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7. Mai

O HERR, hilf! O HERR, lass wohlgelingen!       Psalm 118,25

Der 118. Psalm ist ein Lobpsalm, der Spuren in der geistlichen Musik hinterlassen hat, nicht zuletzt bei Johann Sebastian Bach.

Es ist sehr selten, dass mich etwas sofort und mit Wucht anspringt – hier ist es nun aber so.

Ich schreibe das angesichts eines drohenden Krieges etwa 1500 km östlich meines Wohnortes Berlin. Dieser Krieg hat unmittelbare Auswirkungen auf uns alle in Europa, auch wenn er seinen Ursprung in der Ukraine nimmt. Allein schon, mich damit gedanklich auseinanderzusetzen, lässt eine grosse Traurigkeit und Hilflosigkeit in mir aufsteigen. Was kann ich mit meinen  Möglichkeiten  noch  tun,  dass dieser Krieg nicht stattfindet? Wie sind die komplexen Zusammenhänge von realer Kriegsgefahr, gesteuerten Flüchtlingen an der belarussisch-polnischen Grenze, grossen Flüchtlingsbewegungen auf Europa und die USA zu, ökonomischen Verwerfungen weltweit (mit und ohne Corona), überhaupt noch aufzulösen?

Ich weiss keine Lösung, ausser dass alle Interessen an den Verhandlungstisch müssen, um diese dann angemessen auszugleichen. Naiv? Ja, bestimmt – aber der grosse Wurf zur Lösung ist mir nicht bekannt.

Ich verstehe den Beter des Psalms so gut, ich verstehe seine Hilflosigkeit und seinen Wunsch nach einer Zukunft.

O HERR, hilf! O HERR, lass wohlgelingen!

Von Rolf Bielefeld

6. Mai

Gott wird alle Werke vor Gericht bringen, alles,was verborgen ist, es sei gut oder böse.         Prediger 12,14

Es trifft sich gut, dass wir uns hier im «Nachwort» des Kohelet befinden und einmal die Auseinandersetzung «wem folgt Kohelet politisch und philosophisch?» ignorieren.

Ich frage mich: «Vor welches Gericht soll hier was gebracht werden?» Wir haben uns über die Jahrtausende so daran gewöhnt, Gott als die letzte Gerichtsinstanz zu sehen, dass eine andere Sicht kaum vorkommt.

Unser Handeln, ob nun als Glaubende oder als Nichtglaubende, wird ständig beurteilt. Die Urteilenden sind in der Regel andere Menschen in unserem Umfeld – sei es beruflich oder privat. Manchmal wird unser Handeln auch von einem Algorithmus beurteilt und bewertet, z. B. bei der Steuererklärung in Deutschland via Elster. Und natürlich gilt auch hier, dass ans Licht gebracht werden soll, was verborgen ist.

Was heisst das nun für Glaubende? Wir lassen uns nicht von einer «KI», einer künstlichen Intelligenz, beurteilen in unserem Tun und Unterlassen. Wir haken auch nicht in der Checkliste die einzelnen Positionen ab, nach «du warst gut», «du warst schlecht».

Wir sind eingeladen, der Predigt und dem Leben Jesu zu folgen und jeden Tag neu auszuprobieren, so zu leben, dass das Gute in uns und in unserer Umgebung die Überhand behält. Anders gesagt: Wir lassen uns nicht vom Kurs auf eine gerechte Welt abbringen.

Von Rolf Bielefeld

5. Mai

Ich, der HERR, habe dich gerufen in Gerechtigkeitund halte dich bei der Hand.                                Jesaja 42,6

Ein Ich und ein Du stehen sich im Text gegenüber. Als Du angeredet wird vermutlich der persische König Kyros II. (wie in Jesaja 44,28 und 45,1). Er machte Persien zu einem Weltreich, nachdem er das babylonische Reich übernommen hatte. Den verschiedenen Völkern in seinem Herrschaftsgebiet liess er eine gewisse Freiheit, die eigene Religion zu behalten. Für die Juden in der babylonischen Verbannung war dies besonders wichtig. Kyros erlaubte ihnen, nach Jerusalem zurückzukehren und dort den Tempel wieder aufzubauen. Es war der Anfang einer guten Epoche in der Geschichte Israels.

Im Bibeltext ist der mächtigste Mann der Welt allerdings nur der Befehlsempfänger. Ganz am Anfang steht ein betontes Ich. Wer hier spricht, ist «der Gott» (42,5), der einzige Gott, der sich dem Volk Israel mit seinem Namen bekanntgemacht hat. Er und kein anderer bekommt zu Recht die göttliche Ehre.

Der Text hat den Ton eines Bekenntnisses. Zuoberst steht nicht der Grosskönig, auch wenn sein Weltreich noch so mächtig sein sollte. Zuoberst steht Gott mit seinem guten Willen für die Menschen. «Ich, der HERR, habe dich gerufen zum Heil. Ich habe dich bei deiner Hand ergriffen. Ich habe dich geformt. Ich habe dich dazu gemacht, eine Verpflichtung für die Menschen, ein Licht für die Völker zu sein.»

Von Andreas Egli

4. Mai

Siehe, Kinder sind eine Gabe des HERRN.         Psalm 127,3

In der Mitte der Wallfahrtspsalmen 120 bis 134 steht die Zusage: Es gibt einen Segen für die ganz gewöhnlichen Menschen. Ihr Leben gelingt und wird Zukunft haben. Sie selbst tragen mit ihrer Arbeit viel dazu bei. Aber das Lebensglück ist nicht einfach machbar. Es ist immer auch ein Geschenk von Gott, wenn das Tun gelingt. Der Psalm zeichnet Bilder aus dem alltäglichen Leben. Im ersten Teil geht es um den Lebensraum, den die Menschen gestalten. Sie bauen ein Haus, sie bewachen eine Stadt. Und sie vertrauen darauf, dass Gott bei ihnen ist und ihnen hilft.

Im zweiten Teil kommt die nächste Generation in den Blick. Das Leben an Kinder weitergeben – sie beim Aufwachsen begleiten und unterstützen – oder sich auf eine andere Art für die kommende Generation einsetzen: Das ist ein Teil des gelingenden Lebens. Dabei wird die Generation der Eltern (und auch der Grosseltern) durch ihre Aufgaben sehr gefordert, manchmal bis an die Grenzen der eigenen Belastbarkeit. Aber die ältere Generation erlebt auch die Dankbarkeit für das wachsende Leben. Der Psalm ist überzeugt, dass dieses Geschenk von Gott kommt. Und dass es kostbar ist, wie ein grosser Lohn am Ende des Monats oder wie eine unerwartete Erbschaft, von der man lange zehren wird. «Siehe, das Erbe vom HERRN sind Kinder, ein Lohn ist die Frucht des Mutterleibs.»

Von Andreas Egli

3. April

Der Engel Gottes rief Hagar vom Himmel her und sprach zu ihr: Was ist dir, Hagar? Fürchte dich nicht; denn Gott hat gehört die Stimme des Knaben dort, wo er liegt. Steh auf, nimm den Knaben und führe ihn an deiner Hand; denn ich will ihn zum grossen Volk machen.
1. Mose 21, 17–18

Hagar ist die Zweitfrau von Abraham, die Nebenfrau, ja, eigentlich die Unterfrau. Sara, seine Erstfrau, hat sie ihm «gegeben», damit er endlich den so ersehnten Erben erhält. Als dann auf wundersame Weise Sara selber schwanger wird, sind plötzlich zwei Nachkommen da.
Da ist eine zu viel! Hagar wird in die Wüste vertrieben, der Kindsvater schweigt dazu…
Die mitgegebenen Lebensmittel sind rasch aufgezehrt, der sichere Tod durch Verdursten naht. Da schaltet sich Gottes Stimme ein, vernommen als Engelsruf. Hagar wird gerettet, vor ihr zeigt sich ein Brunnen, aus dem sie und ihr kleiner Sohn Ismael trinken können. Gott will ihr Leben, nicht ihren Tod!
Gott setzt dieser Familientragödie ein unerwartetes Ende: Er verstösst Hagar nicht. Vor Gott ist sie keine «Unterfrau», sondern eine Frau mit den gleichen Mutterrechten wie die viel ältere Sara. Er will, dass sie leben kann. Mehr noch: Er macht auch sie zu einer Stammesmutter; ihrem Sohn wird ein Volk verheissen. Gott hat andere Massstäbe, er schenkt und schützt Leben, er unterscheidet nicht nach Herkunft und Stellung! Das fordert auch heute heraus, uns hier, meine Haltung, mein Handeln!
Von Hans Strub

3. Mai

Lasst euch nicht abbringen von der Hoffnung des Evangeliums, das ihr gehört habt. Überall auf der Welt, so weit der Himmel reicht, ist es verkündigt  worden. Kolosser 1,23

Hoffnung, hoffen ist lebenswichtig. Mit Hoffnung haben wir Zukunft und sind verbunden mit dem Gang des Lebens. Die heutige Losung verbindet Hoffnung mit dem Evangelium und verkündigt diese Hoffnung für die ganze  Welt, «so weit der Himmel reicht». Unabsehbar, ohne Ende ist der Himmel.

Ich habe eine besondere Beziehung zur Hoffnung, genauer zur Farbe Grün. Im Frühling, wenn das Leben wieder zu spriessen beginnt, die Bäume grün werden und neues Leben aus der Erde schiesst, ist man dieser Hoffnung sehr nahe.

Hildegard von Bingen, die mittelalterliche Seherin, konnte nicht enden, das Grün zu preisen. Sie nannte es  Grünkraft, «heilige Grünkraft», sancta viriditas, und verstand darunter eine Energie, die alles durchflutet, Menschen, Tiere, Blätter Bäume, die ganze Fauna und Flora – überall ist Grünkraft am Werk, heilige Grünkraft göttlichen Ursprungs. Diese Grünkraft ist Leben, Lebensfluss und Lebenskraft und «Herzkraft himmlischer Geheimnisse». Durchflutet von heiliger Grünkraft, fühlen wir uns lebendig, leben und atmen wir. Zieht sie sich im Herbst über den Winter zurück, so ist sie nicht verloren, sondern kommt wieder. Sie hört nie auf.

Von Kathrin Asper

2. Mai

Aus Liebe hat Gott uns dazu bestimmt, seine Söhne und Töchter zu werden – durch Jesus Christus. Epheser 1,4–5

Gott sandte seinen Sohn in die Welt, wo er all die Schrecknisse erleiden musste, welche menschliches Leben kennzeichnen. Wir Menschen sind Gottes Söhne und Töchter durch diese einmalige Tat, als Gott seinen Sohn in die Welt gab.

Mein Konfirmationsspruch war Jesaja 43,1: «Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.» Er hat mich durch mein Leben begleitet.

Nun ist es aber heute anders, viele, viele Menschen leben ohne eine Verbindung zur Transzendenz. So habe ich kürzlich von Eltern das bekannte Gutenachtliedchen Ich g’höre es Glöggli in abgewandelter Form gehört, nämlich statt am Schluss de lieb Gott im Himmel wird au bi mer si in und Mami und Papi werded au bi mer si.

Diese Säkularisierung ist heute übergreifend, das beunruhigt mich. Wohin wenden sich die Menschen dann in ihrer Not? So sehr wir doch oft nicht einverstanden sind mit uns selber und unsere Beschränkungen beklagen, so müssen wir uns doch mit Paul Tillich immer wieder sagen können: Akzeptieren, dass wir akzeptiert sind.

Von Kathrin Asper

1. Mai

Evelyn Borer hat die Gastkolumne für den 1. Mai verfasst. Sie ist Synodalratspräsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche Kanton Solothurn und seit Januar 2021 Präsidentin der Synode der Evangelischen Kirche Schweiz  EKS.

Soviel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken.            Jesaja 55,9

Ich lese diese Worte und ich höre gleichzeitig Reinhard Mey: Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Alle Ängste, alle Sorgen, sagt man, blieben darunter verborgen und dann …

Ja, was dann? Himmel, Wolken, Freiheit? Ist die Freiheit wirklich so grenzenlos? Kann ich alles hinter mir lassen? Dieser Flug wird einmal zu Ende sein. Das Benzin wird knapp. Der Pilot braucht eine Pause. Die Grenzen unserer Freiheit sind mit den Grenzen des «Menschenmöglichen» erreicht.

Gerne gehe ich wandern – Bodenhaftung ist wichtig – suche manchmal die Herausforderung der Berge, lote meine Grenzen aus. Im Wissen und Vertrauen darauf, dass ich meine Grenzen erkenne, sie beurteilen und wenn möglich erweitern kann. Auf dem Gipfel angekommen, ist meine Seele weit, empfänglich, stolz auf das Erreichte und zugleich demütig. Denn ich erkenne, mehr geht heute nicht. Aber vielleicht morgen.

Denkend ist die Freiheit grösser als die physischen Grenzen des Menschen. Den Himmel werden wir nicht erreichen. Trotzdem sollten wir uns erlauben, weiter zu denken und nach Höherem zu streben. Immer wieder neu. Grenzenlos leben? Das geht nicht. Denn spätestens am Zaun meines Nachbarn, bei der Lebensgestaltung des Anderen, bei den Gedanken meiner Nächsten sind meine Grenzen erreicht. Die Freiheit des Nächsten begrenzt meine eigene Freiheit.

In  der  Präambel  unserer  Bundesverfassung  steht  es so:

… In gegenseitiger Rücksichtnahme und Achtung ihre Vielfalt in der Einheit zu leben, im Bewusstsein der gemeinsamen Errungenschaften und der Verantwortung gegenüber den künftigen Generationen, gewiss, dass frei nur ist, wer seine Freiheit gebraucht, und dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen.

Gemeinsam und die Freiheit gebrauchend, können wir vieles erreichen. Und zu einer weiteren, höheren Ebene gelangen. Wir können unsere Flügel ausbreiten und unsere Wurzeln dennoch sicher verankern. Wir können grenzenlos denken, auch wenn die Umsetzung ganz praktische Grenzen hat und damit auch immer Stückwerk bleibt.

«Unser Wissen ist Stückwerk und unser prophetisches Reden ist Stückwerk. Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören.» (1. Korinther 13,9–10) Wenn wir unser Wissen, unsere Fertigkeiten und Fähigkeiten zusammentun, so gelingt es uns, Herausforderungen zu meistern. Wir finden neue, andere Wege. Sie werden nicht vollkommen sein. Aber gemeinsam und darauf vertrauend, dass viele Stücke ein grösseres und besseres Ganzes ergeben können, das ist ein guter Weg.

Von Evelyn Borer

30. April

Der HERR sprach zu Mose: Du hast Gnade vor meinen Augen gefunden,
und ich kenne dich mit Namen.
2.Mose 33,17

Es ist eine filmreife Szene, die sich am Rand des Zeltlagers der Israeliten abspielt, die ausgezogen sind, um das Gelobte Land zu finden. In der Gestalt einer Wolkensäule gastiert Gott persönlich im «Zelt der Begegnung». Gastgeber ist Mose, Josua gibt den Türsteher.

Das Gespräch mit Gott, das Mose «von Angesicht zu Angesicht» führt, liest sich wie eine Verhandlung um das Kleingedruckte. Mose hofft auf eine Vollkaskoversicherung für die Reise ins Land, in dem Milch und Honig fliesst. Doch Gott winkt ab. Wenn er sich mitten unter das «halsstarrige Volk» begeben würde, könnte er es «auf dem Weg vernichten». Die Israeliten müssen mit einem Boten vorliebnehmen. Kaum hat sich Gott offenbart, entzieht er sich der menschlichen Erkenntnis wieder. Mose lässt nicht locker und ringt Gott die Zusage ab, dass er Gnade gefunden hat. «Ich kenne dich mit Namen», bekennt Gott.

Der Mensch bekennt sich zu Gott, ohne ihn je ganz erken- nen zu können. Und indem Gott den Namen des Menschen kennt, bekennt er sich zu ihm. Das wechselseitige Bekenntnis wird zum Fundament der Beziehung zwischen Gott und Mensch. Auf das Kleingedruckte im Vertrag kann der Mensch sich nicht berufen. Ihm bleibt allein das Wort.

Von Felix Reich

29. April

Seid untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.
Epheser 4,32

«Es sind alle so nett», singt Franz Hohler. Die als Freundlichkeit getarnte Oberflächlichkeit mündet im Lied in die Katastrophe, das Lächeln gefriert zur Fratze. Freundlichkeit kann in den Wahnsinn treiben. Konflikte werden unter den Teppich gekehrt, Gemeinheiten hinter der kontrollierten Fassade versteckt, Einwände weggelächelt.

Freundlichkeit steht unter dem Generalverdacht der politischen Korrektheit. Die Grenzen des Sagbaren zu verschieben, wird zum Freiheitsakt verklärt. Mitleid gilt als Gefühlsduselei ohne Sinn für die harte Realität. Wer die Humanität hochhält, gilt als Multikulti-Träumer. Wer Verzicht postuliert, wird als Moralist abgestempelt.

Der Apostel moralisiert nach Herzenslust. «Arbeite und tue etwas mit deinen Händen, damit du etwas hast, das du dem Notleidenden geben kannst.» Die Freundlichkeit, die hier zur Christenpflicht erklärt wird, hat nichts mit selbst-gerechter Nettigkeit zu tun, welche die Contenance behält um jeden Preis. Diese Freundlichkeit geht tiefer, sie meint Barmherzigkeit. Sie scheut den Blick auf die Wirklichkeit nicht und auch keine Debatte. Ohne sie funktioniert keine Familie, keine Gemeinschaft und ohne sie ist wohl auch kein Staat zu machen.

Von Felix Reich