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27. Mai

Geh hin, der HERR sei mit dir! 1. Samuel 17,37

«David und Goliath» ist sicherlich eine der bekanntesten Geschichten des Alten Testaments. Das Kleine gewinnt gegen das Grosse.

Eine Kriegsgeschichte mit schlimmer Brutalität, die ich heute vor dem Hintergrund des realen Krieges in der Ukraine lese. Und nein. Ich kann da nicht mit.

«Geh hin, der Herr sei mit dir!» Das ist kein freundlich gemeintes Wort, das ich Ihnen heute einfach so zusprechen möchte, sondern die Aufforderung Sauls an David, in den Kampf zu ziehen.

Mann gegen Mann.

David gegen Goliath.

Jetzt könnte man meinen, das sei ja besser als ein grosses Gemetzel, aber das kommt auch noch.

Und so bleibt mir die Losung heute im Hals stecken, weil er eng geworden ist, zugeschnürt von den Kriegsbildern und den schrecklichen Nachrichten vom Krieg direkt vor unserer Haustür.

Für mich ist klar, wann immer wir sagen: Geh hin, der Herr sei mit dir! und schicken Menschen in den Krieg, lügen wir.

Denn Gott zieht nicht mit in den Kampf, sondern stirbt auf dem Schlachtfeld.

Er stirbt zusammen mit der Menschlichkeit, der Güte, der Gnade und der Barmherzigkeit.

Von Sigrun Wlke-Holtmann

26. Mai

Die gepflanzt sind im Hause des HERRN, werden in den Vorhöfen unsres Gottes grünen. Und wenn sie auch alt werden, werden sie dennoch blühen, fruchtbar und frisch sein.        Psalm 92,14–15

Zwei Dinge sollen Kinder von ihren Eltern bekommen, hat Johann Wolfgang von Goethe angeblich einmal gesagt: Wurzeln für die Geborgenheit und Flügel, um sich entfalten zu können.

«Wurzeln und Flügel» – diese beiden Begriffe sind auch für unser Glaubensleben ein sinnvolles Gegensatzpaar. Wurzeln benötigen wir, um im Glauben festzustehen, wenn es um uns stürmt und tobt. Denn anders als das Gras, das rasch wächst, aber auch schnell wieder ausgerissen werden kann (Vers 8), sollen unsere Wurzeln – wie die einer Palme oder einer Zeder (Vers 13) – tief in die Erde reichen. So findet unsere Seele einen Anker, und wir stehen mit beiden Beinen fest am Boden.

In den Vorhöfen des Tempels, so meint der Psalmist, wo gebetet und über das Wort Gottes nachgedacht wird, finden die Gläubigen solchen Halt. Denn Gottes Gegenwart ist die Quelle des Lebens. Sein Wort gleicht einem Wasserlauf, an dessen Ufer wir wachsen und Früchte bringen.

Die Flügel aber brauchen wir zum Träumen und um Visionen zu entwickeln. Denn unser Glaubensleben braucht auch Höhenflüge! Mit der Inspiration des Geistes können wir uns emporheben, um mit den Vögeln am Himmel zu tanzen und die Himmelfahrt zu feiern.

Von Barbara Heyse-Schäfer

25. Mai

Es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus, der sich selbst gegeben hat als Lösegeld für  alle. 1. Timotheus 2,5–6

Die Währung dieses Lösegelds,

ist nicht von unserer Business-Welt.

Sein Wert ist Menschlichkeit und Liebe.

Gerade jetzt – in dieser Krise –

hat es Konjunktur und ist nötiger denn je.

Inmitten all des Schreckens gibt es

kleine Hoffnungsschimmer.

Wenn Menschen, unbewaffnet, Panzer stoppen,

wenn sie an Demos Friedenslieder singen,

dann hat das eine Kraft, die stärker

ist als Hass und Angst.

Gewiss, der Preis ist hoch,

auch heute noch bezahlen viele

– nicht mal eine Meldung wert –

das Lösegeld mit ihrem Leben.

Resignation jedoch wäre ein Bankrott des Glaubens.

Die Hymne der Ukraine, gespielt auf unserer Orgel,

die mich per SMS erreicht – berührt mich sehr,

denn auch sie ist ein Protest gegen das Verzweifeln und –

so glaube ich – ein trotziges Gebet.

Give peace a chance!

Geben wir dem Frieden eine Chance!

Von Heidi Berner

24. Mai

HERR, zürne nicht so sehr und gedenke nicht ewig der Sünde! Sieh doch an, dass wir dein Volk  sind! Jesaja 64,8

Jetzt, wo ich das schreibe,

am 3. März, herrscht Krieg.

Niemand bot dem Herrn

im Kreml Einhalt, niemand

traute sich, sein zorniges Spiel

zu durchkreuzen, sich

zu widersetzen seinen

wahnhaften Tischordnungen,

seiner Absicht, mit Gewalt

neue Fakten zu schaffen.

Welche  Zerstörung,

welcher Hass, welche Angst!

Aber auch:

Überwältigende Zeichen

der Anteilnahme weltweit!

Sünde ist ein anderes Wort

für die Trennung von der Liebe.

Wir sind das Menschenvolk.

Und wir sind beteiligt,

haben nur zugeschaut,

nicht verhindert.

Was hätten wir tun können?

Ist Aufrüsten wirklich die Lösung?

Von Heidi Berner

23. Mai

Singet fröhlich Gott, der unsre Stärke ist!                 Psalm 81,2

Es gibt Tage, an denen eine solche Aufforderung die pure Zumutung ist. Haben Sie heute einen solchen Tag vor sich Oder hinter sich? Ist Ihnen zum Klagen zumute?

Ich schreibe diesen Bolderntext eine Woche nach Ausbruch des Kriegs in der Ukraine. Nichts könnte unpassender sein als fröhlicher Gesang. Und doch.

Gerade weil es so offensichtlich nicht «passt», wird mir klar, dass das Gotteslob eigentlich nie passt. Oder war es vor diesem unseligen Krieg passender? Und wird es danach passender sein? Es wird immer irgendwo auf irgendwen geschossen. Und genau das ist der Grund, weshalb im Lob und Dank für Gottes Stärke ein Trost liegt – ein trotziger, rebellischer und rotzfrecher Protest gegen die, die meinen, sie seien stark – und doch Schwächlinge sind. Was sind das doch für himmeltraurige, erbärmliche Gestalten, die über Leichen gehen, um ihren Zarenkomplex auszuleben.

Lobt die Macht, die sich verneigt, dichtet Georg Schmid im wunderschönen Weihnachtslied (RG 430). Der Gott, den ich lobe, ist stark, weil er sich aus Liebe verausgabt. Darum sing ich trotzig-fröhlich:

Lobt den Himmel, der nicht schweigt. Lobt das Licht, in uns entfacht,

Licht aus Licht in unserer Nacht.

Von Ralph Kunz

22. Mai

Ich will sie durchs Feuer gehen lassen und läutern, wie man Silber läutert, und prüfen, wie man Gold prüft. Dann werden sie meinen Namen anrufen, und ich will sie erhören. Sacharja 13,9

Läuterndes Feuer? Ja, Feuer verbrennt die Schlacken – ein Verfahren, um Edelmetall zu gewinnen. Auf Menschen angewandt ergibt das allerdings keine angenehme Vorstellung. Es kann nur schmerzhaft sein. Und das macht Angst.

Das Bild für die innere oder geistige Läuterung hat Karriere gemacht und ist Teil einer Jenseitsdramaturgie, die uns Protestanten fremd ist. Gemeint ist das Purgatorium oder auf Deutsch das Fegefeuer. Vor der Reformation haben Busspre- diger mit der Vorstellung einer mehr oder weniger langan-haltenden Läuterung gedroht und bekanntlich auch kräftig Kasse gemacht. Mit einem gerüttelt Mass an Messen konnte man die feurige Prüfung im Jenseits ein wenig abkürzen. Die Menschen machten sich Sorgen um ihre lieben (oder nicht so lieben) verstorbenen Angehörigen. Gut, haben die Reformatoren mit diesem Unsinn aufgeräumt. Vielleicht ein wenig zu gründlich. Denn die Idee, dass innere Heilung, Reue und Vergebung zwar schmerzhaft sind, aber das Edelste im Menschen hervorbringen, drückt eine tiefe Wahrheit aus. Das Ziel ist nicht die Strafe, sondern die wiederhergestellte Beziehung. Aber den letzten Rest einer schwarzen Pädago- gik verliert das Bild erst, wenn wir wissen, dass Gott für uns durchs Feuer geht.

Von Ralph Kunz

21. Mai

Wer Geld liebt, wird davon niemals satt, und wer Reichtum liebt, wird keinen Nutzen davon haben. Prediger 5,9

Ja, klar, so ist es doch, bin ich versucht zu denken. Der Prediger ist da aber doch differenzierter: Er denkt über den Reichtum nach und über das, was glücklich macht. Für ihn ist die völlige Armut ein Übel. Aber Reichtum ist nicht mit Glück gleichzusetzen, denn Reichtum macht nicht satt, und Reichtum kann wieder verloren gehen. In Vers 11 heisst es: «Süss ist der Schlaf des Arbeiters, ob er viel oder wenig zu essen hat. Doch die Sättigung des Reichen lässt ihn nicht schlafen.» Für den Prediger kann es sein, dass der Reichtum wieder verloren geht oder Sorgen bereitet. Die tägliche Arbeit aber bringt einen gesunden, ruhigen Schlaf.

Ist es wirklich so einfach? Wie steht es heute? Die Armut steigt, die Schere öffnet sich. An vielen Orten im globalen Süden müssen Kinder arbeiten. Frauen schuften sich ab, damit die Familie zu essen hat. Und bei uns ist die Lohngleichheit von Frauen und Männern noch längst nicht überall erreicht. Von Reichtum kann für die grosse Mehrheit der Menschen keine Rede sein. Wie wäre es, wenn das Teilen von Reichtum zur Gewohnheit würde? Denn, so sagt unser Text: «Wer den Reichtum liebt, wird keinen Nutzen haben.»

Schenke du Gerechtigkeit auf dieser Welt.

Von Madeleine Strub-Jaccoud

20. Mai

Meine Schuld ist mir über den Kopf  gewachsen; sie wiegt zu schwer, ich kann sie nicht mehr tragen. Psalm 38,5

Ein Schwerkranker legt ein allgemeines Schuldbekenntnis ab und bringt all seine Leiden vor Gott. Er kann nur noch aufschreien, denn Gottes Pfeile haben ihn getroffen (Vers 3).

Es ist der zweite Tag des Krieges in der Ukraine, wie ich diesen Beitrag schreibe. Nicht Pfeile, sondern Granaten und Bomben treffen die Menschen. Es trifft sie keine Schuld und dennoch, so vermute ich, fühlen sie sich von Gott verlassen und können nur noch schreien. Beten wir für und mit ihnen:

«Verlass mich nicht, HERR, mein Gott, sei nicht fern von mir. Eile zu meiner Hilfe, HERR, meine Rettung.» (Psalm 38,22.23) Es ist mir bewusst, dass es eigentlich nicht geht, einen biblischen Text so einfach auf heute anzuwenden. Für einmal sei es mir erlaubt, denn hilflos und ohnmächtig bin ich, wenn die schrecklichen Nachrichten eintreffen. Und genau da spricht mich der Psalm an: alles vor Gott, die Lebendige, legen und sie bitten, die Menschen nicht zu verlassen. Ich sehe es als Aufgabe an, gegen den Krieg anzubeten und zu der Lebendigen zu schreien, darauf vertrauend, dass sie unser Gebet hört. Es ist nicht einfach, daran festzuhalten, dass Gott auch in dieser Katastrophe Hilfe bietet. Dieses Vertrauen mit den Menschen zu teilen, ist unsere Aufgabe!

Sei du bei den Menschen in der Ukraine und höre auf unser Gebet.

Von Madeleine Strub-Jaccoud

19. Mai

Wo die Sünde mächtig geworden ist, da ist die Gnade noch viel mächtiger geworden.        Römer 5,20

Wo die Sünde mächtig geworden ist, da fallen Menschen auf ihre Macht herein. Daraus folgt nichts Gutes. Also kann das Böse sich entfalten, mächtig und gewaltig.

Wo die Sünde mächtig geworden ist, da ist zwar immer noch von Gerechtigkeit die Rede, aber sie wird regelmässig mit Gewalt durchgesetzt und dadurch zerstört. Die Weltgeschichte lässt wenig Zweifel: Keiner gewinnt dabei.

Paulus bekennt das Gegenteil. Wo die Sünde mächtig geworden ist, da ist mit Gottes Hilfe noch viel mehr Gutes möglich. Ist Paulus also ein total gutmütiger Trottel? Nein, der Apostel fällt nie durch Naivität auf. Zu oft war sein Leben bedroht. Aber er hat am eigenen Leib und an der eigenen Seele erlebt, dass Gottes Gnade sogar mächtiger ist als die Sünde eines tatkräftigen Christenverfolgers. Den sogenannten Gesichtsverlust überlebt er, weil er drei Tage lang nichts sieht und dann plötzlich so viel Erfreuliches vor seinen Augen auftaucht, dass er die Sünde nicht vermisst.

Wir kennen es hoffentlich nicht nur von «Romeo und Julia» aus der Schule: Plötzlich lieben sich solche, die sich mindestens ignorieren, wenn nicht hassen müssten. Denn Gott fällt auf uns Menschen und unser Machtgebaren nicht herein. Gott ist nicht naiv, sondern er kommt mit seiner grösseren Gnade dazwischen, zwischen das Böse und uns. Daraus folgt Gutes, kann sich entfalten, geduldig und hoffnungsvoll.

Von Dörte Gebhard

18. Mai

Der Welt Grundfesten sind des HERRN, und er hat die Erde darauf gesetzt. 1. Samuel 2,8

Wer hätte nicht gern «Grundfesten»? In unruhigen Zeiten erst recht, wenn der Terminkalender viele Fragezeichen hat, wenn die allgemeinen Aussichten mehr als ungewiss sind. Dann ertappe ich mich dabei, dass ich die Grundfesten mit dem verwechsle, was ich schon lange gewohnt bin. Aber auch die bewährtesten Gewohnheiten taugen nicht als Grundfesten. Heute hilft mir die Prophetenmutter Hanna, von dieser Überzeugung abzusehen. Nein, nicht mit spektakulären Vorhersagen oder Prognosen. Die Propheten Israels waren keine Vorhersager, sondern «Hervorsager». Hanna hilft mir, das Selbstverständliche und Gewöhnliche einmal sein zu lassen, und sie «sagt mir hervor», dass die Grundfesten nicht meine sind, sondern dass sie Gott gehören.

Josua Boesch hat es früher «hervorgesagt». Er wäre im November hundert Jahre alt geworden; seine Gedichte werden nun viel, viel älter. Er dichtete nur wenige Worte über die Grundfesten, auf die Verlass ist, in barmherziger Ergänzung zu allerlei menschlichen Gewohnheiten:

Gott / isch grooss / gröösser / als ales wo grooss isch / mächtiger / als ales wo mächtig isch / … gott / isch daa / nööcher / als ales won eim nööch gaat / wiiter / als ales won eim z wiit gaat … / das isch waar / vil waarer als ales / won au waar isch / vil würklicher als ales / won au würkli isch …

Von Dörte Gebhard