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12. November

Joseph sprach zu seinen Brüdern:
Zankt nicht auf dem Wege! 1. Mose 45,24

Reich beschenkt brechen Josephs Brüder auf, um zu ihrem Vater Jakob zurückzukehren und ihm die gute Nachricht zu bringen, dass Joseph lebt. Und mehr noch! Er hat das Vertrauen Pharaos und deshalb die Macht, seine Familie und alle, die dazugehören, nach Ägypten einzuladen, sodass sie der drohenden Hungersnot entkommen. Ende gut, alles gut, könnte man sagen.

Da ergreift Josef noch ein letztes Mal das Wort: «Zankt nicht auf dem Wege!», übersetzt Martin Luther pointiert, wo die Zürcher Bibel – sicher präziser – schreibt «Ereifert euch nicht auf dem Wege!» oder die Bibel in gerechter Sprache ein fröhliches «Macht euch keine Sorgen auf dem Weg!»
anbietet. Luther schlägt noch einmal den Bogen zum Anfang der Geschichte, die mit Neid und Streit unter den Brüdern beginnt. «Zankt nicht!» – daraus spricht die Sorge, dass sie in ihr altes Verhalten zurückfallen könnten und so den Segen des neu gewonnenen Lebens für Jakob und seine Söhne wieder zerbrechen.

Gott, gib uns Kraft, Leidenschaft und Liebe, das Alte hinter uns zu lassen und das heute und morgen Notwendige zu tun, sodass wir Leben bewahren für diese Welt!
Amen

von: Barbara und Martin Robra

11. November

Jakob zog seinen Weg. Und es begegneten ihm
die Engel Gottes. 1. Mose 32,2

«I have a dream and I believe in angels…» So sangen ABBA vor vielen Jahren, so sang eine Frau heute an der Beerdigung von Heinz. Er hat mit seinem frühen Tod rechnen müssen, er hat seine Sachen rechtzeitig geordnet, er ist ruhig gegangen. Im Vertrauen, dass es ihm gut ergehen wird. Das hat mich tief beeindruckt. Und dann lese ich diesen lakonischen Satz von heute und denke: wie Heinz. Jakob hat eine schwierige Lebenszeit hinter sich mit viel Unrecht, viel List, viel Schmerz, den er bereitet hat. Nun ist er auf dem Weg zu seinem Bruder, den er um das Recht der Erstgeburt schändlich betrogen hatte und deshalb ausser Landes flüchten musste. Auf seinem Weg hatte er den berühmten Traum mit der Himmelsleiter (1. Mose 28,10 ff.). Auf ihr stiegen die Boten Gottes, die Engel, auf und ab. Und Gott versprach ihm Begleitung und Schutz, wohin er auch ginge. Und jetzt, da er sich der Grenze zum Bruderland nähert, vertraut er diesen Boten. Vertraut, dass sie ihn durch alle Schwierigkeiten, die kommen werden, hindurchbegleiten. Weil Gott das zugesagt hat. Das Lied heute vom Glauben an diese Engel hat die Anwesenden
richtiggehend erfasst und angerührt. Denn es macht Mut zu solchem Vertrauen. Weil es in Gott begründet ist. Dann konnten sie nach der Beerdigung «ihrer Wege gehen». Mir selbst war es, als ob uns fein ein Engel gestreift hätte…

von: Hans Strub

10. November

Weh denen, die weise sind in ihren eigenen Augen
und halten sich selbst für klug! Jesaja 5,21

Der Satz trifft. Ich kenne solche, denen dieser Ruf gilt. Manchmal bin ich selbst einer von ihnen. Wenn ich mich dabei ertappe, wie ich mir selbst in Gedanken auf die Schulter klopfe im Gefühl, das war gut, was da eben war. Und es war nicht bloss Einbildung oder grundlose Selbstüberhöhung, es war tatsächlich gelungen, eine in meinen Augen tolle Idee durch die Teamsitzung zu bringen! Und dann lese ich diesen Satz und halte erschrocken inne. Dass ich dieser Haltung hier als Wehruf begegne, trifft mich. Ich kann mich ärgern und ihn unwirsch vom Tisch fegen wollen, es bringt nichts. Er steht weiter unmissverständlich da. Ich kann mich aber auf ihn einlassen und ihn wirken lassen. Aus dem Zusammenhang sagt er mir sehr klar, dass ich meine Weisheit nicht aus mir selbst schöpfe. Dass ich sie erhalten habe, dass sie mir geschenkt worden ist. Und dass ich sie im entscheidenden Moment abrufen konnte. Aus dem Ärger ersteht langsam eine Demut. Auch wenn der Wehruf des Propheten hart ist, ist er nicht das Ende! Im Gegenteil: Er nötigt mich, selbstkritisch zu sein. Und er ermöglicht mir eine Veränderung. Was auf das erste Hinhören wie eine Verurteilung tönt, bietet mir eine neue Chance. Macht mir bewusst, dass meine Klugheit eine Gabe ist, die ich einsetzen kann – als Entsprechung und aus Dankbarkeit.

von: Hans Strub

9. November

Der Geist hilft unsrer Schwachheit auf. Denn wir
wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebührt, sondern der Geist selbst tritt für uns ein mit unaussprechlichem Seufzen. Römer 8,26

Das «Seufzen» ist eigentlich das «Stöhnen» einer in den Wehen liegenden Frau. Mit ihr vergleicht Paulus die Schöpfung (Vers 22) und uns Menschenkinder – auch wir stöhnen und sehnen uns nach Erlösung (Vers 23). Und nun, im heutigen Lehrtext, ist vom Seufzen beziehungsweise Stöhnen der göttlichen Geistkraft die Rede. Ein dreifaches Seufzen-Stöhnen durchzieht also das Universum, es gibt eine kosmische Konsonanz und Resonanz des Seufzens und Stöhnens. Sie bringt keine artikulierten Wörter hervor. Umso authentischer ist ihr Ausdruck. Ein Aphasie-Patient, der «die Worte nicht versteht und also auch nicht durch sie getäuscht wird» (Oliver Sacks), würde dieses Seufzen-Stöhnen bestens verstehen.

A-phasie, Sprachlosigkeit, ist eine Form von A-sthenie, von Kraftlosigkeit. Von ihr spricht Paulus im Lehrtext. Das Wort für «Schwachheit» im griechischen Urtext ist «Asthenie». Die Aphasie-Asthenie erweist sich als Stärke. Sie verbindet mein Selbst mit der Welt und schliesslich mit Gott selbst. Es ist Gott, der in mir, durch mich hindurch zu Gott betet, als Geistkraft, die – seufzend, stöhnend auch sie – den neuen
Menschen und den neuen Kosmos gebiert.

von: Andreas Fischer

8. November

Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden: denen, die an seinen Namen glauben. Johannes 1,12

Die Zeilen zuvor im Johannesprolog sind mit «und» aneinandergereiht: «und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst… und die Seinen nahmen ihn nicht auf». Das klingt auf Deutsch etwas merkwürdig. Doch im biblischen Sprachgebrauch hat es einen hymnischen Klang. Die Feierlichkeit deutet an: In dem, was da geschieht, ist Gott am Werk. Fast scheint es, als hätte Gott selbst ein Interesse daran, dass wir Menschenkinder uns in die Finsternis hineinbegeben, entsprechend dem Song, den der kanadisch-jüdische Sänger und Poet Leonard Cohen (1934–2016) kurz vor seinem Tod noch geschrieben hat: «You want it darker», «Du, Gott, willst es dunkler». Doch nun, im heutigen Lehrtext, vollzieht sich die Wende. Statt «und» steht «aber». Dieses «aber» markiert die Umkehr am tiefsten Punkt. Hier, ganz unten, geschieht die Rückkehr zum Licht. «Macht geben» ist ein juristischer Ausdruck. Er meint: Wir sind Kinder Gottes, nicht weil wir das im Moment grad so spüren. Es ist gültig, es ist objektiv, es gilt bis ans Ende der Zeit: Wir sind aus Gott gezeugt, sind Licht vom göttlichen Licht. Um ebendies zu erfahren, sind wir in die Finsternis gegangen.

von: Andreas Fischer

7. November

Als Jesus das Volk sah, jammerte es ihn;
denn sie waren geängstet und zerstreut wie Schafe, die keinen Hirten haben. Matthäus 9,36

Das Evangelium entstand so um 90 n.Chr. und wurde wohl erzählend in den ganz frühen Gruppen der neuen Christengemeinde verbreitet. Jesus teilte seine Beobachtungen bezüglich der Menschen um ihn herum.
So wie Jesu Beobachtungen kommen mir zurzeit auch weite Teile unserer Gesellschaften vor: erschöpft, hin und her gerissen bei der Vielzahl der herausfordernden Geschehnisse – häufig uneinig über Weg und Ziel. Hier in der Mitte Europas ist Krieg wieder zu einer Realität geworden. Weltweit haben wir eine Klimakatastrophe, die an vielen Stellen so real ist, dass Menschen – besonders im
pazifischen Raum – ihre Heimat verlassen müssen, wenn sie überleben wollen.
Aber sind wir denn wirklich wie Schafe, die keinen Hirten haben? Wenn wir unsere politischen Führungspersonen und deren Führungsqualitäten zum Massstab nehmen, können wir manchmal zu diesem Ergebnis kommen. Wenn wir aber den Kompass zum Massstab nehmen, den Jesus gepredigt und vorgelebt hat: «Dienet einander, wie ich euch gedient habe», also seid füreinander da, schaut über den Tellerrand und gebt weder diese Schöpfung noch die Zukunft auf. Als Glaubende leben wir in der Gewissheit, dass Gott sieht, wie die Entwicklung ist, aber er gibt uns nicht auf. Er stärkt uns darin, das Richtige zu tun und diese Welt zu erhalten.

von: Rolf Bielefeld

6. November

Gott, dein Weg ist heilig. Psalm 77,14

Ein Psalm, der mit der Klage startet und mit einem grossen Lob endet. Hier ist die menschliche Existenz zusammengefasst und wir könnten uns im Wissen der klugen Erkenntnis zurücklehnen.
Machen wir natürlich nicht, denn die Frage, was eigentlich einen «heiligen Weg» ausmacht, ist einfach zu reizvoll!
Die Geschichte präsentiert uns einige Wege, die einen geradezu heiligen Anstrich bekommen haben: zum Beispiel Heinrichs Bussgang nach Canossa, Luthers Weg nach Worms, Helmut Kohls Weg nach Moskau. Alles wichtige Wegmarken, aber mit einem «heiligen Weg» kann ich das doch nur schwer zusammenbringen. Ich habe von Jesus gelernt, dass Gott seine Schöpfung uneingeschränkt liebt und der Menschheit immer wieder vor Augen führt, dass diese umsorgt, gepflegt und erhalten werden muss. Dies geschieht nicht durch einen rächenden Gott im Himmelswagen, sondern durch inspirierte Menschen im Hier und Jetzt.
Wenn wir uns für die Erhaltung der Schöpfung, das Wohlergehen der Menschen um uns herum – und damit der Menschheit – einsetzen, sind wir auf diesem heiligen Weg
Gottes. Heilig steht dann für eine Erkenntnis im Herzen und im Verstand, die nicht mehr zur Disposition steht.
Der Dreiklang von Sehen – Beten – Handeln führt letztendlich zu dieser Art von Heiligkeit, die nicht einengt, sondern frei macht.

von: Rolf Bielefeld

5. November

Wer der Gerechtigkeit und Güte nachjagt,
der findet Leben, Gerechtigkeit und Ehre. Sprüche 21,21

Die Verfolgungsjagd ist heute bekannt aus Kriminalfilmen. Die Polizei fährt dem Übeltäter hinterher, aber dieser bleibt nicht stehen, sondern entfernt sich so schnell wie möglich. Es ist unsicher, ob ihn die Patrouille einholen und festnehmen kann. Der ungewisse Ausgang gehört dazu, wenn das Wort «verfolgen» im übertragenen Sinn gebraucht wird. Im Miteinander von Menschen und Völkern ist die Gerechtigkeit nicht so leicht zu erreichen. Manchmal rückt sie wieder in weite Ferne, und man muss von Neuem herausfinden, was für alle gerecht ist. Dem biblischen Sprichwort geht es noch um etwas anderes. Menschen sollen sich entscheiden, welches Ziel sie anstreben. Man kann dem nachrennen, was böse oder schlecht (Sprüche 11,19), was leer und nichtig ist (Sprüche 12,11). Aber das gleiche Wort wird in der Bibel auch gebraucht, wenn positive Ziele verfolgt werden: den HERRN erkennen (Hosea 6,3); das Gute (Psalm 38,21); den Frieden (Psalm 34,15). Der Losungsvers gibt die Zuversicht weiter, dass ein Finden möglich ist. Nicht nur die gesuchte Gerechtigkeit wird erreicht, sondern noch viel mehr dazu: Leben und Ehre. Jesus hat um diese Weisheit gewusst: «Sucht zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, dann werden euch all diese Dinge dazu gegeben werden.» (Matthäus 6,33)

von: Andreas Egli

4. November

Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet. Jesaja 66,13

Trost ist nötig, weil von Trauernden viel verlangt wird. Sie sind konfrontiert mit einer neuen Realität, in der etwas (oder jemand) Bedeutendes verloren ist. Sie erleben schmerzliche und chaotische Gefühle und geben ihnen Ausdruck.
Sie orientieren sich neu in einer Welt, in der ihnen Wichtiges fehlt. Sie finden mit der Zeit einen Weg, das Verlorene in Erinnerung zu behalten und doch mit dem eigenen Leben weiterzufahren. Man kann die Trauer auch als einen anspruchsvollen Lernprozess verstehen. Trost besteht nicht in schönen Worten, die dem Betroffenen diese Anstrengung ersparen wollen. Viel besser ist es, wie eine Mutter ihr weinendes Kind in den Arm nimmt und ihm zu spüren gibt: «Ich bin für dich da, wenn du mich brauchst. Ich halte es aus, wenn du klagst. Wir werden miteinander herausfinden, was wir tun können. Wir vertrauen darauf, dass es mit der Zeit wieder gut wird.» Trost ist ein Leitwort im zweiten Teil des Jesajabuchs. Die Texte verarbeiten die Erfahrung, dass das jüdische Volk sein Land verlor, aber nicht seinen Glauben. Sie machen all jenen Mut, die einen Verlust bewältigen müssen. Sie tragen bei zu einem Gottesbild, das auch mütterliche Züge trägt. «Wie ein Mann, den seine Mutter tröstet, so werde ich selbst euch trösten. Und in Jerusalem werdet ihr getröstet werden.»

von: Andreas Egli

3. November

So zieht nun an als die Auserwählten Gottes,
als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld. Kolosser 3,12

Da sollen wir Kleider anziehen: Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld und alles soll die Liebe zusammenhalten, wie es weiter heisst.
Als Leitfaden für meine Festkleider kann ich das annehmen und mich bemühen, ein solches Kleid anzuziehen. Aber mich als zu den Heiligen und Auserwählten Gottes
zu zählen, das geht nicht. Da wird mir angst und bange. Das mag ich nicht, so wenig wie ich Fanatiker mag. Christliche Fanatiker sind mir suspekt und ich meide sie wie der Teufel das Weihwasser!
Als von Gott geliebt, das kann ich als Versprechen gelten lassen. Ich für mich brauche indes eher das Wort angenommen. Mich von Gott angenommen fühlen – mit all meinen Beschränkungen – ist ein grosses Geschenk, und als solches empfinde ich es in den Zeiten, wo es mir zuteil wird.
In solchen Zeiten gelingt es mir bisweilen, eines der oben genannten Kleider anzuziehen und mich darin wohl zu fühlen, und helfende Worte fallen mir ein. Aber auserwählt und heilig? – Nein, das bin ich nicht.

Heilig und auserwählt kann man sicher auch anders verstehen. Wie verstehen Sie es?

von: Kathrin Asper