Kategorie: Texte

20. Februar

Der HERR sprach zu Elia: Ich will übrig lassen
siebentausend in Israel, alle Knie, die sich nicht
gebeugt haben vor Baal.
1. Könige 19,18

Ort des Geschehens ist der Berg Horeb. Elia steht, wo Moses Jahre zuvor die Zehn Gebote empfangen hat, und als Gott sich weder im Sturm noch im Beben noch im Feuer verlauten lässt, hört Elia «die Stimme verschwebenden Schweigens» (Martin Buber). Danach redet Gott Tacheles mit seinem Propheten. Er beschliesst, einen heiligen Rest am Leben zu lassen. Wer weiter Baal anbetet, findet keine Gnade. Das ist echt gruselig! Unter interreligiösem Dialog stellen wir uns etwas anderes vor. Aber mit Blick auf die Geschichte war das Orakel nur konsequent. Bevor Elia zum Horeb kam, machte Gott auf einem anderen Berg mit den Baalspriestern kurzen Prozess. Elia macht die Schmutzarbeit für Gott. Wenn das alles wäre, was wir über Gott und seinen Propheten wüssten, wäre es höchste Zeit, aufzustehen und die Knie durchzustrecken. Doch Gott sei Dank bleibt es nicht beim Gemetzel. Die Geschichte geht weiter und die Religionspolitik Gottes ändert sich. Spätestens bei Jona, dem mürrischen Antipoden zu Elias, wird es offenbar. Ihm wird beschieden, er soll Ninive eine Gnadenfrist verkünden. Am Ende beugt sich Gottes Macht und neigt sich allen Menschen zu. Und wir? Wir sangen: «Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!»

Von: Ralph Kunz

19. Februar

Gross und wunderbar sind deine Werke, Herr,
allmächtiger Gott! Gerecht und wahrhaftig sind deine Wege, du König der Völker.
Offenbarung 15,3

Ist Gott ein König? Demokratiesensible Zeitgenossinnen und Zeitgenossen bekommen Gänsehaut. Monarchische Metaphern sind doch aus der Zeit gefallen! Wirklich?
Ein Blick in die Zeitung und sie schauen uns an: Könige noch und noch, meistens alte weisse Männer. Das Modell «König» ist nicht aus der Zeit gefallen, schön wär’s! Und schön wär’s, sagt auch der eingefleischte Demokrat, wenn es einen König der Völker gäbe, der gerecht und wahrhaftig regieren würde. Leider sehen wir nicht viel davon, leider bleibt die Wunschherrschaft im Konjunktiv. Oder vielleicht besser ein Optativ? So lese ich jedenfalls diese Losung aus der Offenbarung am Ende der Bibel. «Ach, wenn es doch nur käme, dieses Reich des Friedens!»
Johannes, der Seher, schaut Dinge, die wir uns nicht wünschen – wir nennen sie «apokalyptisch» und fürchten, wenn wir Zeitung lesen, dass die Apokalypse begonnen hat. Aber der Seher sieht auch Dinge, von denen wir uns sehnlichst wünschen, dass sie in die Zeit fallen. Dazu gehört die Königsherrschaft Christi. Auch sie ist schon gekommen und soll noch kommen. Sie ist im Anbruch und wir sind mittendrin. Indikativ und Optativ. Es gibt Leute, die sagen, der Konjunktiv sei nicht zu überwinden.
Wirklich?

Von: Ralph Kunz

18. Februar

Da sprach sein Herr zu ihm: Recht so, du guter
und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen,
ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude!
Matthäus 25,21

Drei Knechten wird je ein unterschiedlich grosser Geldbetrag anvertraut, «jedem nach seinen Kräften» – so das Gleichnis. Damit sollen sie während der Abwesenheit des Herrn arbeiten. Knecht eins und zwei verdoppeln den Betrag und werden vom Herrn dafür gelobt – siehe oben. Der dritte Knecht verlocht das Geld, gibt es dem Meister vollständig (mit Erde dran) zurück und meint, er sei fein raus. Ist er nicht. Als «faul und bös» wird er getadelt und bestraft.
Ich blicke auf den vor mir liegenden Tag als «anvertrautes Gut». Was ist heute dran? Worauf lasse ich mich ein? Wem begegne ich? Wer hilft mir? Wem helfe ich? Wo bedarf es der Geduld? Gibt es Neues zu entdecken? Was muss sein heute, und was darf ich getrost beiseitelassen?
«Anvertraut» – da liegt Vertrauen drin. Mir wird das Leben zugetraut und zugemutet. Es anzunehmen, ist nicht ohne Risiko. Aber Verweigerung bringt mich nicht weiter.
Wie werde ich am Abend auf den Tag zurückschauen? Vielleicht mit diesem Abendlied von Günter Balmers:
Ein Tag ist vorüber, ein Tag meiner Zeit,
geliehene Stunden, begrenzt und doch weit
für Wünsche und Wagnis, für Handeln und Sein.
Hab Dank für den Tag, Herr, hab Dank, er war dein.

Von: Dorothee Degen-Zimmermann

17. Februar

So seid nun geduldig, Brüder und Schwestern, bis zum Kommen des Herrn. Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen. Jakobus 5,7

Winterspaziergang. In tiefen Lagen bleibt der Schnee klimawandelbedingt aus. Eintönig braun breiten sich die Felder vor mir aus. Sehnsucht nach dem Grün des Frühlings und dem Gold des Sommers steigt in mir auf. Je mehr wir etwas erwarten, desto ungeduldiger und ungehaltener werden wir. Die Zeit dehnt sich, und wir können fast nicht glauben, dass das so sehnsüchtig Erwartete eintritt, denke ich mir beim Anblick der nackten Ackerscholle.
Jakobus stellt seinen Zeitgenoss:innen, die auf das Kommen des Herrn warten, einen Bauern als Beispiel vor Augen. Er vertraut darauf: Der Frühregen und der Spätregen werden kommen, und dann ist die Zeit der Ernte da.
Es ist mehr als Geduld, die uns das Warten abverlangt. Es braucht auch Vertrauen. Das Vertrauen, dass der Regen kommt – er kommt nicht immer. Das Vertrauen, dass die Saat aufgeht und die Erde kostbare Frucht hervorbringt –
manchmal bleibt die Ernte aus. Es gehört zur Grunderfahrung von Bauern und Bäuerinnen, dass sie sich auf den Feldern mühen, es aber nicht in der Hand haben, dass ihre Anstrengungen Frucht bringen. Es ist eine Grunderfahrung, die wir heute gerne verdrängen: Wir haben nicht alles in der Hand und unter Kontrolle. Glaube heisst, sich dieser Grunderfahrung zu stellen. Und zu vertrauen.

Von: Maria Moser

16. Februar

Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen,
auf dass wir klug werden.
Psalm 90,12

Wovon ist hier eigentlich die Rede und was ist die Bitte des Beters an Gott? «Bedenken, dass ich sterben muss» – ich bin sterblich, habe eine begrenzte Lebenszeit und kenne nicht das Mass der mir zugedachten Tage. Seit meinem ersten Atemzug gilt: Ich muss sterben! Es kann morgen sein oder erst in fünfzig Jahren. So oder so: Ich werde nichts mitnehmen, werde nackt davongehen, wie ich einst gekommen bin. Wird mich das klug machen, dass ich nichts mitnehmen werde, weise im Umgang mit den Dingen, dem Geld, dem Besitz, der Gier nach Ansehen und Geltung? Vielleicht könnte anderen fehlen, was ich viel zu viel habe, verwahre, verwalte, horte und staple?
In seiner unnachahmlichen und launigen Weise formuliert es der Dichter Joseph von Eichendorff:
Schnapp Austern, Dukaten, musst dennoch sterben!
Dann tafeln die Maden und lachen die Erben.

«Bedenken, dass ich sterben muss» lässt mich ganz selbstverständlich begreifen: Ich bin begrenzt, als Sterblicher gemacht und geschaffen. Ich bin wertvoll, obwohl ich vieles nicht kann. Und: Ich bin trotzdem geliebt von Gott. Welch eine Freiheit, dass ich dies denken und annehmen kann.

Von: Carsten Marx

15. Februar

So bitten wir nun an Christi statt:
Lasst euch versöhnen mit Gott!
2. Korinther 5,20

Lasst euch versöhnen mit Gott! Das ist eine Bitte, das ist keine Forderung, das ist kein Befehl. Gott kommt und lädt uns an seinen Tisch. Im Abendmahl wird Versöhnung spürbar, sichtbar. Da stehen wir mit all den Scherben und Brüchen und werden entlastet und von Gott mit strahlenden, freundlichen Augen eingeladen. Da stehen wir – und Gott reicht uns die Hand und sagt: Es ist alles wieder in Ordnung. Du darfst weiterleben, getrost und unverzagt. Und wenn du scheiterst, dann darfst du neu anfangen. Da stehen wir und reichen uns die Hände am Abendmahlstisch, um uns miteinander zu versöhnen. Ja, wir sind gebeten von Gott, uns miteinander zu versöhnen zu lassen in der Gemeinde. Wir sind gebeten, hinauszugehen mit offenen Händen und anderen die Hände zu reichen.
Wir sind gebeten von Gott, einander neu in die Augen zu sehen, uns neu in den Arm zu nehmen. Wir sind gebeten von Gott, miteinander am Tisch zu sitzen und ein neues Kapitel aufzuschlagen: mit unseren Partnern, mit Kindern und Eltern, mit Nachbarn und Freunden. Aber auch mit den Fremden und denen, die nicht zu uns gehören. Auch mit denen, die anstrengend sind oder die uns nerven.
Nicht nur heute sind wir von Gott gebeten, auch morgen genauso und immer wieder.

Von: Carsten Marx

14. Februar

Was bin ich? Was ist mein Volk, dass wir freiwillig so viel zu geben vermochten? Von dir ist alles gekommen, und von deiner Hand haben wir dir’s gegeben. 1. Chronik 29,14

Es ist David, der hier voller Staunen darüber ist, dass er und seine Stammesfürsten beim Bau des Tempels so viel Ressourcen aus eigenen Mitteln zur Verfügung stellen. Ähnliches gilt für Kirchenbauten, die an vielen Orten dieser Welt aus den Mitteln der oft armen Gemeinde erstellt werden und Wunderbares zustande bringen. Auch dort, wie im Losungstext für den Tempelbau betont, gibt das Volk, die Gemeinde freiwillig, denn das Werk ist Ausdruck des Dankes für das, was im Leben empfangen wurde und nun in Teilen zurückfliesst in diesen Bau, zum Lob Gottes und zur Versammlung seiner Gemeinde. David betont, dass wir Empfänger von Gaben aus Gottes Hand sind. Beim Betrachten unserer Fähigkeiten, unserer Kreativität, unserer finanziellen Möglichkeiten, unseres Lebensstandards – jedes Mal gilt, wie es in dem bekannten Lied zum Ausdruck kommt: «Alle guten Gaben, alles, was wir haben, kommt, oh Gott, von dir, drum dankt ihm, dankt.» Dieser Dank drückt sich in der freiwilligen Weitergabe des Empfangenen aus. Dass dabei so viel herauskommt, mag uns ebenso erstaunen wie David. Doch letztlich verweist es nur auf die Grosszügigkeit, mit der Gott uns die verschiedenen Gaben aus seiner Hand, zum Teilen mit unseren Mitmenschen, in unsere Hände gelegt hat.

Von: Gert Rüppell

13. Februar

Der HERR spricht:
Entweiht nicht meinen heiligen Namen.
3. Mose 22,32

Diese Aufforderung geht weiter: «damit ich inmitten der Israeliten geheiligt werde; ich bin der HERR, der euch heiligt», und verweist auf zwei Dinge. Zum einen auf Mose am Dornbusch. Dort wurde deutlich, wie heilig der Name Gottes ist. So heilig, so unaussprechbar, dass er in der jüdischen Tradition stets mit HERR (Adonai) umschrieben wird. Weiter verweist der Text darauf, dass wir keinen Ort, keinen Platz heilig nennen, sondern nur Gott allein. Dieser Gott, der ganz Andere, soll, so die Losung, nicht durch Worte, Taten, Werke entweiht werden. Denn wir, die «Gemeinde der Heiligen», wie wir sie im Bekenntnis nennen, sind allein existent durch unsere Verbindung mit Gott, dem Allheiligen. Gott will sein Volk, das ihn heiligt, an seiner Heiligkeit Anteil haben lassen. Hier verortet sich Jesu Bitte im Vaterunser: «Dein Name werde geheiligt.» Das verweist auf die Besonderheit der Beziehung zwischen uns und Gott.
Die Gemeinde steht in geweihter, geheiligter Beziehung, wenn sie Gott die Ehre gibt. In ihr will Gott geheiligt werden. Diese Kraft der Fürsorge betont zugleich, dass sie an uns ihr heiligendes Werk vollziehen will. «Ich bin der HERR, der euch heiligt.»
Solches Wissen kann ein beruhigendes Gefühl der Geborgenheit auslösen, wie ein geweihter Raum, wo wir uns dem Gespräch mit jenem Allheiligen widmen können, dem wir durch die Taufe geweiht sind.

Von: Gert Rüppell

12. Februar

Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum HERRN; denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s euch auch wohl. Jeremia 29,7

Die Israeliten in der Verbannung, im fremden Land, in feindlicher Umgebung, wo ihnen das Singen vergangen ist, wie wir im 137. Psalm lesen: Das ist – hierzulande – nicht die Situation von Christinnen und Christen, aber die Erosion der Volkskirchen hat dazu geführt, dass die Umgebung zwar nicht gerade feindlich, aber doch fremd geworden ist. Die Distanz wächst, und es mag sich anbieten, sich in dieser Distanz einzurichten, Indifferenz mit Indifferenz zu beantworten. Dass dies nicht sein soll, ist wohl heute Konsens, und der gesellschaftliche Auftrag der Kirchen ist den meisten bewusst. Glaube ist politisch.
Das Prophetenwort führt aber noch weiter. Für die Israeliten war es ein neuer Gedanke: Der «Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs» sollte nun für Fremde zuständig sein, für deren Wohl sollten sie zu ihm beten. Diese Zuständigkeit Gottes über sein Volk – und jetzt über Kirche und Christentum – hinaus gilt es durchaus zu bedenken. Gott ist kein Partikulargott. Sein Wort kann der ganzen Welt den Weg weisen, auch wenn die Welt es gar nicht als solches erkennt. Martin Luther hat diesen Gedanken im «politischen Gebrauch» der göttlichen Gebote formuliert: Sie stellen eine Grundordnung für alle Menschen dar, weil Gott der Gott aller Menschen ist.

Von: Andreas Marti

11. Februar

Mein Geist soll unter euch bleiben.
Fürchtet euch nicht!
Haggai 2,5

Gott spricht vom Geist – grammatikalisch – in der dritten Person. Soll das eine Art Vorstufe zur Trinität sein? Gilt nicht vielmehr das johanneische «Gott ist Geist», der Geist ist Gott selber? Da kommt die Person-Vorstellung an ihre Grenze, wird vielleicht gar untauglich, weil sie zu nahe an menschlichen Begriffen liegt. Freilich ist auch «Gott» schon bildhafte Rede, aber anders geht es nicht. Unsere Sprache erreicht jene Dimension der Wirklichkeit, die wir «Gott» nennen, schlechterdings nicht. Diese Wirklichkeit umgreift, erfüllt, durchdringt alles, was ist. «Geist» bedeutet die Gegenwart Gottes. Sie bleibt unter uns, auch in Zeiten, wo wir sie nicht wahrnehmen. Sie ist trotzdem da und wirkt. Das können wir uns sagen lassen als Mittel gegen die Furcht, gegen die Existenzangst.
Als Christinnen und Christen sehen wir in Christus eine besondere, eine konkrete Weise der Gegenwart Gottes. Wenn er in der johanneischen Abschiedsrede den Geist ankündigt, der an die Stelle seiner leiblichen Anwesenheit tritt, bekommt dieser Geist noch einmal eine klarere Bedeutung, ist die Gegenwart Christi unter uns. Jesu Verheissung «Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt» gibt dem alttestamentlichen Prophetenwort eine neue Füllung, schärft seine Kontur und lässt es in neuem Licht erscheinen.

Von: Andreas Marti