Autor: Andreas Fischer

14. Mai

Christus spricht: Wenn ich erhöht werde von der Erde,
so will ich alle zu mir ziehen. Johannes 12,32

Mit der «Erhöhung von der Erde» meint Christus seine Himmelfahrt,
die wir heute feiern. Der Gedanke liegt zumindest
nahe. Im nächsten Vers wird er allerdings in die Schwebe
gebracht. Da heisst es, Christus wolle mit diesen Worten
andeuten, welchen Tod er sterben würde (Vers 33). «Erhöhung
» hat einen doppelten Sinn: Sie meint zunächst die
Kreuzigung und dann den Aufstieg in den Himmel. Dass
beides mit ein und demselben Wort gesagt wird, ist mehr
als blosse Wortspielerei. Beides – der Abstieg in die Tiefen,
der Aufstieg ins Licht – hängt zusammen. Christus habe sich
erniedrigt bis zum Tod am Kreuz, heisst es in einem urchristlichen
Hymnus; darum habe Gott ihn über alles erhöht (Philipper
2,8 ff.). – In diese Dynamik der «Erhöhung» werde er
auch uns «ziehen», sagt Christus in unserem Vers weiter. Das
sind Worte, die Licht am Horizont aufscheinen lassen, wenn
man mit Schatten zu kämpfen hat. Sie machen deutlich, dass
es Christus selbst ist, der einen ins Dunkel hineinzieht. Dass
ich ihm mithin auf seinen Pfaden folge und er den Weg mit
mir geht. Und dass in diesen Schatten und durch sie hindurch
der Himmel sichtbar wird. – Die Dynamik der «Erhöhung»
betrifft «alle». Hier, schreibt der Jesuit Johannes Beutler, finde
der johanneische Heilsuniversalismus seinen unüberholbaren
Ausdruck. Einen Augenblick lang meint man, Licht am Horizont
zu sehen, für die eigene kleine Seele, für die ganze Erde.

Von: Andreas Fischer

14. März

Zur Freiheit seid ihr berufen worden, liebe Brüder und Schwestern. Auf eins jedoch gebt acht: dass die Freiheit nicht zu einem Vorwand für die Selbstsucht werde, sondern dient einander in der Liebe! Galater 5,13

Freiheit gilt als hohes Gut. Das ist heute so, das war schon in der Antike so, auch für den Apostel Paulus. In der Regel wird Freiheit als Autonomie verstanden, als unabhängiges Verfügen über sich selbst. Der paulinische Freiheitsbegriff, wie er im heutigen Lehrtext zum Ausdruck kommt, ist indessen ein anderer. Hier «inkarniert» sich die Freiheit, wie der Zürcher Neutestamentler Samuel Vollenweider schön schreibt, «in der Liebe».
Gewiss, die Freiheit erwächst aus der Befreiung vom Dienst an falschen, faktisch inexistenten Göttern (Galater 4,8; man mag dabei an Götzen wie Geld und Gier, Macht und Sucht denken). Doch die so gewonnene Freiheit, sagt Paulus, darf nicht zum «Vorwand» (andere Übersetzungsmöglichkeiten: «Anlass», «Anreiz») für die Verkapselung des Egos in sich selbst werden. Vielmehr soll sich der befreite Mensch in ein Gewebe von Interdependenz hineinbegeben, wo einer dem anderen «dient». Freiheit manifestiert sich also paradox als gegenseitiger Dienst in der Liebe.
«Die hier gemeinte wechselseitige Abhängigkeit» aber, schreibt Dorothee Sölle in «Mystik und Widerstand», «bedeutet nicht Zwang und Unterlegenheit, nicht Dependenz als Krankheit, sie erhöht vielmehr meine Freiheit.»

Von: Andreas Fischer

14. Januar

Der Engel des HERRN lagert sich um die her,
die ihn fürchten, und hilft ihnen heraus.
Psalm 34,8

Der «Engel des Ewigen» tritt auf in zentralen Geschichten der Bibel, unter anderem bei Hagars Flucht (Genesis 16), Abrahams Opfer (Genesis 22), dem brennenden Dornbusch (Exodus 3). Immer ist seine Identität schillernd: Ist der Engel ein vom Ewigen unterschiedener Gesandter? Oder ist es der Ewige selbst, der da erscheint? Vielleicht sind der «Ewige» und der «Engel des Ewigen» zwei Seiten desselben: Gottes Ferne und Nähe, die Transzendenz und Immanenz der Gottheit. Der Engel symbolisiert Gottes Zuneigung, der Ewige die göttliche Souveränität und Unverfügbarkeit.
In der heutigen Losung manifestiert sich der Ewige als Anführer eines himmlischen Heers, das sich um mich herum «lagert», mich bewahrt, behütet, beschützt; das entsprechende Partizip im hebräischen Urtext meint, übrigens, einen Zustand: Bei Tag und bei Nacht bin ich umgeben von guten Mächten.
Die Aussage gilt für jene, die ihn – den Ewigen – «fürchten», ihn mehr als alles andere in Respekt halten, mehr als alle irdische Ehre und Macht, als Karriere, Reichtum, Erfolg. Die «Gottesfurcht» führt – das ist die Verheissung der heutigen Losung – zu innerer Furchtlosigkeit und Freiheit: Da ist dieses himmlische Heer, das um mich herum «lagert»; da ist dieser Engel, der mir «heraushilft» aus all dem, was meine kleine Seele beengt.

Von: Andreas Fischer

15. November

Fülle uns frühe mit deiner Gnade, so wollen wir rühmen
und fröhlich sein unser Leben lang. Psalm 90,14

«Fülle uns frühe», heisst es in der Lutherbibel mit schöner
Alliteration. Die genaue Übersetzung lautet: «Sättige uns
am Morgen.» Hier wird der Bezug zu Vers 6 im selben Psalm
deutlich: «Am Morgen blüht das Gras, doch es vergeht, am
Abend welkt es und verdorrt.» Der Morgen gehört dort
zur Vergänglichkeit, die als schwermütiger Grundton den 90. Psalm durchzieht. Doch hier, im 14. Vers, der heutigen
Losung, ändert sich die Metaphorik des Morgens. Er ist, wie
auch sonst oft in der Bibel, die Zeit Gottes: «All Morgen ist
ganz frisch und neu des Ew’gen Gnad und grosse Treu; sie
hat kein End den langen Tag», heisst es in einem Morgenlied.
«Unser Leben lang» lautet genau übersetzt «all unsere
Tage». Der Basler Alttestamentler Klaus Seybold (1936–2011)
vermutet, dass ursprünglich an einen Frühgottesdienst
gedacht war, der den ganzen Tag über seelisch nährt.
Tatsächlich ist dies die Überzeugung des Psalmbeters:
Die Gnade Gottes nährt. Es sind keine konkreten irdischen
Güter, um die er bittet, nicht Reichtum, nicht Macht, nicht
ein langes Leben. Nur die Zuneigung Gottes erbittet er, die
«Erfahrung Gottes selber» (A. Weiser). Sie sättigt uns, wie
das Manna in der Wüste, an diesem Tag. Und alle Tage unseres
Lebens.

Von: Andreas Fischer

14. November

Jesus spricht: Mein Vater, der sie mir anvertraut hat,
ist mächtiger als alle. Niemand kann sie aus seiner Hand
reissen. Johannes 10,29

Die Übersetzung der Zürcher Bibel unterscheidet sich – aufgrund
einer anderen Lesart des Urtexts – deutlich von jener
des heutigen Lehrtexts: «Was mein Vater mir gegeben hat,
ist grösser als alles, und niemand kann es der Hand des Vaters
entreissen.» – Zwei Unterschiede fallen auf:

  1. Im Lehrtext ist von «sie» die Rede, was im Zusammenhang
    von Johannes 10 die «Schafe» beziehungsweise die
    Anhänger:innen Jesu im Gegensatz zu den «Juden» meint.
    Die Übersetzung der Zürcher Bibel hingegen spricht von
    «es». Damit könnte auch Innerseelisches gemeint sein, etwa
    jene «Kraft in der Seele», die im Gegensatz zu den Egokräften
    «grösser als die ganze Welt» sei, wie der deutsche
    Mystiker Meister Eckhart (1260–1328) sagt.
  2. Dass Gott «mächtiger als alle» sei, klingt, wie es in einem
    Kommentar heisst, «allzu banal». Dass hingegen mein wahres
    Wesen – wie die Liebe (1. Korinther 13,13) – in den Augen
    Gottes «grösser» als alles sei, grösser als Macht und Mammon,
    das ist eine überraschende Aussage. Sie lässt meinen
    Seelenfunken aufleuchten, meine bedingungslose Würde,
    die nichts und niemand der liebenden Hand Gottes entreissen
    kann, kein Wolf, wie es im Kontext heisst (Vers 12),
    nicht das Schreckliche, das in dieser Welt geschieht, nicht
    die Egomanen, die sie derzeit regieren, und auch nicht die
    eigene Gier.

Von: Andreas Fischer

15. September

Und viele, die zuhörten, verwunderten sich und
sprachen: Ist der nicht der Zimmermann?
Markus 6,2.3

Welchen Beruf Jesus einst genau ausgeübt hatte, ist nicht ganz klar. Vielleicht war er als Bauhandwerker beim Neuaufbau der in der Nähe von Nazaret liegenden Residenzstadt Sepphoris tätig. Vielleicht hatte er auch bäuerliches Gerät wie Pflüge und Joche hergestellt.
Jedenfalls hat er seinen Job in jungen Jahren aufgegeben. Seither verkündet er als Wanderprediger das «Geheimnis des Gottesreichs» (Markus 4,11) und verwirklicht es kraft seiner Wundertaten.
Nun kehrt er zurück in sein Heimatdorf. Die Synagoge ist voll, viele wollen ihn hören, eine Frage folgt der anderen, alle reden durcheinander. Man ist skeptisch ihm gegenüber. Man kennt ihn, man weiss, aus welcher Familie er stammt, welcher Arbeit er nachgegangen war. Man meint, ihn «in bekannte Kategorien eingliedern» zu können (E. Schweizer).
Doch der Messias ist nicht integrierbar, er ist anders, grösser. Er ist, wie der Apostel Paulus mit denselben Worten wie Markus 6,2 sagt, «Kraft Gottes» (das griechische Wort Dynamis, «Kraft», bedeutet in Markus 6,2: «Krafttaten») und «Weisheit Gottes» (1. Korinther 1,24).
Aus dieser Kraft und Weisheit Gottes leben auch wir. Durch sie, in ihnen werden auch wir die Horizonte des eigenen Gewordenseins weit überschreiten.

Von: Andreas Fischer

14. September

Als der Sohn noch weit entfernt war, sah ihn
sein Vater und es jammerte ihn, und er lief und
fiel ihm um den Hals und küsste ihn.
Lukas 15,20

Martin Werlen, der frühere Abt des Benediktinerklosters Einsiedeln, betont zu Recht: «Seine Not treibt den Verlorenen Sohn zurück nach Hause, nicht etwa die Liebe zu seinem Vater. Er will wenigstens wieder etwas zu essen haben.» Beim Vater verhält es sich anders: «Er hat ihn erwartet, hat nach ihm Ausschau gehalten, seine Liebe ist nicht erloschen.»
Das Mitgefühl des Vaters (es jammerte ihn) kommt von tief unten. Das entsprechende Wort im griechischen Urtext leitet sich von den Eingeweiden ab. Dort also, in den Eingeweiden, ist der Sitz der väterlichen Empathie.
Weiter ist es gegen jede Sitte, dass der Vater dem Sohn entgegenrennt. Ein würdiger Orientale rennt nicht, selbst wenn er es eilig hat. Dazu müsste er nämlich sein langes Gewand mit den Händen hochheben, und die nackten Waden würden sichtbar.
Der Kuss schliesslich ist in der Bibel Geste der Versöhnung. Mit dieser Geste kommt der Vater dem Schuldbekenntnis des Sohnes zuvor. Das in Vers 21 folgende Schuldbekenntnis hinkt hinterher. Es hat keine Bedeutung mehr.

Von: Andreas Fischer

15. Januar

Die Stunde kommt, und sie ist jetzt da, in der die
wahren Beter in Geist und Wahrheit zum Vater beten
werden.
Johannes 4,23

Als Rabbi Jischmael sich aufmachte, um Gott in Jerusalem
anzubeten, begegnete ihm ein Samaritaner und fragte ihn:
«Wäre es nicht besser für dich, auf diesem gesegneten Berg
zu beten als auf jenem Misthaufen?» Mit dem «gesegneten
Berg» meinte er den Garizim, den heiligen Berg der Samaritaner.
Der Jerusalemer Tempelberg hingegen war aus samaritanischer
Sicht ein «Misthaufen». – Der kleine interreligiöse
Dialog macht deutlich, wie tief der Graben zwischen Juden
und Samaritanern damals war. Dass der jüdische Mann Jesus
in der Szene, aus der der heutige Lehrtext stammt, mit einer
samaritanischen Frau in Dialog tritt, ist eine Grenzüberschreitung
sondergleichen.
Nichtsdestotrotz bleibt Jesus der Mensch jüdischer Herkunft,
der er ist: «Das Heil», sagt er, «kommt von den Juden»
(Vers 22). Doch dann transzendiert er diese chauvinistische
Position, transferiert sich selber in jenes grenzenlose Drüben,
das in ihm hier schon, heute schon angebrochen ist. Dass das
Gebet «in Geist und Wahrheit» vollzogen wird, setzt den
Ich-Tod voraus, in dem alle personalen, lokalen, nationalen
Eigeninteressen überwunden sind. Im Johannesevangelium
wird dieser Ich-Tod symbolisiert durch das «Weggehen»
Jesu Christi: Wenn er gehe, sagt er selbst, entstehe Raum für
den «Geist der Wahrheit», der kommt (Johannes 16,7–13!).

Von: Andreas Fischer

14. Juli

Meine Geliebten, flieht die Verehrung
der nichtigen Götter!
1. Korinther 10,14

Derzeit planen wir in unserer Kirche die Erstellung eines
Mandalas durch tibetische Mönche. Doch es gibt Einwände.
Sie entsprechen dem paulinischen Appell: Wir sollen in
unserem christlichen Gotteshaus keinen fremden Göttern
huldigen. Theologisch vermag ich mich gegen das Totschlagargument
nicht zu wehren. Doch mich beeindrucken die
Mönche, die ich von früheren Mandala-Aktionen her kenne,
ihre Einfachheit, ihr Humor, ihre Demut. Ich wünschte, ich
könnte selber aus derartigen spirituellen Quellen schöpfen.
Ausserdem hat mich das Schlussritual tief berührt: Wie sie
das Mandala, an dem sie eine Woche lang konzentriert gearbeitet
hatten, verwischten und den Sand dem nahegelegenen
Rhein übergaben.
In anderem Zusammenhang ist der paulinische Appell
für mich durchaus persönlich bedeutsam: Wenn mit den
«nichtigen Göttern» der Mammon gemeint ist oder woran
sich das menschliche Herz sonst noch so hängen mag, dann
leuchtet mir der urbiblische Befehl ein, keine anderen Götter
neben der einen Gottheit zu haben. Gerade hier aber ist
die Schlusszeremonie der tibetischen Mönche eine wegweisende
spirituelle Praxis. Sie entspricht den Worten des
christlichen Mönchs und Mystikers Meister Eckhart:
«Wer sich selber gelassen und nichts für sich behalten hat,
der hat alles; denn nichts haben, das ist alles haben.»

Von: Andreas Fischer

15. Mai

Jesus sprach: Der Zöllner stand ferne, wollte auch
die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug
sich an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder
gnädig! Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab
in sein Haus.
Lukas 18,13–14

Meine Studienzeit liegt schon ein paar Dekaden zurück,
vieles habe ich vergessen. Doch an eine Szene erinnere ich
mich noch gut: Im Rahmen eines Bibliodrama-Workshops
spielten wir das Gleichnis vom Pharisäer und vom Zöllner,
an dessen Ende der heutige Lehrtext steht. Mir kam die Rolle
des Pharisäers zu. Bei der Auswertung zeigte sich der Leiter
beeindruckt von meiner Performance. Das Kompliment
kam bei mir durchaus ambivalent an und war wohl auch so
gemeint. Da war so etwas wie der «Pharisäer in mir» zum
Vorschein gekommen, jener Pfaffe, von dem Zwingli sagt, er
sei «stolz wie Holz».
Passend zu dieser prägenden Erinnerung schreibt Eduard
Schweizer in seinem Kommentar, man soll sich «nicht
nur mit dem Zöllner identifizieren, sondern in sich selbst
auch etwas vom Pharisäer entdecken». Indessen ist auch
die Identifikation mit dem Zöllner interessant. In Bezug auf
ihn schreibt Schweizer: «Mit Minderwertigkeitsgefühlen ist
nichts erreicht; erst mit der Entdeckung des unvorstellbar
gnädigen Gottes.» Das Gleichnis befreie, lautet Schweizers
Fazit, aus Selbstgerechtigkeit und auch aus «Lebensuntüchtigkeit,
die um den mangelnden Selbstwert kreist».

Von: Andreas Fischer