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17. Mai

Christus ist gekommen und hat im Evangelium Frieden verkündigt euch, die ihr fern wart, und Frieden denen, die nahe waren.                Epheser 2,17

Christus bringt allen Frieden, heisst das für mich. Ich frage mich immer wieder, was eigentlich mit den Ungetauften ist. Sind die nah oder fern? Theologisch habe ich das für mich noch nicht ausgebreitet. In meinem Herzen aber schon oft bewegt. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Gott nur die Getauften zu sich lässt. Christus verkündet Frieden den Nahen und den Fernen. Punkt.

Christus Jesus wollte keine Kirche gründen, er wollte auch keine neue Religion auftischen, nein, er wollte das Judentum reformieren! Aller Kreatur wollte er Frieden und mehr Einfachheit bringen. In seinen drei Jahren Wirkungszeit war es unmöglich, an alle zu gelangen. Wohl auch darum hat er seine Worte so bildhaft und weise gewählt, damit wir auch heute noch davon reden und seine Arbeit weiterführen.

Und wann ist die Arbeit von Christus Jesus abgeschlossen? Wenn es keine Kriege mehr gibt, wenn jeder genug und niemand zu viel hat, wenn Herkunft und Sozialisierung keine Rolle mehr spielen, wenn die Menschen als Gemeinschaft der Zukunft entgegengehen und wenn wir wieder nahe bei der Unendlichen sind und mit ihr im Austausch. Weil Leben und Sterben mehr ist als ein Anfang und ein Ende. Leben und Sterben soll in Frieden geschehen und im Frieden bleiben.

Christus bringt mit dem Evangelium diesen Frieden. Amen!

Von Markus Bürki

16. Mai

Als die drei Freunde Hiobs all das Unglück hörten, das über ihn gekommen war, kamen sie und sassen mit ihm auf der Erde sieben Tage und sieben Nächte und red ten nichts mit ihm; denn sie sahen, dass der Schmerz sehr gross war.  Hiob 2,11.13

Die Freunde Hiobs sind einfach da. Mit ihm und seinem Schmerz. Sieben Tage und sieben Nächte und sie sagen nichts, nein, sie sind bei ihm. Sie texten ihn nicht zu mit Ratschlägen, sondern versuchen erst einmal, Leid zu lindern, indem sie präsent sind. Meine Kinder nehme ich oft einfach in den Arm und warte, bis sie sich beruhigt haben. Erst dann kann ich auf das Geschehene reagieren und etwas ansprechen. Meistens dauert das nicht sieben Tage und Nächte, kann sich aber als fast so lange anfühlen.

Sehen und erkennen, wenn der Schmerz gross ist, und dann angemessen handeln, das ist nicht immer einfach. Sich in andere einfühlen, quasi mit ihren Augen das Erlebte noch einmal durchleben, das braucht viel Übung und Empathie. Einen Menschen, der einfach da ist und dabeisitzt, das wünschen wir uns doch alle. Für mich ist Jesus so einer. Auch wenn ich gerade total am Absinken und beinahe am Ertrinken bin, Jesus ist da, sitzt neben mir und harrt mit mir aus. Und wer ist die zweite Person die da sitzt? Gott? Oder der Heilige Geist? Oder der Lieblingsmensch? Unglück bricht immer wieder über uns herein. Zu wissen, dass jemand dabeisitzt, ist schön und trägt mich jeweils weiter. Amen!

Von Markus Bürki

15. Mai

Wer den Namen des HERRN anrufen wird, der soll errettet werden.      Joel 3,5

In der Pfingstrede des Petrus, die heute als Lehrtext zitiert wird, verweist der Apostel auf diesen Abschnitt aus dem Propheten Joel, der für die Zukunft Zeichen und Wunder ankündigt: «… Blut und Feuer und Rauchsäulen. Die Sonne wird sich in Finsternis verwandeln und der Mond in Blut…»

«Jeder aber, der den Namen des HERRN anruft, wird gerettet werden.» Das ist es jetzt!, rief Petrus damals am Pfingstfest in Jerusalem den Besuchern aus aller Welt zu. Lukas, der die Apostelgeschichte nach der Zerstörung Jerusalems verfasst hat, deutet jene Ereignisse also aus der Sicht von Menschen, die ihren Weltuntergang erlebt haben.

Das ist es jetzt! Immer wieder haben die Menschen furchterregende Ereignisse als das apokalyptische Ende gedeutet. Aber nie hätte ich mir vorgestellt, dass auch ich, abgeklärt, aufgeklärt und kein bisschen abergläubisch, wie ich mich gebe, für meine Zeit auf solche Gedanken komme und mich verzweifelt frage: Wer kann da noch retten? Und ich rufe den «Namen des HERRN» an, obwohl ich mir nicht vorstellen kann, wie er denn eingreifen soll. «Mit Augenmass und sozialverträglich» – wie das verantwortungsbewusste Politiker versuchen? Oder rabiat, ohne Rücksicht auf Opfer, wie die Diktatoren? Weder für das eine noch für das andere brauchen wir den Namen des HERRN. Aber vielleicht einfach, um nicht ganz zu verzweifeln. Vielleicht ist sein Name: Hoffnung.

Von Käthi Koenig

14. Mai

Die Barmherzigkeit des HERRN hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist gross.                                Klagelieder 3,22–23

In der Nacht schleichen sich Unruhestifter ein und verscheuchen den Schlaf. Die Schlagzeilen aus der wachen Welt lassen sich nicht mehr verdrängen, nicht die Hilflosigkeit, die Wut. Nicht die Sorge um die Nächsten, die Furcht vor Schmerzen, Leid, Vergänglichkeit.

Und Gott? Was soll er da? Was kann er da?

«Seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende.» Die Botschaft kommt zu uns aus der Zeit des babylonischen Exils, als Israel trauerte über den Verlust der Heimat und des Tempels. Will sie auch mir und meinen Ängsten etwas sagen? Vielleicht ist es keine Zusage Gottes. Vielleicht ist es bloss meine Behauptung, dass er da sein muss. Weil er als Hilfe, selbst wenn es ihn nicht gäbe, immer noch heilsamer, immer noch lebens-freundlicher ist als alle anderen Beruhigungsmittel.

Die Verzweiflung verweist mich hier auf Tausende von Klageliedern, die in Tausenden von Jahren immer wieder Antwort waren auf Schmerz und Leid, Verlust und Trauer, Unrecht und Gewalt. Immer wieder von späteren Generationen aufgenommen, immer wieder den neuen Schrecklichkeiten angepasst. Und noch kein Ende.

Ja, das Elend hat noch kein Ende. Bis heute nicht.

Aber auch: «Seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende!» So tönt mein Trotz. Und meine Treue zu diesem Gott.

Von Käthi Koenig

13. Mai

HERR, mein Gott, da ich schrie zu dir, machtest du mich gesund.                                     Psalm 30,3

Der Schrei eines neugeborenen Kindes – ein Schrei nach Luft, nach Leben, nach Liebe. Mit den ersten Atemzügen gewinnt der Schrei an Kraft. Ruhig wird das Kind erst, wenn es Wärme und Geborgenheit findet. Schon bald wird das Kind nach der Mutter und anderen vertrauten Menschen rufen.

«Der Schrei», von Edvard Munch gemalt – ein grausamer Schrei in der Natur, der den Künstler in einer Panikattacke überwältigte. Sensibel nahm er wahr: Das Leiden in der Welt ist zu gross für einen Menschen. Er kann dem Schrei nach Leben und Liebe nicht standhalten. Edvard Munchs Bild wurde so zu einer Ikone der existentiellen Not des gewaltsamen 20. Jahrhunderts.

Der Schrei zu Gott – wer Psalm 30 betet, kennt solche Not, schrie selbst laut auf. Doch dieser Schrei hat ein Gegenüber gefunden. Er verhallt nicht schmerzvoll und ohne Antwort in der Welt. Gott hat gehört und so das Leid geheilt, die Angst überwunden, neues Leben geschenkt. Der Psalm wird David zugeschrieben, der ihn bei der Tempeleinweihung tanzend in Szene gesetzt haben soll – Ausdruck neuer unbändiger Lebensfreude.

Von Babara un Martin Robra

12. Mai

Leben und Wohltat hast du an mir getan, und deine Obhut hat meinen Odem bewahrt.  Hiob 10,12

In Naturkatastrophen und Krieg, in Krankheit, Not und Tod wie Hiob daran festzuhalten, dass Gottes Schöpfermacht das Leben bewahren und erhalten will trotz allem – das fällt schwer.

Die Mütter von uns beiden, Barbara und Martin, sind am Ende des Zweiten Weltkriegs als Flüchtlinge in den Westen Deutschlands gekommen mit schrecklichen Erlebnissen auf der Flucht. Dass wir geboren wurden, verdanken wir ihrem ungebrochenen Lebenswillen und ihrer Hoffnung auf neues Leben, die sie an uns weitergaben: Habt keine Angst! In aller Not und in aller Freude wird euer Leben von Gott gehalten und bewahrt – selbst wenn es zerbricht.

Wir sehen Gesichter von Kindern auf der Flucht. Viele von ihnen sind müde, voller Angst und verzweifelt. Was kann jetzt wichtiger sein, als Frieden zu schliessen und Menschen dabei zu helfen, dass sie Hoffnung schöpfen und neuen Lebensatem finden.

Herr, gib uns deinen Frieden, freien Atem und Vertrauen in deine Schöpferkraft!

Von Barbara und Martin Robra

11. Mai

Der HERR war mit Samuel und liess keines von allen seinen Worten zur Erde fallen.                 1. Samuel 3,19

«In jenen Tagen war das Wort des Herrn kostbar» – so beginnt die Einleitung von Samuels Berufungsgeschichte  in Kapitel 3. Und am Ende wird dann gesagt, dass diese Worte, nun vom Propheten immer und immer wieder an die Menschen gerichtet, gehört wurden. Gott selber sorgt dafür, dass die übermittelten Worte nicht wie Laub «zur Erde fallen». Es sind durch die ganze Bibel hindurch von Gott bestimmte Menschen, die sein/ihr Wort ausrichten. Dass es aber ankommt, ist Gottes Verdienst. Gott bewirkt, dass das Wort gehört werden kann. Ob es dann auch gehört und verstanden und umgesetzt wird?

Wir wissen sehr wohl, dass dem vielerorts nicht so ist. Das ist die Konsequenz davon, dass Gott die Menschen als seine freien Gegenüber erschaffen hat, als eigenständige Wesen mit einem eigenen Willen. Sie können selber entscheiden, ob sie hören wollen oder nicht. Und Gott lässt das zu. Menschen in seinem Dienst versuchen unablässig und eindringlich, das richtige Verstehen zu erwirken, bis auf den heutigen Tag. Wir können um offene Ohren und Herzen bitten – Gott macht das und respektiert gleichzeitig den freien Menschenwillen. Auch wir können das Wort Gottes «kostbar» halten – indem wir auf es hören und es nicht zur Erde fallen lassen …

Von Hans Strub

10. Mai

Es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: «Erkenne den Herrn», denn sie sollen mich alle erkennen, beide,  Klein und Gross, spricht der HERR.            Jeremia 31,34

Son amour est inscrit dans mon coeur (seine/ihre Liebe ist  in mein Herz eingeschrieben) – so wird auf Französisch ausgedrückt, dass die Liebe mich zuinnerst berührt hat und unauslöschlich ist, wie ein Liebestattoo! Im vorhergehenden Vers (33) sagt Gott durch den Mund seines Propheten Jeremia die gleichen Worte zum Volk: «Das ist der Bund, den ich mit dem Haus Israel schliessen werde. Meine Weisung habe ich in ihre Mitte gegeben, in ihr Herz werde ich sie ihnen schreiben. Und ich werde ihnen Gott sein, und sie werden mir Volk sein.» Dann folgt «unser» Vers, und an ihn schliesst sich ein Gottesspruch an, der das eben Gesagte noch toppt:

«Denn ich werde ihre Schuld verzeihen, und an ihre Sünden werde ich nicht mehr denken!»

Eine bedingungslose Liebeserklärung Gottes an sein Volk, das zur Zeit Jeremias arg gebeutelt war. Alles, so Jeremia, was ihr jetzt erlebt und erlebt habt, wird nicht das Letzte sein! Denn Gott will euch, und Gott will euch Zukunft und Hoffnung schenken! Ihr sollt wissen, dass ihr dieser Gottesbotschaft vertrauen könnt und von ihr aus euer Leben miteinander und in dieser Welt gestalten könnt und sollt. Hören wir das! Denn alle haben nun gesehen und erkannt, wie Gott zu ihnen steht. Das dürfen wir auch heute so hören für unsere Welt!

Von Hans Strub

9. Mai

Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist   in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit. Epheser 4,23–34

Die Übersetzung ist, zumindest in der ersten Zeile, nicht im Sinn und Geist des Urtextes. Dort geht es nicht um aktive Selbsterneuerung, sondern darum, das eigene Denken durch die göttliche Geistkraft, die Ruach, neu werden zu lassen. Es geht um einen «Schöpfungsakt, bei dem der Atem Gottes eine verursachende Rolle spielt» (Gerhard Sellin). Also: «Lasst euer Denken durch die Ruach neu werden!»– Daran schliesst sich die Vorstellung vom neuen Kleid nahtlos an. Es mag in Zeiten von Zara schwer vorstellbar sein, doch in der Antike waren Kleider «individuell zugeschnittene Einzelstücke, mühsam von Hand gefertigt, mit dem eigenen Leben aufs engste verbunden» (M. Gese). Der «neue Mensch», den es anzuziehen gilt, trägt das ursprüngliche Lichtkleid, das uns alle umhüllt hatte, bevor wir aus dem Garten Eden vertrieben wurden. Der «neue Mensch» ist «die Neu-Realisierung des paradiesischen Menschen» (J. Gnilka). – Seine Wesenszüge sind «Gerechtigkeit und Heiligkeit»: Gerechtigkeit ist die Tugend in Bezug auf die Mitmenschen, Heiligkeit die Tugend in Bezug auf Gott. Entscheidend aber ist die Wahrheit: Sie verweist, im Gegensatz zu allem Schein, in ein «Leben im Bereich des Seienden, des ‹Bleibenden›» (G. Sellin). – In Zeiten von Zara gilt es, sich an diesen ursprünglichen Lebensbereich zu erinnern.

Von Andreas Fischer

8. Mai

Die Blinden will ich auf dem Wege leiten,den sie nicht wissen; ich will sie führen auf den Steigen, die sie nicht kennen.                 Jesaja 42,16

Gott führt die Exilierten durch die Wüste nach Hause. Doch weshalb bezeichnet er sie als Blinde? Ist es wirklich – wie manche Kommentare meinen –, weil ihnen der Glaube an die Zukunft, die Hoffnung auf Befreiung fehlt? Ist es nicht vielmehr deshalb, weil sie im babylonischen Exil tatsächlich erblindet sind? So sieht es der Alttestamentler Karl Ellinger: Die Augen der Gefangenen haben sich im Kerker «des Lichtes entwöhnt». Sie sind blind «im objektiven Sinn der äusseren finsteren Lage». Sie können den Weg nicht wissen.

Wenn dies, im übertragenen Sinn, die conditio humana ist, dann gilt es, all das loszulassen, was man zu wissen glaubt, Nichtwissen zuzulassen, sich führen zu lassen von jenem Ich, das in der heutigen Losung spricht. Jenem Ich, das weiss. Im Granum Sinapis, dem «Senfkorn», einem berühmten mystischen Text des Mittelalters heisst es:

Werd’ wie ein Kind, / werd’ taub und blind! / Dein Eigengut / Nichts werden muss; / senk in den Grund, / was ist und alles Nichts zumal! // Lass Ort, lass Zeit, / auch Bild lass weit! / Geh ohne Weg / den schmalen Steg! / So stösst du auf der Wüste Spur.

Von Andreas Fischer