Kategorie: Texte

2. Juni

Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen
mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause
des HERRN immerdar.
Psalm 23,6

Gott ist immer da.
Gott kann man alles sagen.
Gott gibt mir alles.
Gott begleitet mich durch mein Leben,
auch wenn es nicht immer einfach ist.
Er ist immer für mich da.
Als ich auf die Welt kam, war er da.
Als ich die Salben auf dem Wickeltisch verschmierte,
war er da.
Als ich Velofahren lernte, war er da.
Als ich das erste Mal zur Schule ging, war er da.
Als ich in die 4. Klasse kam, war er da.
Als ich in die 7. Klasse kam, war er da.
Wenn ich in das Berufsleben eintreten werde,
wird er da sein.
Und wenn ich schwierige Situationen erleben werde,
wird er da sein.
Auch wenn ich sterben werde!
Amen.


Das Gebet hat eine meiner Konfirmandinnen zu Psalm 23,6
geschrieben und im Konfirmationsgottesdienst vorgetragen.

Von: Ruth Näf Bernhard

1. Juni

Ich habe mein Herz vor dem HERRN ausgeschüttet. 1. Samuel 1,15

Diese Worte sagt Hanna zu Eli. Er hält sie nämlich für betrunken.
Denn er sieht nur, wie sich ihre Lippen bewegen, ihre
Stimme aber hört er nicht. Er fordert sie auf, nüchtern zu
werden. Da erklärt ihm Hanna: «Ich bin eine verzweifelte
Frau. Und ich habe weder Wein noch Bier getrunken, ich
habe mein Herz vor dem HERRN ausgeschüttet.»
Hanna, die sich so sehr ein Kind wünscht. Oder irgendeine
andere Frau mit demselben Wunsch. Sie schüttet uns ihr
Herz aus. Ein ganzes Meer von Betrübnis liegt da. Wie schnell
kommt eine Antwort über unsere Lippen. Wie schnell haben
wir einen Lappen zur Hand, um die Wasserlache wegzuputzen.
Weil wir die Verzweiflung nicht verstehen. Nicht verstehen
wollen. Nicht aushalten können.
Und dann sagt diese oder jene andere Frau zu mir, dreissig
Jahre später, wie schwierig es sei, nie Grossmutter zu werden.
An die Kinderlosigkeit habe sie sich irgendwann gewöhnt.
Doch die Enkellosigkeit sei ein neuer Schmerz. Ich höre, wie
die neue Verzweiflung sich mit der alten vermischt. Ein ganzes
Meer von Betrübnis liegt da. Ich könnte ihr jetzt doch
von Hanna erzählen. Wie deren Klage sich in Lob verwandelt.
Dass Gott schon weiss, was richtig ist. Nein. Ich lasse den
Lappen fallen. Und glaube der Frau. Es braucht nicht immer
eine Antwort. Weil es nicht immer eine gibt.

Von: Ruth Näf Bernhard

31. Mai

Alle, die dem HERRN widerstehen, werden zu ihm
kommen und beschämt werden.
Jesaja 45,24

Kürzlich hörte ich eine bekannte Literaturkritikerin über ein
Buch am Radio sagen: «Was mich am Autor stört, ist seine
religiöse und erbauliche Erzählweise.» Diese beiläufige Kritik
zeigt: Es gehört heute zum guten Ton, sich von allem Religiösen
und seinen Erzähltraditionen zu distanzieren. Der Widerstand
gegen eine Wahrhaftigkeit, die jenseits des Erklärlichen
steht, ist zum Courant normal geworden.
Zum Glück!, dürfen wir einerseits sagen. Vernunftbasiertes
Handeln und Denken ist eine grosse Errungenschaft für
unsere Zivilisation. Verschwörungstheorien und radikale
Religiosität lassen aber auch vermuten, dass wir in unserer
säkularen Gesellschaft das Kind zu sehr mit dem Bad ausgeschüttet
haben. Unsere Zeit erscheint mir in dieser Hinsicht
nicht viel anders als jene von Jesaja. Unsere Scham beim Blick
auf unsere Welt ist vergleichbar mit jener, die der Prophet
damals nannte. Wir Menschen haben in unserem Streben
nach immer mehr Wohlstand und Wachstum die Demut
gegenüber der Schöpfung verloren. In unserer Freude, unser
Leben frei nach unseren eigenen Werten zu gestalten –
zumindest auf unserem Kontinent – haben wir uns jener
religiös-moralischen
Leitlinien entledigt, wie sie die biblischen
Bücher über Generationen schufen. Auch wenn sie in
vielem kein zeitgemässer Kompass mehr sind, so erzählen
sie vom ethischen Anliegen, uns in etwas Übergeordnetes
einzufügen, das dem Wohlergehen unseres Planeten dient.

Von: Esther Hürlimann

30. Mai

Wenn der HERR die Gefangenen Zions erlösen wird,
so werden wir sein wie die Träumenden.
Psalm 126,1

Die das sagen, träumen von der Rückkehr nach Jerusalem,
aus dem sie viele Jahre zuvor verschleppt worden waren. Sie
sind sicher, dass sie zurückkehren werden, auch wenn es vollkommen
hoffnungslos aussieht, so, wie die Vorstellung 1980
hoffnungslos war, die Mauer könne fallen, oder 2024, ein
empathischer Mensch könne Präsidentin der USA werden.
Träume geben Energie, die Gegenwart auszuhalten, indem
sie innere Bilder schaffen, die sich in Hoffnung verwandeln.
Das Ende des Psalms liefert dazu die praktische Erklärung:
Mit Tränen sät der Vater, weil seine Kinder hungern. Anstatt
aus den letzten Körnern ein letztes Brot zu backen, enthält er
sie den Kindern vor, um später mit Jubel ernten zu können.
Dann werden alle wieder genug zu essen haben.
Wenn es dann so weit ist, bleibt das Lebensgefühl noch
eine Weile traumartig. Was lange nur in der Vorstellung existierte,
wird mit einem Mal Wirklichkeit. Die Seele braucht
Zeit für den Übergang.
Der Glaube umfasst die Aufgabe, in Bezug auf die Zukunft
sich eine Art von Traumzustand zu erhalten. Hartnäckig
weigern sich Christinnen und Christen zu glauben, dass am
Schluss sowieso alles den Bach runtergeht.

Von: Heiner Schubert

29. Mai

Mose sprach: Nehmt zu Herzen alle Worte, die ich
euch heute bezeuge. Denn es ist nicht ein leeres Wort
an euch, sondern es ist euer Leben.
5. Mose 32,46.47

Mose erzählt von Worten, die Leben bedeuten können. Ich
versuche, zu verstehen. Von der Antike bis in die Gegenwart
ist Kontinuität im Judentum an geäusserte und geschriebene
Worte geknüpft, an ein ausuferndes Geflecht von Interpretationen,
Debatten und Meinungsverschiedenheiten, sowie an
zwischenmenschliche Beziehungen. In der Synagoge und der
Schule, aber auch zu Hause, umfasst dieser Austausch immer
mehrere Generationen. Die Worte werden weitergegeben
von Mose zum Volk, von Eltern zu Kindern, von Lehrern
zu Schülern. Damit kommt Lebendigkeit in die Welt; wird
sozusagen Gott in die Welt übersetzt.


Mich interessiert die Bewegung zum Herzen. Das Wort, das
ich höre, nimmt in meinem Körper seinen Lauf. Solange es
nur zwischen den Ohren bleibt, kann es in mir keine Wurzeln
schlagen. Erst wenn das Wort weiter hinab sinkt, entfaltet es
die Wirkung, für die es ausgesendet worden ist. Es bannt die
Angst und zeigt mir den Weg in die Freiheit.
Dort, im Herzen, bewege ich es hin und her, so wie Maria
das Wort der Engel bewegt hat, von dem die Hirten erzählt
haben. Sie hat es ausgekostet. Wieder und wieder gekaut, bis
es sie genährt und stark gemacht hat.

Von: Chatrina Gaudenz und Lars Syring

28. Mai

Philippus lief hin und hörte, wie der Mann laut aus dem
Buch des Propheten Jesaja las. Er fragte ihn: «Verstehst
du denn, was du da liest?» Der Äthiopier sagte: «Wie
kann ich es verstehen, wenn mir niemand hilft!» Und er
forderte Philippus auf, zu ihm in den Wagen zu steigen.

Apostelgeschichte 8,30–31

Setz dich zu mir und erkläre mir, so die Aufforderung des
Äthiopiers. Wie schön, wenn jemand hört, dass ich Hilfe
brauche. Wie schön, wenn mir jemand zuhört, sich neben
mich setzt und sich Zeit nimmt, mir zu helfen, wo ich nicht
weiterkomme. Philippus hat Augen und Ohren offengehalten
und erkannt, dass jemand Hilfe braucht.
In der Bibel finden wir verschiedene Texte, die zum Hören
auffordern. Und viele Gebete beginnen mit der Bitte, dass
Gott höre (Psalm 17,6). Den Menschen öffnet Gott selbst das
Ohr (Jesaja 50,5). Ein bekannter Kanon weist darauf hin, dass
hören schweigen bedingt. Schweige und höre, neige deines
Herzens Ohr, suche den Frieden.
Hören, vor allem das Hören mit dem Herzen, das auch in
der Stille hört, ist für unser Leben zentral. Damit dies möglich
wird, müssen wir von der eigenen Selbstbezogenheit
Abstand nehmen und uns aufmerksam dem zuwenden, was
uns begegnet. So hört das Ohr des Herzens, was mich im
Alltag umgibt und was an mich herangetragen wird.
Hört, dann werdet ihr leben, sagt Gott zu Jesaja (Jesaja 55,3).

Von: Monika Britt

27. Mai

Ich bitte euch nun, liebe Brüder und Schwestern, bei
der Barmherzigkeit Gottes: Bringt euren Leib dar als
lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Opfer – dies sei
euer vernünftiger Gottesdienst!
Römer 12,1

Niemand will heute gerne ein Opfer sein. Das Schimpfwort
«du Opfer» meint im Strassenjargon Personen, die sich
nicht ausreichend wehren können.
Aber auch das Verständnis für das theologische Konzept
des Opfers ist mir in den letzten Jahren verloren gegangen.
Im Englischen – abgeleitet vom Lateinischen – wird zwischen
sacrifice / offering und victim unterschieden.
Wenn ich «Opfer» hier durch «Hingabe» ersetze, dann
kann ich diesem Ratschlag des Paulus etwas abgewinnen.
Sehr beeindruckt hat mich ein ökumenischer Freund, der
seine todkranke Frau mit Hingabe pflegte. Er meinte, «die
tägliche Körperpflege meiner Frau ist für mich wie ein Gebet,
eine Hingabe an Gott.»
Dem Engagement und der Leidenschaft verwandt, ist die
Hingabe weniger eine Anstrengung um jeden Preis, sondern
mehr ein Mich-Zuwenden, Mich-Öffnen und Anbieten.
Das ist für mich eine spirituelle Übung, die den Körper
nicht nur als «protestantischen Dienstleib» (Elisabeth
Moltmann-Wendel) versteht, sondern mir hilft, eine positive
Beziehung zu meiner Geschöpflichkeit zu finden. Mein
Leib ein Tempel!
Das schliesst eine lustvolle Beziehung zu Gott ein.

Von: Barbara Heyse-Schaefer

26. Mai

HERR, du siehst es ja, denn du schaust das Elend
und den Jammer; es steht in deinen Händen.
Psalm 10,14

Vielleicht haben Sie das schon erlebt: Eine Nachbarin, ein
Kollege, ein Verwandter kann Sie nicht leiden. Was immer
Sie machen, er oder sie findet einen Fehler, unterstellt Ihnen
unrichtiges Handeln. Sie sind sich keiner bösen Absicht
bewusst. Aber was immer Sie tun, Sie fürchten sich schon
vor seiner oder ihrer Reaktion. Sie sind verunsichert. Schliesslich
passieren Ihnen tatsächlich Fehler …
Der Beter/die Beterin des 10. Psalms scheint so jemanden
zu kennen. Eine Person, die ihm oder ihr nachstellt, wie ein
Löwe auflauert und schlecht über ihn oder sie spricht.
Wie sich wehren? Wie sich rechtfertigen? Wem kann ich
davon erzählen? Wie komme ich aus dem Teufelskreis heraus,
der mich zur Revanche verführen will? Tausend Gedanken
in meinem Kopf!
Der Beter/die Beterin des Psalms verlässt sich auf Gott: Du
siehst es ja! Du siehst das ganze Schlamassel, diese unangenehme
Situation, in der ich mich befinde.
Welchen besseren Ort könnte es geben als deine Hände,
Gott? Hier ist all die Ungerechtigkeit, die ich erfahre, aufgeschrieben
und festgehalten. Ich kann sie dort lassen!

Von: Barbara Heyse-Schaefer

25. Mai

Paulus schreibt: Ich bin der geringste unter den
Aposteln, der ich nicht wert bin, dass ich ein Apostel
heisse, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe.
Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin.
Und seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen.
1. Korinther 15,9-10

Es ist ihm eingefahren,
er ist untröstlich, dass er
die Christen verfolgt hat.
Wir kennen das doch:
Manchmal liegen wir falsch.
Wie mies muss es Paulus
gegangen sein, als es ihm
bewusst geworden ist,
dass er sich geirrt hat.


Denn er ist Christus begegnet –
für ihn wahrhaftig eine Zeitenwende.
Wie erfüllt muss er gewesen sein
nach dieser Begegnung.
Das Erschrecken über seinen Irrtum
und die Erfahrung von Gnade,
von Angenommensein,
haben ihn wohl zeitlebens angetrieben.
Er ist ein Mann mit einer Mission.
Glaubwürdig.

Von: Heidi Berner

24. Mai

Das sei ferne von uns, dass wir den HERRN verlassen!
Josua 24,16

Wir doch nicht!
Auf uns ist Verlass.
Komme, was wolle.
Wir sind standhaft.
Wir halten dir die Stange.
Wir sind treu. Wir bleiben.


Manchmal kommt alles anders.
Ganz anders.
Dann zeigt es sich,
wie standhaft wir sind. Wie treu.
Ach, es ist ja so menschlich,
zu versagen, untreu zu werden.


Daran will ich mich halten:
Ich scheue mich
immer ein wenig,
dich mit Namen, Begriffen
dingfest zu machen
– Gott, Lebendige, Ewiger –
mein Du, unser Du!
Du bist die Kraft, die uns
leben und lieben lässt.
Lass du uns nicht los. Nie.

Von: Heidi Berner