Kategorie: Texte

23. Mai

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein
grosses Licht, und über denen, die da wohnen im
finstern Lande, scheint es hell.
Jesaja 9,1

In der Bibel ist «Volk» der Begriff für das Kollektiv schlechthin
und eine politische Grösse. Jeder Mensch gehört zu
einem Volk und Völker bewohnen die Erde. So viel hat sich
seit der Antike gar nicht geändert. Es ist bis heute so. Ich
lese die Losung und frage mich: Gibt es ein Volk, das nicht
im Dunkeln tappt? Einmal abgesehen von den Appenzellern
und den Ostfriesen fällt mir keines ein … Genau, wir machen
Witze übereinander und das ist durchaus erhellend. Solange
es beim geschwisterlichen Necken bleibt, verstehen wir uns,
solange wir Verschiedenheit als Reichtum erfahren, sehen
wir Licht und solange die Völker miteinander feiern, scheint
es hell.
Wenn ich Zeitung lese, sieht es finster aus. Die einen Völker
rüsten auf, um sich gegen andere Völker zu wappnen. Sorry,
wenn ich Ihnen den Tag verderbe – aber ich finde es zurzeit
ziemlich düster. Wir nennen uns aufgeklärt, spotten über
unsere unterbelichteten Vorfahren und wandeln selbst im
Finstern. Wir beherrschen die Kunst der Lichtverschmutzung
und leben in rabenschwarzen Zeiten. Wenn das alles
wäre, was wir zur Zukunft sagen können, dann gute Nacht.
Darum lese ich Zeitung und dann noch einmal diese
Losung. Damit die Nacht zum Tag wird.

Von: Ralph Kunz

22. Mai

Jesus Christus selbst ist die Versöhnung für
unsre Sünden, nicht allein aber für die unseren,
sondern auch für die der ganzen Welt.
1. Johannes 2,2

Versöhnung ist das zentrale und wiederkehrende Motiv
in der Heilsgeschichte. Im Alten Testament ist es mit Jom
Kippur verknüpft (Leviticus 23,27–32). Das ist ein Sabbat
Sabbaton, das heisst ein höchster Feiertag, so etwas wie
ein geistlicher Frühlingsputz. Einmal jährlich wird Sühne
für ganz Israel gewährt. Es gehört zum Programm der Heiligung,
dass das Volk mit Gott im Reinen sein muss, um
Gottesdienst feiern zu können. Jede Einzelne soll ihre, jeder
Einzelne seine Verfehlungen bereuen und umkehren. Versöhnung
setzt einen neuen Anfang und macht möglich,
dass die Leben gewährende Gottesnähe wieder erfahren
wird. Für diese heilsame Reinigung hat die Bibel viele Bilder:
dass Gott die Last abnimmt, das Lösegeld zahlt, die Blösse
bedeckt oder das Herz erneuert. Und was hat das mit Jesus
Christus zu tun?
Der Kreuzestod von Jesus wurde in den christlichen
Gemeinden als universaler Jom Kippur gedeutet. Wir singen
davon beim Abendmahl: «Christe, Du Lamm Gottes,
der Du trägst die Sünd’ der Welt». Mit Jesus ist nichts Neues
gekommen – aber die Gabe der Erneuerung radikal erweitert
worden! Durch ihn wird die ganze Welt versöhnt. Können
wir das je verstehen? Dass der Kosmos schon geheilt, geheiligt,
gewürdigt, gesegnet und geliebt ist?

Von: Ralph Kunz

21. Mai

Ich, der HERR, behüte den Weinberg und begiesse
ihn immer wieder. Damit man ihn nicht verderbe,
will ich ihn Tag und Nacht behüten.
Jesaja 27,3

Zuvor spricht der Prophet vom Leviathan, der Verkörperung
des lebensfeindlichen Chaos. Ihn wird beim Gericht
das Schwert treffen. Und nach dem Gericht wird Israel ein
lebendiger Weinberg sein. Die Welt, in der wir leben, ist aus
den Fugen geraten. Wir beten um Gottes Präsenz in dieser
chaotischen Welt, bitten um Heilung, um Gerechtigkeit,
Frieden. Ja, wir bitten Gott, die Lebendige, doch einzugreifen.
Die Vision eines Weinbergs, den die Lebendige selber
hütet, die Reben begiesst, den Weisen einen klaren Verstand
geben möchte, leitet uns in unserer Ohnmacht. Aber da ist
dieses Gericht. Es will einfach nicht in meine Gedankenwelt
passen, das Schwert schon gar nicht. Denn meine Vision von
Heilung und Versöhnung ist ja nicht nur von der Vision des
Propheten getragen, sondern auch vom Glauben an die Auferstehung
Jesu, an die Auferstehung, die den Tod überwunden
hat. Ich spüre stark, dass genau dieser Glaube gestärkt
werden muss, gehegt und gepflegt. Kann ich das allein?
Oder kann ich es, wenn ich zusammen mit anderen Menschen
bete? Kann ich es, wenn ich mich verbunden weiss mit
Schwestern und Brüdern aus der weltweiten Kirche?
Schenke du uns den Glauben an das Leben.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

20. Mai

So spricht der HERR: Der Himmel ist mein Thron
und die Erde der Schemel meiner Füsse! Was ist denn
das für ein Haus, das ihr mir bauen könntet?
Jesaja 66,1

Beim Schemel bleibe ich hängen: Meine Grossmutter stellte
ihre Füsse beim Stricken auf einen Schemel, ich sass vis-à-
vis und strickte auch. Sie erzählte, ich hörte ihr gespannt zu –
und ich wartete auf ein Feedback. Das Bild mit dem Himmel
als Thron und der Erde als Schemel ist das Bild für Gott bei
den Menschen. Er braucht keinen speziellen Tempel, sondern
einfach die Menschen. Gott will seine Ruhe finden an
der Stätte, wo er seine Füsse auf den Schemel stellt (Vers 1).
So blickt er auf «diejenigen, die zerschlagenen Herzens sind
und vor seinem Wort zittern» (Vers 2). Das sind jene, die
besonders auf das «Feedback» Gottes, der Lebendigen,
angewiesen sind. Denn sie werden wegen ihres Gottes verstossen.
Aber diese, so der Kommentar, sind besonders im
Tempel zu Hause. Zeit also, auszubrechen aus den Mauern
des Tempels und Gott bei den Menschen zu suchen und
so der Lebendigen zu begegnen. Ich weiss nicht genau, wer
heute zu den Verstossenen zählt. Wichtiger scheint mir, dass
ich versuche, dazu beizutragen, die Hoffnung in das Handeln
der Lebendigen zu pflegen, und davon Kraft erhalte, um
mich einzusetzen für Gerechtigkeit und Frieden. Da sind
wir alle gemeint. Und da kann ich auch getrost hie und da
meine Füsse auf einen Schemel stellen, denn nicht nur Gott,
sondern auch wir sollen zur Ruhe kommen.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

19. Mai

Es ströme das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit
wie ein nie versiegender Bach.
Amos 5,24

Recht und Gerechtigkeit sollen doch für alle Zeiten in Stein
gemeisselt sein, damit man im Streitfall festen Boden unter
den Füssen hat und weiss, was gilt. Ich gebe zu, auch ich hege
dieses Vorurteil immer wieder.
Der Prophet Amos erkennt die grossen Ungerechtigkeiten
seiner Zeit ohne jegliche juristische Zusatzausbildung und
wählt zur Besserung eine eigenwillige Metapher. Ich verlasse
also die Komfortzone meiner Vorurteile und tauche in sein
flüssiges Sprachbild ein. Für den erprobten Schafzüchter sind
Quellen und Bäche überlebenswichtig. Harten, staubigen
Grund meidet er mit seiner Herde bestimmt weiträumig,
weil es dort nichts Fressbares gibt. Amos fasst also in einem
Vers zusammen, was sonst nur die Lektüre aller biblischen
Schriften, aufgezeichnet über mehr als tausend Jahre, offenbart:
Damit die Vorstellungen von Recht und Gerechtigkeit
geniessbar bleiben, damit sie wirklich Lebensmittel und
nahrhaftes Futter sind für Mensch und Tier, müssen sie im
Wandel der Zeiten immer wieder frisch diskutiert, bestritten,
geprüft und erneuert werden.
Unsere irdischen Vorstellungen von Recht und Gerechtigkeit
sind nicht für die Ewigkeit gemacht, sondern eine Herausforderung
für jede neue Generation. Glauben Sie das nicht?
Dann stellen Sie sich vor, wie Amos gestaunt hätte, wenn Sie
ihm erklärt hätten, was eine «Rentenversicherung» ist.

Von: Dörte Gebhard

18. Mai

Wenn ein Bruder oder eine Schwester nackt ist und
Mangel hat an täglicher Nahrung und jemand unter
euch spricht zu ihnen: Geht hin in Frieden, wärmt euch
und sättigt euch!, ihr gebt ihnen aber nicht, was der
Leib nötig hat – was hilft ihnen das?
Jakobus 2,15–16

Nichts. Das ist die ehrliche Antwort auf diese sehr rhetorische
Frage. Gar nichts. Es ist sogar kontraproduktiv für die
Geschwister und den Frieden, in dem sie gehen sollen. Aber
damit ging es erst richtig los! Die Geschichte der Christenheit
kam mit Jakobus’ anstrengender Fragerei erstaunlich in
die Gänge. Eine ernste Frage ist es, ob sich das Christentum
wegen der alltäglichen gelingenden Diakonie ausgebreitet
hat oder wegen der interessanten dogmatischen Auseinandersetzungen
über das Gottesbild an Synoden. «Historisch
betrachtet verdankt sich die Kirchenbürokratie den Armen
und den Heiden. Denn am historischen Ursprung aller Kirchenverwaltung
stehen zwei Bücher: die Armenlisten und
die Taufmatrikeln. Schon in der Mitte des 3. Jahrhunderts
versorgte die römische Kirche jeden Tag über 1500 Witwen
und Hilfsbedürftige.» (Stefan Heid, kath. Kirchenhistoriker
und Archäologe)
Hilfreich war es für die Geschwister und für den Frieden,
die eigenen Grenzen zu überschreiten und auch den notleidenden
Übernächsten zu helfen, unabhängig von Herkunft,
Religion, Geschlecht, Nationalität oder Alter. So entstanden
Beziehungen, friedliche und «leibhaftige», wo vorher gar
keine waren.

Von: Dörte Gebhard

17. Mai

Dann werden die, die den Willen Gottes getan haben,
fragen: Herr, wann kamst du als Fremder zu uns, und
wir nahmen dich auf? Dann wird der König antworten:
Ich versichere euch: Was ihr für einen meiner geringsten
Brüder oder eine meiner geringsten Schwestern getan
habt, das habt ihr für mich getan.
Matthäus 25,37.38.40

Wir gehören alle zusammen. Menschen sind Menschen und
allen gebührt die gleiche Würde. Allen Lebewesen gebührt
die gleiche Liebe. Ja, alle Kreatur soll sich lieben auf diesem
Planeten, etwa so verstehe ich den Text. Mit einer vielleicht
kindlichen Brille («Wenn ihr nicht wie die Kinder werdet,
dann werdet ihr nie in das Reich Gottes kommen») kann
ich also annehmen, dass alles, was auf dieser Erde an Gutem
getan wird, allen zugutekommt, als wäre es ein einziges Lebewesen.
Und in der Umkehr bleibt also alles Schädliche oder
Leidige auch auf der Erde und bleibt in den Lebewesen bestehen.
Heute ist sich die Wissenschaft einig, dass Traumata
über Generationen weitergegeben werden können. Ist es
dann mit der kindlichen Brille so, dass all unsere netten und
guten Taten dieser Erde und ihren Bewohnenden auch in die
DNA eingepflanzt respektive mitgegeben werden? Zu hoffen
ist es auf jeden Fall, denn so lese und verstehe ich den Lehrtext
von heute. Alle gehören in Christus zusammen. Auch
die Geringsten, die Blöden, die Dummen, die Scheinheiligen,
die Hinterlistigen, die …
Amen!

Von: Markus Bürki

16. Mai

Als sie aber satt waren, spricht Jesus zu seinen Jüngern:
Sammelt die übrigen Brocken, damit nichts umkommt.
Da sammelten sie und füllten zwölf Körbe mit Brocken
von den fünf Gerstenbroten, die denen übrig blieben,
die gespeist worden waren.
Johannes 6,12–13

«Aber das ist doch gar nicht möglich», höre ich meine Religionsschülerinnen
sagen. «Ja, wenn du das einfach so eins
zu eins liest, dann ist das vielleicht nicht möglich, aber bei
Gott ist doch alles möglich, oder nicht?», sage ich dann wohl
als mögliche Antwort. Die Diskussion ist lanciert und es gibt
bestimmt eine spannende Lektion in der Schule.
Aber wie verstehe ich den Text denn eigentlich?
Für mich sind die Brocken an Brot, die da beschrieben
werden, kleine gute Taten der Liebe, die wir Menschen so
machen oder machen könnten. Sammeln wir alle kleinen
guten Taten der Liebe aller Menschen, so ergibt sich für alle
genug Liebe und es blieben zwölf Körbe oder Herzen übrig.
Es gibt für alle genug Liebe, wenn wir uns denn wirklich
bemühen. Wo klemmt es also? Jetzt wird es kompliziert;
einige Stichworte zum Weiterdenken: Macht, Männlichkeit,
Patriarchat, Geld, Egoismus, Gier, Voreingenommenheit,
Angst, Gruppendruck, dazugehören, alles immer auf eine
Karte setzen wollen, Überforderung in der aktuellen Situation,
zu viel Digitalisierung, zu wenig Ruhe und Stille, Panik
vor Religion und Spiritualität … was fehlt noch?
Amen!

Von: Markus Bürki

15. Mai

HERR, sei unser Arm alle Morgen, ja, unser Heil zur Zeit
der Trübsal!
Jesaja 33,2

«All Morgen ist ganz frisch und neu, des Herren Gnad’ und
grosse Treu. Sie hat kein End, den langen Tag, drauf jeder sich
verlassen mag.» Dieses wunderbare Lied aus dem Gesangbuch
gehört zu meinen Lieblingsliedern. Jeden Morgen, egal,
wie der gestrige Tag war, egal, wie die vergangene Nacht:
Gottes Gnade, sein Arm, an dem ich mich halten kann, ist da.
Frisch und frei kann ich aufstehen und einen neuen Anfang
machen. Ein neuer Tag liegt vor mir, an dem ich mich für
Gottes Gerechtigkeit einsetzen kann. Eine neue Chance zu
lernen, dass in Gott mein Heil liegt.


Ein Lied aus der Reformationszeit. Einer schwierigen, turbulenten
Zeit. Und auch da hofften Menschen jeden Morgen
und überliessen den kommenden Tag nicht der Verzweiflung.
Jesaja betet aus der Not zu Gott. Jerusalem ist belagert und
er schreit zum Himmel: «Herr, sei uns gnädig. Sei unser Beistand
jeden Morgen und unsere Hilfe in der Zeit der Not.»
Diesen Worten habe ich in unseren Tagen nichts beizufügen.
Ich wiederhole sie einfach laut vor mich hin. Einmal, zweimal,
dreimal.

Von: Lars Syring / Chatrina Gaudenz

14. Mai

Da sprach Jesus zu den Zwölfen:
Wollt ihr auch weggehen?
Johannes 6,67

Die Situation spitzt sich zu. Wer Jesus nachfolgen will, muss
sich entscheiden. Jesus hat im Johannesevangelium eine nicht
ganz einfache Rede gehalten. An deren Ende wenden sich
viele von ihm ab. «Das ist eine harte Rede, wer kann sie
hören?», fragen sogar die Jünger. Sie stehen vor der Entscheidung.
Weiter mit Jesus unterwegs sein? Oder zurück ins alte
Leben? Für Petrus, den Musterschüler, ist klar: «Herr, wohin
sollten wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens. Und
wir haben geglaubt und erkannt: Du bist der Heilige Gottes.»


Ich bedaure, dass uns die Evangelisten an keiner Stelle darüber
berichten, dass Jesus auch gelacht habe. Es würde ihm
so gut anstehen. Gerade auch an dieser Stelle. Mir scheint,
wer ihm nachfolgen will, darf annehmen, was er schenkt:
«Wie mich der Vater geliebt hat, so habe ich euch geliebt.
Bleibt in meiner Liebe! Das habe ich euch gesagt, damit
meine Freude in euch sei!» (Johannes 15,11) Wir haben sein
Wort und darin seine Gegenwart, uns geschenkt, damit seine
Freude in uns bleibe.

Von: Lars Syring und Chatrina Gaudenz