Autor: Andreas Fischer

9. November

Wenn jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in aller Wahrheit leiten.  Johannes 16,13

Im griechischen Urtext heisst es: «Wenn jener kommt, das Pneuma der Wahrheit.» «Jener» ist merkwürdigerweise maskulin, «Pneuma» ein Neutrum. «Jener» bezieht sich also noch auf etwas anderes als auf das Pneuma. Und tatsächlich gibt es im Johannesevangelium die geheimnisvolle Gestalt des Parakleten, des Beistands. Jesus, der Abschied nimmt von seinen Jüngern, verheisst ihnen, dass der Paraklet kommen wird. Im heutigen Lehrtext identifiziert er das Pneuma mit diesem Parakleten. Dadurch gewinnt das Pneuma, dieses Fluidum, das alles inspiriert und belebt, eine personale Seite: Es wird ansprechbar, kommt uns nahe als DU. – Gemäss einer alternativen Lesart führt der Geist nicht in «aller, sondern in «alle» Wahrheit. Die erste Version betont den Lebensraum, den die verlässlich anwesende göttliche Geistkraft (so kann «Geist der Wahrheit» paraphrasiert werden) eröffnet. Die zweite Version betont die Offenheit der Zukunft: Der Weg führt in noch unbekannte Dimensionen der Wahrheit hinein. Jesus sagt, er werde einen «anderen Parakleten» (14,16) senden. Die Andersheit ist unheimlich (das griechische Wort für «Wahrheit» bedeutet «Un-Verborgenheit») – und ebenso «verheissungsvoll». «Verheissungsvoll», schreibt der deutsche Theologe F. W. Marquardt (1928–2002), «ist nur das Andere des anderen Beistands: heraus aus dem Vertrauten ins Trauen.»

Von Andreas Fischer

8. November

Fürchte dich nicht, sondern rede und schweige nicht! Denn ich bin mit dir, und niemand soll  sich unterstehen, dir zu schaden.       Apostelgeschichte 18,9–10

Die Worte dieses Lehrtextes spricht der Kyrios (Herr) Jesus Christus im Traum zu Paulus. Sie beziehen sich auf die heutige Losung, in welcher Gott zum Propheten Jeremia spricht:

«Sage nicht: ‹Ich bin zu jung›, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. Fürchte dich nicht vor ihnen, denn ich bin bei dir, um dich zu retten.» (Jeremia 1,7 f.)

Losung und Lehrtext gleichen sich in vielem. Die Worte des «Herrn» (der hier Gott, dort Jesus Christus meint) stammen aus einer transzendenten Welt – hier aus einer überweltlichen Vision, dort aus einem Traum. Hier wie dort geben sie Durchhaltevermögen. Paulus wird nach der Zusage Christi lange Zeit in Korinth ausharren. Das ist nicht nur wegen der misslichen Umstände in dieser Stadt ohne Gott überraschend, sondern auch, weil er dort «in Schwachheit und Furcht und mit vielem Zittern» auftritt. Das Einzige, das er zu predigen weiss, ist «der gekreuzigte Christus» (vgl. 1. Kor 2,2 f.). Bei Jeremia, der sich für «zu jung» hält, ist es ähnlich. Es ist so etwas wie ein biblisches Grundmuster: Die Kraft erweist sich in Schwachheit (2. Kor 12,9). Der jüdische Sänger und Songwriter Leonard Cohen (1934–2016) hat es in die folgenden Worte gefasst:

There’s a crack in everything, that’s how the light gets in.

Von Andreas Fischer

9. September

Nicht die Starken bedürfen des Arztes, sondern die Kranken. Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder. Markus 2,17

Der sagenumwobene griechische Philosoph Diogenes von Sinope (404–333 v. Chr.) soll von den Spartanern eine höhere Meinung gehabt haben als von den Athenern. Einmal habe ihn ein verärgerter Bewohner Athens gefragt, warum er dann hier und nicht dort wohne. Darauf habe Diogenes geantwortet: «Der Arzt, der seinen Patienten hilft, hält sich auch nicht bei den Gesunden auf.»
Es ist nicht anzunehmen, dass Jesus diese Worte des Diogenes kannte. Vielmehr sind beider Worte aus demselben Geist entstanden. Der eine lebte in einem Fass, der andere sagte, dass Füchse ihre Höhlen haben, er selber aber keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen könne (Matthäus 8,20). Die Freiheit von allen – materiellen und geistigen – Bindungen machte die beiden zu Heilern. Durch sie wirkte die ursprüngliche Kraft unverstellt.
Die Kraft ist universal. Was Jesus sagt, richtet sich nicht gegen «Starke» und «Gerechte». Aber allemal: Sein Kommen aus dem göttlichen Ursprung gilt jenen, die aus diesem Ursprung hinausgefallen sind. Sie gilt es heimzuholen. Zu heilen. Und selber zu Heilern werden zu lassen. Sie sind dafür besonders geeignet. Denn sie haben nichts zu verlieren – weder Gesundheit noch Gerechtigkeit – und sind also, auch sie, frei von allen Bindungen.

Von Andreas Fischer

8. September

Und alsbald trieb ihn der Geist in die Wüste; und er war in der Wüste vierzig Tage und wurde versucht von dem Satan und war bei den Tieren, und die Engel
dienten ihm.
Markus 1,12–13

Der Geist, die ruach, ist eine «überwältigende Macht, die den von ihm Befallenen anderswohin treibt» (E. Schweizer). Anderswohin: hinaus aus der Zivilisation, der Konvention, hinaus aus der Ordnung, hinein in die Wüste. Diese steht für Unort, Tohuwabohu, Chaos. Dort draussen, «anderswo», treiben sich dem Alltagbewusstsein fremde Wesen umher, Strausse, Schakale, struppige Böcke (Jes 13,21 f.). Die Engel, der Satan. Anders als im Matthäusevangelium (4,11) erfolgt ihr Auftritt nicht gestaffelt, dass zuerst der Satan Jesus versucht und danach die Engel ihm dienen. Nein, diese magisch-mythischen Gestalten sind alle gleichzeitig und gemeinsam gegenwärtig. Der Weg führt nicht aus Hölle und Fegefeuer hinein in den Reigen seliger Geister. Vielmehr führt der Weg durch die Wüste als Chaos-Ort hinein in die Wüste als den Ort, wo all diese Illusionen verschwinden. Wo der Horizont unendlich wird. Im granum sinapis (Senfkorn), einem mittelalterlichen mystischen Text heisst es:

Sie liegt so breit, / unmessbar weit. / Die Wüste hat / nicht Zeit noch Statt. … Lass Ort, lass Zeit, / auch Bild lass weit! / Geh ohne Weg / den schmalen Steg! / So stösst du auf der Wüste Spur.

Von Andreas Fischer

9. Juli

Jesus spricht: Wen da dürstet, der komme zu  mir und trinke!                                                                    Johannes 7,37

Der zeitgenössische Theologe und Psychoanalytiker Eugen Drewermann bezeichnet in seinem Kommentar zur Stelle Religion als «Gespür eines Durstes, der nie aufhören wird».

In diesem Zusammenhang sei auf ein Detail im Lehrtext hingewiesen: Man kann den Punkt auch an einer anderen Stelle setzen. Dann heisst es: «Wenn jemand Durst hat, komme er zu mir, und es trinke, wer an mich glaubt.» Wenn man den Punkt so setzt, entsteht eine überraschende Parallele: «Wer an mich glaubt» ist dann gleichgesetzt mit «Wer Durst hat». Das heisst: Die Glaubenden sind die Dürstenden!

Das ist nicht das übliche Bild, das man vom Glaubenden hat als dem, der etwas besitzt, irgendeine Gewissheit, dass Jesus ihn erlöst hat, dass er errettet ist, dass er nach seinem Tod ins Ewige Leben eintreten wird. Nicht das ist der Glaubende, sondern der, dessen Durst nie aufhören wird. Der weiss, dass er arm ist, angewiesen auf Christus, der seinen Durst löscht, angewiesen auf den göttlichen Geist, die Ruach, die uns Leben einhaucht, Atemzug für Atemzug.

Der Glaubende ist, so gesehen, der, welcher den Durst zulässt und ihm folgt, hin zur Quelle.

Von Andreas Fischer

8. Juli

Lasst uns Gutes tun und nicht müde werden;  denn zu seiner Zeit werden wir auch ernten, wenn wir nicht nachlassen.                                                Galater 6,9

Albert Schweitzer stellt in aller Schärfe fest: Zwischen   der «Rechtfertigung allein aus Glauben» des Apostels   Paulus – d. h. der Botschaft vom bedingungslosen Geliebtsein von uns Menschenkindern mit all unseren Abgründen – und seiner Ethik gebe es eine «Schlucht». Und da sei keine Brücke, die die eine Seite mit der anderen verbinde. – Der heutige Lehrtext scheint diese Analyse zu bestätigen: Was hat der ethische Gemeinplatz, man solle «Gutes tun», mit der paulinischen Durchbruchserfahrung zu tun, dass Gottes Zuneigung gilt, immer, überall, absolut unabhängig von unseren Leistungen und Verdiensten?

Vielleicht sind es ja verschiedene Bewusstseinsebenen, die bei Paulus nah beieinander waren: Nach ekstatischen Augenblicken sank er wieder auf niedrigere Niveaus. – Indessen scheint mir eine andere Überlegung ebenfalls bedenkenswert zu sein: So wie das bedingungslose Geliebtsein allen Menschenkindern gilt, betrifft uns auch die Ethik unterschiedslos. Der deutsche Neutestamentler Michael Wolter schreibt nicht ohne Humor: «Gutes tun tut jeder menschlichen Gemeinschaft gut, nicht nur der christlichen.» Es gäbe sie also doch, die Brücke über die Schlucht – für uns alle!

Von Andreas Fischer

9. Mai

Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist   in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit. Epheser 4,23–34

Die Übersetzung ist, zumindest in der ersten Zeile, nicht im Sinn und Geist des Urtextes. Dort geht es nicht um aktive Selbsterneuerung, sondern darum, das eigene Denken durch die göttliche Geistkraft, die Ruach, neu werden zu lassen. Es geht um einen «Schöpfungsakt, bei dem der Atem Gottes eine verursachende Rolle spielt» (Gerhard Sellin). Also: «Lasst euer Denken durch die Ruach neu werden!»– Daran schliesst sich die Vorstellung vom neuen Kleid nahtlos an. Es mag in Zeiten von Zara schwer vorstellbar sein, doch in der Antike waren Kleider «individuell zugeschnittene Einzelstücke, mühsam von Hand gefertigt, mit dem eigenen Leben aufs engste verbunden» (M. Gese). Der «neue Mensch», den es anzuziehen gilt, trägt das ursprüngliche Lichtkleid, das uns alle umhüllt hatte, bevor wir aus dem Garten Eden vertrieben wurden. Der «neue Mensch» ist «die Neu-Realisierung des paradiesischen Menschen» (J. Gnilka). – Seine Wesenszüge sind «Gerechtigkeit und Heiligkeit»: Gerechtigkeit ist die Tugend in Bezug auf die Mitmenschen, Heiligkeit die Tugend in Bezug auf Gott. Entscheidend aber ist die Wahrheit: Sie verweist, im Gegensatz zu allem Schein, in ein «Leben im Bereich des Seienden, des ‹Bleibenden›» (G. Sellin). – In Zeiten von Zara gilt es, sich an diesen ursprünglichen Lebensbereich zu erinnern.

Von Andreas Fischer

8. Mai

Die Blinden will ich auf dem Wege leiten,den sie nicht wissen; ich will sie führen auf den Steigen, die sie nicht kennen.                 Jesaja 42,16

Gott führt die Exilierten durch die Wüste nach Hause. Doch weshalb bezeichnet er sie als Blinde? Ist es wirklich – wie manche Kommentare meinen –, weil ihnen der Glaube an die Zukunft, die Hoffnung auf Befreiung fehlt? Ist es nicht vielmehr deshalb, weil sie im babylonischen Exil tatsächlich erblindet sind? So sieht es der Alttestamentler Karl Ellinger: Die Augen der Gefangenen haben sich im Kerker «des Lichtes entwöhnt». Sie sind blind «im objektiven Sinn der äusseren finsteren Lage». Sie können den Weg nicht wissen.

Wenn dies, im übertragenen Sinn, die conditio humana ist, dann gilt es, all das loszulassen, was man zu wissen glaubt, Nichtwissen zuzulassen, sich führen zu lassen von jenem Ich, das in der heutigen Losung spricht. Jenem Ich, das weiss. Im Granum Sinapis, dem «Senfkorn», einem berühmten mystischen Text des Mittelalters heisst es:

Werd’ wie ein Kind, / werd’ taub und blind! / Dein Eigengut / Nichts werden muss; / senk in den Grund, / was ist und alles Nichts zumal! // Lass Ort, lass Zeit, / auch Bild lass weit! / Geh ohne Weg / den schmalen Steg! / So stösst du auf der Wüste Spur.

Von Andreas Fischer

9. März

Wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken.
Epheser 2,10

«Sein Gebilde sind wir» lautet die präzise Übersetzung des ersten Versteils: Gott steht betont am Anfang, und der Ausdruck «Gebilde» spielt die Metaphorik der Schöpfung ein, um die es hier geht. Der Autor des Epheserbriefs ist inspiriert von der Vorstellung, dass Gott im Ursprung, ehe er Adam und Eva schuf, einen Urmenschen bildete. Er war vollkommen, von «unversehrter Heiligkeit» (H. Schlier).In diesen Ursprung kehren wir «in Christus» zurück.

In diesem Ursprung – in der «Vor-Zeitlichkeit» (G. Sellin) – sind auch die «guten Werke» schon vobereitet. So lautet die Fortsetzung des Verses, die einen originalen Gedanken des Autors zur Sprache bringt: Die guten Werke hat Gott «zuvor bereitet, dass wir in ihnen wandeln». Es gibt also nichts zu leisten, nichts zu erreichen. Es gilt zurückzukehren in jenes ursprüngliche Gutsein, wo die «guten Werke» Teil meiner Natur, meines Wesens sind, gleich meinem Atem, meinen Augen, meinen Händen und Füssen. (E. F. Scott)

Meister Eckehart sagt: Nicht durch Zufügen, sondern durch Abtun wird Gott in der Seele gefunden. Deshalb heisst es: Die Herrlichkeit wird enthüllt werden. Gott ist nämlich zuinnerst in der Seele, und das Wirken des Geschöpfes kann hierzu nur beitragen durch Reinigung und Bereitung.
Von Andreas Fischer

8. März

Einen andern Grund kann niemand legen ausser dem,
der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.

1. Korinther 3,11

Der frühere St. Galler Kirchenratspräsident Dölf Weder beginnt eine Predigt über den heutigen Lehrtext – die Präambel der St. Galler Kantonalkirche – mit der Frage: «Welches ist das wirkliche Fundament Ihres Lebens?» Als mögliche Antworten vermutet er: Familie, finanzielle Absicherung, Sich-auf-sich-selber-Verlassen.

Die Antwort, die Paulus gibt, lautet: Jesus Christus. Die Antwort ist nur scheinbar «fundamentalistisch». Denn das Fundament trägt nicht. Der Christus, der das Fundament bilden soll, ist der gekreuzigte. Und dies, sagt Paulus, ist ein «Skandal» (1. Korinther 1,23). Das griechische Wort skandalon  bedeutet: «Falle». Wer in die Falle tappt, stürzt ab, seine Seele befindet sich im freien Fall. Ebendiese Fallenden, schreibt der zeitgenössische deutsche Schriftsteller und Theologe Christian Lehnert in seinen «Korinthischen Brocken», sind gemäss Paulus die «Berufenen» (vgl. 1,24).


Walk your talk ermutigt Dölf Weder uns Christenmenschen gegen Ende seiner Predigt mit einem amerikanischen Slogan: Lebe, was du vertrittst!  Ich schreibe diesen Text unterwegs nach St. Gallen, wo ich Dölf treffe. Ich werde ihn fragen, was Walk your talk unter den genannten «skandalösen» Bedingungen zu bedeuten hat.

Von Andreas Fischer