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22. November

Wie könnte ein Mensch recht behalten gegen Gott. Hat er Lust, mit ihm zu streiten, so kann er ihm auf tausend nicht eines antworten. Hiob 9,2–3

An englischen Unis gibt es Debattierclubs. Man übt sich in rednerischen Wettkämpfen. Ziel ist es, ein Gegenüber mit Argumenten zu «schlagen». Ich habe das nie in echt erlebt, aber denke, dass es bei einem solchen Schlagabtausch zur Sache geht. Natürlich mindert es die Streitlust erheblich, wenn man als Fliegengewicht gegen einen stärkeren Gegner antreten soll. Das ist bei Gott definitiv der Fall. Gott ist nicht nur Weltmeister, Gott ist der Meister der Welt. Was gibt es da noch zu debattieren? Hiob meint bitter: «Geht es um Macht und Gewalt: Er hat sie. Geht es um Recht: Wer will ihn vorladen?» (Vers 19) Das sind rhetorische Fragen. An wen gerichtet? Hiob debattiert ja nicht mit Gott, sondern mit seinen Freunden, aber er lamentiert, dass Gott sich der Debatte entzieht! Seine Freunde verteidigen Gott und decken Hiob mit Ratschlägen ein. Wer hat recht?
Das Buch Hiob ist von A bis Z im Stil einer Debatte konzipiert, bei der Gott zuerst lange schweigt und dann lange spricht. Im entscheidenden Satz richtet sich Gott an Hiobs Freunde. Er sagt ihnen: «Ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Hiob.» (Hiob 42,7) Gut zu wissen – Gott antwortet auf die Klage!

von: Ralph Kunz

21. November

Bis hierher hat uns der HERR geholfen. Samuel 7,12

Es herrschte Krieg zwischen den Israeliten und den Philistern. Samuel wurde gebeten, zum HERRN zu schreien, damit er den Israeliten beisteht. Zuerst aber wurden sie versammelt, gossen Wasser aus und sprachen davon, dass sie gesündigt hatten, denn sie hatten anderen Göttern vertraut. Und dann kam es zur Auseinandersetzung, ja zum Krieg gegen die Philister. Gott aber stand auf der Seite seines Volkes. Und dazu sprach Samuel, dass der HERR bis hierher geholfen hatte.
Immer wieder berichtet die Bibel über die Hilfe, die von
Gott, der Lebendigen, ausgeht. Es ist die Hilfe, die Leben ermöglicht, die den Menschen einen guten Weg zeigt, es ist die Hilfe, die auf der Seite der Menschen steht. Daran zu glauben, ja festzuhalten, ist nicht immer einfach. Gerade jetzt, wo der Krieg in der Ukraine intensiviert wird, wo Menschen dort und anderswo, wie in Niger, leiden, frage ich mich, weshalb ihnen keine Hilfe zuteilwird. Gewiss, die Israeliten haben sich schuldig bekannt. Aber an einem Schuldbekenntnis kann es in meinen Augen nicht liegen. Es leiden unzählige Menschen, denen keine Schuld vorgeworfen werden kann. Und eben genau da frage ich: Wo ist Gottes Hilfe? Aber diese Frage ist offensichtlich sinnlos. Vielmehr tue ich gut daran, eben gerade jetzt festzuhalten an der Überzeugung, dass die Lebendige mit allen Menschen auf ihrem Weg unterwegs ist. Schenke du allen leidenden Menschen deine Hilfe, jetzt.

von: Madeleine Strub-Jaccoud

20. November

HERR, kehre dich doch endlich wieder zu uns
und sei deinen Knechten gnädig! Psalm 90,13

Es ist, als ob die heutige Losung so gezogen worden sei, dass sie zu einem trüben Novembertag passt. Wenn es draussen trüb ist, machen sich trübe Gedanken im Herzen breit. Die Losung stammt aus einem Psalm, der von der Zeit und der
Ewigkeit berichtet, diese beschreibt, vielmehr: meditiert. Und da ist viel die Rede von Mühsal und Trug, vom Zorn Gottes und seinem Grimm. Die Zeit des Leidens soll ein
Ende haben, auch die Trübsal soll aufhören. Denn, so lese ich den Psalm, Gott, die Lebendige, ist nicht abwesend. Sie ist in schwierigen Situationen da, das möchten wir erfahren. Sie soll sich doch bitte zu uns wenden. Der Psalm spricht nicht von einem einzigen Gefühl. Es ist vom ganzen Leben die Rede, das, wenn es hochkommt, achtzig Jahre währt. In jedem Leben gibt es schwierige Zeiten. Und die Lebendige hilft, sie zu bewältigen, zu gestalten. Und sicher beten wir immer wieder darum, dass Gott bei uns und in der Welt sei. Es ist aber auch für mich so, wie es offenbar für den Psalmschreiber war: Gerade im Älterwerden möchte ich erfahren, dass mir die Lebendige nahe ist. Darum bete ich:
«Lass deine Diener dein Walten schauen und ihre Kinder deine Herrlichkeit. Und die Freundlichkeit des HERRN, unseres Gottes, sei über uns, gib dem Werk unserer Hände
Bestand, ja, gib dem Werk unserer Hände Bestand.»

(Psalm 90,16–17)

von: Madeleine Strub-Jaccoud

19. November

Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist. 1. Petrus 3,15

Rechenschaft ablegen müssen ist anstrengend, gelegentlich peinlich. Andere Menschen Rechenschaft ablegen lassen ist viel angenehmer, gelegentlich verleitet es zur Arroganz.
Die gegenwärtigen Zeitgeister evaluieren schneller, was ich mache, als es überhaupt getan ist. Das Seminar an der Uni ist noch gar nicht zu Ende, weil die Seminararbeiten noch nicht erdacht, geschweige denn geschrieben und bewertet sind, aber der Evaluationsbericht ist unterdessen längst fertig- und zugestellt. Als PDF-Datei in meinem Mailpostfach, unabänderlich, zum Abspeichern.
Im 1. Petrusbrief provoziert der Schreiber das Gegenteil, denn es geht ihm nicht um die Rechenschaft über die Zahlen von diesem oder jenem, was gelang oder missriet, was wurde und wo jemand versagte, sondern um die Rechenschaft über die Hoffnung, die jemand hegt.
Ich überlege mir, ob ich schon jemals nach irgendeiner Hoffnung gefragt wurde, wenn ich Rechenschaft ablegen sollte, wenn ich mich irgendwo zu verantworten hatte. Nicht einmal als ich mich um einen Vikariatsplatz bewerben musste, weil es damals viel zu wenige davon gab, wurde ich nach meiner Hoffnung gefragt. Wie immer ging es darum, was ich tat und wollte und konnte und hatte und schaffte. Eine kleine, private und ehrliche Evaluation ergibt: Im 1. Petrusbrief wird selten gelesen. Das ändert sich – hoffentlich.

von: Dörte Gebhard

18. November

Rosse helfen nicht; da wäre man betrogen; und
ihre grosse Stärke errettet nicht. Siehe, des HERRN Auge sieht auf alle, die ihn fürchten, die auf seine Güte hoffen. Psalm 33,17–18

Nichts haben wir dabei. Nackt kommen wir zur Welt. Nichts nehmen wir mit. Das letzte Hemd hat keine Taschen. Dazwischen aber häufen wir allerhand auf: viele Rosse oder Karossen mit vielen Pferdestärken und mehr oder weniger nachhaltigem Antrieb.
Wir umgeben uns mit Dingen, die nicht für die Ewigkeit gemacht sind. Wir nennen unser Eigentum, was Gott, unser Schöpfer, uns freundlicherweise vorübergehend zur Verfügung stellt. Wir kaufen und verkaufen, aber zuletzt können wir uns nicht freikaufen von unserer Erdenschwere. Zuletzt hinterlassen wir merkwürdige Dinge, oft ein Sammelsurium alles Möglichen, manchmal auch eine unmögliche Unordnung für unsere Nachfahren. Jedenfalls haben wir uns auf all das Zeug ein Leben lang verlassen, etwa, dass alle dieses bunt bedruckte Spezialpapier wirklich für wertvoll halten, mit dem man Rosse und Karossen kaufen kann. Auf das Selbsterreichte sind wir sogar ein bisschen stolz, fühlen göttliche Freuden, wenn wir etwas fertigbringen.
Aber unsere eigene Grossartigkeit rettet uns nicht. Gott sieht uns schon ins Herz, ehe wir das erste Mal beten. Gott ist gross, bevor wir das erste Mal ehrfürchtig staunen. Wir kommen zur Welt – voller Hoffnung, die Gott in uns setzt. Hüten wir diese Hoffnung, dann sterben wir nicht ohne sie.

von: Dörte Gebhard

17. November

Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und
eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der HERR. Jesaja 55,8

Der HERR bleibt für mich irgendwie unverfügbar. Gottes Gedanken sind nicht unsere Gedanken und Gottes Wege sind nicht unsere Wege? Halt! Wenn wir mit Gott in Verbindung sind und Gott die Liebe in uns ist, dann sind wir doch auf dem gleichen Weg zusammen unterwegs? Dann sind auch unsere Gedanken mit Gott verknüpft.
Der Vers versucht uns vielleicht klarzumachen, dass die Wege des HERRN unergründlich sind und wir nicht meinen dürfen, dass wir Gott im Sack haben. «Du sollst dir kein Gottesbild machen, keinerlei Abbild», heisst es in der Zürcher Bibel.
Dieses Gebot wird meiner Meinung nach oft falsch interpretiert. Es geht nicht darum, gelegentlich ein Bild von Gott malen zu dürfen, das machen wir ja alle gerne einmal. Aber es soll nicht zur fixen Vorstellung werden oder gar angebetet werden, weil Jahwe eben die Freiheit behalten will, sich uns differenziert zu offenbaren. Gott ist nicht so, wie wir ihn gerne hätten, sondern die Göttliche ist so, wie sie eben ist!
«Ich werde sein, der ich sein werde» lässt grüssen.
Wie oft machen wir uns fixe Vorstellungen von Menschen, Sachverhalten, anderen Kulturen und Religionen, weil wir glauben zu wissen, wie etwas funktioniert? Machen wir das nicht, denken wir dabei an den Vers hier und versuchen wir bei allem und jedem, keine fixen Bilder und Vorstellungen zu entwickeln. So sei es! Amen!

von: Markus Bürki

16. November

Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns,
dass Gott seinen eingebornen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen. 1. Johannes 4,9

Beim ersten Brief des Johannes ist unklar, ob Johannes diesen überhaupt eschrieben hat. Da der Brief in Sprache und Inhalt aber stark an das Johannesevangelium erinnert, wird er also dem Johannes zugeschrieben. Worum geht es auf diesen wenigen Seiten? Es geht um Liebe.
Das wichtigste Merkmal, wie die Wahrheit erkannt werden kann, ist die Liebe – zu Gott und zueinander. Wenig später lesen wir den Vers «Gott ist Liebe. Wer in der Liebe lebt, lebt in Gott und Gott lebt in ihm.» Wir sollen es wie Jesus machen, der uns bis in den Tod am Kreuz geliebt hat, wir sollen einander lieben – und wir sollen Gott lieben! Das kennen Sie wohl zur Genüge, oder nicht? Die Frage ist doch die: Leben wir diese Liebe auch im Alltag? In unseren Begegnungen, unseren Beziehungen, zu unseren Feinden? Wir sind alle «Sünder», ich sage lieber «unvollkommen», das
Wort «Sünderin» mag ich nicht besonders. Und reicht diese Geschichte mit Jesus als Sohn Gottes, um die Menschheit wirklich zur Liebe hin zu bewegen? Braucht es nicht noch viel mehr? Manchmal wünsche ich mir noch einen zweiten Jesus, der in die heutige Zeit kommt und noch einmal versucht, die «gute Nachricht» und die Menschenliebe der Welt weiterzugeben. Was würden wir wohl machen, wenn
er noch einmal käme? In ganz neuer Erscheinung? Und was ist, wenn er schon da ist? Amen!

von: Markus Bürki

15. November

Am Abend, da die Sonne untergegangen war, brachten sie zu Jesus alle Kranken und Besessenen. Markus 1,32

In der jüdischen Tradition bricht der Tag am Vorabend an. Auch der Sabbat beginnt am Freitagabend. Er gilt als Fenster zur Ewigkeit. Am Sabbat nehmen gläubige Jüdinnen und Juden die messianische Zeit vorweg. Sie tun dies durch praktisches Verhalten, nicht durch ein magisches Ritual. Zu Beginn des Sabbats, am Freitagabend, zünden sie Kerzen an, singen Psalmen. Sie wenden sich einander zu, segnen und empfangen den Segen. Sie beten gemeinsam und teilen die festliche Mahlzeit. Die Kranken und Besessenen werden am Abend zu Jesus gebracht: «da die Sonne untergegangen war». Jesus war Jude. Ich stelle mir vor, wie er sich beim Anbruch des neuen Tages den Kranken und Besessenen zuwendet, sich praktisch und solidarisch verhält. Kein Hokuspokus, kein Simsalabim.

Der neue Tag beginnt in der Dämmerung. In diesem Zwischenraum sind wir empfänglicher für die feinen Töne, für die neuen Möglichkeiten. Da keimt neue Hoffnung, auch unerhörte, ausserordentliche. Wir wagen mehr, wenn unsere Schatten verschwinden. Setzen manchmal sogar alles auf eine Karte. Wunderbares geschieht. Und es braucht die ganze
Nacht, bis die feinen Strahlen der Sonne wieder zu uns durchdringen und neues Leben in uns erwacht. In dieser Nachterfahrung bricht das neue Leben hervor

von: Chatrina Gaudenz und Lars Syring

14. November

Gott spricht: Ich will nicht immerdar hadern
und nicht ewiglich zürnen. Jesaja 57,16

Momente des Haderns, des Zweifelns und des Zürnens sind mir unterdessen ganz lieb. Sie sind der Anfang eines Prozesses, ein innerer Aufbruch. Momente der Gleichgültigkeit finde ich viel schwieriger zu ertragen. Der jüdische Nobelpreisträger und Auschwitz-Überlebende Elie Wiesel notiert in einem seiner Bücher: «Ich habe immer daran geglaubt, dass das Gegenteil von Liebe nicht Hass ist, sondern Gleichgültigkeit; dass das Gegenteil von Glauben nicht Überheblichkeit ist, sondern Gleichgültigkeit, und das Gegenteil von Hoffnung nicht Verzweiflung ist, sondern Gleichgültigkeit.» Gleichgültigkeit ist das Ende eines Prozesses. Gottes Geschichte mit seinen Menschen, so, wie sie in der Bibel erzählt wird, ist keine gleichgültige.

Sie erzählt von einer Entwicklung bei Gott. Nach der Sintflut hat Gott gelernt, dass durch Zerstörung nichts zu gewinnen ist. «Nie wieder!», verspricht Gott. Stattdessen ringt sich
immer mehr der erbarmende Gott in den Vordergrund, wie in Psalm 103. Und der Segnende, so wie bei Jakob am Jabbok. In Jesus wird die Menschenfreundlichkeit Gottes sehr konkret. Jesus ist dabei keineswegs so «lieb», wie er oft dargestellt wird. Bei der Tempelreinigung ist er ziemlich sauer. Ich mag es, dass Jesus seine ganz Bandbreite an Gefühlen auslebt. Und dass die Liebe siegt. Immer.

von: Chatrina Gaudenz und Lars Syring

13. November

Gott der HERR hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück. Jesaja 50,5

Am 12. April 1938 liest Jochen Klepper die Tageslosung und weitere Verse im 50. Kapitel aus dem Buch des Propheten Jesaja. Sie sprechen zu ihm in seiner Situation, die für ihn in Nazideutschland mit seiner jüdischen Frau und den Töchtern immer schwieriger wird. Den ganzen Tag lässt ihn der Text nicht los. Am Abend schreibt er eines seiner schönsten Lieder:

Er weckt mich alle Morgen,
Er weckt mir selbst das Ohr.
Gott hält sich nicht verborgen,
führt mir den Tag empor,
dass ich mit Seinem Worte
begrüss das neue Licht.
Schon an der Dämmrung Pforte
ist Er mir nah und spricht.

Danke, Jochen Klepper! Dein Lied hat uns in schwierigen Situationen getröstet und Hoffnung gegeben. Mit der drohenden Deportation deiner Frau hast du für dich und deine Lieben im Dezember 1942 keinen anderen Ausweg mehr gesehen als den Selbstmord. Wir vertrauen darauf, dass mitten in dieser Nacht des Todes Gott euch aufgenommen hat ins neue Licht des Lebens.

von: Barbara und Martin Robra