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15. Dezember

Siehe, wie fein und lieblich ist’s, wenn Brüder  einträchtig beieinander wohnen! Denn dort verheisst der HERR Segen und Leben bis in Ewigkeit.                                          Psalm 133,1.3

«Teilen, teilen, das macht Spass, wenn man teilt, hat jeder was!» – mit diesem Spruch kamen unsere beiden jüngsten Töchter aus dem Kindergarten nach Hause. Wie oft haben sie mit diesem Spruch ihren Znüni ganz brav geteilt.

Es ist Advent. Wir sitzen in diesen dunklen Dezembertagen wieder an einem Tisch zusammen, lesen gemeinsam Adventsgeschichten, zünden die Kerzen am Adventskranz an, singen die vertrauten Lieder und teilen das Adventsgebäck. Wir denken darüber nach, wie wir Eltern früher Advent gefeiert haben, wann der erste Schnee fiel und wie es ist oder sein könnte, wenn alle Menschen auf der Welt miteinander teilen würden.

Bei  uns  im  Burgenland  gibt  es  im  Advent  (ab dem Dezember) die katholische Tradition der Herbergssuche. Der Brauch erinnert an die einst erfolglose Quartiersuche von Maria und Josef in Bethlehem. Zunächst stutzte ich über diese Tradition. Dennoch finde ich sie bereichernd. Man besucht in der Adventszeit hauptsächlich die nächsten Nachbarn, erkundigt sich, wie es ihnen geht, teilt mit ihnen ein mitgebrachtes Adventsgebäck und hält Gemeinschaft. Wie wunderbar ist es, wenn wir zusammensitzen. Mitten in der dunklen Dezemberzeit ist das ein Segen: das Teilen, das Leben mit den Nächsten in der Nachbarschaft.

Von Carsten Marx

14. Dezember

Es sollen viele Völker sich zum HERRN wenden und sollen mein Volk sein.      Sacharja 2,15

Ein «Fest der Vielen» hat der stark migrantisch geprägte Stadtteil in unserer Nachbarschaft durchgeführt. Ein Fest, bei dem Menschen verschiedenster Kulturen ihre Musik, ihre Nahrung, ihre Geschichten einbringen konnten. Es war ein Fest, bei dem ein Moment von Befreiung aus der Stigmatisierung sichtbar wurde, die so oft mit migrantischem Hintergrund verbunden ist.

Auch in der heutigen Losung ist Befreiung Stichwort und Hintergrund der zum Ausdruck gebrachten Botschaft an die Verbannten. Ihr Schicksal wird sich wenden. Sie waren Migranten unter fremder Herrschaft. Ihnen wird eine Zukunft, «ein Fest der Vielen», vorausgesagt, bei dem die Völker «einander einladen unter Weinstock und Feigenbaum» und «ein Volk sein werden» (Vers 3,10). Wir ahnen etwas von der Einheit der Menschheit, die sich Jahwe zuwendet und sein Volk wird. Wenn wir im Kontext des gestrigen Losungwortes auf das heutige blicken, dann wird deutlich, dass der dem Losungswort nachstehende Verweis darauf, dass Jahwe bei aller Vielfalt die Mitte des Volkes Israel bleibt, ein inhaltlicher, auf Werte (Liebe, Nächstenpraxis) bezogener ist. Die Vielfalt, die Oikoumene, wie wir auch sagen können, schart sich um die Liebe Gottes für seine gesamte Schöpfung. Sie bildet Gottes Einheit in der Vielfalt ab, die wir als Migranten der Mannigfaltigkeit seines Volkes darstellen.

Von Gert Rüppell

13. Dezember

Ihr sollt den HERRN, euren Gott, nicht versuchen. 5. Mose 6,16

Die Tendenz, seinem Gott nicht treu zu sein, ist ein durchgängiges Thema, mit dem das Volk Israel seine Beziehungsgeschichte mit Gott häufig beschreibt. So auch hier, wo  die Passage ein Rückverweis auf das Murren des Volkes am Horeb (Massa) ist, das angesichts ungenügender Lebensumstände an der Existenz Gottes gezweifelt hatte (2. Mose 17,7). Der heutige Losungsvers verweist in seinem Kontext (Kapitel 6) auf zwei zentrale Elemente der Gott-Mensch-Beziehung. Zum einen auf die Liebe Jahwes als Wesen des Gesetzes und somit sein zentrales Interpretament und zum anderen die Treue zu Gott als die erwartete Antwort durch den Menschen. Treue kennt Versuchung nicht, weil eine Beziehung, die auf Treue basiert, das Gegenüber nicht in Versuchung führen will. Also: «Und führe uns nicht in Versuchung», sondern gib uns eine der Treue und dem Wesen deines Gesetzes, der Menschenliebe, entsprechende Beziehung. Den Herrn nicht zu versuchen, bedeutet also nicht allein, Gott ernst zu nehmen, sondern auch, seine Ordnung, seine Bestimmungen für uns Menschen in Nächstenpraxis umzusetzen und so für andere Gottesnähe zu verkörpern. Deshalb steht die Losung im Rahmen jenes grossen israelischen Glaubensbekenntnisses: Sh’ma Yisrael, höre Israel, der Lebensanweisung für ein Volk, dessen Leben von Nähe zu Gottes Willen bestimmt ist.

Von Gert Rüppell

12. Dezember

Lass leuchten dein Antlitz über deinem  Knecht; hilf mir durch deine Güte!                  Psalm 31,17

«Über deinem Knecht» – freilich vertraute Bibelsprache, aber auch wer mit ihr einigermassen vertraut ist, mag darüber stolpern oder kurz stutzen. «Herr und Knecht» beschreibt das Verhältnis von Gott und Mensch zu einseitig, wohl gar irreführend. Jesus von Nazareth hat diese Redeweise nicht gebraucht, er hat sie durch das Bild der Gotteskindschaft ersetzt, und im letzten Jahrhundert hat Jürgen Moltmann die Vorstellung der «ersten Freigelassenen der Schöpfung» formuliert. Das wäre ungefähr das Gegenteil eines Knecht-Verhältnisses. Mit diesen Korrekturen im Ohr wenden wir uns wieder dem Psalmvers zu.

Den Begriff «Knecht» können wir ja anders füllen. Er muss nicht Unterwürfigkeit bedeuten, kann vielmehr auf ein Angewiesensein verweisen, auf ein Vertrauen, das jemand einem Stärkeren entgegenbringt. Es ist das Vertrauen, von der Kraft dieses Stärkeren zu profitieren, von seinem Schutz, seinem Wohlwollen, seiner Güte, wie es im Psalmvers heisst. Alles ist vereint im Bild des Lichtes, das von Gottes Antlitz ausgeht, vom Gegenüber, das wir nicht sehen, das uns aber anschaut und erleuchtet. So ist die Adventszeit durchdrungen von diesem Bild:

Das ewig Licht geht da herein, gibt der Welt ein’ neuen Schein; es leucht’ wohl mitten in der Nacht und uns des Lichtes Kinder macht. (Martin Luther)

Von Andreas Marti

11. Dezember

Eines jeden Wege liegen offen vor dem HERRN. Sprüche 5,21

Ich klicke eine Website an. Sogleich werde ich gefragt, ob und zu welchen persönlichen Daten ich Zugang geben, welche Cookies ich akzeptieren, was ich offenlegen will. Das wird bei unserem Losungswort nicht gefragt. Es setzt voraus, dass vor Gott alles offenliegt; an eine Privatsphäre ist da nicht gedacht. Er kann als beunruhigend, gar als bedrohlich empfunden werden, dieser allwissende Gott. Zunehmend gerät das Gottesbild der Allwissenheit und der Allmacht in die Kritik.

Schauen wir uns die Sache aber einmal von der anderen Seite an. Liegen denn meine Wege vor mir selber offen? Die kommenden sowieso nicht, aber auch nicht die vergangenen: Höhepunkte und erst recht Tiefpunkte, Wendungen und Veränderungen auf dem Lebensweg bleiben in ihrem Sinn verborgen, liegen dem Verstehen oft keineswegs offen. Zusammenhänge zu erkennen, die Sinnhaftigkeit zu sehen, ist alles andere als selbstverständlich, und mit jeder solchen Erfahrung wird die Last grösser und schwerer. Aber ich muss die Frage nach dem Sinn nicht selber beantworten, darf  sie dem überlassen, vor dem meine Wege offenliegen. Das bringt Entlastung in einer vertrauensvollen Gelassenheit.

Ich verstehe deine Wege nicht,aber du weisst den Weg für mich. (Dietrich  Bonhoeffer)

Von Andreas Marti

10. Dezember

Viele werden kommen von Osten und von Westen und mit Abraham und Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen.           Matthäus 8,11

Jetzt habe ich gerade dreimal die Wundergeschichte «Der Hauptmann von Kafarnaum» gelesen, aus der obiger Vers stammt. Dreimal, bis ich als Nicht-Theologin ein wenig verstanden habe, worum es da geht.

Dies ist ein schönes Beispiel dafür, wie friedlich ein aus dem Kontext gelöster Vers klingen kann, der aber eigentlich in einer Geschichte vorkommt, die eher eine Rüge ist.

Es geht um die Kraft des Glaubens. Jesus rühmt den Hauptmann von Kafarnaum, der glaubt, dass auch nur ein Wort von Jesus den zuhause krank liegenden Knecht schon heilen könne. Der Hauptmann ist ein Römer, erfahre ich, als ich ein wenig nachfrage, und diejenigen, die Jesus vertrauen und an ihn glauben, sind laut Erzähler oft solche von weit weg, von Osten und Westen, während die heimischen Juden sich schwer mit Jesus tun und ihn oft ablehnen.

Hm. Wir sprechen in meiner Kirche, wenn wir zur Eucharistie gehen, auch immer, leicht abgewandelt, diese Worte des Hauptmanns von Kafarnaum: «Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund.» Aber eigentlich denke ich:

«Herr – willst du überhaupt so genannt werden? Ich glaube, ihr konntet da ganz einfach eine Brücke schlagen, du, dieser Hauptmann und dieser kranke Knecht. Wie ging das?»

Von Katharina Metzger

9. Dezember

Gedenkt an den, der so viel Widerspruch  gegen sich von den Sündern erduldet hat, dass ihr nicht matt werdet und den Mut nicht sinken lasst.          Hebräer 12,3

In diesen Tagen werden wieder die Krippen hervorgeholt, vom Estrich, aus dem Keller, aus dem Schopf, Krippenfiguren werden aus Haushaltspapier gewickelt, Schafe gruppiert und das hölzerne Jesuskind ins Kripplein gelegt. Das kleine, schlafende, friedliche Zentrum. Das Kindlein tut nichts, ausser da zu sein.

Widerspruch und Sünder fehlen an der Krippe. Was werden sie später gegen dieses Kind sagen?

Vielleicht: «Er ist gar nicht der Sohn Gottes!» Oder: «Er ist ein gefährlicher Aufwiegler!» Oder: «Er hat meinen Mann mitgenommen. Jetzt muss ich allein schauen, wie ich alle Mäuler gestopft kriege!» – Ich weiss es nicht. Der Text ist weit weg von mir.

Wir sehnen uns alle nach Momenten an der Krippe, dann, wenn es nichts zu sagen, nichts zu streiten, nichts auszulachen und nichts zu verteidigen gibt, dann, wenn alles möglich scheint, wenn wir nur auf den stillen Atem des Lebens hören.

Das Kind wird der Krippe entwachsen, und auch wir werden wieder von der Krippe weggehen, Widerspruch leisten, Widerspruch erfahren, Widerspruch erdulden müssen. Dass wir dabei nur nicht hart werden und uns immer wieder erinnern, an das Kind, das atmende Leben in der Krippe.

Von Katharina Metzger

8. Dezember

Erbaut auch ihr euch als lebendige Steine zum geistlichen Hause und zur heiligen Priesterschaft, zu opfern geistliche Opfer, die Gott wohlgefällig sind durch Jesus Christus.          1. Petrus 2,5

Eine Kirchgemeinde ist eigentlich ein «Unding». Denn lebendige Steine gibt es nicht. Entweder sind es Pflanzen, die bloss wie Steine aussehen, oder es ist wirklich Granit. Der ist und bleibt leblos, seit Jahrtausenden.

Eine Kirchgemeinde ist trotzdem genau das: ein Haus aus lebendigen Steinen. Denn will man etwas ändern, wird es hart. Wer frisch und freiwillig da ist, findet es eventuell leichter, den berühmten Unspunnenstein, der immerhin 83,5 kg wiegt, richtig weit zu werfen, als irgendeine kleinere Neuerung durchzusetzen. 4,11 m ist übrigens der schwer zu brechende Rekord von Markus Maire aus dem Jahr 2004.

Hartnäckig muss man sein. Beim Steinstossen ist es ganz offensichtlich, in der Kirche bleibt es auch nicht lange verborgen.

Aber diese geistlich-lebenstüchtigen Steine sind zugleich toll und unberechenbar. Sagenhaft viele Einfälle, fixe und Schnapsideen kullern und bollern, rollen und rumpeln durch die Gegend und die Gemüter, durch Presse und Internet. Man holt sich womöglich schnell blaue Flecken, geistliche, versteht sich, wenn man nur schon von weitem zuschaut.

Eine Kirchgemeinde erbaut sich am besten, wenn sie ziemlich regelmässig prüft, ob alles Unverrückbare und alles Wilde Gott gefällt. Dieses «Opfer» ist gemeint.

Von Dörte Gebhard

7. Dezember

Weh denen, die den Schuldigen gerecht sprechen für Geschenke und das Recht nehmen denen, die im Recht sind.                                                     Jesaja 5, 22.23

Haben Sie schon alle Geschenke für Ihre Lieben beieinander? Schon seit Ostern oder erst seit dem Erntedankfest? Oder müssen Sie jetzt bald noch los, etwas genau Passendes oder etwas Ungewöhnliches, etwas lang Gewünschtes oder komplett Überraschendes zu finden?

Manchmal wird über Weihnachtsgeschenke geschimpft und gewettert, über die Menge und/oder die Preise, über die totale Kommerzialisierung des Festes. Aber gute Gaben sind und bleiben eine gute Erfindung der Menschheit. Gern lasse ich mich anstecken von der Begeisterung der Kinder; gerade davon, wie sie es vor Weihnachten kaum erwarten können, jemandem ein besonderes Geschenk von sich selbst zu überreichen. Es ist längst gebastelt, verpackt und versteckt, aber bis Heiligabend muss man noch siebzehnmal schlafen!

Jede noch so gute Idee kann man dennoch verderben. Wer nur etwas gibt, um noch mehr zu bekommen, wer das Recht beugt zu seinen Gunsten, der bringt Leid und Weh über andere. Korruption nützt niemandem und schadet allen. Jesaja bringt es auf den Punkt. Die Schweiz ist auf dem internationalen Korruptionsindex 2022 auf den 7. Platz abgerutscht, wegen Vetterliwirtschaft und teilweise intransparentem Umgang mit Geld. Üben wir am besten mit den Kindern zusammen, wie man von Herzen gern und vor allem ohne störende Hintergedanken schenkt.

Von Dörte Gebhard

6. Dezember

Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheissung, in denen Gerechtigkeit wohnt.      2. Petrus 3,13

An der Vollversammlung des Ökumenischen Rats der Kirchen in Karlsruhe erlebte ich Tag für Tag Menschen, die auf Gerechtigkeit warten. In der Ukraine und im Nahen Osten. Sami in Schweden und Menschen auf Inseln im Süden, die unter der Klimaerhitzung leiden. Frauen und Kinder, die Gewalt erfahren in der Familie oder in der Kirche.

Mir wurde klarer: In Konflikten und Krisen macht es einen entscheidenden Unterschied, ob Kirchen und religiöse Gemeinschaften mit einer Stimme sprechen. Oder einander widersprechen und bekämpfen. Warten wir gemeinsam auf einen neuen Himmel und eine neue Erde? Oder wollen die einen jetzt gar keine Zeit verschwenden mit Warten, weil es ihnen gegenwärtig ja so gut geht? Und die andern glauben sowieso, dass das Neue erst nach dem Tod kommt?

Das Ziel des Ökumenischen Rats der Kirchen ist Einheit. Auch wenn die Kirchen keine grosse Macht mehr haben – oder gerade deshalb? Auch wenn mir klar ist, dass sie ganz verschiedene weltliche Interessen vertreten: Die Welt würde anders aussehen, wenn Christ*innen in Fragen der Gerechtigkeit öfter mit einer Stimme sprächen. Diese Stimme würde gehört. Was könnte eigentlich – frage ich mich beim Warten – mein Beitrag an die Einheit sein?

Von Matthia Hui