Seite 126 von 162

25. Dezember – Weihnachtstag

Niemand hat Gott je gesehen; der Einziggeborene, der Gott ist und in des Vaters Schoss ist, der hat es verkündigt.         Johannes 1,18

Die Liebe Christi bewegt, versöhnt und eint die  Welt. Unter diesem Motto kommen, während ich dies schreibe, nur wenige hundert Meter entfernt Tausende Christenmenschen aus der ganzen Welt zur 11. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen zusammen. Niemand hat Gott je gesehen, aber in und durch Christus, dem menschgewordenen Gott, bekommen wir eine Ahnung, ein Gespür für das Gottesgeschehen, auch dafür, wie Gott in und durch Christus geschieht.

Was vielleicht abstrakt klingt, wird konkret und lebendig in den Geschichten, die er erzählt hat und die über ihn weitererzählt wurden; in den Spuren seiner Liebe, die sich über die ganze Welt ausbreiten, auch wenn sie unter den Schichten von Gewalt, Gier und Grausamkeit manchmal kaum zu entdecken sind.

Weihnachten gilt vielen als das «Fest der Liebe»; oft sind dabei vor allem der private Kreis und das persönliche Umfeld im Blick. Aber Liebe denkt gross und hat einen langen Atem (vgl. 1. Korinther 13). Gottes Liebe hat die ganze Welt, seine ganze Schöpfung im Blick.

Die Liebe Christi bewegt, versöhnt und eint die  Welt.

Ich bin gespannt, wie diese bewegende Liebe in Karlsruhe und darüber hinaus spürbar sein wird.

Von Annegret Brauch

24. Dezember – Heiliger Abend

Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erdenbei den Menschen seines Wohlgefallens.  Lukas 2,14

Wie sehr sehnen wir uns nach dem Frieden, den die Engel jedes Jahr wieder verkünden! So ist dieser Gesang der Engel ein grosser Trost und birgt eine grosse Hoffnung.

Ich frage mich aber schon lange: Ist diese    Formulierung «Friede bei den Menschen seines Wohlgefallens» nicht eine Zusage, die nur den Menschen gilt, die Gott wohl gefallen? Trifft sie nur zu auf die Menschen, die seine Weisungen befolgen, die gut sind – und die andern fallen heraus? Ich habe den Urtext befragt und habe andere Übersetzungen zu Rate gezogen: Die Bibel in gerechter Sprache sagt: «Friede auf Erden bei den Menschen, an denen Gott Freude hat.» Das ist nicht weniger missverständlich. Aber kluge Kommentare haben mich beruhigt: Wörtlich übersetzt heisst der Urtext «und auf der Erde Friede den Menschen des Wohlgefallens», und das bedeutet so viel wie: den Menschen, denn Gott hat Wohlgefallen an ihnen; Gott liebt die Menschen, also auch die, die nicht «gut» sind. Das passt zum Evangelium, zur Nächstenliebe und zur Feindesliebe! Und ich verstehe dies als eine Aufforderung an uns: Haltet Frieden, auch mit denen, die ihr nicht mögt und die euch nicht mögen. Sucht den Frieden auch mit Aggressoren. Wie das geschehen soll, bleibt die grosse Frage. Die Geburt des Kindes und seine Botschaft geben uns Hoffnung, dass es mit seiner Hilfe dennoch gelingt.

Von Elisabeth Raiser

23. Dezember

Gross ist, wie jedermann bekennen muss, das Geheimnis des Glaubens: Er ist offenbart im Fleisch, gerechtfertigt im Geist, erschienen den Engeln, gepredigt den Heiden, geglaubt in der Welt, aufgenommen in die Herrlichkeit.      1. Timotheus 3,16

Oh ja, gross ist das Geheimnis des Glaubens! Wir hatten kürzlich ein Gespräch in einer Frauengruppe darüber, wen oder was wir uns unter Gott vorstellen, an den alle in der Gruppe glauben und zu dem wir alle beten. Ist Gott ein Er – ist sie eine Sie? Keines von beiden! Aber wer oder was dann? Ein persönlicher Gott, also stellen wir uns eine Person vor, zu der wir sprechen können? Vielleicht. Wir kamen schnell darauf, dass ohne eine Beziehung zwischen Gott und uns der Glaube keinen verstehbaren oder erlebbaren Sinn hat und dass Beten das entscheidende Bindemittel in unserer Beziehung zu Gott ist. Eine junge Frau, die dabei war, schwieg lange, aber plötzlich brach es aus ihr heraus: «Im Katechismus habe ich gehört: Gott musst du dir als Vater vorstellen – oder vielleicht als Mutter. Das kann ich nicht! Mein eigener Vater sagte mir: Nein, Gott ist keine Person, wo sollte die denn sein? Ich denke, Gott ist eine Energie, die wir in uns spüren; die anders, höher ist als wir und die uns belebt. Das kann ich glauben, dieser Kraft kann ich mich anvertrauen.»

Gott und der Glaube an ihn bleiben ein Geheimnis. Die Unaussprechliche, Lebendige, Ewige ist dennoch so nah!

Von Elisabeth Raiser

22. Dezember

Maria kam in das Haus des Zacharias und begrüsste Elisabeth. Und es begab sich, als Elisabeth den Gruss der Maria hörte, hüpfte das Kind in ihrem  Leibe. Und Elisabeth wurde vom Heiligen Geist  erfüllt. Lukas 1,40–41

Zwei Frauen begegnen sich. Beide spüren, dass etwas Grosses mit ihnen geschieht. Und auf der Schwelle des Hauses von Elisabeth beginnen sie, das Grosse zu besingen. Sie loben Gott, denn das Grosse kommt von Gott. Die Begegnung dieser beiden Frauen öffnet unser Herz für das, was in ein paar Stunden kommt. Und sie öffnet nicht nur unser Herz, sie weitet auch unseren Blick: Die Begegnung gipfelt im Lobgesang der Maria. Zuerst lobt sie Gott dafür, dass er sie mit der Geburt dieses Kindes beschenkt. Dann öffnet sie ihren Blick in die Gemeinde und damit in die Welt: «Seine Barmherzigkeit gilt von Geschlecht zu Geschlecht denen, die ihn fürchten.»

Zwei Tage vor Weihnachten wird in diesen Worten und denjenigen des ganzen Gesangs der Maria deutlich, dass dieses Kind die Welt verändern wird. Gottes Barmherzigkeit gilt allen, die ihr Vertrauen in den Gott des Lebens setzen. Auch heute dürfen wir uns versichern lassen von dieser Verheissung. Sie soll unser Vertrauen stärken, unsere Aufbrüche in das Leben hinein, auf der Schwelle zu Weihnachten. Und, wer weiss, auf der Schwelle unserer Häuser, wo wir uns begegnen, so wie die beiden Frauen.
Schenke du uns deine Barmherzigkeit.

Von Madeleien Strub-Jaccoud

21. Dezember

Da ich den HERRN suchte, antwortete er mir und errettete mich aus aller meiner Furcht.      Psalm 34,5

Im Theaterstück «Jeanne oder die Lerche» von Jean Anouilh gibt es einen Dialog zwischen dem jungen König Charles und Jeanne d’Arc. Sie fragt ihn, ob er genug Angst habe. Als er dies bejaht, kann er sich entscheiden, König zu werden. Es bleibt unklar, ob es sich um eine existentielle Angst gehandelt hat oder die Angst um das Reich.

Angst plagt, so ist auch die Erfahrung von David, dem der Psalm zugeschrieben wird. Und in dieser Plage hat er Gott, gesucht. Er hat sich ihm zugewandt, und Gott ist bei ihm gewesen.

Gott suchen, Gott bitten, eine Antwort auf die Angst zu geben – mir kommt hier stark entgegen, dass die Lebendige die Angst nicht nimmt. Ich muss selber den Weg finden. Aber sie lässt sich finden. Ihre Antwort, so könnte es sein, ist, dass ich nicht verzweifle an der Angst, sondern Vertrauen schöpfe. Ich brauche Vertrauen in die Lebendige, in den Gott des Lebens. Und ich brauche Vertrauen in meine Kraft. Die Angst, die plagt, darf mich nicht erdrücken. Vielmehr muss ich sie loslassen und in die Hände Gottes legen. Vielleicht habe ich dann genug Angst gehabt.

Sei du in aller Angst auf der Seite der Menschen und schenke du Kraft und Vertrauen.

Von Madeleine Strub–Jaccoud

20. Dezember

Noah fand Gnade vor dem HERRN.                1. Mose 6,8

Warum fand ausgerechnet Noah Gnade? Weil er gerechter war als andere. Warum braucht er dann Gnade? Weil kein Mensch Gott gerecht werden und von sich aus ein Leben führen könnte, das gottgefällig ist. Das einfache Sätzchen, das erklärt, warum Noah auserwählt wird, einen Spross der Menschheitsfamilie zu gründen, gibt zu denken. Haben doch auch die Ureltern vor Gott Gnade gefunden. Und ihre Nach- kommen sind dann doch gescheitert. Das wird auch bei Noah der Fall sein. Er ist offensichtlich kein neuer Adam. Gottes Neustart der Schöpfung läuft schief. Ob vorsintflutlich oder nachsintflutlich – das Menschengeschlecht hat einen genetischen Defekt, der von Generation zu Generation übertragen wird. «Erbsünde» nannte es der Kirchenvater Augustin und meinte, es habe mit (sexueller) Begierde zu tun. Aber das greift zu kurz. Ändern wir uns nicht? Es schaut nicht danach aus. Wir sind drauf und dran, unsere Erde unbewohnbar zu machen, und fantasieren über Archen, auf die wir uns retten können. Stoff für eine Tragödie, aus der wir nicht entfliehen, ein Rad, das sich dreht, bis es einmal endgültig zu Ende geht mit uns. Das wäre der Schluss, den wir ziehen müssten, wenn wir – Noahs  Nachkommen– nicht Gnade vor Gott gefunden hätten. Dieser Lichtstrahl macht aus der Tragödie des Menschengeschlechts eine offene Geschichte. Noah ist nicht der neue Mensch, und wir sind keine besseren Menschen, aber in ihm sehen wir einen Prototyp, der Hoffnung macht. Weil Gott gnädig ist.

Von Ralph Kunz

19. Dezember

Du sollst mit einem neuen Namen genannt werden, welchen des HERRN Mund nennen wird.              Jesaja 62,2

Der zweite Teil des Jesaja gilt als «Evangelium» im Alten Testament. Viele der Bilder werden im Neuen Testament auf- gegriffen – Bilder der Verheissung, die sich erfüllen mit dem Kommen Jesu Christi. Die meisten Ankündigungen gehen deshalb nicht direkt von Gott an sein Volk, sondern machen einen «Umweg» über Boten, die beauftragt werden, die Frohe Botschaft zukünftig weiterzusagen. Sie sagen an, was noch kommen wird.

Die erste Adressatin in der Losung ist die Tochter Zion. Gemeint ist Israel. Zion ist der Name des Hügels, auf dem der Tempel steht. Ihr gilt das Evangelium, sie soll es hören, alle Welt wissen, dass ihr Heil kommt. Und sie soll einen neuen Namen bekommen.

Das ist einigermassen umständlich. Warum braucht es einen Neuanfang? Wäre es nicht effizienter, eine göttliche Short Message direkt an die Adressatin zu senden, eine SMS im Stil von: «Du bist okay, Israel!»

Ich meine, wir sehen hier die Logik der Mission Gottes. Sie braucht Evangelisten, die den neuen Namen nennen. Der Broadcast funktioniert nur über den persönlichen Podcast von Menschen, die sich die Heilsbotschaft aneignen und anderen überbringen. Wir müssen hören, dass nicht alles beim Alten bleibt. Wir werden bei dem Namen gerufen, der über allen Namen steht, Christus, der Gesalbte überbringt uns die Botschaft. Du darfs dich Christ nennen!

Von Ralph Kunz

18. Dezember

Paulus schreibt: Mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten der Weisheit, sondern im Erweis des Geistes und der  Kraft. 1. Korinther 2,4

An der Geburt des Kindes, die wir in einer Woche feiern, hatte Paulus keinerlei Interesse. Nirgends erwähnt er sie. Wohl aber den Gekreuzigten, immer wieder. Und der passt ja nicht so gut zu Weihnachten.

Und doch will ich eine Verbindung knüpfen.

Das Kreuz ist ein Zeichen des Scheiterns, des Ausgeliefertseins, der Schwäche. Paulus lenkt meinen Blick auf einen Gott, der sich als Verwundbarer zeigt und selbst bedürftig ist. Eine Gottesvorstellung, die nicht sehr weise klingt. Damit kann ich niemandem Eindruck machen und niemanden überzeugen.

Ein schwacher Gott ist eine Provokation für mein Denken und Hoffen. Ich erwarte doch, der Ewige soll eingreifen, regeln, helfen, machen, verhindern…! Die meisten Gebete sind Bitten an Gott, uns in unseren Problemen zu helfen. Beim verwundbaren Gott geht es nicht primär darum, was er tun kann, sondern was es bedeutet, in einer Beziehung zu ihm zu leben. Und diese seltsame Beziehung muss nicht ich eröffnen, sie ist längst begründet, wir stecken schon tief drin. Vielleicht so: Als ich noch nicht geboren war, da bist du mir geboren und hast mich dir zu eigen gar, eh’ ich dich kannt’, erkoren.

Weihnachtliche Geistkraft, die sich so erweist.

Von Ulrike Müller

17. Dezember

Lobet, ihr Völker, unsern Gott, lasst seinen Ruhm   weit erschallen, der unsre Seelen am Leben erhält  und lässt unsere Füsse nicht gleiten.                Psalm 66,8–9

Die «Route 66» ist eine der bekanntesten Strassen der Welt. Fast 4000 Kilometer lang, führt sie von Chicago nach Santa Monica an die Westküste der USA.

Auf ihr zogen im 19. Jahrhundert Siedler und in den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts verarmte Farmer nach jahrelangen Staubstürmen und Dürre zu den Obstplantagen Kaliforniens. Gefährlich war dieser Weg. Aber sie nahmen ihn auf sich für die Sehnsucht nach Freiheit und den Traum von einem besseren Leben.

Eigenartig, dass auch der Psalm 66 in der Bibel mit grossem Jubel einen Weg besingt, der in die Freiheit und ein besseres Leben führt. Gemeint ist der Weg des Volkes Israel aus der Knechtschaft ins Gelobte Land. Der sogenannte Exodus.

Gott, der auch heute Menschen aus dem Elend in die Freiheit führt? Uns oder wen?

Ob die Wege der Flüchtlinge in einem Europa der Zukunft einmal ähnlich legendär sein werden wie die Route 66 oder der Exodus? Der christliche Glaube hat einst die Route über das Mittelmeer genommen. Menschen brachten auf diesem Weg das Evangelium zu uns. Warum soll auf dieser legendären Route nicht erneut Gutes zu uns kommen?

Adventlich wäre eine solche Umkehrung der üblichen Sicht.

Von Ulrike Müller

16. Dezember

HERR, du erforschest mich und kennest mich. Ich sitze oder stehe auf, so weisst du es; du verstehst meine Gedanken von ferne.       Psalm 139,1–2

Nicht nur wir Christinnen und Christen fragen aktuell immer wieder, wo wir noch Halt finden, Zuversicht schöpfen, Kraft tanken können. Dahinter verbirgt sich für mich die Frage nach Gott. Für den Psalmbeter ist und bleibt es unbestritten: Gott ist da. Eine Geschichte macht dies wunderbar deutlich: Ein Schüler fragte seinen Meister: «Wie kann ich erfahren, dass Gott hier ist? Wie kann ich sicher sein, dass er mich nicht verlassen hat?» Wortlos drehte sich der Meister um, füllte ein weites Gefäss mit Wasser und gab eine gute Prise Salz dazu; nach einer Weile bat er: «Nun hol mir das Salz, das ich hier hineingetan habe, wieder heraus.» Verständlicherweise war dies dem Schüler nicht möglich, denn das Salz hatte sich bereits aufgelöst.

«Nun, so koste vom Wasser am Rand der Schüssel, wie schmeckt es?» «Salzig», entgegnete der Schüler. «Probiere nun aus der Mitte, wie schmeckt es?»

«Meister, es ist salzig, wie der andere Schluck zuvor.» «Und nun probiere einen Schluck vom Grund.» Der Schüler tat wie ihm gesagt und es war, Sie werden es nicht glauben – salzig.

«Verstehst du nun», sagte der Meister, «so wie mit dem Salz verhält es sich mit Gott in unserem Leben: unsichtbar und doch überall.»

Mit dieser alten Geschichte gehe ich hoffnungsvoll und voller Erwartungen durch den Advent.

Von Carsten Marx