Haltung. Das bewirkt, dass
das eigene Wort, das dann gesagt wird, mit Zurückhaltung
gesagt wird. Es geht nicht um mich, es geht um Gott! Und
um meinen Respekt vor ihm/ihr. Diesen zeige ich durch
einen bedachten, achtsamen Umgang mit der Art, wie ich
rede. Es ist geradezu rührend, wie ausführlich der Prediger
hier ist, wie genau er seine Anweisungen gibt, wie direkt er
spricht und wie eindeutig er Hören, Denken, Reden und
Handeln (rituelles Tun) in eine Reihenfolge bringt; das Reden
folgt erst an dritter Stelle! Weil der Prediger jedoch kein
Kursleiter ist, gelten seine Mahnungen schlicht allen und
jederzeit.

Von: Hans Strub