Seite 125 von 162

3. Januar

Der Herr ist treu; der wird euch stärken und bewahren vor dem Bösen.            
2. Thessalonicher 3,3

Woher diese Gewissheit? Paulus würde sagen, dass wir das wissen aus der Erfahrung der Gemeinde. Denken wir an die Sintflut und an Noah, der mit seiner Arche gerettet wurde, oder an Lot, der aus Sodom und Gomorrha herausfand.
Auf uns, auf mich angewendet, was kann dieser Bibelvers bedeuten? Da denke ich zuerst einmal an das Unser Vater, wo es heisst: «und führe mich nicht in Versuchung und erlöse mich von dem Bösen». Da wird mir stets deutlich, dass ich in die Lage kommen kann, das Ungute zu tun. Aber auch wird mir bewusst, dass Gott mir die Freiheit schenkt, zu entscheiden. Und schliesslich werde ich mir schmerzlich inne, dass es Entscheidungen in meinem Leben gab, wo ich nicht merkte, dass sie falsch waren, und dies erst Jahre später einsah. Kurzum: So einfach ist sie nicht, diese Zusage, dass der Herr mich bewahrt vor dem Bösen.

So ist der Bibelvers wohl eher eine Aufforderung zum Glauben. Ich muss einfach glauben, dass es an den Kreuzungen in meinem Dasein gut kommt. Und in der Tat, das gibt Kraft, und so ist wohl der Vers auch gemeint.

Aber in all dem darf ich mich immer daran erinnern, dass ich in Gottes Hand bin und er um meinen Lebensweg weiss, noch bevor ich ihn weiss. Auf diesem Glaubensgrund wird die Schuldfrage weniger schwer. Dabei erinnere ich mich auch an die Aussage: «… sind wir untreu, so bleibt er doch treu, er kann sich nicht verleugnen»
(2.Timotheus 2,13).

Von Kathrin Asper

2. Januar

Gott, der reich ist an Erbarmen, hat uns in seiner grossen Liebe, die er uns entgegenbrachte, mit Christus zusammen lebendig gemacht, obwohl wir tot  waren in unseren Verfehlungen.                                Epheser 2,4–5

Man muss schon das ganze 2. Kapitel des Briefes lesen, um wirklich zu ermessen, worum es geht. Durch Gnade sind wir vom Anfang bis zum Ende in Gottes Liebe getragen. Das ist ein Geschenk. Wenn wir es annehmen, gehören wir zu Gott und haben eine endgültige Heimat, einen Platz in der Ewigkeit. Um dahin zu gelangen, geht es nicht darum, dass Gott ein Auge zudrückt, wenn etwas schiefging, so quasi als Zugabe. Es geht auch nicht um ein Wenn-dann, also um Leistung, Anstrengung, sondern wir sind in dieses Gnadengeschenk eingebettet, um das Gute zu tun, zu dem uns «Gott zum Voraus bereitet hat», da sollen wir «wandeln» (Vers 2,10). Es geht nicht darum, zu stressen, im Wettbewerb zu stehen, um sich rühmen zu können, besser als andere zu sein. Nein, es geht darum, in der Freude dieses Geschenks zu sein, zu wirken, auch zu scheitern und weiter zu «wandeln».

  • Für Meister Eckhart lautet das kürzeste Gebet «Danke»! Die Dankbarkeit verbindet uns mit der Gnade und füllt unser Herz mit Freude, vertreibt Verbissenheit und Ängstlichkeit. Schön drückte dies Martin Luther aus, der durchaus Angst und Zweifel kannte:

«Ich weiss, woher ich komme, und ich weiss wohin ich gehe, mich wundert, dass ich noch so ängstlich  bin.»

Von Kathrin Asper

1. Januar

Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott. Wann werde ich dahin kommen, dass ich Gottes Angesicht schaue?  Psalm 42,3

«Der du allein der Ewge heisst und Anfang, Ziel und Mitte weisst im Fluge unsrer Zeiten: bleib du uns gnädig zugewandt und führe uns an deiner Hand, damit wir sicher schreiten.» Jochen Klepper schrieb diesen Vers 1938, und er steht im Losungsbüchlein unter der Losung und dem Lehrtext. Seine Bitte und seine Hoffnung sprach er zur Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland aus; sie waren dringend und wurden immer dringender in den darauffolgenden Kriegsjahren. Klepper hat den Krieg nicht überlebt; er nahm sich zusammen mit seiner jüdischen Frau das Leben, die er anders vor dem Abtransport in eines der Vernichtungslager nicht schützen konnte. Ein zutiefst tragisches Schicksal eines Menschen, für den das «sicher Schreiten» der Gang in den selbstgewählten Tod war.

Das vergangene Jahr hat uns mit Krieg und Zerstörung in der Ukraine, mit der Inflation und den plötzlich so hohen Energiepreisen viele Sorgen bereitet. Der Psalm 42 ist ein in grosser Not geschriebener Hilferuf an Gott – und zugleich ein Trostpsalm: «Was betrübst du dich, meine Seele und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.» Daran lasst uns festhalten in diesem neuen Jahr!

Von Elisabeth Raiser

Maria Moser

Pfarrerin Dfr.in Maria Katharina Moser ist seit September 2018 Direktorin der Diakonie Österreich. Davor war sie Pfarrerin in Wien-Simmering und wissenschaftliche Referentin am Institut für öffentliche Theologie und Ethik der Diakonie. Sie blickt auf langjährige Berufserfahrung im Religionsjournalismus als Redakteurin beim ORF sowie in universitärer Forschung und Lehre und Erwachsenenbildung zurück. Dr.in Moser studierte Theologie in Wien und Interkulturelle Frauenforschung in Manila

direktorin@diakonie.at

31. Dezember – Silvester

Ich will mich selbst als Wache um mein Haus lagern. Sacharja 9,8

Es ist kein besonders friedlicher und optimistischer Altjahrsabend, der uns in diesem Jahr erwartet. Der Rückblick erinnert uns an Krieg und Krankheit, und der Ausblick malt düstere Wolken an den Zukunftshorizont – Wirtschaft, Weltpolitik, Klima, Biodiversität, Altersvorsorge und was uns da noch alles Sorgen macht. Soll ich mich da nicht einfach einmal zurückziehen ins Private, in meine Wohnung, mein Haus, oder eben in Gottes Haus, dahin, wo er selbst die Wache ist? Flüchte ich mich damit in eine Illusion, in eine umgrenzte und begrenzte Sicherheit, die alles darum herum ausblendet, bis hin zur Realitätsverweigerung? Oder bin ich nur einfach müde von dem Daueralarm, der draussen herrscht, dem notwendigen sowohl wie dem übertriebenen oder gar dem erfundenen? Dazu kommt noch, dass dieser Daueralarm moralisch aufgeladen ist: Ein schlechter und verantwortungsloser Mensch ist, wer nicht möglichst laut und ununterbrochen mitalarmiert oder der gar da und dort ein bisschen zu relativieren versucht.

Trotzdem leiste ich mir ein Durchatmen unter der Wache Gottes und vertraue darauf, dass ich das neue Jahr aus dem «Haus Gottes» heraus gestärkt und allen Widrigkeiten zum Trotz mit Zuversicht beginnen kann. In diesem Sinne:  Allen ein Gutes und ein gesegnetes neues Jahr!

Von Reinhild Traitler

30. Dezember

Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebenten Tage ist der Sabbat des HERRN, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit  tun. 2. Mose 20,9.10

Work-Life-Balance; das gibt’s offensichtlich schon in der Bibel. Es geht natürlich nicht um die sechs Tage, was ja dann gegen unsere Fünftagewoche spräche, sondern um den Ruhetag, um die verordnete Unterbrechung der Arbeit. Spannend finde ich die Theorie, dass der erste Schöpfungsbericht zur Begründung des Sabbats geschrieben worden sei: Wenn Gott selber sich einen Ruhetag gönnt, dann dürfen das auch die Menschen, die er nach seinem Bild geschaffen hat. So bewahrt er sie vor der Selbstausbeutung. Aber noch mehr: Der Text geht weiter und sagt, dass auch der Knecht, die Magd, der Fremdling, der in den Toren der Stadt weilt, nicht arbeiten soll. Gott schützt diese Menschen vor der Fremdausbeutung. Unsere Ruhe darf nicht auf Kosten anderer gehen, die dafür arbeiten müssen.

Freilich, zu vermeiden wäre das ja nur mit einem kompletten Stillstand nach dem Muster der ultraorthodoxen jüdischen Stadtviertel. Aber diese Fremdausbeutung immerhin zu vermindern, das sollte uns eine Überlegung wert sein. Das gilt erst einmal vor Ort, aber richtig schwierig und schmerzhaft wird es im weltweiten Massstab, wo die Ungleichheit für viele eine Work-Life-Balance illusorisch macht. Da ist noch viel zu tun.

Von Reinhild Traitler

29. Dezember

Jesus Christus war nicht Ja und Nein, sondern  in ihm ist das Ja Wirklichkeit geworden.        2. Korinther 1,19

So ist es, und fertig. Ende der Diskussion. Über den Glauben lässt sich nicht streiten. Zweifel haben keinen Platz, denn die Wahrheit hat sich ja offenbart. Entweder du glaubst, oder du bist raus. Wenn mir Religion so entgegenkommt, verstumme ich. Es zieht sich alles in mir zusammen.

Mein Glaube geht auf schwankenden Brettern. Er trägt, aber er bleibt in Bewegung. Und er ist ein Wagnis, weshalb ich manchmal nasse Füsse bekomme: Eine Bibelstelle stellt sich quer, eine kluge Nachfrage bringt mich ins Grübeln, ein Gleichnis stellt Gerechtigkeitsvorstellungen auf die Probe, ich habe Angst, dass sich das Gefühl, im Glauben beheimatet zu sein und Trost zu finden, verflüchtigt.

Mein Glaube ist ein erzählter Glaube. Die Erzählung braucht nicht eindeutig zu sein, um wahr zu sein. Jesus antwortet auf die Frage nach dem Himmelreich nicht mit Gesetzesartikeln. Stattdessen erzählt er Gleichnisse: Geschichten.

Der biblischen Erzählung darf ich mich anvertrauen. Etwa der Weihnachtsgeschichte, die in diesen Tagen zwischen den Jahren in mir nachklingt. Gott kommt als verletzliches, bedürftiges Kind in die Welt und lässt damit sein bedingungsloses Ja Wirklichkeit werden.

Von Felix Reich

28. Dezember

Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe  und mein Gott ist.     Psalm 42,12

Wer im mittleren Alter keine zehn Sekunden auf einem Bein stehen kann, der hat im späteren Leben ein beinahe doppelt so hohes Todesrisiko. Dieses erschreckende Ergebnis einer Studie lese ich in der Zeitung, ich springe sofort auf und stelle mich auf ein Bein. Eins, zwei, drei … ich komme bis sieben und bin höchst alarmiert. Was soll ich tun? Was kann ich ändern an meinem Leben, damit ich nicht ein doppelt so hohes Todesrisiko habe?

Unruhig, so nehme ich im Moment viele Menschen wahr. Unruhig wegen der politischen Situation, die so unübersichtlich ist. Unruhig wegen der Auswirkungen der Pandemie, mit denen wir uns immer noch nicht arrangiert haben. Unruhig, weil viele ständig versuchen, sich vom Tod loszukaufen durch gesunde Ernährung, Sport und Verzicht. Wer will schon ein doppelt so hohes Todesrisiko – gerade am Ende des Jahres?

Wir haben alle ein hundertprozentiges Todesrisiko! Da lässt sich nichts dran ändern, auch nicht mit Unruhe. Doch gerade in dieser Unruhe helfen mir die Worte des 42. Psalms oder die von Johann Friedrich Räder:

Harre, meine Seele, harre des Herrn; alles ihm befehle, hilft er doch so gern. Wenn alles bricht, Gott verlässt uns nicht. Grösser als der Helfer ist die Not ja nicht. Ewige Treue, Retter in Not, rett auch unsre Seele, du treuer  Gott.

Von Sigrun Welke-Holtmann

27. Dezember

So seid nun geduldig, Brüder und Schwestern, bis zum Kommen den Herrn. Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen.       Jakobus 5,7

Der Herr war längst da! Auch in meinem Wohnzimmer habe ich es gefeiert. Geduldig habe ich in der Adventszeit gewartet. Dann drei Tage aus dem Alltag herausgerissen. Und nun? Nun sind die Feiertage vorbei. Die Geschenke sind ausgepackt. Die Familie ist wieder abgereist. Und ich schaue schon in die Zeitung, wann die Bäume vom Sammelplatz abgeholt werden. Jedes Jahr früher, so kommt es mir vor. Und die Unruhe des Alltags erobert mich schon wieder. Weihnachten scheint längst abgehakt.

Der Aufruf der Losung trifft mich heute unzeitig. «Etwas zu spät!», möchte ich Jakobus zurufen, «da hättest du früher kommen müssen.»

Geduldig auf das Kommen des Herrn warten hat seinen Platz im Kirchenjahr. Na klar, man könnte auch sagen: Nach Weihnachten ist vor Weihnachten. Aber ich brauche auch eine Zwischenzeit, sonst hetzt man ja von einem zum anderen. Ich finde, dass die Zeit sowieso immer schneller vergeht, je älter ich werde.

«So seid nun geduldig bis zum Kommen des Herrn.» Je länger ich über den Satz nachdenke, desto mehr entfaltet er den Geschmack einer Grundhaltung, die mir abhandengekommen scheint. Es wird schwer, sie wieder einzuüben. Danke, Jakobus, ich hoffe, es ist noch nicht zu spät.

Von Sigrun Weltke-Holtmann

26. Dezember – Stephanstag

Sie gingen zu ihren Zelten fröhlich und guten Mutes über all das Gute, das der HERR an David, seinem Knecht, und an seinem Volk Israel getan hatte. 1. Könige, 8,66

Sie ziehen ihres Weges fröhlich und guten Mutes: das Volk Israel nach der Einweihung des Tempels; die Hirten, die vom Stall aufbrechen; die Frau am Brunnen nach der Begegnung mit Jesus; der Kämmerer aus Äthiopien, nachdem er getauft wurde, und viele andere mehr. Ihnen allen ist etwas Grosses, Unerwartetes, Erfüllendes widerfahren, das ihr Herz berührt und ihre Sinne aufleben lässt.

Vielleicht kommt Ihnen eine eigene Erfahrung in den Sinn, die zu Herzen ging? «Brannte nicht unser Herz in uns, als er mit uns redete?», fragten sich die Jünger in Emmaus …

Ich denke an die junge Frau aus dem Volk der Samen, die bei der ÖRK-Assembly ihre Verbundenheit und Liebe zur Schöpfung, ihre Sorge um die Zukunft der Erde und gleichzeitig ihre Hoffnung und Zuversicht, dass Gottes Liebe in Christus die Welt verwandeln kann, so klar, einfach und bewegend ausdrückte, dass ihre Hoffnungskraft und ihr Mut ansteckten.

Ich finde doch, dass ziemlich viel Mut in der Welt ist, wenn man die Tage  bedenkt, an denen es gar nicht recht hell   wird … schreibt Marie Luise Kaschnitz in einem Gedicht – und ich singe: Fröhlich soll mein Herze springen … (RG 401)

Von Annegret Brauch